Montag, 7. Oktober 2013

Morde?

  Immer wenn der dicke Kriminalkommissar im Fernsehen sein Handy zückte, löste er bei Johannes eine von einem inneren sardonischen Lächeln begleitete Gedankenfolge aus. Da die Serie bald so alt war wie der Boom der Funktelefone und einzelne Folgen immer aufs Neue wiederholt wurden, konnte der Zuseher in ihnen deren rasante technologische Entwicklung verfolgen.
  Während der Dicke hin und wieder durch Diäten minimale Mondphasen seiner Körperformen durchlief, schrumpften die Handys in seinen Pranken linear. Johannes konnte sich gut an sein erstes, ein Exemplar von der Größe eines Briketts, erinnern. Jetzt hatte er eines, das war so groß wie eine Zigarettenschachtel und wenn man es aufklappte, dann drehte sich das Display und man hatte eine winzige, komplette Schreibmaschinen-Tastatur mit Bildschirm dazwischen. Der Haken war nur, die Finger von Johannes waren viel zu wurstig für die Minitasten, und selbst mit seiner Lesebrille konnte er sie nicht erkennen. Wie er überhaupt das Gefühl hatte, Mobilfunk-Technologien würden bewusst an seiner Altersgruppe vorbei entwickelt. Was sollte er schon mit fünfzig Spielen und Klingeltönen zum Herunterladen.
  Er hätte mit seinem Gerät, das turnusmäßig von einem Tarif-Vermittler ausgetauscht und gratis gegen ein noch teureres multifunktionelleres ausgetauscht wurde, sogar außer Nachrichten im SMS auch Mails, Fotos und Videos verschicken können, aber er tat es nicht. Auch war er dem Fluch der dauernden Erreichbarkeit nie wirklich erlegen. Er nützte die neue Errungenschaft ausschließlich dort, wo sie ihm im Vergleich zum Vor-Handy-Zeitalter echte Vorteile in Sachen Sicherheit und Koordination bot.
  Ganz im Gegensatz zu seinen neuen Landsleuten, die vermutlich zu den exzessivsten Nutzern auf der Welt gehörten, und deren nächste Generationen daher - genetisch von den Netzwerkern manipuliert - bereits mit  im Ohr eingewachsenem Handy zur Welt kommen würden. In Italien würden dann die Tarife vermutlich bereits beim Eisprung auf den Weg gebracht. Es wäre von den Netzwerken dabei allerdings zu berücksichtigen, dass die "Katzelmacher" von einst nun schon einige Jahre die Schluss-Laterne bei den europäischen Geburtenraten trugen...
  Aber im Laufe der sich immer irgendwie ähnelnden Handlungen solcher Krimi-Serien gingen die Grübeleien bei Johannes dann tiefer und tiefer. Was Esther regelrecht zur Verzweiflung brachte:
  "Kannst du dir denn diese Dinge nicht einfach nur als bloße Unterhaltung anschauen? Musst du denn immer  alles verkopfen?"
  Johannes sah, wie geliebte Orte im Oberland in Fernsehserien mit einer Dichte an Tötungsdelikten dargestellt wurden, die gemessen an deren Bevölkerungszahlen alles in der Welt kriminalstatistisch in den Schatten stellte. Die Bürgermeister von Murnau, Bad Tölz und Rosenheim waren sogar noch stolz auf diese zweifelhafte Berühmtheit. Der Dicke, der übrigens ein Fleischberg gewordener Beweis für die Tatsache ist, dass man kein Mienenspiel braucht, um ein erfolgreicher Fernseh-Mime zu sein, war ja gleichzeitig auch noch im Gewand eines Priesters quasi als "kriminalisierender" Tourismusbeauftragter der katholischen Kirche in  den mordsschönen Städten Deutschlands unterwegs. Das Fremdenverkehrsmanagement veranstaltete bisweilen schon einen regelrechten heimischen Crimescene-Tourismus. Aber die Serien waren  ja meist auch noch Exportschlager. Was, wenn die chinesischen Bekannten von Johannes die "Losenheim-Cops" in die Nähe der Realität rückten…?
  Das Paradoxon des Mordens oder Tötens in der Glotze zwecks Unterhaltung wurde selbst durch die Nachrichten nicht mehr relativiert. Seit George Dabbelju seine spezielle Art der Terrorbekämpfung betrieb, bei der Anschläge eher animiert denn unterbunden wurden, verging kaum eine Aktualitätensendung ohne die Meldungen von Hunderten von Opfern infolge von Selbstmordanschlägen. Längst war die Zahl der Opfer der Terror-Bekämpfung höher als die tragische Zahl der Toten bei "Nineleven". Aber niemand schien sie mehr zählen zu wollen. Auch reale Amokläufe wie in Columbine, bei denen offenbar pubertierende publicitygeile Selbstmörder Dutzende von Mitmenschen in den "Freitod" mitnahmen, schienen bald zur Tagesordnung zu gehören. Selbst in Deutschland. Da war dann der Übergang zu den im Anschluss an die Tagesschau folgenden Leichenbergen im Unterhaltungsfernsehen quasi (Blut)fließend.
  Was Esther nicht begriff - weil Johannes keinem von dieser paranoiden Besessenheit beichtete - war der Umstand, dass ihr Mann eine Erkenntnis über das Töten gewinnen wollte, das in realiter und im vollen Bewusstsein für einen wie auch immer gearteten Kodex erfolgte; also im Namen der Kirche (zum Beispiel die Inquisition im Mittelalter), des Gesetzes (Todesstrafe, finaler Rettungsschuss, Kampfeinsatz) oder aufgrund von "Stammeszugehörigkeiten" (albanische Blutrache, italienische Vendetta).
  Johannes hatte so eine Ahnung, dass die virtuelle Virtuosität des Tötens zwecks Unterhaltung bewusst das unermessliche reale Grauen kaschieren sollte, das sich in den diversen Gesellschaften dieses Planeten wieder beschleunigend aufbaute. Denn, dass die Exzessivität des ersteren mit dem Trauma, das das wirkliche töten Müssen auslösen konnte, nicht das Geringste zu tun haben könnte, schwante ihm schon angesichts der jungen Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung. Die - einschließlich der beiden Twens, die seine Kinder mittlerweile waren - verbrachten Tage vor dem Computer, um bei Spielen wie "Counterstrike" oder "World of Warcraft" durch virtuelles Töten in Clans immer neue Rekordschwellen im Massakrieren zu erreichen. Keiner dieser jungen Männer hatte den Dienst an der Waffe im Wehrdienst abgeleistet, sondern sie hatten es ausnahmslos vorgezogen, die bisweilen zur Abschreckung vergleichsweise immer noch recht erniedrigenden Tätigkeiten im zivilen Ersatzdienst abzuleisten. Und sie waren nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel. Zwei der vier Mädchen, die in einem Counterstrike-Profiteam international  mit Tochter Martha antraten, hatten sogar freiwillig und unbezahlt ein soziales Jahr abgeleistet...
  Und dennoch: Politiker jeglicher Farbgebung, die zuvor problemlos deutsche Soldaten zu Auslandseinsätzen geschickt hatten, machten nicht etwa die durchs neue Oben gegen das alte Unten ausgelöste, zunehmend reale Gewaltbereitschaft für solche Phänomene wie am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt oder an der Rütli-Schule in Berlin verantwortlich, sondern die häuslichen Gewalt-Computerspiele. Tatsächlich aber war es längst zu spät, die real existierende Gewalt von der virtuellen abzugrenzen. Erwiesenermaßen waren es Gewaltvideos von echten Misshandlungen an echten, erwachsenen Soldaten durch beamtete,  vorgesetzte Ausbilder, bei denen dieser Zusammenhang erstmals wirklich aktenkundig wurde. Wäre jemand von den Politikern deshalb auf die Idee gekommen, die Bundeswehr zu verbieten? "Soldaten sind Mörder", dieser Spruch von Kurt Tucholski wurde von den aktuellen Politikern in der „Gnade der späten Geburt“ den Zitierenden quasi als "Wehrkraftzersetzung" ausgelegt. - Ja nicht erst eine Diskussion über Tod bringende Einsätze in Afghanistan aufkommen lassen!!!
