Samstag, 5. Oktober 2013

Wolfgang

   Wenn Johannes in den schlaflosen Nächten zu dem Gott sprach, an den er  eigentlich nicht glaubte, versuchte er die Schizophrenie dieser  Situation durch einen Trick abzuschwächen. Er stellte sich das höhere Wesen einfach als eine Art Intendant oder Regisseur eines gigantischen Marionetten-Theaters vor. Der hatte seine Puppenspieler, denen er schnelle komplizierte Spielanweisungen gab. Aber die - da nicht so göttlich (vielleicht sogar nur Engel zweiter Klasse?) - kamen mitunter nicht mit und richteten einen fürchterlichen Wirrwarr mit den Strippen der verschiedensten Figuren an. So wurden dann eben Schicksale von Figuren in oft grotesker Weise miteinander verwoben.
  Johannes war ein hartnäckiger Rechercheur, der so schnell vor nichts zurückschreckte. Aber als er herausfand, dass es keinen Zweifel daran geben konnte, dass ein albanischer Auftragskiller, den sie das "Maultier" nannten, unmittelbar mit dem Tod seines ehemaligen Schulkameraden Wolfgang Lindau, dem  Leichtgewicht-Boxchamp der 1970er Jahre zu tun hatte, ließ er lieber die Finger  von einer Enthüllungsgeschichte, sonder flüchtete sich in die Fiktion einer Erzählung. Denn Wolfgang Lindau war nicht als er selbst Opfer eines Mordes geworden, sondern als Wolf Grau, ehemaliger Besitzer der Wolf-Grau-Electronics (International Greywulf) und Finanzier ehrgeiziger Hamburger Sanierungsprojekte im Hafenbereich... Wegen ihm saß wohl nun der ambitionierte Bau-Senator Stefan Berger-Steingräber aktuell in der JVA Fuhlsbüttel (Santa Fu) ein.
 
Wolfgang Lindau war nach einem Kampf, dem man nachsagte, er sei verschoben worden, von einem Tag auf den anderen aus dem Rampenlicht verschwunden und blieb es für mehrere Jahre. Es gab Gerüchte, dass Freunde aus dem Dunstkreis der Hamburger Zuhälter-Vereinigung "Nuttella" ihm eine Partnerschaft im Ruhrpott vermittelt hätten, aber die muss er so zurückhaltend wahrgenommen haben, dass er in Vergessenheit geriet und ohne Nachfragen als Unternehmer wieder auferstehen konnte. Er nahm bei der Heirat den Namen der Witwe seines unter nicht ganz geklärten Umständen verstorbenen Partners Ernst Grau an. Grau gilt noch heute als der Wegbereiter und Pionier der computerisierten Studio-Technik.
  Der graue Wolf, der seither als Zeichentrick-Figur im Werbefernsehen nervt, war allerdings schon eine Idee von Wolfgang Lindau.
  Der Tag der schicksalhaften Verwicklung oder besser erneuten Verknüpfung der Lebensfäden einstiger Schulkameraden nahm sich in der Erzählung jedenfalls doch immer noch so realitätsnah aus, dass Johannes es  vorzog, sie nicht zu veröffentlichen. Aber sie ist nun einmal einer der Anfänge zu dieser Geschichte ohne Ende, deshalb gehört sie hier mit ihrem Motto in den Kontext:


Die neun Eulen


Ein Bube und zwei Damen reichen nicht für einen Grand, selbst wenn man
 ein As ist. Als Jo ihn dennoch versuchte, holte ihn die Vergangenheit ein.
Von Johannes Goerz

   Er hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, aber genoss immer noch das herrliche Gefühl, wenn die schwere Limousine völlig geräuschlos von einem Geschwindigkeitsbereich in den anderen glitt. - Diese satte Souveränität des Wagens, in den man sich selbst bei 240 so lässig hinein lümmeln konnte, war für Jo immer noch die schönste Bestätigung, dass er es zu etwas gebracht hatte. Selbst wenn das gewaltige Raum-Angebot des Maybach im krassen Kontrast zu seinen eigenen Körperdimensionen stand. Er hätte mit dem Firmen-Jet fliegen oder sich zumindest chauffieren lassen können. Allein die Fahrt in diese Stadt sollte sein ganz persönlicher  Triumphzug werden - einmal abgesehen, dass er nach seiner Unterschrift einer der reichsten Männer des Landes sein würde. Er wollte es dieser Stadt zeigen. Diese Stadt sollte einmal seine zweite Heimat werden, und er hatte sie in Angst und Schrecken verlassen müssen. Hals über Kopf und bei Nacht und Nebel - wie man so schön sagt.
  Damals war aber auch wirklich alles schief gegangen. Er hatte nichts weiter als buchstäblich, das letzte Hemd retten können. Seine Profi-Gagen waren längst für das süße Leben drauf gegangen.  Aber ganz unten war gleichzeitig mit Initialzündung die Rakete zu seiner zweiten Laufbahn gezündet worden...
  Schon als  er noch beim BC Barmbeck als Amateur im Bantam-Gewicht in der Staffel geboxt hatte, war das Zurückkommen aus verlorenen Situationen seine Stärke gewesen. Erst wenn ihm seine Gegner  zwei Runden lang regelrecht die Fresse poliert hatten und er  bereits aussichtslos nach Punkten zurücklag, drehte er die Kämpfe noch um. Als Profi mittlerweile im attraktiveren Leichtgewicht angelangt, zahlte sich das dann später durch ein gewaltiges Publikumsinteresse aus, Jeder wollte sehen, ob es der kleine sommersprossige Rotschopf, für den die Betreuer in manchen Kampfsituationen schon das Handtuch wurfbereit hielten, wieder schaffen würde. In den unteren Gewichtsklassen ist die rein physische Schlagkraft  für einen KO nicht so ausschlaggebend wie das Timing und die Schlaggeschwindigkeit. Das und seine Nehmerqualitäten waren schon immer ausschlaggebend für seine Erfolge gewesen.
  Beim Abbiegen von der Autobahn musste er schmunzeln, als ihm die geschäftliche Doppelsinnigkeit dieser Tatsache bewusst wurde. Er brauchte nicht lange nachzurechnen. Das alles lag etwas über zwölf Jahr zurück. Inzwischen hatte sich sein Punktekonto Schlag um Schlag zu seinen Gunsten entwickelt.
  Der Stadtverkehr wurde dichter und verlangte seine volle Konzentration. Als er im ersten Stau stecken blieb, aktivierte und wählte er per "Voice-Command" sein Autotelefon, um seinen Geschäftspartnern mitzuteilen, dass er sich ein wenig verspäten würde. Es machte ihn schon ziemlich stolz, dass das Basispatent für diese Technologie seiner Firma gehörte.

  Zwei Stunden später war die Sache gelaufen, und in seiner Brust gewann das Gefühl einer unermesslichen Freiheit die Oberhand über die Traurigkeit, die ihn während des Vertragsabschlusses befallen hatte. Das ganze war ihm irgendwie zu schnell gegangen. Wie ein KO-Sieg nach dem ersten Schlagabtausch. Eine Handvoll börsengrau gekleideter Leute, einige salbungsvolle Worte, ein paar Unterschriften, zwei, drei Gläschen Champagner und die "Jo Ehrlich Electronics" war die hundertprozentige Tochter eines marktführenden Medien-Konzerns aus Übersee geworden.  - Jo Ehrlich, dem Hai im internationalen Medienmarkt - wie es ein heimisches Fachblatt blumig formuliert hatte - war sein größter Beutezug dadurch gelungen, dass er sich selbst hatte schlucken lassen.
  Aber noch haftete ein Makel an diesem Tag. Er würde nie wieder davon laufen müssen. Er müsste sich dazu jedoch noch dem einzigen Fortlaufen in seiner Vergangenheit stellen. Deshalb war er ebenfalls hier.
  Im Badezimmer seiner Hotel-Suite grinste er nun sein Spiegelbild an und flüsterte ihm zu:
  "Jo Ehrlich, der Ex-Elektronik-Hai und heimliche Immobilien-Imperator von Hamburg in spe, alias Joachim Klauer, der Schläger  der Eulenbande, Ex-Champ, Ex-Sportsmann! Du hast es weit gebracht, mein Lieber."
  Er musterte sein Gesicht, um zu erforschen, was in seinen Zügen noch von der Vergangenheit zu erkennen war:  Außer dem schlecht verheilten Cut über dem linken Auge, der von einem unfairen Innenhandschlag herrührte, der ihm die Augenbraue aufgerissen und zum Kampfabbruch geführt hatte, waren von der Boxerei keine Spuren übrig geblieben. Es war dies sein letzter Kampf gewesen. Sein Gegner wurde wegen des Fouls disqualifiziert und ihm der Titel zugesprochen. Die internationale Presse witterte bei diesem Heimmatch einen bestochenen Ringarzt im Komplott mit den Ringrichtern. Jo sollte sich nie über den Titel freuen können, denn zu diesem Zeitpunkt hatte er wie immer nach Punkten zurückgelegen. Er war um sein berühmtes Finish gebracht worden. Der Cut wurde im Alsterdorfer Krankenhaus bereits eine halbe Stunde später mit sechs Stichen genäht, Selbst die sofortige Versorgung hatte den dicken Narbenhöcker nicht verhindert.  Als hätte es eines nachdrücklicheren Beweises für die Disqualifikation bedurft.
  Die Narbe störte nicht, denn sie gab der mit den Jahren entstandenen erstaunlichen Weichheit - ja Weichlichkeit -  in seinem Gesicht den nötigen Kontrapunkt , um ernst genommen zu werden. Die 61, 235 Kilo Gewichtlimit, die Jo Klauer immer mühelos unterboten hatte, konnte Jo Ehrlich längst nicht mehr bringen. Mit dem Namen hatte sich auch seine Äußeres geändert. Bei 1,62 Meter wackelte die Skala  der Waage jetzt in der Nähe der 70 Kilo. Seine immer wie Schnittlauch am Schädel klebenden rotgoldenen Haare hatte er sich zu einer modischen Lockenfrisur stylen lassen. Unter seiner leicht gebogenen Nase, die wie durch ein Wunder alle Ringschlachten unbeschadet überstanden hatte, lenkte jetzt ein britischer Lenkstangen-Bart davon ab, dass er durch gutes Esse und reichlich Alkohol Hamsterbäckchen bekommen hatte. Mit  seinen runden grünen Kulleraugen hätte er gut als Modell für einen römischen Wasserspeier oder einen japanischen Manga herhalten können...
  "Eigentlich siehst Du heute viel mehr wie ein Loddel aus als früher," raunte er seinem Spiegelbild zu. Für einen Moment spulte sich in seinem Kopf ein Gedankenfilm ab, wie alles wohl gewesen wäre, wenn sich die vergangenen zwölf Jahre anders abgespielt hätten. Was wäre gewesen, wenn er Nina nicht im Stich gelassen und den Kampf aufgenommen hätte? Wenn er nicht in einer anderen Stadt untergetaucht wäre und seine Brötchen damit verdient hätte, Tonstudios, Licht- und Videoanlagen zu installieren? Der versoffene Toningenieur hätte seine revolutionären Ideen für Mischpulte, Synthesizer und akustische Steuerungen einem anderen erklärt, der sie dann zu Weltpatenten gemacht hätte. Ein anderer hätte mit diesen Innovationen am laufenden Band den  Branchengiganten so lange angst gemacht, bis er - wie Jo heute - den großen Coup gelandet hätte.
  "Hätte, hätte, hätte", sprach Jo zu seinem Spiegelbild. " Wenn Du kein so skrupelloser Ideen-Dieb und Verführer unbefriedigter verheirateter Frauen gewesen wärst, hättest Du weder Namen noch Leben ändern können... Und dann - meine Lieber - wärst Du längst mausetot."
  Er hatte keine Gewissensbisse gehabt, die Frau seines Partners zu heiraten, nachdem sie zu dessen Lebzeiten schon ein permanentes Verhältnis gehabt hatten. Sein Partner war ein hoffnungsloser, immer wieder rückfälliger Alkoholiker, der zwischen den lichten Momenten, in denen er absolut genial war, und  Totalabstürzen kein Interesse mehr für sein Umfeld hatte. Lediglich Jo's Stieftochter warf ihm hin und wieder vor, ihr Vater habe sich umgebracht, weil er hinter das Verhältnis seines Partners mit ihrer Mutter gekommen sei. Jo maß diesen Vorwürfen keine besondere Bedeutung bei, wusste er doch, dass die Kleine ohne zu zögern, sofort den Platz ihrer Mutter einnehmen würde, gäbe er den Avancen nach, die die Siebzehnjährige ihm immer häufiger machte, sobald sie zufällig einmal alleine miteinander waren...
  Die Vorstellung jedoch, bereits schon längere Zeit tot sein zu können, brachte doch einen herben Zug in sein puttenhaftes Spiegelbild. Auch die Selbstsicherheit war für Augenblicke aus seinen Zügen gewichen. Kam sie da wieder - die Angst? Die Panik, die anderen "Eulen" könnten seinen Verrat doch nicht auf sich beruhen lassen, hatte ihn in den vergangen Jahren immer wieder jäh heimgesucht. Deshalb stand nun auch sein Entschluss fest, die Angelegenheit hier und heute ein für alle Mal zu Ende zu bringen. Diesmal könne er nicht mit einem Konter aus der Defensive kommen. Diesmal hieß die Devise Angriff mit dem ersten Gong.
  Er hatte vorausgesehen, dass er für das, was er nun vorhatte, in seinem grauen Zweireiher eher unpassend gekleidet gewesen wäre. Aus seiner Reistasche holte er eine Cordhose, ein dazu passendes Sporthemd und eine weit geschnittene Wildlederjacke. Für einen Moment überlegte er, ob er die Spannung, die sich nun in ihm aufbaute, dadurch dämpfen sollte, dass er die legal registrierte Automatic einsteckte. Doch dann schob er die Pistole und die Überlegung zur Seite und griff lieber nach dem Flachmann mit seinem Lieblingscognac. Er wollte ja beim Freitagsspiel der Bundesliga mit der Kontaktaufnahme beginnen. Im Zweifel, wäre er mit der Waffe ja gar nicht durch die Personenkontrolle am Stadion gekommen.
  Er hatte sich vorgenommen, den Abend und die Nacht genau so zu verbringen, wie er das an dem Tag getan hätte, als er Reißaus genommen hatte. Es war ihm sogar gelungen, eine Karte nahe den Logen zu bekommen. Das Stadion war jedoch zwischenzeitlich erneut umgebaut worden, so dass es reiner Zufall war, dass er über der Reihe zu sitzen kam, die die Kerle vom Kiez stets mit ihren Dauerkarten belegten. Damals hatten die "Eulen" dort immer einträchtig beieinander gesessen. Der Stadionbesuch war Pflichttermin - darauf hoffte Jo.
  Es war nicht viel anders als vor zwölf Jahren - zwischenzeitlich waren die "Knappen" ab und wieder aufgestiegen -: Das wogende Meer weißblauer Fahnen, die hampelnden Fans mit Mützen und Schals, die Schlachtenbummler der Gastmannschaft aus dem Norden und die Kampfgesänge. Der Geruch verschütteten Bieres und des Senfs von den weggeworfenen Papptellern. Jo stieg den Durchgang zu den Logen hoch und hatte nicht nur deshalb Herzklopfen. Doch der erwartete Adrenalinschub blieb aus, als er die Kiez-Reihe ausgemacht hatte. Sein Blick wanderte von einem unbekannten Gesicht zum anderen. Mein Gott, durchfuhr es ihn - und es war fast, als hätte ihm jemand gesagt, seine Hinrichtung sei aufgehoben - da sitzt  ja eine ganz andere Loddel-Generation:
  Heiermann-Luden wie aus einem Spielfilm voller Klischees: blasse hohlwangige Bengel, overdressed bis zum Geht-nicht-mehr, Rolex und Goldkettchen an den zerbrechlichen Handgelenken und artige Designer-Frisuren. Der Dunst teuren Herrenparfüms stieg in Wolken bis zum Stadiondach. Wo waren die Muskelpakete aus den Muckibuden und Bräunungsstudios? Auch nicht eine der acht übrigen Eulen war zu sehen.
  Das Spiel war für Jo schlagartig bedeutungslos geworden. Er hatte selbst das Match machen wollen. Sich den Eulen auf neutralem Boden vor möglichst viel Zeugen zu stellen, das wäre sein Plan gewesen. Wieso waren sie nicht hier? Er rekonstruierte durch Raum und Zeit das heutige Alter seiner damaligen Kumpel. Klar er war der Jüngste gewesen, und er war gerade  mal fünfzig. Der Älteste wäre jetzt sechzig. Immer noch ein Ideales Alter für eine Kiezgröße. Gebrechlichkeit konnte also kein Grund für die Abwesenheit sein. Er musste sich also in die "Höhle des Löwen" begeben, wenn er mehr wissen wollte.
  Besser gesagt in den "Horst" der Eulen, Das war eine lange schlauchartige Kneipe in der Altstadt gewesen. Die Pinte hieß eigentlich "Sebaldus Klause", die Szene nannte sie jedoch nur "Zu den neun Eulen".
  Obwohl Jo den Weg früher an die tausend Mal gefahren war, hatte er nun Mühe, die "Sebaldus Klause" wieder zu finden. Die Verkehrsführung in der Innenstadt war total umgestellt worden, weil ein Teil der Altstadt nun verkehrsberuhigt war. Überall gab es Einbahnstraßen und neue oder aufwendig renovierte Gebäude. Er wollte ja auf alle Fälle mit seinem auffälligen Wagen nicht zu nah an der Kneipe parken. Aber als er endlich einen Parkplatz fand, stellte er fest, dass es dort nur so von extravaganten Karossen wimmelte. Und dass er an einem Freitagabend eine freie Lücke gefunden hatte, war nur dem Umstand zu zu schreiben, dass er auf einem Parkplatz stand, der für Inhaber eines Anlieger-Parkausweises reserviert war. Was war denn nun los?
  Irgendwie machte das ehemals heruntergekommene Viertel einen zivilisierteren Eindruck als damals. Die Restaurants und Bars sahen alle ziemlich schnieke aus. Statt des bunt blinkenden Neons von früher hatten sie jetzt gediegen glänzende Nasenschilder und stilsicher dekorierte Fassaden. Jo hatte so eine Ahnung als er in die richtige Straße einbog. Schließlich war das ja genau das, was er und der Senat nun in Hamburg vorhatten... Der Schock der Veränderung traf ihn deshalb nicht mehr ganz so heftig wie im Stadion, als er jetzt die ehemalige "Sebaldus Klause" sah. Wie hatte er nur denken können, das Privileg der totalen Veränderung sei nur ihm vorbehalten gewesen?
  Die einstige Heimat der Eulen, war nun ein griechisches Spezialitäten-Restaurant, das "Microlimanos" hieß. Für einen Moment überlegte sich Jo Grau, ob  er überhaupt noch hineingehen sollte, aber da hatte er die Eingangstür schon aufgedrückt. Erstaunlicher Weise hatte sich drinnen gar nicht so viel verändert. Es war sauberer als früher, und es hingen griechische Requisiten und Landschaftsansichten an den Wänden. Die Raumaufteilung und die Ausstattung aber waren genauso, wie Jo sie in Erinnerung hatte. Vorne ums Eck war unter dem Brauerei-Schild immer noch die Stehbar, und nach hinten an der linken Seite des Schlauches gerückt standen die Vierertische. Sie waren sauber gedeckt und mit Kerzen sowie Stoffservietten und frischen Blumen dekoriert. Jo brauchte keine Sekunde, um festzustellen, dass dies nun eine ganz anderes Publikum war. Aber er hatte gleichzeitig auch etwas entdeckt, das sein Blut wieder in Wallung brachte. Oben in einem länglichen Glassturz auf dem Leuchtschild der Brauerei, standen sie wie früher. Blank geputzt, als warteten sie darauf, jederzeit wieder benutzt zu werden; die wie Eulen geformten Bierkrüge. Jede Eule - bis auf eine - mit einem Zinndeckel auf dem Kopf. Es waren immer noch neun, aber der letzten fehlte nicht nur der Zinndeckel, sondern auch ein Teil ihres Kopfes...
  Jo brauchte drei mit zittriger Hand hinuntergestürzte Ouzo, um den Mut aufzubringen, scheinbar gelassen und unbeteiligt mit dem Mann hinter der Bar ein Gespräch zu beginnen. So erfuhr er, dass die frühere "Sebaldus Klause" schon seit acht Jahren ein griechisches Restaurant war. Er, der Wirt, habe die Besitzerin geheiratet und überredet, aus der Bier-Kneipe eine Spezialitäten-Restaurant zu machen.
  Unvermittelt und wie beiläufig fragte Jo dann nach den Krügen:  
  "Lustige Krüge, die Sie da haben! Die sind aber nicht aus Griechenland?"
  "Nein", lachte der Grieche, "das ist eine Sentimentalität meiner Frau. Die haben ihre ganz eigene Geschichte, aber die müssen Sie sich von ihr erzählen lassen, wenn Sie Zeit hat."
  Er rief irgendetwas auf Griechisch in die hinter der Bar liegende Küche. Einige Minuten später erschien eine hochgewachsene, schwere Frau mit schwarzen Haaren und verheißungsvollen Formen. Sie musste wohl gut in den Vierzigern sein. Auf den ersten Blick erkannte Jo in ihr die ehemalige Edelnutte. Die Laszivität ihrer Bewegungen und die Art wie sie das, was sie immer noch zu bieten hatte, den männlichen Betrachtern darbot, waren ein einziges Marketing käuflicher Liebe. Sie wäre vermutlich immer noch bombig im Geschäft gewesen.
  Aber auch Jo musste in ihren Augen wohl immer noch etwas an sich haben, was ihre auf dem Kiez trainierten Instinkte, veranlasste,  das zunächst offene Willkommenslächeln gegen eine leicht misstrauische  Höflichkeit einzutauschen:
  "Sie wünschen?"
  " Ach Ihr Mann und ich haben bloß über diese komischen Krüge gesprochen. Er meinte, sie hätten eine Geschichte, die nur Sie mir erzählen könnten."
  Jetzt war da nur noch offenes Misstrauen auf der anderen Seite des Tresens, so dass Jo sich bemühte, die Spannung aus der Frage zu nehmen:
  "Aber ich merke schon, es ist Ihnen unangenehm. Bitte entschuldigen Sie meine Neugier."
  Doch sie war eitel und wie alle Damen ihres Gewerbes stets empfänglich für das persönliche Interesse eines Mannes. Sie schien besänftigt durch die keinesfalls hartnäckige Neugier:
 " Sie müssen wissen", sagte sie mit einer kehligen Stimme, die Intimität versprach, "dies war hier vor knapp zehn Jahren noch eine wilde Gegend. Mein erster Mann hat dieses Lokal früher geführt, als das Publikum - na sagen wir mal vorsichtig - nicht zur feinen Gesellschaft der Stadt gehörte. Die neun Krüge haben sich die Jungs von einem Stammtisch zugelegt, um so ihre Kneipenbruderschaft zur Schau zu stellen. Eines Tages gab es Streit, bei dem wohl einer der Gruppe die anderen über's Ohr gehauen hat."
  Jo hatte Mühe, sich zu beherrschen und ihr nicht ins Wort zu fallen. - Stattdessen kippte er noch einen Ouzo.
  "Wie das bei denen so üblich war, wollten sie die Angelegenheit auf der Straße klären. Als der eine getürmt war, spaltete sich die Gruppe in drei, die sich unbedingt rächen wollten, während die restliche fünf  wohl versuchten, Ärgeres zu verhindern. Da war auch viel Machokram und Schau dabei. Der Krug des einen wurde symbolisch zertöppert. So als Zeichen dafür, dass der draußen war. Na, das war's dann gewesen. Der Riss in der Gruppe und der Krug wurden nie gekittet. Es gab da eine ganze Menge Trabbel hier. Ein paar von denen sind sogar ins Gefängnis. Mein Mann hatte die Hoffnung nie aufgegeben, dass die eines Tages wiederkommen. Irgendwie hatte er wohl eine Schwäche für deren Halbweltgetue. Jedenfalls wollte er, dass die Krüge unbedingt an Ort und Stelle bleiben. Gott sei Dank ist es nie wieder so geworden wie früher!"
  Jo trank noch zwei Ouzo, dann zahlte er. Als er wieder im Auto saß, fühlte er sich irgendwie schlapp. Er dachte an Karlchen, "Das Schaf", dem früher die "Sebaldus Klause" gehört hatte. Er war ein sentimentaler Säufer und selbst sein bester Kunde gewesen. Jo hatte sich sofort nach ihrer Erzählung einiges zusammengereimt. Sie musste die sagenumwobene "Griechin" sein. Er hatte sie nie gesehen, kannte sie aber aus Karlchens schwärmerischen Erzählungen. Sie war in Düsseldorf eine Top-Kraft in der "Sado-Maso"-Branche gewesen mit einer Kundenliste wie das Who-is-Who der deutschen Wirtschaft. Dass sie Karlchen geheiratet hatte, war eine echte Überraschung gewesen. Auch wenn Karlchen im heimischen Schlafzimmer nicht mehr allzu lange Spaß mit ihr gehabt haben dürfte. Die Geschichte der "Griechin" klang jedoch nur dann rührend, wenn man nicht wie Jo Teil der Wahrheit war. Aber vielleicht hatte sie ja tatsächlich nicht mehr von all dem gewusst. Schon ein einziges Bruchstück seiner Version hörte sich deutlich härte an.
  Jo lehnte sich zurück, um auf der inneren Leinwand hinter seiner Stirn den Action-Film seiner Tage als Eule ablaufen zu lassen:
  Die "Neun Eulen" waren keine Stammtischrunde, sondern ein ziemlich straff organisierter Zuhälter-Ring gewesen, in den die "Nuttella"- Jungs aus Hamburg ihn hineingekauft hatten. Ware gegen Beteiligung. Jo's Mitgift bestand aus drei Nordafrikanerinnen und drei Mädchen aus Ex-Jugoslawien, die aus Hamburg heraus mussten. Wegen seines frischen Ruhms als Boxer wurde er von den Eulen mit einer Zuneigungsmischung behandelt, die irgendwo zwischen Sportidol und Maskottchen rangierte. Stillschweigend wurde akzeptiert, dass er keine weiteren kriminellen Ambitionen hatte und dem entsprechend wurde er weitestgehend aus allen illegalen Sachen herausgehalten. Es reichte sein Ruf als gefährlicher KO-Schläger bei gelegentlichen "geschäftlichen Gesprächen". Noch nicht einmal mit der Zuhälterei hatte er wirklich etwas zu tun gehabt, obwohl er zweifelsfrei sein Zubrot aus ihr bezog. Das ganze war wie Vorruhestand, bis Kubicki, der als "Der Pole" bekannt war, obwohl er den Pott nie verlassen hatte, Nina in die Kneipe mitbrachte. Er hatte vor, sie "abzurichten" und  in der "Gurke" für sich arbeiten zu lassen. Sentimentalitäten gab es mit Hunden, mit Marotten und gelegentliche mit den "alten Herrschaften" - wie die Loddel ihre Eltern zu nennen pflegten - so fern sie welche hatten. Aber niemals gab es "Sentimentalitäten" mit Bräuten. Jo verstieß gegen dieses Prinzip, als  er sich bei der ersten Begegnung in Nina verliebte. Er beging darüber hinaus jedoch Verrat, als er sie aus der "Gurke" holte und ein gemeinsames Appartement mit ihr nahm, ohne sie vorher freizukaufen. Es war absolut naiv gewesen zu glauben, die anderen würden ihm dies wegen seines besonderen Ansehens durchgehen lassen. Der "Pole" berief den "Rat der Eulen" ein. Jo wurde "abgemahnt", schwor ab, dachte aber nicht wirklich daran, von Nina zu lassen. Stattdessen tauchten sie unter und nahmen ein neues Appartement. Es dauerte nur einen Tag, da hatten die Truppen des "Polen" das Appartement gefunden. Jo hatte gerade sein Auto in der Nähe der neuen Wohnung parken wollen, als er sah wie sie Nina vollkommen zusammengeschlagen in einen VW-Bus warfen. Für einen Moment hatte er den Helden spielen wollen - er hätte es müssen. Aber ihm war klar, dass seine schnellen Fäuste gegen die mörderische Gewaltbereitschaft des "Polen" keine Chance gehabt hätten. - Er war einfach weggefahren, Hatte Nina ihrem Schicksal überlassen.
  Heute wollte er wissen, wie die Geschichte zu Ende gehen würde. Nach seinem geschäftlichen Superdeal war es nur eine Frage von ein paar Tagen bis die Presse ihn ins Rampenlicht zerren  und möglicher Weise in seiner  Vergangenheit  stöbern würde. Seine Position war unabhängig genug gegen eine solche Kampagne, aber gegen einen Mordauftrag - so er noch  bestünde - half nichts; selbst Bodyguards und ein gepanzerter Maybach nicht. Er musste den Stier bei den Hörnern packen, wenn er ruhe haben wollte. Eine angemessene Geldsumme hat bisher noch das meiste geregelt.
  Er griff nach dem Flachmann in seiner Brusttasche und nahm einen großzügigen Schluck. Er hatte jetzt die Phase der Alkoholisierung speziell durch den Absinth erreicht, in der der Verstand eines routinierten Trinkers befreit und messerscharf funktioniert. Dann startete er den Wagen und lenkte ihn wie von selbst dort hin, wo die Lösung zu finden sein würde.
  Der mächtigste Industrielle der Stadt hatte die Anlage einst als Mustersiedlung für seine Arbeiter errichten lassen. Kleine spießige Häuschen, in denen die Ausgebeuteten des Industrie-Zeitalters ihren Traum vom Glück im trauten Heim verwirklichen sollten. Später hatte man dann einen Zaun um das Areal gezogen, und nun gingen die Bewohnerinnen der Häuschen dem so genannten ältesten Gewerbe der Welt nach. Im Volksmund hieß das ganze "Die Gurke".
  Jo hatte keine Mühe, das ganz bestimmte Häuschen zu finden, denn hier hatte sich im Gegensatz zum Zentrum kaum etwas verändert. Als er seinen Wagen geparkt hatte, kam ein hochbeiniges Wesen nur mit Stiefeln, Stringtanga und falschem Pelzcape bekleidet auf ihn zu. Manche mussten hier wohl doch immer noch draußen auf Freier gehen. Sie sah ihn nicht direkt an, sondern hielt den Kopf leicht schief und ein wenig abgewandt als sie ihn ansprach.
  "Kommst Du mit zu mir?"
  "Nein, leider. Ich habe eine Verabredung - dort," Jo wies auf das Haus und ging weiter. Alles war wie vor zwölf Jahren. Die gleiche spießige biedermännische Atmosphäre: Plüsch- und Pleureusen-Puff mit Spitzendeckchen. Die Welt würde staunen, wenn erst sein Konzept in Hamburg umgesetzt  worden wären.
  Natürlich saßen auf den Sofas im Vestibül nun andere Mädchen - jüngere. Sie riefen Hallo, lächelten süßlich einladend, aber Jo steuerte gleich links auf eine Tür zu, von der er wußte, dass sie zur Küche führte. Er klopfte und hörte eine sanfte Stimme, die ihn hereinrief. Es war die gleiche alte Bürgerküche, und die gepflegte alte Dame am Küchentisch wirkte wie eine brave Oma, die mit dem Abendbrot auf ihre erwachsenen Enkel wartete. Sie hob den Kopf mit dem glatten im Nacken geknoteten grauen Haar. Ihre wachen, hellblauen Augen zeigten keinerlei Überraschung.
  "Joachim", sagte sie nur kurz wie eine selbstverständliche Feststellung. So als hätten sie sich zum Frühstück letztmals gesehen. Jo zögerte  einen Augenblick. Sie hatte ihn nach all den Jahren sofort erkannt, und es war lange her, dass ihn jemand Joachim genannt  hatte. Immerhin der Name, der für ihn nach Pfadfinder in kurzen Lederhosen klang, passte zumindest in diese Küche. Dann jedoch setzte er sich wortlos, unaufgefordert und ähnlich ungezwungen ihr gegenüber  an den  Tisch, musterte sie eingehend und nannte die Puffmutter dann, wie jede der "Neun Eulen" sie immer geneckt hatte;
  " Hallo Muttchen - es ist lange her!"
  "Ja", sagte sie, " aber ich habe immer gewusst, dass du nochmal kommen würdest. Du warst immer anders als die anderen. Du hast Gewissen, und ich war sicher, dass du eines Tages würdest erfahren wollen, wie Deine Geschichte zu Ende geht,"
  "Ich war in der Kneipe."
   " Dann weißt du ja jetzt zumindest, dass du keine Angst mehr haben musst. Es ist sowieso alles anders heute."
  "Und Nina?"
  " Das willst du doch gar nicht wissen. Du solltest nach so langer Zeit nicht mehr fragen. Das ist nicht gut für dich und nicht gut für sie. Ich habe mich schon um sie gekümmert. Es geht ihr den Umständen entsprechend gut. Rühr nicht dran!"
  Sie stand auf und holte eine große Flasche Korn und geeiste Gläser aus dem Gefrierfach. Sie stellte Flasche und Gläser auf den Tisch, griff in die Schublade und legte einen Pack Spielkarten dazu.
  "Wie wärs mit einem gepflegten Skat wie in den guten alten Zeiten?"
  Ein Mädchen kam herein, um nach dem rechten zu sehen. Sie setzte sich dazu, nachdem sie festgestellt hatte, dass Muttchen mit dem geheimnisvollen Besucher freundschaftlich umging.
  "Das ist Marion", sagte Muttchen beiläufig. "Kannst du dir immer noch leisten, einen Punkt für einen Zehner zu spielen? Sie zieht den Jungs auch beim Kartenkloppen die Hosen aus."
  Für einen Moment war Jo versucht, ihr zu erzählen, wie es ihm ergangen war. Aber Muttchens wissende Augen brachten ihn zum Schweigen. So nickte er nur stumm. Von diesem Moment wurde nicht mehr gesprochen. Es gab nur Geben, Hören und Sagen. Die Alte spielte immer noch so gerissen wie früher, und auch  die Nutte war eine Karten-Profi, wenngleich ihre Spielweise mitunter ein wenig unorthodox wirkte. Ein paar mal hatte er sie im Verdacht über die Schmerzgrenze zu reizen und musste über die Doppelsinnigkeit seiner Gedanken innerlich schmunzeln. Jo hingegen hatte ein paar Runden lang Pech bei riskanten Grands mit Kontra und Re, weil die beiden Frauen sich offenbar blind verstanden und ihn abzockten. Im Nu stand er mit ein paar hundert  Mark in der Kreide. Er trank Unmengen von Korn, wurde dabei aber nicht betrunken, sondern spielte erstaunlicher Weise mit jedem Kurzen immer scharfsinniger. Bei zwei Bock- und einer Ramsch-Runde machte er seine Verluste nicht nur wett, sondern hatte schließlich über sechshundert Mark gewonnen. Muttchen gähnte provozierend. Es ging auf vier Uhr früh zu, als sie die Karten zusammenschoben und abrechneten. Marion war anzusehen, dass sie der Verlust schmerzte:
  "Barauszahlung oder Naturalien?", fragte sie ihn ein wenig vergräzt und gewährte ihm einen großzügigen Blick auf Brüste silikonisierter Stattlichkeit. Jo hatte eigentlich keine Lust, und sein Alkoholspiegel näherte sich nun doch langsam dem Stadium der Trunkenheit. Muttchen kam seiner Entscheidung in einer Weise zuvor, die wir früher keinen Widerspruch duldete.
  "Du bist doch wohl immer noch Kavalier Joachim - oder?"
  Er gab Muttchen einen galanten Handkuss. Sie wussten beide, es war ein Abschied für immer. Dann ließ er sich von Marion die enge Treppe hochziehen.
  Sie war eine schöne Nutte, aber diese versachlichte gummierte Zärtlichkeitsverrichtung frustrierte Jo abturnend. Sie musste sich jedenfalls für ihr Geld sehr anstrengen und ihr dürftiges schauspielerisches Talent fast überstrapazieren, um ihn zu einem freudlosen Erguss zu verhelfen. Als er sich angezogen hatte und das Haus verließ, fühlte er sich leer und elend. Ein Kater von der Größe eines sibirischen Tigers kündigte sich an. Sollte es tatsächlich so sein, dass ihm dieses Klima für das er früher geradezu süchtig gelebt hatte, nichts mehr gab?
  Draußen stand wieder oder immer noch die unermüdliche Hochbeinige:
  "Du warst aber lange hier. Komm das nächste Mal zu mir, dann siehst du hinterher glücklicher aus."
  Ihre Stimme klang in ihrer echten Zärtlichkeit irgendwie vertraut. Wie er den Wagen wendete, streifte das Licht der Scheinwerfer ihr Gesicht. Auch die Hälfte, die sie beim Reden abgewandt gehalten hatte. Ein riesiger roter Fleck zog sich vom Haaransatz über die rechte Wange bis zum Hals hinunter und konnte von der toupierten Mähne nur ansatzweise kaschiert werden. - Säurebehandlung,  konstatierte Jo sachlich, als er den Wagen beschleunigte. Sie musste schwer gegen die Regeln verstoßen haben, denn Loddel vergehen sich sonst nicht am Aushängeschild ihrer Mädchen.
  Ihre Worte klangen in ihm nach und brachten auf einmal irgend etwas zum Klingeln. Eine Spur Mitleid?:
  "Dann siehst du glücklicher aus!"
  In diesem Moment schob sich das entstellte Gesicht über die Erinnerung an Nina.
Es traf ihn wir ein Pfund mit dem Totschläger. Nina! Sie musste ihn schon beim Hineingehen erkannt und auf ihn und ein Zeichen von ihm gewartet haben. Und er?
  Er stieg in die Bremsen des Maybachs. Der Wagen kam trotz seines genialen Bremssystems leicht quietschend vor der Polizeistation am Rande der "Gurke" zum Stehen. Der Diensthabende schaute etwas misstrauisch auf die Luxus-Karosse mit den verspiegelten Scheiben. Die Autos der Zuhälter würden auch immer größer...
  Jo in ihrem Inneren starrte ins Leere, als sei er dem Tod begegnet.  Und es passierte nach einem endlosen Augenblick genau das, was ihm nicht mehr passieren sollte. Er nahm Reißaus.

  Eigentlich ist der Maybach ein denkbar ungünstiges Fahrzeug, um darin Selbstmord zu begehen. Die Hamburger Boulevard-Presse textete dann auch entsprechend über den Ex-Box-Meister und Finanzier, der 2003 in der Garage seines Pöseldorfer Bürohauses samt seinem "Luxus-Sarg" aufgefunden wurde. Als man anfing, ihn zu vermissen, wurde der Wagen zunächst als vorhanden registriert. Wegen der verspiegelten Scheiben, aber auch wegen des Undenkbaren kam niemand auf die Idee, der Gesuchte könne sich im Inneren des Wagens befinden.
  Der Wagen war jedoch neun Tage später zur turnusmäßigen Überprüfung der Elektronik bei einer Spezialfirma angemeldet, die anfragte, wo der Maybach bliebe. Selbst als das Fahrzeug weder mit dem Zweit- noch dem Drittschlüssel zu öffnen war, weil beide unauffindbar waren, hatte noch keiner einen Verdacht. Es passiert schon mal, dass solche Sonderfahrzeuge durch "Verquickung widriger Umstände" stehen bleiben. Dann hilft bei über zwei Tonnen nur noch ein Tieflader. Die Techniker fanden Wolfgang Lindau alias Wolf Grau neben einer leeren Flasche Singlemalt und einer annähernd leeren Packung eines handelsüblichen Schlafmittels, das dem Mann vom Hausarzt ordnungsgemäß verschrieben worden war. Er saß hinter dem Steuer sitzend, als wolle er gleich losfahren. Der Schlüssel steckte im Zündschloss. Der Zweitschlüssel fand sich in einer Dokumenten-Tasche neben dem Toten. Dort hofften die Ermittler auch vergebens eine Abschiedsbotschaft oder ein Motiv für den Suizid zu finden. Dennoch gab es keine Veranlassung, an Selbstmord zu zweifeln. Das ganze hatte ja schon etwas von der Grablegung eines neuzeitlichen Potentaten in einem Sarkophag. Zwar ist so ein Maybach nach außen dicht wie ein Zinksarg, aber der Sauerstoff im Inneren reicht doch,  um alle unangenehmen Begleitumstände einer zu spät gefundenen Leiche herbeizuführen. Es wurde noch versucht, alle Holz-, Leder- und Textilteile für einen Kostenfaktor von über 40.000 Euro auszutauschen - aber es gelang nicht, den intensiven Verwesungsgeruch zu tilgen. All dies beschäftigte die Beteiligten - einschließlich der zweimaligen Witwe Grau - mehr als die Frage, wieso ein kerngesunder, keinesfalls depressiver, steinreicher Mann auf dem Zenit seines Daseins Selbstmord verüben sollte...

  Und genau damit hatte sein genialer Mörder gerechnet.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen