Samstag, 16. November 2013

Das Legat

  Johannes redete auch später nicht gerne über die Zeit, bis er mit "L'Ultima" auf das vom Vollmond beschienene Meer hinaus gefahren war. Er hatte sie verdrängt. Nur eines gestand er sich ein. Er hätte sie weniger exzessiv verbracht, wenn er geahnt hätte, dass sein Leben danach noch weiter gehen würde...

  Natürlich war von vornherein klar gewesen, dass der bis in die Planung seines Freitodes romantisierende Johannes auch daran scheitern würde, diese Welt ein für alle Mal von seiner Gegenwart zu befreien. Traurig, wenn es nicht so saukomisch rüber gekommen wäre!
   Das Boot „L’Ultima“ war mit seinem betäubt beduselten und mäßig diabetischen Skipper  trotz Langsamfahrt schon im ersten Morgengrauen in die größte Finnwal-Population des zentralen Mittelmeers geraten. Die an Whalewatch-Boote gewöhnten Tiere umkreisten das kleine Boot in Erwartung der üblichen Leckereien, und als nichts kam, stupsten sie es so, dass der im Nirwana duselnde Johannes seitlich in die Ablaufrinne der Selbstlenzung rutschte.
  Sergio Anselmi, der begnadete Bootsbauer, der diesen Prototypen einer sehr erfolgreichen Serie von Fischerbooten gebaut hatte, war auf die Idee gekommen, ihn mit einigen Fähigkeiten für Alleinfahrer auszustatten. Nicht nur, dass L'Ultima über von der Guardia Costiera kaum auszumachende,  nicht registrierte PS-Kapazitäten verfügte. Um sie bei einer Spitzengeschwindigkeit von 20 Knoten stabil im Gleiten zu halten, hatte das Boot am Heck kaum sichtbare Flabs in den Rumpf eingebaut. Diese Flabs erfüllten noch eine zweite Funktion. Der Fischer konnte, um die Hände für den Fang frei zu haben, das Boot in Fangfahrt durch leichtes Verlagern des Gewichtes minuziös steuern. Genau das tat der ohnmächtige Johannes. Indem er mit seinen 120 Kilo der Länge nach steuerbords in der Ducht lag, lenkte er die Barca in eine geräumige Kreisfahrt nach Backbord.
  Das wiederum löste eine denkwürdige Abfolge aus, die zu Johannes' "Errettung" führte. Immer mehr neugierige Finnwale und Delphine folgten diesem Kreisverkehr, und da wir in modernen Zeiten leben, hatten nicht wenige der Weibchen Transponder oder Microchips für die Satellitenüberwachung ihrer Wanderungen an ihren Schwanzflossen. Drei Stunden, nachdem das vom Ozeanografischen Institut organisierte Whalewatching auf ihren Monitoren dieses recht seltsam anmutende Massenkreisen entdeckt hatte, ging der große weißblaue Katamaran mit den Moby Dick Karrikaturen am Rumpf bei L'Ultima längsseits. Einer der Studenten sprang an Bord, rüttelte an Johannes, fand ihn lebend, weckte ihn mit eher unangemessen kräftigen Ohrfeigen auf und ließ sich dann die Sache von einem Johannes in Trance mit einem diabetischen Koma erklären.
  Das war übrigens der Grund, weshalb die Angelegenheit nur sehr lapidar im Logbuch des Whalewatchers auftauchte und Johannes auch nicht vom Circolo Nautico getadelt wurde.
 
