Zwischenzeitlich hatte sich Kühn immer noch nicht gemeldet,
und Johannes war auf der anderen Baustelle seines Lebens nichts anderes übrig
geblieben, als den Gremien seiner Kunden
klar zu machen, dass er den von Geyer vorgelegten Vertragsentwurf in keinem Punkt
akzeptieren könne. Noch immer rissen ihn aber unkontrollierbare Racheträume aus
dem Schlaf. Lemmleins Ermahnungen und Vorschläge zur Selbsttherapie hatten
nicht lange vorgehalten. Er war auf dem besten Wege, neuerlich Schaden an
seiner Seele zu nehmen.
Die Reise in seine Geburtsstadt Hamburg trat
Johannes nach Ostern gemeinsam mit Lemmlein an. Im Windschatten des
Kirchenkriegers, der ihn, den
Agnostiker, als interessierten Journalisten im Umfeld der EKD-Tagung einführte.
Der Agnostiker dachte jedoch gar nicht daran, sich mit den Tagungsthemen
auseinander zu setzten, schließlich hatte er doch die strittigsten Thesen
verfassen helfen...
Stattdessen machte er der Witwe Grau seine
Aufwartung, die ihn ohne Vorbehalte empfing, als er sagte, er arbeite an einem
Manuskript über seine Kinderjahre mit
vier Hamburger Schulkameraden, zu dem auch Wolfgang Lindau gehört habe.
Frau Grau residierte in einer Villa an der Alster unweit des Uhlenhorster
Fährhauses. Eine Hausdame ließ Johannes ein und führte ihn in einen prächtigen
Wintergarten, der trotz des kalendarisch gerade beendeten Winters den Blick auf
einen hie und da bereits kräftig blühenden absolut laubfreien und penibel auf
das Früjahr vorbereiteten Park öffnete.
Ein Flügel war diagonal zu einer offenen,
pfirsichfarbenen Sitzgarnitur platziert. Eine ganze Reihe Fotografien in
Silberrahmen unterschiedlichster Größe standen so auf dem Musikinstrument, dass
unschwer zu erkennen war, dass niemand mehr auf ihm spielte. Die Fotos zeigten
in erster Linie eine junge Frau - vermutlich die Tochter des Hauses bei
verschiedenen Anlässen und Sportaktivitäten. Von Wolfgang Lindau alias Wolf
Grau war keines dabei. Da die Witwe Grau ein absolut zurückgezogenes Leben
führte, hatte Johannes nur eine ungefähre Vorstellung wie sie aktuell aussah.
Da sie - zwar nicht so reich wie die Witwen Springer und Mohn - als heimliche
Giga-Investorin aber eine gewisse Finanzmacht war, kursierte ein ziemlich
pixeliges Porträt von ihr in Witwenschwarz (herauskopiert aus einem Agenturfoto
von der Beerdigung) bei den diversen Finanz-Portalen im Internet. Deshalb war
sie auf den restlichen Aufnahmen auch unschwer zu identifizieren. - Genauso -
Johannes stockte dabei der Atem - wie der Mann in meist verliebter Paar-Pose an
ihrer Seite: Privat-Bankier Hartmut Geyer.
"Sie vermissen da sicher ein Foto von
Wolfi!"
Die überraschende Stimme hinter ihm hatte
einen freundschaftlich charmanten Klang im Timbre einer jungen Frau. Johannes drehte sich um und war von dem
offensichtlich inszenierten Auftritt sofort gefangen. Sie war mit einem Arm
voller langstiliger Schnittblumen vom Garten durch eine Tür des Wintergartens
getreten. Der Schnitt ihres farblich zu den Blumen passenden Kaschmir-Jumpsuits
war so offenkundig einfach wie unbezahlbar. Die blonden glatten Haare reichten
rundum mit einer leichten Rolle nach innen bis zum Kinnwinkel und waren so
geschickt getönt, dass sie dem hauchzart geschminkten Gesicht der
Mittfünfzigerin samt dem nur von einer dünnen Perlenkette geschmückten
faltenlosen Hals die Attitüde gaben, die zu der Mädchenstimme passte. Aber
seine aus Instinkt absolut gespannte Reaktion machte Johannes sofort klar, dass
er das besonders gefährliche Exemplar einer "Mata Hari" vor sich
hatte. Entsprechend verkrampft und so flach, dass er unter einer geschlossenen
Tür hindurch gepasst hätte, fiel denn auch sein Begrüßungsscherz aus. Er hob
eines der offenkundigen Tochter-Fotos vom "Steinway" hielt es hoch in
seinen Blick und meinte vergleichend:
"So lang kann diese Aufnahme ja nicht
her sein."
"Eine Sache, die man als reiche Witwe
sofort lernt, ist es, auf derart plumpe Schmeicheleien mit einem sofortigen
Abbruch des Gespräches zu reagieren. Wollen Sie gleich wieder gehen, oder
versuchen Sie es noch einmal mit einem besseren Einstieg."
"Wie oft haben Sie Wolfgang auf diese
Weise ausgeknockt?"
"Obwohl Wolfi sehr berechenbar und eher
schnörkellos agierte, war er nicht leicht zu treffen. Sie wissen ja, seine
Nehmerqualitäten sind legendär gewesen. Er steckte einige Treffer weg und kam
plötzlich mit einem einzigen Haken, der alles beendete - auch in unserer Ehe.
Wenn einem das passiert war, blieb der später lieber in der Deckung und ging
weiteren Kämpfen aus dem Wege."
"Wenn Sie so von Ihm reden - also
weshalb stehen dann hier keine Fotos?"
"Sie kennen vermutlich den Witz, weshalb
Boxer so beliebte Ehemänner sind, mit denen es niemals langweilig wird?"
"Weil sie nach jedem Fight anders
aussehen???"
"Wolfi hat zwar nie eine wirklich entstellende
Zeichnung zurückbehalten. Aber als er nicht mehr Gewicht machen musste, bekamen
seine Züge sogar etwas Weiches. Er war kein schöner aber zum Schluss sicher ein
interessant aussehender Mann. Niemand sollte seinen halb verwesten Ehepartner
identifizieren müssen. Ich kann seither jedenfalls kein Bild mehr von ihm
betrachten, ohne dass sich die Szene in der Gerichtsmedizin davor schiebt. Wenn
Sie in Erinnerungen schwelgen wollen - ich habe unten im Garten-Souterrain alle
Fotos und Pokale chronologisch geordnet ausgestellt."
Obwohl es so streitsüchtig begonnen hatte,
verlief das übrige Gespräch in zunehmend entspannterer und bisweilen vertrauter
Atmosphäre. Johannes wandte die Fragetechnik der konzentrischen Kreise an, und
sie blieb brav innerhalb der Zirkel, die er immer mit stetig engeren Radien
versah, aber sie war auf der Hut. Als er wissen wollte, wieso Kleeblatt Stefan immer
noch in U-Haft saß, obwohl er doch
sicher gegen Kaution freikommen könne, wurde sie sehr einsilbig und meinte nur:
"Ich glaube er schützt sich selbst,
indem er drinnen bleibt, bis es zu einer Verhandlung kommt. – Wenn überhaupt!
Oder er deckt noch jemanden aus anderen Sphären. Stefan war Wolfis Vertrauter -
absolut nicht meiner - wie gerne behauptet wird, und Wolfi hatte ja auch alte
Freunde, von denen ich regelrecht Gänsehaut
bekam."
Natürlich machte Johannes nicht den Fehler,
sie in diesem Zusammenhang auf Geyer anzusprechen oder anzudeuten, dass sie
einander kannten und geschäftlich gerade unangenehm zu tun hatten. Johannes
wusste nur zu gut und kannte sie auch von diversen gesellschaftlichen Anlässen,
dass Geyer in dritter Ehe mit der Haupt-Anteilseignerin der Bank verheiratet
war, deren Generalbevollmächtigter der "Latefundis"-Schatzmeister war.
Aber der Hafer stach ihn doch, als er Marita Grau fragte, ob an den Gerüchten
etwas dran sei, dass sie durch ihre Investition verhindern wolle, dass die
Hamburger Hafenbetreiber GmbH bei ihrer Umwandlung in eine AG mit ihren Aktien
an die Börse ginge:
"Das hat doch wohl nun gar nichts mit
Ihrer Kindheitsgeschichte zu tun, Herr Goerz. Sie werden verstehen, dass ich zu
diesem heiklen Thema nur so viel sage. Wolfi war sehr daran gelegen, dass der
Hafen, in dem sein Vater noch Schauermann war, hanseatisch-kaufmännisch bleibt
und nicht zum Spielball von Hedgefonds oder Heuschrecken wird. Diesem
gewissermaßen letzten Wunsch nach seiner Vorarbeit trage ich durch mein
Engagement Rechnung."
Auch im Rotlichtmilieu lösten die
Flügelschläge von Johannes in den nächsten beiden Nächten wohl erste kleinere
Turbulenzen aus. Was bei den meist stickigen,
und in zweierlei Hinsicht dunklen Etablissements, in die er sich begab,
an sich schon an ein Wunder grenzte. Jedenfalls nahmen die durch jahrelange
Paranoia sensibilisierten Nerven Folgebewegungen wahr, die ihm letztlich bei
seinem Streifzug vorauseilten. Aber da hatte er große Teile dieses
dreidimensionalen Mosaiks schon zusammengesetzt.
