Sonntag, 6. Oktober 2013

Habgier

  Die eher legendäre Schmerzunempfindlichkeit, die Johannes in seiner Kindheit unterstellt wurde, schien sich seiner mit dem Wandel der Welt zu Beginn der 1990er erneut zu bemächtigen. Da er zwischen Passionen, die Leidenschaft bedeuteten und denen, die Leidensfähigkeit implizierten, selbst längst nicht mehr zu unterscheiden vermochte, wirkte er auf sein Umfeld zunehmend astral - wie ein Ritter Ajax in schimmernder Rüstung. Die Erholungspause, die ihm das vorübergehende Abklingen seiner seelischen Zustände gewährte, jedoch war trügerisch. Auf den einfachen Nenner einer primitiven Psychoanalyse gebracht, hatten seine paranoiden Tendenzen während der 80er nur eines bewirkt: Ein Teil seines Ichs hatte es versäumt, erwachsen zu werden.
  Dieses naive Ich, das sich leidenschaftlich ausliefern wollte und sich voller Vertrauen hingab, provozierte geradezu Enttäuschungen. Besonders bei Menschen, denen unterstellt werden konnte,  ihm eigentlich nur Gutes tun zu wollen. So wurde Johannes in den Jahren, in denen die Weltordnung aus den Fugen geriet, vom Boden der Realität gehoben und in eine Art Zeitschlund gewirbelt, aus dem es kein Entrinnen gab. Er war so dankbar, anscheinend von der Angst befreit zu sein, dass er nicht merkte, wie scheinbar das alles in Wirklichkeit war. Tatsächlich waren die Schmerzen da und quälender als jemals zuvor, aber er betäubte sie mit dicken Vorratspaketen aus Wohlsein und Wohlstand. Wobei er den fatalen Irrtum zuließ, letzterer bedingte das erstere.
  Ehe er sich besann, war er zu einem Mitläufer im Jahrzehnt der Habgier geworden. Jeder, der diese Zeit miterlebt und ähnlich empfunden hatte, mag dessen Beginn und Ende anders markiert haben. Für Johannes jedoch fiel dessen Anfang damit zusammen, dass er 1991 endgültig Maximen über Bord warf, die er zuvor nur angekratzt hatte: Er wurde ein noch größerer Arbeitgeber und - wie er sich gerne tröstete – „nur“ aus steuerlichen Gründen Vermieter. Aus seiner sozialromantischen Weltsicht hatte vorher nichts dagegen gesprochen, mit Hilfe von Arbeitnehmern anderer, viel Geld zu verdienen. Mietwohnungen zu besitzen und eine Gesellschaft zu gründen, war jedoch eindeutig kapitalistisches Gebaren.
  Das in der Realität verharrende, für einige Jahre abgetauchte Realo-Ich hätte bewusste Wahrnehmungen schon als Euphorie-Bremse einbringen können, aber offenbar wollte es kein Spielverderber sein.
  „Wer die Fenster weit aufmacht, bekommt viel frische Luft, muss aber akzeptieren, dass auch ein paar Fliegen hereinkommen“, hatte der gleichaltrige Bürgermeister von Shanghai, Zhu Rongii, ein paar Jahre zuvor auf einem Bankett gesagt, in dessen Verlauf er mit Johannes auf Bruderschaft getrunken und mit ihm eine Flasche des sündteuren Bambus-Schnapses „Mao Tai“ geleert hatte. Jetzt nach dem Massaker vom Tien’anmen und den folgenden Kurskorrekturen der Vernunftliga war er, der Nachfahre der Ming Dynastie,  bereits ins Zentralkomitee aufgerückt und hatte den wohl nachhaltigsten Wandel einer „Weltmetropole der Habgier“ innerhalb eines Jahrzehntes eingeleitet. Jedenfalls erkannte Johannes rund um Nanking Road und Bund kaum  noch etwas wieder, als er zehn Jahre, nachdem er den zweiten der neu eingeführten Fremden-Führerscheine auf einem Hotel-Parkplatz gemacht hatte, wieder in die Stadt kam.
  Der charismatische Demokratieprobierer Gorbatschow war von dem alkoholisierten Tanzbären Boris Jelzin erst gerettet,  dann entmachtet und schließlich abgelöst worden. Die GUS-Staaten verfielen einem gesplitteten Neo-Zarismus, in dem - wie auch in der Volksrepublik China - in Rekordzeiten selbst gemachte Milliardäre aus den Rohstoff- und Handels-Wüsten des real existiert habenden Kommunismus heranwuchsen. Diese machten dem ebenfalls auf Handel, Öl und anderen Bodenschätzen gegründeten Geldadel Nordamerikas natürlich angst. In einer Zeit, da alle Zeichen auf Friede, Freude, Eierkuchen wiesen und eine dauerhaft gewaltfreie Koexistenz der Weltmächte so denkbar war wie nie zuvor, mussten nun ganz einfach neue Konflikte her.
  Johannes - wie die meisten seiner nun bald 80 Millionen Landsleute – war so damit beschäftigt, seinen Teil zum Kultivieren blühender Landschaften beizutragen, dass er erst mit zwei, drei Jahren Verspätung merkte, wie sehr er einem Milliarden-Mark-Missverständnis aufgesessen war. Das geeinigt Volk mit dem vermeintlichen Wir-Gefühl war derart in Bewegung, dass so ziemlich alles zertrampelt wurde, was im Ansatz keimte. Denn die aus „Neufünfland“ wollten nix wie rüber zu den besseren Löhnen, während die mit den besseren Löhnen und den höheren Steuersätzen aus den alten Bundesländern in den altehrwürdigen Neu-Metropolen zu luxussanierenden Ruinen-Baumeistern für einen Besitz- und Wohnbedarf wurden, den weniger haben wollten, als gedacht und versprochen… Weil das Volk permanent an sich vorbeifuhr, hätte es sich vermutlich am besten in den Autobahn-Raststätten vereinigt.  Die, die den Versprechen geglaubt hatten und „drüben“ blieben, vergrößerten meist nur das Heer der Arbeitslosen und Rentner aber nicht das Brutto-Sozialprodukt. Wie sollten die sich also ihre teure neue alte Heimat noch lange leisten können? Es wuchs ein gegenseitiges Klima der Intoleranz.
  Und dann war da auch noch noch die Angst vor fahrlässiger Resteverwertung, der untergegangenen Staatssicherheit der DDR: Was für ein Fressen für pensionierte West-Beamte! Johannes spielte mit einem äußerst rüstigen Familien-Richter im Vorruhestand Tennis, der als Senatspräsident mit zusätzlichen Bezügen und Ostzuschlag ans Gericht nach Dresden wechselte. Spitzenpolitiker, die in  Dr. Kohls Kabinett keinen lukrativen Platz fanden, wurden Ministerpräsidenten oder Vorstandsvorsitzende in Sachsen oder sonst wo.
  Während der sauer verdiente und schmerzlich abgezweigte „Soli“ der Kleinbürger derart verbraten wurde, machten andere groß Kasse. Nach kurzer Zeit ging es im so genannten Mittelstand nur noch darum, dafür zu sorgen, selbst ans Ende der Nahrungskette zu gelangen, wenn man als kleiner Fisch nicht vorne im Schwarm mit schwimmen und leichte Beute werden wollte. Doch egal was einer auch anstellte, dahinter lauerten stets noch die Finanz-Haie der Großbanken: Faule Kredite? Pleite-Bauunternehmer zahlen ihre Handwerker-Rechnungen nicht? Das sind doch alles nur Peanuts! Und wenn sich schon mal eine Bank den Bruch gehoben hatte am Ostgeschäft, dann wurde sie gleich vom nächst größeren Hai geschluckt. Manager der Misswirtschaft mussten als einzige Konsequenz nur befürchten, die Millionenabfindungen nicht  renditeträchtig genug platzieren zu können, die sie für ihre Fehlleistungen einsteckten, bevor sie anderswo weiter wirkten.
  Die wiederwahlträchtige Zoom-Perspektive „nationale Einheit“ wurde der Real-Politik in so unmittelbarer Bürgernähe deshalb rasch zu eng. Also wechselte sie schnell die Objektive und fokussierte sie auf das parallel zu einigende Europa, die Durchsetzung der Gleichmacher-Währung Euro und das Tanzen auf dem globalen Parkett. -  Als gäbe es daheim nicht genug Probleme.
  Es konnte aber auch keiner, der dabei sein wollte,  wirklich eine Atempause machen oder Besinnung anmahnen. Hatte das Fax noch beinahe ein Jahrzehnt gebraucht, um zu einem Kommunikationsmedium ersten Ranges zu reifen, veränderte die „Acceleration“ im Bereich der Personal Computer die Welt zunächst im Jahres-, dann im Monats und Ende der 1990er bereits im Wochenrhythmus.
  Johannes, der noch Handsatz im Winkelhaken gelernt hatte und in Notfällen bei Redaktionsschluss in den frühen 1970ern eine Linotype-Setzmaschine bedienen konnte, hatte das Wesen der Digitalisierung zwar nie wirklich begriffen und unterhielt zu jeder neuen Computer- und Software-Generation ein sich ständig vom Neulernen geprägtes Hass-Liebe-Verhältnis. Aber er hatte schon über die Entwicklungsstufen Composer-Satz und Formsatz-Filmbelichtung die Chancen erkannt, die einem kleinen Büro zuwuchsen, wenn es permanent in neue digitale Technologien investierte. Mit anderen Worten – er konnte in Folge seiner Abstraktion Vorreiter in der Medientechnik und ihrer gezielten Anwendung im produzierenden Journalismus werden, obwohl er diese technisch überhaupt nicht begriff. Das ganze Programmierer-Kauderwelsch, die Tatsache, dass es sich immer  irgendwie nur um Einsen und Nullen handeln sollte, ging ihm einfach nicht in den Kopf. Cornelius, sein Sohn, der seinen ersten Computer mit acht bekam, nahm diese Dinge besser auf als jeden anderen Lernstoff und diente ihm fortan quasi als Blindenhund.
  Allerdings riskierte Johannes durch seine chronische Unkenntnis, dass er ein ums andere Mal Opfer der neuen Gier auch in dieser Branche wurde. Unausbleibliche Falsch- oder Fehlinvestitionen konnte er aber schneller ausgleichen als beispielsweise mancher Großverlag, der auf Veranlassung von teuren Beratern erst kräftig in ein auf Großrechner gestütztes „maßgeschneidertes“ Text-Erfassungssystem investierte und dann in ihm verharren musste, während andere bereits erkannt hatten, dass immer leistungsfähigere PCs mit ständig verbesserter Software und einfacher Vernetzung wesentlich leistungsfähiger Computer-to-plate produzieren konnten. Wem gehörten die meisten Großrechner-Betriebe? Richtig, den Großbanken und Versicherungen.
  Weil er mit der Nase am Boden voraushechelte wie ein Spürhund, nahm er die Veränderung im Volkscharakter und den menschlichen Klimawandel allgemein erst wieder wahr, als er sich nach 26 Monaten Arbeit ohne Pause einen Weitblick gönnte.  In St. Christoph am Arlberg genehmigte er sich nach dem Skifahren auf der Sonnenterrasse  der Hospiz-Alm eine außergewöhnliche Flasche Rotwein mit Blick in die Ferne. Es war das Faschingswochenende 1991 mit traumhaften Schneeverhältnissen, aber das durfte nur dezent genossen werden, denn es herrschte Krieg.
  Wo immer sonst auch normalerweise Fasenacht oder Karneval gefeiert wurde, blieben alle Narren und Jecken stumm. George Bush der Ältere – der Bush ohne  „Dabbelju“ – hatte seinem einstigen Waffenkameraden aus dem Golfkrieg Eins gegen den Iran, Saddam Hussein, die Freundschaft aufgekündigt und ihm mit UN-Unterstützung den zweiten Golf-Krieg erklärt. Es ging natürlich wieder mal ums Öl, und da ordneten selbstverständlich auch alle christlich sozialen europäischen Vasallen pietätvoll und solidarisch ein staatliches Lach- und Spaßverbot an. Johannes war ohnehin ein Faschingsmuffel, aber ihn ärgerte bereits da die unreflektierte Verbeugungshaltung der übrigen Nationen vor einem US-Präsidenten dessen Familienwurzeln tief in den Sumpf des internationalen und oft recht schmierigen Ölgeschäfts reichten. Er nahm sich vor, künftig wieder stärker auf persönliche Wahrnehmungen zu vertrauen. Aber das machte ihn nicht gefeit gegen das Unfassbare.
  Ein Jahr später saß die streng katholische Lana Mukovic verheult am Frühstückstisch der Goerzens. Die kroatische Haushaltshilfe aus einem Dorf an der Grenze zu Bosnien hatte soeben alle nicht zwecks Arbeit in Deutschland lebenden Familienangehörigen verloren. Unter dem Deckel von Titos Vielvölker-Kochtopf einander seit Jahrzehnten friedlich gesonnene – ja eigentlich befreundete  -  Nachbarn, die sich einer muslimischen Miliz angeschlossen hatten, seien in das nagelneue Haus der Mukovic eingedrungen und hatten die im Keller versteckten Großeltern, Tanten, Nichten, Neffen und Enkel massakriert, ehe sie alles zusammengeschossen oder angesteckt haben. Es war Rosenmontag 1992 und draußen in Deutschland tobten die Narren. Selbst dann dachte keiner je wieder daran, sie zu bremsen, als die Schrecken von Srebrenica in die Nachrichten sickerten oder die Rotgrüne Koalition zum Ende des Jahrtausends - eigentlich gegen  eigene programmatische Grundsätze und moralisch schon gar nicht mit der Verfassung konform - deutsche Soldaten im NATO-UN-Verbund zu den IFOR und SFOR-Truppen als Verstärkung und mit Kommando-Funktion auf den Balkan und in den Kosovo entsandte.
  Johannes war seit seiner Jugend viel zu nah am „Way of Life“ dran gewesen, um seine aufkommenden Ressentiments als antiamerikanisch zu betrachten. Es war wieder einmal das verstärkte Oben gegen Unten, dass ihm zunehmend unbehaglich wurde. Als ihm einer seiner Vertragspartner einmal in einem Wutanfall an den Kopf geworfen hatte, was für ein schrecklicher Machtmensch er sei, hatte er diesen Vorwurf empört von sich gewiesen. Spätere Unterstellungen dieser Art konterte er mit einem Wortspiel:
  Wenn einer Macht ausübe, weil er gerne etwas mache – also Spaß am Machen habe - dann bekenne er sich als Macher der Machtausübung schuldig. Macht-Ausübung per se empfand er hingegen als unappetitlich und brachte das auch immer wieder deutlich zum Ausdruck… Das Bibel-Zitat – Matthäus 16,26 „Was hülfe es dem Menschen, wenn einer die ganze Welt gewänne und nähme doch Schaden an seiner Seele“ schien ihm für sich selbst  als Drohpotenzial - nach dem, was er durchgemacht hatte – als sehr tauglich.
  Zunehmend hatte er in diesen Jahren mit jungen Männern zu tun – er war  jetzt auch schon über vierzig – die sich aufgrund ihres Wissens um Einsen und Nullen, den nach oben wirbelnden Topjob-Spiralen der Digitalisierung verschrieben hatten. Sie blieben meist nicht lange genug, um sich in der Führung von Personal und in der Alltagstauglichkeit bei der Umsetzung ihrer glorreichen Ideen zu beweisen, aber sie konnten unendlichen Schaden anrichten. Johannes gewöhnte sich in der ihm ganz eigenen, mitunter die Falschen verletzenden, Arroganz an, von ihnen als Einsen und Nullen zu reden, die erst einmal vor das Komma rutschen mussten. Man erkannte sie leicht an ihrem in teueren Seminaren angeeigneten, geschliffenen aber seelenlosen Vortragsstil, an den in den Spitzen gefärbten Designer-Frisuren, bisweilen (als verstecktes Zeichen für Verwegenheit) einem winzigen Brilli im Ohrläppchen und an einem Kleidungskodex, der Nadelstreifen - mit Ausnahme vom Sport, dem Solarium und der abschließenden  Gemeinschaftssauna - zwingend vorschrieb.
  Er musste sich bei Begegnungen mit dieser Spezies häufig an eine Chefetage in Dortmund erinnern, die er seit Mitte der Achtziger regelmäßig als Kreativer für ein Beratungsgremium aufzusuchen hatte. Die Anfälle in der Runde reichten von Ersticken bis hin zu unbehaglicher  Empörung, als er dort in Lederjacken und Jeans auftauchte. Seine Kleidung beeinträchtigte die Wahrheitsfindung bei der Arbeit möglicher Weise derart, dass der leibhaftige Vorstand ihn zur Seite nehmen musste, um ihm „gemäße“ Kleidung an zu empfehlen. Es war jene erwähnte Wurstigkeitsphase, die Johannes in die Verweigerung trieb und die dann immerhin beim Wechsel in die Neunziger das Tragen von Sportsakkos und Hemden mit Schals zu legeren Hosen bei seinen Gesprächspartnern als Teilerfolg seines Auflehnens zeitigte.
  Dieser Vorstand, dem die Nadelstreifen offenbar wichtiger waren als die moralische Hygiene in den Reihen seiner Mitstreiter, fand eines Tages nichts dabei, Johannes bei einer prekären Situation in seinem Aufsichtsrat um Rat im Umgang mit einer möglicher Weise investigativen Presse zu fragen. Ein Vorstandskollege – zudem mit allen rechtlichen Problemen des Konzerns verantwortlich betraut – hatte mit erheblich zu viel Alkohol im Blut einen Verkehrsunfall verursacht und Fahrerflucht begangen. Dadurch, dass die Polizei bei der sofort einsetzenden Ermittlung durch eine Phalanx „opferbereiter“ Mitarbeiter musste, konnte der Alkohol schließlich nicht mehr nachgewiesen werden, aber es gab Zeugen. Die würden ihn ohne Probleme identifizieren können. Johannes kannte den Mann mit den verschlagen zerschlagenen Gesichtszügen eines ewigen Burschenschaftlers, der es schon immer gewohnt war, dass ihn die „alten Herren“ seiner schlagenden Verbindung bei „Streichen“ heraus hauten. Der Doktor magna cum laude der Jurisprudenz  trank daher auch schon immer zu viel und näherte sich in diesem Zustand laut, prahlerisch und völlig ungehemmt erst den Couleur-Damen und später dem weiblichen Teil seiner jeweiligen privaten oder geschäftlichen Umgebung in äußerst unziemlicher Weise.
  Johannes wollte sich deshalb nicht zum Handlanger dieser Doppelmoral machen lassen. Er fand auch, dass – nach allem, was er bislang von dem Herren selbst gesehen und aus verlässlicher Quelle gehörte hatte – so jemand trotz aller Qualifikationen im Prinzip für einen Weltkonzern nicht halt- und tragbar sein konnte. In der festen Überzeugung, seinem stets um die Etikette besorgten Gegenüber einen professionellen Gefallen zu tun, umriss Johannes dem Vorstand ein schonungsloses Charakter-Bild, das von beifälligem Nicken und zustimmenden, scheinbar resignierendem Seufzen begleitet wurde. Nach dem Essen in einem vornehmen Tennis-Club wurde ihm für sein Konzept eines dezenten Rücktritts des „Fahrerflüchtlings“  überschwänglich gedankt.
  Die Geschichte ging jedoch anders aus als erwartet. Der Vorstand war in Wirklichkeit der engste Freund des zweifelhaften Charakters und Patenonkel seiner Kinder gewesen. Also war Johannes seinen Beraterjob los. Der fahrerflüchtige Jurist hingegen tauchte nach einem kurzen Sanatoriumsaufenthalt wegen ärztlich begutachteten Tablettenunverträglichkeiten durch ein ansehnliches Bußgeld geläutert als Chef des neuen Firmensitzes in Moskau wieder auf. Das Bußgeld konnte der Jurist durch den siebenstelligen Ostzuschlag auf seine bisherigen Vorstandsbezüge auch leicht verkraften. Dass die besonderen Eigenschaften dieses Mannes im hemdsärmeligen Millionario-Milieu der neureichen Moskowiter gewinnbringend ankamen, zeigten die kommenden Jahre der Putin-Administration. Kaum eine deutsch-russische Delegation kam bei den Fernsehbildern und Pressefotos ohne das zerhackte Gesicht im Hintergrund aus… Bis eine „russische Lösung“ der Karriere ihm ein doch noch frühes und nachhaltiges Ende bereitete.
  Dass Johannes nach diesen Erfahrungen künftig nicht gerade ein Freund der „Nieten in Nadelstreifen“ war, als die sie der mutigere Kollege Günter Ogger in seinen brillant recherchierten Büchern über die deutsche Wirtschaft entlarvte, war klar. Aber Johannes lebte nun mal von Ihnen. Vor allem aber besonders gut, wenn sie seinen grundsätzlichen Warnspruch nicht beherzigten:
  „Wer sich in die Öffentlichkeit begibt, kommt darin um!“
  Wenn Johannes heute in seinem dritten Leben davon liest, was die Schwarzgeld-Jongleure der Weltkonzerne so alles unternehmen, um durch Bestechung, Vorteilsgewährung und Untreue an Großaufträge zu kommen oder gegen das Kartellrecht verstoßende Preisabsprachen zu tätigen, dann verhielten sich die Incentives, die er in den Neunzigern organisierte, vergleichsweise wie VW-Sexorgien in Rio zu einer Geburtstagsfeier in einem Montessori-Kindergarten. Aber die Gier begann ja erst zu wachsen.
  Aus der Erkenntnis, dass an Manager mit hohen Einkommen zwecks ihrer Einbindung in lukrative geschäftliche Netzwerke damals noch nicht so leicht heran zu kommen war, organisierte Johannes Seminar-Reisen mit besonderem Erlebnis-Charakter. Dem, was man früher als Incentives, also Belohnungen für Tüchtigkeit oder Wohlverhalten, vom Fiskus begünstigt gewähren durfte, war immer weiter der Riegel der „geldwerten Vorteile“ vorgeschoben worden.
  Johannes, der Kenner der geheimsten Reiseziele, suchte sich also Leute, die zu aktuellen Themen profiliert reden konnten und versuchte ihnen in exklusiven Tischrunden Zuhörer zuzuordnen, die wiederum gegenseitig und untereinander von einer solchen Bekanntschaft profitieren konnten – selbst wenn es am Ende nur Namedropping oder das vertrauensvolle, beim gemeinsamen Sport entstandene Du mit einer VIP war. Wenn nichts beim allgemeinen Schwanzlängenvergleich der Nadelstreifen die Wirkung übertraf, als bekannt zu sein mit bekannten Größen der Gesellschaft, dann halfen letztlich ganz sicher die exklusiven Abenteuer, mit denen Johannes seine „Chef-Seminare“ bisweilen ausstattete. Vom Riverrafting in Colorado bis zum Heli-Skiing in Kanada, Vom Big-Game Hochsee-Angeln auf den Blue Marlin vor Mauritius bis zu einer Regatta auf einem Admiral’s-Cupper rund um Antigua. Es waren Veranstaltungen mit unvermeidlichem Rein- manchmal aber auch einem viel wertvolleren Lustgewinn für Johannes. Denn manchen der Mega-Macho-Maulhelden-Manager konnte man ganz nebenbei in den steilen Buckeln eines Couloirs auf Ski herrlich den Schneid abkaufen oder man brachte sie im unmenschlichen Wasserdruck eines Canyons auf das Normalmaß ihrer physischen Präsenz als Erdenmenschen zurück.
  Die zunehmend ostentative Fixierung auf die Eigenheiten jener Menschen, deren Eitelkeit er nutzte und in seinen Lebensunterhalt ummünzte, wäre dem Johannes der Achtziger längst eine Warnung gewesen. Die Wut, die ihn beim Nachdenken über Menschen und Mächte überkam, grenzte seine nicht weg zu leugnende persönliche Beteiligung – mag sie auch noch so klein gewesen sein – nicht dauerhaft aus. Johannes schleppte als Bürde daher ein permanent wachsendes schlechtes Gewissen mit sich herum. Es dauerte nicht lang, da spiegelte sich dieses wider in beängstigend realem Traumgeschehen.
  Seit er Dr. Treibers Analytiker-Couch entronnen war, hatte er seine Träume nicht mehr memoriert und in folge dessen auch nicht mehr versucht, sie aufzuschreiben oder gar zu deuten. Jetzt waren sie wegen ihrer physischen Auswirkungen beim Aufstehen am Morgen derart präsent, dass sie ihre Deutung geradezu erzwangen. Als sich eines Tages die fixe Idee von der Welt als eine Art Chaos-Uhr festsetzte, wuchs in Johannes die berechtigte Angst, dass die Anfälle wiederkommen würden.
  In diesem sich  in minimalen Variationen wiederholenden Traum drehte sich der Erdball wie beim Film-Intro von Universal Pictures. Doch die Bunte Oberfläche wich bald und gab einen Blick ins innere des Globus frei. Es begann im Hirn des Schlafenden - Jahre bevor dies digitaltechnisch derart möglich war – eine virtuelle Kamerafahrt durch ein riesiges Uhrwerk. Die Vision jagte ihn durch monströse Zahnräder. Johannes flog wie in einem Meteoritenschwarm aus kleinen Zahnrädern mit, die bekannte Gesichter trugen. Eines nach dem anderen verzahnte sich, wie auf Befehl einer höheren Macht und veränderte die Bewegung der Riesenräder. Nur Johannes schwirrte herum und fand seinen Platz in diesem Räderwerk nicht. Je länger der Irrflug dauerte, desto enger wurden die Zwischenräume in diesem Universum aus verzahnten Sternen. Eine Kollision schien unvermeidlich. Doch als er endlich jenseits der Chaos-Uhr in eine totale Schwärze eintauchte, war dieses schwarze Loch der eigentliche Alptraum.
  Der Anfall, der sich nach einer Pause von genau sieben Jahren einstellte, tat das mit bis dahin nicht gekannter Heftigkeit während einer Fotoproduktion auf den Gletscherfeldern am Kitzsteinhorn im Salzburger Land. Gerade noch hatte er mit den Models gescherzt und das Wetterglück gepriesen und befreit die dünne Luft eingeatmet, als er unvermittelt zu schrumpfen begann. Die Motorkamera in seinen Händen wurde so schwer, dass er sie in den Schnee fallen ließ. Die Gletschersonne blendete ihn trotz Sonnenbrille so stark, dass er zusammensank und den Kopf im Schnee barg. Von allen Seiten schwangen Menschen heran, lösten ihre Ski und sprachen auf ihn ein. Aber er hörte sie nur aus weiter Ferne und sie ragten so hoch über ihm auf, dass sie ihm angst machten. Zwei, drei Minuten dauerte diese Phase der Hilflosigkeit. Dann war er wieder in den normalen Proportionen, aber so schwach, dass er von Zitteranfällen durchgeschüttelt wurde.
  Nein, das sei keine Herzattacke gewesen. Ja, er brauche keine Bergwacht, weil er selber ins Tal fahren könne. Nein, man müsse keinen Ersatz-Fotografen buchen, die Sachen seien im Kasten. Ja, er sei jetzt vernünftig und mache für heute Schluss. Nein, er bräuchte keine Begleitung. Es ginge schon.
  Es ging natürlich nicht. Er brauchte zur Bergstation der Gondelbahn, die er normalerweise bei wenig Betrieb und im Renntempo in zwei, drei Minuten erreichte eine Viertelstunde.  Ihm wurden immer wieder die Knie weich, aber er wollte sich dennoch nicht den Tunnel der näher gelegenen Gletscher-Standseilbahn antun. Seit er in den frühen Siebzigern bei der Jungfernfahrt mit dem für den Bau verantwortlichen Oberingenieur Fazekas dabei gewesen war und ein paar ganz persönliche Informationen eingeholt hatte, machte ihm dieses Wunderwerk der Technik bei aller Faszination angst. Nachdem die Gondelbahn in den Achtzigern parallel zu ihr gebaut worden war, vermied er die Standseilbahn wegen der Panik vor seinen Tunnelängsten, wo es ging und steckte wohl indirekt auch einige Mitarbeiter damit an.
  Zufall oder Bestimmung – jedenfalls hatte dies möglicherweise dazu beigetragen, dass die Redakteure und die ihnen für einen Test anvertrauten Kinder sieben Jahre später einem der beiden Infernos, die für Johannes das Jahrzehnt der Habgier beendeten, entgingen.
 
  Die Johannes-Passion der Neunziger wurde in punkto seelischer und physischer Leidensfähigkeit deutlich schmerzhafter als die erste, weil die einst so unerschöpflich scheinende Körperkraft  nicht mehr zu ihrem Ausgleich beitragen konnte. Die Ärzte diagnostizierten den Gletscheranfall als ersten präkomatösen Überzuckerungsschub, der noch am folgenden Tag Werte von über 400 ml im Blut ergab. Genauso schnell wie diese hohen Werte aufgetaucht waren, verschwanden sie allerdings auch wieder. Kein Grund für Johannes, sein Leben groß zu ändern! Auch als innerhalb von zwölf Monaten zwei Darmoperationen und drei Nierenstein-Zertrümmerungen folgten, gab es keine höhere Einsicht. Zwar machte sich Johannes in den Momenten akuter Schmerzen erhebliche Selbstvorwürfe, aber da er sich immer noch schnell wieder erholte, hielten auch gute Vorsätze die Gesundheit betreffend nicht lange vor. In Wahrheit hatten ihn die Habgier und der Zeittunnel derart im Griff, dass er den Kollateralschaden billigend in Kauf nahm. Die singulären Selbstmordversuche waren einem einzigen großen Garausmachen seiner Ichs gewichen.

  Johannes merkte nicht, wie er einen Freund nach dem anderen verlor. Weil er sich unmerklich abwandte und auch Beziehungen, die rein gar nichts mit den Geschäften zu tun hatten, vernachlässigte. Dazu kam, dass einer seiner Ziehväter ihn nachhaltig warnte, er habe zu viele falsche Freunde; ein gefundenes Fressen für seine aufs Neue aktivierte Paranoia.

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