Samstag, 9. November 2013

Asta

  Nachdem Johannes 1959 auf einmal mehr amerikanische Nachbarn hatte als deutsche, war ein merkwürdiger Wandel in ihm vorgegangen. Da er, seit er kaum laufen konnte, ständig neuen Nationalitäten begegnet war und ihre Eigenschaften zu unterscheiden und schätzen gelernt hatte, befiel ihn bei dem neuen Nebenan etwas, was ihm bis dahin auf keiner Reise passiert war: Er spürte Neid und Eifersucht.
  Wenn er an der Atlantik-Küste in den Kinder-Clubs mit den kleinen Franzosen gespielt hatte, begeisterte ihn deren spontan sportliches Gruppenverhalten. Mit italienischen Bambini war es das lange Aufbleiben und das Spielen im sommerlich lauen Mysterium  halbdunkler Städte und Strände. Österreichische Kinder, die er überwiegend in den noch bescheidenen Bergdörfern der Vor-Skiboom-Zeit erlebte, hänselten ihn erst als Piefke, tauten dann aber bei gemeinsamen Ski- und Rodel-Abenteuern auf. Rückblickend konnte er sich auch bei den Türken und Jugoslawen, den Dänen und den Holländern an keine eigenen Disharmonien erinnern, obwohl die vielleicht allen Grund gehabt hätten, Ressentiments gegenüber einem vorlauten, hyperaktiven, semmelblonden deutschen Knaben auszuleben.
  Der in dieser Bogenhausener Wohnanlage zur Schau gestellte "American Way of Life" jedoch war einschüchternd. In Frankreich und Italien war das Essen besser als in Deutschland. In Österreich waren die Berge höher und in Skandinavien und den Benelux-Staaten waren die sichtbaren und unsichtbaren Spuren des Krieges schneller überwunden gewesen. Aber die kleinen Amis hatten alles im Überfluss und mussten offenbar nicht lange bitten und betteln, um die tollsten Fahrräder, täuschend echte Western-Schießprügel und ausgefallene Anziehsachen zu bekommen. Sie durften auch zu jeder Tageszeit an den Kühlschrank, um sich und die Mitspieler mit Coke zu versorgen, die in der Familie Goerz wegen des darin enthalten Koffeins nur den Erwachsenen vorbehalten blieb. Wenn die Kids Icecream wollten, nahmen sie sich einfach welche. Für Johannes war so etwas ein "Sonntagsvergnügen".
  Während Mutter Rita sich ein ums andere Mal theatralisch um die Herzgegend zwischen ihre stattlichen Brüste fasste, wenn Johannes wieder einmal beim Spielen an die Risikogrenze gegangen war, gehörte der "Thrill" bei den neuen Spielgefährten dazu. Denn man musste sich irgendwie permanent beweisen. Duffy Tight, Nummer Sieben oder Acht der Konsulensippe - so genau hatte Johannes damals den Überblick noch nicht -  war einmal im Rahmen einer Mutprobe auf eine Birke geklettert, die in etwa zehn Meter Höhe in der Krone so weich wurde, dass sie sich unter dem Gewicht des Knaben bedenklich bei jeder weiteren Bewegung zur Seite neigte. Für Duffy schien es kein Vor oder Zurück mehr zu geben. Also raste man quer über die Spielwiese, um Vater Trevor zu holen.
  Der hetzte nicht auf wie Walter Goerz es getan hätte, sonder kam gemessenen Schrittes, besah sich das ganze und meinte nur lapidar:
  "Du bis hoch gekommen, dann kommst du auch wieder runter."
Der Satz, den er jedoch nachschickte, blieb, nachdem er ihn sich von Dr. Mausele hatte übersetzen lassen, für immer im Gedächtnis von Johannes:
  "Use your skills!" Nütze deine Fähigkeiten.
  Das war schon etwas Besonderes. Obwohl Duffy eindeutig etwas "ausgefressen" hatte, wurde er nicht geschimpft, sondern im Gegenteil. Der Vater war obendrein überzeugt, dass Duffy über Fähigkeiten verfügte, auf die Verlass war. Ja, so war das. Die Amis waren cooler. Die Väter liefen am Wochenende in abgeschnittenen und ausgefransten Jeans, Polohemden oder T-Shirts herum, während Vater Goerz die dauergebundenen Krawatten noch nicht einmal zum Bergsteigen oder Skilauf ablegte. Es schien für die Daddys in ihrer Freizeit nichts Tolleres zu geben, als mit den Kindern herum zu toben. Dabei galt "goin' rough" im American Football, das Johannes bald mehr schätzte als Fußball, den die Amis wiederum "Soccer" nannten, für alle.
  Undenkbar, dass sich Johannes, um seinen Vater aus vollem Lauf zu Fall zu bringen, per Hechtsprung um seine Hüfte geklammert hätte. Da wäre Walter Goerz auch viel zu wehleidig für gewesen, denn er hatte ja die 50 bereits deutlich überschritten. 
  Einer der Navy-Seals von schräg gegenüber wies den in der Vorpubertät schon mächtig aufgeschossenen Johannes einmal aus heiterem Himmel bei einer Kinder-Gartenparty vor den anderen an, ihn von allen Seiten anzugreifen, als ginge es ums Überleben. Ein ums andere Mal hebelte ihn der bereits etwas kleinere Mann mit  Leichtigkeit aus und ließ ihn so ungebremst auf den Rasen krachen, dass jeder Knochen erschüttert wurde. Der Mann hatte dabei einen vernichtenden Gesichtsausdruck, als gelte es noch einen "Kraut" aus dem Krieg kalt zu machen. Da begriff Johannes, dass es hier nicht um Spiel, sondern um eine besondere US-amerikanische Form des Lernens ging. Ein halbes dutzend Mal krachte es noch, dann hatte ihm der Marine unter Schmerzen beigebracht, dem Aufprall durch eine Abfolge unsichtbarer Reaktionen komplett die Wucht zu nehmen. Nach weiteren sechs Hebeln hatte Johannes zumindest einen der hundert Gegenhebel abgeschaut und begriffen, die der Elite-Soldat draufhatte. Der Mann segelte seinerseits - sichtlich überrascht. Als er mit einem Grinsen wieder auf die Beine sprang, legte er den Arm um Johannes, diesmal aber nicht, um ihn hinterrücks zu Fall zu bringen:
  "I think Pow, you're ready for your first beer."
  Johannes war in dieser Phase seines Lebens wirklich traurig, kein Ami zu sein.

  Mehr als ein Jahrzehnt und einige Reisen in die USA sollte es dauern, bis Johannes begriff, dass der damalige Lebensstil in den Housing-Areas nichts mit dem wirklichen "Way of Life" zu tun hatte, den es vielleicht in den Fifties so ähnlich tatsächlich da oder dort in den USA gegeben haben mag. - Und der dann in Filmen wie American Graffity von George Lucas nostalgisch erhöht wurde. Tatsächlich war es so, dass der jeweilige Überfluss, den die im Ausland agierenden Amerikaner genossen, der Ausgleich und Preis  dafür war, niemals sesshaft zu sein, keine Heimat ihr Eigen zu nennen, Freundschaften auf Dauer nicht zu kennen und im Alter mit zerrissenen Familien da zu stehen.
  Einen Eindruck davon sollte Johannes bekommen, ohne ihn da schon entsprechend zu begreifen, als er sich im Alter von 17 auf den ersten Blick in die Tochter neuer Nachbarn verliebte. Aretha Nilson, aus deren Vornamen bei den älteren Deutschen Nachbarn eingedenk der Stummfilm-Heroine Nielsen der Spitzname Asta geworden war, saß eines Tages zu Hause auf der elterlichen Couch wie eine Divan-Puppe. Neben ihr hätte eigentlich nur noch ein Zierkissen mit Knick gefehlt. Die Frechheit war, Aretha hatte mit der arisch verklärten Asta nicht nur den Nachnamen nicht gemeinsam. Sie war auch kohlrabenschwarz, was man damals noch so gerade sagen durfte. Sie war nur 149 Zentimeter hoch und wog, was Johannes wegen ihres zügellosen Temperaments bald schätzen lernen sollte, nur etwas über vierzig Kilo. Obwohl anderthalb Jahre älter als ihr Objekt der Begierde hatte sie schnurstracks die Initiative übernommen. Miss Nilson war nämlich gekommen, um den Eltern Goerz wegen ihres netten Sohnes die Aufwartung zu machen. Sie stehe vor dem College-Abschluss und müsse bis dahin jemanden haben, mit dem sie ihr Deutsch vertiefen könne, weil das eines ihrer Hauptfächer sei, und da doch Johannes in ihrem Alter sei...
  Asta war die Tochter eines - wie es heute heißt - Afroamerikaners aus Baltimore. Er war ein gefragter Nachrichtentechniker und hatte im Krieg eine Honkong-Chinesin geheiratet, die als Dolmetscherin für den Secret-Service gearbeitet hatte. Die auch von den jeweiligen Behörden nicht geschätzte Mesalliance hatte nur funktioniert, weil beide über Spezialwissen verfügten, und nie lange genug an einem Ort gewesen waren, um "Intoleranzen" aufkommen zu lassen. - Bis Aretha zur Welt kam, und die entstehende Bundesrepublik wegen ihrer nachrichtendienstlichen Bedeutung eine geeignete  Dauerresidenz für alle drei zu werden versprach.
  Aretha war in Frankfurt auch auf eine deutsche Volksschule gegangen. In Wirklichkeit sprach sie so gut Deutsch wie Johannes und konnte sogar auf Kommando Hessisch babbeln. Sie brauchte niemanden für nichts. Im Gegenteil, seit sie später am Munich-College mit einem IQ von über 150 in die US-elitäre "Radarfalle" gerast war, verging quasi kein Tag, an dem nicht ein Scout aus dem für sie ja noch unbekannten Heimatland mit einem Stipendium nach dem Übertritt lockte.
  Was Aretha bei aller Intelligenz jedoch nicht bewältigte, war die Tatsache, dass sie sich in den jungen Deutschen, mit dem sie nur etwas herummachen wollte, derart verlieben würde. Wer vom Kino, Fernsehen und der Literatur als American Teeny vorgelebt bekam, dass es um die große Liebe zu kämpfen galt, der folgte natürlich diesem Vorbild.
  Während Johannes die in dieser Stärke noch nie verspürten Gefühle als ein Naturereignis hinnahm wie einen schönen Sommer, erreichte das ganze bei Aretha fundamentale Ausmaße. Sie schlug Johannes, dem Schulversager, dem nie was zu Ende Bringenden, Flatterhaften vor, mit ihr nach Amerika zu kommen, wo er mit seiner Mittleren Reife direkt auf das College hätte gehen können. Das klang zunächst nach Freiheit und Abenteuer, aber da war ja in Deutschland noch die nicht erreichte Volljährigkeit vor, die damals erst mit 21 erlangt wurde. Die Erlaubnis von Muttertier Rita würde es nie und nimmer geben, und der Vater, der in Johannes immer noch "nur" einen zukünftigen Tankstellen-Pächter sah, würde seinen eingeborenen Sohn niemals der Gefahr aussetzen, in einem Slum zu enden. Und, jetzt kam es: Ob er sich überlegt habe, welche Probleme auf gemischt rassige, unverheiratete Paare zukämen...Und was wäre, wenn sie mal Kinder hätten?
  Für Johannes und seinen Freundeskreis war die Hautfarbe beim natürlichen Umgang mit Aretha nicht eine Sekunde ein Problem gewesen, aber ihm war instinktiv auch klar geworden, dass das wohl mit der Bildungsschicht zusammenhing, in der sie alle verkehrten. Da gab es andererseits schon dieses Erlebnis aus dem Biergarten am Aumeister, das sich in seiner Erinnerung eingenistet hatte:
  Da wollte er sich einmal mit Aretha auf noch freie Plätze an einen Biertisch setzen, und musste miterleben, wie seine Landsleute sich auf einmal ostentativ breit gemacht hatten und einer zu ihm sagte - so laut, dass es durch den Lärm alle hören konnten:
  "Schaug, dass di schwingst mit deiner Ami-Schicksen!"
  Aretha, die derlei Angriffe wohl schon aus ihrem Frankfurter Umfeld kannte, konnte gerade noch verhindern, dass Johannes trotz der Überzahl der anderen zum zweiten Mal in seinem Leben handgreiflich wurde. Sie erhob ihre soulige Stentor-Stimme, die sie als Professorin in den späten Siebzigern berühmt machen sollte und die überhaupt nicht zu ihrem kleinen Körper passte, derart, dass dieser Teil des Biergartens für einen Augenblick zur Ruhe kam:
  "Du musst die Tatsache, dass du absolut scharf auf mich bist, nicht mit rassistischen Ressentiments kompensieren. Oben schreien und unten fummeln, das setze ich mich doch sowieso lieber an einen anderen Tisch."
  Da hatten sie unter den Kastanien gebrüllt vor Lachen, und gleich am Nachbartisch waren sie zusammen gerückt, damit die beiden doch noch zu einem lustigen Nachmittag kamen.
  Die ergebnislose Diskussion in beiden Familien wurde dadurch unterbrochen, dass Aretha im Herbst 1966 zu einem Probesemester bei voller Kosten-Übernahme an die "University of Maryland" in der Geburtsstadt ihres Vaters, Baltimore, eingeladen wurde. Das halbe Jahr sollte beiden "zur Prüfung dienen", und wenn dann immer noch die Liebe alles überwöge, dann würde man schon eine gemeinsame Lösung finden.
  Dann kam aber der Winter mit der endgültigen Schulflucht von Johannes, die Amour fou mit Mariette und die nach diesem "Ausflug" dann zwangsweise verordnete Buchhändler-Lehre. Und dann war da wieder so ein kleinwüchsiges Mädchen in der Lehrlingsversammlung mit riesigen blauen Augen in einem Engelsgesicht, und Johannes lernte, erneut wie vom Blitz getroffen, dass die erste Liebe auf den ersten Blick eine weitere bei ihm offenbar nicht ausschloss.
  Fast neun Monate hatten Aretha und Johannes - abgesehen von einer lapidaren Weihnachts- und einer pinkfarbenen Valentinstag-Karte nicht miteinander kommuniziert. Das war noch schwierig und teuer damals. Doch kaum hatten sich Esther und Johannes nach temperamentvollen Auseinandersetzungen aufeinander eingestellt und sich eine wahre Liebe regelrecht erarbeitet, stand eines Tages ohne Vorankündigung Aretha vor der Tür.
  Die Eltern waren über das Wochenende verreist. Drinnen saß Esther, die sich es kleidungsmäßig schon etwas leichter gemacht hatte und draußen stand Aretha in einem weißen Hosenanzug mit Pailletten und leicht ausgestellten Hosen. Sie sah so hinreißend aus mit ihrer neuen „Afro-Frisur“ und blitzte mit ihren Zähnen, dass Johannes in einer idiotischen Fassungslosigkeit erstarrte. Es wäre ihm aber auch nie eingefallen, Aretha in diesem Moment abzuwimmeln. Also bat er sie herein und machte die beiden „großen Lieben“ seines bisherigen Lebens miteinander bekannt. Esther bereitete Tee, um beide taktvoll alleine zu lassen, aber da Aretha sich ebenfalls im Hause seiner Eltern auskannte, war sie aufgesprungen, um zu helfen. Später saß Johannes artig zwischen beiden, und während die Lieben völlig locker miteinander scherzten, zerriss es sein viel zu großes Sportlerherz. Ihm war gerade 18jährig klar geworden, dass er nie wieder so lieben können würde wie in diesem Augenblick...
  Manchmal, wenn er heute von Übergriffen und Mordanschlägen in Deutschland auf Menschen mit „ethnischem“ oder nur fremdartigen Einschlag las oder hörte, dann kamen ihm die Worte seines Vaters bezüglich der Kinder aus gemischt rassigen Beziehungen wieder in Erinnerung, und er pries innerlich und ganz ohne „Politcal correctness“ die Vorsehung. Es war vielleicht doch gut gewesen, wie alles gekommen ist:
  Drei Jahre später, hat Aretha einen schwarzen Bürgerrechtler geheiratet und war 1973 die jüngste habilitierte Jura-Professorin der USA. Bis zum Ende der 70er war sie sechsfache Mutter geworden, da war die Martha von Johannes gerade erst auf die Welt gekommen. Jedes Mal wenn er in die USA gereist war, war er versucht gewesen, sie einfach so zu besuchen. Einmal sogar, bei einem touristischen Pow-Wow Anfang der 80er in Philadelphia, hätte er nur eine Nacht länger zu bleiben brauchen, um sie als groß angekündigte Rednerin im gleichen Kongresszentrum sehen zu können. Aber er traute dem mit Ach und Krach verheilten Riss in seinem Herzen nicht.

  "Edel sei der Mensch, hilfreich und amerikanisch" oder am "Amerikanischen Wesen soll die Welt genesen", hatte Walter Goerz in Abwandlung der Goethe-Zitate immer ironisch fabuliert, wenn er die stolperhafte Außenpolitik der Verbündeten kommentierte. Rückbetrachtet - bei all seinen intensiven Beziehungen zum Amerikanischen - war für seinen Sohn Johannes das ergiebigste und erfolgreichste außenpolitische Verhältnis der USA der AFN gewesen - das American Forces Network, der angesagtesten Radiosender der 60er und 70er. In der eintönigen Radiolandschaft von damals, war das Neztwerk überwiegend jedoch nur den Süddeutschen vorbehalten gewesen. Später sollte die deutsche Country-Rock-Kultband "TruckStop", diese Verhältnisse treffend in einem Refrain zum Ausdruck bringen, indem sie hanseatisch näselnd sangen:
  "Ich möcht' so gern' Dave Dudley hör'n, Hank Snook and Charly Pride - 'nen richtig duften Countrysong - doch AFN ist weit."
  So war das - aber nicht nur für Country, sondern für alle Richtungen der Pop-Musik - wer wissen wollte, was musikmäßig so abging - hörte von morgens bis abends die Jungs aus der Kaulbachstraße gleich hinter der US-Botschaft. "Luncheon in Munchen", "Bouncing in Bavaria", "Latino Lovelane" - jede Stunde eine andere Stilrichtung in einem anderen Moderationsformat. Auch als Johannes sein erstes Büro eingerichtet hatte. stand auf seinem Schreibtisch das alte Radio seiner Jugend noch immer mit festgefrorenem Wellenschalter...
  Die Interpreten kamen und gingen - mit Ausnahme von den Beatles und den Stones, die aber dafür eine Zeit lang wegen ihrem Hang zu Drogen und deren leichtfertige Verherrlichung nicht gespielt wurden. - Die stündlich mahnenden Sprüche jedoch blieben, und nisteten sich wie das, was man bald einen Jingle nennen sollte, in die Gehirne der Zuhörer. Drei waren es bei Johannes, und der war überrascht, dass sie dreißig Jahre später ausgerechnet in einem neuerlichen Schicksalsjahr aus seinem "Memory-Speicher" abgerufen wurden:
  "Remember, that tomorrow is the first day of the rest of your life!"
  "Take care - death takes no holidays!"
  "If you drink, you think you can sing - but you also believe that you can drive!"
  Johannes erinnerte sich auf einmal auch daran, dass er mit dem erwachsener Werden zunehmend die Makabere Bedeutung der ersten beiden Sprüche für einen Soldaten-Sender als drastisch begriff: Aus seiner Siedlung waren Duffy Tight, der Couragierte und ein Super-Footballspieler namens John Strauss "The Waltzing King" als Freiwillige im Vietnam-Krieg gefallen. Beide waren jünger gewesen als er...
  Krieg und Dienst an der Waffe fürs Vaterland blieben Johannes und anderen Verweigerern seiner Generation erspart. Ja, man konnte noch so beckmesserisch am weltweiten Polizei-Spielen der USA herumkritteln, aber an der Tatsache kam man nicht vorbei, dass sechzig Jahre friedliche Entwicklung Deutscher Demokratie und die Wiedervereinigung nur mit der Rückendeckung der United States möglich gewesen waren...
  Und jetzt? Im Strudel der allgemeinen Terrorbekämpfung begann diese und seine eigene Nation, menschenrechtliche Errungenschaften in Frage zu stellen; die Bundesrepublik bisweilen - so schien es Johannes - indem sie amerikanischer werden wollte als ihre Beschützer. Johannes rätselte auch, ob es ratsam gewesen sei, einem Mann im Rollstuhl den Posten des Innenministers zu geben, der selbst Attentatsopfer war. Er nahm bei dem Schwaben die immer tiefer werdenden seitlichen Falten am eifernd klappenden Nussknacker-Kinn wahr, wenn er die Beschneidung der Freiheit des Einzelnen und seiner Grundrechte immer weiter mit fadenscheinigen "Schutzbehauptungen" vorantrieb. Aber Wolfgang Schäuble war ja auch nur Signalgeber einer großen Koalition, in der ausgerechnet ein sozialdemokratischer Arbeitsminister und Vize-Kanzler die Lebensarbeitszeit für Leute verlängern wollte, die jenseits der fünfzig eh keine Chance mehr hätten, wenn man sie wegen des beinahe vollständig aufgehobenen Kündigungsschutzes nach amerikanischem „Hire&Fire-Prinzip auf die Straße setzte. Immer neue Zugeständnisse an eine Globalisierung leiteten auch gleichzeitig den absoluten Verfall deutscher Unternehmenskultur ein.
  "Ich zahle keine guten Löhne, weil ich reich bin, sondern ich bin reich, weil ich gute Löhne zahle", konnte Robert Bosch noch stolz bekennen. Und Siemens war zur Weltmacht geworden, weil es sich in einzigartiger Weise um seine Mitarbeiter gekümmert hatte. Nun stellte sich mehr und mehr heraus, was für verlotterte Moralsümpfe deutsche Unternehmen unter der Vorgabe des Shareholder Values geworden waren. Der vermeintliche Aufschwung des Jahres 2007, der vorerst nur von denen oben vermeldet, aber bei denen unten (noch) nicht verspürt wurde, war ja vielleicht nur eine Presse-Hype, ein Pfeifen im Walde, das vor dramatischen Zuspitzungen wie der US-Hypothekenkrise ablenken sollte...
  Natürlich musste Johannes auch bei sich selbst einen "Schäuble-Effekt" eingestehen. Er war deutlich zynischer geworden, seit er beruflich einen derartigen Tritt in den Allerwertesten bekommen hatte.

  Dem Netzwerk, wider dessen Stachel er gelöckt hatte, war es anschließend nicht genug gewesen, ihn im engeren Bereich kalt zu stellen. Indem es alle Kontakte ausgenutzt hatte, war ihm quasi ein Berufsverbot auferlegt worden, das fast in  alle bisherigen Tätigkeitsfelder hineinreichte und ihn zur Schließung seiner Büros zwang. Was wiederum Mitarbeiter mit Forderungen auf den Plan rief, die in Zeiten der Prosperität alles mitgenommen hatten, was er ihnen an außertariflichen Zuwendungen dargeboten hatte. Johannes lernte in dieser Phase viel Neues über die menschliche Natur. Auch über seine eigene. Am Anfang war er noch blind vor Wut gewesen. Nachdem er sich aber für den Freitod am "zweiten Tag vom Rest seines Lebens" entschieden hatte, war er - wie ein Samurai, der Seppuku begehen will - in einem gefühlsresistenten Tunnel eiskalter Ränke verschwunden.

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