Nachdem Johannes 1959 auf einmal
mehr amerikanische Nachbarn hatte als deutsche, war ein merkwürdiger Wandel in
ihm vorgegangen. Da er, seit er kaum laufen konnte, ständig neuen
Nationalitäten begegnet war und ihre Eigenschaften zu unterscheiden und
schätzen gelernt hatte, befiel ihn bei dem neuen Nebenan etwas, was ihm bis
dahin auf keiner Reise passiert war: Er spürte Neid und Eifersucht.
Wenn er an der Atlantik-Küste in den
Kinder-Clubs mit den kleinen Franzosen gespielt hatte, begeisterte ihn deren
spontan sportliches Gruppenverhalten. Mit italienischen Bambini war es das
lange Aufbleiben und das Spielen im sommerlich lauen Mysterium halbdunkler Städte und Strände.
Österreichische Kinder, die er überwiegend in den noch bescheidenen Bergdörfern
der Vor-Skiboom-Zeit erlebte, hänselten ihn erst als Piefke, tauten dann aber
bei gemeinsamen Ski- und Rodel-Abenteuern auf. Rückblickend konnte er sich auch
bei den Türken und Jugoslawen, den Dänen und den Holländern an keine eigenen
Disharmonien erinnern, obwohl die vielleicht allen Grund gehabt hätten,
Ressentiments gegenüber einem vorlauten, hyperaktiven, semmelblonden deutschen
Knaben auszuleben.
Der in dieser Bogenhausener Wohnanlage zur
Schau gestellte "American Way of Life" jedoch war einschüchternd. In
Frankreich und Italien war das Essen besser als in Deutschland. In Österreich
waren die Berge höher und in Skandinavien und den Benelux-Staaten waren die
sichtbaren und unsichtbaren Spuren des Krieges schneller überwunden gewesen.
Aber die kleinen Amis hatten alles im Überfluss und mussten offenbar nicht
lange bitten und betteln, um die tollsten Fahrräder, täuschend echte
Western-Schießprügel und ausgefallene Anziehsachen zu bekommen. Sie durften
auch zu jeder Tageszeit an den Kühlschrank, um sich und die Mitspieler mit Coke
zu versorgen, die in der Familie Goerz wegen des darin enthalten Koffeins nur
den Erwachsenen vorbehalten blieb. Wenn die Kids Icecream wollten, nahmen sie
sich einfach welche. Für Johannes war so etwas ein
"Sonntagsvergnügen".
Während Mutter Rita sich ein ums andere Mal
theatralisch um die Herzgegend zwischen ihre stattlichen Brüste fasste, wenn
Johannes wieder einmal beim Spielen an die Risikogrenze gegangen war, gehörte
der "Thrill" bei den neuen Spielgefährten dazu. Denn man musste sich
irgendwie permanent beweisen. Duffy Tight, Nummer Sieben oder Acht der
Konsulensippe - so genau hatte Johannes damals den Überblick noch nicht - war einmal im Rahmen einer Mutprobe auf eine
Birke geklettert, die in etwa zehn Meter Höhe in der Krone so weich wurde, dass
sie sich unter dem Gewicht des Knaben bedenklich bei jeder weiteren Bewegung
zur Seite neigte. Für Duffy schien es kein Vor oder Zurück mehr zu geben. Also
raste man quer über die Spielwiese, um Vater Trevor zu holen.
Der hetzte nicht auf wie Walter Goerz es
getan hätte, sonder kam gemessenen Schrittes, besah sich das ganze und meinte
nur lapidar:
"Du bis hoch gekommen, dann kommst du
auch wieder runter."
Der Satz, den er jedoch
nachschickte, blieb, nachdem er ihn sich von Dr. Mausele hatte übersetzen
lassen, für immer im Gedächtnis von Johannes:
"Use your skills!" Nütze deine Fähigkeiten.
