Wenn Johannes in den schlaflosen Nächten zu
dem Gott sprach, an den er eigentlich
nicht glaubte, versuchte er die Schizophrenie dieser Situation durch einen Trick abzuschwächen. Er
stellte sich das höhere Wesen einfach als eine Art Intendant oder Regisseur
eines gigantischen Marionetten-Theaters vor. Der hatte seine Puppenspieler,
denen er schnelle komplizierte Spielanweisungen gab. Aber die - da nicht so
göttlich (vielleicht sogar nur Engel zweiter Klasse?) - kamen mitunter nicht
mit und richteten einen fürchterlichen Wirrwarr mit den Strippen der
verschiedensten Figuren an. So wurden dann eben Schicksale von Figuren in
oft grotesker Weise miteinander verwoben.
Johannes war ein hartnäckiger Rechercheur,
der so schnell vor nichts zurückschreckte. Aber als er herausfand, dass es
keinen Zweifel daran geben konnte, dass ein albanischer Auftragskiller, den sie
das "Maultier" nannten, unmittelbar mit dem Tod seines ehemaligen
Schulkameraden Wolfgang Lindau, dem
Leichtgewicht-Boxchamp der 1970er Jahre zu tun hatte, ließ er lieber die
Finger von einer Enthüllungsgeschichte,
sonder flüchtete sich in die Fiktion einer Erzählung. Denn Wolfgang Lindau war
nicht als er selbst Opfer eines Mordes geworden, sondern als Wolf Grau,
ehemaliger Besitzer der Wolf-Grau-Electronics (International Greywulf) und
Finanzier ehrgeiziger Hamburger Sanierungsprojekte im Hafenbereich... Wegen ihm
saß wohl nun der ambitionierte Bau-Senator Stefan Berger-Steingräber aktuell in
der JVA Fuhlsbüttel (Santa Fu) ein.
Wolfgang
Lindau war nach einem Kampf, dem man nachsagte, er sei verschoben worden, von
einem Tag auf den anderen aus dem Rampenlicht verschwunden und blieb es für
mehrere Jahre. Es gab Gerüchte, dass Freunde aus dem Dunstkreis der Hamburger
Zuhälter-Vereinigung "Nuttella" ihm eine Partnerschaft im Ruhrpott
vermittelt hätten, aber die muss er so zurückhaltend wahrgenommen haben, dass
er in Vergessenheit geriet und ohne Nachfragen als Unternehmer wieder
auferstehen konnte. Er nahm bei der Heirat den Namen der Witwe seines unter
nicht ganz geklärten Umständen verstorbenen Partners Ernst Grau an. Grau gilt
noch heute als der Wegbereiter und Pionier der computerisierten Studio-Technik.
Der graue Wolf, der seither als
Zeichentrick-Figur im Werbefernsehen nervt, war allerdings schon eine Idee von
Wolfgang Lindau.
Der Tag der schicksalhaften Verwicklung oder
besser erneuten Verknüpfung der Lebensfäden einstiger Schulkameraden nahm sich
in der Erzählung jedenfalls doch immer noch so realitätsnah aus, dass Johannes es vorzog, sie nicht zu veröffentlichen. Aber
sie ist nun einmal einer der Anfänge zu dieser Geschichte ohne Ende, deshalb
gehört sie hier mit ihrem Motto in den Kontext:
Die neun Eulen
Ein
Bube und zwei Damen reichen nicht für einen Grand, selbst wenn man
ein As ist. Als Jo ihn dennoch versuchte,
holte ihn die Vergangenheit ein.
Von
Johannes Goerz
Er hatte sich
mittlerweile daran gewöhnt, aber genoss immer noch das herrliche Gefühl, wenn
die schwere Limousine völlig geräuschlos von einem Geschwindigkeitsbereich in
den anderen glitt. - Diese satte Souveränität des Wagens, in den man sich
selbst bei 240 so lässig hinein lümmeln konnte, war für Jo immer noch die
schönste Bestätigung, dass er es zu etwas gebracht hatte. Selbst wenn das
gewaltige Raum-Angebot des Maybach im krassen Kontrast zu seinen eigenen
Körperdimensionen stand. Er hätte mit dem Firmen-Jet fliegen oder sich
zumindest chauffieren lassen können. Allein die Fahrt in diese Stadt sollte
sein ganz persönlicher Triumphzug werden
- einmal abgesehen, dass er nach seiner Unterschrift einer der reichsten Männer
des Landes sein würde. Er wollte es dieser Stadt zeigen. Diese Stadt sollte
einmal seine zweite Heimat werden, und er hatte sie in Angst und Schrecken
verlassen müssen. Hals über Kopf und bei Nacht und Nebel - wie man so schön
sagt.
Damals war aber auch wirklich alles schief
gegangen. Er hatte nichts weiter als buchstäblich, das letzte Hemd retten
können. Seine Profi-Gagen waren längst für das süße Leben drauf gegangen. Aber ganz unten war gleichzeitig mit
Initialzündung die Rakete zu seiner zweiten Laufbahn gezündet worden...
Schon als
er noch beim BC Barmbeck als Amateur im Bantam-Gewicht in der Staffel
geboxt hatte, war das Zurückkommen aus verlorenen Situationen seine Stärke
gewesen. Erst wenn ihm seine Gegner zwei
Runden lang regelrecht die Fresse poliert hatten und er bereits aussichtslos nach Punkten zurücklag,
drehte er die Kämpfe noch um. Als Profi mittlerweile im attraktiveren
Leichtgewicht angelangt, zahlte sich das dann später durch ein gewaltiges
Publikumsinteresse aus, Jeder wollte sehen, ob es der kleine sommersprossige
Rotschopf, für den die Betreuer in manchen Kampfsituationen schon das Handtuch
wurfbereit hielten, wieder schaffen würde. In den unteren Gewichtsklassen ist
die rein physische Schlagkraft für einen
KO nicht so ausschlaggebend wie das Timing und die Schlaggeschwindigkeit. Das
und seine Nehmerqualitäten waren schon immer ausschlaggebend für seine Erfolge
gewesen.
Beim Abbiegen von der Autobahn musste er
schmunzeln, als ihm die geschäftliche Doppelsinnigkeit dieser Tatsache bewusst
wurde. Er brauchte nicht lange nachzurechnen. Das alles lag etwas über zwölf
Jahr zurück. Inzwischen hatte sich sein Punktekonto Schlag um Schlag zu seinen
Gunsten entwickelt.
Der Stadtverkehr wurde dichter und verlangte
seine volle Konzentration. Als er im ersten Stau stecken blieb, aktivierte und
wählte er per "Voice-Command" sein Autotelefon, um seinen
Geschäftspartnern mitzuteilen, dass er sich ein wenig verspäten würde. Es
machte ihn schon ziemlich stolz, dass das Basispatent für diese Technologie
seiner Firma gehörte.
Zwei Stunden später war die Sache gelaufen,
und in seiner Brust gewann das Gefühl einer unermesslichen Freiheit die
Oberhand über die Traurigkeit, die ihn während des Vertragsabschlusses befallen
hatte. Das ganze war ihm irgendwie zu schnell gegangen. Wie ein KO-Sieg nach
dem ersten Schlagabtausch. Eine Handvoll börsengrau gekleideter Leute, einige
salbungsvolle Worte, ein paar Unterschriften, zwei, drei Gläschen Champagner
und die "Jo Ehrlich Electronics" war die hundertprozentige Tochter
eines marktführenden Medien-Konzerns aus Übersee geworden. - Jo Ehrlich, dem Hai im internationalen
Medienmarkt - wie es ein heimisches Fachblatt blumig formuliert hatte - war
sein größter Beutezug dadurch gelungen, dass er sich selbst hatte schlucken
lassen.
Aber noch haftete ein Makel an diesem Tag. Er
würde nie wieder davon laufen müssen. Er müsste sich dazu jedoch noch dem
einzigen Fortlaufen in seiner Vergangenheit stellen. Deshalb war er ebenfalls
hier.
Im Badezimmer seiner Hotel-Suite grinste er
nun sein Spiegelbild an und flüsterte ihm zu:
"Jo Ehrlich, der Ex-Elektronik-Hai und
heimliche Immobilien-Imperator von Hamburg in spe, alias Joachim Klauer, der
Schläger der Eulenbande, Ex-Champ,
Ex-Sportsmann! Du hast es weit gebracht, mein Lieber."
Er musterte sein Gesicht, um zu erforschen,
was in seinen Zügen noch von der Vergangenheit zu erkennen war: Außer dem schlecht verheilten Cut über dem
linken Auge, der von einem unfairen Innenhandschlag herrührte, der ihm die
Augenbraue aufgerissen und zum Kampfabbruch geführt hatte, waren von der
Boxerei keine Spuren übrig geblieben. Es war dies sein letzter Kampf gewesen.
Sein Gegner wurde wegen des Fouls disqualifiziert und ihm der Titel
zugesprochen. Die internationale Presse witterte bei diesem Heimmatch einen
bestochenen Ringarzt im Komplott mit den Ringrichtern. Jo sollte sich nie über
den Titel freuen können, denn zu diesem Zeitpunkt hatte er wie immer nach
Punkten zurückgelegen. Er war um sein berühmtes Finish gebracht worden. Der Cut
wurde im Alsterdorfer Krankenhaus bereits eine halbe Stunde später mit sechs
Stichen genäht, Selbst die sofortige Versorgung hatte den dicken Narbenhöcker
nicht verhindert. Als hätte es eines
nachdrücklicheren Beweises für die Disqualifikation bedurft.
Die Narbe störte nicht, denn sie gab der mit
den Jahren entstandenen erstaunlichen Weichheit - ja Weichlichkeit - in seinem Gesicht den nötigen Kontrapunkt ,
um ernst genommen zu werden. Die 61, 235 Kilo Gewichtlimit, die Jo Klauer immer
mühelos unterboten hatte, konnte Jo Ehrlich längst nicht mehr bringen. Mit dem
Namen hatte sich auch seine Äußeres geändert. Bei 1,62 Meter wackelte die Skala der Waage jetzt in der Nähe der 70 Kilo.
Seine immer wie Schnittlauch am Schädel klebenden rotgoldenen Haare hatte er
sich zu einer modischen Lockenfrisur stylen lassen. Unter seiner leicht
gebogenen Nase, die wie durch ein Wunder alle Ringschlachten unbeschadet überstanden
hatte, lenkte jetzt ein britischer Lenkstangen-Bart davon ab, dass er durch
gutes Esse und reichlich Alkohol Hamsterbäckchen bekommen hatte. Mit seinen runden grünen Kulleraugen hätte er gut
als Modell für einen römischen Wasserspeier oder einen japanischen Manga
herhalten können...
"Eigentlich siehst Du heute viel mehr
wie ein Loddel aus als früher," raunte er seinem Spiegelbild zu. Für einen
Moment spulte sich in seinem Kopf ein Gedankenfilm ab, wie alles wohl gewesen
wäre, wenn sich die vergangenen zwölf Jahre anders abgespielt hätten. Was wäre
gewesen, wenn er Nina nicht im Stich gelassen und den Kampf aufgenommen hätte?
Wenn er nicht in einer anderen Stadt untergetaucht wäre und seine Brötchen
damit verdient hätte, Tonstudios, Licht- und Videoanlagen zu installieren? Der
versoffene Toningenieur hätte seine revolutionären Ideen für Mischpulte,
Synthesizer und akustische Steuerungen einem anderen erklärt, der sie dann zu
Weltpatenten gemacht hätte. Ein anderer hätte mit diesen Innovationen am laufenden
Band den Branchengiganten so lange angst
gemacht, bis er - wie Jo heute - den großen Coup gelandet hätte.
"Hätte, hätte, hätte", sprach Jo zu
seinem Spiegelbild. " Wenn Du kein so skrupelloser Ideen-Dieb und
Verführer unbefriedigter verheirateter Frauen gewesen wärst, hättest Du weder
Namen noch Leben ändern können... Und dann - meine Lieber - wärst Du längst
mausetot."
Er hatte keine Gewissensbisse gehabt, die
Frau seines Partners zu heiraten, nachdem sie zu dessen Lebzeiten schon ein
permanentes Verhältnis gehabt hatten. Sein Partner war ein hoffnungsloser,
immer wieder rückfälliger Alkoholiker, der zwischen den lichten Momenten, in
denen er absolut genial war, und
Totalabstürzen kein Interesse mehr für sein Umfeld hatte. Lediglich Jo's
Stieftochter warf ihm hin und wieder vor, ihr Vater habe sich umgebracht, weil
er hinter das Verhältnis seines Partners mit ihrer Mutter gekommen sei. Jo maß
diesen Vorwürfen keine besondere Bedeutung bei, wusste er doch, dass die Kleine
ohne zu zögern, sofort den Platz ihrer Mutter einnehmen würde, gäbe er den
Avancen nach, die die Siebzehnjährige ihm immer häufiger machte, sobald sie
zufällig einmal alleine miteinander waren...
Die Vorstellung jedoch, bereits schon längere
Zeit tot sein zu können, brachte doch einen herben Zug in sein puttenhaftes
Spiegelbild. Auch die Selbstsicherheit war für Augenblicke aus seinen Zügen
gewichen. Kam sie da wieder - die Angst? Die Panik, die anderen
"Eulen" könnten seinen Verrat doch nicht auf sich beruhen lassen,
hatte ihn in den vergangen Jahren immer wieder jäh heimgesucht. Deshalb stand
nun auch sein Entschluss fest, die Angelegenheit hier und heute ein für alle
Mal zu Ende zu bringen. Diesmal könne er nicht mit einem Konter aus der
Defensive kommen. Diesmal hieß die Devise Angriff mit dem ersten Gong.
Er hatte vorausgesehen, dass er für das, was
er nun vorhatte, in seinem grauen Zweireiher eher unpassend gekleidet gewesen
wäre. Aus seiner Reistasche holte er eine Cordhose, ein dazu passendes
Sporthemd und eine weit geschnittene Wildlederjacke. Für einen Moment überlegte
er, ob er die Spannung, die sich nun in ihm aufbaute, dadurch dämpfen sollte,
dass er die legal registrierte Automatic einsteckte. Doch dann schob er die
Pistole und die Überlegung zur Seite und griff lieber nach dem Flachmann mit
seinem Lieblingscognac. Er wollte ja beim Freitagsspiel der Bundesliga mit der
Kontaktaufnahme beginnen. Im Zweifel, wäre er mit der Waffe ja gar nicht durch
die Personenkontrolle am Stadion gekommen.
Er hatte sich vorgenommen, den Abend und die
Nacht genau so zu verbringen, wie er das an dem Tag getan hätte, als er Reißaus
genommen hatte. Es war ihm sogar gelungen, eine Karte nahe den Logen zu
bekommen. Das Stadion war jedoch zwischenzeitlich erneut umgebaut worden, so
dass es reiner Zufall war, dass er über der Reihe zu sitzen kam, die die Kerle
vom Kiez stets mit ihren Dauerkarten belegten. Damals hatten die
"Eulen" dort immer einträchtig beieinander gesessen. Der
Stadionbesuch war Pflichttermin - darauf hoffte Jo.
Es war nicht viel anders als vor zwölf Jahren
- zwischenzeitlich waren die "Knappen" ab und wieder aufgestiegen -:
Das wogende Meer weißblauer Fahnen, die hampelnden Fans mit Mützen und Schals,
die Schlachtenbummler der Gastmannschaft aus dem Norden und die Kampfgesänge.
Der Geruch verschütteten Bieres und des Senfs von den weggeworfenen
Papptellern. Jo stieg den Durchgang zu den Logen hoch und hatte nicht nur
deshalb Herzklopfen. Doch der erwartete Adrenalinschub blieb aus, als er die
Kiez-Reihe ausgemacht hatte. Sein Blick wanderte von einem unbekannten Gesicht
zum anderen. Mein Gott, durchfuhr es ihn - und es war fast, als hätte ihm
jemand gesagt, seine Hinrichtung sei aufgehoben - da sitzt ja eine ganz andere Loddel-Generation:
Heiermann-Luden wie aus einem Spielfilm
voller Klischees: blasse hohlwangige Bengel, overdressed bis zum
Geht-nicht-mehr, Rolex und Goldkettchen an den zerbrechlichen Handgelenken und
artige Designer-Frisuren. Der Dunst teuren Herrenparfüms stieg in Wolken bis
zum Stadiondach. Wo waren die Muskelpakete aus den Muckibuden und
Bräunungsstudios? Auch nicht eine der acht übrigen Eulen war zu sehen.
Das Spiel war für Jo schlagartig
bedeutungslos geworden. Er hatte selbst das Match machen wollen. Sich den Eulen
auf neutralem Boden vor möglichst viel Zeugen zu stellen, das wäre sein Plan
gewesen. Wieso waren sie nicht hier? Er rekonstruierte durch Raum und Zeit das
heutige Alter seiner damaligen Kumpel. Klar er war der Jüngste gewesen, und er
war gerade mal fünfzig. Der Älteste wäre
jetzt sechzig. Immer noch ein Ideales Alter für eine Kiezgröße. Gebrechlichkeit
konnte also kein Grund für die Abwesenheit sein. Er musste sich also in die
"Höhle des Löwen" begeben, wenn er mehr wissen wollte.
Besser gesagt in den "Horst" der
Eulen, Das war eine lange schlauchartige Kneipe in der Altstadt gewesen. Die
Pinte hieß eigentlich "Sebaldus Klause", die Szene nannte sie jedoch
nur "Zu den neun Eulen".
Obwohl Jo den Weg früher an die tausend Mal
gefahren war, hatte er nun Mühe, die "Sebaldus Klause" wieder zu
finden. Die Verkehrsführung in der Innenstadt war total umgestellt worden, weil
ein Teil der Altstadt nun verkehrsberuhigt war. Überall gab es Einbahnstraßen
und neue oder aufwendig renovierte Gebäude. Er wollte ja auf alle Fälle mit
seinem auffälligen Wagen nicht zu nah an der Kneipe parken. Aber als er endlich
einen Parkplatz fand, stellte er fest, dass es dort nur so von extravaganten
Karossen wimmelte. Und dass er an einem Freitagabend eine freie Lücke gefunden
hatte, war nur dem Umstand zu zu schreiben, dass er auf einem Parkplatz stand,
der für Inhaber eines Anlieger-Parkausweises reserviert war. Was war denn nun
los?
Irgendwie machte das ehemals heruntergekommene
Viertel einen zivilisierteren Eindruck als damals. Die Restaurants und Bars
sahen alle ziemlich schnieke aus. Statt des bunt blinkenden Neons von früher
hatten sie jetzt gediegen glänzende Nasenschilder und stilsicher dekorierte
Fassaden. Jo hatte so eine Ahnung als er in die richtige Straße einbog.
Schließlich war das ja genau das, was er und der Senat nun in Hamburg
vorhatten... Der Schock der Veränderung traf ihn deshalb nicht mehr ganz so
heftig wie im Stadion, als er jetzt die ehemalige "Sebaldus Klause"
sah. Wie hatte er nur denken können, das Privileg der totalen Veränderung sei
nur ihm vorbehalten gewesen?
Die einstige Heimat der Eulen, war nun ein
griechisches Spezialitäten-Restaurant, das "Microlimanos" hieß. Für
einen Moment überlegte sich Jo Grau, ob
er überhaupt noch hineingehen sollte, aber da hatte er die Eingangstür
schon aufgedrückt. Erstaunlicher Weise hatte sich drinnen gar nicht so viel
verändert. Es war sauberer als früher, und es hingen griechische Requisiten und
Landschaftsansichten an den Wänden. Die Raumaufteilung und die Ausstattung aber
waren genauso, wie Jo sie in Erinnerung hatte. Vorne ums Eck war unter dem
Brauerei-Schild immer noch die Stehbar, und nach hinten an der linken Seite des
Schlauches gerückt standen die Vierertische. Sie waren sauber gedeckt und mit
Kerzen sowie Stoffservietten und frischen Blumen dekoriert. Jo brauchte keine
Sekunde, um festzustellen, dass dies nun eine ganz anderes Publikum war. Aber
er hatte gleichzeitig auch etwas entdeckt, das sein Blut wieder in Wallung
brachte. Oben in einem länglichen Glassturz auf dem Leuchtschild der Brauerei,
standen sie wie früher. Blank geputzt, als warteten sie darauf, jederzeit
wieder benutzt zu werden; die wie Eulen geformten Bierkrüge. Jede Eule - bis auf
eine - mit einem Zinndeckel auf dem Kopf. Es waren immer noch neun, aber der
letzten fehlte nicht nur der Zinndeckel, sondern auch ein Teil ihres Kopfes...
Jo brauchte drei mit zittriger Hand
hinuntergestürzte Ouzo, um den Mut aufzubringen, scheinbar gelassen und
unbeteiligt mit dem Mann hinter der Bar ein Gespräch zu beginnen. So erfuhr er,
dass die frühere "Sebaldus Klause" schon seit acht Jahren ein
griechisches Restaurant war. Er, der Wirt, habe die Besitzerin geheiratet und
überredet, aus der Bier-Kneipe eine Spezialitäten-Restaurant zu machen.
Unvermittelt und wie beiläufig fragte Jo dann
nach den Krügen:
"Lustige Krüge, die Sie da haben! Die
sind aber nicht aus Griechenland?"
"Nein", lachte der Grieche,
"das ist eine Sentimentalität meiner Frau. Die haben ihre ganz eigene
Geschichte, aber die müssen Sie sich von ihr erzählen lassen, wenn Sie Zeit
hat."
Er rief irgendetwas auf Griechisch in die
hinter der Bar liegende Küche. Einige Minuten später erschien eine
hochgewachsene, schwere Frau mit schwarzen Haaren und verheißungsvollen Formen.
Sie musste wohl gut in den Vierzigern sein. Auf den ersten Blick erkannte Jo in
ihr die ehemalige Edelnutte. Die Laszivität ihrer Bewegungen und die Art wie
sie das, was sie immer noch zu bieten hatte, den männlichen Betrachtern darbot,
waren ein einziges Marketing käuflicher Liebe. Sie wäre vermutlich immer noch
bombig im Geschäft gewesen.
Aber auch Jo musste in ihren Augen wohl immer
noch etwas an sich haben, was ihre auf dem Kiez trainierten Instinkte,
veranlasste, das zunächst offene
Willkommenslächeln gegen eine leicht misstrauische Höflichkeit einzutauschen:
"Sie wünschen?"
" Ach Ihr Mann und ich haben bloß über
diese komischen Krüge gesprochen. Er meinte, sie hätten eine Geschichte, die
nur Sie mir erzählen könnten."
Jetzt war da nur noch offenes Misstrauen auf
der anderen Seite des Tresens, so dass Jo sich bemühte, die Spannung aus der
Frage zu nehmen:
"Aber ich merke schon, es ist Ihnen
unangenehm. Bitte entschuldigen Sie meine Neugier."
Doch sie war eitel und wie alle Damen ihres
Gewerbes stets empfänglich für das persönliche Interesse eines Mannes. Sie
schien besänftigt durch die keinesfalls hartnäckige Neugier:
" Sie müssen wissen", sagte sie mit
einer kehligen Stimme, die Intimität versprach, "dies war hier vor knapp
zehn Jahren noch eine wilde Gegend. Mein erster Mann hat dieses Lokal früher
geführt, als das Publikum - na sagen wir mal vorsichtig - nicht zur feinen
Gesellschaft der Stadt gehörte. Die neun Krüge haben sich die Jungs von einem
Stammtisch zugelegt, um so ihre Kneipenbruderschaft zur Schau zu stellen. Eines
Tages gab es Streit, bei dem wohl einer der Gruppe die anderen über's Ohr
gehauen hat."
Jo hatte Mühe, sich zu beherrschen und ihr
nicht ins Wort zu fallen. - Stattdessen kippte er noch einen Ouzo.
"Wie das bei denen so üblich war,
wollten sie die Angelegenheit auf der Straße klären. Als der eine getürmt war,
spaltete sich die Gruppe in drei, die sich unbedingt rächen wollten, während
die restliche fünf wohl versuchten,
Ärgeres zu verhindern. Da war auch viel Machokram und Schau dabei. Der Krug des
einen wurde symbolisch zertöppert. So als Zeichen dafür, dass der draußen war.
Na, das war's dann gewesen. Der Riss in der Gruppe und der Krug wurden nie
gekittet. Es gab da eine ganze Menge Trabbel hier. Ein paar von denen sind
sogar ins Gefängnis. Mein Mann hatte die Hoffnung nie aufgegeben, dass die
eines Tages wiederkommen. Irgendwie hatte er wohl eine Schwäche für deren
Halbweltgetue. Jedenfalls wollte er, dass die Krüge unbedingt an Ort und Stelle
bleiben. Gott sei Dank ist es nie wieder so geworden wie früher!"
Jo trank noch zwei Ouzo, dann zahlte er. Als
er wieder im Auto saß, fühlte er sich irgendwie schlapp. Er dachte an Karlchen,
"Das Schaf", dem früher die "Sebaldus Klause" gehört hatte.
Er war ein sentimentaler Säufer und selbst sein bester Kunde gewesen. Jo hatte
sich sofort nach ihrer Erzählung einiges zusammengereimt. Sie musste die
sagenumwobene "Griechin" sein. Er hatte sie nie gesehen, kannte sie
aber aus Karlchens schwärmerischen Erzählungen. Sie war in Düsseldorf eine
Top-Kraft in der "Sado-Maso"-Branche gewesen mit einer Kundenliste
wie das Who-is-Who der deutschen Wirtschaft. Dass sie Karlchen geheiratet
hatte, war eine echte Überraschung gewesen. Auch wenn Karlchen im heimischen
Schlafzimmer nicht mehr allzu lange Spaß mit ihr gehabt haben dürfte. Die
Geschichte der "Griechin" klang jedoch nur dann rührend, wenn man
nicht wie Jo Teil der Wahrheit war. Aber vielleicht hatte sie ja tatsächlich
nicht mehr von all dem gewusst. Schon ein einziges Bruchstück seiner Version
hörte sich deutlich härte an.
Jo lehnte sich zurück, um auf der inneren
Leinwand hinter seiner Stirn den Action-Film seiner Tage als Eule ablaufen zu
lassen:
Die "Neun Eulen" waren keine
Stammtischrunde, sondern ein ziemlich straff organisierter Zuhälter-Ring
gewesen, in den die "Nuttella"- Jungs aus Hamburg ihn hineingekauft
hatten. Ware gegen Beteiligung. Jo's Mitgift bestand aus drei
Nordafrikanerinnen und drei Mädchen aus Ex-Jugoslawien, die aus Hamburg heraus
mussten. Wegen seines frischen Ruhms als Boxer wurde er von den Eulen mit einer
Zuneigungsmischung behandelt, die irgendwo zwischen Sportidol und Maskottchen
rangierte. Stillschweigend wurde akzeptiert, dass er keine weiteren kriminellen
Ambitionen hatte und dem entsprechend wurde er weitestgehend aus allen
illegalen Sachen herausgehalten. Es reichte sein Ruf als gefährlicher
KO-Schläger bei gelegentlichen "geschäftlichen Gesprächen". Noch
nicht einmal mit der Zuhälterei hatte er wirklich etwas zu tun gehabt, obwohl
er zweifelsfrei sein Zubrot aus ihr bezog. Das ganze war wie Vorruhestand, bis
Kubicki, der als "Der Pole" bekannt war, obwohl er den Pott nie
verlassen hatte, Nina in die Kneipe mitbrachte. Er hatte vor, sie "abzurichten"
und in der "Gurke" für sich
arbeiten zu lassen. Sentimentalitäten gab es mit Hunden, mit Marotten und
gelegentliche mit den "alten Herrschaften" - wie die Loddel ihre
Eltern zu nennen pflegten - so fern sie welche hatten. Aber niemals gab es
"Sentimentalitäten" mit Bräuten. Jo verstieß gegen dieses Prinzip,
als er sich bei der ersten Begegnung in
Nina verliebte. Er beging darüber hinaus jedoch Verrat, als er sie aus der
"Gurke" holte und ein gemeinsames Appartement mit ihr nahm, ohne sie
vorher freizukaufen. Es war absolut naiv gewesen zu glauben, die anderen würden
ihm dies wegen seines besonderen Ansehens durchgehen lassen. Der
"Pole" berief den "Rat der Eulen" ein. Jo wurde
"abgemahnt", schwor ab, dachte aber nicht wirklich daran, von Nina zu
lassen. Stattdessen tauchten sie unter und nahmen ein neues Appartement. Es
dauerte nur einen Tag, da hatten die Truppen des "Polen" das
Appartement gefunden. Jo hatte gerade sein Auto in der Nähe der neuen Wohnung
parken wollen, als er sah wie sie Nina vollkommen zusammengeschlagen in einen
VW-Bus warfen. Für einen Moment hatte er den Helden spielen wollen - er hätte
es müssen. Aber ihm war klar, dass seine schnellen Fäuste gegen die mörderische
Gewaltbereitschaft des "Polen" keine Chance gehabt hätten. - Er war
einfach weggefahren, Hatte Nina ihrem Schicksal überlassen.
Heute wollte er wissen, wie die Geschichte zu
Ende gehen würde. Nach seinem geschäftlichen Superdeal war es nur eine Frage
von ein paar Tagen bis die Presse ihn ins Rampenlicht zerren und möglicher Weise in seiner Vergangenheit
stöbern würde. Seine Position war unabhängig genug gegen eine solche
Kampagne, aber gegen einen Mordauftrag - so er noch bestünde - half nichts; selbst Bodyguards und
ein gepanzerter Maybach nicht. Er musste den Stier bei den Hörnern packen, wenn
er ruhe haben wollte. Eine angemessene Geldsumme hat bisher noch das meiste
geregelt.
Er griff nach dem Flachmann in seiner
Brusttasche und nahm einen großzügigen Schluck. Er hatte jetzt die Phase der
Alkoholisierung speziell durch den Absinth erreicht, in der der Verstand eines
routinierten Trinkers befreit und messerscharf funktioniert. Dann startete er
den Wagen und lenkte ihn wie von selbst dort hin, wo die Lösung zu finden sein
würde.
Der mächtigste Industrielle der Stadt hatte
die Anlage einst als Mustersiedlung für seine Arbeiter errichten lassen. Kleine
spießige Häuschen, in denen die Ausgebeuteten des Industrie-Zeitalters ihren
Traum vom Glück im trauten Heim verwirklichen sollten. Später hatte man dann
einen Zaun um das Areal gezogen, und nun gingen die Bewohnerinnen der Häuschen
dem so genannten ältesten Gewerbe der Welt nach. Im Volksmund hieß das ganze
"Die Gurke".
Jo hatte keine Mühe, das ganz bestimmte
Häuschen zu finden, denn hier hatte sich im Gegensatz zum Zentrum kaum etwas
verändert. Als er seinen Wagen geparkt hatte, kam ein hochbeiniges Wesen nur
mit Stiefeln, Stringtanga und falschem Pelzcape bekleidet auf ihn zu. Manche
mussten hier wohl doch immer noch draußen auf Freier gehen. Sie sah ihn nicht
direkt an, sondern hielt den Kopf leicht schief und ein wenig abgewandt als sie
ihn ansprach.
"Kommst Du mit zu mir?"
"Nein, leider. Ich habe eine Verabredung
- dort," Jo wies auf das Haus und ging weiter. Alles war wie vor zwölf
Jahren. Die gleiche spießige biedermännische Atmosphäre: Plüsch- und
Pleureusen-Puff mit Spitzendeckchen. Die Welt würde staunen, wenn erst sein
Konzept in Hamburg umgesetzt worden
wären.
Natürlich saßen auf den Sofas im Vestibül nun
andere Mädchen - jüngere. Sie riefen Hallo, lächelten süßlich einladend, aber
Jo steuerte gleich links auf eine Tür zu, von der er wußte, dass sie zur Küche
führte. Er klopfte und hörte eine sanfte Stimme, die ihn hereinrief. Es war die
gleiche alte Bürgerküche, und die gepflegte alte Dame am Küchentisch wirkte wie
eine brave Oma, die mit dem Abendbrot auf ihre erwachsenen Enkel wartete. Sie
hob den Kopf mit dem glatten im Nacken geknoteten grauen Haar. Ihre wachen,
hellblauen Augen zeigten keinerlei Überraschung.
"Joachim", sagte sie nur kurz wie
eine selbstverständliche Feststellung. So als hätten sie sich zum Frühstück
letztmals gesehen. Jo zögerte einen
Augenblick. Sie hatte ihn nach all den Jahren sofort erkannt, und es war lange
her, dass ihn jemand Joachim genannt
hatte. Immerhin der Name, der für ihn nach Pfadfinder in kurzen
Lederhosen klang, passte zumindest in diese Küche. Dann jedoch setzte er sich
wortlos, unaufgefordert und ähnlich ungezwungen ihr gegenüber an den
Tisch, musterte sie eingehend und nannte die Puffmutter dann, wie jede
der "Neun Eulen" sie immer geneckt hatte;
" Hallo Muttchen - es ist lange
her!"
"Ja", sagte sie, " aber ich
habe immer gewusst, dass du nochmal kommen würdest. Du warst immer anders als
die anderen. Du hast Gewissen, und ich war sicher, dass du eines Tages würdest
erfahren wollen, wie Deine Geschichte zu Ende geht,"
"Ich war in der Kneipe."
" Dann weißt du ja jetzt zumindest,
dass du keine Angst mehr haben musst. Es ist sowieso alles anders heute."
"Und Nina?"
" Das willst du doch gar nicht wissen.
Du solltest nach so langer Zeit nicht mehr fragen. Das ist nicht gut für dich
und nicht gut für sie. Ich habe mich schon um sie gekümmert. Es geht ihr den
Umständen entsprechend gut. Rühr nicht dran!"
Sie stand auf und holte eine große Flasche
Korn und geeiste Gläser aus dem Gefrierfach. Sie stellte Flasche und Gläser auf
den Tisch, griff in die Schublade und legte einen Pack Spielkarten dazu.
"Wie wärs mit einem gepflegten Skat wie
in den guten alten Zeiten?"
Ein Mädchen kam herein, um nach dem rechten
zu sehen. Sie setzte sich dazu, nachdem sie festgestellt hatte, dass Muttchen
mit dem geheimnisvollen Besucher freundschaftlich umging.
"Das ist Marion", sagte Muttchen
beiläufig. "Kannst du dir immer noch leisten, einen Punkt für einen Zehner
zu spielen? Sie zieht den Jungs auch beim Kartenkloppen die Hosen aus."
Für einen Moment war Jo versucht, ihr zu
erzählen, wie es ihm ergangen war. Aber Muttchens wissende Augen brachten ihn
zum Schweigen. So nickte er nur stumm. Von diesem Moment wurde nicht mehr
gesprochen. Es gab nur Geben, Hören und Sagen. Die Alte spielte immer noch so
gerissen wie früher, und auch die Nutte
war eine Karten-Profi, wenngleich ihre Spielweise mitunter ein wenig unorthodox
wirkte. Ein paar mal hatte er sie im Verdacht über die Schmerzgrenze zu reizen
und musste über die Doppelsinnigkeit seiner Gedanken innerlich schmunzeln. Jo
hingegen hatte ein paar Runden lang Pech bei riskanten Grands mit Kontra und
Re, weil die beiden Frauen sich offenbar blind verstanden und ihn abzockten. Im
Nu stand er mit ein paar hundert Mark in
der Kreide. Er trank Unmengen von Korn, wurde dabei aber nicht betrunken,
sondern spielte erstaunlicher Weise mit jedem Kurzen immer scharfsinniger. Bei
zwei Bock- und einer Ramsch-Runde machte er seine Verluste nicht nur wett,
sondern hatte schließlich über sechshundert Mark gewonnen. Muttchen gähnte
provozierend. Es ging auf vier Uhr früh zu, als sie die Karten zusammenschoben
und abrechneten. Marion war anzusehen, dass sie der Verlust schmerzte:
"Barauszahlung oder Naturalien?",
fragte sie ihn ein wenig vergräzt und gewährte ihm einen großzügigen Blick auf
Brüste silikonisierter Stattlichkeit. Jo hatte eigentlich keine Lust, und sein
Alkoholspiegel näherte sich nun doch langsam dem Stadium der Trunkenheit.
Muttchen kam seiner Entscheidung in einer Weise zuvor, die wir früher keinen
Widerspruch duldete.
"Du bist doch wohl immer noch Kavalier Joachim
- oder?"
Er gab Muttchen einen galanten Handkuss. Sie
wussten beide, es war ein Abschied für immer. Dann ließ er sich von Marion die
enge Treppe hochziehen.
Sie war eine schöne Nutte, aber diese
versachlichte gummierte Zärtlichkeitsverrichtung frustrierte Jo abturnend. Sie
musste sich jedenfalls für ihr Geld sehr anstrengen und ihr dürftiges
schauspielerisches Talent fast überstrapazieren, um ihn zu einem freudlosen
Erguss zu verhelfen. Als er sich angezogen hatte und das Haus verließ, fühlte er
sich leer und elend. Ein Kater von der Größe eines sibirischen Tigers kündigte
sich an. Sollte es tatsächlich so sein, dass ihm dieses Klima für das er früher
geradezu süchtig gelebt hatte, nichts mehr gab?
Draußen stand wieder oder immer noch die
unermüdliche Hochbeinige:
"Du warst aber lange hier. Komm das
nächste Mal zu mir, dann siehst du hinterher glücklicher aus."
Ihre Stimme klang in ihrer echten
Zärtlichkeit irgendwie vertraut. Wie er den Wagen wendete, streifte das Licht
der Scheinwerfer ihr Gesicht. Auch die Hälfte, die sie beim Reden abgewandt
gehalten hatte. Ein riesiger roter Fleck zog sich vom Haaransatz über die
rechte Wange bis zum Hals hinunter und konnte von der toupierten Mähne nur
ansatzweise kaschiert werden. - Säurebehandlung, konstatierte Jo sachlich, als er den Wagen
beschleunigte. Sie musste schwer gegen die Regeln verstoßen haben, denn Loddel
vergehen sich sonst nicht am Aushängeschild ihrer Mädchen.
Ihre Worte klangen in ihm nach und brachten
auf einmal irgend etwas zum Klingeln. Eine Spur Mitleid?:
"Dann siehst du glücklicher aus!"
In diesem Moment schob sich das entstellte
Gesicht über die Erinnerung an Nina.
Es traf
ihn wir ein Pfund mit dem Totschläger. Nina! Sie musste ihn schon beim
Hineingehen erkannt und auf ihn und ein Zeichen von ihm gewartet haben. Und er?
Er stieg in die Bremsen des Maybachs. Der
Wagen kam trotz seines genialen Bremssystems leicht quietschend vor der
Polizeistation am Rande der "Gurke" zum Stehen. Der Diensthabende
schaute etwas misstrauisch auf die Luxus-Karosse mit den verspiegelten
Scheiben. Die Autos der Zuhälter würden auch immer größer...
Jo in ihrem Inneren starrte ins Leere, als
sei er dem Tod begegnet. Und es
passierte nach einem endlosen Augenblick genau das, was ihm nicht mehr
passieren sollte. Er nahm Reißaus.
Eigentlich ist der Maybach ein denkbar
ungünstiges Fahrzeug, um darin Selbstmord zu begehen. Die Hamburger
Boulevard-Presse textete dann auch entsprechend über den Ex-Box-Meister und
Finanzier, der 2003 in der Garage seines Pöseldorfer Bürohauses samt seinem
"Luxus-Sarg" aufgefunden wurde. Als man anfing, ihn zu vermissen,
wurde der Wagen zunächst als vorhanden registriert. Wegen der verspiegelten
Scheiben, aber auch wegen des Undenkbaren kam niemand auf die Idee, der
Gesuchte könne sich im Inneren des Wagens befinden.
Der Wagen war jedoch neun Tage später zur
turnusmäßigen Überprüfung der Elektronik bei einer Spezialfirma angemeldet, die
anfragte, wo der Maybach bliebe. Selbst als das Fahrzeug weder mit dem Zweit-
noch dem Drittschlüssel zu öffnen war, weil beide unauffindbar waren, hatte
noch keiner einen Verdacht. Es passiert schon mal, dass solche Sonderfahrzeuge
durch "Verquickung widriger Umstände" stehen bleiben. Dann hilft bei
über zwei Tonnen nur noch ein Tieflader. Die Techniker fanden Wolfgang Lindau
alias Wolf Grau neben einer leeren Flasche Singlemalt und einer annähernd
leeren Packung eines handelsüblichen Schlafmittels, das dem Mann vom Hausarzt
ordnungsgemäß verschrieben worden war. Er saß hinter dem Steuer sitzend, als
wolle er gleich losfahren. Der Schlüssel steckte im Zündschloss. Der
Zweitschlüssel fand sich in einer Dokumenten-Tasche neben dem Toten. Dort
hofften die Ermittler auch vergebens eine Abschiedsbotschaft oder ein Motiv für
den Suizid zu finden. Dennoch gab es keine Veranlassung, an Selbstmord zu
zweifeln. Das ganze hatte ja schon etwas von der Grablegung eines neuzeitlichen
Potentaten in einem Sarkophag. Zwar ist so ein Maybach nach außen dicht wie ein
Zinksarg, aber der Sauerstoff im Inneren reicht doch, um alle unangenehmen Begleitumstände einer zu
spät gefundenen Leiche herbeizuführen. Es wurde noch versucht, alle Holz-, Leder-
und Textilteile für einen Kostenfaktor von über 40.000 Euro auszutauschen -
aber es gelang nicht, den intensiven Verwesungsgeruch zu tilgen. All dies
beschäftigte die Beteiligten - einschließlich der zweimaligen Witwe Grau - mehr
als die Frage, wieso ein kerngesunder, keinesfalls depressiver, steinreicher
Mann auf dem Zenit seines Daseins Selbstmord verüben sollte...
Und genau damit hatte sein genialer Mörder
gerechnet.
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