Dienstag, 5. November 2013

Daffi und Sefi

   Für Johannes hatten David Fisher – genannt Daffi – und Joseph Hanegby, den sie Sefi riefen, nichts gemein. Außer vielleicht  die Tatsache, dass beide Israelis waren und auf - für ihr Alter - etwas albern klingende Kosenamen hörten. Da er sie aber zeitlich versetzt bei sehr unterschiedlichen Wüsten-Touren als Begleiter hatte, wäre er nie und nimmer auf die Idee gekommen, nach Zusammenhängen zu forschen.
   Es mussten 20 Jahre vergehen, und es bedurfte zweier, beinahe zeitgleicher Ereignisse, um eine merkwürdige Ahnung  auszulösen. Am Wochenende, nachdem er Hauptkommissar Kuhn von Karim erzählt hatte, fand er die Todesanzeige von Dr. Treiber in der Süddeutschen. Dr. Treiber war der einzige Mensch außer ihm selbst, der drei Jahre lang in die tiefsten Abgründe seiner Seele vorgedrungen war. Als überzeugter „Freudianer“ hatte er Johannes mit brutalster Hartnäckigkeit zum Aufschreiben und Zerfleddern seiner Träume gezwungen. Dr. Treiber allein hatte es Johannes zu verdanken, dass er nie mehr aufwachen konnte, ohne die Träume der vorangegangenen Nacht mühelos zu memorieren. Die Angst vor der Couch des Zynikers war schließlich so groß gewesen, dass er die Therapie nach drei Jahren beinahe unter Ausübung körperlicher Gewalt abgebrochen hatte.

   Dabei war er Mitte der 1980er auf eigenen Wunsch wegen seiner zunehmenden Déjàvus in die Fänge des Analytikers geraten.
   Er war nach dem ermüdenden Einkaufen von Titelbildern in New Yorker Agenturen mit seinem Art Director, Wilbur Dove, zum Entspannen in das Whitney Museum Of  American Art gegangen und hatte vor Edward Hoppers A Woman in The Sun einen Panik-Anfall mit kurzem Atem-Stillstand und Ohnmacht erlitten. Johannes gab nur Dr. Treiber preis, dass er in dem Gemälde aus dem Jahre 1961, das er nie zuvor gesehen hatte, im Traum herum gelaufen war. - Und zwar in der ersten Nacht ihrer Einreise, als ein Museumsbesuch wegen des engen Zeitplans noch gar nicht zur Debatte gestanden hatte.

   Wilbur hatte Tavor, ein Silizium-Präparat, dabei, von dem er Johannes wohl eine zu starke Dosis verabreicht hatte, nach dem der ärztliche Notdienst des Museums nichts entdecken konnte.  Jedenfalls erlebte  er die Restzeit in New York sowie die Heimreise als eine Art Luftkissen-Fahrzeug, um dann inklusive Timelag in einen 24stündigen Dauerschlaf zu versinken, aus dem er als Zombie erwachte…

   Johannes war zunächst überrascht, dass das Ableben Dr. Treibers, der ja kaum älter gewesen war, keinerlei Reaktionen bei ihm zeitigte; weder Erleichterung, dass der „Mitwisser“ nicht mehr da war, noch Bedauern über den Verlust eines wichtigen „Weggefährten“. Die Bombe schlug dann allerdings mit Zeitzünder in der folgenden Alptraum-Nacht ein, in der er durch eine wabernde Wüstenei mit ständig wechselnden, extrem leuchtenden Farben gejagt wurde. Es waren zwar nur Schemen, aber im Kopf setzten sie sich als ein Trio fest, das irgendwie mit Karim, Sefi und Daffi zu tun hatten.

   Das Talent, Dinge, die er einmal gesehen, Dialoge, die  er geführt oder Routen, die er befahren hatte, bis ins Detail aus der Erinnerung abrufen zu können, hatte sich oft als Segen erwiesen, aber nicht selten war es auch ein Fluch.

   Unvermittelt erinnerte er sich daran, wie er erstmals Dr. Treiber gegenüber gesessen hatte und ihn spontan nicht mochte. Treiber war ein schöner Mann und wusste das. In Johannes Geschlechter-Genealogie war er eindeutig ein „Friseur“. Der Vertrauensarzt der Kasse, die die Kosten für die Therapie übernehmen wollte,  hatte ihn als den absolut Besten empfohlen. Er hatte seine Praxis in der Nachbarschaft, was den immer unter Zeitdruck stehenden Johannes die Bequemlichkeit über die Sympathie stellen ließ. Schon der erste Dialog, der sich in der Erinnerung eingebrannt hatte, ließ erkennen, dass es auch um Machtausübung gehen würde.
   Johannes: „Die Kasse hat 85 Mark pro Sitzung bewilligt, wieso wollen Sie das Doppelte?“
Treiber: „Damit Sie den Wert der Therapie erkennen. Außerdem können Sie sich das ja leisten, wie man hört.“
   Es wäre der Moment gewesen, das ganze gar nicht erst anzufangen. Aber diese Dreistigkeit hatte Johannes schon beeindruckt.
   Treiber: "Die Therapie funktioniert nur nach meinen Spielregeln. Ab sofort keine Psychopharmaka mehr. Wenn Sie Anfälle haben, müssen Sie sie ohne Chemie durchstehen. Kein Valium, kein Prozac, und Tavor schon gar nicht mehr. Damit werden Sie Gemüse und Gemüse therapiere ich nicht! Verstanden?“
   Johannes: „Jawoll, Herr Ober-Seelenführer!“
   Es harmonisierte beider Beziehung nicht, als er Treiber eines Tages mit einem funkelnagelneuen schwarzen Porsche durch die Nachbarschaft röhren hörte. Allein der Gedanke, dass er mit seinem verdoppelten Stundensatz zur Finanzierung des Boliden beigetragen haben könnte, vertiefte die Hass-Beziehung. Es kam vor, dass er auf Treibers Couch lag, und in diesen kostenintensiven 45 Minuten kein Wort gewechselt wurde. Dann wiederum war das Aufschreiben seiner durchwegs farbigen Träume für den „Formulierer“ Johannes selbst derart spannend, dass er sich in regelrechte Rauschzustände schrieb. Mit Bedauern sollte er später erfahren, dass diese mitunter wuchtige Prosa für immer verloren sein würde, denn Treiber machte nach dem Abbruch der Therapie keinen Hehl daraus, dass er sie – wegen seiner handschriftlichen Anmerkungen - nie und nimmer rausrücken würde.

Nun war der Seelen-Schinder also tot, aber es gelang ihm dennoch, in der Erinnerung von Johannes Wutanfälle zu erzeugen…

   Auch die Erinnerung an Daffi wurde durch einen wütenden Dialog geprägt.
   David Fisher  – im gleichen Alter wie Johannes – war der Sohn amerikanischer Juden, die im geteilten Berlin der Nachkriegszeit im amerikanischen Sektor als Anwälte für das US-Personal gearbeitet hatten. Sie waren, als Daffi schon an der FU eingeschrieben war, bei einem Privat-Flug abgestürzt und ums Leben gekommen. Daffi hatte daraufhin gar nicht erst mit dem Studium angefangen, sondern war in einen Kibbuz auf das Hochufer über dem Jordan-Tal gezogen.
   Als der Israeli mit amerikanischer Staatsbürgerschaft Johannes in einem der 1980er- „Zwischen-Frieden“ am Flughafen in Kairo mit seinem Landrover abgeholt hatte, berlinerte er immer noch unverkennbar. Penetrant versäumte  er es auch keine Sekunde,  auf seine grenzenlose Kompetenz als  „spezieller  Führer“ in arabisch-israelischen Fragen hinzuweisen.

   Diese „Sinai-Kultur-Reise“ war wieder einmal von der Verlagsleitung mit Chef-Präferenz eingefädelt worden, was bedeutete, dass es weder in erster Linie um die Besuche bei Beduinen, noch um die Überschreitung des Mosesberges im Advent oder gar den Besuch des Katharinen-Klosters zu dessen Füßen ging. Das eigentliche Thema waren die rasant in ihrer Realisation fortschreitenden arabisch-amerikanischen Investitionen im touristisch-klimatisch so freundlichen Hurghada an der Sinai-Ostküste. Bade-Luxus-Urlaub am Roten Meer versprach zukünftig eben mehr Anzeigen-Potenzial als Begegnungen mit Beduinen oder Klettern auf Kulturpfaden der frühsten Religionsausübung.

   Die kleine Reisegruppe bestand außer Daffi und Johannes aus dem Banker einer islamischen Bank für Wiederaufbau. Dem Vertreter eines „Baukonzerns“ mit kaum zu verleugnenden „Standort Langley/Virginia“ und einem arabischen Übersetzer, dessen es – wie sich herausstellte - gar nicht bedurfte, weil Daffi ja nicht nur Arabisch sprach, sondern auch den Dialekt der Beduinen anscheinend makellos beherrschte.

   Eine sehr üble Eigenschaft von Johannes war die, dass er Menschen auf den ersten Blick nicht mochte und dass die dann auch später kaum noch eine Chance bekamen,  sich seiner Sympathie zu versichern. David Fisher war so einer. Ein „Ballett-Tänzer“, der einen permanent umkreiste, ohne - einmal wenigstens - fest auf der Sohle vor ihm stehen zu bleiben. Dazu kam, dass der arisch blonde Israeli mit der Figur eines Unterhosen-Models sich jedes Mal des Deutschen bemächtigte, wenn er den übrigen, Englisch sprechenden, Reise-Genossen eine Information schuldig bleiben wollte. Damit zog er Johannes in eine Konspiration, die dem unangenehm war. Vor allem, weil Daffi dabei nicht selten in rassistischer Manier über die arabischen Gastgeber herzog.
   Schon nach drei Tagen – am Lagerfeuer in der Gäste-Hütte eines Beduinen-Sheiks  nahe dem Heiligtum Ein El Agdar  – war Johannes derart angefressen, das er den Guide in Englisch anherrschte und abkanzelte:
   „Wenn ich über Israelis so diffamierend urteilen würde, wie Du über unsere Gastgeber und die Palästinenser, würdest du mich doch zu recht als Nazi beschimpfen.“

Das hatte gesessen und verschaffte die nötige Distanz, aber weckte bei Daffi offenbar auch Rachegelüste. Er hatte gemerkt, dass Johannes bei zwei Ausflügen zu Ausgrabungsstätten in der Wüste mit dem Sohn des Sheiks intensive Einzelgespräche geführt hatte. Was ohne Probleme ging, weil der junge Mann eine erstklassige Ausbildung in England erhalten hatte.
   Wie ein nachlaufendes Hündchen mit dabei: Dessen höchsten 14jährige Schwester. Im ihr traditionell gebührenden Abstand und verschleiert zwar, doch offenbar unverhohlen beeindruckt von Johannes mit seinen umgehängten Kameras.

   Als Johannes wegen des Fotografierens bei einem steilen Aufstieg zurück gefallen war, stand sie Plötzlich wie eine Statue auf einem Fels über ihm und bedeutete durch das Wegziehen des Schleiers, dass sie von ihm fotografiert werden wollte. Johannes war sich der Gefährlichkeit dieser sich exponierenden Jungfräulichkeit für sein Ansehen bei den sittenstrengen Gastgebern durchaus bewusst, aber er konnte nicht widerstehen. Diese einmalige Geste festzuhalten, war eine Gelegenheit, natürliche Unschuld und Verführung gleichermaßen in einer Momentaufnahme zu thematisieren. Es konnte ja wohl auch niemand gesehen haben…

   In der darauf folgenden Nacht, in der sie alle in ihren Schlafsäcken mit den Füßen zum Feuer lagen, zwängte sich die Kleine zwischen Johannes und ihren Bruder, was letzterer mit ein paar scharf gesprochenen arabischen Sätzen dahin gehend korrigierte, dass er die sichernde Zwischenlage einnahm.
   Die Nacht war durch einen riesigen Mond taghell, und so stand Johannes im Zwielicht zwischen Mondschein und sich ankündigendem Sonneaufgang auf, um zum malerischen Tiefen-Brunnen der Oase zu gehen. Er hatte nämlich so ganz nebenbei eine Exklusiv-Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes ausgegraben. Der Sohn des Ummar hatte ihm  selbstbewusst vom unendlichen Reichtum seines Stammes erzählt. Und es ging dabei nicht etwa um Öl, sondern um das feinste Süßwasser der Erde, das in einer gewaltigen Kaverne vom Ausmaß und Volumen des Bodensees unter ihrem Stammesgebiet in der Wüste Sinai läge. Der Tiefen-Brunnen sei der Beginn einer Ära, in der Wasser in Arabien zum kostbarsten Gut werden könnte. Vor allem, wenn der Tourismus weiter so wüchse.

   Es war nur fraglich, ob Johannes das noch erleben würde – ob er den Morgen überhaupt überleben würde. Denn hinter ihm war heimlich auch das Beduinen-Mädchen aus der Hütte geschlüpft und ihm gefolgt. Allerdings weder, um sich Johannes zu nähern, noch, um überhaupt in seinem aufs Fotografieren mit Stativ konzentriertem Gesichtsfeld aufzutauchen…Wohl einfach nur, um ihn zu bestaunen wie ein Wesen aus einer wahrhaft anderen Welt…
   Für die in der Hütte allerdings waren sie gemeinsam verschwunden, und Daffi entschuldigte sich scheinheilig in der Sprache der Beduinen und auf Englisch, dass der Deutsche wohl die Anstandsregeln nicht kenne. Jedenfalls war nicht nur der Morgen eisig, sondern auch die Stimmung unter den Reisegefährten, die Komplikationen fürchteten. Bruder und Schwester hatten sich gleich nach der Rückkehr des Mädchens zu einem unterdrückten Streitgespräch hinter die Hütte zurückgezogen. Wenig später kamen sie allerdings mit entspannten Minen  wieder hervor und setzten sich im Schneidersitz zum Tee.
   Auf einmal erhob der Sohn des Sheiks seine Stimme wie ein Prediger und deklamierte in Englisch ohne jemanden dabei anzusehen:
   „Wir haben hier ein Sprichwort. Das lautet: Achte auf die, die dich vor dem Treibsand warnen, es sind nicht selten diejenigen, die dich hinein führen wollen…“

   Die Geführten waren jedenfalls von da an eine anscheinend verschworene Gemeinschaft, während ihr Führer zumindest zwischenmenschlich nicht mehr das Sagen hatte und ein wenig ins Abseits geriet. War das der Grund, weshalb auf dem Weg zum Basis-Camp am Moses-Berg auf einmal unangekündigt eine „Freundin“ des Ägypters in den Landrover stieg? Angeblich weil sie schon immer mal im Winter auf den Dschebel Mussa steigen wollte.
   Die weibliche Note durch die temperamentvolle „Pferdestehlerin“ mit den feucht glänzenden Kohle-Augen tat der Gruppe von Mittdreißigern sichtlich gut, obwohl man im rüttelnden  Rover noch enger zusammen rücken musste.

   Auch Johannes war sichtlich angetan und balzte ein wenig mit. Allerdings nur so lange, bis er ihr beim Sammeln von Reisig fürs Feuer einmal zu lang auf das von der hoch gerutschten Parka befreite Hinterteil schielen wollte -  und dabei die Umrisse einer Pistole wahrnahm…

    Die Erinnerungen an Daffi wurden von dem grandiosen Erlebnis eines Sonnenaufgangs auf dem Moses-Berg, der exklusiven Führung durch die Bibliothek des Katharinen-Klosters und dem damals noch weitgehend unverbauten Farbenspiel (über und unter Wasser) des Roten Meers überstrahlt. Erst beim Abschied am Flughafen in Kairo sagte der Israeli Johannes noch etwas, das hängen geblieben war: und zwar durch die Boshaftigkeit mit dem es ihm zu gezischt wurde:
„Dass du so blauäugig in Situationen stolperst, habe ich erst für eine Masche gehalten, aber du bist wohl wirklich so naiv, dass du gar nicht merkst, was um dich herum vor sich geht. – Du angeblicher Star-Journalist!“

   Da er beide Erlebnisse nicht unmittelbar miteinander in‚Verbindung brachte, musste er erst in seinen Veröffentlichungen nachschlagen, wie zeitnah sie doch stattgefunden hatten. In seiner Erinnerung waren sie jedenfalls weit von einander entfernt. Das lag wohl daran, dass er Joseph Hanegby auf den ersten Blick mochte und unter anderen Gegebenheiten gerne mit ihm befreundet gewesen wäre.

   Die Überschreitung des Moses-Berges war an Chanukka im November  gewesen, und Sefi hatte ihn nach Jom Kippur im darauf folgenden September abgeholt. Johannes hatte sich in Eilat ein Taxi genommen und war zur Grenze in Richtug Taba hinunter gefahren, wie das von den Organisatoren vereinbart worden war. Weder hatte er eine Ahnung davon wie Hanegby aussehen würde, noch konnte er sich vorstellen, wie dieser ihn erkennen wollte. Es gab zwar eine Telefonnummer für den Notfall, aber in der Vor-Handy-Zeit war Telefonieren im israelisch-ägyptischen Grenzgebiet nicht so einfach.

   Aber alle Mutmaßungen erübrigten sich in dem Moment, als das Taxi am späten Nachmittag vor dem als Treffpunkt vereinbarten Tee-Haus hielt. Ein kleiner, durchtrainierter Mann im Alter von Johannes mit einer weißen Kafira auf dem Kopf öffnete die Tür und streckte ihm die Hand entgegen:
   „Hallo, ich bin Sefi. Herzlich willkommen!“, dann schnappte er sich ungefragt die Schultertasche von Johannes und ergänzte:
   „Es wird ja jetzt schon früher dunkel, deshalb müssen wir uns beeilen, damit wir rechtzeitig bei den Mädchen sind.“
   Sie kletterten in einen offenen, gelben Suzuki-Geländewagen, doch ehe der Mann startete, übergab er Johannes eine ebenfalls weiße Kafira und zeigte ihm auch gleich, wie sie gebunden werden musste. Dann gab er Stoff, und zwar derart, dass die Reifen qualmten. So temperamentvoll er fuhr, so konzentriert schweigsam blieb er in der folgenden Stunde. Schon bald waren sie von der Straße westwärts, nach Norden auf einen holperigen Schotter-Trail abgebogen, der direkt an den Negev führte. Dort, wo er in eine einzige Fahrspur überging, die sich in fest gebackenen Sand gefräst hatte, standen Hangars und ein kleines Flugzeug, das mit einer Tarn-Persenning vor dem Staub geschützt wurde.
   „Da sind sie ja – unsere Hübschen“, rief Sefi begeistert und zeigte im Zwielicht auf vier sand-beige Haufen, die sich beim näher Kommen, als Dromedare zu erkennen gaben. Johannes konnte ganz manierlich reiten und war auch schon ein paar Mal gezwungen gewesen, Pferde als Transport-Alternative zu wählen, aber Kamele waren ihm bislang nicht untergekommen. Mental allerdings war er auf sie vorbereitet. Was wohl auch Sefi wusste, weil er sich nicht lange mit reittechnischen Details aufhielt:
   „Weißt du, dass Sarah auf hebräisch Fürstin heißt?“, fragte Sefi, während er den ziemlich großen Kopf eines der Tiere zärtlich tätschelte. „Das hier ist Sarah. Die habe ich für dich ausgesucht, weil sie in der Wüste absolut souverän ist. Sie furzt und rülpst zwar etwas ungebührlich und ist deshalb so groß, weil sie eigentlich immer nur ans Fressen denkt, aber wenn du ihr die Ehre erweist und sie nicht anschreist, beschützt sie dich, trägt dich zuverlässig ans Ziel und wenn du sogar gelernt hast, ihr zuzuhören, dann bringt sie dir mindesten soviel zum Überleben in der Wüste bei wie ich.“

   Wie konnte Sefi das vorausgesehen haben, dass Sarah und Johannes ohne weiteres ein derart eingespieltes Team abgeben würden. Sarah schien wie selbstverständlich auf alle Kommandos zu reagieren, die Johannes zuvor im Briefing gelesen hatte.  - Also ja nur theoretisch bar jeglicher praktischer Erfahrung erteilte. Die Dromedar-Dame richtete sich auf den leichten Fersendruck am Hals ohne großes Schaukeln auf und mochte es auch, wenn ihr mit dem rhythmischen  Klopfen des Fußes das Tempo vorgegeben wurde. Zügeln musste Johannes mit dem Strick gar nicht, weil ja Sefi im Mondlicht voran ritt. Gut, zwei Dinge waren gewöhnungsbedürftig: Nämlich, dass Sarah gelegentlich ihren Kehlsack zum Rülpsen aus dem Maul wabbeln ließ und dabei Gerüche von sich gab, die Johannes von den Fürzen, die hinter ihm los krachten, nur ahnen konnte. – Und Sarah war riesig. Wenn er bei dem sanften Geschaukel einschlafen und runterfallen würde, käme es bestimmt zu ernsten Blessuren. Aber das war bei der Adrenalin-Ausschüttung nicht zu befürchten.

   Sefi hatte die erste Etappe zum Eingewöhnen bewusst in der Nacht angesetzt, und so schlugen sie das Nachtlager nach einem Ritt ohne Zwischenfälle erst nach Mitternacht auf. Für das erste Biwak hatten sie noch alles dabei, aber das sollte ja schon am nächsten Tag anders werden. Es gab ein Nachtmahl aus  auf einem Stein gebackenen Fladenbrot mit Kichererbsen und dazu heißen Tee. Johannes sollte auf dieser Exkursion in fünf Tagen fünf Kilo verlieren, aber nicht einmal Hunger oder gar Durst leiden…

   Die Tage des Überlebenstrainings, die sich für immer  im Gedächtnis von Johannes einnisteten, verliefen vom Ablauf sehr ähnlich. Lediglich die Landschaft veränderte sich zum teil dramatisch:
   Morgentoilette mit einem bestimmten, zerriebenen Kraut, das sich mit einem Esslöffel Wasser in ausreichend seifigen Schaum für eine Katzenwäsche von Gesicht und Händen verwandelte. Zähneputzen mit wilder Minze; dann auch der Tee daraus.  Abgestorbene – also trockene Wurzeln des auch auf Dünen wuchernden Seidelbasts für das Feuer suchen. Dort, wo er noch grünt, sei er extrem giftig, verriet Sefi so nebenbei. Überreste der Morgentoilette vergraben, Klopapier verbrennen! Lagerplatz komplett säubern. Mit Kompass und Karte Reiserichtung und Landmarken checken. Reisedauer zum nächsten Schattenlager festlegen (gegebenen Falles sogar Umweg über Wasserstellen) maximal vier Stunden. Beim Aufbruch um sechs  wäre die Etappe also um 10 Uhr zu Ende. Immer daran denken, bei sich bietender Gelegenheit Vorräte aufzufüllen. Zum Beispiel ganz junge Salzkraut-Blätter als Würze für die Brotfladen als auch gegen den Wüsten bedingten Salzverlust.

   Von seiner Ausbildung her war Sefi Geologe und Archäologe, aber durch sein gesammeltes Wissen über den Negev war er mit der Zeit zu einem echten Wüsten-Wesen mutiert und machte seinem Nachnamen Hanegby - also übersetzt Sohn der Wüste - alle Ehre. Er brauchte nicht viel Worte, sondern ließ das jeweilige Ambiente für sich selbst sprechen und machte Verborgenes lediglich durch kurze Hinweise auch für Johannes nach und nach lesbar.
   Bei der letzten Tagesetappe zu dem Treffpunkt westlich von Eilat, an dem sie die Kamele abgeben sollten, ließ Sefi Johannes voraus reiten, den Weg bestimmen und fragte ihn gewissermaßen wie einen Prüfungskandidaten ab, wo es was zu finden gäbe, wenn sie es denn bräuchten. Das klappte alles ganz gut, denn Sarah war ein „Wüsten-Schiff“, das exakt den einmal vorgegebenen Kurs einhielt.
   Dann aber bekam der Ausdruck „die Zügel schleifen lassen“ kurz vor der Mittagsrast für Johannes noch einmal eine dramatische Bedeutung. In einem gewundenen Wadi, einer Auswaschung nach starken Regenfällen, bot sich Johannes eine Gelände-Formation, die er unbedingt fotografieren musste. Er blieb auf Sarah sitzen, konzentrierte sich aber im gleißenden Licht auf die Belichtung und die Tiefenschärfe. Er ließ weder den Fuß am Hals des Dromedars, noch achtete er darauf, dass ihm der Zügel entglitt. Für Sarah war das also das Zeichen, dass die Mittagspause schon begonnen hatte und deshalb flitzte sie unaufhaltsam los zu einer zunächst nicht sichtbaren Dornen-Akazie, die sie offenbar schon eine Zeit lang in der Nase gehabt hatte. Die Beerenförmigen Dornen-Wülste  waren Sarahs Lieblingsnaschwerk – Da kannte sie kein Halten, und so gab Johannes es auch auf, sie zügelnd irgendwie bremsen zu wollen. Doch als er sich umsah, waren sie in dem kupierten Gelände mutterseelenallein…

   Dass er nicht sofort in Panik geriet, verdankte er vor allem Sefis Wüsten-Crashkurs. Wer den Sichtkontakt verliert, bleibt stehen. Das war nicht schwer, weil Sarah genüsslich mit ihrem weichen  und beweglichen Maul einen Dornenzweig nach dem anderen konsumierte. Allerdings derart laut schmatzend, dass von den anderen nichts zu hören gewesen wäre.

   Also dann anschwellend, abschwellend rufen: jalllaaa-jalllllaaaaa-jallajalla, jalllaaaa-jalllllaaaaaa!!!

   „Was schreist du denn so herum. Auch der Dummkopf auf dem Thron ist ein König. Ach Sarah, mein altes Leckermäulchen, du frisst dich noch mal um den Verstand“, sagte Sefi auf einmal hinter ihm und aus einer gänzlich anderen Richtung als Johannes ihn erwartet hätte.

   Als Johannes in seinen Erinnerungen bei dem Zeitpunkt angekommen war, zu dem sie die Kamele abgegeben hatten und am nächsten Morgen mit dem Auto in Richtung Eilat unterwegs waren, gebar sein Hirn den Satz, der den ersten Zusammenhang herstellte:

Sefi meinte: „ Hast du vielleicht Lust, unseren Kibbuz zu sehen? Er liegt nur eine Stunde nördlich  von hier über dem Jordan-Tal?“

Und dann fielen Johannes auch die Kinder ein, die er dort kennen lernen sollte. Charon und Kasim (nicht Karim?). Leila und Ursel. Sefis Kinder. - Aber auch wieder nicht. Und hatte nicht auch Daffi, davon erzählt in einem Kibbuz über dem Jordan-Tal gelebt zu haben?

Noch konnte sich Johannes keinen Reim aus all dem machen...



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