 
  Eigentlich war es bei der suggerierten Dichte des Tötens verwunderlich, dass Johannes in den beinahe sechs Jahrzehnten seines Lebens trotz seiner gezielten Bemühungen nur zwei Menschen getroffen hatte, die getötet hatten und darüber sprachen. Der eine, der Polizist Peter Kühn, der das Gesetz bei seinem Tötungsakt auf seiner Seite hatte, war seelisch so traumatisiert gewesen, dass er eine therapeutische Encoutergruppe besuchen musste. Der andere, der das gezielte Umbringen zu einer persönlichen Dienstleistung gemacht hatte, war logischer - und bewusster Weise Opfer eines so genannten Replacement-Killers geworden, bevor er sich vielleicht selbst das traumatisiert entseelte Leben genommen hätte. Die Männer in der Familie von Johannes hatten sich - wie die meisten der anderen Väter und Großväter seiner Generation - trotz seiner hartnäckigsten Fragen ausgeschwiegen:
  „Chang“, sein geliebter Großvater und Träger eines französischen Namens, war als Gewerbe-Oberlehrer heldenhaft und im Glauben "wir sind zurück, wenn das Eichenlaub fällt" gegen seine Urväter westwärts gezogen und verbrachte Jahre in den Schützengräben und Höhlen am "Chemin des Dames". Als er einem statistischen Mirakel zufolge drei Jahre später äußerlich völlig unversehrt zu seinem sauertöpfischen "Mariechen" zurückkehrte, zeugte er eine an Mut und Friedfertigkeit nicht zu überbietende Tochter, entfernte jegliche Darstellung von sich in Uniform aus den Alben und erschuf sich neu als rheinische Frohnatur und Lebemann. Nur das exzessive Rauchen, das er sich gegen Angst und Hunger im Grabenkrieg angewöhnt hatte, behielt er bis kurz vor seinem Tode bei. Es gibt quasi kein Foto von ihm ohne Zigarette in der Hand.
  Der Wirkliche Geheime Legationsrat und Ex-Oberstleutnant in der Entourage des letzten Deutschen Kaisers, der Mann der den Vater von Johannes gezeugt hatte, war offenbar ein Offizier der Etappe gewesen. Er brillierte zwar mit propagandistischen beziehungsweise strategischen Analysen und war einer der „Co-Autoren“ der "Dolchstoßlegende", aber ob er im Feld jemals einen Schuss abgegeben hatte? - Seine minutiös geführten Tagebücher decken zwar auf, dass er seine wilde Gattin per Hornsignal vom nachmittäglichen Ausritt an die Kaffee-Tafel zitierte, aber verraten nichts über Erlebnisse in etwaigen Kommandos.
  Vater Walter wandelte sein zweifelsohne vorhandenes Trauma in Selbsttherapie zu einem minimalistischen Lebenskonzept, welches da lautete: Maximaler Lebensgenuss gegen Minimum an Aufwand. Er konnte dank seines phänomenalen Gedächtnisses noch als Greis verhängnisvolle statistische Fehlinterpretationen bei der Errichtung des Westwalls aus dem Kopf zitieren und kannte die technischen Daten jedweder Waffe, die er jemals in den Händen gehalten hatte, auf Abruf. ...Aber wie er sie benutzt hatte, verschwieg er.
  Wenn Johannes nur bedachte, was der einzige Schuss, den der jemals abgegeben hatte, in der Seele von Hauptkommissar Kühn angerichtet, und wie sehr der zum Heilen ausgebildete Mulo darunter gelitten hatte, zum Gegenteil gepresst worden zu sein...
  Angesichts seines eigenen, eher  weichlichen Charakters und seiner strikten kant'schen Kategorik war Johannes der höheren Fügung dankbar, die ihm Handlungen in dieser Richtung bislang erspart hatte. Er selbst zögerte hingegen nicht, sich minutiös anhand der spärlichen Anhaltspunkte in die Taten der anderen hineinzudenken. - Bis er Teil von ihnen oder - schlimmer noch - detaillierter Planer eigener - allerdings virtueller - neuer Morde wurde: aus Wut über die Zustände.
  Er tat dies aber von vornherein in der Erkenntnis, dass jener der perfekteste Mord sei, der bis ins Detail geplant war, den man dann aber in souveräner Geisteshaltung und im Angesicht des Opfers nicht ausführte... Etwa das war der Zeitpunkt zu dem Johannes begann, sich mit seinen nächtlichen Gebeten einem Gott zu zu wenden, an den er eigentlich nicht glaubte…

  Als Johannes im Krieg der Netzwerker tatsächlich allein auf sich gestellt und als Hauptziel zwischen die Fronten geriet, war es überraschend schlagartig vorbei mit der Paranoia. Vermutlich ist das beste Heilmittel gegen Verfolgungswahn die Gewissheit, tatsächlich verfolgt zu werden. Johannes hatte auch lange genug Schach gespielt, um berechnen zu können, dass er Matt gesetzt werden würde. Das Wie und die Zahl der noch verbleibenden Züge würde er allerdings noch bestimmen können. Er machte quasi eine kleine Rochade und verschanzte sich für eine Weile in der „italienischen Ecke“ vom Schachbrett des Lebens, um zu begreifen, was unmittelbar vor seinen Augen passiert war.
  Fügung, Schicksal oder doch nur ein weiterer Beweis dafür, dass die Oberwelt viel enger verknüpft ist, als "die von unten" das wahrnehmen könnten? Johannes hatte noch nicht einmal einen Monat lang nach der Meldung von "Il Mulos" Tod zu recherchieren begonnen, als er feststellte, dass zwei der Organisationen, die er als Hauptkunden in Fragen der Öffentlichkeit beriet, über spezielle Fonts zur Sicherung der Grundstock-Vermögen unter anderen mit dem Kapital des offiziell durch Suizid von hinnen geschiedenen Wolfgang Lindau verknüpft waren. Die Witwe des Ex-Champs, Marita Grau, wurde bei ihren Vermögensfragen da noch von einem Schulfreund ihres Mannes beraten, der seit Ende der 1970er als jüngster CDU-Senator Hamburgs politisch von sich Reden gemacht hatte.
  So wie es aussah, operierten Männer, die Johannes bislang nur als Inhaber wenn auch einflussreicher Ehrenämter kennen gelernt und wahrgenommen hatte, in ihren geschäftlichen Funktionen mit der Wirtschaftsmacht der von ihnen geführten Organisationen in einer Grauzone aus möglicher Vorteilsnahme und Untreue. Das Netzwerk aus Magnaten, Politikern, hohen Beamten, Ordensträgern und anderen Wohltätern war jedoch so verflochten, dass der kleinste aufkommende Argwohn in den engen Maschen der staatstragenden und die Gesellschaft stützenden Gemeinnützigkeit hängen blieb. Johannes als Transporteur dieses Argwohns zappelte sich zwar mit Mühe noch einmal frei, aber er war auffällig geworden. Er hatte wie ein Aal im tiefen, trüben Wasser vorsichtig an einem vermeintlichen Happen gezupft und damit oben an der Angel das Glöckchen zum Klingen gebracht.

  Wenn Johannes das Szenario später zu erklären suchte, tat er es bezeichnender Weise mittels einer Metapher. Er zog für den real erlebten Schrecken die Beschreibung eines in Wahrheit nicht existierenden Computerspiels heran, das er "Real-Estate-Raid" nannte.
  Wie in jeder dieser neuen Spielwelten gab es natürlich auch in diesem Spiel Charaktere, die sich mittels spezieller Eigenschaften behaupteten und Punkte sammelten, die sie für die "nächst höhere Ebene" qualifizierten. Der Einfachheit halber zog Johannes für sie seine simple Genealogie für Männer und Frauen heran, die er schon entwickelt hatte, lange bevor es Computerspiele gab:
  Zur Qualifikation des persönlichen Umgangs mit seinen erwachsenen Mitmenschen hatte Johannes die Welt seiner Geschlechtsgenossen nämlich in "Männer", "Balletttänzer", "Teppichhändler" und "Friseure" kategorisiert, während er die der Frauen in "Mädchen", "Muttertiere", "Marien" und "Mata Haris" unterteilte.
 
  Nach den Vorstellungen von Johannes zeichnete sich die Kategorie "Männer" durch folgende Charakterzüge aus: auf dem jeweiligen Level ihrer persönlichen Moral geradlinig und verlässlich; in Stärken und Schwächen zum gegebenen Wort stehend; hart aber herzlich - also sowohl kämpfen als auch weinen könnend; die natürliche Männlichkeit ohne Machogehabe lebend.