Die Mohren-Michels, die
Tschetschenen-Tscharlies die Wok-Willies oder wie die ethnischen Gruppen der
Rentner-Luden auf Alt-Kietzisch noch genannt wurden, hatten jedenfalls derart
an Einfluss verloren, dass sie mit modernen Investment-Denken kaum noch in
Zusammenhang gebracht werden konnten. Aber sie „klönschnackten“ gerne wie die
Weiber vom Fischmarkt. Vor allem von der Zeit, als sie selbst noch mehr Einfluss
gehabt hatten. Und wenn man es geschickt anstellte, dann rutschten sie in
Mutmaßungen hinüber, die die aktuellen Vorgänge betrafen. Auf je zehn Einheiten
Klönschnack kam eine Portion Wahrheit:
"Weissu, Altä? Mit die Dearns, die die
Osties pro Woche tauschen, häv we früa de ganze Reeperbahn vollgestellt. De
Jongs mit de Strippen inne Hand sitzen nu in Blankeneese. Do wet fortält, dat de
de Kohle in Fonts waschen tun un so.“
Wer die Details als geübter Rechercheur
zusammenführte, erhielt ein zunehmend beängstigendes Bild. Johannes wollte das
Egdius Lemmlein möglichst vor seinem Knastbesuch bei Stefan eingedenk des "intelligenten Spielens“
in den Kinder-Tagen als Parabel nahe bringen:
Nach dem Tod von Wolf Grau, der irgendwie den
Nimbus seiner flinken Fäuste schützend über ihn gehalten hatte, war Stefan
Berger-Steingräber im Hamburger Monopoly wohl zunehmend seiner gewohnten
Umgebung in Schlossallee und Parkstraße entrückt. Er hatte immer häufiger die
Etablissements in Bad- und Turmstraße und ihre billigen, auf nur kurzes
intensives Verweilen ausgerichteten Hotels aufgesucht. Senatoren sind halt auch
nur Menschen. Wer es von Kind auf sauber und geordnet hatte, entwickelt
vielleicht eine gewisse Sehnsucht nach Schmuddel und sexuellem Kuddelmuddel. Als
einer der jedoch in Kommissionen für Stadtplanung und Entwicklung saß, hätte er
die Gefahr für seine Integrität erkennen
müssen, und er riskierte gleichzeitig auch seinen hanseatischen Kaufmannsruf,
der für das traditionelle Nobel-Warenhaus, das seine Frau Sabine nun führte,
unabdingbar war...
Stefan war ganz offenbar in eine komplizierte
Falle getappt, die sein politisches Leben, für dessen Ende ja in Hamburg allein
schon der bloße Verdacht reichte, trotz aller Verdienste irreparabel beschädigt
hatte. Nun ging es um die Rettung seiner Ehe, seiner Ehre, seines Geschäftes
und nicht zuletzt auch neben der Existenz um das nackte Leben selbst. Offenbar
fühlte er sich da in „Santa Fu“ noch am sichersten, denn irgendjemand erpresste
ihn mit zwei Aufzeichnungen auf DVDs, drinnen zu bleiben. So wurde zumindest
von verschiedensten Seiten gemunkelt.
Dadurch, dass mit Ausnahme der Auftraggeber
für seine Ermordung, jeder in der Hansestadt immer noch davon ausging, der Tod
von Wolfgang Lindau sei ein Selbstmord in Zusammenhang mit
Insider-Spekulationen im Hafen gewesen, bot sich ein infinitesimales
Rechenspiel an. Ein Witz, denn ausgerechnet wegen seines Unvermögens in diesem
mathematischen Kapitel war Johannes ja von der Schule geflogen. Er versuchte es
dennoch.
Wie hatte doch sein alter Mathe-Lehrer
Gaitsch das "Infinitesimale" für die Doofen erklärt:
"Du stehst vor einer Reihe Männer, in
der sich jeweils Brüder paarweise nebeneinander eingeordnet haben und zwar vom
ersten beginnend jeweils rechts. Wenn du also annimmst, dass Nummer fünf in der
Reihe Meyer heißt, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass der Mann zu
seiner Rechten -also Nummer sechs - auch Meyer heißt. Mit dieser Annahme kannst
du prima rechnen."
Johannes konnte das nicht, weil er an seiner
Privatschule mit einem hohen Anteil an Scheidungskindern allein zwei
Brüderpaare gekannt hatte, die unterschiedliche Nachnamen hatten.…
Welcher der Hechte im Karpfenteich der
potentiellen Hafen-Investoren hatte kurz vor oder rasch nach Lindaus Tod die
Art seiner Beutenahme drastisch
verändert? War gar ein Hecht hinzugekommen? Das Techtelmechtel zwischen
Geyer und Marita Grau war finanzpolitisch und gesellschaftlich explosiv, für
Insider in seiner Kursbeständigkeit aber verlässlich berechenbar. Weshalb
sollten die beiden die Vorarbeit von
Stefan und Wolfgang also nicht wie gehabt fortführen?
Aber bei denen hatte es natürlich eine
Anstandspause nach dem Tod des Ex-Champs gegeben, und es hatte ja auch gedauert
mit den Verdächtigungen gegen Stefan Berger-Steingräber. Zufälliger Weise war
das obendrein genau der Zeitraum gewesen, in dem die Grenzen des Freihafens
enger gezogen wurden.
"Il Mulo" war Albaner gewesen, lag
es da nicht nahe, dass Albaner seine Auftraggeber waren? Andererseits hatte das
Maultier seine deutsche Existenz der untergegangenen DDR zu verdanken gehabt.