Das war schon etwas Besonderes. Obwohl Duffy
eindeutig etwas "ausgefressen" hatte, wurde er nicht geschimpft,
sondern im Gegenteil. Der Vater war obendrein überzeugt, dass Duffy über
Fähigkeiten verfügte, auf die Verlass war. Ja, so war das. Die Amis waren
cooler. Die Väter liefen am Wochenende in abgeschnittenen und ausgefransten
Jeans, Polohemden oder T-Shirts herum, während Vater Goerz die dauergebundenen
Krawatten noch nicht einmal zum Bergsteigen oder Skilauf ablegte. Es schien für
die Daddys in ihrer Freizeit nichts Tolleres zu geben, als mit den Kindern
herum zu toben. Dabei galt "goin' rough" im American Football, das
Johannes bald mehr schätzte als Fußball, den die Amis wiederum
"Soccer" nannten, für alle.
Undenkbar, dass sich Johannes, um seinen
Vater aus vollem Lauf zu Fall zu bringen, per Hechtsprung um seine Hüfte
geklammert hätte. Da wäre Walter Goerz auch viel zu wehleidig für gewesen, denn
er hatte ja die 50 bereits deutlich überschritten.
Einer der Navy-Seals von schräg gegenüber
wies den in der Vorpubertät schon mächtig aufgeschossenen Johannes einmal aus
heiterem Himmel bei einer Kinder-Gartenparty vor den anderen an, ihn von allen
Seiten anzugreifen, als ginge es ums Überleben. Ein ums andere Mal hebelte ihn
der bereits etwas kleinere Mann mit
Leichtigkeit aus und ließ ihn so ungebremst auf den Rasen krachen, dass
jeder Knochen erschüttert wurde. Der Mann hatte dabei einen vernichtenden
Gesichtsausdruck, als gelte es noch einen "Kraut" aus dem Krieg kalt
zu machen. Da begriff Johannes, dass es hier nicht um Spiel, sondern um eine
besondere US-amerikanische Form des Lernens ging. Ein halbes dutzend Mal
krachte es noch, dann hatte ihm der Marine unter Schmerzen beigebracht, dem
Aufprall durch eine Abfolge unsichtbarer Reaktionen komplett die Wucht zu
nehmen. Nach weiteren sechs Hebeln hatte Johannes zumindest einen der hundert
Gegenhebel abgeschaut und begriffen, die der Elite-Soldat draufhatte. Der Mann
segelte seinerseits - sichtlich überrascht. Als er mit einem Grinsen wieder auf
die Beine sprang, legte er den Arm um Johannes, diesmal aber nicht, um ihn
hinterrücks zu Fall zu bringen:
"I think Pow, you're ready for your first beer."
Johannes
war in dieser Phase seines Lebens wirklich traurig, kein Ami zu sein.
Mehr als ein Jahrzehnt und einige Reisen in
die USA sollte es dauern, bis Johannes begriff, dass der damalige Lebensstil in
den Housing-Areas nichts mit dem wirklichen "Way of Life" zu tun
hatte, den es vielleicht in den Fifties so ähnlich tatsächlich da oder dort in
den USA gegeben haben mag. - Und der dann in Filmen wie American Graffity von
George Lucas nostalgisch erhöht wurde. Tatsächlich war es so, dass der
jeweilige Überfluss, den die im Ausland agierenden Amerikaner genossen, der
Ausgleich und Preis dafür war, niemals
sesshaft zu sein, keine Heimat ihr Eigen zu nennen, Freundschaften auf Dauer
nicht zu kennen und im Alter mit zerrissenen Familien da zu stehen.
Einen Eindruck davon sollte Johannes
bekommen, ohne ihn da schon entsprechend zu begreifen, als er sich im Alter von
17 auf den ersten Blick in die Tochter neuer Nachbarn verliebte. Aretha Nilson,
aus deren Vornamen bei den älteren Deutschen Nachbarn eingedenk der
Stummfilm-Heroine Nielsen der Spitzname Asta geworden war, saß eines Tages zu
Hause auf der elterlichen Couch wie eine Divan-Puppe. Neben ihr hätte
eigentlich nur noch ein Zierkissen mit Knick gefehlt. Die Frechheit war, Aretha
hatte mit der arisch verklärten Asta nicht nur den Nachnamen nicht gemeinsam.