  "Balletttänzer" hingegen charakterisieren sich dadurch, dass sie niemals mit der ganzen Sohle auftreten, unruhig immer in Bewegung sind und die Fürsorge für die eigene körperliche Präsenz allen übrigen Pflichten unterordnen. Ihr Hang zur Dramatik kann durchaus unterhaltsam sein, lenkt sie jedoch meist davon ab, Lösungen zu finden. Sie zünden gerne überall Lagerfeuer an, löschen sie aber nicht, wenn es ungemütlich wird.
  "Teppichhändler" haben von allem, was sie besitzen, immer ein wenig zu viel und tragen daher gerne etwas dicker auf. Sie sind permanent bereit, jemandem etwas zu verkaufen auch wenn es im Verzweiflungsfall die eigene Seele oder gar ein Freund ist.
  "Friseure" seifen dich ein und rasieren dich. Alles an ihnen ist so glatt, dass sie keinen Halt bieten und Äußerlichkeiten über innere Werte stellen. Sie sind unverzichtbare Verbreiter von Geheimnissen, die unbedingt an die Öffentlichkeit sollen.
  Johannes hatte  zeit seines Lebens die Erfahrung gemacht, dass Frauen erheblich von ihrer Rätselhaftigkeit verloren, wenn man sie baldigst folgenden Grundmustern zuordnete:
  Die "Mädchen" weigern sich, sichtbare Reife an sich zuzulassen, um unbekümmerte Verfügbarkeit ohne unbedingte sexuelle Bereitschaft zu signalisieren. Sie können für Macht-Männer Kumpel zum Pferdestehlen oder Mädchen "für alles" sein, was nicht heißt, dass sie nicht irgendwann aus deren Schatten treten... Dass Dr. Helmut Kohl gegen Ende seiner Kanzlerschaft ausgerechnet Angela Merkel als "sein Mädchen" bezeichnete, ist ein treffendes Beispiel für die Dimensionen dieser Kategorie.
  "Muttertiere" halten die Familien zusammen und sichern das Überleben der Sippe, was nicht zum Schaden von Ehemännern sein muss, denen es selbst an Härte fehlt, eigene Fähigkeiten durchzusetzen. Unmittelbar nach der Geburt des ersten Kindes wird jedoch nicht nur die Alpha-Ordnung in der Familie umgedreht, sondern auch der Oralsex (mit dem Vater der eigenen Kinder?) nicht mehr praktiziert.
  "Marien" sind es gewohnt angebetet zu werden. Um diesen Zustand zu erhalten, sind sie ein Leben lang gezwungen, heiligmäßig oder Göttinnen gleich aufzutreten. Mann genießt ihren Glanz, hält es aber darin nie lange aus. Deshalb sind Marien meist unglücklicher als sie vorgeben.
  "Mata Hari" - Mutter des Tages, Sonne, Lichtfrau oder wie immer man diese indonesische oder malaiische Begrifflichkeit übersetzen will, sie erhielt ihre Bedeutung durch eine desperate Dame, die überwiegend ein Wesen der Nacht oder des Zwielichts war. Mata Haris lehnen es ab, zu altern, definieren sich über Sex und die Ausstrahlung ihrer Sinnlichkeit, können aber bei aller Macht, die sie über Männer gewinnen, nicht von der Tatsache ablenken, dass sie Frauen sind, deren Hauptcharakteristikum die Verzweiflung ist. Ein Grund, weshalb sie immer wieder in Konfliktsituationen geraten, in denen sie auch gefestigte Männer ins Verderben ziehen. Johannes war immer wieder diesem Typus erlegen. - Gut, dass Esther ein typisches Muttertier war…

  Johannes war ohne geringste Ahnung, wie später alles kommen würde, in die Peripherie des ersten der perfekten Morde geraten, als er 1997 leicht angetrunken in einem historischen Zug einen Beratervertrag  für Redaktions-, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit unterschrieb. Der Interessenverband „Latefundis“ und der ihm freundschaftlich verbundene Verein „Eigenheim für alle“ (EFA e.V.) hatten zu ihrer jährlichen Arbeitstagung nach Bregenz gebeten. Im Rahmenprogramm mit Damen gab es am Sonntag nach den Sitzungen eine Fahrt in dieser Schmalspurbahn, die ein Club auf dem Uferdamm des Rheintals betrieb. Und abends nach einem ausgedehnten  kulinarischen Nachmittag in Lustenau wartete eine Aufführung von „Porgy and Bess“ auf der weltberühmten Seebühne im Bodensee. Der Spiritus Rektor dieses Treibens hatte „Die gute alte Zeit“ als Motto für die festliche Kleidung ausgegeben: also Gehrock, Zylinder, Gamaschen für die Herren, Cul de Paris und Schnürtaille für die Damen  oder eben echte Trachten für die „einfachen Leute“.
    Johannes hatte Esther zu Hause gelassen. Er hatte ja  noch nicht unterschrieben und wollte vorher nichts zu nah und persönlich an sich herankommen lassen. Er saß nun der grauen Eminenz beider Vereine in einem Sonderabteil,  an einem verankerten Zweiertischchen mit Holzbänken gegenüber, das mal für vier Fahrgäste gedacht gewesen sein mag, aber ihren Bäuchen und Gesäßen kaum Platz ließ. Da sein Gegenüber mit Brokatweste, dickem Uhrengehänge, gefälteltem Hemd und Seidenschal samt Perlennadel zum mitternachtsblauen Gehrock wie ein Kommerzialrat der Belle Epoque wirkte, hätte das, was passierte, für Außenstehende auch eine Szene aus einem Ludwig-Thoma-Einakter sein können. Denn Johannes saß ihm wie ein Bauer, der seine Pacht nicht zahlen kann, stilecht in einer leicht abgetragenen original Isarwinkler Tracht vis à vis, die ihm ein Spezi mit ähnlicher Figur geliehen hatte.
  „Also ich finde, Sie haben sich die zwei Tage sehr gekonnt verkauft. Es könnte mir sehr gefallen, wenn wir gemeinsam Ihre konzeptionellen Ansätze umsetzten. Also lassen Sie uns Butter bei die Fisch geben, wie wir so schön sagen.“
  Er schnippte mit dem Finger und ließ sich von einem Büroboten mit Augenschirm und Ärmelschonern (Johannes sollte noch lernen, dass dieser Mann immer alles perfekt inszenierte und bei entscheidenden Vorgängen gerne das Überraschungsmoment bei alkoholisierter Festlichkeit nutzte) einen nicht ganz stilechten, modernen Aktenkoffer reichen.
  „Ich habe mal einen kleinen Vorvertrag aufsetzen lassen. Einzelheiten regeln wir dann später.“
  Johannes konnte bei dem Geruckel kaum lesen, da half es ihm, dass die Garantiesummen in dem nur ein Dutzend Zeilen umfassenden Text etwas größer geschrieben waren. Dieser Vertrag war zu stemmen, und er würde Johannes und seine Mitarbeiter schlagartig für ein paar Jahre von allen aktuellen Sorgen befreien. Alles andere könnte dann ja noch im eigentlichen Vertrag hieb- und stichfest formuliert werden, wie Johannes bemerkte, als er eine sehr wackelige Unterschrift unter das Papier setzte.
  „Der Rest ist alles Technik! Sollen sich andere mit den Details herumplagen. Hier gilt das Wort von Ehrenmännern!“
  Zu diesem Zeitpunkt, da sie sich kräftig die Hände schüttelten und eine Flasche „Roederer Cristal“ zur Besiegelung ihrer Zusammenarbeit vertilgten, war der Makler-Mogul Edwin Hagelschauer bereits siebzig, hatte aus fünf Ehen vier Söhne sowie drei Töchter, und seine Enkel hätten zwei Fußballteams bilden können. Er hatte eines dieser heimlichen, deutschen Vermögen angehäuft und war – da er im Rahmen der fiskalisch relevanten Möglichkeiten auch großzügig abgab - mit einer kompletten Kollektion deutscher Verdienstkreuze und  -Orden dekoriert worden. Johannes ließ sich auf diesen Mann ein – obwohl er vom ersten Moment an wusste, dass er ein „Teppichhändler“ war und sich in seinem Sohn aus erster Ehe, Dr. Erwin Volkhart, quasi bereits einen perfekt funktionierenden Klon als skrupellosen Erfüllungsroboter  ohne sonderliche eigene Ambitionen geschaffen hatte.
