Seit neustem war Johannes noch mehr als sonst beunruhigt: Immer
häufiger ertappte er sich nämlich dabei, dass er sein Schlafloch mit inbrünstigem Gebeten zu stopfen versuchte. Natürlich
machen das allnächtens Abermillionen von gepeinigten Menschen auf dieser Welt.
Aber die haben einen definierten Gott zu ihrer Orientierung.
Während sein Unterbewusstsein die Litaneien
mitunter dramatisch ausufern ließ, stellte sich mit sarkastischen Kommentaren gleichzeitig
so eine Art Über-Ich bei Johannes ein. Etwa mit dem Spruch, den er in einem
Hemmingway-Roman gelesen zu haben glaubte:
"Ja, ja: Wenn die Nutten
alt werden, gehen sie in die Kirche".
Oder er erinnerte sich an den Tag, an dem
sämtliche Religiosität in ihm erstarb: Das war ausgerechnet in dem Moment,
in dem Johannes vor dem Altar zur Konfirmation kniend, die Oblate und den Wein
zum heiligen Abendmahl empfing. Während er mit dieser Zeremonie öffentlich in
den Kreis der erwachsenen Christen aufgenommen wurde, verabschiedete sich
Johannes innerlich bereits aus jeglicher Glaubensgemeinschaft.
Schuld war der Marabu, ein zaundürrer auf
fast zwei Meter Körperlänge hochgeschossener Knaben-Greis (auf Bayrisch sagt
man zu so einem: Der muaß erst aramoi so oid wern wira ausschaugt). Außerhalb
des Konfirmanden-Unterrichtes, dem er als einer der Fleißigsten beiwohnte, hieß
er wie der Held aus einem Kitsch-Roman: Egidius Lemmlein. Er wusste mit knapp
14 schon, was er einmal werden wollte - Küster!
Der Marabu also sperrte neben ihm auf der
Bank kniend, seinen Schnabel auf. Nicht wie um die Oblate auf die Zunge gelegt
zu bekommen, sondern als gelte es einen Ochsenfrosch zu verschlucken. Dann
kaute er auf dem gebackenen Mehlhauch herum, als hätte er Knochen zu
zerkleinern, und als der Kelch zu ihm kam, schwappte er alles mit einem
gigantischen gurgelnden Schluck herunter. Johannes war, als müsste die ganze
Kirche von dieser krachenden Konsumation des Leibes und des Blutes Christi
gehört haben. Stattdessen vernahm die Gemeinde nur sein eigenes, schallendes
Auflachen...
Als sie im Gymnasium wenig später die
deutschen Philosophen durch genommen hatten, adaptierte Johannes die Quintessenz
des Kategorischen Imperativs nach Immanuel Kant als denkbare ethische Formel
für sich:
„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch
die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
Egidius
Lemmlein traute seinen Ohren nicht, als er nach vier Jahrzehnten diese
unverwechselbar in seinem Herzen gespeicherte Stimme am Telefon vernahm:
„Herr Lemmlein?
Egidius! Hier spricht Johannes Goerz. Grüß dich! Du wirst dich vermutlich nicht
mehr an mich erinnern, aber wir sind vor unzähligen Jahren miteinander
konfirmiert worden…“
„Mensch,
Johannes! Deine Stimme hat sich ja überhaupt nicht verändert. Wie kommst du auf
die Idee, man könnte dich vergessen. Meine Frau und ich sind große Fans deiner
journalistischen Arbeit. Rufst du aus beruflichen Gründen an?“
„Nein… Aus ganz
privaten. Es ist mir auch ein wenig peinlich, da melde ich mich nach vierzig
Jahren, nur weil ich meine, niemand anderer als du könne mir helfen.“
„Ja, aber gerne
doch! Wobei denn?“
„Ich will
beichten!“
„Du weißt, dass
du hierfür auf der falschen Baustelle bist?“
„Nun ja, deine
Verwirrung wird vermutlich noch größer, wenn ich dir jetzt sage, dass ich
obendrein bekennender Agnostiker bin und seit einiger Zeit, zwei bis drei
Stunden pro Nacht mit inbrünstigen Gebeten zu einem Gott verbringe, an den ich
eigentlich nicht glaube…“
„Das klingt –
entschuldige – ja geradezu nach einem seelsorgerischen Leckerbissen. Bekomme
ich Exklusivrecht?“
„Du scheinst ja
ein schöner Zyniker geworden zu sein, –
du Leitbulle der Synode!“
„Ah, der Mann
schaut Nachrichten! Ich will mal ehrlich sein. Auch in der EKD gibt es unter
dem Allerhöchsten ein Oben und Unten. Und mit reiner Gottgefälligkeit allein
kannst du auch bei uns oben nichts mehr verändern. Kirchenpolitik unterscheidet
sich keinen Deut von anderen gesellschaftlichen Vorgängen. Also, was erwartest
du ausgerechnet von mir.“
„Ich denke, ich
habe nicht nur große Schuld auf mich geladen, sondern befinde mich auch mitten
in einem Gewissenskonflikt. Das sind nicht unbedingt Dinge, die man am Telefon
besprechen sollte, aber natürlich weiß ich auch, dass du ein viel beschäftigter
Mann bist…“
„Wollen wir uns
zum Essen treffen?“
„Das wäre
vielleicht keine so gute Idee, wenn wir zwei in der Öffentlichkeit gesehen
würden. Ich würde dich ja gerne zu mir nach Hause einladen. Aber hier existiert
quasi keines mehr. Seit meine Frau und ich uns vor kurzem getrennt haben und
unsere Kinder aus dem Haus sind, lebe ich überwiegend in Italien…“
„Aha, daher
diese kathogelischen Gefühle. Aber
ich denke, ich habe eine tolle Idee. Übers Wochenende bin ich immer bei meiner
Familie. Meine Frau ist Pastorin in einem hübschen Sprengel im Fränkischen, und meine Kinder studieren in
Erlangen. Du kommst einfach mit. Ich massiere deine Seele und du redigierst mein
programmatisches Papier, an dem ich gerade für die Bischofskonferenz arbeite.“
„Ich will doch
keine Umstände machen.“
„Nein tust du
nicht! Das ist ein geschäftliches Abkommen, und außerdem hat mich meine Frau
schon seit der Studienzeit immer wieder gefragt, weshalb ich keinen Kontakt zu
dir aufnehme. Stell dir vor, sie hat als Theologie-Studentin Männermagazine
gekauft und deine erotischen Erzählungen gelesen.“
Am
Freitagmittag holte ihn Lemmlein in einem klerikal schwarzem VW-Van vor der
Pension Adriana ab, in der Johannes seit neustem als Dauergast unter dem Dach
hauste. Es herrschte nach dem heißesten März der meteorologischen
Aufzeichnungen immer noch strahlendes Frühlingswetter, so dass sie sich
entschlossen, abseits der Autobahnen durch die Holledau und ins Altmühltal, am
Stausee vorbei und über Ornbau und Wolframs-Eschenbach zum Aischgrund zu
fahren. – Wohl auch, um die Beschnupperungsphase ein wenig auszudehnen.
Wenn Johannes
überhaupt eine herausragende Eigenschaft hatte, war es die Fähigkeit, Fäden
wieder aufzunehmen. Er tat das unbewusst, in dem er Personen und Orte einfach
so sah wie beim letzten Mal. Im Falle von Egidius Lemmlein wäre das allerdings
sehr schwer gewesen. Denn weder mochte Johannes den „Marabu“ damals sonderlich,
noch hatte der Egidius von heute mit seiner mächtigen Figur und dem kahlen von
einem Stiernacken getragenen Krieger-Kopf noch Ähnlichkeit mit dem bigotten
Vogelmenschen von einst. Hätte Johannes einen schwarzen Anzug samt schwarzer
Krawatte getragen wie Egidius, sie wären die schwergewichtige deutsche Antwort
auf die Blues-Brothers gewesen. – Und befanden sie sich nicht tatsächlich in einer „Mission on God“?
Sie hörten fast
während der ganzen Fahrt Heavy Metal und grölten bei offenen Wagenfenstern alte
Balladen mit. Aber als Lemmlein bei der Ortsdurchfahrt von Ornbau eine selbst
gesampelte CD mit Chorälen und Canons aus Orlando di Lassos „Libro de
Villanelle“ ins Deck schob, geschah dies quasi aus göttlicher Fügung. Der
Renaissance-Fürst der Musik zu den Reinaissance-Giebeln von
Wolframs-Eschenbach. Lemmlein war ein Hexer der Herzlichkeit geworden, der
einen unwiderstehlichen Zwang ausstrahlte, ihm zugeneigt zu sein.
Eine
unglaubliche Choral-Stimme füllte a cappella den VW und verdrängte alle anderen
Geräusche; eine Klarheit ohne Tremolo oder technische Tricks:
„Wer ist denn
diese gigantische Stimme?“ fragte Johannes vor dem nächsten Stück.
„Das ist
Egidius Lemmlein“, sagte Egidius Lemmlein in trockener Bescheidenheit.
Als sie im
spitzwegschen Biedermeierlicht durch das Fachwerk-Stadttor auf
Kopfsteinpflaster in die Gemeinde der Pastorin Marie-Luise Lemmlein rollten,
waren die beiden großen Fresser und Säufer vor dem Herrn, als die sie sich
zwischenzeitlich geoutet hatten, auch einig geworden, dass sie den
„Aischgründer Fisch-Wochen“, die allenthalben plakatiert waren, einen
vernichtenden Schlag beibringen und Familie Lemmlein noch einen Abend verschonen würden…
Bislang hatten
sie seit Beginn ihrer neuerlichen Begegnung den ursprünglichen Grund für ihr
Treffen ausgeklammert. Als sie beide einen Vierportionen-Waller verzehrt und
ihn in zwei Litern Volkacher Ratsherr Riesling vom Fass hatten schwimmen
lassen, waren beide entspannt genug, Schweres gegebenenfalls leicht zu nehmen:
„Also raus
damit! Was wolltest du mir beichten.“
„Zunächst muss
ich dir eine Frage stellen. Auch wenn es bei euch keine Ohrenbeichte gibt. Gilt
für das, was ich dir jetzt alles anvertraue so eine Art Beichtgeheimnis?“
„Selbst wenn es
das – was ja aus moralischen Gründen selbstverständlich wäre – als
Gebräuchlichkeit der evangelischen Amtskirche nicht gäbe, gälte ja noch das
Vertrauen unter Freunden. Ich weiß, du mochtest mich damals nicht, wo ich doch
so gerne dein Freund geworden wäre. Aber ich habe jetzt das Gefühl, dass wir
zwar vierzig Jahre Freundschaft verpasst, aber vielleicht doch noch eine
gemeinsame Wegstrecke vor uns haben. Unabhängig von welchem Gewicht deine
Beichte sein wird. Ich stehe dir bei. Und das nicht nur als dein ausdrücklich
von dir selbst erwählter Seelsorger!“
Es war, als
bräche ein Damm in Johannes’ Seele. Er erlebte das Sich-Fallen-Lassen in die
geistige Obhut eines anderen wie ein prickelndes Bad mit Sauerstoffdusche. Und
zwar ohne die Bedenken, der Alkohol und das gesättigte Wohlbefinden könnten
etwas damit zu tun haben. – Und auch ohne das Gefühl, des anderen Broterwerb
mit seiner Seelenpein zu sichern wie bei seinem Psychoanlytiker Dr. Treiber…
In seiner
präzisen Reporter-Sprache berichtete er über den Killer „Il Mulo“ und was dessen Beichte
und die nachfolgenden Recherchen bei ihm an Mutmaßungen erbracht hatten. Er sprach
von seiner kaum mehr zu beherrschenden Wut, von den überfallartigen
Mordgelüsten und seiner Hauptangst vor der Angst und der Befürchtung, dass die
Paranoia schleichend einem komplett schizophrenen Krankheitsbild weichen
könnte. Aber da er auch ein geborener Erzähler war und seinen Galgenhumor
deftig verbalisierte, dröhnte durch die ausgebaute mittelalterliche Scheune des
Öfteren das zur Örtlichkeit durchaus, aber zur Beichte absolut nicht passende
Gelächter des Kirchenmannes. Bisweilen klatschte er so laut auf seine Schenkel,
dass sich die Köpfe der immer weniger werdenden Zecher ein wenig neidisch zu
ihnen umwandten. Kein Zweifel, die zwei Fleischberge hatten eine Mordsgaudi
beim Fischessen…
Am nächsten
Morgen hatte Johannes, was nur selten geschah, keine Ahnung mehr, wie er ins
Bett gekommen war. Es schoss ihm jäh durch den Kopf, dass er deshalb womöglich
auch seine Insulin-Spritze vor dem Einschlafen vergessen hatte. Mit äußerst
schlechtem Gewissen überprüfte er mit dem kleinen Computer seinen Blutzucker,
aber der war durchaus tiefer im zulässigen Toleranzbereich als die Wochen
zuvor. Die fränkische „Fisch-Wein-Diät“ hatte unverhofft angeschlagen.
Das Zimmer, in
dem er die Nacht verbracht hatte, war beinahe calvinistisch schlicht mit
uralten Bauernmöbeln ausgestattet. Es gab nur die Farben braun und weiß und
außer einem kleinen hölzernen Kreuz hing nichts an den Wänden. Dennoch strömte
es nostalgische Behaglichkeit aus, weil es nach getrockneten Äpfeln und Birnen
roch, die in einer Holzschale auf der Spiegel-Kommode gegenüber vom Bett zum
Naschen bereit standen.
Auf der Suche
nach dem Klo fand Johannes schnell heraus, dass er in einer Art separatem
Gemeindehaus untergebracht war, das ihn von der Privatsphäre des Pfarrhauses
abgrenzte. Ein Luxus, den er nicht erwartet hatte, der ihm aber behagte, denn
Johannes war nicht gerne „privater“ Gast.
Als er nach der
Morgentoilette und wunderbarer Weise ohne Kater aber hungrig in den Pfarrhof
trat, sah er, dass zum Brunch unter einem toskanischen Markt-Schirm ein üppig
gedeckter Tisch wartete. Das Atrium, das
durch die große Kirche an der Ostseite, vom Pfarrhaus gegen Süden, dem
Gemeindehaus im Norden und einem wuchtigen Fachwerk-Bogen-Portal mit
Holz-Flügeltoren im Westen eingefasst war, hatte etwas von einer „festen Burg“,
was einem das Glauben möglicherweise leichter machen konnte.
Fünf „Marabus“
schienen nach einem genetisch vorgegebenen Bewegungsmuster lautlose hauswirtschaftliche
Handreichungen vorzunehmen. Egidius hatte von seinen Kindern nicht ohne Stolz
und spürbarer Liebe erzählt: Die beiden Buben, Zwillinge, waren mit 20 die
Nesthäkchen, die drei Mädchen rangierten im Alter zwischen 22 und 25. Alle
waren mit über 1,80 cm in etwa
gleichgroß, was anmutete, als seien diese menschlichen Storchen-Vögel geklont.
Sie wiesen diesen ähnlichen langgliedrigen, Johannes aus der Jugend noch
vertrauten, Knochenbau auf, den man ungeschönt als dürr bezeichnen musste.
Wohin das aber bei den Knaben noch führen konnte, war ja an ihrem Vater
unschwer nachzuvollziehen. Die Mädchen hingegen entsprachen dem aktuellen
Schönheitsideal, und wär Johannes für dieses empfänglich gewesen – er hätte in
ihnen sofort die außergewöhnlichen Schönheiten erkannt, die sie tatsächlich
waren. Als Egidius seine Kinder auf Johannes aufmerksam machte, kamen sie mit
beschleunigten aber immer noch gemessenen Schritten auf ihn zu, reichten ihm
respektvoll nach Alter artig die Hände, knicksten und dienerten und nahmen ihn
dann, in dem jedes ihn sanft zum Geleit berührte, in ihre ungerade Mitte und
führten ihn zu seinem Platz am Tisch. Egidius war mit einem breiten Grinsen
aufgestanden, in dem eine kleine Verlegenheit ob der vergangenen Völlerei
versteckt war. - Und dann kam sie!
Ein
Sonnenstrahl, der von einem der Fenster im Glockenstuhl gebündelt wurde, traf
sie just in dem Moment, da sie auf die runden Portal-Stufen vor das Pfarrhaus
trat. Sie trug einen schwarzen Hosenanzug aus einem fließenden Material und
eine schlichte weiße Bluse ohne Kragen. Ihre dunkelbraunen Haare waren wie bei
einem kleinen Jungen rundherum streichholzkurz geschnitten. Das alles war aber
offenbar nur darauf ausgerichtet, ihrem Blick nicht zu entkommen, der innerhalb
von Zehntelsekunden, Strenge, Milde, Fürsorge, Demut, Neugier, Gleichmut - vor
allem aber Liebe und Offenheit vermitteln konnte.
Marie-Luise Lemmlein sah man ihre 55 durchaus
an, obwohl ihr ungeschminktes Gesicht glatt und die Haare offensichtlich nicht
gefärbt waren. Als sie vor Johannes stand und ihm die Hand reichte, konnte sie ihm dank ihrer Körpergröße
direkt in die Augen schauen, und deshalb war Johannes ihr schutzlos
ausgeliefert. Der „augenblickliche Liebesakt“ – diese neue Begrifflichkeit
würde er künftig für das verwenden, was er in seinen frühen derberen erotischen
Erzählungen noch roh als „Augenfick“ bezeichnet hatte – konnte höchstens eine
Sekunde gedauert haben und löste dennoch ein seelisches Erdbeben von der Stärke
eines „Big Bang“ bei ihm aus. Sein Leben trudelte aus der gerade wieder
erreichten sicheren seelischen Umlaufbahn. Aber was obendrein drohte, wirklich
peinlich zu werden, war eine Erektion dort, wo sich medikationsbedingt
eigentlich gar nichts mehr rühren durfte und sich auch seit Jahren nichts getan
hatte. Er wollte sich rettend auf seinen Platz setzen, aber das ging nicht.
Denn nun hatten sich alle rund um den Tisch an den Händen genommen, um
gesenkten Blickes das Dankgebet zu sprechen. Bei der bunten Reihe, die gesetzt
wurde, standen die beiden ältesten Mädchen ihm direkt gegenüber und die
Auslöserin hielt ihn mit ihrer großen sanften Hand nur Dezimeter neben der Auswölbung,
die da mit priapismischer Hartnäckigkeit auf die gelobten Gaben zeigte.
Gott sei Dank
schien niemand etwas bemerkt zu haben. Doch als er nach einem kaum zu
kontrollierenden Nervositätsanfall wieder wagte, seiner Gastgeberin noch einmal
so tief in die Augen zu schauen, wurde er gewahr, dass dieser Geschlechtsakt
ihrer beider Sehnerven offenbar auch bei der Pastorin hormonelle Reaktionen
hervorgerufen hatte.
Er sah Hunger,
Leidenschaft, Zärtlichkeit und Liebe im Stroboskoprhythmus und damit die größte
Herausforderung seines 59jährigen Lebens auf sich zukommen…
Nie hatte
Johannes ausdrucksstärkere Augen gesehen. Er erinnerte sich nicht, sich jemals
derart ausgeliefert gefühlt zu haben. Er war hin und her gerissen zwischen
dieser neuen Zuneigung zu Egidius und dem geradezu obsessiven Verlangen nach
dessen Frau. Kant und Descartes lösten sich in seinem emotional verquirlten
Hirn mit ihren moralischen Bedenken ab, und dann drängte der Kirchenmann auch
noch, sich endlich mit dem zu befassen, was sie sich gemeinsam vorgenommen
hatten.