Sie war auch kohlrabenschwarz, was man damals noch so gerade sagen durfte. Sie
war nur 149 Zentimeter hoch und wog, was Johannes wegen ihres zügellosen
Temperaments bald schätzen lernen sollte, nur etwas über vierzig Kilo. Obwohl
anderthalb Jahre älter als ihr Objekt der Begierde hatte sie schnurstracks die
Initiative übernommen. Miss Nilson war nämlich gekommen, um den Eltern Goerz
wegen ihres netten Sohnes die Aufwartung zu machen. Sie stehe vor dem
College-Abschluss und müsse bis dahin jemanden haben, mit dem sie ihr Deutsch
vertiefen könne, weil das eines ihrer Hauptfächer sei, und da doch Johannes in
ihrem Alter sei...
Asta war die Tochter eines - wie es heute
heißt - Afroamerikaners aus Baltimore. Er war ein gefragter
Nachrichtentechniker und hatte im Krieg eine Honkong-Chinesin geheiratet, die
als Dolmetscherin für den Secret-Service gearbeitet hatte. Die auch von den
jeweiligen Behörden nicht geschätzte Mesalliance hatte nur funktioniert, weil
beide über Spezialwissen verfügten, und nie lange genug an einem Ort gewesen
waren, um "Intoleranzen" aufkommen zu lassen. - Bis Aretha zur Welt
kam, und die entstehende Bundesrepublik wegen ihrer nachrichtendienstlichen
Bedeutung eine geeignete Dauerresidenz
für alle drei zu werden versprach.
Aretha war in Frankfurt auch auf eine
deutsche Volksschule gegangen. In Wirklichkeit sprach sie so gut Deutsch wie
Johannes und konnte sogar auf Kommando Hessisch babbeln. Sie brauchte niemanden
für nichts. Im Gegenteil, seit sie später am Munich-College mit einem IQ von
über 150 in die US-elitäre "Radarfalle" gerast war, verging quasi
kein Tag, an dem nicht ein Scout aus dem für sie ja noch unbekannten Heimatland
mit einem Stipendium nach dem Übertritt lockte.
Was Aretha bei aller Intelligenz jedoch nicht
bewältigte, war die Tatsache, dass sie sich in den jungen Deutschen, mit dem
sie nur etwas herummachen wollte, derart verlieben würde. Wer vom Kino,
Fernsehen und der Literatur als American Teeny vorgelebt bekam, dass es um die
große Liebe zu kämpfen galt, der folgte natürlich diesem Vorbild.
Während Johannes die in dieser Stärke noch
nie verspürten Gefühle als ein Naturereignis hinnahm wie einen schönen Sommer,
erreichte das ganze bei Aretha fundamentale Ausmaße. Sie schlug Johannes, dem
Schulversager, dem nie was zu Ende Bringenden, Flatterhaften vor, mit ihr nach
Amerika zu kommen, wo er mit seiner Mittleren Reife direkt auf das College
hätte gehen können. Das klang zunächst nach Freiheit und Abenteuer, aber da war
ja in Deutschland noch die nicht erreichte Volljährigkeit vor, die damals erst
mit 21 erlangt wurde. Die Erlaubnis von Muttertier Rita würde es nie und nimmer
geben, und der Vater, der in Johannes immer noch "nur" einen
zukünftigen Tankstellen-Pächter sah, würde seinen eingeborenen Sohn niemals der
Gefahr aussetzen, in einem Slum zu enden. Und, jetzt kam es: Ob er sich
überlegt habe, welche Probleme auf gemischt rassige, unverheiratete Paare
zukämen...Und was wäre, wenn sie mal Kinder hätten?
Für Johannes und seinen Freundeskreis war die
Hautfarbe beim natürlichen Umgang mit Aretha nicht eine Sekunde ein Problem
gewesen, aber ihm war instinktiv auch klar geworden, dass das wohl mit der
Bildungsschicht zusammenhing, in der sie alle verkehrten. Da gab es
andererseits schon dieses Erlebnis aus dem Biergarten am Aumeister, das sich in
seiner Erinnerung eingenistet hatte:
Da wollte er sich einmal mit Aretha auf noch
freie Plätze an einen Biertisch setzen, und musste miterleben, wie seine
Landsleute sich auf einmal ostentativ breit gemacht hatten und einer zu ihm
sagte - so laut, dass es durch den Lärm alle hören konnten:
"Schaug, dass di schwingst mit deiner
Ami-Schicksen!"
Aretha, die derlei Angriffe wohl schon aus
ihrem Frankfurter Umfeld kannte, konnte gerade noch verhindern, dass Johannes
trotz der Überzahl der anderen zum zweiten Mal in seinem Leben handgreiflich
wurde. Sie erhob ihre soulige Stentor-Stimme, die sie als Professorin in den
späten Siebzigern berühmt machen sollte und die überhaupt nicht zu ihrem
kleinen Körper passte, derart, dass dieser Teil des Biergartens für einen Augenblick
zur Ruhe kam:
"Du musst die Tatsache, dass du absolut
scharf auf mich bist, nicht mit rassistischen Ressentiments kompensieren. Oben
schreien und unten fummeln, das setze ich mich doch sowieso lieber an einen
anderen Tisch."
Da hatten sie unter den Kastanien gebrüllt
vor Lachen, und gleich am Nachbartisch waren sie zusammen gerückt, damit die
beiden doch noch zu einem lustigen Nachmittag kamen.
Die ergebnislose Diskussion in beiden
Familien wurde dadurch unterbrochen, dass Aretha im Herbst 1966 zu einem
Probesemester bei voller Kosten-Übernahme an die "University of
Maryland" in der Geburtsstadt ihres Vaters, Baltimore, eingeladen wurde.
Das halbe Jahr sollte beiden "zur Prüfung dienen", und wenn dann
immer noch die Liebe alles überwöge, dann würde man schon eine gemeinsame
Lösung finden.
Dann kam aber der Winter mit der endgültigen
Schulflucht von Johannes, die Amour fou mit Mariette und die nach diesem
"Ausflug" dann zwangsweise verordnete Buchhändler-Lehre. Und dann war
da wieder so ein kleinwüchsiges Mädchen in der Lehrlingsversammlung mit
riesigen blauen Augen in einem Engelsgesicht, und Johannes lernte, erneut wie
vom Blitz getroffen, dass die erste Liebe auf den ersten Blick eine weitere bei
ihm offenbar nicht ausschloss.
Fast neun Monate hatten Aretha und Johannes -
abgesehen von einer lapidaren Weihnachts- und einer pinkfarbenen
Valentinstag-Karte nicht miteinander kommuniziert. Das war noch schwierig und
teuer damals. Doch kaum hatten sich Esther und Johannes nach temperamentvollen
Auseinandersetzungen aufeinander eingestellt und sich eine wahre Liebe
regelrecht erarbeitet, stand eines Tages ohne Vorankündigung Aretha vor der
Tür.
Die Eltern waren über das Wochenende
verreist. Drinnen saß Esther, die sich es kleidungsmäßig schon etwas leichter
gemacht hatte und draußen stand Aretha in einem weißen Hosenanzug mit
Pailletten und leicht ausgestellten Hosen. Sie sah so hinreißend aus mit ihrer
neuen „Afro-Frisur“ und blitzte mit ihren Zähnen, dass Johannes in einer
idiotischen Fassungslosigkeit erstarrte. Es wäre ihm aber auch nie eingefallen,
Aretha in diesem Moment abzuwimmeln. Also bat er sie herein und machte die
beiden „großen Lieben“ seines bisherigen Lebens miteinander bekannt. Esther
bereitete Tee, um beide taktvoll alleine zu lassen, aber da Aretha sich
ebenfalls im Hause seiner Eltern auskannte, war sie aufgesprungen, um zu
helfen. Später saß Johannes artig zwischen beiden, und während die Lieben
völlig locker miteinander scherzten, zerriss es sein viel zu großes Sportlerherz.
Ihm war gerade 18jährig klar geworden, dass er nie wieder so lieben können
würde wie in diesem Augenblick...
Manchmal, wenn er heute von Übergriffen und
Mordanschlägen in Deutschland auf Menschen mit „ethnischem“ oder nur
fremdartigen Einschlag las oder hörte, dann kamen ihm die Worte seines Vaters
bezüglich der Kinder aus gemischt rassigen Beziehungen wieder in Erinnerung,
und er pries innerlich und ganz ohne „Politcal correctness“ die Vorsehung. Es
war vielleicht doch gut gewesen, wie alles gekommen ist:
Drei Jahre später, hat Aretha einen schwarzen
Bürgerrechtler geheiratet und war 1973 die jüngste habilitierte
Jura-Professorin der USA. Bis zum Ende der 70er war sie sechsfache Mutter
geworden, da war die Martha von Johannes gerade erst auf die Welt gekommen.
Jedes Mal wenn er in die USA gereist war, war er versucht gewesen, sie einfach
so zu besuchen. Einmal sogar, bei einem touristischen Pow-Wow Anfang der 80er
in Philadelphia, hätte er nur eine Nacht länger zu bleiben brauchen, um sie als
groß angekündigte Rednerin im gleichen Kongresszentrum sehen zu können. Aber er
traute dem mit Ach und Krach verheilten Riss in seinem Herzen nicht.
"Edel sei der Mensch, hilfreich und
amerikanisch" oder am "Amerikanischen Wesen soll die Welt
genesen", hatte Walter Goerz in Abwandlung der Goethe-Zitate immer
ironisch fabuliert, wenn er die stolperhafte Außenpolitik der Verbündeten
kommentierte. Rückbetrachtet - bei all seinen intensiven Beziehungen zum
Amerikanischen - war für seinen Sohn Johannes das ergiebigste und
erfolgreichste außenpolitische Verhältnis der USA der AFN gewesen - das
American Forces Network, der angesagtesten Radiosender der 60er und 70er. In
der eintönigen Radiolandschaft von damals, war das Neztwerk überwiegend jedoch
nur den Süddeutschen vorbehalten gewesen. Später sollte die deutsche
Country-Rock-Kultband "TruckStop", diese Verhältnisse treffend in
einem Refrain zum Ausdruck bringen, indem sie hanseatisch näselnd sangen:
"Ich möcht' so gern' Dave Dudley hör'n,
Hank Snook and Charly Pride - 'nen richtig duften Countrysong - doch AFN ist
weit."
So war das - aber nicht nur für Country,
sondern für alle Richtungen der Pop-Musik - wer wissen wollte, was musikmäßig
so abging - hörte von morgens bis abends die Jungs aus der Kaulbachstraße gleich
hinter der US-Botschaft. "Luncheon in Munchen", "Bouncing in
Bavaria", "Latino Lovelane" - jede Stunde eine andere
Stilrichtung in einem anderen Moderationsformat. Auch als Johannes sein erstes
Büro eingerichtet hatte. stand auf seinem Schreibtisch das alte Radio seiner
Jugend noch immer mit festgefrorenem Wellenschalter...
Die Interpreten kamen und gingen - mit
Ausnahme von den Beatles und den Stones, die aber dafür eine Zeit lang wegen
ihrem Hang zu Drogen und deren leichtfertige Verherrlichung nicht gespielt
wurden. - Die stündlich mahnenden Sprüche jedoch blieben, und nisteten sich wie
das, was man bald einen Jingle nennen sollte, in die Gehirne der Zuhörer. Drei
waren es bei Johannes, und der war überrascht, dass sie dreißig Jahre später
ausgerechnet in einem neuerlichen Schicksalsjahr aus seinem "Memory-Speicher"
abgerufen wurden:
"Remember, that tomorrow is the first day of the rest of your
life!"
"Take care - death takes no holidays!"
"If you drink, you think you can sing - but you also believe that
you can drive!"
Johannes
erinnerte sich auf einmal auch daran, dass er mit dem erwachsener Werden
zunehmend die Makabere Bedeutung der ersten beiden Sprüche für einen
Soldaten-Sender als drastisch begriff: Aus seiner Siedlung waren Duffy Tight, der
Couragierte und ein Super-Footballspieler namens John Strauss "The
Waltzing King" als Freiwillige im Vietnam-Krieg gefallen. Beide waren
jünger gewesen als er...
Krieg und Dienst an der Waffe fürs Vaterland
blieben Johannes und anderen Verweigerern seiner Generation erspart. Ja, man
konnte noch so beckmesserisch am weltweiten Polizei-Spielen der USA
herumkritteln, aber an der Tatsache kam man nicht vorbei, dass sechzig Jahre
friedliche Entwicklung Deutscher Demokratie und die Wiedervereinigung nur mit
der Rückendeckung der United States möglich gewesen waren...
Und jetzt? Im Strudel der allgemeinen
Terrorbekämpfung begann diese und seine eigene Nation, menschenrechtliche
Errungenschaften in Frage zu stellen; die Bundesrepublik bisweilen - so schien es
Johannes - indem sie amerikanischer werden wollte als ihre Beschützer. Johannes
rätselte auch, ob es ratsam gewesen sei, einem Mann im Rollstuhl den Posten des
Innenministers zu geben, der selbst Attentatsopfer war. Er nahm bei dem
Schwaben die immer tiefer werdenden seitlichen Falten am eifernd klappenden
Nussknacker-Kinn wahr, wenn er die Beschneidung der Freiheit des Einzelnen und
seiner Grundrechte immer weiter mit fadenscheinigen
"Schutzbehauptungen" vorantrieb. Aber Wolfgang Schäuble war ja auch
nur Signalgeber einer großen Koalition, in der ausgerechnet ein
sozialdemokratischer Arbeitsminister und Vize-Kanzler die Lebensarbeitszeit für
Leute verlängern wollte, die jenseits der fünfzig eh keine Chance mehr hätten,
wenn man sie wegen des beinahe vollständig aufgehobenen Kündigungsschutzes nach
amerikanischem „Hire&Fire-Prinzip auf die Straße setzte. Immer neue
Zugeständnisse an eine Globalisierung leiteten auch gleichzeitig den absoluten
Verfall deutscher Unternehmenskultur ein.
"Ich zahle keine guten Löhne, weil ich
reich bin, sondern ich bin reich, weil ich gute Löhne zahle", konnte
Robert Bosch noch stolz bekennen. Und Siemens war zur Weltmacht geworden, weil
es sich in einzigartiger Weise um seine Mitarbeiter gekümmert hatte. Nun
stellte sich mehr und mehr heraus, was für verlotterte Moralsümpfe deutsche
Unternehmen unter der Vorgabe des Shareholder Values geworden waren. Der
vermeintliche Aufschwung des Jahres 2007, der vorerst nur von denen oben
vermeldet, aber bei denen unten (noch) nicht verspürt wurde, war ja vielleicht
nur eine Presse-Hype, ein Pfeifen im Walde, das vor dramatischen Zuspitzungen
wie der US-Hypothekenkrise ablenken sollte...
Natürlich musste Johannes auch bei sich
selbst einen "Schäuble-Effekt" eingestehen. Er war deutlich zynischer
geworden, seit er beruflich einen derartigen Tritt in den Allerwertesten
bekommen hatte.
Dem Netzwerk, wider dessen Stachel er gelöckt
hatte, war es anschließend nicht genug gewesen, ihn im engeren Bereich kalt zu
stellen. Indem es alle Kontakte ausgenutzt hatte, war ihm quasi ein
Berufsverbot auferlegt worden, das fast in
alle bisherigen Tätigkeitsfelder hineinreichte und ihn zur Schließung
seiner Büros zwang. Was wiederum Mitarbeiter mit Forderungen auf den Plan rief,
die in Zeiten der Prosperität alles mitgenommen hatten, was er ihnen an
außertariflichen Zuwendungen dargeboten hatte. Johannes lernte in dieser Phase
viel Neues über die menschliche Natur. Auch über seine eigene. Am Anfang war er
noch blind vor Wut gewesen. Nachdem er sich aber für den Freitod am
"zweiten Tag vom Rest seines Lebens" entschieden hatte, war er - wie
ein Samurai, der Seppuku begehen will - in einem gefühlsresistenten Tunnel
eiskalter Ränke verschwunden.
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