  Als er am Vormittag des 1. Juli mit seiner "L’Ultima" doch wieder in den kleinen Fischer-Hafen von San Lorenzo einlief, hatte seine Geschichte wegen des intensiven morgendlichen Funkverkehrs schon die Runde gemacht, und er hatte sich nach dem Festmachen auf dem Weg rund um den Kai manch spöttischen Zuruf von seinen "Socii" gefallen lassen müssen. Beim Vorbeigehen sah er, dass die kleine Barockkirche unweit des Hafenbeckens offen stand, um für eine Hochzeit üppig mit Blumen dekoriert zu werden.
  Er schlüpfte hinein und tat, was Esther immer zu tun pflegte. Er zündete für jedes Familien-Mitglied eine Kerze an.  Und dann - das hatte er noch nie gemacht - kniete er sich vor einem Seitenaltar auf die Bank. Was erwartete er? Er war auf dem Wege, durch die Ereignisse ein sentimentaler Trottel zu werden. Das erwartete er! Aber nein! - Wenn schon nicht die Erleuchtung - so kam doch ein Frieden zu ihm, den er lange nicht  mehr, wenn überhaupt jemals, verspürt hatte. Es würde weitergehen...
 
  Er würde weiter gehen müssen! Aber wie? Und da war er gleich wieder: Der agnostische Zyniker. Die Versicherung hatte nur einen Restwert für seinen zertöpperten Volvo angewiesen, der trotz zuzüglicher Leihwagenpauschale bei seinen momentanen Wirtschaftsverhältnissen angesichts des ja nicht geplanten "dritten Lebens" für einen neuen Wagen nicht ausreichen würde. "Wegen der ungeklärten Schuldverhältnisse" wurden Schmerzensgeld-Forderungen obendrein auch noch pauschal abgelehnt...
  Was? Fing er da schon wieder an, sich zu ärgern? Nein, sein neues Leben müsste zumindest von einem Leiden befreit sein - dem Leiden an seiner eigenen Unzulänglichkeit. Er würde sich in Form eines autogenen Trainings, immer wenn er Gefahr lief, vom Wege abzukommen, jenen Frieden zu spüren geben, den er in der Kirche von  San Lorenzo hatte erleben dürfen.
  Sich Frieden zu schaffen, ist harte Arbeit, die schmerzt. Johannes musste vor allem, was den Frieden mit seiner Familie anging, durch eine schonungslose Läuterungsphase. Er lernte etwas, was er bislang nur beruflich gekonnt hatte, nämlich auch im Privaten zu zuhören. Er zog nach sehr sachlich vorgebrachten und manifestierten Voraussetzungen für ein weiteres Zusammenleben wieder zu Esther ins Haus. Er hörte auf, seine Kinder zu behandeln, als seien sie noch Kinder. Und  er zwang sich, sich selbst gegenüber einzugestehen, dass es mit seiner "Wichtigkeit" nun absolut vorbei, dass dies aber kein wirklicher Verlust sei.
 

  Dazu gehörte, dass er lediglich noch zur Kenntnis nahm, was aus dem ihn einst so beherrschendem Szenario des zweiten Lebens nach seinem Austritt und  den Wiedereintritt ins dritte geworden war. Dass Peter Kühn sich nie mehr gemeldet hatte, wertete er zusätzlich als Indiz dafür, dass er, Johannes, vielleicht wirklich nicht mehr ganz bei sich selbst gewesen war.
  Nichts hatte sich wirklich verändert. Als erstes war Hartmut Geyer mit allen Ehren in den Ruhestand verabschiedet worden und bekam sogar eine sehr gute Presse für sein Lebenswerk. Dem Vernehmen nach ist er ohne Frau Grau, aber auch ohne Frau Geyer in ein Schlösschen an einen österreichischen See gezogen.
  Im Oktober war Heeremann einstimmig in seine zweite Amtszeit als Präsident der "Latefundis" gewählt worden. Danach gab es eine nur für Intimkenner möglicherweise als verhängnisvoll zusammenhängend auszumachende plötzliche Folge von Todesfällen.
  So wurde beispielsweise Boris Barylli ertrunken in einem seiner Koy-Bassins aufgefunden. Bei der Obduktion fand sich Marmorkleber in seiner Lunge. Was einen investigativen Run auf die Mutmaßlichen CD-roms und DVDs mit potenziellem Erpressungsmaterial in seinem Nachlass auslöste und in der Presse zu eilfertigen Spekulationen Anlass gab.
  Wer dachte, da würde dann Ex-Senator Stefan Berger-Steingräber wenigstens endlich aus Untersuchungshaft freikommen, sah sich zunächst aber getäuscht. Was aber irgendwie auch verständlich war. Infinitesimal davon ausgehend, dass Barylli tatsächlich große Teile der Hamburger Oberschicht in der Hand gehabt hatte, konnte von der Staatsanwaltschaft ja wohl keiner erwarten, dass sie nur partiell zugeben würde, sie habe solches Material  bereits vorab gesichert.
  Nach all den mutmaßlichen Ränkespielen im Vorfeld verlief der Börsengang des Hamburger Hafens hanseatisch souverän und unspektakulär. Die Renditeaussichten ordneten die Analysten als seriös ein, und so pendelte sich die Aktie nach der Ausgabe stabil etwas über ihrem Ausgabewert ein. Heuschrecken hatten wohl schon den Appetit verloren, als der Senat Fischmarkt- und  Speicherstadt-Liegenschaften nicht in den Wert mit einbezogen. Spekulanten auf schnelle, außergewöhnliche Kursgewinne bekamen zudem kalte Füße, als die neuen Unternehmensziele der AG umrissen wurden. Es sollte mit dem neuen Kapital weltweit in den Ankauf weiterer viel versprechender Hafenlogistik investiert werden. Shareholder mit langem Atem waren gefragt. Und dann zog am Horizont ökologisch verantwortlich für das Wattenmeer der Wunsch nach einem Status als Weltkultur-Erbe wie Schönwetter-Nebel über die Elbmündung. Und Konkurrenz gab es auf einmal auch noch im eingenen Land: Durch die Planung des Jade-Weser-Tiefwasser-Seehafens…
  Tragisch und irgendwie - wegen der darin verborgenen Logik - dann doch wieder nicht kam Johannes das gewaltsame Ableben von Gregory Rafferson vor. Immerhin im Gegensatz zu den anderen Verstorbenen war der "Raffzahn" ja noch jung gewesen und konnte den Marathon unter drei Stunden laufen.
  Aber vor einem der zahlreich und täglich operierenden Selbstmord-Attentäter in Bagdad hatte ihn das eben nicht bewahrt. War er wirklich - wie es hieß - ein Kollateral-Opfer gewesen? Ein Autobomber war in die so genannte "Gesicherte Zone" gerast. In diesem Zusammenhang war von ausländischen Zivilpersonen einer Delegation die Rede gewesen, die sich mit der Finanzierung des Wiederaufbaus befasst habe.
  Der alte Johannes hätte versucht, heraus zu finden, ob daran vielleicht auch eine Bank aus Riad beteiligt war. Der Johannes von früher hätte auch überlegt, wieso die kleine Baufirma von "Il Mulos" Cousin spurlos verschwunden war, als er sie nach einer Runde Golf (dafür reichte das Geld nun bald auch nicht mehr) in Garlenda für einen Höflichkeitsbesuch aufsuchen wollte.
  Der restliche Johannes wollte keinerlei Kalvarien-Stationen mehr. Er wollte sich ganz egoistisch auf ein gemeinsames Weihnachtsfest mit seiner Familie in Ligurien freuen und sonst nichts. Das hätte der Anfang für eine weitere "Weihnachtsgeschichte" werden können. Aber um ganz präzise zu sein - es wurde wegen ihres amerikanisch-jüdischen Hintergrundes eine "Chanukka-Geschichte"  - ganz im Geiste der Lichter und der endgültigen Erleuchtung:

  Ein Telefonat am 3. Dezember 2007:
  "Anwaltskanzlei Padlowski. Spreche ich mit Herrn Johannes Goerz?"
  "Ja, der bin ich."
  "Moment bitte, ich verbinde."
  "Padlowski!"
  "Charly???"
  "Nein, David. Sein Sohn. Vater ist letztes Jahr gestorben."
  "Oh, das tut mir leid. Wir waren uns einmal eine kurze Zeit als Gymnasiasten sehr nahe. Dann haben wir uns aber komplett aus den Augen verloren..."
  "Ja ich kenne die Geschichte gut. Vater hat uns während beinahe unserer ganzen Kindheit bei Tisch immer wieder mit dem Shylock-Monolog genervt. Heute fange ich an zu weinen, wenn ich daran denken muss. Er hat es uns als Beispiel besonderer Zivil-Courage dargestellt, dass ausgerechnet ein Deutscher Knabe, der ausgesehen habe wie ein Hitler-Junge, ihn zu dieser Aufführung überredet hatte. Ich nehme an, der Hitler-Junge waren Sie?"
  "Wieso ist Charly so früh gestorben? Die Geisel Krebs?"
  "Die Ärzte konnten uns das auch nicht so genau sagen. Tatsache war, dass er seit Mitte der 80er unter erheblichen psychischen Problemen litt. Am Ende waren es aber irgendwie alle inneren Organe. Die Ärzte nannten es das Metabolische Syndrom."
  Johannes atmete am anderen Ende der Leitung tief ein und aus.
  "Der Grund meines Anrufs, Herr Goerz, ist, dass unsere Kanzlei ein jüdisches Legat für Sie bewahrt, das an Chanukka 2007, also übermorgen quasi beim Entzünden der ersten Kerze ausgehändigt werden soll."
  "Ein Legat? Ein Vermächtnis? Eines Juden?"
  "Vater hat uns - mein Bruder Samuel und ich führen heute die Kanzlei - noch auf dem Sterbebett in die Pflicht genommen, diese Aufgabe mit besonderer Sorgfalt zu versehen. So merkwürdig sich die begleitenden Anweisungen auch ausmachen würden. Wir sollen Ihnen das Legat im Beisein eines Vertreters der Israelischen Regierung übergeben, der den Übergabepunkt festlegt. Er wollte nicht in die Kanzlei kommen, sondern möchte, dass wir uns am 5. Dezember um 11 Uhr vor der neuen Synagoge am Jakobsplatz treffen. Wäre das in Ordnung für Sie?"
  "Ja, kein Problem. Mehr wollen Sie mir dazu offenbar nicht sagen?"
  "Mehr darf ich Ihnen, meinen  Anweisungen zu Folge, nicht sagen. Ich könnte es aber auch nicht. Die Angelegenheit ist auch für mich - verzeihen Sie den Ausdruck - ein wenig kryptisch."
  Zwei Tage später hatte Johannes trotz der vielen Menschen auf dem Jakobsplatz kein Problem, die beiden Männer ausfindig zu machen. David Padlowski sah wie die Twen-Variante von Charly, und sein Begleiter wie ein typischer Schattenmann aus. Er eilte mit ausgestreckten Armen auf David zu und schämte sich seiner feuchten Augen nicht, als er beide Männer begrüßte:
  "Verzeihen Sie David, aber Sie sehen ihm so ähnlich. Ich hoffe doch sehr, er war mächtig stolz auf Sie!"
  "Charon Hanegby", stellte sich der andere Mann- im Alter von David - etwas schroff vor. Er war wohl indigniert, weil ihn Johannes nicht gleich in seine herzliche Begrüßung eingeschlossen hatte.
  "Vielleicht gehen wir ein wenig um den Komplex herum", forderte Hanegby mit einer ausladenden Armbewegung auf, als sei er der Kurator von Synagoge und Museum.
  "Ich habe das Treffen an diesem Ort gewählt, weil er für uns ein Symbol ist, wie weit wir es wieder zu einem Miteinander gebracht haben. Gleich werde ich Ihnen einiges aus einer anderen Gegenwart und einer anderen Vergangenheit erzählen, das deutlich macht, wie fragil das alles aber auch in Wirklichkeit immer sein wird."
  Hanegby machte eine Pause, in der er ganz nah an Johannes heranrückte und ihm obwohl deutlich kleiner, fest die Hand unter die linke Achsel schob. Weniger freundschaftlich, als offenbar um ihn symbolisch am Weglaufen zu hindern. Dann fuhr er fast bedrohlich flüsternd fort:
  "Ich bin der dienstliche Bruder von einem Mann, den Sie vor zwei Jahren fast enttarnt hätten. So wie ich der Bruder von drei Dutzend Männern und Frauen bin, mit denen ich aufwuchs, damit wir auf diversen Lebenslinien ähnliche Aufgaben erfüllen. Die zwei deutschen Taliban-Kämpfer aus dem Dunstkreis der Neuulmer „Akademie des Islam“ – ADI – hätten ohne meine Geschwister nicht aufgespürt werden können. Ihr Freund Peter Kühn war so eifrig dabei, heraus zu finden, wer ‚Ihr Karim' war, dass wir ihm nur durch Berufung in ein internationales Gremium und die damit verbundene Beförderung eine Art Kontaktsperre zu Ihnen verordnen konnten. Er ist ganz versessen drauf, Sie bald wieder sprechen zu dürfen. Vor allem möchte er gerne wissen, was Sie als Skin-Head verkleidet vergangenen Mai in Kaiserslautern gewollt haben. - Überhaupt wird das Interesse an Ihrer Person in gewissen Kreisen nicht wesentlich nachlassen, wenn Sie sich entschließen, von dem Legat Gebrauch zu machen."
  Johannes hatte das Gehörte in den Sinnen derart sensibilisiert, dass sich ihm im Unterbewusstsein während der ersten Umrundung von Synagoge und Museum, erstmals die architektonische Meisterleistung dieses im Vorfeld so gescholtenen Ensembles erschloss. Johannes hatte zuvor immer gedacht, der historische Jakobsplatz brauche eine harmonische Lösung. Vielleicht hatte das unterschwellig Bedrohliche von Hanegbys Eröffnung auch zu der Erkenntnis geführt, dass diese grandiose Störung der Perspektive die Aufgabe des ewigen Mahnens am besten erfülle. Er drehte sich - David quasi ausschließend - so in den Mann hinein, dass er fest in dessen Augen hinunter schauen konnte.
  "Sie könne mir keine Angst mehr machen. Charon! Ich war schon halb über den Styx und seit dem trage ich die beiden Goldstücke für Ihren Obulus immer bei mir. Bis jetzt weiß ich noch gar nichts über dieses ominöse Legat, aber ich ahne, dass wir uns schon einmal begenet sind, als Sie noch ein Knabe waren."
  "Ja, deshalb sind wir hier", brachte sich David Padlowski, dem die Spannung zwischen den beiden Männer sichtliches Unbehagen bereitete, wieder ins Spiel.
  "Erinnern Sie sich an Moss Mausele?", herrschte ihn Hangeby an.
  "So eine Frage! Der Mann hat mir das Leben gerettet. Er war nicht nur unser Hausarzt, sondern in meiner Jugend der vielleicht einzige wahre Freund, den ich hatte. Als moralische und pädagogische Instanz wirkt er aber auch bis heute auf mich ein. Er hat mich in dieser schweren Zeit vermutlich mehr geprägt als mein eigener Vater. Ohne ihn hätte ich mich mit dem erwachsen Werden noch schwerer getan. Meinen beiden einzigen großen Lieben hatte er sogar noch die Pille verschrieben, ehe er nach Israel in den Ruhestand ging... Ich  e r i n n e r e mich nicht bloß an ihn - er ist Teil meines Denkens."
  "Es ist sehr, sehr erfreulich, das zu hören. Versuchen Sie das eben Gesagte noch einen Moment festzuhalten. Moses Mausele war von Geburt ein deutscher Jude, aus politischen Gründen ein amerikanischer Arzt und aus Überzeugung einer der wichtigsten Nachrichtendienstler, den Israel in Deutschland während des kalten Krieges hatte. Seine Positionierung als Hausarzt in der Nachbarschaft eines derart nachrichtenträchtigen Gemeinwesens und noch dazu im Zentrum des Bogenhausener Geldadels, war so perfekt, dass selbst die Amerikaner erst nach seinem Tod durch dieses ominöse Legat von der wahren Bedeutung Mauseles erfuhren. Da der kinderlose Dr. Mausele auch noch in Israel seine amerikanische Staatsbürgerschaft nicht aufgegeben hatte, hätte dessen Nachlass im Prinzip den Vereinigten Staaten zugestanden. Auch Israel gedachte in Anbetracht seiner unschätzbaren Tätigkeit das Erbe von Dr. Mausele anzutreten. Beide Seiten waren daher sehr überrascht, von der Kanzlei Ihres ehemaligen Schulkameraden Padlowski informiert zu werden, dass das Legat erst nach genau dreißig Jahren und nach Deutschem Recht ausgerechnet einem Deutschen zugänglich gemacht werden sollte. Maßnahmen bei plötzlichem natürlichem oder gar gewaltsamem Tod des Empfängers seien ergriffen worden, hieß es in der Benachrichtigung. Bis heute rätseln die besten Dienste der Welt also, wieso Dr. Mausele ausgerechnet Sie bedacht hatte. Es wäre schön, wenn Sie uns - ich spreche hier auch für unsere amerikanischen Freunde - Klarheit verschaffen könnten, nachdem Sie gelesen haben, was er Ihnen geschrieben hat. Ich darf Ihnen versichern, dass es hier nicht um Geld geht, das Ihnen möglicher Weise auch hinterlassen wurde, sondern um die persönlichen Aufzeichnungen, Tagebücher, Mikrofilme und dergleichen, die in seiner Hinterlassenschaft nicht aufzufinden waren. - Bitte David!..."
  "…Was, hier? Mitten auf dem Platz, wo alle zusehen können? Lassen Sie uns doch wenigstens in den Coffee-Shop in der Schrannenhalle gehen, da ist es jetzt noch leer und man ist nicht derart auf dem Präsentierteller."

  Die Schrannenhalle war an jenem Vormittag wirklich nicht sonderlich frequentiert. Sie fanden  mühelos ein ruhiges Plätzchen, und nach dem jeder eine kleine Bestellung aufgegeben und das Bestellte erhalten hatte, holte David Padlowski vorbereitete Schreiben und einen wattierten Umschlag heraus:
  "Johannes, Walter Goerz, geboren am  5. April 1947 ich bin mit Urkunde vom 22. November.1977 als Vertreter der Anwaltskanzlei Padlowski beauftragt, ihnen das Legat des amerikanischen Staatsbürgers Moses, Jehuda Mausele, geboren am 12. Februar 1906 in München, verstorben am 5. Dezember 1977 in Jaffa, auszuhändigen. - Bitte weisen Sie sich aus.
  Nachdem Sie sich mir gegenüber im Beisein des Israelischen Regierungsbeauftragten Charon Hanegby, der sich ebenfalls durch Vorlage seines Dienstausweises legitimiert hat, ausgewiesen haben, übergebe ich Ihnen das Legat in einem zweifach versiegelten Umschlag. Bitte quittieren Sie hier, nachdem Sie sich von der Unversehrtheit beider Siegel überzeugt haben."
  Johannes spürte wieder einmal eine Panik in sich aufsteigen. Der Umschlag mit handschriftlichen Daten und deutlich unversehrten Siegelbändern sah gar nicht nach dreißig Jahren aus, aber er hatte die Zeit vermutlich sorgsam verwahrt in einem Banksafe verbracht.
  Er erbrach die Siegel und förderte einen ebenfalls versiegelten Brief und ein winziges, edel aussehendes Etui zu Tage. Das Etui ließ er aus einem Impuls heraus, sofort in seiner Westentasche verschwinden.
  "Würden die Herren mich vielleicht für einen Moment alleine lassen, damit ich den hier lesen kann?" Johannes wäre gar nicht auf die Idee gekommen, den Brief erst zu Hause zu lesen - so geschickt und suggestiv hatte ihn Hanegby bereits konditioniert.
  Die beiden marschierten zur Bar, wo Padlowski offenbar schon mal zahlte, denn er hatte den Bon dabei.
  Johannes öffnete den Umschlag, in dem sich nur ein handschriftliches  Blatt fand und begann zu lesen:

Lieber Johannes!

Du bist noch am Leben und ich bin seit dreißig Jahren tot. Das wird Dir alles schon wundersam genug vorkommen. Deshalb war mir bei meinen Überlegungen vor allem eines wichtig: Du musst begreifen, wie bedeutend unsere Gespräche auch für mich waren. Wenn ich einen Sohn gehabt hätte, wäre ich dankbar gewesen, er wäre so leidenschaftlich und leidensfähig gewesen wie Du - und so voller Talente...
Es war für mich sehr befriedigend, über die Kanäle, die mir auch in Israel noch zur Verfügung standen, Deine ersten Erfolge als Autor mit zu erleben. Die Schilderung Deiner Gefühle zum Attentat in dem Olympia-Buch von 1972 - das war ergreifend.
Nun ist der Terror bitterer Alltag, und ich schäme mich nicht, dass ich zu seiner Bekämpfung Dinge ersonnen habe, die eines Arztes, der ja Leben bewaren und schützen sollte, vielleicht unwürdig sind. Ich habe in einem Containerdorf auf den Westbanks – also am westlichen Hochufer des Jordantales und nicht weit vom Negev ein Waisenhaus für Kinder verschiedenster Nationen und Rassen gegründet, die durch Kriege oder Terror alle Eltern und Verwandte verloren hatten. Wenn meine moralisch sicher fragwürdige Idee verwirklicht wurde, dann sind sie in dem Moment, da Du dies liest, zu den wohl wirkungsvollsten Waffen im Kampf gegen den Terrorismus heran gereift…
Mehr wirst Du erfahren, wenn Du das Schließfach zu dem Du den Schlüssel im beiliegenden Etui findest, durchgesehen hast. Ich empfehle, den Inhalt zu Deiner eigenen Sicherheit, nie aus dem Tresorraum mitzunehmen. Dein Identifizierungscode entspricht dem Rhesusfaktor Deiner sehr seltenen Blutgruppe in Kombination zu der Jahreszahl, in dem Du Deinem Ungeheuer erstmals begegnet bist.
Ich habe - damit Du frei von wirtschaftlicher Not - wie ein historischer Forscher ohne den Zwang "publish or perish" arbeiten kannst, 300 000 Schweizer Franken festverzinslich für Dich angelegt. Das Kredit-Institut findest Du in Zürich am Limmat-Kai unter der Nummer, die der Zahl der Yards entspricht, die ich bei meiner allerersten Prüfung in Harvard zu bewältigen hatte. Dreißig Jahre – wenn die Welt überhaupt noch halbwegs so ist, wie ich sie verlassen habe -  sind eine lange Zeit mit Personalwechsel, Umzügen und neuen technologische Errungenschaften. Was nach dem zweiten Weltkrieg teilweise mit jüdischem Vermögen in Schweizer Bankhäusern passierte, ist ja nicht nur Spekulation. Ich hoffe, es klappt alles.
Ansonsten: "Use your skills!" Weißt Du noch,  wie ich Dir diesen Spruch übersetzen sollte? Ich hoffe sehr, Du hast ihn immer befolgt.

Dein Arzt und Freund
Moses Mausele

Als er zu den beiden Männern an der Kaffee-Bar schaute, liefen ihm die Tränen herunter.
  "Ich muss hier raus. Ich bekomme keine Luft mehr."
  Die beiden flankierten ihn zum Ausgang. Draußen machte er sich schwer atmend los. Dann fiel sein Blick auf die Schlange, die sich auf der anderen Straßenseite vor dem Brotreste-Laden der Hofpfisterei gebildet hatte.

  "Ich muss aus dieser Geschichte raus!" rief er. Dann lief er - ohne rechts und links zu gucken - über die Straße. Um ein Haar wäre er auch noch überfahren worden. Hanegby und Padlowski schauten sich ratlos an, als er begann, auf einen Mann gleicher Statur nur ärmlicher aussehend, wild gestikulierend einzureden. Doch schon nach wenigen Augenblicken war von ihrem Standort aus in der unordentlichen Menschenschlange nicht mehr zu erkennen, welcher der eine oder der andere  war.



                                            E N D E

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