Vermutlich
wären beide ein hervorragendes philosophisches Autoren-Team geworden, hätten
sie ihr Leben lang derart präzise zusammen gearbeitet wie an diesem sinnlichen März-Samstag.
Ihr Arbeitszimmer war ein herrlich ungeordneter Bauerngarten an der Südmauer
des Pfarrhauses, wo sie einen Klapptisch mit ihren WLAN bewehrten Laptops gestellt
hatten. Das Gesumme der Insekten und der Duft der ersten Blüten stimulierten
ihre Sinne. Der Arbeitsrhythmus stellte sich dadurch wie von selbst ein.
Johannes wiederholte in halbstündigen Perioden nüchtern und präzise noch einmal
die Hauptkonflikte, die für seine Gewissensnot gesorgt hatten. Egidius machte
sich Notizen, und dann tauchte Johannes seinerseits für je eine halbe Stunde in
das Manuskript des Klerikers.
Lemmlein hatte
sich den Katechismus mit der lutherschen Auslegung der zehn Gebote als Strukturbeispiel für sein
Zehnpunkte-Reformprogramm erwählt, was intellektuell durchaus interessant für
einen Diskurs gewesen wäre, aber ob er damit seine Ideen gekonnt verkaufte?
Ein Beispiel: These „Du sollst den Gottesdienst als
Dienstleistung verstehen!“ Auslegung
„Was ist das? Nicht Eitel den Worten deiner Predigt nachlauschen, sondern
hören, was die Gemeinde sagt. Nicht starr an der Liturgie festhalten, sondern
die Gemeinde gestalten lassen… Und so weiter.
Nach jeder
Stunde tauschten sie sich aus. Nicht in Form einer Diskussion, sondern mit
unwidersprochenen, stentorhaft vorgetragenen Feststellungen im Wechsel. Was so
ein wenig klang wie bei Peter Handkes Bühnenstück „Weissagung und
Selbstbezichtigung“:
„Eines ist
klar! Du kannst durchaus freundschaftliche oder noch stärkere Gefühle zu einem
Mörder entwickeln – trotz der Tatsache, dass
er ein Mörder ist. Diese Gefühle dürfen aber die moralische Klarheit
nicht trüben, sonst machst du dich mitschuldig. Das ist übrigens eine eher
weibliche Verhaltensweise, die auch in Obsessionen enden kann. In meiner Zeit
als Gefängnis-Seelsorger gab es dutzende von Frauen, die sich über Briefkontakte
auf eine Liebesbeziehung mit
Schwerverbrechern eingelassen hatten. Umgekehrt - dass Männer derart animiert
in den Frauenknast schrieben - habe ich so nicht erlebt.“
„Willst du,
dass deine Thesen Anerkennung finden und eine Chance auf Realisierung bekommen,
oder reicht dir ein scholastischer Diskurs. Willst du verkaufen, muss dein
gesamtes Manuskript nach Machbarkeit und Sensation der Idee umstrukturiert
werden. Das geht nur mit einer schonungslosen Stärken- und Schwächen-Analyse. Es
ist die Frage, ob du nicht zu nah dran und zu leidenschaftlich engagiert bist,
um sie selbst vorzunehmen Du solltest das deine Frau als praktizierende
Pastorin machen lassen.“
Oder:
„Ob du im
Geiste bereit bist zu töten, das Töten zu planen bis in jedes Detail seiner Durchführung,
um es dann allein aus philosophischer Betrachtungsweise und nicht etwa aus der
Erkenntnis von Unrecht zu unterlassen. – Das befreit dich nicht von Schuld, selbst wenn du
Agnostiker bist. Auf keinen Fall gilt die These „die Gedanken sind frei“
gegenüber der höchsten Instanz. Du musst solche Gedanken auch aus
gesundheitlichen Gründen für deine Seele schnellstens aus deinem Hirn
verbannen!“
Mitunter war
beider Denken so komplex, dass sie sich in stiller Übereinkunft lange Pausen
gönnten, in denen sie sich entspannt anschwiegen.
Egidius hatte
derart brisante Forderungen an die Eucharistie und die Ökumene, dass es dem
neuen Papst aus Bayern die Tiara vom Kopf fegen würde. Lemmlein würde
Schlagzeilen machen, aber mit seiner Karriere in der Amtskirche wäre es dann
vermutlich bald vorbei. Eines war Johannes aber schon beim Diagonallesen klar
geworden, sein neuer Freund und alter Bekannter war genau der brillante Kopf
und leidenschaftliche Visionär, den die Glaubensgemeinschaften brauchten. Schließlich
liefen den Kirchen ja die Gläubigen in Scharen davon. Es war auch nur noch eine
Frage der Zeit bis der paneuropäisch auf dem Vormarsch befindliche Laizismus
der staatlich verordneten Kirchensteuer den Garaus machen würde. Er musste bei
dieser Betrachtung übrigens an seine neue Heimat Italien denken, die jedwede
religiöse Gruppierung paritätisch zur Zahl der als getauft registrierten
Gläubigen aus einem staatlichen Fundus unterstütz, darüber hinaus aber auf
Selbstversorgung pocht.
In dem
Burgdorf, in dem Johannes nun lebte und das sich auf einer Fläche von nur drei
Fußballfeldern an einen steilen Felsrücken des Appenin klammerte, gab es vier
verwaiste Kirchen. Die größte wurde noch gelegentlich von den ältesten
Nachbarinnen für Bibelstunden aufgesperrt oder wenn jemand gestorben war, zur
Aufbahrung genutzt. Die liebevoll restaurierte Kapelle am Ortsrand war zweimal
im Jahr Ziel langer Berg-Prozessionen. Die zum „Capo luogo“ zählenden rund um
den Talkessel verteilten Orte mit ihren riesigen, historisch wertvollen
Gotteshäusern wurden von einem im japanischen Minibus herumrasenden tamilischen
Pater und zwei ebenso dunkelhäutigen Ordenschwestern betreut, die tatsächlich
auch von Geburt her die Schwestern des Seelsorgers waren.
Ausgerechnet
die dort alles beherrschende Römisch Katholische Kirche war nicht mehr in der
Lage gewesen, die verschlossene ligurische Gebirgsbevölkerung mit einheimischen
Patres zu versorgen. Aber vielleicht war das ganz gut so, denn der Mann, der in
Sri Lankas Kirchen-Metropole Galle aufs Stiftsinternat gegangen war, hatte mit
einer unwiderstehlichen Charme-Offensive Haus um Haus in schwierigem Terrain
für seine Kirche zurückerobert und auch vor der Tür von Johannes nicht Halt
gemacht.
Als nach
Weihnachten 2004 der Tsunami dessen Heimat verwüstet hatte, war Johannes samt
einem halb mit Euros und Eurocentmünzen gefüllten 10Liter Wein-Flacon in der
Sakristei des schwarzen Priesters aufgetaucht. Johannes hatte einen Teil der sich geradezu epidemisch in seinen
Taschen ansammelnden neuen Münzen seit 2002 in dieser Glaskugel entsorgt. Da er
ausgerechnet die betroffenen Regionen mit hohem sinnlichem Gewinn sehr oft
selbst bereist hatte, nahm er den fragilen Tamilen persönlich in die Pflicht,
dass das Geld an die richtige Stelle käme. Worauf jener von da an stets auf ein
Gläschen zur Terrasse hoch stieg, wenn er auf dem Berg zu tun hatte, um mit
Johannes über seine ferne Heimat zu reden
Johannes dachte
gerade darüber nach, dass er sich privat wohl eher ungewollt auf diese Weise
eine Art „religiöses Schengen“ geschaffen hatte, als Lemmleins Stimme zu ihm
durchdrang:
„Warum bleibt
dein Schulfreund in Untersuchungshaft? Er hat selbst Geld, er hat obendrein
eine reiche Bekannte, und dein anonymer Hinweis, war ja schnell zu überprüfen.
Es bestünde keine Verdunklungsgefahr, und die unterstellte Korruption
beziehungsweise Untreue rechtfertigt alleine ja keine Fortdauer der U-Haft.“
„Die Idee mit
den Dialog-Diözesen oder Bürger-Bistümern verlangte ein völlig neues
Selbstverständnis der alteingesessenen Berufskleriker und eine
soziologisch-politische Neuausrichtung des Theologie-Studiums. Du solltest dir
den Rücken stärken lassen, bevor das an die Öffentlichkeit gelangt. Sonst
begehst du beruflichen Selbstmord. Denk
daran, was durch die gegenseitige Anerkennung der Sakramente schon an
Diskussion los getreten wurde. Unter Benedikt XVI wird sich die
Reformationsbereitschaft der katholischen Kirchenführer noch weiter
verlangsamen. Gerade ist ja wieder der Anspruch als einzig wahre Kirche von ihm
manifestiert worden.“
„Deine
permanente Auseinandersetzung mit dem Vorgang des Tötens – worauf könnte diese
Obsession bei dir beruhen? Ich glaube du
erforschst die Abgründe in anderen Menschen, um deine eigenen endlich
auszuloten. Solche Leute wie „Il Mulo“ oder dein sizilianischer Mafia-Freund
üben deshalb eine Faszination auf dich aus, weil es dir angesichts deiner
eigenen Gemütslage ein Rätsel ist, wieso solche Leute derart menschlich sein
können, wenn sie gleichzeitig solche Monster sind.“
Johannes schweifte
in Gedanken wieder zurück in die letzte Nacht mit Jack am Cape de Cuedec auf Kangaroo
Island. Die Strahlen des Leuchtturms über ihnen waren in ihrem verlässlichen
Rhythmus über den südlichen Sternenhimmel geglitten, als der Spurensucher ihm
die Quintessenz seiner Erfahrungen offenbart hatte. Jack, der Angehörige einer
Urbevölkerung, deren DNA sich nachweislich nach der Zuwanderung kaum verändert
hatte, war schlicht davon ausgegangen, dass das Töten ein archaisches
Grundverhaltensmuster ist, das in allen Menschen gleich angelegt und nur
verschüttet ist. Lediglich Erziehung und Charakterbildung sorgten unter
normalen Verhältnissen dafür, dass dieses nicht für Mord und Totschlag
aktiviert würde. Fielen ethische, moralische oder legislative Schutzmechanismen
weg, reichte oft nur ein minimaler Impuls, die Gewalt- und Tötungsbereitschaft
zu aktivieren. Töter und Töterinnen, die ihrer Verrichtung wie Metzger
zielgerichtet nachgingen, wären also in ihrer Schädlichkeit wesentlich
berechenbarer, als durchgeknallte Massenmörder, die irgendeiner Mission oder
politischen Parole in exzessive Schrankenlosigkeit folgten. - Johannes
verzichtete darauf, Egidius derlei Ansichten zu kolportieren:
„Kannst du dich
noch an deinen Pfarrer-Kollegen erinnern, dem sie vor ein paar Jahren mit
bioforensischen Methoden nachgewiesen haben, dass er seine Frau umgebracht hat,
um ungestört und alles bis zum Schluss leugnend mit seiner Geliebten
weiterzuleben? Dazwischen ist eine Diskrepanz, mit der ich wirklich nicht klar
komme.
„Zwei Parteien
führen Krieg. Der Sieger nimmt alles, der Verlierer ist Schuld, so lange nicht
wieder ein Stärkerer da ist, der Recht und Unrecht anders gewichtet, um Schuld
und Sühne wieder aufs neue zu bewerten. Genau das ist heute aus dem Ruder
gelaufen, und deshalb brauchen die Menschen Gott“
Sobald die
Sonne untergegangen war, wurde es nicht nur deshalb empfindlich kalt. Sie
gingen hinein und halfen Marie-Luise und den Kindern, das Abendbrot zu
bereiten. In einem unbeobachteten Moment glitt Marie-Luises Hand routiniert
hinten in den Hosenbund von Johannes und umfasste seine rechte Pobacke wissend
und bestimmt. Dieses Spiel mit dem Feuer behagte Johannes nicht. Er
verabschiedete sich daher früh mit dem Hinweis, er sei vom Vorabend noch
angeschlagen.
Am nächsten
Morgen besuchte er das erste Mal seit einigen Jahrzehnten wieder einen
Gottesdienst. Er hatte noch nie eine Pastorin bei der Arbeit beobachtet und
ertappte sich dabei, wie bei all dem Sakralen ein animalisches Verlangen in ihm
aufstieg. Er schaute zu dem herrlichen mittelalterlichen Altar hinauf und bat
den Gott, an den er ja eigentlich nicht glaubte, den Kelch an ihm vorübergehen
zu lassen, ihm die neu entfachte Geilheit zu nehmen, damit er seinen Freund
nicht hinterginge.
Aber Johannes
hatte seine Rechnung ganz offensichtlich ohne Gott gemacht. Beim Mittagessen zu
dritt – die Kinder waren gleich nach der Kirche zu ihren diversen WGs oder
anderen Unterkünften aufgebrochen, berichtete Egidius, er habe vergangene Nacht
das Thema Stärken-Schwächen-Analyse mit seiner Frau diskutiert und die habe
vehement abgelehnt. Aber sie habe einen tollen Vorschlag gemacht. Nachdem
Johannes zurzeit ja ohnehin nichts mehr Dringendes zu tun habe, könne er doch
hier bleiben und die notwendige
Überarbeitung des Skripts vornehmen und als Gegenleistung würde er, Egidius,
beim in Kürze anstehenden
Tagungsaufenthalt in Hamburg einen Besuch bei Stefan in der JVA
Fuhlsbüttel machen und ihm auf den Zahn fühlen. Marie-Luise hatte dabei eine
Mine aufgesetzt, als gäbe es nicht annähernd eine sinnvolle Alternative zu
ihrem Vorschlag. Die Versuchung von Johannes ging also weiter – und aberwitzig
sah er Marie-Luise leicht gewandet wie Salome mit einem Tablett durch den
Pfarrhof tanzen, auf dem sein frisch abgeschlagenes und bluttriefendes Haupt
hin und her kullerte…
Egidius hatte
sich bis nächsten Freitag, dem Karfreitag verabschiedet und nach einem
Mittagsschläfchen allein auf den Weg in die Landeshauptstadt gemacht. Zuvor
hatten sie noch die Dateien seiner Arbeit auf den Laptop von Johannes geladen,
der sich dann wieder zum Texten in den Pfarrgarten zurückzog und froh war, dass
die Pastorin noch Termine in der Gemeinde hatte und er sich um die abendliche
Vesper selbst zu kümmern hatte. Vielleicht hatten ja seine eigenen (Er)Regungen
zu einer völligen Fehlinterpretation und falschen Gewichtung rein
freundschaftlichen Verhaltens geführt…?
In der Nacht
kam sie und dann gleich dreimal: Leidenschaftlich, ungehemmt und
experimentierfreudig. Johannes, der ob seiner vermeintlichen Impotenz nicht
begriff, wie ihm geschah, war sehr reserviert gewesen, hatte sich dann unter
seiner sich wundersam einstellenden alten Verlässlichkeit aber in ein
ausgehungertes Sex-Ungeheuer verwandelt, das alle Schranken fallen ließ. Im
Morgengrauen war diese Gier einer tieftraurigen Zärtlichkeit gewichen. Er
wollte reden, aber sie legte ihm ihren Zeigefinger fest auf die Lippen.
In den nächsten
Tagen gab es wegen der Küster, Diakone und Pfarr-Gehilfinnen keinen versteckten
Winkel in diesem Anwesen, der ihre heimlichen und verwegenen Sex-Spiele nicht
erlebt hatte. Marie-Luise hob auch das vermeintliche Gebot der „Muttertiere“
auf, nach dem kein Oral-Sex mehr nach Geburten praktiziert würde. Erstaunlicher
Weise beflügelte der hormonelle Ausgleich offenbar den Scharfsinn von Johannes.
Nach zwei Tagen hatte er aus Lemmleins Text mit allen Kniffs der
Werbepsychologie ein Positionspapier gemacht, auf das selbst der Teufel
eingeschwenkt wäre. Aber ihm wurde gleichzeitig auch klar, dass noch weitere 24
Stunden mit Marie-Luise etwas Unbegreifliches zerstören würden. Marie-Luise
wäre aber eben auch nicht Marie-Luise
gewesen, hätte sie das Signal nicht verstanden. Sie fuhr ihn – ohne viel zu
reden – zum ICE nach München: Eine Mutter von ihrem Sohn, eine Schwester von ihrem
Bruder – aber ein Liebespaar das Akte unvergleichlicher Leidenschaft hinter
sich hatte, war das absolut nicht, das sich da am Bahnsteig voneinander
verabschiedete.
Am nächsten
Vormittag saß Johannes – er hatte sich nicht abwimmeln lassen – mit CD-Rom und
Ausdruck bei Egidius im Bistum und war wild entschlossen, gleich noch einmal zu
beichten. Lemmlein jedoch bestand darauf, zunächst mit enervierender
Langsamkeit die Überarbeitung von Johannes zu studieren. Mit einem
Drehbleistift machte er penibel Randnotizen. Dann schloss er für eine Minute
die Augen:
„Das ist so
unglaublich. Ich bin dir so dankbar. Wie kann ein Agnostiker eine derartige
theologische Präzision entfalten...?“
Johannes war
das peinlich. Das war ja doch alles nur Technik. Egidius selbst hatte ja die Ideen und das Fachwissen
eingebracht. Er versuchte ihm das klar zu machen, aber er stammelte nur zwei
Worte:
„Marie-Luise…“
„Wahnsinn, dass
du das immer noch nicht begriffen hast! Es ist nichts passiert, was nicht hätte
passieren sollen. Wieso versagt dein professioneller Instinkt ausgerechnet bei
dir selbst. - Ich bin schwul Johannes!!! Als Konfirmand war ich unsterblich in
dich verliebt. Ich habe mich sogar beim Abendmahl extra neben dich gekniet, um
dir in diesem heiligen Moment besonders nahe zu sein. Ich war schwul, ich bin
schwul und werde immer schwul sein. Ich bin kein Wowereit und kein von Boist in der Gnade der späten
Geburt fürs Outen. Ich bin leider zu feige,
und deshalb hat mir der liebe Gott eine Gefährtin geschickt, mit der ich
mich in Liebe fortpflanzen konnte, aber der ich sonst bei der Heterosexualität
einiges schuldig bleiben musste. Kennst du das Gleichnis von der Ehebrecherin?“
„Du meinst das
nach mir benannte Kapitel acht, bei dem Jesus seine Botschaft mit dem Finger in
den Staub schrieb“, entgegnete Johannes mit gequältem Humor, der nur zeigte,
wie sehr er diese spezielle Situation noch nicht verarbeitet hatte.
„Ja, Johannes
8 – du Agnostiker! Wer von Euch ohne
Sünde ist…“
„… der werfe
den ersten Stein!“
Die Schlussszene sah zwei schwergewichtige
Endfünfziger, die sich überwältigt von gegenseitiger Zuneigung in den Armen
lagen und sich nur dieses einzige Mal mit intensiver Zärtlichkeit auf den Mund
küssten…
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