Waren gar deren alte Seilschaften nach Osten involviert? Er brauchte jemanden
mit genauesten Kenntnissen der heutigen Hamburger Verhältnisse
Johannes hatte all die Jahre drei Dutzend
junger Menschen zu Journalisten ausgebildet. Eine davon, eine echte
"Wadlbeißerin" - wie man im Süden sagt - war auf dem
"Affenfelsen" an der Alster gelandet und residierte jetzt als
Ressortleiterin in einem neuen Verlagshaus mit Blick auf den Freihafen, das
"Objekt der Begierde".
Sylla Streit war in den goldenen Achtzigern
"sein Mädchen" gewesen. Energisch, zielstrebig, ehrgeizig und absolut
loyal hatte sich das winzige Persönchen in sein Vertrauen gearbeitet, und als
sie der Liebe wegen nach Hamburg wollte, hatte er ihr mit gutem Gewissen einige
Türen geöffnet. Zweimal hatten sie sich noch zu Treffen der
"Ehemaligen" gesehen. Dann wurde noch einige Male telefoniert, bis
der Kontakt - wie üblich in dieser
hektischen Branche - in den Neunzigern ganz abgerissen war.
Sie trafen sich aus Zeitmangel zum
Mittagessen in der riesigen lichtdurchfluteten Kantine des beeindruckenden
Gebäudekomplexes.
Sie sprang ihn mittendrin wie das Mädchen von
damals aus vollem Lauf an und rief trotz der vielen Kollegen: "Mensch
Boss, das ist so toll, dich mal wieder zu sehen!"
Johannes konnte sie immer noch an
ausgestreckten Armen mit in der Luft baumelnden Beinen zur Begutachtung auf
Augenhöhe von sich halten, aber er brach das alte Spielchen sofort ab. Denn das
schickte sich ja nicht. Die erfolgreiche Kollegin hatte ihre sportliche Ballett-Figur
und das Federgewicht zwar behalten, aber - da zeit ihres Lebens uneitel - war
sie in Ehren ergraut. Nur noch einzelne Fäden der drahtigen, blauschwarzen
Haarpracht von einst durchzogen ihre strenge Duttfrisur.
"Du musst gar nicht so gucken. Ich bin
vor ein paar Wochen 52 geworden. Hast du ganz vergessen, dass wir nur sieben
Jahre auseinander waren?"
Sie hatte nur eine knappe Stunde Zeit, und
auch Johannes würde am nächsten Tag abreisen
müssen, denn er hatte auch noch so
einiges vor. Der "streitbaren Sylla" reichte aber bereits ein
Briefing von knapp zehn Minuten, um nahtlos in Tratsch und Klatsch über ihre
Familien und ehemalige Kollegen hinüber zu wechseln. Während beider Streifzug
durch mehr als zwei Jahrzehnte, bei dem sie gleichzeitig essend und trinkend
vierzig Minuten lang die Hand von Johannes festhielt, mutierte er geduldig zum
Linkshänder. Was ihm aber ganz und gar nicht missfiel, weil ihre Herzlichkeit
wie über ein Ladekabel durch den rechten Arm heilsam in seine Seele strömte.
Wie hätten sie beide nur die Reporterwelt aus
den Angeln gehoben, wäre das Internet schon derart verfügbar gewesen. Eine
Stunde, nachdem sie sich mit viel Hoffnung für häufigere Treffen in der Zukunft
getrennt hatten, war sein Laptop im Hotel am Dammtor per Mail schon reichlich
mit Informationen im PDF-Format versorgt worden.
Johannes war so mit Ausfiltern von
Suchbegriffen für diverse Suchmaschinen und Markieren, Kopieren sowie Ordnen
von Textbausteinen beschäftigt, dass er die Zeit vollkommen vergaß und auch das
Klopfen an der Tür des Hotelzimmers beinahe überhörte. Draußen stand ein
deutlich gebeugter Kirchenriese. Johannes hatte - egoistisch auf seine
Angelegenheiten konzentriert - verschwitzt, dass sein Freund heute seinen
großen Auftritt gehabt hatte und fühlte sich bei dem deprimierenden Anblick
sofort schuldig:
"Mann, tut mir leid. Ist wohl nicht gut
gelaufen? Ich weiß, ich hätte dabei sein sollen - zumindest bei der Presse-Konferenz."
"Nein, nein. Das war absolut perfekt,
dass du nicht da warst. Du hättest mit deinen Detailkenntnissen, die du ja gar
nicht hättest haben können, womöglich nachgehakt."
"Also, was ist passiert?"
"Wir sind Papst! Das ist passiert! Die
Hype um den Ratzi vor allem bei den jungen Menschen während seines
Deutschlandbesuchs zum Weltjugend-Tag. Die überwiegende Mehrheit des Rats hat
meine Thesen ausdrücklich begrüßt und hält sie für verfolgenswert, aber nicht
zu diesem Zeitpunkt. Man hat in der EKD Angst, das könne als provokanter
Profilierungsversuch missverstanden werden. Dann haben sie unisono
festgestellt, dass ich von der Nähe und der Historie her aus seiner
Kardinalszeit am leichtesten in dieser Angelegenheit Kontakt zu ihm aufnehmen
könnte. Kannst du dir das vorstellen? Ausgerechnet ich soll nach Rom, um diesen
Erzkonservativling mit meinen Ideen vertraut zu machen, Der wird wegen mir die
Inquisition neu starten, mich von ‚Opusdei’ jagen und mich mitten auf dem
Petersplatz verbrennen lassen."
"Was für eine Story! Sei doch stolz. Das
ist so irre, da kannst du gar nicht verlieren."
"Es tut mir leid, aber den Besuch bei
deinem Freund in Fuhlsbüttel, den muss ich auf ein anderes Mal verschieben. Ich
fliege noch heute Abend zurück nach München. Ich fürchte, wir werden uns nicht
allzu oft sehen in nächster Zeit."
"Das fügt sich. Ich wiederum habe eine
Fülle an neuen Informationen, die es ratsam machen, alles auf einen späteren
Zeitpunkt zu verschieben. Was ich bisher herausbekommen habe, deutet darauf
hin, dass Berger-Steingräber sich selbst so eine Art Schutzhaft verordnet
hat."
Den kurzen Moment der Leere, der dem Weggang
des Freundes folgte, füllte Johannes mit einem Arbeitspensum, wie in seinem
besten Tagen. Er studierte Kursverläufe, machte sich schlau, was alternative
Investments sind. Las diagonal eine Doktorarbeit über die "Bedeutung von
Freihäfen für Waren-Termin-Geschäfte" und verfluchte seine Ignoranz.
Selten genug hatte er bislang die Wirtschaftsteile der Zeitungen konsultiert. Er
hatte aber so eine Ahnung, dass er dieses in Zukunft ändern würde müssen, wenn
er das retten wollte, was im möglichen Trümmerhaufen seiner Firma an
Verwertbarem vielleicht noch übrig blieb.
Ein interner Bericht der hanseatischen
Finanzdirektion - weiß der Himmel wie die Streit in der Kürze der Zeit an
dieses absolut nicht für Außenstehende gedachte Papier gekommen war - machte den Schattenkrieg um
die besten Ausgangspositionen beim Hafenpoker deutlicher als geahnt. Es
offenbarte, was da an eigentümlichen Geldmengen in die Waagschalen geworfen
wurde:
Um das Bild vom Karpfen-Teich wieder
aufzugreifen. Es sah so aus, als seien ein paar der dicksten Fische paradoxer
Weise Lockvögel der Fahnder. Also gab es im Vorfeld schon einen
Anfangsverdacht?
Gegen vier Uhr früh kannte Johannes die
wichtigen Hechte alle beim Namen. Nur zwei waren in dem besagten Zeitraum
deutlich hyperaktiv gewesen. Ein wirtschaftlich sehr dicker und ein kleiner
aber offenbar kenntnisreicher: Der große war möglicher Weise der Grund für das
Interesse der Finanzbehörden. Ein europäischer Arm eines Geldinstituts aus
Riad, das übersetzt "Großislamische Kasse für Wiederaufbau" hätte heißen können, hier aber französisch
als S.A. Caisse Orientale de la Réparation auftrat. Der kleine Hecht klang
schon vom Namen her wie ein Witz: "Heavy on Wire GmbH&Co KG".
Hinter allen Hechten standen Namen, die sich gesammelt wie ein Auszug aus dem
Who-is-Who der deutschen Wirtschaft und der mit ihr verbundenen Politiker-Riege
lasen. Zwölf von 23 Namen kannte Johannes, weil sie auch bei seinen PR-Kunden -
"Latefundis", der Stiftung "Soziales Wohnen" oder „Eigenheim
für Alle“ - in Vorständen, Kuratorien oder Beiräten saßen. Die restlichen waren
bestimmt nützlich, wenn es galt, in
Behörden oder Landesregierungen mit dringenden Anliegen voran zu kommen.
Dass der neue Präsident der „Latefundis“ bei
seiner Wichtigkeit für den panarabischen Baumarkt auf deren Homepage im
Wirtschaftsbeirat der besagten Aufbaukasse aufgeführt war, konnte nicht weiter
verwundern. Aber der Name des geschäftsführenden Kommanditisten von "Heavy
on Wire" löste bei Johannes wechselhafte Gefühle aus: Boris Barylli - der
Stacheldraht-König mit dem Hausboot auf dem Dach.
Augenblicklich machte die virtuelle Kamera
seiner Erinnerung eine Fahrt durch das abenteuerliche Hausboot. Johanns konnte
sogar für einen Augenblick wieder das süsslich herbe Malzbier aus der
Holsten-Brauerei schmecken, das ihm der Staatenlose bei seinen Besuchen mit dem
Vater immer vorgesetzt hatte. Aber ging das, dass der noch am Leben und aktiv
war? Walter Goerz und Boris Barylli waren in etwa gleich alt gewesen. Der
Vater, der nun ja schon fast zwanzig Jahre tot war, wäre doch im übernächsten
Jahr schon hundert geworden...
Am nächsten Morgen um neun Uhr:
"Heavy on Wire - guten Morgen!"
"Ja, hier spricht Johannes Goerz. Ich
hätte gerne Herrn Boris Barylli gesprochen."
"Wenn Sie keine andere Nummer von ihm
haben, ist Herr Barylli für Sie nicht zu sprechen."
Johannes wiederholte seine Legende, er
schreibe an einem Manuskript über eine Kindheit in Hamburg und da gehörten
seine Erlebnisse mit dem Vater Barylli nun mal hinein, das würde doch der Sohn
wohl verstehen...
"Herr Barylli hat keine Kinder, - und der Vater von ihm? Da dürfte es sich wohl
um eine Fehlkalkulation von Ihnen handeln."
"Wie alt ist denn Ihr Herr
Barylli?"
"Das geht Sie nichts an!"
"Also, der Herr Barylli, den ich gekannt
habe, der müsste heute die 90 schon hinter sich haben. Wenn er geistig noch auf
der Höhe ist, dann erzählen Sie ihm, der Junge, der auf seinem Hausboot dafür
gesorgt hat, dass die Cutty Sark ihren Großmast verlor, würde ihn gerne wieder
sehen und mit ihm über alte Zeiten plaudern. Ich bin aber leider nur noch heute
in der Stadt."
Irgendwie war die Telefonistin beeindruckt,
denn sie schien sich Notizen zu machen und wiederholte akkurat seine
Handynummer.
Zehn Minuten später, er war gerade beim
Verlassen des Hotels erklang die Rififi-Melodie in seiner Brusttasche:
"Johannes min Jong! Wat ne schoine
Übäraschung! Wo steckst du?" sprach ihn ohne Geplenkel eine überraschend
jung klingende Stimme an.
"Ich stehe direkt vor dem Hotel am
Dammtor. Toll, dass das mit dem Schnack von der Cutty Sark geholfen hat, Herr
Barylli."
"Rühr dich nich vonn Fleck. In fifteen
Minunten wirst du abgeholt, Un lass das man mit den olln Härn Barylli. So oll
bin ich man nich!"
Der auberginefarbene Bentley mit den gelben
Saffianleder-Polsterungen trug Johannes wie auf lautlosen Schwingen auf der
Elbchaussee hinaus bis zu den Kapitänsvillen auf dem Hochufer von Oevelgönne,
wo ihn ein strammer Wind mit Nieselregen empfing. Sie hielten vor einem
Backstein-Anwesen mit weißem Säulenportal. Eine blutjunge Frau, zu deren
Üppigkeit die knapp sitzende strenge Zofen-Livree irgendwie nicht passen wollte,
öffnete ihm Wagenschlag und Eingangstür, führte ihn durch eine kapellenartige
Halle zum Gegenportal und wies auf die breiten Treppen, die gestaffelt zu drei
unterschiedlich geformten Fischbassins zum Parkrand hinunterführten.
"Boris gucken Fische. Kommen
gleich", sagte die Zofe in slawisch gefärbtem Deutsch.
"Ich gehe ihm entgegen", meinte
Johannes, als er den kleinen Mann am untersten, dem größten und rechteckigen
Bassin entdeckte. Im nu war er durch eine der Verandatürme im Freien und
trappelte schnell die etwa hundertfünfzig Stufen hinunter. Dieser Blick! Unten
schlich ein Riesenpott im Schlepp die Elbe hinunter auf die Nordsee zu. Das alles hatte er
schon mal erlebt. Freude und Trauer - er fühlte beide zugleich. Und als sich
der zwerghafte Mann behände umdrehte, weil er die Schritte gehört hatte, sah
Johannes aus der Distanz den Mann, dem er vor fünf Jahrzehnten zum letzten Mal
begegnet war. Dem Schein nach unverändert. Im Januar war Rita, die Mutter von
Johannes, mit 87 einen erlösenden Tod
gestorben, nachdem die Erhaltungsmedizin die einst so stattliche Frau zu einem
faltig-knochigen Ersatzteillager mit Herzklappen, Schrittmachern und Stents
hatte verkommen lassen. Wie konnte der liebe Gott nur so unterschiedliche Gene
verteilen? Und für einen Augenblick überkam ihn sogar die Vorstellung, welche
kleine langlebige Menschengattung entstanden wäre, hätten sich die beiden
kinderlosen Kleinwüchsigen Sylla Streit und Boris Barylli zur Zeugung vereint.
"Bischa man 'n ganz schoinen Brockn
worn!"
"Hast du in den Bassins Wasser aus
Jungbrunnen - Onkel Boris?"
Sie schlossen sich in die Arme, wie ein
dicker, großer Vater einen vielleicht Zwölfjährigen umfängt. Aus der Nähe waren
dann doch schon Spuren des Alters zu erkennen, die ein chirurgisch
meisterliches Lifting und ein geschickt färbender Friseur auch nicht hatten
aufhalten können.
"Die Dame aus deinem Büro wollte mir
dein Alter nicht verraten. Mein Vater ist schon bald zwanzig Jahre tot. Ich
dachte immer, ihr wart vom gleichen Jahrgang..."
"Hej waman doch feer Joa ältä. Wa'n
bangich foinen Mann dien Olln!"
Der also 94jährige wies die Treppen hinauf
und meinte, die Fische hätten ihn in Form gehalten. Dreimal am Tag 168 Stufen
rauf und runter, bei jedem Wetter, das ließe er sich nicht nehmen, schließlich
seien seine Fische gemessen am Risiko und Arbeitsaufwand die beste Investition,
die er je gemacht habe.
Erst da nahm Johannes die stattlichen im
schwarzen Wasser besonders bunt leuchtenden Exemplare der Edel-Koys war, die
dem kleinen Mann beim Gang rund ums Becken folgten wie Schoßhunde. Johannes
hatte durch den Film "Der Fischer
und seine Frau" von Doris Dörrie in etwa eine Ahnung, was Koys dieser
Größe Sammlern wert sind.
Der Alte brannte darauf, den Beweis für seine
Fitness anzutreten, und strebte zügig die Treppe zum mittleren, dem ovalen
Becken hoch. Hier schwammen Koys, die um die Hälfte kleiner waren, als die im
unteren Becken. In dem kreisrunden unter der Terrasse, waren sie klitzeklein.
Alle hatten aber bereits die Angewohnheit entwickelt, ihrem "Herrchen"
zu folgen, wenn er sich am Beckenrand
bewegte.
Barylli zeigte in das flache Becken:
"Kannst dich man nich erinnern, dat du
da drin biena ersoffen bist, as du so'n Steppke wast." Barylli hob die
flache Hand etwa fünfzig Zentimeter über die Platten, was irgendwie komisch
wirkte. Aber dann begann er zu erzählen und hörte nicht mehr auf.
Den Eltern von Johannes waren nach ihrer
Flucht mit den beiden Mädchen von den Engländern zwei Kammern neben der
Waschküche im Souterrain dieser ehemaligen Reeder-Villa als Quartier zugewiesen
worden. Rita hatte für die Tommys als Wirtschafterin gearbeitet. Johannes war
im Blankeneeser Krankenhaus zur Welt gekommen und hatte seine ersten beiden
Jahre hier verbracht. Kaum dass er richtig laufen konnte, wäre er in diesem
Becken auch schon fast ertrunken, hätte Boris nicht sein Fehlen bemerkt und ihn
gerade noch rechtzeitig herausgezogen. Boris hatte, während Walter Goerz durch
einen schnell behobenen Irrtum im ehemaligen KZ Neuengamme noch interniert war,
auch den Goerz-Damen mehr oder weniger das Leben gerettet. Rita bekam zum Lohn
in Pfund-Sterling auch Nylonstrümpfe, Zigarettenstangen, Schokolade und Brandy,
die Boris als heimlicher Schwarzmarkt-König in lebenswichtige andere Güter
umtauschte. Ob Boris bei Rita wohl auch für hormonellen Ausgleich gesorgt hat?
Rita stand auf den kleinwüchsigen, dunkel pelzigen, orientalischen
Teppichhändler-Typ.
Als sie den Zeitraum gemeinsamer Erinnerungen
erreichten, wechselten sie vom Foyer ins Arbeitszimmer von Barylli hinüber, wo
er ihm die Cutty Sark als stattliches Buddelschiff in einem eigenen Erker
präsentierte:
"Kiek ma. Den Mast steht ja wieda!"
Johannes war das Modell des Tee-Clippers als
etwa sechsjähriger Junge viel größer als heute erschienen. Er erinnerte sich an
seine Heulerei, als Boris ihm die Illusion von Zauberei geraubt und gezeigt
hatte, wie man an Fäden durch den Hals der bauchigen Flasche auf dem Rumpf, der
in bemalten Gipswellen schwamm, die Masten errichtete. Als Johannes die Prozedur
wiederholen sollte, war ihm der Großmast abgebrochen.
Johannes musste von sich so gut wie nichts
erzählen, denn er erfuhr von Boris erstmals, dass sein Vater bis zu seinem
Siechtum Ende der 80er jedes Jahr ausführliche Briefe über den Fortgang der
Familie geschrieben hatte und gleichermaßen von Boris über dessen weiteres
Leben informiert worden war. Dass Boris von all dem Geld, das ihm der
Stacheldraht eingebracht hatte, voller
Sentimentalität und viel zu teuer 1991 diese stark renovierungsbedürftige
Reeder-Villa gekauft und dafür sein Dach-Hausboot aufgegeben hatte, das durfte
Walter Goerz ebenso wenig erleben wie die Wiedervereinigung.
Johannes, der merkte, wie der Alte trotz
aller Euphorie nun doch langsam müde wurde, wollte noch am gleichen Tag mit dem
ICE zurück nach Frankfurt. Deshalb lenkte er höflich das Gespräch in die Nähe
der Hinweise, die er über "Heavy on Wire" erhalten hatte.
Er fragte ganz unverblümt, wieso Boris
Barylli, trotz seines hohen Alters und der Tatsache, dass er eigentlich keine
eigenen Nachkommen habe, immer noch mitmische? Was er sich von seinem
Engagement für die Zukunft des Hamburger Hafens verspräche? Denn aller tollen
Gene zum Trotz werde er die nur noch ansatzweise miterleben können. Und wieso
er gerade in dem Moment besonders in die Öffentlichkeit getreten sei, als mit
Wolfgang Lindau alias Wolf Grau ein anderer Verfechter mit Freitod
ausgeschieden sei?
Auf einmal sprach dieser Alberich des
Freihafens bedächtiges Hochdeutsch:
"Dein Schulfreund Wolfgang Lindau hatte
wirklich eine interessante Lebenslinie. Einmal hatten dein Vater und du ihn zu
mir mitgenommen, weil ihr anschließend zu dem Schiff am Nachbarkai schauen
wolltet, wo sein Vater als Schauermann beim Löschen der Ladung mitarbeitete.
Wir kleinen Menschen entwickeln eher ein Gefühl für einander als ihr großen.
Später habe ich dann keinen seiner Kämpfe hier in Hamburg verpasst. Ich muss
sagen, ich war ein echter Fan von ihm, vielleicht sogar mehr. Zumindest bis die
schweren Jungs und die leichten Mädchen ihren Einfluss auf ihn verstärkten. Als
er nach Jahren der Abwesenheit nach dem nie und nimmer verschobenen Kampf als
Wolf Grau wieder hier auftauchte, habe ich ihn zunächst gar nicht wahrgenommen.
Erst als er bei mir mit diesem Senator, der auch in Eurer Klasse war,
vorstellig wurde, begriff ich das Lindau und Grau dieselben waren.
Da war ja dann auch schon klar, dass
Wiedervereinigung und EU die Bedeutung des Freihafens verändern würden... Du
fragst. wieso ich mich für diesen stinkenden, feuchten und lauten Lebensraum so
engagiere? Von 1945 bis 1990 war der die einzige feste Heimat, die ich je
hatte. Ein Staatenloser wird in diesem Feuchtbiotop zum reichen Mann. Sollte
der dann nicht für den Erhalt einer vielleicht dann sogar schöneren Heimat
kämpfen? Der Wolfi hat das genau so gesehen, und der Berger-Steingräber hat die
Docklands in London so genau studiert, dass er für hier ein fehlerfreies und
sozialeres Konzept entwickelt hatte. Ich musste mich ja nicht wegen irgendetwas
fürchten, deshalb habe ich nach Wolfis Tod ein paar Schaufeln bei meinem
Engagement nachgelegt."
Beim Abschied drückten sich die Zwei noch
einmal unbeholfen und äußerten die Hoffnung, dass Johannes bei künftigen
Besuchen in Hamburg nicht ins Hotel ginge, sondern bei ihm wohnte.
"Sag mal, wo wurdest du eigentlich
geboren Onkel Boris?"
"In Tirana. Wieso?"
"Weil ich glaube, dass jemand mögliche
Spurensucher auf eine falsche Fährte lenken will." Dass Johannes wusste,
dass Wolfgang Lindau nicht freiwillig aus dem Leben geschieden war, verschwieg
er dem wundersamen Mann, der ihm plötzlich wieder so nah gekommen war, dass er
sich für seinen heimlich gehegten Verdacht, der ihn eigentlich hierher geführt
hat, sehr schämte.
Im ICE nach Frankfurt bekam Johannes einige
Schlagzeilen der papstfreundlichen Yellowpress mit. Sie hatten die EKD
ordentlich beim Wickel, aber die seriöseren Kollegen aus dem überwiegend
evangelischen Hamburg nahmen Egidius Lemmlein ausdrücklich in Schutz. Der
"Leitbulle der Synode" habe zwar etwas zwischen die Hörner bekommen,
aber er sei eindeutig der Mann, der den Dialog voranbringen könne. Egidius
hatte sich in die Öffentlichkeit begeben und zunächst einmal überlebt.
Was man von Johannes nicht sagen konnte. Am
nächsten Morgen fand er eine Aktennotiz vor, dass ihn der Präsident der „Latefundis“
gleich nach seiner Ankunft zum Gespräch bitte. Dieses, das dritte während
Heeremanns erster Amtszeit, dauerte gerade einmal fünf Minuten, und man sah ihm
an, wie sehr er das Kopfabschlagen genoss. Er sei der Sprecher für alle Gremien
bei dem Beschluss, dass man die Zusammenarbeit mit Johannes und seinem Büro
nicht fortsetzen wolle. Die Anwälte sollten sich darüber einigen, zu welchem
vorgezogenen Zeitpunkt und für welche Abstandszahlung die Trennung möglichst
bald über die Bühne gehen könne. Im Übrigen alles Gute.
Johannes verließ die Wallstatt ungerührt und
aufrechten Ganges. - Aber nur weil er nicht zu Boden sah. Das Loch, das sich da
auftat, war tiefschwarz und drohte ihn zu verschlucken, sobald er den Kopf nur
ansatzweise senken würde
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