Mittwoch, 13. November 2013

Greg und Bella

  Es begann mit einer E-mail an den alten Strippenzieher von den Caimans, Peter McDougal. Jetzt würde er den Januskopf, der wohl nie zufällig immer wieder seinen Lebensweg gekreuzt hatte, einmal umgekehrt aktivieren. Er schickte ihm einen Exzerp all seiner bisherigen Erkenntnisse über die Schatten-Aktivitäten im Hintergrund zum Börsengang des Hamburger Hafens mit dem Bekenntnis, er verstehe die Zusammenhänge nicht mehr und habe sonst keinen Freund in der Finanzwelt, der ihm das verklickern könne. Und  vielleicht - meinte er in einem Nebensatz - sei das sogar ein Zielobjekt, das für den GCPEF in Frage käme...
  Die Antwort als Re-mail war wenige Stunden später auf seinem Bildschirm.
Er - Pete - sei zwar mittlerweile zu alt für solche Raids, aber Gregory Rafferson sei nun im Fund der M.O.T.U. und käme flugs geflogen.
  Der M.O.T.U. bereitete Johannes einige Minuten Kopfzerbrechen, mehr als die Tatsache, dass der Unsympath  "Greg Raffzahn" sein Gesprächspartner sein würde. Aber dann machte es Klick.
  Pete hatte nur ihre Literatur-Rätselspielchen von einst weiter gesponnen: M.O.T.U. - Master of The Universe, so bezeichnete sich der Anlageberater in Tom Wolfes Roman "Bonfire of Vanities" in Strafe provozierender Selbstüberhöhung. War das als dem Schicksal ergebene Ironie gemeint oder als versteckte Warnung? Das "Universe" konnte auch ein Hinweis darauf sein, dass der Konzern-Riese möglicherweise nun auch bei diesem Trust das Sagen hatte?

   "Ui, der Tod", durchzuckte es Johannes schreckensspaßig zwei Tage später. Er war mit Greg im Frankfurter Flughafenclub einer deutschen Großbank verabredet. Der wartete zum Mittagessen in einem  kleinen mit Nussbaumholz getäfelten Separée. Es war ein Büfett für zwei aufgetischt, dass in seiner Üppigkeit im krassen Gegensatz zu der Haut-und-Knochen-Klapprigkeit des Managers stand, der in seinem schwarzen Threepiece-Needlepin" schlotterte, als habe er gerade eine Hungersnot überlebt.
  "Sag nichts - Greg! Du hast die drei Stunden geknackt", sagte Johannes als er den Mann - den er jetzt einfach beim Vornahmen nannte - in einer falschbrüderlichen Umarmung fast in der Mitte entzwei brach.
  "Noch nicht ganz, aber du hast mir mit deiner E-mail so einen Freifahrtschein verschafft - Johannes, dass ich es am 29. April beim Marathon in Hamburg vielleicht schaffe. Die Strecke ist sehr angenehm, und ich kann nebenbei beim Training schauen, was an deiner Sache dran ist."
  Während Johannes an seine erhöhten Zuckerwerte denkend, homöopathische Dosen der Leckereien zu sich nahm, briefte er Greg, der seinerseits, nach einem Salat mit marinierten Putenstreifen, die volle Platte Tri-di-Paste und fast einen ganzen Frischkäsekuchen in sich hinein schaufelte. Zum Nachtisch gab es sogar so etwas wie eine menschliche Regung von dem Asketen:
  "Wir wurden darüber informiert, wie man dir mitgespielt hat. Vielleicht wärst du damals doch besser zu uns gekommen. Aber du solltest Rachegedanken wirklich aus dieser Sache komplett heraus lassen. Wenn Geschäftliches persönlich wird, geht das meist nach hinten los. Und wer weiß? Wenn wir einen Fuß in die Tür bekommen, könnte ja am Ende eine alles heilende Provision für dich drin sein."

  Als ob Geld seelische Wunden heilen könnte. Johannes hatte gehofft, ein wenig Wind zu säen, die Orkan-Ernte wurde jedoch absolut eine Nummer zu groß für ihn.
  Am gleichen Ort traf er am 2. Mai auf einen völlig veränderten Greg. Nicht nur dass er Jeans und indianisch anmutende Slipper (barfuß!) zu einem Blazer trug - er hatte auch die Krawatte zum weißen Hemd weg gelassen. Johannes hatte natürlich längst im Internet nachgelesen, dass Rafferson mit 2:58,31 unter die besten Zehn seiner Altersgruppe gerannt war. Aber er wollte seinem Gesprächspartner natürlich nicht den stolzen Moment nehmen, davon selbst zu berichten, um dann erst zu gratulieren. Zu Johannes Überraschung schien der Amerikaner jedoch nicht deswegen so ausgewechselt und entspannt. Erst langsam begriff er, dass Greg die Mokassins angezogen hatte, weil er sich bereits auf dem Kriegspfad befand. Der sportliche Erfolg war nur Nebensache, die Bestätigung für das Ego.
  "Dein Pike-and-Carp-Theorem muss umgeschrieben werden! Ich glaube Sharks und Piranhas in verschiedenen Becken, die nur darauf warten, dass die Schleusen geöffnet werden, träfen es besser."
  Er zog Johannes neben sich auf einen Stuhl und aktivierte das große Display seines Powerbooks, wo er eine Grafik vorbereitet hatte. Um einen großen Kreis, der den Hamburger Hafen und dessen Liegenschaften am Fischmarkt und der Speicherstadt sowie die übrigen Geschäftsfelder symbolisierte, waren in unmittelbarer Nähe drei verschieden große Zirkel platziert, die mit Großbuchstaben gekennzeichnet waren. Ein wenig weiter außen in deren Peripherie gab es noch zwei Bombensymbole:
  "Fangen wir mit dem kleinsten und ältesten Pool an. Pool A. Da schwimmt dein 'Onkel Barylli' drin, die Leiche von Wolfgang Lindau und noch lebend, aber bereits mit dem Bauch nach oben dein Schulfreund Berger-Steingräber."
  Johannes bemerkte hinter den Namen Lindau und Barylli je ein Sterbekreuz und hinter dem Ex-Senator ein Blitzsymbol. Außerdem führte ein gebogener und geschweifter Pfeil ein Geldsack-Symbol mit einem Dollarzeichen drauf zum Zirkel mit dem Buchstaben B.
  "Wieso hast du hinter Barylli schon ein Kreuz gemacht. Als ich bei ihm war, machte er den Eindruck auf mich, als wäre bei dem selbst mit 100 noch nicht Schluss."
  "Lass mich nur in Ruhe erklären. Der Pool A ist vielleicht wirtschaftlich nicht der stärkste, zumal durch den Tod von Lindau-Grau dessen Vermögen jetzt von Pool B  mit Marita Grau und Hartmut Geyer verwaltet wird, der ja obendrein auch Hausbankier des Heeremannschen Konzerns ist. Was das Knowhow und das Insider-Wissen über den Hafen angeht, hat Pool A - auch wegen der bereits ausgearbeiteten konzeptionellen Ansätze - einen beachtlichen Vorsprung. Barylli hat - das muss ich dir leider schonungslos sagen - zwei Gesichter und ist für viele wichtige Leute in Hamburg durch seine Intim-Kenntnisse eine latente Gefahr. Merk dir eines! Wenn du nach Schwachstellen suchst, findest du sie immer bei Sex und Geld und der unstillbaren Gier nach beidem. Das ist das Trio infernale."
