Freitag, 30. August 2024

Bilder-Geschichten 29

Wachskreide-Gouache-Mischtechnik,  ca. 2002


Der Mann vom Meer
(Entwurf Deckblatt für Partitur und Skript)

Wenn  etwas für jemanden 
zu lange spitzenmäßig läuft,
bekommt derjenige leicht
einen Anfall von Größenwahn.
Nach der Jahrtausendwende
war ich so voller Euphorie, dass ich
die Musik in meinem Kopf
mit Handlung und Kompositionen
zu einer symphonischen Dichtung
zusammenfassen wollte.
- Und das, obwohl ich ja kaum Noten lesen,
geschweige denn sie arrangieren
konnte. In meinem Kopf waren die
Handlung samt Texten und Melodien fertig.
Aber irgendwie hatte ich
mich bei der Umsetzung auch auf meinen
multimusikalischen Sohn verlassen.
Der stand jedoch vor dem Abitur
und hatte seine eigene Musik im Kopf.
Deswegen war ich in meinen Vorstellungen
ja schon von einem Arrangement
aus Hardrock und Streichquartett ausgegangen.
Die Uraufführung sollte
hier auf der Piazza multimedial von den Zinnen
beschallt und mit projizierten Videos
als Hintergrund über die Bühne gehen...
Ein schönes Hirngespinst!
Dabei ist außer den Partituren
noch alles vorhanden.
Das verschollene Deckblatt oben
 ist erst im letzten Winter wieder
aufgetaucht. - Es war hinter
einen Schrank gerutscht.
Es wird wohl nirgendwo hängen,
weil ich insgeheim immer noch hoffe,
dass mein Sohn sich meiner erbarmt.

 

Mittwoch, 28. August 2024

Bilder-Geschichten 28

Öl auf Leinwand, Castello um etwa 2020



Wir Kinder der Sonne


Die lebenspendende Sonne als ewige Freundfeindin?
War's wieder einmal eine meiner Vorahnungen? 
Unsere Dachterrasse musste in
immer kürzeren Intervallen neu 
gestrichen werden, weil der Saharastaub
mit dem Schirokko-Wind als Gebläse
sie mal rot, siena und im schlimmsten Fall
mausgrau färbte. Aber da war
die Luftfracht aus der Wüste noch nicht
wie heute auch Thema für die Länder
 nördlich des Alpenhauptkammes.

Das Bild entsprang nach und nach
meiner oft ungefilterten Phantasie:
Die Sonne verlöre durch die
verstaubte Atmosphäre ihre gefährliche
UV-Strahlung. Der Rest der Menschheit
könnte ganze Tage ungeschützt
in der Sonne herumtollen und
hätte durch die sich andernort
in
der Wüstenei häufenden,
luftgefilterten Niederschläge
reinstes Wasser im Überfluss.
Infolge ihrer dadurch amphibischen
Veränderung mutierten sie zu individuellen 
Unterwasser-Jägern mit wahlweise
hinzu zu aktivierten Kiemen.
Was die "Kinder der Sonne" dabei nicht ahnten:
Das immer noch im Meer
überreichlich vorhandene Mikroplastik
verstopfte ihren Verdauungs-Zyklus
und die Blutbahnen. Was ihnen wie
ewige Jugend anmutete, war in
Wahrheit 
in ihren plastifizierten Hirnen
eine Wahrnehmungsverkürzung
der unfruchtbaren Lebenserwartung...


 

Montag, 26. August 2024

Bilder-Geschichten 27

Öl auf Leinwand,  Castello 2005

  Uomo di Mare

Wer sich als Maler beweisen will,
versucht sich irgendwann auch
an einem Selbstbildnis.
Damit mich aber niemand für 
einen eitlen Fatzke hält, habe ich
mich damals persifliert:
2005 war ich 56 - also nicht so
alt, wie ich mich damals gemalt habe.
Zudem habe ich die Kapitänsmütze 
hinzugefügt, die ich meinem Sohn,
Deinem Onkel, im Alter von fünf auf
Capri für eine Foto-Session
gekauft hatte. Mein letztes
Schiff, una barca da pesca,
war zwar klein, aber in meine Hand
passte sie dennoch nicht:
Bezeichnender Weise hieß sie
"L'Ultima", die Letzte...

