Johannes redete auch später nicht gerne über
die Zeit, bis er mit "L'Ultima" auf das vom Vollmond beschienene Meer
hinaus gefahren war. Er hatte sie verdrängt. Nur eines gestand er sich ein. Er
hätte sie weniger exzessiv verbracht, wenn er geahnt hätte, dass sein Leben
danach noch weiter gehen würde...
Natürlich war von vornherein klar gewesen,
dass der bis in die Planung seines Freitodes romantisierende Johannes auch
daran scheitern würde, diese Welt ein für alle Mal von seiner Gegenwart zu
befreien. Traurig, wenn es nicht so saukomisch rüber gekommen wäre!
Das Boot „L’Ultima“ war mit seinem betäubt
beduselten und mäßig diabetischen Skipper
trotz Langsamfahrt schon im ersten Morgengrauen in die größte
Finnwal-Population des zentralen Mittelmeers geraten. Die an Whalewatch-Boote
gewöhnten Tiere umkreisten das kleine Boot in Erwartung der üblichen
Leckereien, und als nichts kam, stupsten sie es so, dass der im Nirwana
duselnde Johannes seitlich in die Ablaufrinne der Selbstlenzung rutschte.
Sergio Anselmi, der begnadete Bootsbauer, der
diesen Prototypen einer sehr erfolgreichen Serie von Fischerbooten gebaut
hatte, war auf die Idee gekommen, ihn mit einigen Fähigkeiten für Alleinfahrer
auszustatten. Nicht nur, dass L'Ultima über von der Guardia Costiera kaum
auszumachende, nicht registrierte
PS-Kapazitäten verfügte. Um sie bei einer Spitzengeschwindigkeit von 20 Knoten
stabil im Gleiten zu halten, hatte das Boot am Heck kaum sichtbare Flabs in den
Rumpf eingebaut. Diese Flabs erfüllten noch eine zweite Funktion. Der Fischer
konnte, um die Hände für den Fang frei zu haben, das Boot in Fangfahrt durch
leichtes Verlagern des Gewichtes minuziös steuern. Genau das tat der
ohnmächtige Johannes. Indem er mit seinen 120 Kilo der Länge nach steuerbords
in der Ducht lag, lenkte er die Barca in eine geräumige Kreisfahrt nach
Backbord.
Das wiederum löste eine denkwürdige Abfolge
aus, die zu Johannes' "Errettung" führte. Immer mehr neugierige
Finnwale und Delphine folgten diesem Kreisverkehr, und da wir in modernen
Zeiten leben, hatten nicht wenige der Weibchen Transponder oder Microchips für
die Satellitenüberwachung ihrer Wanderungen an ihren Schwanzflossen. Drei
Stunden, nachdem das vom Ozeanografischen Institut organisierte Whalewatching
auf ihren Monitoren dieses recht seltsam anmutende Massenkreisen entdeckt
hatte, ging der große weißblaue Katamaran mit den Moby Dick Karrikaturen am
Rumpf bei L'Ultima längsseits. Einer der Studenten sprang an Bord, rüttelte an
Johannes, fand ihn lebend, weckte ihn mit eher unangemessen kräftigen Ohrfeigen
auf und ließ sich dann die Sache von einem Johannes in Trance mit einem
diabetischen Koma erklären.
Das war übrigens der Grund, weshalb die
Angelegenheit nur sehr lapidar im Logbuch des Whalewatchers auftauchte und
Johannes auch nicht vom Circolo Nautico getadelt wurde.
Als er am Vormittag des 1. Juli mit seiner
"L’Ultima" doch wieder in den kleinen Fischer-Hafen von San Lorenzo
einlief, hatte seine Geschichte wegen des intensiven morgendlichen Funkverkehrs
schon die Runde gemacht, und er hatte sich nach dem Festmachen auf dem Weg rund
um den Kai manch spöttischen Zuruf von seinen "Socii" gefallen lassen
müssen. Beim Vorbeigehen sah er, dass die kleine Barockkirche unweit des
Hafenbeckens offen stand, um für eine Hochzeit üppig mit Blumen dekoriert zu
werden.
Er schlüpfte hinein und tat, was Esther immer
zu tun pflegte. Er zündete für jedes Familien-Mitglied eine Kerze an. Und dann - das hatte er noch nie gemacht -
kniete er sich vor einem Seitenaltar auf die Bank. Was erwartete er? Er war auf
dem Wege, durch die Ereignisse ein sentimentaler Trottel zu werden. Das
erwartete er! Aber nein! - Wenn schon nicht die Erleuchtung - so kam doch ein
Frieden zu ihm, den er lange nicht mehr,
wenn überhaupt jemals, verspürt hatte. Es würde weitergehen...
Er würde weiter gehen müssen! Aber wie? Und
da war er gleich wieder: Der agnostische Zyniker. Die Versicherung hatte nur
einen Restwert für seinen zertöpperten Volvo angewiesen, der trotz zuzüglicher
Leihwagenpauschale bei seinen momentanen Wirtschaftsverhältnissen angesichts
des ja nicht geplanten "dritten Lebens" für einen neuen Wagen nicht
ausreichen würde. "Wegen der ungeklärten Schuldverhältnisse" wurden
Schmerzensgeld-Forderungen obendrein auch noch pauschal abgelehnt...
Was? Fing er da schon wieder an, sich zu
ärgern? Nein, sein neues Leben müsste zumindest von einem Leiden befreit sein -
dem Leiden an seiner eigenen Unzulänglichkeit. Er würde sich in Form eines
autogenen Trainings, immer wenn er Gefahr lief, vom Wege abzukommen, jenen
Frieden zu spüren geben, den er in der Kirche von San Lorenzo hatte erleben dürfen.
Sich Frieden zu schaffen, ist harte Arbeit,
die schmerzt. Johannes musste vor allem, was den Frieden mit seiner Familie
anging, durch eine schonungslose Läuterungsphase. Er lernte etwas, was er
bislang nur beruflich gekonnt hatte, nämlich auch im Privaten zu zuhören. Er
zog nach sehr sachlich vorgebrachten und manifestierten Voraussetzungen für ein
weiteres Zusammenleben wieder zu Esther ins Haus. Er hörte auf, seine Kinder zu
behandeln, als seien sie noch Kinder. Und
er zwang sich, sich selbst gegenüber einzugestehen, dass es mit seiner
"Wichtigkeit" nun absolut vorbei, dass dies aber kein wirklicher
Verlust sei.
Dazu gehörte, dass er lediglich noch zur
Kenntnis nahm, was aus dem ihn einst so beherrschendem Szenario des zweiten
Lebens nach seinem Austritt und den
Wiedereintritt ins dritte geworden war. Dass Peter Kühn sich nie mehr gemeldet
hatte, wertete er zusätzlich als Indiz dafür, dass er, Johannes, vielleicht
wirklich nicht mehr ganz bei sich selbst gewesen war.
Nichts hatte sich wirklich verändert. Als
erstes war Hartmut Geyer mit allen Ehren in den Ruhestand verabschiedet worden und
bekam sogar eine sehr gute Presse für sein Lebenswerk. Dem Vernehmen nach ist
er ohne Frau Grau, aber auch ohne Frau Geyer in ein Schlösschen an einen
österreichischen See gezogen.
Im Oktober war Heeremann einstimmig in seine
zweite Amtszeit als Präsident der "Latefundis" gewählt worden. Danach
gab es eine nur für Intimkenner möglicherweise als verhängnisvoll zusammenhängend
auszumachende plötzliche Folge von Todesfällen.
So wurde beispielsweise Boris Barylli
ertrunken in einem seiner Koy-Bassins aufgefunden. Bei der Obduktion fand sich
Marmorkleber in seiner Lunge. Was einen investigativen Run auf die Mutmaßlichen
CD-roms und DVDs mit potenziellem Erpressungsmaterial in seinem Nachlass
auslöste und in der Presse zu eilfertigen Spekulationen Anlass gab.
Wer dachte, da würde dann Ex-Senator Stefan
Berger-Steingräber wenigstens endlich aus Untersuchungshaft freikommen, sah
sich zunächst aber getäuscht. Was aber irgendwie auch verständlich war.
Infinitesimal davon ausgehend, dass Barylli tatsächlich große Teile der
Hamburger Oberschicht in der Hand gehabt hatte, konnte von der
Staatsanwaltschaft ja wohl keiner erwarten, dass sie nur partiell zugeben
würde, sie habe solches Material bereits
vorab gesichert.
Nach all den mutmaßlichen Ränkespielen im Vorfeld
verlief der Börsengang des Hamburger Hafens hanseatisch souverän und
unspektakulär. Die Renditeaussichten ordneten die Analysten als seriös ein, und
so pendelte sich die Aktie nach der Ausgabe stabil etwas über ihrem Ausgabewert
ein. Heuschrecken hatten wohl schon den Appetit verloren, als der Senat
Fischmarkt- und
Speicherstadt-Liegenschaften nicht in den Wert mit einbezogen.
Spekulanten auf schnelle, außergewöhnliche Kursgewinne bekamen zudem kalte
Füße, als die neuen Unternehmensziele der AG umrissen wurden. Es sollte mit dem
neuen Kapital weltweit in den Ankauf weiterer viel versprechender Hafenlogistik
investiert werden. Shareholder mit langem Atem waren gefragt. Und dann zog am
Horizont ökologisch verantwortlich für das Wattenmeer der Wunsch nach einem
Status als Weltkultur-Erbe wie Schönwetter-Nebel über die Elbmündung. Und
Konkurrenz gab es auf einmal auch noch im eingenen Land: Durch die Planung des
Jade-Weser-Tiefwasser-Seehafens…
Tragisch und irgendwie - wegen der darin
verborgenen Logik - dann doch wieder nicht kam Johannes das gewaltsame Ableben
von Gregory Rafferson vor. Immerhin im Gegensatz zu den anderen Verstorbenen
war der "Raffzahn" ja noch jung gewesen und konnte den Marathon unter
drei Stunden laufen.
Aber vor einem der zahlreich und täglich
operierenden Selbstmord-Attentäter in Bagdad hatte ihn das eben nicht bewahrt.
War er wirklich - wie es hieß - ein Kollateral-Opfer gewesen? Ein Autobomber
war in die so genannte "Gesicherte Zone" gerast. In diesem
Zusammenhang war von ausländischen Zivilpersonen einer Delegation die Rede
gewesen, die sich mit der Finanzierung des Wiederaufbaus befasst habe.
Der alte Johannes hätte versucht, heraus zu
finden, ob daran vielleicht auch eine Bank aus Riad beteiligt war. Der Johannes
von früher hätte auch überlegt, wieso die kleine Baufirma von "Il
Mulos" Cousin spurlos verschwunden war, als er sie nach einer Runde Golf
(dafür reichte das Geld nun bald auch nicht mehr) in Garlenda für einen
Höflichkeitsbesuch aufsuchen wollte.
Der restliche Johannes wollte keinerlei
Kalvarien-Stationen mehr. Er wollte sich ganz egoistisch auf ein gemeinsames
Weihnachtsfest mit seiner Familie in Ligurien freuen und sonst nichts. Das
hätte der Anfang für eine weitere "Weihnachtsgeschichte" werden können.
Aber um ganz präzise zu sein - es wurde wegen ihres amerikanisch-jüdischen
Hintergrundes eine "Chanukka-Geschichte" - ganz im Geiste der Lichter und der
endgültigen Erleuchtung:
Ein Telefonat am 3. Dezember 2007:
"Anwaltskanzlei Padlowski. Spreche ich
mit Herrn Johannes Goerz?"
"Ja, der bin ich."
"Moment bitte, ich verbinde."
"Padlowski!"
"Charly???"
"Nein, David. Sein Sohn. Vater ist
letztes Jahr gestorben."
"Oh, das tut mir leid. Wir waren uns
einmal eine kurze Zeit als Gymnasiasten sehr nahe. Dann haben wir uns aber
komplett aus den Augen verloren..."
"Ja ich kenne die Geschichte gut. Vater
hat uns während beinahe unserer ganzen Kindheit bei Tisch immer wieder mit dem
Shylock-Monolog genervt. Heute fange ich an zu weinen, wenn ich daran denken
muss. Er hat es uns als Beispiel besonderer Zivil-Courage dargestellt, dass
ausgerechnet ein Deutscher Knabe, der ausgesehen habe wie ein Hitler-Junge, ihn
zu dieser Aufführung überredet hatte. Ich nehme an, der Hitler-Junge waren
Sie?"
"Wieso ist Charly so früh gestorben? Die
Geisel Krebs?"
"Die Ärzte konnten uns das auch nicht so
genau sagen. Tatsache war, dass er seit Mitte der 80er unter erheblichen
psychischen Problemen litt. Am Ende waren es aber irgendwie alle inneren
Organe. Die Ärzte nannten es das Metabolische Syndrom."
Johannes atmete am anderen Ende der Leitung
tief ein und aus.
"Der Grund meines Anrufs, Herr Goerz,
ist, dass unsere Kanzlei ein jüdisches Legat für Sie bewahrt, das an Chanukka
2007, also übermorgen quasi beim Entzünden der ersten Kerze ausgehändigt werden
soll."
"Ein Legat? Ein Vermächtnis? Eines
Juden?"
"Vater hat uns - mein Bruder Samuel und
ich führen heute die Kanzlei - noch auf dem Sterbebett in die Pflicht genommen,
diese Aufgabe mit besonderer Sorgfalt zu versehen. So merkwürdig sich die
begleitenden Anweisungen auch ausmachen würden. Wir sollen Ihnen das Legat im
Beisein eines Vertreters der Israelischen Regierung übergeben, der den
Übergabepunkt festlegt. Er wollte nicht in die Kanzlei kommen, sondern möchte,
dass wir uns am 5. Dezember um 11 Uhr vor der neuen Synagoge am Jakobsplatz
treffen. Wäre das in Ordnung für Sie?"
"Ja, kein Problem. Mehr wollen Sie mir
dazu offenbar nicht sagen?"
"Mehr darf ich Ihnen, meinen Anweisungen zu Folge, nicht sagen. Ich könnte
es aber auch nicht. Die Angelegenheit ist auch für mich - verzeihen Sie den
Ausdruck - ein wenig kryptisch."
Zwei Tage später hatte Johannes trotz der
vielen Menschen auf dem Jakobsplatz kein Problem, die beiden Männer ausfindig
zu machen. David Padlowski sah wie die Twen-Variante von Charly, und sein
Begleiter wie ein typischer Schattenmann aus. Er eilte mit ausgestreckten Armen
auf David zu und schämte sich seiner feuchten Augen nicht, als er beide Männer
begrüßte:
"Verzeihen Sie David, aber Sie sehen ihm
so ähnlich. Ich hoffe doch sehr, er war mächtig stolz auf Sie!"
"Charon Hanegby", stellte sich der
andere Mann- im Alter von David - etwas schroff vor. Er war wohl indigniert,
weil ihn Johannes nicht gleich in seine herzliche Begrüßung eingeschlossen
hatte.
"Vielleicht gehen wir ein wenig um den
Komplex herum", forderte Hanegby mit einer ausladenden Armbewegung auf,
als sei er der Kurator von Synagoge und Museum.
"Ich habe das Treffen an diesem Ort
gewählt, weil er für uns ein Symbol ist, wie weit wir es wieder zu einem
Miteinander gebracht haben. Gleich werde ich Ihnen einiges aus einer anderen
Gegenwart und einer anderen Vergangenheit erzählen, das deutlich macht, wie
fragil das alles aber auch in Wirklichkeit immer sein wird."
Hanegby machte eine Pause, in der er ganz nah
an Johannes heranrückte und ihm obwohl deutlich kleiner, fest die Hand unter
die linke Achsel schob. Weniger freundschaftlich, als offenbar um ihn
symbolisch am Weglaufen zu hindern. Dann fuhr er fast bedrohlich flüsternd
fort:
"Ich bin der dienstliche Bruder von
einem Mann, den Sie vor zwei Jahren fast enttarnt hätten. So wie ich der Bruder
von drei Dutzend Männern und Frauen bin, mit denen ich aufwuchs, damit wir auf
diversen Lebenslinien ähnliche Aufgaben erfüllen. Die zwei deutschen Taliban-Kämpfer
aus dem Dunstkreis der Neuulmer „Akademie des Islam“ – ADI – hätten ohne meine Geschwister
nicht aufgespürt werden können. Ihr Freund Peter Kühn war so eifrig dabei,
heraus zu finden, wer ‚Ihr Karim' war, dass wir ihm nur durch Berufung in ein
internationales Gremium und die damit verbundene Beförderung eine Art
Kontaktsperre zu Ihnen verordnen konnten. Er ist ganz versessen drauf, Sie bald
wieder sprechen zu dürfen. Vor allem möchte er gerne wissen, was Sie als
Skin-Head verkleidet vergangenen Mai in Kaiserslautern gewollt haben. -
Überhaupt wird das Interesse an Ihrer Person in gewissen Kreisen nicht
wesentlich nachlassen, wenn Sie sich entschließen, von dem Legat Gebrauch zu
machen."
Johannes hatte das Gehörte in den Sinnen
derart sensibilisiert, dass sich ihm im Unterbewusstsein während der ersten
Umrundung von Synagoge und Museum, erstmals die architektonische
Meisterleistung dieses im Vorfeld so gescholtenen Ensembles erschloss. Johannes
hatte zuvor immer gedacht, der historische Jakobsplatz brauche eine harmonische
Lösung. Vielleicht hatte das unterschwellig Bedrohliche von Hanegbys Eröffnung
auch zu der Erkenntnis geführt, dass diese grandiose Störung der Perspektive
die Aufgabe des ewigen Mahnens am besten erfülle. Er drehte sich - David quasi
ausschließend - so in den Mann hinein, dass er fest in dessen Augen hinunter
schauen konnte.
"Sie könne mir keine Angst mehr machen.
Charon! Ich war schon halb über den Styx und seit dem trage ich die beiden
Goldstücke für Ihren Obulus immer bei mir. Bis jetzt weiß ich noch gar nichts
über dieses ominöse Legat, aber ich ahne, dass wir uns schon einmal begenet
sind, als Sie noch ein Knabe waren."
"Ja, deshalb sind wir hier",
brachte sich David Padlowski, dem die Spannung zwischen den beiden Männer sichtliches
Unbehagen bereitete, wieder ins Spiel.
"Erinnern Sie sich an Moss
Mausele?", herrschte ihn Hangeby an.
"So eine Frage! Der Mann hat mir das
Leben gerettet. Er war nicht nur unser Hausarzt, sondern in meiner Jugend der
vielleicht einzige wahre Freund, den ich hatte. Als moralische und pädagogische
Instanz wirkt er aber auch bis heute auf mich ein. Er hat mich in dieser
schweren Zeit vermutlich mehr geprägt als mein eigener Vater. Ohne ihn hätte
ich mich mit dem erwachsen Werden noch schwerer getan. Meinen beiden einzigen
großen Lieben hatte er sogar noch die Pille verschrieben, ehe er nach Israel in
den Ruhestand ging... Ich e r i n n e r
e mich nicht bloß an ihn - er ist Teil meines Denkens."
"Es ist sehr, sehr erfreulich, das zu
hören. Versuchen Sie das eben Gesagte noch einen Moment festzuhalten. Moses
Mausele war von Geburt ein deutscher Jude, aus politischen Gründen ein
amerikanischer Arzt und aus Überzeugung einer der wichtigsten
Nachrichtendienstler, den Israel in Deutschland während des kalten Krieges
hatte. Seine Positionierung als Hausarzt in der Nachbarschaft eines derart
nachrichtenträchtigen Gemeinwesens und noch dazu im Zentrum des Bogenhausener
Geldadels, war so perfekt, dass selbst die Amerikaner erst nach seinem Tod
durch dieses ominöse Legat von der wahren Bedeutung Mauseles erfuhren. Da der
kinderlose Dr. Mausele auch noch in Israel seine amerikanische
Staatsbürgerschaft nicht aufgegeben hatte, hätte dessen Nachlass im Prinzip den
Vereinigten Staaten zugestanden. Auch Israel gedachte in Anbetracht seiner
unschätzbaren Tätigkeit das Erbe von Dr. Mausele anzutreten. Beide Seiten waren
daher sehr überrascht, von der Kanzlei Ihres ehemaligen Schulkameraden
Padlowski informiert zu werden, dass das Legat erst nach genau dreißig Jahren
und nach Deutschem Recht ausgerechnet einem Deutschen zugänglich gemacht werden
sollte. Maßnahmen bei plötzlichem natürlichem oder gar gewaltsamem Tod des
Empfängers seien ergriffen worden, hieß es in der Benachrichtigung. Bis heute
rätseln die besten Dienste der Welt also, wieso Dr. Mausele ausgerechnet Sie
bedacht hatte. Es wäre schön, wenn Sie uns - ich spreche hier auch für unsere
amerikanischen Freunde - Klarheit verschaffen könnten, nachdem Sie gelesen
haben, was er Ihnen geschrieben hat. Ich darf Ihnen versichern, dass es hier
nicht um Geld geht, das Ihnen möglicher Weise auch hinterlassen wurde, sondern
um die persönlichen Aufzeichnungen, Tagebücher, Mikrofilme und dergleichen, die
in seiner Hinterlassenschaft nicht aufzufinden waren. - Bitte David!..."
"…Was, hier? Mitten auf dem Platz, wo
alle zusehen können? Lassen Sie uns doch wenigstens in den Coffee-Shop in der
Schrannenhalle gehen, da ist es jetzt noch leer und man ist nicht derart auf
dem Präsentierteller."
Die Schrannenhalle war an jenem Vormittag
wirklich nicht sonderlich frequentiert. Sie fanden mühelos ein ruhiges Plätzchen, und nach dem
jeder eine kleine Bestellung aufgegeben und das Bestellte erhalten hatte, holte
David Padlowski vorbereitete Schreiben und einen wattierten Umschlag heraus:
"Johannes, Walter Goerz, geboren am 5. April 1947 ich bin mit Urkunde vom 22.
November.1977 als Vertreter der Anwaltskanzlei Padlowski beauftragt, ihnen das
Legat des amerikanischen Staatsbürgers Moses, Jehuda Mausele, geboren am 12.
Februar 1906 in München, verstorben am 5. Dezember 1977 in Jaffa,
auszuhändigen. - Bitte weisen Sie sich aus.
Nachdem Sie sich mir gegenüber im Beisein des
Israelischen Regierungsbeauftragten Charon Hanegby, der sich ebenfalls durch
Vorlage seines Dienstausweises legitimiert hat, ausgewiesen haben, übergebe ich
Ihnen das Legat in einem zweifach versiegelten Umschlag. Bitte quittieren Sie
hier, nachdem Sie sich von der Unversehrtheit beider Siegel überzeugt
haben."
Johannes spürte wieder einmal eine Panik in
sich aufsteigen. Der Umschlag mit handschriftlichen Daten und deutlich
unversehrten Siegelbändern sah gar nicht nach dreißig Jahren aus, aber er hatte
die Zeit vermutlich sorgsam verwahrt in einem Banksafe verbracht.
Er erbrach die Siegel und förderte einen
ebenfalls versiegelten Brief und ein winziges, edel aussehendes Etui zu Tage.
Das Etui ließ er aus einem Impuls heraus, sofort in seiner Westentasche
verschwinden.
"Würden die Herren mich vielleicht für
einen Moment alleine lassen, damit ich den hier lesen kann?" Johannes wäre
gar nicht auf die Idee gekommen, den Brief erst zu Hause zu lesen - so
geschickt und suggestiv hatte ihn Hanegby bereits konditioniert.
Die beiden marschierten zur Bar, wo Padlowski
offenbar schon mal zahlte, denn er hatte den Bon dabei.
Johannes öffnete den Umschlag, in dem sich
nur ein handschriftliches Blatt fand und
begann zu lesen:
Lieber
Johannes!
Du bist noch
am Leben und ich bin seit dreißig Jahren tot. Das wird Dir alles schon
wundersam genug vorkommen. Deshalb war mir bei meinen Überlegungen vor allem
eines wichtig: Du musst begreifen, wie bedeutend unsere Gespräche auch für mich
waren. Wenn ich einen Sohn gehabt hätte, wäre ich dankbar gewesen, er wäre so
leidenschaftlich und leidensfähig gewesen wie Du - und so voller Talente...
Es war für
mich sehr befriedigend, über die Kanäle, die mir auch in Israel noch zur
Verfügung standen, Deine ersten Erfolge als Autor mit zu erleben. Die
Schilderung Deiner Gefühle zum Attentat in dem Olympia-Buch von 1972 - das war
ergreifend.
Nun ist der
Terror bitterer Alltag, und ich schäme mich nicht, dass ich zu seiner
Bekämpfung Dinge ersonnen habe, die eines Arztes, der ja Leben bewaren und
schützen sollte, vielleicht unwürdig sind. Ich habe in einem Containerdorf auf
den Westbanks – also am westlichen Hochufer des Jordantales und nicht weit vom
Negev ein Waisenhaus für Kinder verschiedenster Nationen und Rassen gegründet,
die durch Kriege oder Terror alle Eltern und Verwandte verloren hatten. Wenn
meine moralisch sicher fragwürdige Idee verwirklicht wurde, dann sind sie in
dem Moment, da Du dies liest, zu den wohl wirkungsvollsten Waffen im Kampf
gegen den Terrorismus heran gereift…
Mehr wirst Du
erfahren, wenn Du das Schließfach zu dem Du den Schlüssel im beiliegenden Etui
findest, durchgesehen hast. Ich empfehle, den Inhalt zu Deiner eigenen Sicherheit,
nie aus dem Tresorraum mitzunehmen. Dein Identifizierungscode entspricht dem
Rhesusfaktor Deiner sehr seltenen Blutgruppe in Kombination zu der Jahreszahl,
in dem Du Deinem Ungeheuer erstmals begegnet bist.
Ich habe -
damit Du frei von wirtschaftlicher Not - wie ein historischer Forscher ohne den
Zwang "publish or perish" arbeiten kannst, 300 000 Schweizer Franken
festverzinslich für Dich angelegt. Das Kredit-Institut findest Du in Zürich am
Limmat-Kai unter der Nummer, die der Zahl der Yards entspricht, die ich bei
meiner allerersten Prüfung in Harvard zu bewältigen hatte. Dreißig Jahre – wenn
die Welt überhaupt noch halbwegs so ist, wie ich sie verlassen habe - sind eine lange Zeit mit Personalwechsel,
Umzügen und neuen technologische Errungenschaften. Was nach dem zweiten
Weltkrieg teilweise mit jüdischem Vermögen in Schweizer Bankhäusern passierte,
ist ja nicht nur Spekulation. Ich hoffe, es klappt alles.
Ansonsten: "Use
your skills!" Weißt Du noch, wie
ich Dir diesen Spruch übersetzen sollte? Ich hoffe sehr, Du hast ihn immer
befolgt.
Dein Arzt und
Freund
Moses Mausele
Als er zu den beiden Männern an
der Kaffee-Bar schaute, liefen ihm die Tränen herunter.
"Ich muss hier raus. Ich bekomme keine
Luft mehr."
Die beiden flankierten ihn zum Ausgang. Draußen
machte er sich schwer atmend los. Dann fiel sein Blick auf die Schlange, die
sich auf der anderen Straßenseite vor dem Brotreste-Laden der Hofpfisterei
gebildet hatte.
"Ich muss aus dieser Geschichte
raus!" rief er. Dann lief er - ohne rechts und links zu gucken - über die
Straße. Um ein Haar wäre er auch noch überfahren worden. Hanegby und Padlowski
schauten sich ratlos an, als er begann, auf einen Mann gleicher Statur nur ärmlicher
aussehend, wild gestikulierend einzureden. Doch schon nach wenigen Augenblicken
war von ihrem Standort aus in der unordentlichen Menschenschlange nicht mehr zu
erkennen, welcher der eine oder der andere
war.
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