Immer wenn der dicke Kriminalkommissar im
Fernsehen sein Handy zückte, löste er bei Johannes eine von einem inneren
sardonischen Lächeln begleitete Gedankenfolge aus. Da die Serie bald so alt war
wie der Boom der Funktelefone und einzelne Folgen immer aufs Neue wiederholt
wurden, konnte der Zuseher in ihnen deren rasante technologische Entwicklung
verfolgen.
Während der Dicke hin und wieder durch Diäten
minimale Mondphasen seiner Körperformen durchlief, schrumpften die Handys in
seinen Pranken linear. Johannes konnte sich gut an sein erstes, ein Exemplar
von der Größe eines Briketts, erinnern. Jetzt hatte er eines, das war so groß
wie eine Zigarettenschachtel und wenn man es aufklappte, dann drehte sich das
Display und man hatte eine winzige, komplette Schreibmaschinen-Tastatur mit
Bildschirm dazwischen. Der Haken war nur, die Finger von Johannes waren viel zu
wurstig für die Minitasten, und selbst mit seiner Lesebrille konnte er sie
nicht erkennen. Wie er überhaupt das Gefühl hatte, Mobilfunk-Technologien
würden bewusst an seiner Altersgruppe vorbei entwickelt. Was sollte er schon
mit fünfzig Spielen und Klingeltönen zum Herunterladen.
Er hätte mit seinem Gerät, das turnusmäßig
von einem Tarif-Vermittler ausgetauscht und gratis gegen ein noch teureres
multifunktionelleres ausgetauscht wurde, sogar außer Nachrichten im SMS auch
Mails, Fotos und Videos verschicken können, aber er tat es nicht. Auch war er
dem Fluch der dauernden Erreichbarkeit nie wirklich erlegen. Er nützte die neue
Errungenschaft ausschließlich dort, wo sie ihm im Vergleich zum
Vor-Handy-Zeitalter echte Vorteile in Sachen Sicherheit und Koordination bot.
Ganz im Gegensatz zu seinen neuen
Landsleuten, die vermutlich zu den exzessivsten Nutzern auf der Welt gehörten,
und deren nächste Generationen daher - genetisch von den Netzwerkern
manipuliert - bereits mit im Ohr
eingewachsenem Handy zur Welt kommen würden. In Italien würden dann die Tarife
vermutlich bereits beim Eisprung auf den Weg gebracht. Es wäre von den
Netzwerken dabei allerdings zu berücksichtigen, dass die
"Katzelmacher" von einst nun schon einige Jahre die Schluss-Laterne bei
den europäischen Geburtenraten trugen...
Aber im Laufe der sich immer irgendwie
ähnelnden Handlungen solcher Krimi-Serien gingen die Grübeleien bei Johannes
dann tiefer und tiefer. Was Esther regelrecht zur Verzweiflung brachte:
"Kannst du dir denn diese Dinge nicht
einfach nur als bloße Unterhaltung anschauen? Musst du denn immer alles verkopfen?"
Johannes sah, wie geliebte Orte im Oberland
in Fernsehserien mit einer Dichte an Tötungsdelikten dargestellt wurden, die
gemessen an deren Bevölkerungszahlen alles in der Welt kriminalstatistisch in
den Schatten stellte. Die Bürgermeister von Murnau, Bad Tölz und Rosenheim
waren sogar noch stolz auf diese zweifelhafte Berühmtheit. Der Dicke, der
übrigens ein Fleischberg gewordener Beweis für die Tatsache ist, dass man kein
Mienenspiel braucht, um ein erfolgreicher Fernseh-Mime zu sein, war ja
gleichzeitig auch noch im Gewand eines Priesters quasi als
"kriminalisierender" Tourismusbeauftragter der katholischen Kirche
in den mordsschönen Städten Deutschlands
unterwegs. Das Fremdenverkehrsmanagement veranstaltete bisweilen schon einen
regelrechten heimischen Crimescene-Tourismus. Aber die Serien waren ja meist auch noch Exportschlager. Was, wenn
die chinesischen Bekannten von Johannes die "Losenheim-Cops" in die
Nähe der Realität rückten…?
Das Paradoxon des Mordens oder Tötens in der
Glotze zwecks Unterhaltung wurde selbst durch die Nachrichten nicht mehr
relativiert. Seit George Dabbelju seine spezielle Art der Terrorbekämpfung
betrieb, bei der Anschläge eher animiert denn unterbunden wurden, verging kaum
eine Aktualitätensendung ohne die Meldungen von Hunderten von Opfern infolge
von Selbstmordanschlägen. Längst war die Zahl der Opfer der Terror-Bekämpfung
höher als die tragische Zahl der Toten bei "Nineleven". Aber niemand
schien sie mehr zählen zu wollen. Auch reale Amokläufe wie in Columbine, bei
denen offenbar pubertierende publicitygeile Selbstmörder Dutzende von
Mitmenschen in den "Freitod" mitnahmen, schienen bald zur
Tagesordnung zu gehören. Selbst in Deutschland. Da war dann der Übergang zu den
im Anschluss an die Tagesschau folgenden Leichenbergen im
Unterhaltungsfernsehen quasi (Blut)fließend.
Was Esther nicht begriff - weil Johannes
keinem von dieser paranoiden Besessenheit beichtete - war der Umstand, dass ihr
Mann eine Erkenntnis über das Töten gewinnen wollte, das in realiter und im
vollen Bewusstsein für einen wie auch immer gearteten Kodex erfolgte; also im
Namen der Kirche (zum Beispiel die Inquisition im Mittelalter), des Gesetzes
(Todesstrafe, finaler Rettungsschuss, Kampfeinsatz) oder aufgrund von
"Stammeszugehörigkeiten" (albanische Blutrache, italienische Vendetta).
Johannes hatte so eine Ahnung, dass die
virtuelle Virtuosität des Tötens zwecks Unterhaltung bewusst das unermessliche
reale Grauen kaschieren sollte, das sich in den diversen Gesellschaften dieses
Planeten wieder beschleunigend aufbaute. Denn, dass die Exzessivität des
ersteren mit dem Trauma, das das wirkliche töten Müssen auslösen konnte, nicht
das Geringste zu tun haben könnte, schwante ihm schon angesichts der jungen
Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung. Die - einschließlich der beiden
Twens, die seine Kinder mittlerweile waren - verbrachten Tage vor dem Computer,
um bei Spielen wie "Counterstrike" oder "World of Warcraft"
durch virtuelles Töten in Clans immer neue Rekordschwellen im Massakrieren zu
erreichen. Keiner dieser jungen Männer hatte den Dienst an der Waffe im
Wehrdienst abgeleistet, sondern sie hatten es ausnahmslos vorgezogen, die
bisweilen zur Abschreckung vergleichsweise immer noch recht erniedrigenden
Tätigkeiten im zivilen Ersatzdienst abzuleisten. Und sie waren nicht die
Ausnahme, sondern eher die Regel. Zwei der vier Mädchen, die in einem
Counterstrike-Profiteam international
mit Tochter Martha antraten, hatten sogar freiwillig und unbezahlt ein soziales
Jahr abgeleistet...
Und dennoch: Politiker jeglicher Farbgebung,
die zuvor problemlos deutsche Soldaten zu Auslandseinsätzen geschickt hatten,
machten nicht etwa die durchs neue Oben gegen das alte Unten ausgelöste,
zunehmend reale Gewaltbereitschaft für solche Phänomene wie am
Gutenberg-Gymnasium in Erfurt oder an der Rütli-Schule in Berlin
verantwortlich, sondern die häuslichen Gewalt-Computerspiele. Tatsächlich aber
war es längst zu spät, die real existierende Gewalt von der virtuellen
abzugrenzen. Erwiesenermaßen waren es Gewaltvideos von echten Misshandlungen an
echten, erwachsenen Soldaten durch beamtete,
vorgesetzte Ausbilder, bei denen dieser Zusammenhang erstmals wirklich
aktenkundig wurde. Wäre jemand von den Politikern deshalb auf die Idee
gekommen, die Bundeswehr zu verbieten? "Soldaten sind Mörder", dieser
Spruch von Kurt Tucholski wurde von den aktuellen Politikern in der „Gnade der
späten Geburt“ den Zitierenden quasi als "Wehrkraftzersetzung" ausgelegt.
- Ja nicht erst eine Diskussion über Tod bringende Einsätze in Afghanistan
aufkommen lassen!!!
Eigentlich war es bei der suggerierten Dichte
des Tötens verwunderlich, dass Johannes in den beinahe sechs Jahrzehnten seines
Lebens trotz seiner gezielten Bemühungen nur zwei Menschen getroffen hatte, die
getötet hatten und darüber sprachen. Der eine, der Polizist Peter Kühn, der das
Gesetz bei seinem Tötungsakt auf seiner Seite hatte, war seelisch so
traumatisiert gewesen, dass er eine therapeutische Encoutergruppe besuchen musste.
Der andere, der das gezielte Umbringen zu einer persönlichen Dienstleistung
gemacht hatte, war logischer - und bewusster Weise Opfer eines so genannten
Replacement-Killers geworden, bevor er sich vielleicht selbst das traumatisiert
entseelte Leben genommen hätte. Die Männer in der Familie von Johannes hatten
sich - wie die meisten der anderen Väter und Großväter seiner Generation -
trotz seiner hartnäckigsten Fragen ausgeschwiegen:
„Chang“, sein geliebter Großvater und Träger
eines französischen Namens, war als Gewerbe-Oberlehrer heldenhaft und im
Glauben "wir sind zurück, wenn das Eichenlaub fällt" gegen seine
Urväter westwärts gezogen und verbrachte Jahre in den Schützengräben und Höhlen
am "Chemin des Dames". Als er einem statistischen Mirakel zufolge
drei Jahre später äußerlich völlig unversehrt zu seinem sauertöpfischen
"Mariechen" zurückkehrte, zeugte er eine an Mut und Friedfertigkeit
nicht zu überbietende Tochter, entfernte jegliche Darstellung von sich in
Uniform aus den Alben und erschuf sich neu als rheinische Frohnatur und
Lebemann. Nur das exzessive Rauchen, das er sich gegen Angst und Hunger im
Grabenkrieg angewöhnt hatte, behielt er bis kurz vor seinem Tode bei. Es gibt
quasi kein Foto von ihm ohne Zigarette in der Hand.
Der Wirkliche Geheime Legationsrat und
Ex-Oberstleutnant in der Entourage des letzten Deutschen Kaisers, der Mann der
den Vater von Johannes gezeugt hatte, war offenbar ein Offizier der Etappe
gewesen. Er brillierte zwar mit propagandistischen beziehungsweise strategischen
Analysen und war einer der „Co-Autoren“ der "Dolchstoßlegende", aber
ob er im Feld jemals einen Schuss abgegeben hatte? - Seine minutiös geführten
Tagebücher decken zwar auf, dass er seine wilde Gattin per Hornsignal vom
nachmittäglichen Ausritt an die Kaffee-Tafel zitierte, aber verraten nichts
über Erlebnisse in etwaigen Kommandos.
Vater Walter wandelte sein zweifelsohne
vorhandenes Trauma in Selbsttherapie zu einem minimalistischen Lebenskonzept,
welches da lautete: Maximaler Lebensgenuss gegen Minimum an Aufwand. Er konnte
dank seines phänomenalen Gedächtnisses noch als Greis verhängnisvolle
statistische Fehlinterpretationen bei der Errichtung des Westwalls aus dem Kopf
zitieren und kannte die technischen Daten jedweder Waffe, die er jemals in den
Händen gehalten hatte, auf Abruf. ...Aber wie er sie benutzt hatte, verschwieg
er.
Wenn Johannes nur bedachte, was der einzige
Schuss, den der jemals abgegeben hatte, in der Seele von Hauptkommissar Kühn
angerichtet, und wie sehr der zum Heilen ausgebildete Mulo darunter gelitten
hatte, zum Gegenteil gepresst worden zu sein...
Angesichts seines eigenen, eher weichlichen Charakters und seiner strikten
kant'schen Kategorik war Johannes der höheren Fügung dankbar, die ihm
Handlungen in dieser Richtung bislang erspart hatte. Er selbst zögerte hingegen
nicht, sich minutiös anhand der spärlichen Anhaltspunkte in die Taten der
anderen hineinzudenken. - Bis er Teil von ihnen oder - schlimmer noch -
detaillierter Planer eigener - allerdings virtueller - neuer Morde wurde: aus
Wut über die Zustände.
Er tat dies aber von vornherein in der
Erkenntnis, dass jener der perfekteste Mord sei, der bis ins Detail geplant
war, den man dann aber in souveräner Geisteshaltung und im Angesicht des Opfers
nicht ausführte... Etwa das war der Zeitpunkt zu dem Johannes begann, sich mit
seinen nächtlichen Gebeten einem Gott zu zu wenden, an den er eigentlich nicht glaubte…
Als Johannes im Krieg der Netzwerker
tatsächlich allein auf sich gestellt und als Hauptziel zwischen die Fronten
geriet, war es überraschend schlagartig vorbei mit der Paranoia. Vermutlich ist
das beste Heilmittel gegen Verfolgungswahn die Gewissheit, tatsächlich verfolgt
zu werden. Johannes hatte auch lange genug Schach gespielt, um berechnen zu
können, dass er Matt gesetzt werden würde. Das Wie und die Zahl der noch
verbleibenden Züge würde er allerdings noch bestimmen können. Er machte quasi
eine kleine Rochade und verschanzte sich für eine Weile in der „italienischen
Ecke“ vom Schachbrett des Lebens, um zu begreifen, was unmittelbar vor seinen Augen
passiert war.
Fügung, Schicksal oder doch nur ein weiterer
Beweis dafür, dass die Oberwelt viel enger verknüpft ist, als "die von
unten" das wahrnehmen könnten? Johannes hatte noch nicht einmal einen
Monat lang nach der Meldung von "Il Mulos" Tod zu recherchieren
begonnen, als er feststellte, dass zwei der Organisationen, die er als
Hauptkunden in Fragen der Öffentlichkeit beriet, über spezielle Fonts zur
Sicherung der Grundstock-Vermögen unter anderen mit dem Kapital des offiziell
durch Suizid von hinnen geschiedenen Wolfgang Lindau verknüpft waren. Die Witwe
des Ex-Champs, Marita Grau, wurde bei ihren Vermögensfragen da noch von einem
Schulfreund ihres Mannes beraten, der seit Ende der 1970er als jüngster
CDU-Senator Hamburgs politisch von sich Reden gemacht hatte.
So wie es aussah, operierten Männer, die
Johannes bislang nur als Inhaber wenn auch einflussreicher Ehrenämter kennen
gelernt und wahrgenommen hatte, in ihren geschäftlichen Funktionen mit der
Wirtschaftsmacht der von ihnen geführten Organisationen in einer Grauzone aus
möglicher Vorteilsnahme und Untreue. Das Netzwerk aus Magnaten, Politikern,
hohen Beamten, Ordensträgern und anderen Wohltätern war jedoch so verflochten,
dass der kleinste aufkommende Argwohn in den engen Maschen der staatstragenden
und die Gesellschaft stützenden Gemeinnützigkeit hängen blieb. Johannes als
Transporteur dieses Argwohns zappelte sich zwar mit Mühe noch einmal frei, aber
er war auffällig geworden. Er hatte wie ein Aal im tiefen, trüben Wasser
vorsichtig an einem vermeintlichen Happen gezupft und damit oben an der Angel
das Glöckchen zum Klingen gebracht.
Wenn Johannes das Szenario später zu erklären
suchte, tat er es bezeichnender Weise mittels einer Metapher. Er zog für den
real erlebten Schrecken die Beschreibung eines in Wahrheit nicht existierenden
Computerspiels heran, das er "Real-Estate-Raid" nannte.
Wie in jeder dieser neuen Spielwelten gab es
natürlich auch in diesem Spiel Charaktere, die sich mittels spezieller
Eigenschaften behaupteten und Punkte sammelten, die sie für die "nächst
höhere Ebene" qualifizierten. Der Einfachheit halber zog Johannes für sie
seine simple Genealogie für Männer und Frauen heran, die er schon entwickelt
hatte, lange bevor es Computerspiele gab:
Zur Qualifikation des persönlichen Umgangs
mit seinen erwachsenen Mitmenschen hatte Johannes die Welt seiner
Geschlechtsgenossen nämlich in "Männer", "Balletttänzer",
"Teppichhändler" und "Friseure" kategorisiert, während er
die der Frauen in "Mädchen", "Muttertiere",
"Marien" und "Mata Haris" unterteilte.
Nach den Vorstellungen von Johannes zeichnete
sich die Kategorie "Männer" durch folgende Charakterzüge aus: auf dem
jeweiligen Level ihrer persönlichen Moral geradlinig und verlässlich; in
Stärken und Schwächen zum gegebenen Wort stehend; hart aber herzlich - also
sowohl kämpfen als auch weinen könnend; die natürliche Männlichkeit ohne
Machogehabe lebend.
"Balletttänzer" hingegen
charakterisieren sich dadurch, dass sie niemals mit der ganzen Sohle auftreten,
unruhig immer in Bewegung sind und die Fürsorge für die eigene körperliche
Präsenz allen übrigen Pflichten unterordnen. Ihr Hang zur Dramatik kann
durchaus unterhaltsam sein, lenkt sie jedoch meist davon ab, Lösungen zu
finden. Sie zünden gerne überall Lagerfeuer an, löschen sie aber nicht, wenn es
ungemütlich wird.
"Teppichhändler" haben von allem,
was sie besitzen, immer ein wenig zu viel und tragen daher gerne etwas dicker
auf. Sie sind permanent bereit, jemandem etwas zu verkaufen auch wenn es im
Verzweiflungsfall die eigene Seele oder gar ein Freund ist.
"Friseure" seifen dich ein und
rasieren dich. Alles an ihnen ist so glatt, dass sie keinen Halt bieten und
Äußerlichkeiten über innere Werte stellen. Sie sind unverzichtbare Verbreiter
von Geheimnissen, die unbedingt an die Öffentlichkeit sollen.
Johannes hatte zeit seines Lebens die Erfahrung gemacht, dass
Frauen erheblich von ihrer Rätselhaftigkeit verloren, wenn man sie baldigst
folgenden Grundmustern zuordnete:
Die "Mädchen" weigern sich,
sichtbare Reife an sich zuzulassen, um unbekümmerte Verfügbarkeit ohne
unbedingte sexuelle Bereitschaft zu signalisieren. Sie können für Macht-Männer
Kumpel zum Pferdestehlen oder Mädchen "für alles" sein, was nicht
heißt, dass sie nicht irgendwann aus deren Schatten treten... Dass Dr. Helmut
Kohl gegen Ende seiner Kanzlerschaft ausgerechnet Angela Merkel als "sein
Mädchen" bezeichnete, ist ein treffendes Beispiel für die Dimensionen
dieser Kategorie.
"Muttertiere" halten die Familien
zusammen und sichern das Überleben der Sippe, was nicht zum Schaden von
Ehemännern sein muss, denen es selbst an Härte fehlt, eigene Fähigkeiten
durchzusetzen. Unmittelbar nach der Geburt des ersten Kindes wird jedoch nicht
nur die Alpha-Ordnung in der Familie umgedreht, sondern auch der Oralsex (mit
dem Vater der eigenen Kinder?) nicht mehr praktiziert.
"Marien" sind es gewohnt angebetet
zu werden. Um diesen Zustand zu erhalten, sind sie ein Leben lang gezwungen,
heiligmäßig oder Göttinnen gleich aufzutreten. Mann genießt ihren Glanz, hält
es aber darin nie lange aus. Deshalb sind Marien meist unglücklicher als sie
vorgeben.
"Mata Hari" - Mutter des Tages,
Sonne, Lichtfrau oder wie immer man diese indonesische oder malaiische
Begrifflichkeit übersetzen will, sie erhielt ihre Bedeutung durch eine
desperate Dame, die überwiegend ein Wesen der Nacht oder des Zwielichts war.
Mata Haris lehnen es ab, zu altern, definieren sich über Sex und die
Ausstrahlung ihrer Sinnlichkeit, können aber bei aller Macht, die sie über
Männer gewinnen, nicht von der Tatsache ablenken, dass sie Frauen sind, deren
Hauptcharakteristikum die Verzweiflung ist. Ein Grund, weshalb sie immer wieder
in Konfliktsituationen geraten, in denen sie auch gefestigte Männer ins
Verderben ziehen. Johannes war immer wieder diesem Typus erlegen. - Gut, dass
Esther ein typisches Muttertier war…
Johannes war ohne geringste Ahnung, wie
später alles kommen würde, in die Peripherie des ersten der perfekten Morde
geraten, als er 1997 leicht angetrunken in einem historischen Zug einen Beratervertrag für Redaktions-, Presse- und
Öffentlichkeitsarbeit unterschrieb. Der Interessenverband „Latefundis“ und der
ihm freundschaftlich verbundene Verein „Eigenheim für alle“ (EFA e.V.) hatten
zu ihrer jährlichen Arbeitstagung nach Bregenz gebeten. Im Rahmenprogramm mit
Damen gab es am Sonntag nach den Sitzungen eine Fahrt in dieser Schmalspurbahn,
die ein Club auf dem Uferdamm des Rheintals betrieb. Und abends nach einem
ausgedehnten kulinarischen Nachmittag in
Lustenau wartete eine Aufführung von „Porgy and Bess“ auf der weltberühmten
Seebühne im Bodensee. Der Spiritus Rektor dieses Treibens hatte „Die gute alte
Zeit“ als Motto für die festliche Kleidung ausgegeben: also Gehrock, Zylinder,
Gamaschen für die Herren, Cul de Paris und Schnürtaille für die Damen oder eben echte Trachten für die „einfachen
Leute“.
Johannes hatte Esther zu Hause gelassen. Er
hatte ja noch nicht unterschrieben und
wollte vorher nichts zu nah und persönlich an sich herankommen lassen. Er saß
nun der grauen Eminenz beider Vereine in einem Sonderabteil, an einem verankerten Zweiertischchen mit
Holzbänken gegenüber, das mal für vier Fahrgäste gedacht gewesen sein mag, aber
ihren Bäuchen und Gesäßen kaum Platz ließ. Da sein Gegenüber mit Brokatweste,
dickem Uhrengehänge, gefälteltem Hemd und Seidenschal samt Perlennadel zum
mitternachtsblauen Gehrock wie ein Kommerzialrat der Belle Epoque wirkte, hätte
das, was passierte, für Außenstehende auch eine Szene aus einem
Ludwig-Thoma-Einakter sein können. Denn Johannes saß ihm wie ein Bauer, der
seine Pacht nicht zahlen kann, stilecht in einer leicht abgetragenen original
Isarwinkler Tracht vis à vis, die ihm ein Spezi mit ähnlicher Figur geliehen
hatte.
„Also ich finde, Sie haben sich die zwei Tage
sehr gekonnt verkauft. Es könnte mir sehr gefallen, wenn wir gemeinsam Ihre
konzeptionellen Ansätze umsetzten. Also lassen Sie uns Butter bei die Fisch
geben, wie wir so schön sagen.“
Er schnippte mit dem Finger und ließ sich von
einem Büroboten mit Augenschirm und Ärmelschonern (Johannes sollte noch lernen,
dass dieser Mann immer alles perfekt inszenierte und bei entscheidenden
Vorgängen gerne das Überraschungsmoment bei alkoholisierter Festlichkeit
nutzte) einen nicht ganz stilechten, modernen Aktenkoffer reichen.
„Ich habe mal einen kleinen Vorvertrag
aufsetzen lassen. Einzelheiten regeln wir dann später.“
Johannes konnte bei dem Geruckel kaum lesen,
da half es ihm, dass die Garantiesummen in dem nur ein Dutzend Zeilen
umfassenden Text etwas größer geschrieben waren. Dieser Vertrag war zu stemmen,
und er würde Johannes und seine Mitarbeiter schlagartig für ein paar Jahre von
allen aktuellen Sorgen befreien. Alles andere könnte dann ja noch im
eigentlichen Vertrag hieb- und stichfest formuliert werden, wie Johannes
bemerkte, als er eine sehr wackelige Unterschrift unter das Papier setzte.
„Der Rest ist alles Technik! Sollen sich
andere mit den Details herumplagen. Hier gilt das Wort von Ehrenmännern!“
Zu diesem Zeitpunkt, da sie sich kräftig die
Hände schüttelten und eine Flasche „Roederer Cristal“ zur Besiegelung ihrer
Zusammenarbeit vertilgten, war der Makler-Mogul Edwin Hagelschauer bereits
siebzig, hatte aus fünf Ehen vier Söhne sowie drei Töchter, und seine Enkel
hätten zwei Fußballteams bilden können. Er hatte eines dieser heimlichen,
deutschen Vermögen angehäuft und war – da er im Rahmen der fiskalisch
relevanten Möglichkeiten auch großzügig abgab - mit einer kompletten Kollektion
deutscher Verdienstkreuze und -Orden
dekoriert worden. Johannes ließ sich auf diesen Mann ein – obwohl er vom ersten
Moment an wusste, dass er ein „Teppichhändler“ war und sich in seinem Sohn aus
erster Ehe, Dr. Erwin Volkhart, quasi bereits einen perfekt funktionierenden
Klon als skrupellosen Erfüllungsroboter
ohne sonderliche eigene Ambitionen geschaffen hatte.
Johannes hatte jegliche Bedenken verdrängt,
als ihn die unbeweibte Tischordnung an die Seite des ebenfalls solo erschienen
„Latefundis“-Schatzmeisters gesellte. Fritz Schreiner war im Alter von
Johannes. Ein schwäbischbarocker Genussmensch von natürlicher Gelassenheit, der
nach zehn Minuten Unterhaltung in Johannes’ Typenschublade „Männer“ landete. Er
war in Personal-Union Leiter einer Bausparkassen-Filiale und parteifreier
Bürgermeister eines kleinen Kurortes auf der Alb. Nach wenigen Minuten hatten
sie neben Übereinstimmungen in grundsätzlichen Fragen des Lebens auch eine
Reihe gemeinsamer Hobbys entdeckt. Und so wurde es trotz des gestelzten
Paar-Trubels um sie herum ein netter Männerabend, der bald im vertraulichen Du
eine freundschaftliche Vorstufe erreichte.
Die bedingt durch die räumliche Entfernung
nur sporadisch wachsende berufliche Bekanntschaft war gerade auf dem Weg zu
einer echten Männerfreundschaft, als die Seismographen von Johannes selbst aus
der Distanz deutliche Oberflächenspannungen im Umfeld von Schreiner wahrnahmen.
Gegen die Flaute auf dem Baumarkt hatten sich
beide Vereine nach dem 11. September 2001 derart prächtig entwickelt, dass ein
lang gehegter Plan, der Bau eines eigenen Verwaltungsgebäudes, umgesetzt werden
konnte. Es war bis dato Politik des Großgrundbesitzer- und Großbauherrenvereins
„Latefundis“ mit seiner föderalistischen Struktur nach Bundesländern gewesen,
Präsidien und Vorstände mit denen des „Häuslebauer-Vereins“ EFA, den ihr Mitglied Hagelschauer erfunden
hatte, zwecks schnellerer gemeinsamer Entscheidungen zu verzahnen.
Die zentralistische Struktur des EFA, die den
meist bei der Finanzierung an die Belastbarkeitsgrenzen gehenden Mitgliedern
nicht nur Kreditvorteile, Versicherungs- und Rechtsschutz, sondern über eine
monatlich erscheinende Zeitschrift auch handfeste Lebenshilfe bot, verfügte
über mehr als 600 000 Direktmitglieder, die einen geradezu unheimlichen
Beitragsüberschuss in die Vereinskasse schwemmten. Edwin Hagelschauer, der als Ehrenvorsitzender
des Vereins, den er gegründet hatte, scheinbar keinen operativen Einfluss
ausübte, schlug vor, den Hausbau (in der Nähe vom teuren Lohrberg bei
Bergen-Enkheim mit Blick auf Frankfurt) durch eine einmalige Beitragserhöhung
von seinen Mitgliedern finanzieren zu lassen. Die stets klamme „Latefundis“,
der zwar einige der reichsten Männer des Landes angehörten, war begeistert,
quasi „für lau“ – wie Hagelschauer sich ausdrückte - repräsentativ zu
residieren und überließ dem Makler und seinem Sohn Dr. Volkhart ohne Argwohn
die Realisierung.
Nun war Hagelschauer aber eben ein echter
„Teppichhändler“, was bedeutete, dass alles ein wenig größer, geschmacklich
zweifelhafter und von manchen Folgeverpflichtungen zwielichtiger ausfiel. Der
ehrenamtliche „Latefundis-Schatzmeister“, zudem angesehener Kommunalpolitiker
und Baufinanzierer der seriösen Art, wurde von seinem
EFA-Schatzmeister-Kollegen immer häufiger zum Abzeichnen von Vorgängen
genötigt, die fiskalisch, vereins- und baurechtlich hätten diskutiert werden
müssen. Er fühlte sich von dem Zeitaufwand her wie hauptamtlich operierenden
Vater-Sohn-Duo zunehmend überfahren.
Nicht anders erging es auch Johannes, der zu
diesem Zeitpunkt immer noch - nach mehr als sechs Jahren - darauf wartete, dass
dem Vorvertrag, die endgültige Ausarbeitung folgte. Auf einmal galt es nämlich
schon immer als abgemacht, dass seine Firma bei Fertigstellung des „Hauses der
Häuser“ mit dort einzöge, um durch ordentliche Mietzahlungen zu dessen
Restfinanzierung beizutragen.
Im Mai 2004 trafen sich Schreiner und
Johannes zufällig am Rohbau. Der bislang so joviale Schatzmeister schien
bedrückt und andererseits äußerst gereizt. Johannes inspizierte die viel zu
groß bemessenen Räumlichkeiten für sich und jenen Teil seines Personals, der
sich darauf einlassen wollte, von Frankfurt aus zu arbeiten. Im Kopf hatte er
schon überschlagen, dass dieser Spagat - das erhebliche Ausgeliefertsein an
einen Kunden inbegriffen – die Gewinnerwartungen aus der Erfüllung nach
bisherigem Modus Operandi auf ein Minimum schrumpfen lassen würde. Er hatte das
Gefühl, in eine gigantische Falle getappt zu sein und offenbarte diese
Befürchtung dem Schatzmeister. Der untersetzte Mann explodierte förmlich:
„Ja, nicht nur du. Nicht nur du! Seit Monaten
versuche ich meinem Vorstand – einmal ohne Beisein von Hagelschauer – die
ganzen Ungereimtheiten vorzutragen. Ich finde kein Gehör. Der Kerl lässt sich
als großer Mäzen feiern. Dabei gibt er doch nur die Beitragserhöhung von seinen
Mitgliedern aus, an denen er ja auch noch verdient. Grunderwerbssteuer,
Notarkosten, teure treuhänderische Analysen und die Rechtsanwälte für die
komplizierten Verträge - alles geht laut Abmachung zu unseren Lasten. Über
seinen Minister-Spezi ist er zwar günstig an den Grund hier gekommen, aber der
Kauf wurde voll gegen Courtage von Dr. Volkhart über ihre Maklerfirmen
abgewickelt. Ein Teil der Mitgliederbeiträge wandert also auch da in seine
Taschen, als ob es nicht schon reicht, dass er fünf Euro pro Jahr und Mitglied
für seine ‚Erfindung’ erhält.“
Johannes versuchte zu beschwichtigen und den
Geldwert von Hagelschauers Ideen – gerade für „Latefundis“ – zu verteidigen,
aber da kam richtig Schaum vor den gestutzten grauen Knebelbart Schreiners:
„Wir – du inbegriffen – sind doch schon längst
Marionetten für neue politische Ziele dieses Verbandes. Der kommende Präsident
und Parteifreund wird bereits in Position gebracht. Und auch da kassiert wieder
eine Hand beim Waschen der anderen. Wer -
glaubst du – liefert keinesfalls zum Vorzugspreis aber immer einen Tick
günstiger als die Konkurrenz nach der offenen Ausschreibung das Baumaterial und
die Baumaschinen? Und wer erhält auch dafür wieder auf der Gefälligkeitsbank
eine ordentliche Gutschrift?“
„Ja, aber dann wäre das ja wohl Untreue.“
„Ach? Und wofür - glaubst du – wurde die
Stiftung „Soziales Wohnen“ ins Leben gerufen?“
„Jetzt hör aber auf! Bislang war Paranoia
doch meine Spezialität.“
„Ich kann und will mich jedenfalls nicht
unterkriegen lassen. Eine Sache, die ich entdeckt habe, stinkt derart zum
Himmel. Wenn sich die bestätigt, haben wir bei der Versammlung vielleicht
wieder die Chance auf einen sauberen Vorstand. Ich würde dir ja gerne mehr
verraten, aber für mich bist du trotz aller Sympathie immer noch deren Pressefuzzy.“
Die Arbeit fraß beide in der Folge auf, so
dass sie bis zur Einweihung im Oktober nur noch telefonischen Kontakt halten
wollten. Der Einfachheit halber sollte bei der Einweihung ja auch gleich die
Vollversammlung im neuen, protzigen Tagungssaal abgehalten werden. Aber im
August war Fritz Schreiner samt seiner „Moody 425“ zwischen den kroatischen
Inseln spurlos verschwunden.
Die erste Reaktion von Johannes war
fatalistisch. Schreiner hatte oft vom Einhandsegeln geschwärmt, zu dem ihn
seine Familie durch totale Segelentsagung verdammt hatte, seit sie einmal
allesamt vor Pula mit einer Varianta in einen Sturm geraten waren.
Nur, die Moody 425 war eben keine Varianta,
sondern mit 12,70 Meter Länge und vier
Metern Breite und einer Verdrängung von fast 10 Tonnen ein Pfund, mit dem man
im bisweilen tückischen Revier der kroatischen Inselwelt auch bei schwerem
Wetter wuchern konnte. Schreiber hatte das nahezu unsinkbare Schiff, das in
England gebaut worden war, während der Wirren auf dem Balkan samt Liegeplatz in
Rijeka zum Schnäppchen-Preis erstanden. Seine resolute Frau hatte ob der
auszustehenden Ängste alsbald mit Scheidung gedroht und erst Erlaubnis zum
Ablegen erteilt, als der Schwabe wenig sparsam nach und nach in umfangreiche
Sicherheitstechnologie investiert hatte. Als der Skipper mit seinem Boot
verschwand, verfügte dieses über einen kraftvollen Volvo-Penta-Diesel nebst 4,5 Kilowatt Notstrom-Aggregat,
Echolot, UKW, Radar, Autopilot und - für Suchen und Ortung am wichtigsten –
einem Global Positioning System GPS. Dazu trug Schreiber am Körper eines der besten wasserdichten Funktelefone.
Die Moody verfügte über eine Mittelplicht mit spritzwassergeschütztem Cockpit,
das man als Einhandsegler - wegen der Rollreffanlagen und der Winschen in
Reichweite zum Bergen und Reffen der Segel - nicht verlassen musste. Johannes
wusste zudem aus Erzählungen, dass sich Schreiber beim Ablegen mit einer
Sicherheitsleine einhakte und mit ihr über einen Tampen an den achtern
angebrachten Davits auch bei rauer See wieder ins Boot kommen konnte, sollte er
einmal aufgrund einer Unachtsamkeit über Bord gehen. Er war also gewissermaßen
untrennbar mit seinem Schiff verknüpft…
Die kompetenten Untersuchungen und
Nachforschungen von Lloyds waren ebenso umfangreich wie deprimierend gewesen
und zogen sich angesichts der Versicherungssumme von annähernd einer viertel
Million Euro hin. Sie erbrachten bei der Erkenntnis, dass ein derart
ausgestattetes Boot weder durch Havarie oder Versinken spurlos verschwinden
könne, ausschließlich Mutmaßungen zum
einzig Denkbaren: Fritz Schreiner könnte nur einem Verbrechen zum Opfer gefallen
sein:
These 1: Die rund um Istrien operierende
internationale Drogenmafia habe das Boot gekapert, für Kurierfahrten
unkenntlich gemacht und den Skipper mit „Betonfüßen“ an einer tiefen Stelle
über Bord entsorgt
These 2: Fahrerflucht. Ein illegal von der
Route abgewichener Riesenpot hat die Moody
des Nachts einfach überrannt und mit den Turbinen-Propellern derart
geschreddert, dass nichts mehr geortet werden konnte. – Äußerst
unwahrscheinlich!
Bei dem überaus korrekten und stocksoliden
Schwaben wurden weder in der Bank noch in anderen Geschäftsbereichen und schon erst recht nicht auf den privaten
Konten Unregelmäßigkeiten festgestellt. Das sprach auch gegen ein
abenteuerliches Verschwinden zu Gunsten eines anderen, neuen Lebens.
Über das Tagesgeschäft verblassten Gedanken
und Erinnerungen an den sympathischen Schatzmeister beschämend schnell.
Johannes hatte auch alle Hände voll zu tun, um unfreundliche Ansinnen in den
neuen Geschäftsbereichen abzuwehren, ehe sie ihn in die roten Zahlen trieben.
Irgendwo in seinem Hinterkopf hatten sich nur auf Dauer zwei Überlegungen
verhakt: Schreiber hatte etwas herausgefunden und war gleich darauf
verschwunden. Und - eingedenk der Spurensuche mit Jack The Blacktracker:
Was, wenn das Schiff gar nicht im Meer, sondern an Land verschwunden wäre…?
Im Karst gab es tausende von großen Höhlen,
in denen ein Boot versteckt unversehrt stehen könnte, ohne das GPS, Scanner, oder sonstige moderne Suchtechnologien es aufspüren
konnten. Das Schiff war in handgelegter und feuchter GFK-Mattenverarbeitung 1991
in einzigartiger Qualität gebaut worden. Das konnte gut verpackt leicht ein
Jahrzehnt „Winterlager“ verkraften, ehe es mit neuen Papieren und Shelcoat in
anderer Farbe bei einem der tausend Yachthäfen des Mittelmeers unerkannt wieder
auftauchte.
Da das Büro von Johannes eigentlich
Vertragspartner des EFA war, traf es sich in diesen Jahren gut, dass auch aus der engen Zusammenarbeit mit dessen
Geschäftsführer ein privates Band der Freundschaft entstand. Es machte
allerdings den Vorständen zu schaffen, da es aus jeder Zerreißprobe noch fester
hervorging. Wie sich zeigte, waren die Führungsstrukturen beider Organisationen
ja in der Vergangenheit auf Hierarchien und Druck aufgebaut, dem die Allianz
der beiden Teamworker im „Haus der Häuser“ nun einen unsichtbaren Schutzschild
aus tadellosem Betriebsklima überstülpte. Unter diesem wurde nicht nur
fröhlicher und Stockwerk übergreifender gearbeitet, sondern es wurden auch
strategische und wirtschaftliche Erfolge eingefahren, die Johannes soviel Spaß
an der Arbeit bereiteten wie kaum jemals zuvor.
Ron Farmer, der Geschäftsführer des EFA war
ein Besatzungskind, das im Moment der Befreiung gezeugt und im gleichen Jahr
Halbwaise wurde, weil sein Erzeuger, der Versorgungsoffizier Ethan Farmer, die
Finger nicht von Lucky Strikes und Burbon lassen konnte. Sein früher Herztod an
Weihnachten 1945 war seinem Sohn Ron allerdings nie Warnung genug gewesen, von
Jugend an nicht zu den gleichen Mitteln der Stressbekämpfung zu greifen.
Mutter Rosa Kirchhauser war erstaunlicher
Weise keinerlei Repressionen ausgesetzt, obwohl es ja dieses strikte
Fraternisierungsverbot gab, nachdem sie in den Nachkriegsjahren auch Ethan
nicht hätte heiraten dürfen. Als hätte Ethan aber seinen frühen Tod irgendwie
geahnt, hatte er testamentarisch für seine große Liebe und das erwartete Kind
die bestmögliche Versorgung veranlasst. Das war nicht viel, hob die
Kirchhausers aber doch über den durchschnittlichen Lebensstandard der
geschlagenen Deutschen. Einem Kollegen Ethans, einem Verbindungsoffizier, war
es gelungen, Rosa in seinem Büro aufgrund ihrer Zweisprachigkeit einen Job als
Sekretärin zu vermitteln. So wuchs Ronald Kirchhauser zwischen Heidelberg und
Darmstadt auf wie ein Amerikaner am
unteren Rand der Mittelschicht und reifte hinein in die Kategorie Männer
(obwohl seine Überlebensjahre deutlich auch die Ausprägungen zu einer Karriere
als „Teppichhändler“ aufwiesen).
Ron – wie er bald genannt wurde - hatte mit
neun bereits einen schwunghaften Handel mit Dingen begonnen, die es in der PX
zu Spottpreisen gab, aber in deutschen Geschäften noch Mangelwahre waren. Es
sprach für ihn, dass er nie mehr als die Hälfte der Spanne zwischen dem
PX-Preis und einem denkbaren deutschen Verkaufswert für sich nahm. Im zweiten
Jahr auf dem Gymnasium hatte er sich dennoch auf diese Weise bereits ein
kleines Mark-Vermögen erwirtschaftet, von dem seine Mutter möglicherweise
nichts wusste. Obwohl sie sich
sicherlich wunderte, wieso sie ihr Sohn nie mehr um Taschengeld bat, aber auch
bei Anzieh- und Schulsachen die Haushaltskasse entlastete. Stets behauptete
Ron, er bekäme so viel von den
amerikanischen Freunden des Vaters geschenkt.
Mit seinem „Grundstockvermögen“ stieg er nach
der Konfirmation in die große, natürlich illegale - Poker-Runde der
Army-Truckdriver ein. Deren umzäunter Fuhrpark lag keine hundert Meter von
seiner Haustür. Ron erwarb, nachdem er anfangs sein „halbes Vermögen“ verspielt
hatte, seinen Poker-Beinamen „Krooked
Kraut“ auf der Basis von Respekt und Zuneigung der überwiegend schwarzen
Fahrer. – Und er rauchte bereits eine Schachtel Lucky Strike pro Tag und gönnte
sich dazu den einen oder anderen Jack Daniel’s Blacklabel. Denn Ron - entsprechend seiner Wesensart -
spielte Poker mit buchhalterischer Emotionslosigkeit, und seine Bluffs wurden
nach einem Kalkül, dass sich ansonsten jedermann verschloss, mit vernichtender
Präzision durchgezogen.
Anstatt sauer zu sein, oder ihn
auszuschließen, förderten die Jungs seinen Nimbus. Bald stießen Fahrer von
Auswärts zu den Matches, um „Wunderkind“
wenigsten einmal zu schlagen. Mit 16 fuhr Ron die Army-Motorräder und PKWs bei
kleineren Botendiensten auf dem Garnisonsgelände herum. Mit 18 hatte er alle
Papiere, um auch die Trucks zu fahren. Er fuhr dreimal die Woche einen mobilen
Eis- und Gefrierkost-Laden durch die „Housing-Areas“ der Region und kassierte
von den „desperate Housewives“, die qualmend und mit Lockenwicklern durch die
Regale schlurften, beinahe soviel Trinkgeld wie Fahrerlohn von der
US-Zivilverwaltung.
Etwa in dieser Zeit, im Herbst 1966,
heiratete Rosa Kirchhauser den Freund von Ethan Farmer und nahm dessen Namen
und die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Ted Shoefield wollte Ron
adoptieren, aber der lehnte in einem Erwachsenengespräch ab und bat um
Verständnis. Ob denn Ted ihm aber dabei helfen könne, den Namen seines
verstorbenen Vaters anzunehmen.
Trotz der Vielfachbelastung schaffte er
bereits unter seinem neuen Namen ein Abitur mit dem Notendurchschnitt 1,2,
kaufte sich aus Army-Beständen eine nahezu ungefederte „Indian Chief“ Baujahr
1943 und düste als „Easy Rider“ noch frei wie ein Vogel durch die europäischen
Landschaften, als ein Film dieses Namens 1969 zur Hauptattraktion der
Filmfestspiele in Cannes und bis heute zu dem Motorrad-Kultfilm wurde.
Vier dramatische Nachrichten warteten auf
ihn, als er wieder nach Heidelberg zurückkehrte:
Seine Mutter war samt ihres neuen Ehemanns
mit dem ungewohnten U-Haul-Umzugsanhänger im Schlepp vier Meilen vor Erreichen
der Shoefieldschen Familien-Farm auf einer Landstraße bei Kitty Hawk in North
Carolina tödlich verunglückt.
Das amerikanische Rekrutierungsbüro wünschte
ihn ungeachtet dieser Tragödie zu sehen, um seine Tauglichkeit als
Kanonenfutter für den Vietkong zu prüfen.
Das deutsche Kreiswehrersatzamt hatte ihm
ebenfalls einen Musterungsbescheid geschickt, der schon überfällig war.
Und der „AstA“ der Uni Heidelberg wollte ihn
auf dem Gipfel des Antiamerikanismus an deutschen Hochschulen
gesinnungsmäßig auf den Zahn fühlen. Es
war denen möglicherweise suspekt, dass sich einer gleichzeitig für die
Numerus-clausus-Fächer Jura und Medizin immatrikuliert hatte, und es
zirkulierten ja Gerüchte, die CIA unterwandere die politische Bewegung an den
deutschen Hochschulen.
Der kurzen, traurigen Erkenntnis, dass er
nun ganz allein auf der Welt war, folgte ein völlig unemotionales Abarbeiten
der Konfliktfelder.
Seine Mutter hatte nicht allzu viel
persönlichen Besitz und deshalb kein Testament gemacht. Die Shoefield-Familie,
die sich um die Beisetzung und die übrigen Formalitäten gekümmert hatte, erbte
Teds bescheidene Hinterlassenschaft, da Ron ja die Adoption abgelehnt hatte. Er
versprach, das Grab seiner Mutter zu besuchen, so bald er es sich würde leisten
können.
Dem Heidelberger Rekrutierungsbüro saß ein
Freund von Shoefield vor, der schrieb mit großer Freude auf das
Ablehnungsformular: too short, too shortsighted and absolutely no
boots!!! Obwohl er nämlich nun aller Wahrscheinlichkeit nach ausgewachsen
war, lebte Ron bei 1,68 Körpergröße immer noch auf zu kleinem Fuß. Er brachte
es tatsächlich nur auf Schuhgröße 36. - Zu wenig großspurig für die US-Forces…
Um die Absurdität der Diktion Deutscher Studenten
in diesen Jahren zu dokumentieren, hätte man Rons auf freiwilliger Basis
stattfindende Befragung durch deren Ausschuss mitschreiben oder filmen müssen.
Es darf gemutmaßt werden, dass ein Teil der Leute ihre eigenen Fragen und
Überlegungen in dieser Dialektik nicht verstanden, jedenfalls drehte Ron bei
den Antworten den Spieß der Unverständlichkeit
um, indem er im wüstesten schwarzen Slang der Poker-Runden antwortete. Nicht nur
deshalb wurde er zu einer Erstsemester-Legende, sondern auch weil er entgegen
seiner eigenen ideologischen Ausrichtung eher aus Protest Mitglied in der
konservativsten schlagenden Verbindung der Republik wurde. So war er eben, der
Ron: eindeutig hochbegabt, aber auch gerne ein wenig gegen den Strom
schwimmend.
Auch das für ihn zuständige
Kreiswehrersatzamt hätte ihn vermutlich in Tauglichkeitsstufe IV oder
V eingestuft – zumal er ja eine Art Kriegswaise war, aber aus nicht
nachzuvollziehender Sturheit verweigerte er vorher den Kriegsdienst und
erschien vor der Prüfungskommission im komplett zusammen geliehenen
US-Army-Outfit. Zwei Stunden dauerte sein aus dem Stehgreif gehaltener Vortrag,
in dem er heraufbeschwor, dass bei dem anhaltenden Antiamerikanismus in diesem
Land nicht ausgeschlossen sei, dass er dereinst auf Soldaten seines Vaterlandes
schießen müsse. Dass im Übrigen seine deutschfriedliche Gesinnung für den Fall
unweigerlich zu seelischen und moralischen Konflikten führte, da er Befehl
erhielte, auf seine „Brüder und
Schwestern“ jenseits der Mauer zu schießen… Und als dann ein besonders
scharfsinniger Beisitzer ihn fragte, wie denn seine gesamte Friedfertigkeit zu
der Tatsache passe, dass er einer „Schlagenden Verbindung“ angehöre, meinte Ron
– die Frechheiten krönend – man müsse die Elite des Klassenfeindes dort unterwandern,
wo es am meisten weh täte.
Vermutlich wäre die folgende Prozedur von dem
späteren Volljuristen Ron Farmer durchaus erfolgreich anfechtbar gewesen, aber
er verzichtete darauf, weil er ja seinen Spaß gehabt hatte. Als
Kriegsdienstverweigerer wurde er zwar nicht anerkannt, aber es wurde nach dem
Augenschein eine Nachmusterung angeordnet, bei der man ich ihn gar nicht
schnell genug für absolut untauglich (VII) erklären konnte.
Ron fiel dafür viel zu früh auf dem Feld der
Liebe. Theresa, eine halbherzige Jurastudentin von annähernd 1,80 Länge und
erheblicher Grobschlächtigkeit, war als schickliche „Couleur-Dame“ zu einem
Bankett in der Verbindung erschienen, wo sie sich nach dem Nachtisch als
erfahrene Catcherin entpuppte. Im Treppenhaus zum Paukboden warf sie den
gewichtsklassenmäßig eindeutig unterlegenen Ron auf den Rücken und machte ihm
seine erste Tochter. Damals war Abtreibung noch ein Kapitalverbrechen, und
überhaupt heiratete man in so einem Falle, weil es die Ehre gebot. Bis zu den
Staatsexamina folgten noch weitere drei absolut perfekte Pampers-Babys.
Hätte es ein Staatsexamen für im Hauptfach
perfekt funktionierende Studenten-Väter gegeben, Ron hätte auch dieses – wie
seine beiden akademischen „Nebenfächer“ -
mit der Note Eins abgeschlossen. Er, der nie ein intaktes Familienleben
kennen lernen durfte, entwickelte sich zum Übervater im positivsten Sinne. Es ist weder logistisch noch organisatorisch
nachzuvollziehen, wie er das alles unter einen Hut gebracht hatte:
Er beharrte nämlich trotz der sich anbahnenden familiären
Situation darauf, beide Studien durchzuziehen. Die permanent schwangere
Theresa, ein exemplarisches Muttertier, vollzog Sex in der Folge nur noch als
Zeugungsakt, er-zeugte aber permanent wachsenden sozialen Druck. Ron, der
schmächtige Ron, schulterte abnorme Lasten. Er nahm seine Tätigkeit als ziviler
Army-Truckdriver bei den unbeliebten aber besser bezahlten Nachtbereitschaft
wieder auf, gab fünf Wochenstunden deutsche Konversation an der amerikanischen
Schule, spielte Freitag und Samstag wieder mit den Fahrer-Kollegen der neuen
Generation Poker, und wenn seine Wut über die Gesamtsituation nicht mehr zu
beherrschen war, stieg er zum Paukboden hinauf
und metzelte mit seiner flinken Schlagfertigkeit im Kontrast zu der geringen
Trefferfläche, die er bot, des Öfteren wohl mehr als die Regeln dies zuließen.
Er war nicht beliebt, sondern gefürchtet. Er war kein Kumpan, sondern eher der
Typ, den man lieber duldete, als ihn zum Feind zu haben. Ron war das mehr als
recht, denn er wiederum musste niemanden fürchten. Allein seine herausragenden
akademischen Leistungen hoben ihn in eine unantastbare Stellung.
Erwin Volkhart, der die gleichen Farben trug
und auf Wunsch seines Vaters Wirtschaftswissenschaften studierte, war in jeglicher
Beziehung das genaue Gegenteil. Er war ein Riese mit gewaltigem Durst und
Hunger, trotz seines Formates aber ein Zäpfchen, das in jeden Arsch passte. Da
er mit dem Geld seines Vaters ja durchaus großzügig umgehen konnte, erkaufte es
sich die Beliebtheit, die ihm als Charakter-Qualle ansonsten nicht zugewachsen
wäre.
Vater Edwin Hagelschauer, der obwohl oder
gerade weil er eben kein Akademiker war, die Burschenschaft mit erheblichen
Mitteln versorgte, trat – ganz
„Teppichhändler“ - bei einem Saufabend
für die „Alten Herren“ während Rons
vorletztem Semester an den damals dreifachen Vater heran:
„Wie man hört, sind Sie ja ein echter
Wunderknabe.“
„Schon möglich“, antwortete der
Gewohnheitstrinker Ron, der auch nach mehreren „geriebenen Salamandern“ als
„last man standing“ die Containance nicht verlor.
„Was halten sie von meinem Sohn?“
„Er sollte an seiner Deckung arbeiten, sonst
erkennen Sie ihn nach dem Studium nicht mehr wieder.“
„Ja, das könnte man durchaus doppeldeutig
nehmen. Im Studium sollte er vielleicht sogar ein wenig aus der Deckung gehen.
Ich meine, offensiver werden. Sonst kommt es ja vielleicht gar nicht erst zu
einem Ende.“
„Das kann ich nicht beurteilen. Ich gehöre ja
anderen Fakultäten an.“
„Es könnte mir sehr gefallen, wenn Sie ihn
ein wenig unter Ihre Fittiche nähmen.“
„Wie sollte das gehen? Ich selbst müsste mich
ja schon strecken, um unter seine Achselhöhle zu passen.“
„Sie wissen schon, was ich meine.“
Nicht annähernd konnte sich Ron vorstellen,
in welchen Dimensionen der Makler tatsächlich dachte. Für den Verein, den er
gerade gegründet habe, bräuchte er dringend einen Volljuristen als
Geschäftsführer. Schon ab sofort könne er da zum Einarbeiten einen
‚Studentenjob’ haben, der seinen sozialen Status bei deutlicher
Arbeitsentlastung erheblich steigern würde. Auch eine geeignete Wohnung für
seine junge Familie zu finden, wäre für sein Büro kein Problem. Einzige
Voraussetzung: Er, Ron –„ ich darf Sie doch Ron nennen“ - solle seinem
„Kameraden Erwin“ als Pilotfisch durch die letzten Studienjahre voraus
schwimmen, und wenn es nur irgendwie ginge, beim Promovieren helfen. Ein Doktor
auf dem Firmenschild würde sich doch allemal gut machen, und überhaupt habe es
ja noch nie einen promovierten Akademiker in seiner Kaufmannsfamilie gegeben.
So kam es, dass Ron Farmer mit Haut und
Haaren zu EFA e.V. wurde. Vom ersten Moment, da er das in einem der herrlichen
Jugendstilbauten von Handschuhsheim untergebrachte erste Büro des
Häuslebauer-Vereins betrat, prägte er diesen mit seinen Ideen, seinem Fleiß und
seinem organisatorischen Talent. Er teilte sich die schwerathletische Aufgabe,
Volkhart durchs Studium zu schleppen, alsbald mit einem anderen Juristen in spe
aus der Burschenschaft. Erno Lutchinski, der auch jeden Pfennig brauchen
konnte, gehörte ebenfalls noch zur EFA-Geschäftsführung, als Johannes’ Team die
Räumlichkeiten im „Haus der Häuser“ bezog.
Möglicherweise hatten sie später all die
Jahre im Irrglauben gelebt, dass ihr Studien-Kamerad Erwin sich ihnen eines
Tages für die geleistete Hilfestellung als dankbar erweisen würde. Aber da
hatten sie sich sehr getäuscht. Ron hatte sich zum Verfassen der Doktorarbeit
Erwins über „Chancen und Risiken der Privatisierung im Sozialen Wohnungsbau“
quasi noch das gesamte Wissen für dessen Studiengang aneignen müssen und sogar
auf eigene Doktorhüte verzichtet. Ohne den für das Texten begabte Erno wäre die
Dissertation nur guter Durchschnitt gewesen. So wurde sie viel beachtet
publiziert, und dennoch fiel keinem die Diskrepanz zwischen der brillanten
Arbeit und den eher tumben mündlichen Leistungen des Doktoranden auf.
Auf Vatis Vermittlung landete Dr. Volkhart
zum beruflichen Freischwimmen bei einer der führenden Steuerkanzleien im
Bereich Frankfurt-Hanau-Offenbach. Die wuchs so schnell, dass man einen
Partner, der versprach, sich nach dem Einarbeiten im großen Stil einzukaufen,
mit offenen Armen empfing. Aber nach zwei Jahren machten alle „drei hoch drei“
Kreuzzeichen, als er weitgehend unbemerkt ins väterliche Maklerbüro wechselte.
Edwin sagte über seinen Sohn Erwin in der
Folge – durchaus bewusst auch in seinem Beisein und vor wildfremden Dritten:
„Der Erwin wird einmal ein brauchbarer Verwalter, aber er hat keine Visionen und ist ein schlechter
Verkäufer.“
Im Frust, weder von Frau und Kindern geliebt,
noch vom Vater oder Mitarbeitern anerkannt zu werden, fraß und soff sich
Volkhart eine Körperfülle an, die die
seines Vaters bald im wahrsten Sinne des Wortes in den Schatten stellte. Damit
zumindest ein wenig gesellschaftlicher Glanz auf seinen Sohn abstrahlte, ließ
Hagelschauer ihn kurz nach dem vierzigsten Geburtstag auf einer der
geheimnisvollen an entferntesten Orten stattfindenden Mitgliederversammlungen,
die seit der Gründung des EFA schon
immer eine Farce gewesen waren, zum stellvertretenden Vorsitzenden und
Schatzmeister wählen. Erster Vorsitzender war seit Jahren ein mit Haus- und
Wohnungsbau wenig befasster Finanzpräsident, der in erster Linie am üppigen
Spesenkonto und den Reputation versprechenden gesellschaftlichen Anlässen des
Vereins, aber nicht an seinen Geschäften interessiert war.
So war Dr. Volkhart auf einmal quasi
Vorsitzender und ehrenamtlicher Vorgesetzter zweier Männer, die unmittelbar mit
seiner Unzulänglichkeit befasst gewesen waren. Dieser für ihn so peinliche
Umstand förderte seine mit Abstand abscheulichsten Charakter-Eigenschaften auch
in operativen wichtigen Handlungen zu Tage: die da waren Immaterieller Neid,
Eifersucht und Missgunst.
Da sich bestehende Vermögen im Jahrzehnt der
Habgier quasi ohne besondere Verwaltung vermehrten, hatte der faule Erwin, den
sie hinter seinem Rücken „Baby Doc“ nannten, nicht viel zu tun. Der Spitzname
war nicht schlecht assoziiert. Ähnlich wie der schwergewichtige, annähernd
schwachsinnige Sohn des Haitianischen Präsidenten Doc Duvallier mit seiner
Geheimpolizeitruppe Tom Tom Macoute jeden terrorisierte, der sich nicht
unterdrücken ließ, schüchterte Erwin mit seiner Entourage williger
Helfershelfer, alle ein, die Ideen einbrachten, die nicht von selbst ihm zugeschrieben
wurden.
Johannes hatte mit einer derartigen
Vorgehensweise keine Probleme. Da es zu seinen Dienstleistungen zählte, quasi
wie ein Coach die Profile seiner Auftraggeber mit außenwirksamen Ideen zu
polieren, freute es ihn schon, wenn er von seiner Bank am Spielfeldrand zusehen
konnte, wie sein Input Erfolg zeitigte. Schließlich wurde er ja auch recht gut
dafür honoriert.
Nicht so der geniale Ron, der zunehmend
darunter litt, dass der Fleischberg, den er zu seinem Status geschleppt hatte,
ihn nun auch in der Öffentlichkeit als Fußabstreifer für den Charakter-Kot
missbrauchte, der dick an seinen Sohlen klebte. Siege waren Einzelsiege von Dr.
Volkhart. Funktionierte aber etwas einmal nicht nach seinen oftmals
unausgegorenen Ideen, wurde das zum kollektiven Versagen des Teams oder gar zur
gezielten Sabotage hochstilisiert, was Ron ein ums andere Mal um ihm zustehende
Prämien brachte.
Wer Verwalter eines derart großen
Privatvermögens wie das der Hagelschauers war, hatte keine Probleme kräftige
Steigbügelhalter um sich zu scharen, die ihn auf immer höhere Rösser hievten,
und umgekehrt zog er manchen zu sich nach oben, der nichts weiter vorhatte, als
eine noch tückischere Gesinnung als die Dr. Volkharts zum Einsatz zu bringen:
Nachfolger von Fritz Schreiner war der
persönlich haftende Gesellschafter einer bedeutenden hanseatischen Privatbank
geworden. Ein gefährlicher Vertreter der Gattung „Männer“. Er hieß Hartmut
Geyer und hatte, als er die einstimmige Wahl zum neuen
„Latefundis“-Schatzmeister annahm, echte Tränen in den Augen, die er auch nicht
verstohlen fortwischte. Damit hatte er schon mal das ganze weibliche Personal
im „Haus der Häuser“ auf seiner Seite, was strategisch unbezahlbar sein sollte.
Johannes gefiel der Mann, und er wunderte
sich deshalb zu diesem Zeitpunkt noch, wieso er keinen Draht zu ihm finden
konnte. Er war knorrig, breitschultrig, trug eine ehrliche Glatze und unter
einer fleischigen Nase einen für Banker untypischen Moustache von stattlichen
Ausmaßen. Was erstaunte und misstrauisch machte, war der Umstand, dass der
charmante und gesellschaftlich umtriebige Hartmut Geyer im Netz kaum Spuren
hinterließ. Obwohl der Banker sich in der folge den Kriegsnamen „Pleite-Geyer“
erwarb und eine derart exponierte Person im deutschen Finanzwesen einnahm,
gaben die Suchmaschinen nichts Deftiges über ihn her. Dabei hatte er auch als
Spiritus Rektor eines so genannten Heuschrecken-Fonts allein im
Börsenpleite-Jahr nach der Jahrtausend-Wende und nach dem Anschlag auf die
Twintowers geholfen, angeschlagene Firmen in Milliarden-Volumen zu verknuspern
…
Ganz anders der rechtslastige Politiker aus
Kaiserslautern, der sich anschickte, neuer Präsident der „Latefundis“ zu werden. Ein
„Balletttänzer“ mit geradezu absurder Ähnlichkeit zu Frankreichs Nicolas Sarkozy
und einem ähnlich zielstrebigen Lebenslauf von ganz unten mit Ziel ganz oben.
Alfred Heeremann hatte das Internet von der ersten Stunde an als Plattform für
einen wachsenden Kult um die eigene Person genutzt. Sein Auftreten und äußerst
gutes Aussehen täuschten jeden über seine Schmächtigkeit hinweg. Vor allem die
Frauen:
Der Zement-Fabrikant bei dem er in die Lehre
ging, hatte seine Frau vernachlässigt.
Alfred machte ihr geziemend den Hof, brachte ihr Blumen, hörte ihr zu
und erntete dafür Wohlwollen und Fürsprache. Als die Zementfabrik zwecks
Expansion von einem regionalen Baustoffhändler geschluckt wurde, war der kleine
Alfred bereits Assistent der Geschäftsleitung gewesen. Der Baustoffhändler nun
– der von dem jungen Mann sehr beeindruckt war - hatte ein liebreizendes
Töchterlein, das nur den Makel aufwies – selbst mit flachen Schuhen – einen
Kopf größer zu sein als der Ehrgeizige. Alfred war die Länge jedoch gerade
recht. Erst erklomm er mit ihr die Stufen zum Altar, dann diente sie ihm als Leiter
in die Geschäftsleitung, wo er zur Rechten seines Schwiegervaters seinen
Killerinstinkten freien Lauf lassen konnte. Binnen eines Jahrzehnts hatte
Heeremann aus dem regionalen Baustoffhandel durch Zukäufe, Verdrängen und
Allianzen, zu denen er als Ballettänzer niemals lange stand, einen global
operierenden Konzern gemacht, ohne den beispielsweise in den Vereinigten
Emiraten kein Großbauprojekt mehr durchgezogen werden konnte.
Heeremann selbst hatte sich auf diesem Weg zu
einem „Daimio“ entwickelt, der – im übertragenen Sinne natürlich – seine zu
allem bereiten Lehensleute mit nach oben zog, aber jedem, der nur einen Moment
zögerte, Knie und Haupt vor ihm zu beugen, sofort eigenhändig den Kopf
abschlug. Schon Fritz Schreiner hatte Johannes bei ihrer letzten Begegnung
gewarnt, dass dieser Mann nicht aufzuhalten sei…
In Ron Farmer war von einem Tag auf den
anderen eine Veränderung vorgegangen. Hatte er bis zum Frühjahr 2001 noch wie
ein todesmutiger Terrier bei den miesen
Attacken gegen ihn zurück gebissen, war von da an ein selbst für Johannes Jahr
um Jahr nicht nachzuvollziehender Verhaltenswandel bei seinem Freund
wahrzunehmen gewesen. Es begann damit, dass an dem Bild von den vier
mittlerweile erwachsenen Töchtern auf seinem Schreibtisch einer der nervigen
gelben Selbstklebe-Zettel haftete, auf dem das Datum 28. März 2006 stand. Von
Johannes darauf angesprochen meinte er nur ein wenig zu larmoyant schmunzelnd:
„Ich werde meinen Vertrag nicht mehr
verlängern. Stell dir vor, ich werde Großvater. Ausgerechnet die Biggi wird im
August Mutter. Ich will dabei sein. Ich fliege rüber. Es ist Zeit mal was
anderes an mich heran zu lassen.“
Biggi war das Nesthäkchen, was bei
Schwestern, die nur knapp sechs Jahre auseinander waren, vermutlich ein
unpassender Begriff war. Aber sie hatte sich auch nicht stets so verhalten. Sie
war Ron am ähnlichsten, was Zielstrebigkeit, Risikobereitschaft und
Abenteuerlust anging. Alles musste und durfte dieser zarte Rauschgoldengel tun:
Freeclimbing, Fallschirmspringen, Drachenfliegen, Brandungssurfen. Mit Zwanzig
hatte sie nach einer Automechaniker-Lehre das Elternhaus für eine vierjährige
Reise um die Welt verlassen, die sie nie mehr zurückbringen sollte. Einer von
ihr selbst nicht zu erklärenden Eingebung folgend, war sie mit ihrer schwarzen
Harley Electra (!) nach Kitty Hawk gereist, um das Grab ihrer Großmutter zu
besuchen, was Ron trotz des guten Vorsatzes nie geschafft hatte.
Ethan (!) Shoefield, Tods Grossneffe – ein
tüchtiger Farmer und Vorstandsmitglied im Club der „Wright Brothers“ – hatte
Biggi begleitet und sich sofort in sie verliebt, als sie von ihren weltweiten
Drachenflug-Erlebnissen geschwärmt hatte. Nachdem er ihr das historische
Flugfeld und die diversen historischen Maschinen gezeigt hatte, die dem Club gehörten,
war es auch um Biggi geschehen. Sie hatten noch im gleichen Monat geheiratet
und Biggi war ob ihres nie durch einen Meisterbrief vertieften
Mechaniker-Talents zur „Princess Of Planes“ gekürt und sesshaft geworden.
Johannes konnte Ron nur zu gut verstehen. Er
war dann parallel auch gerade im Italien-Urlaub, als ihn die Horror-Nachricht
erreichte. Ein kurzer Anruf von seinem Büro. Ron Farmer war am Morgen – einen
Tag vor seine Abreise -, nachdem er kurz zuvor noch im Büro war, daheim im
Beisein einer Notärztin an einem Aneuyrisma der Bauch-Aorta gestorben…
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