 

Freitag, 23. August 2024

Bilder-Geschichten 26

 

Öl auf Leinwand, Fakse Ladeplads 1984

Die roten Segel

Die Grünen Segel der
"Alexander von Humboldt"
haben mir nie gefallen. Grüner Rumpf mit grünen Segeln, das war nicht nach meinem Geschmack. Deshalb habe ich dem Dreimaster beim Familienurlaub in Dänemark am Strand malend einfach rote Segel verpasst. Das ehemalige Segelschulschiff wurde später durch eine Pils-Werbung weltberühmt. Auf ihm zu Segeln, war immer mein Traum.



Mittwoch, 21. August 2024

Bilder-Geschichten 25

Öl auf Leinwand frühe 1980er

Hahnenkampf

Von  meinner ersten Reise über die  Philippinische Hauptinsel Luzon zurück, beschäftigte mich vor allem die Archaik, die diesen überwiegend so streng katholischen Teil des Archipels damals noch umtrieb. Vor allem die Stadien, die an frühen Werktagen schon überfüllt mit armen Menschen waren, die ihr letztes Geld bei Hahnenkämpfen verwetteten. Prachtvolle, farbige Tiere mit klingenbesetzten Sporen gingen  - zuvor aggressiv gemacht - aufeinander los, um innerhalb von Minuten unter lautem Jubel blutüberströmt ihre Buntheit im Sterben zu verlieren.
Meine beiden Streithähne auf dem Bild oben haben jedenfalls mehr als 40 Jahre überlebt und hängen immer noch  unversehrt im Gästezimmer.



 

Montag, 19. August 2024

Bilder-Geschichten 22 bis 24

 Diese drei Bilder hängen hier, obwohl sie weder technisch noch inhaltlich gelungen sind. Sie entstanden nach meinem Motto: Dunkle Seelen werden hell, malst du schnell ein Aquarell!

Der tröstende Tod

Ein Schulkamerad Deiner Mutter und Deines Onlels war an einer schrecklich grausamen Krankheit gestorben. Ich kannte ihn eigentlich nicht, wurde aber gebeten, einen Liedtext in Englisch für die Trauerfeier zu schreiben, das Deine Mutter dann vortrug. Mich beschäftigte die Frage, ob der Tod jemals trösten könne, zu lange. Da malte ich schnell dieses Aquarell

 Herzenslust und Herzenslast

Vor genau zehn Jahren hatte ich meinen zweiten Herzinfarkt. Wieder bekam ich Stents gesetzt, und wieder war ich nicht bereit, meinen herzhaften Lebensstil zu ändern. Als Mahnung und gegen die Angst entstand dieses Bild

Hangover 

Alkohol gegen die Angst ist eine schlechte Rezeptur. Ich hatte nie Angst, wie Koleginnen und Kollegen, alkoholkrank zu sterben, obwohl ich oft mehr trank, als ich eigentlich durfte. Es waren die Hangovers danach, die mir letztlich immer weniger Lust auf Alkohol machten. Aber an den Punkt muss jeder selber kommen. Ich war nach diesem Aquarell so weit. 

Freitag, 16. August 2024

Bilder-Geschichten 21

Öl auf Leinwand, Jahrtausendwende

La Seconda Primavera
Solltest Du bei einem Hobby einmal besondere Fähigkeiten entwickeln, lass Dich nicht dazu verleiten, deshalb Aufträge anzunehmen. Selbst wenn es Dir schmeichelt. Da könnte das Hobby schnell seine Unschuld verlieren und zur Besessenheit führen. Bei diesem Frauenbildnis habe ich diesen Fehler gemacht. Ein alter Freund wollte als Überraschung ein Porträt seiner Frau, mit der ich ja ebenfalls befreundet war. Als Vorlage gab er mir ein blasses Polaroid, auf dem sie gerade in eine Banane gebissen hatte: Schiefer Mund und dicke Backe. Hätte ich dazu die Banane in ihrer Hand  gemalt, wäre das an Obszönität nicht zu überbieten gewesen.
Also malte ich Sie immer mehr so, wie ich sie bis heute sehe: In einem ewig zweiten Frühling, umgeben von Orchideen und mit einer Friedenstaube auf dem Zeigefinger.
Das Bild habe ich natürlich nicht herausgerückt - lieber gestand ich mein Scheitern. Jetzt hängt es hier in unserer Schönheiten-Galerie.

 

Mittwoch, 14. August 2024

Bilder-Geschichten 20

Öl auf Leinwand, Planegg ca. 1984

Dagupan

Von all meinen Reise-Gemälden ist mir dieses am liebsten. Es ist ein Beleg dafür, dass wenn alles  schief läuft, am Ende der Augenblick einer Impression allem zum Trotz erhalten bleibt:
Bei aller Planung hatte ich nicht damit gerechnet, dass der Monsun so früh einsetzen könnte. Die ganze Reportagen-Woche für den Norden der Philippinischen Hauptinsel Luzon fiel buchstäblich ins Wasser. Der Leihwagen vom Typ Colt Lancer verreckte auf der Brücke über den Fluss bei Dagupan. Das Wasser drang schon ins Wageninnere, aber ich hatte nur Augen für dieses Szenario im undurchdringlichen Regenschleier. Die normalen Kameras wären innerhalb von Sekunden ruiniert gewesen,
Aber ich hatte noch eine wasserdichte Polaroid im Handschuhfach. Das Ergebnis war völlig verschwommen und unscharf, aber es reichte als Inspiration für dieses Gemälde.

 

Montag, 12. August 2024

Bilder-Geschichten 19

 

Öl auf Leinwand, Chiusanico 2004
  

Baron Samedi tanzt vor dem Tor der Hölle

Wenn Du alt genug bist, zu verstehen, was ein Agnostiker ist, kannst Du an diesem Bild erkennen, wie schwer es Deinem Opa fiel, zu verstehen, warum viele an so vieles unterschiedlich glauben können.

Als ich meine Fotos von der Reportage über die Insel Reunion im Indischen Ozean fast 20 Jahre später digitalisierte, fiel mir auf, dass das Foto vom Altar des Baron Samedi fehlte. Also malte ich dieses Bild zum alten Kontext.

 Schräg gegenüber von meinem Hotel an der Nordküste des Französischen Überseedepartements beobachtete ich immer wieder, dass Menschen verschiedener Herkunft ihre Fahrzeuge anhielten, um vor einer Grotte Andacht zu halten. Zumal sie auch Opfergaben wie lebende Hühner  oder Woodoo-Zeug dort niederlegten. Als mal nichts los war, eilte ich mit einer kleinen Kamera über die Straße  und lernte so, dass es im frazösisch-kreolischen Kulturkreis durchaus opportun ist, diese Variante des Teufels anzubeten, um Schaden abzuwenden. Da Baron Samedi bei meinem Besuch natürlich abwesend war, habe ich ihn auf diesem Gemälde einfach nach meiner Vorstellung als teuflischen Rock-Guitarristen dargestellt.


Samstag, 10. August 2024

Bilder-Geschichten 18

 

Öl auf Leinwand ca. 1988

Einmal ein Mahl
im Stil Alter Meister malen

Wenn Du einmal im Berufsleben 
stehst, wird es keine Artdirecters
mehr geben. Das macht dann
alles KI, die alle Ideen aus
dem Netz saugt und sie ohne
menschliche Kreativität
von Algorhythmen zu Neuem
formen lässt.
Dein Opa hätte das Privileg,
ein Jahrzehnt mit einem der
Besten seines Faches 
zusammen zu arbeiten.
Es war Freundschaft wie
zwischen Hund und
Kater. Obwohl er meine
künstlerischen Impulse immer
wieder infrage stellte,
entstanden viele außergewöhnliche
Heft-strecken. Mit meinen 
Bildern könnte er nie etwas
anfangen. War er bei mir
zuhause, sagte er immer
"Schöne Rahmen hast du hier hängen." Einmal gab er 
mir dieses Bild aus einer 
Foto-Revue.
"Wenn du so malst, reden wir weiter."
Als es fertig war, lästerte er nie mehr
 über  meine Hobby-Malerei.
Hier hängt es jetzt  seit einem
Vierteljahrhundert  im Esszimmer.





Donnerstag, 8. August 2024

Bilder-Geschichten 17

Ölkreide auf Karton ca. 1999

Die ewige Gärtnerin
Oder:

Ist es schön, alt zu werden?

Was bleibt von der Schönheit
im Alter?
Das sind Fragen, mein lieber Enkel,
denen Du Dich noch lange
nicht stellen musst.
Aber ich kann dazu nur sagen:
Die Antworten liegen wie so oft
Im Auge des Betrachters.
Unsere Gärten lagen
parallel zu einander,
deshalb haben wir uns oft 
über den Zaun hinweg unterhalten.
Über zwei Jahrzehnte lang.
Kurz nachdem wir nach Italien
zogen, ist sie verstorben,
aber hier hängt die ewige
Gärtnerin in ewiger
Schönheit, der ich mit diesem
abstrakten Versuch allerdings
nicht annähernd gerecht 
geworden bin...

 

 

Dienstag, 6. August 2024

Bilder-Geschichten 16

Öl auf Leinwand

The Nightpatrol
Or The Golden Snail-Gang
Rides Again

Deine Oma hat darauf
bestanden, dass ich dieses
riesige Bild in Deine Sammlung
aufnehme, weil sie will,
dass Du weißt, wie gaga
ich manchmal bin
Die Idee war, dass ich dieses 
Trum meinem Polizisten-Freund
vom NYPD schenke, weil
er mir den Klassiker der 
New Yorker Polizeiwitze mal
bei einer gemeinsamen
Reise erzählt hat:
Eine Schildkröte meldet einer
Streife im Central Parc,
sie sei von einer Bande  Schnecken überfallen worden.
Können Sie die Täter beschreiben? Nein leider,
Das ging alles so schnell!

 

Samstag, 3. August 2024

Bilder-Geschichten 15

 

Aquarell auf Bütten, München 1979

Der Wasserbüffel

Lange habe ich überlegt, ob ich
dieses Aquarell in die Bilder-Geschichten
für Dich einfügen sollte, weil es
nicht nur misslungen ist, sondern
auch mit großen Schuldgefühlen meinerseits
belastet war. Deine Oma war
mit Deiner Mutter schwanger,
als ich zu meiner ersten großen
Reisereportage aufbrach. Ich flog nach Fernost
 obwohl es den Verdacht gab, es hätte
 während den ersten Monate der Schwangerschaft
 
eine Infektion mit Röteln gegeben.
Viele hatten ernsthafte Bedenken, und nur
ein einziger Professor zerstreute sie. 
Wir hatten so lange auf ein erstes Kind
gewartet. Nur war ich eben bei den
"Vorentscheidungen" nicht dabei.
Aber nach meiner Rückkehr
gingen wir dann doch überzeugt gemeinsam ins
Risiko. Das Wunschkind Deines
agnostischen Großvaters wurde bumperlg'sund
ausgerechnet an Heiligabend geboren.
In den Tagen davor, um mich abzulenken,
entstand dieses Bild als Erinnerung
an einen Augenblick auf der Fahrt
zum Taj Mahal bei Agra.
Noch heute ärgert es mich,
dass mir die Fähigkeit gefehlt hat,
diesen mystischen Moment,
entsprechend umzusetzen.
Als dieser riesige Büffel angestrahlt vom
ersten Licht des Tages in dem
 kleinen Teich versank,
war das rückblickend der verheißungsvolle Auftakt
für unvergessliche Geschichten,
die letztlich Dein Leben erst ermöglichten...