  Johannes hatte jegliche Bedenken verdrängt, als ihn die unbeweibte Tischordnung an die Seite des ebenfalls solo erschienen „Latefundis“-Schatzmeisters gesellte. Fritz Schreiner war im Alter von Johannes. Ein schwäbischbarocker Genussmensch von natürlicher Gelassenheit, der nach zehn Minuten Unterhaltung in Johannes’ Typenschublade „Männer“ landete. Er war in Personal-Union Leiter einer Bausparkassen-Filiale und parteifreier Bürgermeister eines kleinen Kurortes auf der Alb. Nach wenigen Minuten hatten sie neben Übereinstimmungen in grundsätzlichen Fragen des Lebens auch eine Reihe gemeinsamer Hobbys entdeckt. Und so wurde es trotz des gestelzten Paar-Trubels um sie herum ein netter Männerabend, der bald im vertraulichen Du eine freundschaftliche Vorstufe erreichte.
 
  Die bedingt durch die räumliche Entfernung nur sporadisch wachsende berufliche Bekanntschaft war gerade auf dem Weg zu einer echten Männerfreundschaft, als die Seismographen von Johannes selbst aus der Distanz deutliche Oberflächenspannungen im Umfeld von Schreiner wahrnahmen.
  Gegen die Flaute auf dem Baumarkt hatten sich beide Vereine nach dem 11. September 2001 derart prächtig entwickelt, dass ein lang gehegter Plan, der Bau eines eigenen Verwaltungsgebäudes, umgesetzt werden konnte. Es war bis dato Politik des Großgrundbesitzer- und Großbauherrenvereins „Latefundis“ mit seiner föderalistischen Struktur nach Bundesländern gewesen, Präsidien und Vorstände mit denen des „Häuslebauer-Vereins“  EFA, den ihr Mitglied Hagelschauer erfunden hatte, zwecks schnellerer gemeinsamer Entscheidungen zu verzahnen.
  Die zentralistische Struktur des EFA, die den meist bei der Finanzierung an die Belastbarkeitsgrenzen gehenden Mitgliedern nicht nur Kreditvorteile, Versicherungs- und Rechtsschutz, sondern über eine monatlich erscheinende Zeitschrift auch handfeste Lebenshilfe bot, verfügte über mehr als 600 000 Direktmitglieder, die einen geradezu unheimlichen Beitragsüberschuss in die Vereinskasse schwemmten. Edwin Hagelschauer, der als Ehrenvorsitzender des Vereins, den er gegründet hatte, scheinbar keinen operativen Einfluss ausübte, schlug vor, den Hausbau (in der Nähe vom teuren Lohrberg bei Bergen-Enkheim mit Blick auf Frankfurt) durch eine einmalige Beitragserhöhung von seinen Mitgliedern finanzieren zu lassen. Die stets klamme „Latefundis“, der zwar einige der reichsten Männer des Landes angehörten, war begeistert, quasi „für lau“ – wie Hagelschauer sich ausdrückte - repräsentativ zu residieren und überließ dem Makler und seinem Sohn Dr. Volkhart ohne Argwohn die Realisierung.
  Nun war Hagelschauer aber eben ein echter „Teppichhändler“, was bedeutete, dass alles ein wenig größer, geschmacklich zweifelhafter und von manchen Folgeverpflichtungen zwielichtiger ausfiel. Der ehrenamtliche „Latefundis-Schatzmeister“, zudem angesehener Kommunalpolitiker und Baufinanzierer der seriösen Art, wurde von seinem EFA-Schatzmeister-Kollegen immer häufiger zum Abzeichnen von Vorgängen genötigt, die fiskalisch, vereins- und baurechtlich hätten diskutiert werden müssen. Er fühlte sich von dem Zeitaufwand her wie hauptamtlich operierenden Vater-Sohn-Duo zunehmend überfahren.
  Nicht anders erging es auch Johannes, der zu diesem Zeitpunkt immer noch - nach mehr als sechs Jahren - darauf wartete, dass dem Vorvertrag, die endgültige Ausarbeitung folgte. Auf einmal galt es nämlich schon immer als abgemacht, dass seine Firma bei Fertigstellung des „Hauses der Häuser“ mit dort einzöge, um durch ordentliche Mietzahlungen zu dessen Restfinanzierung beizutragen.
 
  Im Mai 2004 trafen sich Schreiner und Johannes zufällig am Rohbau. Der bislang so joviale Schatzmeister schien bedrückt und andererseits äußerst gereizt. Johannes inspizierte die viel zu groß bemessenen Räumlichkeiten für sich und jenen Teil seines Personals, der sich darauf einlassen wollte, von Frankfurt aus zu arbeiten. Im Kopf hatte er schon überschlagen, dass dieser Spagat - das erhebliche Ausgeliefertsein an einen Kunden inbegriffen – die Gewinnerwartungen aus der Erfüllung nach bisherigem Modus Operandi auf ein Minimum schrumpfen lassen würde. Er hatte das Gefühl, in eine gigantische Falle getappt zu sein und offenbarte diese Befürchtung dem Schatzmeister. Der untersetzte Mann explodierte förmlich:
  „Ja, nicht nur du. Nicht nur du! Seit Monaten versuche ich meinem Vorstand – einmal ohne Beisein von Hagelschauer – die ganzen Ungereimtheiten vorzutragen. Ich finde kein Gehör. Der Kerl lässt sich als großer Mäzen feiern. Dabei gibt er doch nur die Beitragserhöhung von seinen Mitgliedern aus, an denen er ja auch noch verdient. Grunderwerbssteuer, Notarkosten, teure treuhänderische Analysen und die Rechtsanwälte für die komplizierten Verträge - alles geht laut Abmachung zu unseren Lasten. Über seinen Minister-Spezi ist er zwar günstig an den Grund hier gekommen, aber der Kauf wurde voll gegen Courtage von Dr. Volkhart über ihre Maklerfirmen abgewickelt. Ein Teil der Mitgliederbeiträge wandert also auch da in seine Taschen, als ob es nicht schon reicht, dass er fünf Euro pro Jahr und Mitglied für seine ‚Erfindung’ erhält.“
  Johannes versuchte zu beschwichtigen und den Geldwert von Hagelschauers Ideen – gerade für „Latefundis“ – zu verteidigen, aber da kam richtig Schaum vor den gestutzten grauen Knebelbart Schreiners:
  „Wir – du  inbegriffen – sind doch schon längst Marionetten für neue politische Ziele dieses Verbandes. Der kommende Präsident und Parteifreund wird bereits in Position gebracht. Und auch da kassiert wieder eine Hand beim Waschen der anderen. Wer -  glaubst du – liefert keinesfalls zum Vorzugspreis aber immer einen Tick günstiger als die Konkurrenz nach der offenen Ausschreibung das Baumaterial und die Baumaschinen? Und wer erhält auch dafür wieder auf der Gefälligkeitsbank eine ordentliche Gutschrift?“
  „Ja, aber dann wäre das ja wohl Untreue.“
  „Ach? Und wofür - glaubst du – wurde die Stiftung „Soziales Wohnen“ ins Leben gerufen?“
  „Jetzt hör aber auf! Bislang war Paranoia doch meine Spezialität.“
  „Ich kann und will mich jedenfalls nicht unterkriegen lassen. Eine Sache, die ich entdeckt habe, stinkt derart zum Himmel. Wenn sich die bestätigt, haben wir bei der Versammlung vielleicht wieder die Chance auf einen sauberen Vorstand. Ich würde dir ja gerne mehr verraten, aber für mich bist du trotz aller Sympathie immer noch deren  Pressefuzzy.“
  Die Arbeit fraß beide in der Folge auf, so dass sie bis zur Einweihung im Oktober nur noch telefonischen Kontakt halten wollten. Der Einfachheit halber sollte bei der Einweihung ja auch gleich die Vollversammlung im neuen, protzigen Tagungssaal abgehalten werden. Aber im August war Fritz Schreiner samt seiner „Moody 425“ zwischen den kroatischen Inseln spurlos verschwunden.
  Die erste Reaktion von Johannes war fatalistisch. Schreiner hatte oft vom Einhandsegeln geschwärmt, zu dem ihn seine Familie durch totale Segelentsagung verdammt hatte, seit sie einmal allesamt vor Pula mit einer Varianta in einen Sturm geraten waren.