  "Genau das hat mir vor einiger Zeit mit den gleichen Worten ein Berufskiller erläutert. Was ist das denn für eine Welt, in der ihr operiert? Das klingt ja fast, als hättet ihr eine gemeinsame Philosophie."
  "In was für einer Welt lebst du denn - Goofy? Glaubst du denn, du kannst überall mit deiner grenzenlosen Naivität hineinstolpern, und wenn dann die Minen losgehen, einfach nur Augen und Ohren schließen. Du fragst, warum ich hinter Barylli schon ein Kreuzzeichen gemacht habe? Weil der, der das Eliminieren angefangen hat, da weitermachen muss. Barylli muss jetzt eines unnatürlichen Todes sterben, damit bei den dann zwangsweise folgenden Ermittlungen all das belastende Material gefunden wird, das die Sponsoren von Pool A lahm legt. In den Senator ist der Blitz doch schon eingeschlagen. Damit wäre die für die Investition und Hamburg interessanteste - da Hamburger - Gruppe aus dem Rennen."
  "Du scheinst mir ja der gefährlichste aller Raubfische zu sein. Wie kannst du dich auf einen Marathon vorbereiten, so eine Fabelzeit laufen und gleichzeitig derartige Erkenntnisse gewinnen?"
  "Du bist doch früher selber auf Ski lange Strecken gelaufen. Dann kennst du ja den Effekt, wenn sich nach einiger Zeit der Geist vom Körper löst. Aber hellsehen kann ich natürlich auch nicht. Vergiss nicht, es geht um viel, sehr viel Geld, und das 'Universum" ist voller williger Helfer oder Leuten, die sich mit ihm gut stellen wollen. Ich musste beim Laufen ja nur noch eins und eins zusammenzählen... Aber lass mich weiter erklären."
  Und Greg erläuterte die haarsträubendsten Zusammenhänge wirklich so, als sei er ein Professor für das Fach Schatten-Maktwirtschaft.
  Er wusste, dass Hartmut Geyer (hinter dem schon das Blitzzeichen stand) an seiner Geliebten, Marita Grau, allein durch Kickback-Prämien in der Vergangenheit bei Neuanlagen per anno noch einmal sein Manager-Gehalt in seine eigene Tasche gewirtschaftet hatte, was ihr nach neuester Rechtsprechung hätte aber offen gelegt und teilweise auch rückerstattet werden müssen. Außerdem hatte Geyer das Vertrauen seiner geliebten Mandantin des Öfteren zu Anlagen in Fonds missbraucht, an deren Entwicklung er durch eigenes risikobereites Engagement ein ureigenstes Interesse hatte. Wäre etwas schief gegangen, hätte die Witwe Grau heftiger geblutet als er. Das ganze war aber noch nicht strafbar, sondern gegenüber seiner Ehefrau und Marita Grau nur menschlich und moralisch absolut verwerflich. Deshalb seien auch schon Boten unterwegs, meinte Raffzahn, die Geyer, dem Spurenlosen, ein paar deutliche Flecken in diverse Liebes-Laken machen würden.
   Wenn er erst einmal zwischen die Fronten zweier betrogener, Rechenschaft heischender Frauen geraten sei, würden wie von selbst all die strafrechtlich relevanten Details zu Tage treten. Damit war auch Pool B aus dem Rennen. Bei Pool C, in dem es tatsächlich im großen Stil um Insider-Absprachen in Immobilien-Fonds, Herbeiführen feindlicher Übernahmen angeschlagener Baukonzerne oder um Untreue und nicht  den Statuten konformes Verhalten ging, wäre in Folge eine vernichtende Kettenreaktion zu erwarten. Die BaFIN, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, war zwar kürzlich noch von der Süddeutschen Zeitung als zahnlose Raubkatze bezeichnet worden, aber hier reichte vermutlich nun doch ein leichter Prankenschlag von ihr...
  Das einzige was Greg Sorgen bereitete, war die Verfilzung der von Johannes einst beratenen "Latefundis" mit der Elite der Nation - und der Name Heeremann, der zwar immer wieder auftauchte, aber in strittigen Aktionen nicht operativ in Erscheinung trat. Sowohl in Pool B und C als auch in der Bombe auf der unter einem Fragezeichen "Caisse Réparation" stand, erschien in mattem Rot der Name des Baustoff-Multis:
  "Der springt von Pool zu Pool, wirbelt herum, heizt die Stimmung an und ist schon wieder weg", rätselte Rafferson kopfschüttelnd bei seinem Vortrag.
  "Du meinst wie so ein Balletttänzer?" Hakte Johannes nach.
  "Ja, das dürfte ein treffendes Bild sein."
  "Wieso hast du den GCPEF", in die andere Bombe gezeichnet.
  "Na ja, in aller Bescheidenheit, ich bin in der internationalen Finanzwelt auch kein Unbekannter mehr und habe - hahaha - in Hamburg laufend Spuren hinterlassen... Zunächst muss man wissen, dass das alles trotz seiner dramatischen Dimensionen hinter den Kulissen immer noch der Tanz um ein zwar goldenes aber keineswegs ausgebrütetes Ei ist. Wir stehen vor einer Immobilienkrise mit globalen Ausmaßen. Die Hafenbetreiber und selbst die Politiker wissen doch noch gar nicht wirklich, wann und in welchem Umfang beziehungsweise Volumen der Hafen zur AG werden soll. Aber wenn es keinen oder nur einen teilweisen Börsengang gäbe, wäre das für den Grand Caiman Private Equity Fund mit seinen mächtigen östlichen Investoren schon ein - hahaha - Bombengeschäft."
  Was für Vorahnungen!
  Das, was sich in den folgenden drei Wochen abspielte, bekam Johannes nur in einer Art Trance mit, weil ihm wenige Stunden, nachdem er Rafferson ans Gate zum Nachtflieger nach Riad begleitet hatte, ein weiteres traumatisches Ereignis widerfuhr.

  Es war kurz nach Mitternacht am 3. Mai, als Johannes auf der Autobahn bei der Heimfahrt nach München hinter der Ausfahrt Pfaffenhofen/Ilm auf der Standspur kurz die Reflexion von Katzenaugen eines ohne Warndreieck abgestellten Fahrzeuges  sah. Es nieselte leicht, die Fahrbahn war feucht und weder vor ihm noch im Rückspiegel  waren Rücklichter oder Scheinwerfer zu sehen. Es gab daher keine Veranlassung vom Gas zu gehen. Er wechselte mit seinem Volvo-Cabrio lediglich auf die Überholspur, als er wahrnahm, dass sich der aufgemotzte, schwarze Toyota Pick Up mit breiten Reifen wieder in Bewegung setzte und rasch hohes Tempo aufnahm.
  'Na der hat aber vergessen, sein Licht anzuschalten', durchzuckte es Johannes als er warnend die Lichthupe betätigte, weil der Vorausfahrende in die Mitte der Fahrbahn schlingerte...
  Es ist immer wieder erstaunlich, wie das Gehirn in solchen besonderen Situationen funktioniert:
  Als der unbeleuchtete Toyota urplötzlich das Gas wegnahm, durchschoss Johannes die Erinnerung an Michael Schumacher, der im Regen einmal in David Coulthard reingerasselt war und danach alle Hoffnungen auf den sicheren Sieg und die Titelverteidigung begraben musste. Auch die breiten Reifen des Toyotas sorgten für eine Wasserschleppe, aber Johannes hatte nun aufgeblendet. Er sah also was passierte.
  Waren es Hundertstel oder nur Tausendstel einer Sekunde, die ihm an Zeit zum Überlegen und Überleben blieben? Links würde er nicht mehr vorbeikommen, und rechts war die Böschung zu den angrenzenden Feldern zu hoch. Sein Auto verfügte zwar über das viel gerühmte ROPS, das Rollover Protection System, aber das wollte er  nicht gerade jetzt ausprobieren. Die Summe der Gedankenblitze ergab: Bring dich in den Windschatten und vertraue auf Airbags und ABS!
  Wie ein Hammer kam die Rückfront des Pick Ups auf ihn zugeschlagen, und obwohl sich der Volvo so verlangsamte, dass er die Fliehkraft in seinem Körper schon vorher spürte, war der Aufprall von seiner Wucht her ein physikalischer Ausnahmezustand, der ihn erstaunt ausrufen ließ:
  "Das war's dann wohl!"
  Der Pick Up, der sich immer noch im Lenkvorgang auf die Überholspur befunden hatte, erhielt dadurch einen Twist, der ihn in die linken Leitplanken krachen ließ, während der Wagen von Johannes, nachdem der mit dem Kinn auf das Lenkrad geschlagen war und die riesige Knautschzone nicht gereicht hatte, um den Motor zu schützen, wie ordentlich geparkt auf der Überholspur blockierte.
  'Ralph Nader sei Dank!' war der nächste absurde Gedanke in seinem deutlich erschütterten Hirn. Dem unermüdlichen amerikanischen Verbraucher-Anwalt waren fast alle Sicherheitsstandards moderner Autos zu verdanken. Dass das in einem Moment nicht ganz passend gedacht war, da aus irgendeinem Grund weder Airbag noch Dreipunkt-Gurt funktioniert hatten, sollte Johannes erst Tage später bewusst werden. Jetzt reagierte er erst einmal nach einem offenbar vom Adrenalin gesteuerten Verhaltensmuster. Er sprang aus den Trümmern und rannte nach vorne, um zu sehen, ob er etwas für den Toyota-Fahrer tun konnte. Doch auf halbem Weg war der hinkend aus seinem Cockpit gesprungen und schickte sich an, in Fahrtrichtung davon zu laufen. Ja, ja der Schock!
  Um ihm hinterher zu laufen, fehlte Johannes auf einmal die Stabilität in den Bewegungen. Also drehte er sich zu seinem Auto um, und aktivierte noch einmal eine volle Ladung des körpereigenen Reaktionsbeschleunigers. Das einzige Licht, das diese Horrorszene auf der finsteren Autobahn beleuchtete, war die Innenbeleuchtung des Toyotas, weil dessen Fahrer bei seiner Flucht die Tür offen gelassen hatte. Beim Volvo waren alle Lichter aus.
  Himmel, das Warndreieck! Jetzt tat auf einmal jede Bewegung weh. Gut dass es einen Öffnungsknopf in der Fahrertür gibt. Das Dreieck raus und es vor der Brust öffnend und tragend lief Johannes auf plötzlich aus der Dunkelheit auftauchende Scheinwerfer zu. Ja, sah der ihn denn nicht? Er schwenkte das Dreieck, aber da war der Wagen schon heran und Johannes hechtete schmerzhaft auf die Leitplanke.
  Schleudernd gelang es dem Fahrer im letzten Augenblick die Kollision mit den beiden liegen gebliebenen Fahrzeugen zu verhindern. Aber er bremste nicht wirklich, sondern beschleunigte dann wieder, um einige hundert Meter weiter eine Vollbremsung zu vollführen. Schemenhaft glaubte Johannes wahrgenommen zu haben, wie der Mann aus dem Toyota in dieses Fahrzeug stieg und mit ihm davon raste.
  Schöne neue Handy-Zeit! Die nächsten Fahrzeuge hatten schon Blinklichter auf dem Dach: Zwei Streifenwagen der Autobahnpolizei und eine Ambulanz. Ein Brummi-Fahrer von der Gegenfahrbahn hatte den Crash im Rückspiegel gesehen, weil er sich über das unbeleuchtete Fahrzeug am Rande seines Gesichtsfeldes gewundert hatte, aber er war schon zu weit vorbei gefahren, um selbst in der Dunkelheit gefahrlos helfend eingreifen zu können. Nach seiner Meldung wies ihn die Polizei an, sich bei der nächsten Ausfahrt als Zeuge bereit zu halten.
  Der eine Streifenwagen hielt direkt vor Johannes, der das Dreieck immer noch halb aufgeklappt und einfältig vor seiner Brust hielt. Der Sanka parkte zwischen den beiden Unfallfahrzeugen und der andere Streifenwagen sicherte mit Warnblinklichtern und Kellen vom Seitenstreifen aus.
  Johannes packte sein Dreieck ordentlich wieder ein, als sei das im Moment das Wichtigste. Dann langte er hinter den Fahrersitz. Seine Umhängetasche mit dem Laptop schien unversehrt.
  Ein Polizist und zwei Sanitäter kamen auf ihn zu.
  "Wo ist der Fahrer des Toyota?", fragte der Polizist.
  "Per Anhalter weiter gefahren - vielleicht um Hilfe zu holen", antwortete Johannes und glaubte sich selber nicht.
  "Sie müssen sofort ins Krankenhaus! Sie verlieren ja Unmengen von Blut." Sagte einer der Sanitäter und raunte seinem Kollegen etwas von inneren Verletzungen zu.
  Da sah Johannes, dass sein schönes indigofarbenes Sigma-Hemd nicht vom Regen so nass war, sondern vom Blut, das aus seinem Mund sickerte... Zunächst hatte wohl der Schock die Blutungen verhindert.

  Später sollte Johannes die Stunden, nachdem die Notärzte vom Kreiskrankenhaus in Pfaffenhofen an der Ilm ihn mit acht Stichen den Durchbiss zwischen Unterlippe und Kinn genäht hatten, als mit die einsamsten seines Lebens beschreiben. Die jungen Notärzte, die ihn, den nur lokal Narkotisierten, während der Flickarbeit nach besten Kräften durch Scherzen aufmuntern wollten, konnten daran auch nichts ändern. Selbst als sie ihm bei Kontrollen im Laufe der restlichen Nacht das Wunder seines Überlebens und die übrige Unversehrtheit beschrieben. Sie sprachen ihn natürlich auch auf die vom Bart kaschierte lange Narbe in der Oberlippe an. Und er nuschelte ihnen bereits seditiert etwas von einem Dr. Fick vor, der sich ein N in seinen Namen habe operieren lassen. Und dass das alles schon so schrecklich lange her sei. Und dann heulte Johannes wie ein Schlosshund, weil ihm sein Alter so bewusst wurde, und weil - was er den "wundergläubigen" Doktores natürlich nicht sagen konnte -  er dieser einmaligen Gelegenheit nachtrauerte, die es ihm erspart hätte, sein Leben wie geplant selbst zu beenden.
  Ob sie denn jemanden benachrichtigen sollten?
  Und Johannes log, indem er vorgab, da gäbe es niemanden. In Wirklichkeit beherrschte ihn die fixe Idee, seine Kinder und seine Frau würden es ihm nur als Mitleid heischenden Versuch des wieder Anbiederns auslegen, wenn er sie mitten in der Nacht anrufen ließe.

  Dann war er mit dem Schlafmittel, das sie ihm gegeben hatten doch endlich eingeschlafen. Als er erwachte, war sein erster Gedanke: 'Nichts wie raus'. Aber offenbar waren seine Sachen unter Verschluss.
  Dann kam zuerst der Chefarzt mit einem Schweif junger Ärzte von der Tagschicht im Schlepp:
  "Sie haben ja noch mal Glück gehabt, aber Sie müssen mindesten noch zwei Tage zur Beobachtung bleiben."
  "Vergessen Sie es! Ich habe eine Krankenhausphobie und muss hier raus. Wenn's sein sollte auf eigene Verantwortung!"
  "Nun, draußen stehen schon die Herren von der Polizei. Vielleicht bringen  die Sie ja noch zur Vernunft. Es kann tödlich sein, in so einem Falle den unartigen Patienten zu spielen..."
  Er ahnte gar nicht wie!
  Dann kamen zwei übernächtigt aussehende Grüne mit staunender Besorgnis. Sie hatten wohl wegen der vergossenen Blutmenge auch an eine schwerere Verletzung geglaubt.
Sie zückten Klemmbretter mit Vordruck-Formularen und ließen Johannes wiederholt minuziös den Unfallhergang schildern und hakten hie und da etwas gründlicher nach, so dass Johannes zu glauben begann, sie hielten ihn für den Unfall-Verursacher.
  Schließlich sagte der wohl Dienstältere:
  "Das deckt sich alles hundertprozentig mit der Aussage des Fernfahrers, der uns von Ihrem Unfall berichtet hat. Wir wollten nur noch einmal sicher gehen. Draußen warten zwei Herren von einem anderen Dezernat, die sich dringend mit Ihnen unterhalten müssen."
  Johannes bat sie noch, seine Versicherungsagentur anzurufen, die sich um alles weitere kümmern würde. Sein Wagen sei Vollkasko versichert und alle Unterlagen dazu lägen im Handschuhfach. Bereits in diesem Moment hatte Johannes sich bereits - ohne weitere Erkenntnisse abzuwarten - vorgenommen, bis zu seinem Tod auf hoher See schon vorher „unterzutauchen“.
  Die beiden folgenden Herren trugen zu lockerer Freizeitkleidung verspannte Minen und wiesen sich als Kripo-Beamte aus. Kein 'wie geht's' oder 'da haben Sie ja noch einmal Glück gehabt', sondern sofort dienstliche Strenge:
  "Herr Goerz! Was sagt Ihnen der Name Ali Asen Agdar - wohnhaft in Amsterdam?"
  "Nichts!"
  "Das ist der Halter des Toyotas, den Sie heute Nacht gerammt haben."
  "Das klingt ja, als sei ich der Verursacher?"
  "Wir stellen hier nur Fakten fest", mischte sich der andere Zivilbeamte ein.
  "Zu den Fakten gehört", führte der Tonangebende weiter aus, "dass im Fußraum des Toyotas vor dem Beifahrersitz ein komplettes Dossier über Sie und Ihre vergangenen Tagesabläufe gefunden wurde. Der Wagen ist ordnungsgemäß registriert und nicht als gestohlen gemeldet."
  "Na ja, dann können Sie ja Herrn Ali fragen, wieso er Fahrerflucht begangen hat."
  "Können Sie uns den flüchtigen Fahrer beschreiben?", fragte der andere.
  Johannes schloss für einen Moment die Augen und öffnete sie gleich wieder - überrascht von der Präzision dieses Augenblicks in seiner Erinnerung.
  "Der Mann war um die dreißig, etwas über 170 cm groß. Als er heraus humpelte, war er mit dem Scheitel etwa auf Dachhöhe des Picups. Figur austrainiert und drahtig - eher nicht muskulös. Lange schwarze gegelte Dürerlocken und einen schmalen Moustache unter einer gebogenen Nase. Er trug eine Lederweste, Designerjeans von Yves Saint Laurent, Slipper von Aldo Bruee und Socken von Calvin Klein... - Entschuldigung, der letzte Satz war ein Witz", warf Johannes ein, als er sah wie die zwei Bauklötze staunten.
  "Das mit der Lederweste hatte schon seine Richtigkeit. Das mit dem Scherz liegt wohl an meiner anhaltenden Überreizung. Ich denke, der Mann war Amerikaner, aber ich kann im Moment noch nicht sagen, wieso ich das glaube."
  "Wieso konnten Sie überhaupt etwas sehen, Ihre gesamte Elektrik war doch ausgefallen?" Rätselte der Nachhaker.
  "Ich habe mich auch schon gewundert. Ich glaube im Cockpit des Toyota brannte eine besonders helle Innenbeleuchtung - vielleicht auch eine extra Leselampe als der Mann ausstieg."
   "Herr Goerz, uns ist leider gar nicht nach Scherzen zumute. Und Ihnen sollte das auch langsam vergehen. Wir haben den Mann,  der exakt Ihrer Beschreibung entsprach, heute Morgen beim Kloster Altomünster tot aufgefunden. Er war also der Wagenhalter, und was Sie absolut nicht wissen konnten - bei dem Aussehen - wir haben Papiere bei ihm gefunden, die ihn als amerikanischen Staatsbürger ausweisen."
  "Also Herr Goerz, Sie sind Journalist. Arbeiten Sie an  einer Sache, die mit diesen merkwürdigen Vorkommnissen zu tun haben könnte? Und wenn ja. Warum kooperieren Sie nicht?" Insistierte der Zweite.
  "Ich habe wirklich keine Ahnung. Mein Alibi hier im Krankenhaus ist wohl kaum zu erschüttern. Und Sie wissen ja auch, wenn ich - und ich betone das Wenn - an so einer Sache arbeitete, dass mir das Gesetz in so einem Fall auch noch Quellenschutz zusichert. Ich bin aber - wenn man das als Ex-Unternehmer überhaupt sagen darf - zurzeit arbeitslos. Im wahrsten Sinne des Wortes und zwar absolut! Aber Sie könnten mal Ihren Kollegen, Hauptkommissar Peter Kühn vom LKA anrufen und sich über mich erkundigen. Er hält mich nämlich für einen paranoiden Spinner, der immer wieder, ohne es zu merken, in so etwas hineinstolpert."

  Sie hatten sich gegenseitig mit Visitenkarten beziehungsweise im Falle von Johannes – der ja keine gültigen mehr hatte - mit Handgeschriebenem ausgestattet. Sogar seinen Mail-Account verriet er ihnen. Sie kamen daher gar nicht auf die Idee, dass er bei seinem vermuteten Trauma im Verlauf des Tages gar nicht mehr im Krankenhaus anzutreffen sein könnte. Sonst hätten sie vielleicht versucht, ihm Auflagen zu machen...
  Als die Stationsschwester ihm zögerlich seine Sachen aushändigte und das Revers unterschreiben ließ, dass er das Krankenhaus auf eigenen Wunsch und Verantwortung gegen den ausdrücklichen Rat der Ärzte verlasse, sah er als erstes das Kleidungsdilemma auf sich zukommen. Die Jacke - ein Blazer-, Slacks und Hemd waren rostschwarz vom getrockneten Blut verkrustet. Die Slipper waren vom Schlamm neben der Fahrspur total verschmiert. Er sah sein Spiegelbild mit der frisch vernähten und verpflasterten Wunde im Foyer während er auf das Taxi wartete und rätselte, wie weit er kommen würde, ehe man ihn als Gewaltverbrecher festnähme.
  Der türkische Taxifahrer ließ jedoch noch nicht einmal durch ein Wimpernzucken erkennen, ob er seinen Fahrgast überraschend fand. Er hörte nur, dass es nach Augsburg gehen sollte, und das war für ihn eine Fuhre, die ein ganzes Tagesgeschäft bedeutete.
  In Augsburg ließ Johannes sich am Plärrer absetzen und machte sich - deutlich Spuren hinterlassend - auf den Weg zur Wertachbrücke.
  Da er wusste, wie schwer es mit seiner Figur sein würde, passende Kleidung zu finden, suchte er nach nur kurzem Spießrutenlaufen zwischen den Passanten einen Laden für Biker- und Outdoor-Kleidung auf. Bomberjacken und Cargo-Hosen passten wie angegossen. Dazu je ein Fünfer-Pack Army-T-Shirts und Unterhosen in schwarz und weiß sowie halbhohe Nike-Sneekers. Als er die Sachen gleich anließ, fiel ihm auch wieder ein, wieso er geahnt hatte, der Fahrerflüchtige sei ein Ami gewesen. Kein Angehöriger einer anderen Nation hätte unter einem Designer-Polohemd samt Weste ein weißes eng am Hals anliegendes Army-T-Shirt getragen. Ali Asen Agdar hatte sich diese Marotte offenbar in den Staaten abgeguckt...
  Der Verkäufer im Laden, ein ausgemachter Skin, hätte zu gerne etwas von der Riesenschlägerei erfahren, in die sein großzügiger Kunde offensichtlich verwickelt gewesen war. Johannes aber  musste im neuen Outfit nur einmal seinen Gefrierfach-Blick abschicken und sein verletztes Kinn samt Unterbiss vorschieben, um das Heischen zu unterbinden.
  In einer benachbarten Reinigung gab er seine verbluteten Sachen ab, zahlte gleich und kündigte an, es könne ein paar Wochen dauern, bis er sie abholte. Dann ging er zu einem Friseur, der es kaum glauben wollte, dass ein Mann in seinem Alter die prachtvoll weiße einsteinsche Mähne gegen eine komplette Schädelrasur eintauschen wollte. Als er dann aber auch den Rest des Vollbartes, den die Ärzte beim Versorgen des Durchbisses hatten stehen lassen, ums Kinn herum noch entfernen sollte, begriff er:
  In seinem Spiegel war auf einmal ein komplett anderer Mann zu sehen...
  Dieser andere Mann hob bei fünf verschiedenen Sparkassen und Banken mit drei Kreditkarten und zwei EC-Karten insgesamt 2.500 Euro ab. Er hatte nun mit dem stattlichen Rest in seiner Brieftasche ausreichend Bargeld, seinen Laptop und ein Aussehen, das ihn über die letzten  Wochen seines Lebens hinweghelfen würde. Sein Handy hatte er "aus Versehen" in der Tasche vom Blazer gelassen. Nun würde er mit einem "Promotional prepaid" auf Speicherkarten telefonieren.
  - Und er hatte dazu noch den Überraschungseffekt auf seiner Seite, dass so oder so keiner mehr mit ihm rechnete, denn in der Pension Adriana in Schwabing, die er den Polizisten als Adresse aufgeschrieben hatte, meldete er sich zu einer überraschend notwendig gewordenen Reise in die Vereinigten Emirate ab.
  Auf dem Weg zum Bahnhof und im ICE nach Frankfurt war Johannes überrascht, wie die Leute plötzlich auf sein neues Erscheinungsbild reagierten. Auf dem Bürgersteig machten sie einen deutlichen Bogen, um ihm ja nicht in die Quere zu kommen, und das Zweiertischchen im Großraum-Abteil hatte er - obwohl noch Leute auf dem Gang standen, für sich alleine. Er stöpselte seinen Laptop ein und begann auf der Alb bereits seinen letzten Feldzug:

 Die "Chronik seines selbst gewählten Todes" sollte in der Nacht vom 30. Juni zum 1. Juli, in der kürzesten Vollmond-Nacht des Jahres zu Ende gehen. So hatte sich Johannes das zurechtgelegt. Die letzten drei Wochen vor diesem Datum wollte er aber auch noch einmal ordentliche die Sau rauslassen. Er hatte sich zwar von den Gewaltphantasien vollkommen befreien können und sich bei der Wahl der Waffen auf Trevor Tights Spruch "use your skills!" zurückbesonnen. Er wollte es aber auch ein letztes Mal wissen. War er noch in der Lage, allein durch das gezielte Streuen von Informationen eine Kampagne auszulösen, die unter Wahrung aller standesethischen und moralischen Vorgaben die Netzwerker in Verlegenheit brächte?
  Nach altbewährter Methode hatte er die Empfänger der Informationen in Sach- und Fachgruppen unterteilt und auf einem separaten USB-Memorystick gespeichert. Jedem Einzelnen ordnete er nun ein Schlagwort zu, unter dem der jeweilige "Core", der Kern der Wahrheit verlinkt war. Diese Methode zwang die Rezipienten, sich ebenfalls auf ihre Fähigkeiten als Rechercheure oder Netzwerker zu konzentrieren. Der Input kam also zwar von Johannes, das Ergebnis der journalistischen Arbeit würde jedoch allein und teilthematisch exklusiv vom Verfasser stammen. Er hatte, während andere Kollegen noch Rundmails oder gute alte, gedruckte Informationen weit streuten, längst herausgefunden, dass eine individuell aktualisierte Namensliste von etwa 60 Kollegen (darunter 20, die er selbst ausgebildet hatte), die man direkt angehen konnte, alles andere an Effektivität in den Schatten stellte. Die wichtigste Bedingung: Der Empfänger durfte noch nicht einmal in die Nähe einer Ahnung kommen, er werde manipuliert. Die fauleren Kollegen - und das waren 90 Prozent - würden die ersten Veröffentlichungen lesen, sehen oder hören und dann noch in der Peripherie mit einem eigenen, möglicher Weise auch konstruierten Recherche-Ansatz zur Berichterstattung auf den bereits abgefahrenen Zug aufspringen wollen. Das ging im übertragenen Sinne nicht ohne Risiko - soll heißen - Spekulationen und Unterstellungen wurden als Würze dann für solche Beiträge herangezogen und verursachten die eigentliche Hype, mit der die nicht mehr einzugrenzenden Folgen ausgelöst wurden...
  Seit jeder alles ins Netz stellte, was auch immer er veröffentlichte, wurde es dem Manipulator auch leicht gemacht, einen Ansatzpunkt bei der Eitelkeit des Ansprechpartners zu finden. Johannes begann mit einigen exponierten Wirtschaftsjournalisten. Einer von ihnen hatte gerade einen verdeckten Test über die Qualität von Banken bei der Kundenberatung durchgezogen. Er wurde wegen der sofortigen Re-mail-Option gerne auf elektronischem Weg informiert.
  Das lief beispielsweise so:
E-mail Johannes: Grüß Dich! Habe gerade Deine tolle Serie über die Kundenberatung gelesen. Was passiert eigentlich bei den Großanlegern mit den Ausgabegebühren und den Kickbacks? War gerade in Hamburg. Ich verstehe ja nichts davon, aber wenn die jetzt alle die Provisionen zurück haben wollen. Da wird es im Gebälk ganz schön ächzen.
Lass mal von dir hören!
J.G.
Re-mail: Ebenfalls grüß Dich! Hörst Du wieder die Flöhe husten oder gibt's was Konkreteres?
W. v. R.
Re-Re-mail: Wenn Flöhe husten, dann sitzen sie im alten Pelz des grauen Wolfes. Aber von mir hast Du das nicht. Ist nämlich nur Hörensagen. Bis bald mal ...
J.G.

  Die Hedgefunds- und Heuschrecken-Schreiber bekamen ähnlich kryptische, "fachliche" Hinweise.
  Trotz des G8-Gipfels und der Doping-Geständnisse im Radsport, die in jenen Tagen die Schlagzeilen beherrschten (letztere übrigens eine Meisterleistung des Kollegen aus dem Verlag, der die Memoiren eines Radsport-Masseurs verlegt hatte...), konnte Johannes nur 24 Stunden später stolz auf erste Erfolge sein.
  Die Öffentlichkeitsarbeit der Hamburger Hafenbetreiber, war offenbar wegen sich auf einmal häufender Anrufe und Anfragen selbst in die Offensive gegangen. In den Wirtschaftsteilen aller großen Tageszeitungen war über die mögliche Entscheidung zur Wandlung in eine AG für den kommenden Herbst "aus erster Hand " zu lesen.
  Einen seiner ehemaligen Volontäre, der Ressortleiter bei einer krachgelben Wochen-Illustrierten geworden war, rief er einfach mal so an. Wie er das von Zeit zu Zeit aus alter Fürsorge sowieso immer wieder mal tat. Der Junge war ein krasser Zyniker geworden. Er gab unumwunden zu, dass das permanente "unter der Gürtellinie Schreiben" nun so gar nicht das sei, was er sich immer vom Journalismus erträumt habe, aber die Bezahlung sei nun mal so affenartig gut, dass er seiner Familie doch schon ein ganz beachtliches Leben bieten könne. - Was denn nun sein alter Chef so täte, nachdem man ihn geschlachtet habe. Johannes berichtete resigniert von den Recherchen für sein Buch aus Hamburger Kindheitstagen und sinnierte dabei, wie klein die Welt letztendlich doch sei. Dass die Witwe des Boxweltmeisters, seines Schulfreundes, nun ausgerechnet mit dem Mann rummache, der seinen Arschtritt vorbereitet habe. Und dass ein anderer Schulfreund im Gefängnis säße, und dass er doch keine "Denver-Clan"- oder "Dallas"-Geschichte habe schreiben wollen...
  Innerhalb einer Woche waren alle Initial-Zünder für die journalistischen Zeitbomben in dieser oder ähnlicher Weise an den Mann gebracht. Als letztes hatte er seiner Lieblingsschülerin Sylla Streit eine CD-Rom gebrannt, auf der alle ihre Inputs drauf waren, aber auch die Erkenntnisse und Mutmaßungen von Gregory Rafferson. Er schickte sie an ihre Privatadresse. Nur für alle Fälle. Sie konnte ja in dem Frauen-Titel, für den sie arbeitete, mit dem Material ohnehin nichts anfangen. Aber es war irgendwie gut zu wissen, dass jemand Verlässliches nach seinem Tod den "Zugriffscode" zu möglichen Hintergrundstorys in der Hand hielt.
  Bei allem Tun, war sich Johannes auch seiner Unauffindbarkeit sicher. Vom Frankfurter Hauptbahnhof war Johannes zu Fuß auf dem Eisernen Steg über den Main nach Sachsenhausen gewandert. Dort am Affentorplatz mitten im Ebbelwoi-Eldorado hatte er eine verlässliche Verbündete.
  Annabella Bartók war die Sekretärin von Ron Farmer beim EFA gewesen. Keine drei Monate nach dessen Tod hatte ein im Machtrausch vollkommen veränderter früherer Mitarbeiter sie an den Rand zu einer Einweisung in die Psychatrie gemobbt und dann, als sie sich mittels der Frankfurter Frauenbeauftragten zu Wehr gesetzt hatte, wegen Vertrauensbruch fristlos gekündigt. Bevor Johannes selbst aus den Verträgen gekickt wurde, hatte er ihr noch beigestanden, so gut es ging, aber doch nicht ihren dramatischen Substanzverlust aufhalten können. Zumal das arbeitsrechtliche Verfahren noch nicht abgeschlossen war, und die EFA die gerichtlich angeordnete Lohnfortzahlungen in zynischster Weise nur auf den letzten Drücker leistete.
  Deshalb war Bella Bartók - wie sie in Anlehnung an den Komponisten früher liebevoll von den Kollegen genannt wurde - einerseits dankbar für die Gesellschaft. Andererseits kam ihr aber auch das Geld gelegen, welches Johannes ihr dafür versprochen hatte, dass er für vierzehn Tage bei ihr Unterschlupf suchte und sich auch ihren VW-Golf ausleihen wollte. Nur wäre es zu dem Deal fast nicht gekommen.
  Als sich Johannes an der Haussprechanlage gemeldet hatte, betätigte sie den Türöffner und machte bloß die Tür im ersten Stock auf, um weiter in der Küche zu werkeln. Als der Skin plötzlich in ihrer Diele stand, schrie sie lautlos auf und setzte sich auf den Hintern; so erschrocken war sie und einem Infarkt nahe.
  "Was ist denn nur mit dir passiert", japste sie nach Luft, als sie Johannes endlich erkannt und sich wieder halbwegs gefasst hatte.
  "Das ist wirklich eine lange Geschichte. Bist du auch sicher - bei allem, was du schon hast mitmachen müssen - dass du sie hören möchtest?"
  Die quirlige echt Rothaarige mit niedlichen Sommersprossen, war, obwohl gerade mal vierzig, in dem halben Jahr, in dem sie sich nicht gesehen hatten, deutlich ergraut. Ihre einst wuchtigen Locken waren irgendwie glanzlose und dünne Kringel geworden. Hinter ihrer altmodisch katzenäugig geformten Brille war der Glanz ihrer graublauen Augen verschwunden.
  Eine Schönheit war sie indessen nie gewesen, aber das hatte sie mit ihrem verwegenen Charme immer wettgemacht. Johannes konnte sich daran erinnern, dass er ihr bei einer Dienstreise zu den vermeintlich blühenden Landschaften in Neufünfland im Scherz einmal versprochen hatte - sollte sie jemals mit ihm schlafen mögen - er aus Dankbarkeit  all ihre Sommersprossen zählen wolle.
  Das wollte er sich jetzt nicht mehr vorstellen. Als er ihr aufhalf, stieg zudem der süßlich unangenehme Dunst in seine Nase, den Alkoholikerinnen verströmen...
  Sie setzten sich an einen kleinen Bistro-Tisch in die Küche, die noch von der Nachmittagssonne beschienen wurde und begannen wechselseitig zu erzählen. Es war der Dialog zweier gebrochener Persönlichkeiten, in dem die Hoffnung keimte, man könne die Verliererstraße durch gemeinsamen Richtungswechsel verlassen. Johannes kam sich dabei wie ein Betrüger vor, weil er ihr nicht eingestehen konnte, dass zumindest sein Leben in ein paar Wochen vorüber sein würde.
  Es war längst dunkel als sie nicht mehr weiter reden konnten. Aus den benachbarten Ebbelwoi-Kneipen drang die Heiterkeit von Zechern, die mit Frühlingsgefühlen die Lokale verließen, während bei ihnen in der Küche schon Herbst war.
  "Du musst ja nicht auf der Couch schlafen!"
Für einen Augenblick glomm die "Mata Hari", die sie mal gewesen sein mochte, durch ihre Verzweiflung.
  "Ehrlich, ich bin echt zu müde, um jetzt noch deine Millionen Sommersprossen zu zählen", scherzte Johannes matt, sich der Ausweglosigkeit der Situation bewusst werdend, in die er sich mit ihr begeben hatte.

  Annabella war ein Computer-Ass, und ihr machte in den folgenden Tagen das Zuarbeiten beim Ränkespiel von Johannes einen derartigen Spass, dass das Fiasko des versuchten Aktes (von was auch immer) schnell vergessen war. Auf der vorübergehenden Heiterkeit, die beide befiel, lag jedenfalls kein Schatten mehr. Es war Johannes, dem Talente-Erkenner klar, sie würde zu alter beruflicher Brillanz zurückfinden, so bald ihr jemand noch einmal die Chance dazu bot. Es durfte nur nicht mehr allzu lange dauern.
  Am darauf folgenden Wochenende machten sie wie tausend anderer Paare einen gemeinsamen Ausflug nach Kaiserslautern und in den Pfälzer Wald. Johannes wollte aber ein Hühnchen der Vergangenheit noch persönlich rupfen und deshalb musste er sich schon einmal einen gewissen Überblick verschaffen.
  Sie fuhren zur Zentrale von Heeremanns Baustoff-Imperium und schauten sich dann auch die in Hanglage zum Pfälzer Wald erbaute Designer-Villa an, die mit Heeremann auf beinahe jedem Foto in nahezu allen einschlägigen Zeitschriften gerühmt worden war. Der Mann hatte in seiner grenzenlosen Eitelkeit offenbar keinerlei Sicherheitsbedenken...
  Aber die Amerikaner! Wegen der verschärften Terror-Warnstufe im Vorfeld des G8-Gipfels standen die US-Einrichtungen und -Bürger bereits seit einigen Wochen unter verstärkter Beobachtung. Johannes wurde - ohne es zu ahnen - wegen seines neuen Aussehens aus einer Video-Aufzeichnung selektiert, die automatisch in der Innenstadt aufgenommen worden war. Da sie nirgends kongruente Merkmale aufwies, wurde sie auf die Computer einer Sonderabteilung in Bonn überspielt, deren Datenbank-Abgleich entsprechend größer war. Als auch dort kein positiver Abgleich stattfand, erhielt auch die CIA Zugriff.
  Nach Ansicht von Insidern wurden auf diese Weise im Vorfeld von Heiligendamm ohne nähere Prüfung etwa 800 Individuen (Individuals) dem Generalverdacht des mittlerweile überwiegend im europäischen Jenseits der Legalität operierenden US-Geheimdienstes ausgesetzt. Internationale Sicherheitsexperten stritten sich indes, ob die generelle Video-Überwachung zur Prävention überhaupt tauge. Dass sie ein hervorragendes Mittel zur späteren Täter-Ermittlung war, steht hingegen seit London und Köln außer Frage.
  Johannes jedenfalls konnte vierzehn Tage im VW-Golf hausend, seine Ausspähungen vornehmen. Hätte sein Auftritt als unfreiwilliger Video-Held Sicherheitsrelevanz gehabt, wäre aufgefallen, dass er jede Nacht in einem kleinen Ort im Pfälzer Wald auf dem Parkplatz vor dem Erlebnisbad kampierte, jeden Morgen seine Bahnen schwamm und dann im Anschluss seine Körperpflege dort verrichtete. Pünktlich um Viertel vor Zehn stand er in Sichtweite des Firmen-Portals und wartete auf das Eintreffen seines Zielobjektes. Nach dessen Tagesablauf richtete sich dann sein eigener.
  Man konnte gegen Heeremann alles Mögliche vorbringen. Doch einer wie er wird nicht so reich und mächtig ohne Präsenz. Er reiste nicht - zum Glück von Johannes -, sondern ließ kommen. Und wer da alles antanzte. Die halbe "Latefundis"-Führungsebene kam mehrmals pro Woche über den Rhein. Scheichs in Stretch-Limousinen und mancher aus den Nachrichten bekannter Politiker der so genannten zweiten Reihe. Als dann am Freitag der ersten Woche ein braun gebrannter Gregory Rafferson die Stufen zu dem gläsernen Eingangspavillon hinauf federte, verkrampfte sich der Pylorus von Johannes als untrüglicher Panik-Anzeiger.
  Geld und Sex sowie die Gier danach!
  Johannes hatte seinen Plan an einer infinitesimalen Größe fest gemacht. Als die Jungs, die er dem ersten Vorsitzenden einst zur Seite gestellt hatte, noch seine Jungs waren, hatten die sich in einer Sitzung darüber lustig gemacht, dass die Libido des Multi-Managers offenbar auch genau nach Zeitplan bedient werden müsse. Und, dass Heeremann  (nix G'wisses woaß ma net) dreimal wöchentlich direkt vom Mittagessen mit der Familie in seiner Designer-Villa (zum Aufhupferl) in einen grünen Vorort auf der anderen Seite der Stadt aufbrach.
  Tatsächlich war das so. Heeremann fuhr mit seinem 300PS-Lexus - so er im Lande war - montags, mittwochs und freitags neunzig Prozent der Verkehrsregeln missachtend zu einem einfachen 60erjahre- Spießerhäuschen im Südwesten. Es stand unisono mit Häusern ähnlicher Bauweise und gleich dimensionierten Gärten in einer Häuslebauergegend mit penibel gefegten Bürgersteigen, in der noch Bataillone unterschiedlichster Gartenzwerge das Regiment führten.
  Aber Heeremann wurde nicht von einer prallen top geschminkten Sex-Göttin under cover erwartet, sondern traf dort ein junge arabische Frau und zwei hellhäutige, leicht arabisch aussehende Knaben im Vorschul-Alter, mit denen er dann ausgelassen im Garten Fußball oder anderes spielte. Wenn es zu einem "Aufhupferl" kam, dann höchstens als Quicky bei Regen. Denn so oft Johannes diese Vorstadt-Idylle beobachtete, vergaß der Manager über das Spielen mit den Kindern seine Zeit und startete mit quietschenden Reifen, um pünktlich um vier wieder im Büro zu sein.
  Johannes war schlagartig  und wegen der Idylle auch wehmütig klar, da gab es nichts zu diskreditieren. Ein Mann von der lokalen Bekanntheit Heeremanns konnte in einem derartigen Spießer-Ambiente kein Doppelleben incognito führen. Da kam er für alle sichtbar offenbar einer sozialen Verpflichtung nach. Johannes war in eine Sackgasse geraten, aber nicht wirklich unglücklich darüber. Schon bei den journalistischen Tretminen, war er ja aus seinem Moralkodex geschlüpft. Aber die Wut auf diese Janus-Köpfigkeit von Heeremann hatte sich gerade deshalb noch gesteigert.
  Nach zwei Tagen Ringen mit dem inneren Teufel blieb der Vorsatz zur lässlichen Sünde; dem Aalglatten wollte er zumindest einen Denkzettel verpassen. Er hatte an ein Arrangement im Stile von „Il Mulo“ gedacht…
  Um die Spießer-Gartenstadt verkehrstechnisch zu befrieden, waren die Straßen, die sie im Süden und Westen begrenzten, zu einer umgehenden Vorfahrtsstraße verknüpft worden. die gerade Straße, in der Heeremanns "arabische Familie" wohnte, verband diesen Bogen wie das Blatt einer Laubsäge, hatte aber an beiden Einmündungen – entgegen der gefühlten und optischen Präferenz - ein "Vorfahrt-beachten-Schild". Bei seinem Le Mans-Start und dem PS-Geprotze ignorierte Heeremann diese Regelung jedes Mal.
  Am letzten Freitag in Deutschland lauerte Johannes Heeremann regelrecht auf. Wenn man kurz vor der Einmündung in die Vorfahrtstraße stand, konnte man den Lexus vor dem Haus hinten in der Querstraße gut stehen sehen. Kurz vor vier eilte Heeremann wie üblich im Laufschritt heraus, sprang in den Wagen und startete durch. Johannes musste mit dem Golf von Annabella nur gemütlich mit dreißig auf die Einmündung zu rollen. Als er sich anschickte,  gemächlich links abzubiegen, rauschte der Lexus immer noch beschleunigend heran. Wo immer Heereman in diesem Moment seinen Kopf hatte - beim Autofahren jedenfalls nicht. Er trat zwar in die Bremsen und verfehlte mittels einer Lenkradkorrektur den bereits eingeschwenkten Golf. Aber trotz ABS reichte die Distanz nicht mehr, um seinerseits die Linkskurve ganz zu bekommen. Er preschte in den makellos weiß gestrichenen Gartenzaun auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Der Knall des Airbags hallte durch die nachmittägliche Garten-Idylle.
  Johannes stieg gelassen aus dem Golf, eilte nicht übermäßig zur Fahrertür des Lexus, öffnete sie - und sah die Angst in den Augen des Fahrers, als der seinerseits Begriff, dass der Skin kein anderer war als sein ehemaliger Presseberater:
  "Na ja, aus der Sache kommen Sie vermutlich auch wieder unbeschadet heraus", meinte Johannes als er sich den Schaden am Zaun ansah, der größer war als die Stauchung am Stoßfänger der Luxus-Limousine.
  Im Nu waren aus allen anliegenden Gärten der Kreuzung Freizeitgärtner und -Gärtnerinnen im Rentenalter zur Unfallstelle geeilt. Johannes rätselte noch, wer auf der Welt all diese unsäglich geblümten Kittelschürzen  und leuchtfarbenen Trainingsanzüge herstellt, als das Geschnatter auch schon losging:
  "Ich mach den Zeugen. Ganz klar die Vorfahrt missachtet!"
  "Das hab' ich ja lang schon kommen sehen, wie der immer nausjagt!"
  Offenbar der Besitzer des Gartenzauns:
  "Ja, schau, de Hä Häremann. De eigebaude Vofaht funktioniat hald au bei Ihnä net immä."
  Johannes fragte vor all den Zeugen, die an seinem Skin-Habitus offenbar keinerlei Anstoß nahmen:
  "Sollen wir die Polizei rufen? Ihnen ist ja nichts passiert, und mir doch auch nicht, - aber wenn Sie meinen..."
  Heeremann, der noch immer nichts gesagt und keine Anstalten gemacht hatte, hinter dem Airbag hervor zu kommen, schüttelte deutlich resigniert den Kopf.
  "Gut dann schau ich, dass ich weiter komme. Auf Wiedersehen die Herrschaften. Adieu Herr Heeremann!"
  Bei dem Adieu - das konnte sich Johannes nicht verkneifen - zeigte er auf seine nun durch das Schwimmen im Chlorwasser feuerrot gefärbte Narbe, in der noch immer die  sich angeblich selbst auflösenden Fäden zu sehen waren. Dann. durch einfache Drehung des Handgelenks, zeigte er mit gespreiztem Zeige und Ringfinger direkt auch auf die Augen von Heeremann. Die Umstehenden mögen das als Aufforderung empfunden haben, das nächste Mal besser aufzupassen. Aber da Johannes diese Geste von "Il Mulo" hatte, bedeutete sie eher - Aufpassen nützt dir bald auch nichts mehr.
  Johannes fuhr dann schnurstracks auf die Autobahn nach Frankfurt. Er hatte Annabella versprochen, das Auto vor dem Wochenende zurück zu bringen. Morgen würde er für 55 Euro nach Nizza fliegen. Seit er das Haus in Ligurien gekauft hatte, war selbst die Oneway-Strecke um 75 Prozent billiger geworden... Da konnten Auto und Schiene einfach nicht mehr mithalten.

  Bei der ersten Parkbucht musste er jedoch erst einmal raus. Ein Schüttelfrost und eine heftige Übelkeit hatten ihn derart gepackt, dass er im ersten Moment an eine massive Unterzuckerung dachte. Als er sich aber unter konvulsivischen Krämpfen übergeben hatte, bis nur noch Galle kam, war ihm schlagartig besser und leider auch klar, dass ihm nur unendlich schlecht vom eigenen Handeln geworden war...

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