Samstag, 26. Oktober 2013

Der Wind des Wechsels

  Eigentlich hätte auch eine laienhafte Betrachtung von Johannes' Krankheitsbild Anflüge von Paranoia als durchaus angebracht erscheinen lassen. Wieso sie ihn nicht bei An- und Rückrufen aus der DDR befielen, bleibt ein Rätsel. Wäre sein Bewusstsein wirklich auf dem Weg zu einer multiplen Persönlichkeit gewesen, wäre das nur so zu verstehen, dass der nach Freundschaft und Harmonie lechzende Geist von Johannes pragmatisch davon ausging, dass, wer nichts zu verbergen habe, auch ohne Arg gegenüber Ausspähenden sein könne.
  Weitere drei Jahre, in denen sie sich wegen der Abstinenz von Johannes gegenüber sportlichen Großereignissen nur noch sporadisch sahen, telefonierten Ronny und er mindestens einmal im Monat ausführlich. Ronny hatte es mittlerweile zu einem „Studioleiter Sport“ beim DDR-Fernsehen gebracht. Johannes war trotz seines bedenklichen geistigen Zustandes auf seinem zweiten beruflichen Standbein als Medienberater in Organisationen vorgedrungen, die öffentlichkeitswirksam von Spitzenpolitikern und Wirtschaftsbossen beaufsichtigt wurden.
  Ronny Pietsch hatte bei der ersten Begegnung mit Johannes in Kolin zwanzig Jahre zuvor ausgesehen, als sei er gerade aus einem Gemälde des Biedermeier-Malers Philipp Otto Runge gestiegen. Sein puppenhaft ovales Gesicht wurde von zwei teakholzfarbenen Kulleraugen beherrscht und von dem damals als Antwort auf die westlichen Langhaar-Frisuren in der DDR so populären, halblangen Prinz-Eisenherz-Schnitt umkränzt.
  Bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft 1987 war Ronny allerdings bereits fast kahl. Unter seinen Augen hingen schwere, depressiv schwarze Tränensäcke. Und in seinen einst so gütigen Puppenaugen lieferten sich eine Warm- und eine Kaltfront unter Entladung heftiger Gewitterblitze eine atmosphärische Schlacht, als er aus ansonsten heiterem Himmel seinen Überraschungsangriff auf Johannes startete:
  Johannes war gerade aus der  Sitzung eines Kuratoriums gekommen, dem unter anderem der damalige Bundespräsident und einige Spitzenvertreter des Sports sowie deutsche Industrie-, Wirtschafts- und Medien-Tycoons beigewohnt hatten. Nun wartete die Presse auf Statements. Dabei hielt sich Johannes wie immer im Hintergrund und sorgte nur dafür, dass jeder mit seinen Fragen oder Aussagen zum Zuge kam. Ronny war ungewöhnlich nah an ihn herangetreten und raunte ihm zu:
  "Mit deinen Kontakten solltest du wirklich etwas tun, was die beiden souveränen deutschen Staaten in diesen Zeiten des Umbruchs auf eine zentrale Rolle in Europa und der Welt vorbereitet."
  "Was soll denn bei euch souverän sein - das Breitband-Doping?
  "Mach dich nur lustig, aber die DDR ist der Schlüssel zur Harmonisierung. Meine Vorgesetzten würden gerne einen Medien-Beratungsvertrag mit dir abschließen. Du machst für unsere Seite genau das, was du hier auch tust. Hältst dich im Hintergrund, analysierst und gewichtest Quellen, informierst über Trends und Wandel im Denken und kassierst auf die Schnelle zweitausend im Monat steuerfrei."
  Kurioser Weise war die erste innere Reaktion bei Johannes nicht Empörung, sondern eine absolute Fassungslosigkeit über die Spießigkeit dieses Angebots. Zwar war der Begriff des IM, des informellen Mitarbeiters der Staatssicherheit, im Hüben noch nicht so momentan wie später durch das Wirken der Gauck/Birthler-Behörde, aber Johannes wusste genau, was diese Offerte bedeutete. Er wollte fast nicht glauben, dass jemand, der ernsthaft nachrichtendienstlich tätig war, überhaupt annehmen konnte, er sei bestechlich oder zum Landesverrat bereit, und wenn, „für eine vergleichsweise derart lächerliche Summe“?!
  Er drehte sich abrupt zu Pietsch um, maß ihm mit einem Blick, von dem er wusste, dass er bisweilen eine Temperatur von minus zwanzig Grad auslösen konnte, packte seinen DDR-Kollegen hart am Ellenbogen und führte ihn einem der Staatssekretäre im Tross eines bayerischen Ministers zu.
  "Das ist mein DDR-Kollege Ronny Pietsch. Er hat ein paar interessante Ideen zur Harmonisierung des Miteinanders zweier souveräner Deutscher Staaten."
  Sprach's und ging wieder. Das letzte, was er jemals von seinem einstigen Handball-Kameraden in natura sah und hörte, war ein hilfloses Gestammel, das aus einem welken Puppengesicht in purpurroter Farbe bröckelte...

  Dann überschlugen sich die Ereignisse wieder einmal im Monatsrhythmus. Michail Gorbatschow betrat die Weltbühne, prägte Begriffe wie Glasnost und Perestroika, und gab ein paar Statements ab, die in der Übersetzung in westliche Sprachen mehr nach Manifest klangen, als die Russen, aber vor allem auch die des Russischen mächtige Altherren-Garde der DDR-Spitze, sie verstehen wollten.
  Im Sommer 1989 fragte ein Menschenrechtsanwalt aus der Münchner Nachbarschaft bei Johannes an, ob er eine vierköpfige Familie aus Weimar in seinem Haus unterbringen könnte, so lange die Familie Goerz doch auf Auslandsurlaub sei und ihr Haus leer stünde.
  Dann standen sie auch schon vor der Tür. Zwei semmelblonde Teens, Junge und Mädchen, sowie ihre Eltern, ein noch junges Lehrer-Ehepaar, das den Ungarn-Urlaub und die neue Löchrigkeit des einst eisernen Vorhangs voller Ungeduld zur Vorteilswahrung vor der Wende genutzt hatte. Tadellose Hüter des Hauses, die den Goerzschen Lebensstandard bald schon für normal und ihnen zustehend betrachteten und die prompt wegen des guten Betragens an die Schwägerin Batja mit ihrer riesigen Altbauwohnung weiterempfohlen wurden. Dort allerdings übernahmen sie bereits zügig das Kommando, breiteten sich aus und wichen erst - und dann auch nur recht zögernd - aus diesem gratis Hotelbetrieb, als alle, die ihnen bis dato schon Obdach gewährt hatten, für sie in verzweifelter Gemeinschaftsarbeit einen Job samt Wohnung in Regensburg gefunden hatten. Keiner - auch der rührige Menschenrechtler nicht - hörte jemals wieder etwas von dieser Familie. Im Trubel nach Genschers Balkonrede in Prag, nach Schabowskis zerstreuter Aufhebung der allgemeinen Ausreisesperre am 9. November 1989 und im Wettbewerb mit den anderen Umsiedlern, die nun in die BRD strömten, war vielleicht auch keine Zeit mehr, - schlicht Danke zu sagen.   
  Johannes ließ sich von der Euphorie, die den Jahreswechsel zum neuen Jahrzehnt prägte, durchaus mitreißen, auch wenn er in einem anderen Krieg eine Schlacht nach der anderen verlor, was eine komplett neue Existenzgründung von ihm verlangte.
  Im Zuge der Liberalisierung bei der Gründung von privaten Rundfunk- und Fernsehsendern waren in den letzten Jahren immer mehr Werbegelder in diese neuen Medien geflossen und schnürten kleinen Zeitungen und Zeitschriften die Lebensfähigkeit ab. Die von seinem Büro betreuten Titel verschwanden vom Markt oder wurden von Großverlagen geschluckt. Aber die neuen Medien brauchten Sende-Inhalte, und so landeten sie schneller beim Sport, als die Treuhandanstalt den Ausverkauf volkseigener Liegenschaften betreiben konnte. Hier war die Wiedervereinigung ein Dorado, denn ohne Medaillenregen kein Geldsegen, und da war im wahrsten Sinne des Wortes jedes Mittel recht. Das hatte Johannes gleich erkannt.
  Er kam dabei aus dem Staunen nicht heraus. Offenbar mit Unterstützung von ganz oben fanden sich auf einmal die einst von hüben bis aufs Messer sportpolitisch bekämpften Feinde, die im „staatssicheren Blau“ an der Tartanbahn, im Schnee oder am Beckenrand gestanden hatten, in bundeswichtigen Spitzenfunktionen des Sports wieder und sorgten ab Albertville und Barcelona für Medaillenrausch und Übertragungsmillionen durchs Fernsehen. Irgendwo in der Gauck-Behörde musste eine Art Bermuda-Dreieck für das Verschwinden von sportbezogenen Stasi-Akten gesorgt haben. Oder waren sie nur gut versteckt? Denn noch heute werden meist nur kleine Proforma-Opfer  öffentlich geschlachtet, um investigativen Arbeitsnachweis zu liefern.
  Dabei waren schon Anfang der 90er mutigere Kollegen als Johannes auf erstaunliche Differenzen zwischen den gehabten persönlichen Wahrnehmungen und dem makellosen Auftritt neudeutscher Sportmacher gestoßen. Aber sie wurden nieder gejubelt, denn Großdeutschland - wie es von den ausländischen Sportberichterstattern nun auch gerne genannt wurde - erklomm ja in nahezu allen Bereichen und Events Spitzenränge bei den Medaillenspiegeln. Was macht der brave Sportjournalist lieber als im Dopingsumpf zu gründeln? - Er schreibt über vermarktungsfähige Helden. Goldschreiben war längst Geldschreiben geworden.
  Johannes war da keine Ausnahme. Ganz im Gegenteil! Um überleben zu können, war er an mancher Generalreinigung sogar selbst beteiligt. Er tröstete sich mit der zweifelhaften Metapher, dass er in diesem Wind des Wechsels ja nur ein ganz kleines Blättchen gewesen und mal hier- und mal dahin geweht worden sei.
  Beim Golfspielen - ja man spielte jetzt ultimativ Golf in deutschdeutschen Management-Kreisen - wurde ihm einmal ein Volkswirt im Flight zugelost, der beruflich die traurige Aufgabe hatte, rettenswerte DDR-Betriebe aus so gut wie aussichtsloser Position vor dem Ausschlachten zu retten. Dr. Christoph Kaltz tröstete Johannes bei der Pause nach dem  neunten Loch, bei der jener sein schlechtes Gewissen erleichtern wollte, indem er,  der Volks- und Betriebswirt von seinen Gegnern, den Anwälten rücksichtsloser Kaufinteressenten, berichtete. Die führen in Stuttgart, Frankfurt oder Düsseldorf mit 500er Mercedes am Flughafen vor, um in Leipzig, Dresden oder Rostock in einen Trabi oder Wartburg umgestiegen aufzukreuzen. - Um Volksnähe zu dokumentieren, die ihnen das Abzocken und Verwerten der Liegenschaften umso leichter machen sollte. Dr. Kaltz nannte sie „Eine-Mark-Anwälte“, weil sie mit Vorliebe symbolische Kaufpreise aushandelten; mit der Vorgabe sanieren zu wollen. In Wirklichkeit ging es eher darum,  potenzielle "blühende Landschaften" platt zu machen, um darauf ein weiteres Einkaufszentrum  hoch zu ziehen.
   Marianne Birthler war schon seit Oktober 2000 mehr als ein Jahr im Amt, als Johannes  endlich über sich und Ronny Pietsch Akten-Einsicht wagte. Aber das hätte er sich auf den ersten Eindruck sparen können. Über Pietsch, der inzwischen im "Neuen Osten" ebenso gehasster wie gefeierter Chefredakteur der gelber als gelben PLUSIllu geworden war, stand kein Wort in den Akten. Und was wirklich ein Witz war: Ein bereits ungestraft als IM und Doppelagent  enttarnter Kollege und einstiger Förderer von Johannes - mit einer auf Tennisball-Größe geschrumpften Leber und so gut wie blind - stand in dieser Wendehals-Gazette als Chefreporter mit einigen 70 immer noch im Impressum. Unbehelligt und geachtet statt geächtet erfand jener so hinreißende Titelgeschichten wie "Krokodil beißt Liebhaber aus dem Bett". Der Mann hieß Hark van Nytorf und hatte den Lebensweg von Johannes mehr als einmal gekreuzt.
  Es dauerte beinahe bis zum Ende von Johannes' zweitem Leben, um doch noch etwas Licht in die deutsch-deutsche Vergangenheit der beiden so ungleichen "Freunde" zu lassen. In einem der beiläufigen, früheren Gespräche, die Johannes im Rahmen seiner Recherchen mit einem einstigen Paniksyndrom-Therapie-Gefährten, dem Haupt-kommissar Peter Kühn vom LKA Bayern, führte, hatte  dieser einen weiblichen Daten-Nerd vom BKA erwähnt. Eine Deutschamerikanerin, die auf eigene Initiative eine Suchmaschine über Stasi-Opfer und -Mitarbeiter programmierte. Kühn vermittelte daher indirekt einen online-Chat zwischen den beiden.
  Ursel Odmeet, Ex-Hackerin, Ex-Pullach-Angestellte, Ex-Mitglied einer berüchtigten Gilde, jetzt erfolgreiche Daten-Freischaffende hinter den Screens der Republik räumte ein, dass sie ausgehend von der Gegenwart bislang nur bis 1980 gekommen sei. - Über die 70er könne sie noch so gut wie nichts herausfinden, und außerdem lebe sie im Erfolgsfall von ihren Recherchen; pro Aktentreffer 250 Euro. Johannes schrieb aus seinem immer noch funktionierenden Gedächtnis in Stichpunkten  eine E-Mail mit einer Zusammenfassung von seinen Treffen, Telefonaten, beruflichem und privatem Austausch seit Kolin - in der Hoffnung bei den frühen Kontakten ergäben sich Stichworte, die zu einem späteren Zeitpunkt zu Treffern führen könnten. Und so war es dann tatsächlich.
  Zehn Tage, nachdem  er Odmeet (draußen treffen? - kurioser Name für jemanden, den man nur im Internet kontaktieren konnte) zugesagt hatte, war Johannes 1.250 Euro ärmer, aber um einige traurige Erkenntnisse sowie einen äußerst spannenden Aspekt seines Lebens reicher.
  Zuerst wollte Johannes gar nicht glauben, dass es um ihn ging. Aber das geht vermutlich jedem so, der auf einmal einst als geheim eingestufte Akten über sich selbst zu lesen bekommt:
   „IM Kreisläufer“ war in Odmeets Suchmaschine hängen geblieben, weil Johannes in seinem Mail-Briefing erwähnt hatte, dass Pietsch von seiner Therapie gewusst hatte. Die schlecht zusammenpassenden Begriffe Handball und Therapie schafften den Durchbruch. Von da an erweiterte jeder ergänzende Suchbegriff die Wahrscheinlichkeit, dass aus „IM Kreisläufer“ seit 1984 „IM Therapeut“ geworden war, und unter den nicht wenigen, die Pietsch ausgeforscht hatte, traf nur ein Profil auf Johannes zu: Das trug den Decknamen "Janus".
  Janus, der römische Gott mit den zwei Gesichtern, der Gott der Tür, der Gott des Gestern und des Morgen, aber auch der Gott zwischen Frieden und Krieg.  Eigentlich hätte Johannes geschmeichelt sein müssen, wenn „IM Therapeut“ nicht jedes Detail ihrer Treffen weitergereicht und dabei das eindeutige  Bild einer schizoiden Persönlichkeit kolportiert hätte.
  Im Prinzip fand Johannes durchaus seine These bestätigt, dass, wer nichts zu verbergen hat, auch für Schnüffler nicht viel hergibt. Hatte er wirklich als junger Mensch eine derartige Masse an Belanglosigkeiten, Allgemeinplätzen und politisch gefärbten Seelenblähungen von sich gegeben - verquickt mit einem naiven Weltbild und meist recht zweifelhaften populistischen Interpretationen?
  Zwei Textdokumente erschütterten jedoch die eher süffisante Konsumation, die Johannes der "Sicht der anderen" bis dahin beimaß: Ein „IM Absolut“ hatte „IM Therapeut“ ein Treffen von Janus und "profilierten" Amerikanern auf den Bahamas gemeldet. „IM Absolut“ war in dem Bericht so nah dran wie das vierte Blatt am Glücksklee, und wer die Lieblings-Wodkamarke von seinem journalistischen Ziehvater und Gönner  kannte, der brauchte kein Markus Wolf zu sein, um zu erkennen, dass der real existierende journalistische Doppel-Agent einmal mehr zugeschlagen hatte. Und zwar in einer Weise die Janus einen nachrichtendienstlichen Wert zumaß, der nur einem verschlagenen Säuferhirn und Geschichtenerfinder entspringen konnte. Aber dadurch erhielt eine andere Passage ein ganz persönliches Gewicht für Johannes.
  „IM Therapeut“ hatte von ihrem "Versöhnungstreffen" in Sarajevo berichtet und eine persönliche Stellungnahme der nachrichtentechnischen Berichterstattung angehängt - was dem Verlauf der bisherigen Berichte nach ungewöhnlich war:
   Meiner Ansicht nach ist Janus in einer dramatischen seelischen Verfassung. Er hat mir ein Krankheitsbild geschildert, das Auffälligkeiten wie bei einer Behandlung mit X-10-Sion aufweist. Zeitlich könnte die Verabreichung mit einem in den Unterlagen erwähnten Aufenthalt auf Jamaika 1982 erfolgt sein. Die Wirkung hätte jetzt ihren Höhepunkt erreicht. Das hieße, Aussagen von Janus wären bis 1987 höchst zweifelhaft, weil nicht klar wird, welcher Persönlichkeit sie entsprechen...
  Mit unrhythmisch klopfendem Herzen und verkrampftem Pylorus wählte Johannes die Nummer von Peter Kühn. Er meldete sich gar nicht erst korrekt, weil er wusste, dass sein Freund nicht nur aufs Display schaute, sondern auch unheimlich schnell schaltete:
 "Was weißt du von X-10-Sion?"
Er sprach es, wie er es las, nämlich Icks Bindestrich Zehn Bindestrich Sion.
  "Hat die Odmeet also geliefert. Das kannst du nur aus Insider-Akten haben.
Es spricht sich aber bei Insidern Ixtenschon - also wie das englische Wort für Erweiterung. Das Sion steht für Sensual Interfearence On Neurons. Das X und die Zehn symbolisieren die Darreichungsform. Zehn Microliter der zehnten Konzentration. Da kannst du dir vorstellen, was für ein Teufelszeug das ist. Viel mehr weiß ich allerdings nicht. Das ganze ist ein wenig legendär. Angeblich ist es ein Devirat aus LSD und einer Essenz, die aus irgendeinem pflanzlichen Nervengift gewonnen wird. Während des Vietnamkrieges kam ein Ausgangspräparat zum Einsatz, das aber sofort wieder verschwand. Die Amis hatten es da aber schon an befreundete Dienste zum Experimentieren weitergegeben. Der Mossad soll es bei der Jagd auf den „Schwarzen September" in weiter entwickelter Form angewendet haben. Es steht zu befürchten, dass mittlerweile auch eine Reihe zwielichtiger Organisationen über das Zeug verfügt. Offiziell inoffiziell ist es aber ein "Excalibur". So werden bei uns nicht unbedingt wirklich wirksame Waffen bezeichnet, um die sich meist nur Legenden ranken, wie um das Schwert von König Artus eben. Wenn du verstehst, was ich meine. Soll ich mal für dich nachfragen?"
  "Bitte unbedingt. Mich interessieren vor allem Symptome nach der Anwendung - sofern sie bekannt sind."
Er las Kühn noch die Anmerkung von „IM Therapeut“ vor und verabschiedete sich dann mehr als beunruhigt. Die eigentlich austherapierte Angst stieg wieder die zugeschnürte Kehle hoch.
  Zwei Tage später vibrierte das Handy von Johannes in der Hemdbrusttasche und pfiff die vertraute Kennmelodie von Rififi. Auch Kühn meldete sich nicht mit seinem Namen oder einer Höflichkeitsfloskel, sondern fiel gleich mit der Tür ins Haus:
    "Ich habe jemanden für dich gefunden. War nicht einfach, als ich erzählte du wärst ein Schreiberling. Ist sehr misstrauisch der Mann. Er ruft dich um Punkt halb von einer Telefonszelle an. Erst lässt er es dreimal klingeln, bevor er auflegt, dann zweimal. Beim dritten Anruf gehst du gleich ran. Keine Namen! Keine verwertbaren Bezeichnungen! Du hast bei einem vierten Anruf Zeit für zwei Nachfragen rein persönlicher Natur, aber du solltest nichts Persönliches preisgeben."
  Genauso ging der unbekannte Anrufer vor. Er sprach manierliches Deutsch mit einem deutlich amerikanischen Akzent. Der war aber so operettenhaft, dass er auch Tarnung sein konnte:
  "Extension ist eine Weiterentwicklung von LSD. Die halluzinogene und kurzzeitige Wirkungsweise werden durch zwei Pilzgifte und spezielle irreversible MAO-Hemmer so verlängert, dass sie die Persönlichkeit des Anwenders für einen kontrollierbaren Zeitraum verändern sollte. Also bei Elite-Einheiten im Kampf das Bewusstsein in punkto Wachsamkeit und Vorahnung schärfte, aber auch den Mut zum Risiko erhöhte. Vorausgesetzt es wurde von den Betreffenden selbst unter Vorsichtsmaßnahmen bewusst eingesetzt. Ein paar böse Buben fingen aber sehr bald an, Extension ohne Wissen der Personen zu verabreichen. Durch Einritzen der Haut wie bei einer Polio-Impfung. Dann gerieten schon durch falsche Nahrungsaufnahme - Rohmilchkäse,  bestimmte Fischeiweiße, ja allein durch das Trinken von simplem Tüten-Kakao oder gut ausgebaute Weinen die Dinge bisweilen so außer Kontrolle, dass nicht nur die Gefahr von Schizophrenie bestand, sondern auch von Krebs- oder schweren Stoffwechsel-Erkrankungen. Ich hänge jetzt auf!"
Es läutete gleich wieder. Der Anrufer war vermutlich in einer Post oder an einem Bahnhof, wo er willkürlich von Telefon zu Telefon zu Telefon gehen konnte. Johannes hielt sich an die Anweisungen und stellte seine erste Frage sofort:
  "Gab es Fälle, in denen die Wirkungen sich psychotisch in Anfällen über sieben Jahre und mehr hinzogen?"
  "Ja."
  "Sind harmlosere Folgeschäden, Kammerflimmern und erweiterte Vorhöfe sowie ein metabolisches Syndrom."
  "Ja!  You're just a poor guy."
  Die dritte Frage sprach Johannes in ein Handy, das keine Verbindung mehr hatte. Keine persönlichen Dinge - hatte es ja geheißen.
  "Warum ich?"

  In diesem Moment nahm sich Johannes viel vor. Er wollte nun Dinge endlich zu Ende recherchieren. Ob das seine Schreibblockade beenden würde, war zwar fraglich, aber es saßen ja jetzt so viele exzellente Schreiber auf der Straße, die von neutraler Warte aus texten könnten.
  Gerade war ja auch wieder eine heftige Diskussion über Kurt Tucholskys Satz "Soldaten sind Mörder" entbrannt, weil deutsche Soldaten wieder mitmischten in global gelenkten und eben nicht virtuellen "Killer-Spielen". Ausgesandt von Politikern, die sich Beifall heischend gleichzeitig nicht zu blöd waren, der Jugend solch schändliches Tun am Computer zu verbieten. Johannes beschloss einmal mehr, dem Wesen des Tötens auf die Spur zu kommen.
  Erstaunlicher Weise empfand er gegenüber Pietsch und dessen „Chefreporter“ eher Mitleid und absolut kein Verlangen nach Vergeltung. Aber einen Schrecken wollte er ihnen schon einjagen, als  er die Leser-Hotline der PLUSIllu anrief, über die als neuste Geschmacklosigkeit "Alltagsreportagen" von selbst ernannten Leser-Reportern in denunzierendem Stil samt Handy-Fotos durchgegeben wurden:
  "Ich möchte nur Herrn Pietsch persönlich sprechen!"
  "Herr Pietsch ist in einer Konferenz, aber Sie können auch mir alles melden!"
  "Nehmen Sie bitte Ihren sicher bildschönen Kopf, stecken Sie ihn durch die Tür zum Konferenzsaal und sagen Sie Ihrem Chefredakteur und seinem Geschichten-Erfinder, der Gott mit den zwei Gesichtern stecke in der Leitung. Ich warte!"
  Die Leitung war nicht tot, sondern bimmelte blechern einen Song von „Tokio-Hotel“:
  "Pietsch."
  "Janus!"
  "Johannes?"
  "IM Therapeut alias IM Kreisläufer?"
  Für einen Moment genoss Johannes das seufzende  Einatmen. Dann legte er ohne Erwartung eines Rückrufes auf.

  Der Wind des Wechsels schien Johannes eher in eine endlose Flaute geführt zu haben.

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