  Nur, die Moody 425 war eben keine Varianta, sondern mit 12,70 Meter Länge und  vier Metern Breite und einer Verdrängung von fast 10 Tonnen ein Pfund, mit dem man im bisweilen tückischen Revier der kroatischen Inselwelt auch bei schwerem Wetter wuchern konnte. Schreiber hatte das nahezu unsinkbare Schiff, das in England gebaut worden war, während der Wirren auf dem Balkan samt Liegeplatz in Rijeka zum Schnäppchen-Preis erstanden. Seine resolute Frau hatte ob der auszustehenden Ängste alsbald mit Scheidung gedroht und erst Erlaubnis zum Ablegen erteilt, als der Schwabe wenig sparsam nach und nach in umfangreiche Sicherheitstechnologie investiert hatte. Als der Skipper mit seinem Boot verschwand, verfügte dieses über einen kraftvollen Volvo-Penta-Diesel  nebst 4,5 Kilowatt Notstrom-Aggregat, Echolot, UKW, Radar, Autopilot und - für Suchen und Ortung am wichtigsten – einem Global Positioning System GPS. Dazu trug Schreiber am Körper  eines der besten wasserdichten Funktelefone. Die Moody verfügte über eine Mittelplicht mit spritzwassergeschütztem Cockpit, das man als Einhandsegler - wegen der Rollreffanlagen und der Winschen in Reichweite zum Bergen und Reffen der Segel - nicht verlassen musste. Johannes wusste zudem aus Erzählungen, dass sich Schreiber beim Ablegen mit einer Sicherheitsleine einhakte und mit ihr über einen Tampen an den achtern angebrachten Davits auch bei rauer See wieder ins Boot kommen konnte, sollte er einmal aufgrund einer Unachtsamkeit über Bord gehen. Er war also gewissermaßen untrennbar mit seinem Schiff verknüpft…
  Die kompetenten Untersuchungen und Nachforschungen von Lloyds waren ebenso umfangreich wie deprimierend gewesen und zogen sich angesichts der Versicherungssumme von annähernd einer viertel Million Euro hin. Sie erbrachten bei der Erkenntnis, dass ein derart ausgestattetes Boot weder durch Havarie oder Versinken spurlos verschwinden könne, ausschließlich Mutmaßungen  zum einzig Denkbaren: Fritz Schreiner könnte nur einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein:
  These 1: Die rund um Istrien operierende internationale Drogenmafia habe das Boot gekapert, für Kurierfahrten unkenntlich gemacht und den Skipper mit „Betonfüßen“ an einer tiefen Stelle über Bord entsorgt
  These 2: Fahrerflucht. Ein illegal von der Route abgewichener Riesenpot hat die Moody  des Nachts einfach überrannt und mit den Turbinen-Propellern derart geschreddert, dass nichts mehr geortet werden konnte. – Äußerst unwahrscheinlich!
  Bei dem überaus korrekten und stocksoliden Schwaben wurden weder in der Bank noch in anderen Geschäftsbereichen und  schon erst recht nicht auf den privaten Konten Unregelmäßigkeiten festgestellt. Das sprach auch gegen ein abenteuerliches Verschwinden zu Gunsten eines anderen, neuen Lebens.

  Über das Tagesgeschäft verblassten Gedanken und Erinnerungen an den sympathischen Schatzmeister beschämend schnell. Johannes hatte auch alle Hände voll zu tun, um unfreundliche Ansinnen in den neuen Geschäftsbereichen abzuwehren, ehe sie ihn in die roten Zahlen trieben. Irgendwo in seinem Hinterkopf hatten sich nur auf Dauer zwei Überlegungen verhakt: Schreiber hatte etwas herausgefunden und war gleich darauf verschwunden. Und - eingedenk der Spurensuche mit Jack The Blacktracker: Was, wenn das Schiff gar nicht im Meer, sondern an Land verschwunden wäre…?
  Im Karst gab es tausende von großen Höhlen, in denen ein Boot versteckt unversehrt stehen könnte, ohne das GPS, Scanner,  oder sonstige moderne Suchtechnologien es aufspüren konnten. Das Schiff war in handgelegter und feuchter GFK-Mattenverarbeitung 1991 in einzigartiger Qualität gebaut worden. Das konnte gut verpackt leicht ein Jahrzehnt „Winterlager“ verkraften, ehe es mit neuen Papieren und Shelcoat in anderer Farbe bei einem der tausend Yachthäfen des Mittelmeers unerkannt wieder auftauchte.

  Da das Büro von Johannes eigentlich Vertragspartner des EFA war, traf es sich in diesen Jahren gut, dass auch  aus der engen Zusammenarbeit mit dessen Geschäftsführer ein privates Band der Freundschaft entstand. Es machte allerdings den Vorständen zu schaffen, da es aus jeder Zerreißprobe noch fester hervorging. Wie sich zeigte, waren die Führungsstrukturen beider Organisationen ja in der Vergangenheit auf Hierarchien und Druck aufgebaut, dem die Allianz der beiden Teamworker im „Haus der Häuser“ nun einen unsichtbaren Schutzschild aus tadellosem Betriebsklima überstülpte. Unter diesem wurde nicht nur fröhlicher und Stockwerk übergreifender gearbeitet, sondern es wurden auch strategische und wirtschaftliche Erfolge eingefahren, die Johannes soviel Spaß an der Arbeit bereiteten wie kaum jemals zuvor.
  Ron Farmer, der Geschäftsführer des EFA war ein Besatzungskind, das im Moment der Befreiung gezeugt und im gleichen Jahr Halbwaise wurde, weil sein Erzeuger, der Versorgungsoffizier Ethan Farmer, die Finger nicht von Lucky Strikes und Burbon lassen konnte. Sein früher Herztod an Weihnachten 1945 war seinem Sohn Ron allerdings nie Warnung genug gewesen, von Jugend an nicht zu den gleichen Mitteln der Stressbekämpfung zu greifen.
  Mutter Rosa Kirchhauser war erstaunlicher Weise keinerlei Repressionen ausgesetzt, obwohl es ja dieses strikte Fraternisierungsverbot gab, nachdem sie in den Nachkriegsjahren auch Ethan nicht hätte heiraten dürfen. Als hätte Ethan aber seinen frühen Tod irgendwie geahnt, hatte er testamentarisch für seine große Liebe und das erwartete Kind die bestmögliche Versorgung veranlasst. Das war nicht viel, hob die Kirchhausers aber doch über den durchschnittlichen Lebensstandard der geschlagenen Deutschen. Einem Kollegen Ethans, einem Verbindungsoffizier, war es gelungen, Rosa in seinem Büro aufgrund ihrer Zweisprachigkeit einen Job als Sekretärin zu vermitteln. So wuchs Ronald Kirchhauser zwischen Heidelberg und Darmstadt auf  wie ein Amerikaner am unteren Rand der Mittelschicht und reifte hinein in die Kategorie Männer (obwohl seine Überlebensjahre deutlich auch die Ausprägungen zu einer Karriere als „Teppichhändler“ aufwiesen).
  Ron – wie er bald genannt wurde - hatte mit neun bereits einen schwunghaften Handel mit Dingen begonnen, die es in der PX zu Spottpreisen gab, aber in deutschen Geschäften noch Mangelwahre waren. Es sprach für ihn, dass er nie mehr als die Hälfte der Spanne zwischen dem PX-Preis und einem denkbaren deutschen Verkaufswert für sich nahm. Im zweiten Jahr auf dem Gymnasium hatte er sich dennoch auf diese Weise bereits ein kleines Mark-Vermögen erwirtschaftet, von dem seine Mutter möglicherweise nichts wusste.  Obwohl sie sich sicherlich wunderte, wieso sie ihr Sohn nie mehr um Taschengeld bat, aber auch bei Anzieh- und Schulsachen die Haushaltskasse entlastete. Stets behauptete Ron,  er bekäme so viel von den amerikanischen Freunden des Vaters geschenkt.
  Mit seinem „Grundstockvermögen“ stieg er nach der Konfirmation in die große, natürlich illegale - Poker-Runde der Army-Truckdriver ein. Deren umzäunter Fuhrpark lag keine hundert Meter von seiner Haustür. Ron erwarb, nachdem er anfangs sein „halbes Vermögen“ verspielt hatte, seinen Poker-Beinamen „Krooked  Kraut“ auf der Basis von Respekt und Zuneigung der überwiegend schwarzen Fahrer. – Und er rauchte bereits eine Schachtel Lucky Strike pro Tag und gönnte sich dazu den einen oder anderen Jack Daniel’s Blacklabel.  Denn Ron - entsprechend seiner Wesensart - spielte Poker mit buchhalterischer Emotionslosigkeit, und seine Bluffs wurden nach einem Kalkül, dass sich ansonsten jedermann verschloss, mit vernichtender Präzision durchgezogen.
  Anstatt sauer zu sein, oder ihn auszuschließen, förderten die Jungs seinen Nimbus. Bald stießen Fahrer von Auswärts zu den Matches, um  „Wunderkind“ wenigsten einmal zu schlagen. Mit 16 fuhr Ron die Army-Motorräder und PKWs bei kleineren Botendiensten auf dem Garnisonsgelände herum. Mit 18 hatte er alle Papiere, um auch die Trucks zu fahren. Er fuhr dreimal die Woche einen mobilen Eis- und Gefrierkost-Laden durch die „Housing-Areas“ der Region und kassierte von den „desperate Housewives“, die qualmend und mit Lockenwicklern durch die Regale schlurften, beinahe soviel Trinkgeld wie Fahrerlohn von der US-Zivilverwaltung.
  Etwa in dieser Zeit, im Herbst 1966, heiratete Rosa Kirchhauser den Freund von Ethan Farmer und nahm dessen Namen und die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Ted Shoefield wollte Ron adoptieren, aber der lehnte in einem Erwachsenengespräch ab und bat um Verständnis. Ob denn Ted ihm aber dabei helfen könne, den Namen seines verstorbenen Vaters anzunehmen.
  Trotz der Vielfachbelastung schaffte er bereits unter seinem neuen Namen ein Abitur mit dem Notendurchschnitt 1,2, kaufte sich aus Army-Beständen eine nahezu ungefederte „Indian Chief“ Baujahr 1943 und düste als „Easy Rider“ noch frei wie ein Vogel durch die europäischen Landschaften, als ein Film dieses Namens 1969 zur Hauptattraktion der Filmfestspiele in Cannes und bis heute zu dem Motorrad-Kultfilm wurde.
  Vier dramatische Nachrichten warteten auf ihn, als er wieder nach Heidelberg zurückkehrte:
  Seine Mutter war samt ihres neuen Ehemanns mit dem ungewohnten U-Haul-Umzugsanhänger im Schlepp vier Meilen vor Erreichen der Shoefieldschen Familien-Farm auf einer Landstraße bei Kitty Hawk in North Carolina tödlich verunglückt.
  Das amerikanische Rekrutierungsbüro wünschte ihn ungeachtet dieser Tragödie zu sehen, um seine Tauglichkeit als Kanonenfutter für den Vietkong zu prüfen.
  Das deutsche Kreiswehrersatzamt hatte ihm ebenfalls einen Musterungsbescheid geschickt, der schon überfällig war.
  Und der „AstA“ der Uni Heidelberg wollte ihn auf dem Gipfel des Antiamerikanismus an deutschen Hochschulen gesinnungsmäßig  auf den Zahn fühlen. Es war denen möglicherweise suspekt, dass sich einer gleichzeitig für die Numerus-clausus-Fächer Jura und Medizin immatrikuliert hatte, und es zirkulierten ja Gerüchte, die CIA unterwandere die politische Bewegung an den deutschen Hochschulen.
   Der kurzen, traurigen Erkenntnis, dass er nun ganz allein auf der Welt war, folgte ein völlig unemotionales Abarbeiten der Konfliktfelder.
  Seine Mutter hatte nicht allzu viel persönlichen Besitz und deshalb kein Testament gemacht. Die Shoefield-Familie, die sich um die Beisetzung und die übrigen Formalitäten gekümmert hatte, erbte Teds bescheidene Hinterlassenschaft, da Ron ja die Adoption abgelehnt hatte. Er versprach, das Grab seiner Mutter zu besuchen, so bald er es sich würde leisten können.
  Dem Heidelberger Rekrutierungsbüro saß ein Freund von Shoefield vor, der schrieb mit großer Freude auf das Ablehnungsformular: too short, too shortsighted and absolutely no boots!!! Obwohl er nämlich nun aller Wahrscheinlichkeit nach ausgewachsen war, lebte Ron bei 1,68 Körpergröße immer noch auf zu kleinem Fuß. Er brachte es tatsächlich nur auf Schuhgröße 36. - Zu wenig großspurig für die US-Forces…
  Um die Absurdität der Diktion Deutscher Studenten in diesen Jahren zu dokumentieren, hätte man Rons auf freiwilliger Basis stattfindende Befragung durch deren Ausschuss mitschreiben oder filmen müssen. Es darf gemutmaßt werden, dass ein Teil der Leute ihre eigenen Fragen und Überlegungen in dieser Dialektik nicht verstanden, jedenfalls drehte Ron bei den Antworten den Spieß der Unverständlichkeit  um, indem er im wüstesten schwarzen Slang  der Poker-Runden antwortete. Nicht nur deshalb wurde er zu einer Erstsemester-Legende, sondern auch weil er entgegen seiner eigenen ideologischen Ausrichtung eher aus Protest Mitglied in der konservativsten schlagenden Verbindung der Republik wurde. So war er eben, der Ron: eindeutig hochbegabt, aber auch gerne ein wenig gegen den Strom schwimmend.
  Auch das für ihn zuständige Kreiswehrersatzamt hätte ihn vermutlich in Tauglichkeitsstufe IV oder V eingestuft – zumal er ja eine Art Kriegswaise war, aber aus nicht nachzuvollziehender Sturheit verweigerte er vorher den Kriegsdienst und erschien vor der Prüfungskommission im komplett zusammen geliehenen US-Army-Outfit. Zwei Stunden dauerte sein aus dem Stehgreif gehaltener Vortrag, in dem er heraufbeschwor, dass bei dem anhaltenden Antiamerikanismus in diesem Land nicht ausgeschlossen sei, dass er dereinst auf Soldaten seines Vaterlandes schießen müsse. Dass im Übrigen seine deutschfriedliche Gesinnung für den Fall unweigerlich zu seelischen und moralischen Konflikten führte, da er Befehl erhielte, auf  seine „Brüder und Schwestern“ jenseits der Mauer zu schießen… Und als dann ein besonders scharfsinniger Beisitzer ihn fragte, wie denn seine gesamte Friedfertigkeit zu der Tatsache passe, dass er einer „Schlagenden Verbindung“ angehöre, meinte Ron – die Frechheiten krönend – man müsse die Elite des Klassenfeindes dort unterwandern, wo es am meisten weh täte.
  Vermutlich wäre die folgende Prozedur von dem späteren Volljuristen Ron Farmer durchaus erfolgreich anfechtbar gewesen, aber er verzichtete darauf, weil er ja seinen Spaß gehabt hatte. Als Kriegsdienstverweigerer wurde er zwar nicht anerkannt, aber es wurde nach dem Augenschein eine Nachmusterung angeordnet, bei der man ich ihn gar nicht schnell genug für absolut untauglich (VII) erklären konnte.
  Ron fiel dafür viel zu früh auf dem Feld der Liebe. Theresa, eine halbherzige Jurastudentin von annähernd 1,80 Länge und erheblicher Grobschlächtigkeit, war als schickliche „Couleur-Dame“ zu einem Bankett in der Verbindung erschienen, wo sie sich nach dem Nachtisch als erfahrene Catcherin entpuppte. Im Treppenhaus zum Paukboden warf sie den gewichtsklassenmäßig eindeutig unterlegenen Ron auf den Rücken und machte ihm seine erste Tochter. Damals war Abtreibung noch ein Kapitalverbrechen, und überhaupt heiratete man in so einem Falle, weil es die Ehre gebot. Bis zu den Staatsexamina folgten noch weitere drei absolut perfekte Pampers-Babys.
   Hätte es ein Staatsexamen für im Hauptfach perfekt funktionierende Studenten-Väter gegeben, Ron hätte auch dieses – wie seine beiden akademischen „Nebenfächer“ -  mit der Note Eins abgeschlossen. Er, der nie ein intaktes Familienleben kennen lernen durfte, entwickelte sich zum Übervater im positivsten Sinne.  Es ist weder logistisch noch organisatorisch nachzuvollziehen, wie er das alles unter einen Hut gebracht hatte:
  Er beharrte nämlich  trotz der sich anbahnenden familiären Situation darauf, beide Studien durchzuziehen. Die permanent schwangere Theresa, ein exemplarisches Muttertier, vollzog Sex in der Folge nur noch als Zeugungsakt, er-zeugte aber permanent wachsenden sozialen Druck. Ron, der schmächtige Ron, schulterte abnorme Lasten. Er nahm seine Tätigkeit als ziviler Army-Truckdriver bei den unbeliebten aber besser bezahlten Nachtbereitschaft wieder auf, gab fünf Wochenstunden deutsche Konversation an der amerikanischen Schule, spielte Freitag und Samstag wieder mit den Fahrer-Kollegen der neuen Generation Poker, und wenn seine Wut über die Gesamtsituation nicht mehr zu beherrschen war, stieg er zum Paukboden hinauf  und metzelte mit seiner flinken Schlagfertigkeit im Kontrast zu der geringen Trefferfläche, die er bot, des Öfteren wohl mehr als die Regeln dies zuließen. Er war nicht beliebt, sondern gefürchtet. Er war kein Kumpan, sondern eher der Typ, den man lieber duldete, als ihn zum Feind zu haben. Ron war das mehr als recht, denn er wiederum musste niemanden fürchten. Allein seine herausragenden akademischen Leistungen hoben ihn in eine unantastbare Stellung.
  Erwin Volkhart, der die gleichen Farben trug und auf Wunsch seines Vaters Wirtschaftswissenschaften studierte, war in jeglicher Beziehung das genaue Gegenteil. Er war ein Riese mit gewaltigem Durst und Hunger, trotz seines Formates aber ein Zäpfchen, das in jeden Arsch passte. Da er mit dem Geld seines Vaters ja durchaus großzügig umgehen konnte, erkaufte es sich die Beliebtheit, die ihm als Charakter-Qualle ansonsten nicht zugewachsen wäre.
  Vater Edwin Hagelschauer, der obwohl oder gerade weil er eben kein Akademiker war, die Burschenschaft mit erheblichen Mitteln versorgte,  trat – ganz „Teppichhändler“ -  bei einem Saufabend für die „Alten Herren“  während Rons vorletztem Semester an den damals dreifachen Vater heran:
  „Wie man hört, sind Sie ja ein echter Wunderknabe.“
  „Schon möglich“, antwortete der Gewohnheitstrinker Ron, der auch nach mehreren „geriebenen Salamandern“ als „last man standing“ die Containance nicht verlor.
  „Was halten sie von meinem Sohn?“
  „Er sollte an seiner Deckung arbeiten, sonst erkennen Sie ihn nach dem Studium nicht mehr wieder.“
  „Ja, das könnte man durchaus doppeldeutig nehmen. Im Studium sollte er vielleicht sogar ein wenig aus der Deckung gehen. Ich meine, offensiver werden. Sonst kommt es ja vielleicht gar nicht erst zu einem Ende.“
  „Das kann ich nicht beurteilen. Ich gehöre ja anderen Fakultäten an.“
  „Es könnte mir sehr gefallen, wenn Sie ihn ein wenig unter Ihre Fittiche nähmen.“
  „Wie sollte das gehen? Ich selbst müsste mich ja schon strecken, um unter seine Achselhöhle zu passen.“
  „Sie wissen schon, was ich meine.“
  Nicht annähernd konnte sich Ron vorstellen, in welchen Dimensionen der Makler tatsächlich dachte. Für den Verein, den er gerade gegründet habe, bräuchte er dringend einen Volljuristen als Geschäftsführer. Schon ab sofort könne er da zum Einarbeiten einen ‚Studentenjob’ haben, der seinen sozialen Status bei deutlicher Arbeitsentlastung erheblich steigern würde. Auch eine geeignete Wohnung für seine junge Familie zu finden, wäre für sein Büro kein Problem. Einzige Voraussetzung: Er, Ron –„ ich darf Sie doch Ron nennen“ - solle seinem „Kameraden Erwin“ als Pilotfisch durch die letzten Studienjahre voraus schwimmen, und wenn es nur irgendwie ginge, beim Promovieren helfen. Ein Doktor auf dem Firmenschild würde sich doch allemal gut machen, und überhaupt habe es ja noch nie einen promovierten Akademiker in seiner Kaufmannsfamilie gegeben.
  So kam es, dass Ron Farmer mit Haut und Haaren zu EFA e.V. wurde. Vom ersten Moment, da er das in einem der herrlichen Jugendstilbauten von Handschuhsheim untergebrachte erste Büro des Häuslebauer-Vereins betrat, prägte er diesen mit seinen Ideen, seinem Fleiß und seinem organisatorischen Talent. Er teilte sich die schwerathletische Aufgabe, Volkhart durchs Studium zu schleppen, alsbald mit einem anderen Juristen in spe aus der Burschenschaft. Erno Lutchinski, der auch jeden Pfennig brauchen konnte, gehörte ebenfalls noch zur EFA-Geschäftsführung, als Johannes’ Team die Räumlichkeiten im „Haus der Häuser“ bezog.
  Möglicherweise hatten sie später all die Jahre im Irrglauben gelebt, dass ihr Studien-Kamerad Erwin sich ihnen eines Tages für die geleistete Hilfestellung als dankbar erweisen würde. Aber da hatten sie sich sehr getäuscht. Ron hatte sich zum Verfassen der Doktorarbeit Erwins über „Chancen und Risiken der Privatisierung im Sozialen Wohnungsbau“ quasi noch das gesamte Wissen für dessen Studiengang aneignen müssen und sogar auf eigene Doktorhüte verzichtet. Ohne den für das Texten begabte Erno wäre die Dissertation nur guter Durchschnitt gewesen. So wurde sie viel beachtet publiziert, und dennoch fiel keinem die Diskrepanz zwischen der brillanten Arbeit und den eher tumben mündlichen Leistungen des Doktoranden auf.
  Auf Vatis Vermittlung landete Dr. Volkhart zum beruflichen Freischwimmen bei einer der führenden Steuerkanzleien im Bereich Frankfurt-Hanau-Offenbach. Die wuchs so schnell, dass man einen Partner, der versprach, sich nach dem Einarbeiten im großen Stil einzukaufen, mit offenen Armen empfing. Aber nach zwei Jahren machten alle „drei hoch drei“ Kreuzzeichen, als er weitgehend unbemerkt ins väterliche Maklerbüro wechselte.
  Edwin sagte über seinen Sohn Erwin in der Folge – durchaus bewusst auch in seinem Beisein und vor wildfremden Dritten: „Der Erwin wird einmal ein brauchbarer Verwalter, aber  er hat keine Visionen und ist ein schlechter Verkäufer.“
  Im Frust, weder von Frau und Kindern geliebt, noch vom Vater oder Mitarbeitern anerkannt zu werden, fraß und soff sich Volkhart  eine Körperfülle an, die die seines Vaters bald im wahrsten Sinne des Wortes in den Schatten stellte. Damit zumindest ein wenig gesellschaftlicher Glanz auf seinen Sohn abstrahlte, ließ Hagelschauer ihn kurz nach dem vierzigsten Geburtstag auf einer der geheimnisvollen an entferntesten Orten stattfindenden Mitgliederversammlungen, die seit der Gründung des EFA  schon immer eine Farce gewesen waren, zum stellvertretenden Vorsitzenden und Schatzmeister wählen. Erster Vorsitzender war seit Jahren ein mit Haus- und Wohnungsbau wenig befasster Finanzpräsident, der in erster Linie am üppigen Spesenkonto und den Reputation versprechenden gesellschaftlichen Anlässen des Vereins, aber nicht an seinen Geschäften interessiert war.
  So war Dr. Volkhart auf einmal quasi Vorsitzender und ehrenamtlicher Vorgesetzter zweier Männer, die unmittelbar mit seiner Unzulänglichkeit befasst gewesen waren. Dieser für ihn so peinliche Umstand förderte seine mit Abstand abscheulichsten Charakter-Eigenschaften auch in operativen wichtigen Handlungen zu Tage: die da waren Immaterieller Neid, Eifersucht und Missgunst.
  Da sich bestehende Vermögen im Jahrzehnt der Habgier quasi ohne besondere Verwaltung vermehrten, hatte der faule Erwin, den sie hinter seinem Rücken „Baby Doc“ nannten, nicht viel zu tun. Der Spitzname war nicht schlecht assoziiert. Ähnlich wie der schwergewichtige, annähernd schwachsinnige Sohn des Haitianischen Präsidenten Doc Duvallier mit seiner Geheimpolizeitruppe Tom Tom Macoute jeden terrorisierte, der sich nicht unterdrücken ließ, schüchterte Erwin mit seiner Entourage williger Helfershelfer, alle ein, die Ideen einbrachten, die nicht von selbst ihm zugeschrieben wurden.
  Johannes hatte mit einer derartigen Vorgehensweise keine Probleme. Da es zu seinen Dienstleistungen zählte, quasi wie ein Coach die Profile seiner Auftraggeber mit außenwirksamen Ideen zu polieren, freute es ihn schon, wenn er von seiner Bank am Spielfeldrand zusehen konnte, wie sein Input Erfolg zeitigte. Schließlich wurde er ja auch recht gut dafür honoriert.
  Nicht so der geniale Ron, der zunehmend darunter litt, dass der Fleischberg, den er zu seinem Status geschleppt hatte, ihn nun auch in der Öffentlichkeit als Fußabstreifer für den Charakter-Kot missbrauchte, der dick an seinen Sohlen klebte. Siege waren Einzelsiege von Dr. Volkhart. Funktionierte aber etwas einmal nicht nach seinen oftmals unausgegorenen Ideen, wurde das zum kollektiven Versagen des Teams oder gar zur gezielten Sabotage hochstilisiert, was Ron ein ums andere Mal um ihm zustehende Prämien brachte.
  Wer Verwalter eines derart großen Privatvermögens wie das der Hagelschauers war, hatte keine Probleme kräftige Steigbügelhalter um sich zu scharen, die ihn auf immer höhere Rösser hievten, und umgekehrt zog er manchen zu sich nach oben, der nichts weiter vorhatte, als eine noch tückischere Gesinnung als die Dr. Volkharts zum Einsatz zu bringen:
  Nachfolger von Fritz Schreiner war der persönlich haftende Gesellschafter einer bedeutenden hanseatischen Privatbank geworden. Ein gefährlicher Vertreter der Gattung „Männer“. Er hieß Hartmut Geyer und hatte, als er die einstimmige Wahl zum neuen „Latefundis“-Schatzmeister annahm, echte Tränen in den Augen, die er auch nicht verstohlen fortwischte. Damit hatte er schon mal das ganze weibliche Personal im „Haus der Häuser“ auf seiner Seite, was strategisch unbezahlbar sein sollte.
  Johannes gefiel der Mann, und er wunderte sich deshalb zu diesem Zeitpunkt noch, wieso er keinen Draht zu ihm finden konnte. Er war knorrig, breitschultrig, trug eine ehrliche Glatze und unter einer fleischigen Nase einen für Banker untypischen Moustache von stattlichen Ausmaßen. Was erstaunte und misstrauisch machte, war der Umstand, dass der charmante und gesellschaftlich umtriebige Hartmut Geyer im Netz kaum Spuren hinterließ. Obwohl der Banker sich in der folge den Kriegsnamen „Pleite-Geyer“ erwarb und eine derart exponierte Person im deutschen Finanzwesen einnahm, gaben die Suchmaschinen nichts Deftiges über ihn her. Dabei hatte er auch als Spiritus Rektor eines so genannten Heuschrecken-Fonts allein im Börsenpleite-Jahr nach der Jahrtausend-Wende und nach dem Anschlag auf die Twintowers geholfen, angeschlagene Firmen in Milliarden-Volumen zu verknuspern …
  Ganz anders der rechtslastige Politiker aus Kaiserslautern, der sich anschickte, neuer Präsident  der „Latefundis“ zu werden. Ein „Balletttänzer“ mit geradezu absurder Ähnlichkeit zu Frankreichs Nicolas Sarkozy und einem ähnlich zielstrebigen Lebenslauf von ganz unten mit Ziel ganz oben. Alfred Heeremann hatte das Internet von der ersten Stunde an als Plattform für einen wachsenden Kult um die eigene Person genutzt. Sein Auftreten und äußerst gutes Aussehen täuschten jeden über seine Schmächtigkeit hinweg. Vor allem die Frauen:
  Der Zement-Fabrikant bei dem er in die Lehre ging, hatte seine Frau vernachlässigt.  Alfred machte ihr geziemend den Hof, brachte ihr Blumen, hörte ihr zu und erntete dafür Wohlwollen und Fürsprache. Als die Zementfabrik zwecks Expansion von einem regionalen Baustoffhändler geschluckt wurde, war der kleine Alfred bereits Assistent der Geschäftsleitung gewesen. Der Baustoffhändler nun – der von dem jungen Mann sehr beeindruckt war - hatte ein liebreizendes Töchterlein, das nur den Makel aufwies – selbst mit flachen Schuhen – einen Kopf größer zu sein als der Ehrgeizige. Alfred war die Länge jedoch gerade recht. Erst erklomm er mit ihr die Stufen zum Altar, dann diente sie ihm als Leiter in die Geschäftsleitung, wo er zur Rechten seines Schwiegervaters seinen Killerinstinkten freien Lauf lassen konnte. Binnen eines Jahrzehnts hatte Heeremann aus dem regionalen Baustoffhandel durch Zukäufe, Verdrängen und Allianzen, zu denen er als Ballettänzer niemals lange stand, einen global operierenden Konzern gemacht, ohne den beispielsweise in den Vereinigten Emiraten kein Großbauprojekt mehr durchgezogen werden konnte.
  Heeremann selbst hatte sich auf diesem Weg zu einem „Daimio“ entwickelt, der – im übertragenen Sinne natürlich – seine zu allem bereiten Lehensleute mit nach oben zog, aber jedem, der nur einen Moment zögerte, Knie und Haupt vor ihm zu beugen, sofort eigenhändig den Kopf abschlug. Schon Fritz Schreiner hatte Johannes bei ihrer letzten Begegnung gewarnt, dass dieser Mann nicht aufzuhalten sei…
 
  In Ron Farmer war von einem Tag auf den anderen eine Veränderung vorgegangen. Hatte er bis zum Frühjahr 2001 noch wie ein todesmutiger Terrier  bei den miesen Attacken gegen ihn zurück gebissen, war von da an ein selbst für Johannes Jahr um Jahr nicht nachzuvollziehender Verhaltenswandel bei seinem Freund wahrzunehmen gewesen. Es begann damit, dass an dem Bild von den vier mittlerweile erwachsenen Töchtern auf seinem Schreibtisch einer der nervigen gelben Selbstklebe-Zettel haftete, auf dem das Datum 28. März 2006 stand. Von Johannes darauf angesprochen meinte er nur ein wenig zu larmoyant schmunzelnd:
  „Ich werde meinen Vertrag nicht mehr verlängern. Stell dir vor, ich werde Großvater. Ausgerechnet die Biggi wird im August Mutter. Ich will dabei sein. Ich fliege rüber. Es ist Zeit mal was anderes an mich heran zu lassen.“
  Biggi war das Nesthäkchen, was bei Schwestern, die nur knapp sechs Jahre auseinander waren, vermutlich ein unpassender Begriff war. Aber sie hatte sich auch nicht stets so verhalten. Sie war Ron am ähnlichsten, was Zielstrebigkeit, Risikobereitschaft und Abenteuerlust anging. Alles musste und durfte dieser zarte Rauschgoldengel tun: Freeclimbing, Fallschirmspringen, Drachenfliegen, Brandungssurfen. Mit Zwanzig hatte sie nach einer Automechaniker-Lehre das Elternhaus für eine vierjährige Reise um die Welt verlassen, die sie nie mehr zurückbringen sollte. Einer von ihr selbst nicht zu erklärenden Eingebung folgend, war sie mit ihrer schwarzen Harley Electra (!) nach Kitty Hawk gereist, um das Grab ihrer Großmutter zu besuchen, was Ron trotz des guten Vorsatzes nie geschafft hatte.
  Ethan (!) Shoefield, Tods Grossneffe – ein tüchtiger Farmer und Vorstandsmitglied im Club der „Wright Brothers“ – hatte Biggi begleitet und sich sofort in sie verliebt, als sie von ihren weltweiten Drachenflug-Erlebnissen geschwärmt hatte. Nachdem er ihr das historische Flugfeld und die diversen historischen Maschinen gezeigt hatte, die dem Club gehörten, war es auch um Biggi geschehen. Sie hatten noch im gleichen Monat geheiratet und Biggi war ob ihres nie durch einen Meisterbrief vertieften Mechaniker-Talents zur „Princess Of  Planes“ gekürt und sesshaft geworden.
  Johannes konnte Ron nur zu gut verstehen. Er war dann parallel auch gerade im Italien-Urlaub, als ihn die Horror-Nachricht erreichte. Ein kurzer Anruf von seinem Büro. Ron Farmer war am Morgen – einen Tag vor seine Abreise -, nachdem er kurz zuvor noch im Büro war, daheim im Beisein einer Notärztin an einem Aneuyrisma der Bauch-Aorta gestorben…



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen