Die eher
legendäre Schmerzunempfindlichkeit, die Johannes in seiner Kindheit unterstellt
wurde, schien sich seiner mit dem Wandel der Welt zu Beginn der 1990er erneut
zu bemächtigen. Da er zwischen Passionen, die Leidenschaft bedeuteten und
denen, die Leidensfähigkeit implizierten, selbst längst nicht mehr zu
unterscheiden vermochte, wirkte er auf sein Umfeld zunehmend astral - wie ein
Ritter Ajax in schimmernder Rüstung. Die Erholungspause, die ihm das
vorübergehende Abklingen seiner seelischen Zustände gewährte, jedoch war
trügerisch. Auf den einfachen Nenner einer primitiven Psychoanalyse gebracht,
hatten seine paranoiden Tendenzen während der 80er nur eines bewirkt: Ein Teil
seines Ichs hatte es versäumt, erwachsen zu werden.
Dieses naive
Ich, das sich leidenschaftlich ausliefern wollte und sich voller Vertrauen
hingab, provozierte geradezu Enttäuschungen. Besonders bei Menschen, denen
unterstellt werden konnte, ihm
eigentlich nur Gutes tun zu wollen. So wurde Johannes in den Jahren, in denen
die Weltordnung aus den Fugen geriet, vom Boden der Realität gehoben und in
eine Art Zeitschlund gewirbelt, aus dem es kein Entrinnen gab. Er war so
dankbar, anscheinend von der Angst befreit zu sein, dass er nicht merkte, wie
scheinbar das alles in Wirklichkeit war. Tatsächlich waren die Schmerzen da und
quälender als jemals zuvor, aber er betäubte sie mit dicken Vorratspaketen aus
Wohlsein und Wohlstand. Wobei er den fatalen Irrtum zuließ, letzterer bedingte
das erstere.
Ehe er sich
besann, war er zu einem Mitläufer im Jahrzehnt der Habgier geworden. Jeder, der
diese Zeit miterlebt und ähnlich empfunden hatte, mag dessen Beginn und Ende
anders markiert haben. Für Johannes jedoch fiel dessen Anfang damit zusammen,
dass er 1991 endgültig Maximen über Bord warf, die er zuvor nur angekratzt hatte:
Er wurde ein noch größerer Arbeitgeber und - wie er sich gerne tröstete – „nur“
aus steuerlichen Gründen Vermieter. Aus seiner sozialromantischen Weltsicht
hatte vorher nichts dagegen gesprochen, mit Hilfe von Arbeitnehmern anderer,
viel Geld zu verdienen. Mietwohnungen zu besitzen und eine Gesellschaft zu
gründen, war jedoch eindeutig kapitalistisches Gebaren.
Das in der
Realität verharrende, für einige Jahre abgetauchte Realo-Ich hätte bewusste
Wahrnehmungen schon als Euphorie-Bremse einbringen können, aber offenbar wollte
es kein Spielverderber sein.
„Wer die
Fenster weit aufmacht, bekommt viel frische Luft, muss aber akzeptieren, dass
auch ein paar Fliegen hereinkommen“, hatte der gleichaltrige Bürgermeister von
Shanghai, Zhu Rongii, ein paar Jahre zuvor auf einem Bankett gesagt, in dessen
Verlauf er mit Johannes auf Bruderschaft getrunken und mit ihm eine Flasche des
sündteuren Bambus-Schnapses „Mao Tai“ geleert hatte. Jetzt nach dem Massaker
vom Tien’anmen und den folgenden Kurskorrekturen der Vernunftliga war er, der
Nachfahre der Ming Dynastie, bereits ins
Zentralkomitee aufgerückt und hatte den wohl nachhaltigsten Wandel einer
„Weltmetropole der Habgier“ innerhalb eines Jahrzehntes eingeleitet. Jedenfalls
erkannte Johannes rund um Nanking Road und Bund kaum noch etwas wieder, als er zehn Jahre, nachdem
er den zweiten der neu eingeführten Fremden-Führerscheine auf einem
Hotel-Parkplatz gemacht hatte, wieder in die Stadt kam.
Der
charismatische Demokratieprobierer Gorbatschow war von dem alkoholisierten
Tanzbären Boris Jelzin erst gerettet,
dann entmachtet und schließlich abgelöst worden. Die GUS-Staaten
verfielen einem gesplitteten Neo-Zarismus, in dem - wie auch in der
Volksrepublik China - in Rekordzeiten selbst gemachte Milliardäre aus den
Rohstoff- und Handels-Wüsten des real existiert habenden Kommunismus
heranwuchsen. Diese machten dem ebenfalls auf Handel, Öl und anderen
Bodenschätzen gegründeten Geldadel Nordamerikas natürlich angst. In einer Zeit,
da alle Zeichen auf Friede, Freude, Eierkuchen wiesen und eine dauerhaft
gewaltfreie Koexistenz der Weltmächte so denkbar war wie nie zuvor, mussten nun
ganz einfach neue Konflikte her.
Johannes - wie
die meisten seiner nun bald 80 Millionen Landsleute – war so damit beschäftigt,
seinen Teil zum Kultivieren blühender Landschaften beizutragen, dass er erst
mit zwei, drei Jahren Verspätung merkte, wie sehr er einem
Milliarden-Mark-Missverständnis aufgesessen war. Das geeinigt Volk mit dem
vermeintlichen Wir-Gefühl war derart in Bewegung, dass so ziemlich alles
zertrampelt wurde, was im Ansatz keimte. Denn die aus „Neufünfland“ wollten nix
wie rüber zu den besseren Löhnen, während die mit den besseren Löhnen und den
höheren Steuersätzen aus den alten Bundesländern in den altehrwürdigen
Neu-Metropolen zu luxussanierenden Ruinen-Baumeistern für einen Besitz- und
Wohnbedarf wurden, den weniger haben wollten, als gedacht und versprochen… Weil
das Volk permanent an sich vorbeifuhr, hätte es sich vermutlich am besten in
den Autobahn-Raststätten vereinigt. Die,
die den Versprechen geglaubt hatten und „drüben“ blieben, vergrößerten meist
nur das Heer der Arbeitslosen und Rentner aber nicht das Brutto-Sozialprodukt.
Wie sollten die sich also ihre teure neue alte Heimat noch lange leisten
können? Es wuchs ein gegenseitiges Klima der Intoleranz.
Und dann war da
auch noch noch die Angst vor fahrlässiger Resteverwertung, der untergegangenen
Staatssicherheit der DDR: Was für ein Fressen für pensionierte West-Beamte!
Johannes spielte mit einem äußerst rüstigen Familien-Richter im Vorruhestand
Tennis, der als Senatspräsident mit zusätzlichen Bezügen und Ostzuschlag ans
Gericht nach Dresden wechselte. Spitzenpolitiker, die in Dr. Kohls Kabinett keinen lukrativen Platz
fanden, wurden Ministerpräsidenten oder Vorstandsvorsitzende in Sachsen oder
sonst wo.
Während der
sauer verdiente und schmerzlich abgezweigte „Soli“ der Kleinbürger derart
verbraten wurde, machten andere groß Kasse. Nach kurzer Zeit ging es im so
genannten Mittelstand nur noch darum, dafür zu sorgen, selbst ans Ende der
Nahrungskette zu gelangen, wenn man als kleiner Fisch nicht vorne im Schwarm
mit schwimmen und leichte Beute werden wollte. Doch egal was einer auch
anstellte, dahinter lauerten stets noch die Finanz-Haie der Großbanken: Faule
Kredite? Pleite-Bauunternehmer zahlen ihre Handwerker-Rechnungen nicht? Das
sind doch alles nur Peanuts! Und wenn sich schon mal eine Bank den Bruch
gehoben hatte am Ostgeschäft, dann wurde sie gleich vom nächst größeren Hai
geschluckt. Manager der Misswirtschaft mussten als einzige Konsequenz nur
befürchten, die Millionenabfindungen nicht
renditeträchtig genug platzieren zu können, die sie für ihre
Fehlleistungen einsteckten, bevor sie anderswo weiter wirkten.
Die
wiederwahlträchtige Zoom-Perspektive „nationale Einheit“ wurde der Real-Politik
in so unmittelbarer Bürgernähe deshalb rasch zu eng. Also wechselte sie schnell
die Objektive und fokussierte sie auf das parallel zu einigende Europa, die
Durchsetzung der Gleichmacher-Währung Euro und das Tanzen auf dem globalen
Parkett. - Als gäbe es daheim nicht
genug Probleme.
Es konnte aber
auch keiner, der dabei sein wollte,
wirklich eine Atempause machen oder Besinnung anmahnen. Hatte das Fax
noch beinahe ein Jahrzehnt gebraucht, um zu einem Kommunikationsmedium ersten
Ranges zu reifen, veränderte die „Acceleration“ im Bereich der Personal
Computer die Welt zunächst im Jahres-, dann im Monats und Ende der 1990er
bereits im Wochenrhythmus.
Johannes, der
noch Handsatz im Winkelhaken gelernt hatte und in Notfällen bei
Redaktionsschluss in den frühen 1970ern eine Linotype-Setzmaschine bedienen
konnte, hatte das Wesen der Digitalisierung zwar nie wirklich begriffen und
unterhielt zu jeder neuen Computer- und Software-Generation ein sich ständig
vom Neulernen geprägtes Hass-Liebe-Verhältnis. Aber er hatte schon über die
Entwicklungsstufen Composer-Satz und Formsatz-Filmbelichtung die Chancen
erkannt, die einem kleinen Büro zuwuchsen, wenn es permanent in neue digitale
Technologien investierte. Mit anderen Worten – er konnte in Folge seiner
Abstraktion Vorreiter in der Medientechnik und ihrer gezielten Anwendung im
produzierenden Journalismus werden, obwohl er diese technisch überhaupt nicht
begriff. Das ganze Programmierer-Kauderwelsch, die Tatsache, dass es sich immer irgendwie nur um Einsen und Nullen handeln
sollte, ging ihm einfach nicht in den Kopf. Cornelius, sein Sohn, der seinen
ersten Computer mit acht bekam, nahm diese Dinge besser auf als jeden anderen
Lernstoff und diente ihm fortan quasi als Blindenhund.
Allerdings
riskierte Johannes durch seine chronische Unkenntnis, dass er ein ums andere
Mal Opfer der neuen Gier auch in dieser Branche wurde. Unausbleibliche Falsch-
oder Fehlinvestitionen konnte er aber schneller ausgleichen als beispielsweise
mancher Großverlag, der auf Veranlassung von teuren Beratern erst kräftig in
ein auf Großrechner gestütztes „maßgeschneidertes“ Text-Erfassungssystem
investierte und dann in ihm verharren musste, während andere bereits erkannt
hatten, dass immer leistungsfähigere PCs mit ständig verbesserter Software und
einfacher Vernetzung wesentlich leistungsfähiger Computer-to-plate produzieren
konnten. Wem gehörten die meisten Großrechner-Betriebe? Richtig, den Großbanken
und Versicherungen.
Weil er mit der
Nase am Boden voraushechelte wie ein Spürhund, nahm er die Veränderung im
Volkscharakter und den menschlichen Klimawandel allgemein erst wieder wahr, als
er sich nach 26 Monaten Arbeit ohne Pause einen Weitblick gönnte. In St. Christoph am Arlberg genehmigte er
sich nach dem Skifahren auf der Sonnenterrasse
der Hospiz-Alm eine außergewöhnliche Flasche Rotwein mit Blick in die
Ferne. Es war das Faschingswochenende 1991 mit traumhaften Schneeverhältnissen,
aber das durfte nur dezent genossen werden, denn es herrschte Krieg.
Wo immer sonst
auch normalerweise Fasenacht oder Karneval gefeiert wurde, blieben alle Narren
und Jecken stumm. George Bush der Ältere – der Bush ohne „Dabbelju“ – hatte seinem einstigen
Waffenkameraden aus dem Golfkrieg Eins gegen den Iran, Saddam Hussein, die
Freundschaft aufgekündigt und ihm mit UN-Unterstützung den zweiten Golf-Krieg
erklärt. Es ging natürlich wieder mal ums Öl, und da ordneten
selbstverständlich auch alle christlich sozialen europäischen Vasallen
pietätvoll und solidarisch ein staatliches Lach- und Spaßverbot an. Johannes
war ohnehin ein Faschingsmuffel, aber ihn ärgerte bereits da die unreflektierte
Verbeugungshaltung der übrigen Nationen vor einem US-Präsidenten dessen
Familienwurzeln tief in den Sumpf des internationalen und oft recht schmierigen
Ölgeschäfts reichten. Er nahm sich vor, künftig wieder stärker auf persönliche
Wahrnehmungen zu vertrauen. Aber das machte ihn nicht gefeit gegen das
Unfassbare.
Ein Jahr später
saß die streng katholische Lana Mukovic verheult am Frühstückstisch der
Goerzens. Die kroatische Haushaltshilfe aus einem Dorf an der Grenze zu Bosnien
hatte soeben alle nicht zwecks Arbeit in Deutschland lebenden
Familienangehörigen verloren. Unter dem Deckel von Titos Vielvölker-Kochtopf
einander seit Jahrzehnten friedlich gesonnene – ja eigentlich befreundete -
Nachbarn, die sich einer muslimischen Miliz angeschlossen hatten, seien
in das nagelneue Haus der Mukovic eingedrungen und hatten die im Keller
versteckten Großeltern, Tanten, Nichten, Neffen und Enkel massakriert, ehe sie
alles zusammengeschossen oder angesteckt haben. Es war Rosenmontag 1992 und
draußen in Deutschland tobten die Narren. Selbst dann dachte keiner je wieder
daran, sie zu bremsen, als die Schrecken von Srebrenica in die Nachrichten
sickerten oder die Rotgrüne Koalition zum Ende des Jahrtausends - eigentlich
gegen eigene programmatische Grundsätze
und moralisch schon gar nicht mit der Verfassung konform - deutsche Soldaten im
NATO-UN-Verbund zu den IFOR und SFOR-Truppen als Verstärkung und mit
Kommando-Funktion auf den Balkan und in den Kosovo entsandte.
Johannes war
seit seiner Jugend viel zu nah am „Way of Life“ dran gewesen, um seine
aufkommenden Ressentiments als antiamerikanisch zu betrachten. Es war wieder
einmal das verstärkte Oben gegen Unten, dass ihm zunehmend unbehaglich wurde.
Als ihm einer seiner Vertragspartner einmal in einem Wutanfall an den Kopf
geworfen hatte, was für ein schrecklicher Machtmensch er sei, hatte er diesen
Vorwurf empört von sich gewiesen. Spätere Unterstellungen dieser Art konterte
er mit einem Wortspiel:
Wenn einer
Macht ausübe, weil er gerne etwas mache – also Spaß am Machen habe - dann
bekenne er sich als Macher der Machtausübung schuldig. Macht-Ausübung per se
empfand er hingegen als unappetitlich und brachte das auch immer wieder
deutlich zum Ausdruck… Das Bibel-Zitat – Matthäus 16,26 „Was hülfe es dem
Menschen, wenn einer die ganze Welt gewänne und nähme doch Schaden an seiner
Seele“ schien ihm für sich selbst als
Drohpotenzial - nach dem, was er durchgemacht hatte – als sehr tauglich.
Zunehmend hatte
er in diesen Jahren mit jungen Männern zu tun – er war jetzt auch schon über vierzig – die sich
aufgrund ihres Wissens um Einsen und Nullen, den nach oben wirbelnden
Topjob-Spiralen der Digitalisierung verschrieben hatten. Sie blieben meist
nicht lange genug, um sich in der Führung von Personal und in der
Alltagstauglichkeit bei der Umsetzung ihrer glorreichen Ideen zu beweisen, aber
sie konnten unendlichen Schaden anrichten. Johannes gewöhnte sich in der ihm
ganz eigenen, mitunter die Falschen verletzenden, Arroganz an, von ihnen als
Einsen und Nullen zu reden, die erst einmal vor das Komma rutschen mussten. Man
erkannte sie leicht an ihrem in teueren Seminaren angeeigneten, geschliffenen
aber seelenlosen Vortragsstil, an den in den Spitzen gefärbten
Designer-Frisuren, bisweilen (als verstecktes Zeichen für Verwegenheit) einem
winzigen Brilli im Ohrläppchen und an einem Kleidungskodex, der Nadelstreifen -
mit Ausnahme vom Sport, dem Solarium und der abschließenden Gemeinschaftssauna - zwingend vorschrieb.
Er musste sich
bei Begegnungen mit dieser Spezies häufig an eine Chefetage in Dortmund
erinnern, die er seit Mitte der Achtziger regelmäßig als Kreativer für ein
Beratungsgremium aufzusuchen hatte. Die Anfälle in der Runde reichten von
Ersticken bis hin zu unbehaglicher
Empörung, als er dort in Lederjacken und Jeans auftauchte. Seine
Kleidung beeinträchtigte die Wahrheitsfindung bei der Arbeit möglicher Weise
derart, dass der leibhaftige Vorstand ihn zur Seite nehmen musste, um ihm
„gemäße“ Kleidung an zu empfehlen. Es war jene erwähnte Wurstigkeitsphase, die
Johannes in die Verweigerung trieb und die dann immerhin beim Wechsel in die
Neunziger das Tragen von Sportsakkos und Hemden mit Schals zu legeren Hosen bei
seinen Gesprächspartnern als Teilerfolg seines Auflehnens zeitigte.
Dieser
Vorstand, dem die Nadelstreifen offenbar wichtiger waren als die moralische
Hygiene in den Reihen seiner Mitstreiter, fand eines Tages nichts dabei,
Johannes bei einer prekären Situation in seinem Aufsichtsrat um Rat im Umgang
mit einer möglicher Weise investigativen Presse zu fragen. Ein Vorstandskollege
– zudem mit allen rechtlichen Problemen des Konzerns verantwortlich betraut –
hatte mit erheblich zu viel Alkohol im Blut einen Verkehrsunfall verursacht und
Fahrerflucht begangen. Dadurch, dass die Polizei bei der sofort einsetzenden
Ermittlung durch eine Phalanx „opferbereiter“ Mitarbeiter musste, konnte der
Alkohol schließlich nicht mehr nachgewiesen werden, aber es gab Zeugen. Die
würden ihn ohne Probleme identifizieren können. Johannes kannte den Mann mit
den verschlagen zerschlagenen Gesichtszügen eines ewigen Burschenschaftlers,
der es schon immer gewohnt war, dass ihn die „alten Herren“ seiner schlagenden
Verbindung bei „Streichen“ heraus hauten. Der Doktor magna cum laude der
Jurisprudenz trank daher auch schon
immer zu viel und näherte sich in diesem Zustand laut, prahlerisch und völlig
ungehemmt erst den Couleur-Damen und später dem weiblichen Teil seiner jeweiligen
privaten oder geschäftlichen Umgebung in äußerst unziemlicher Weise.
Johannes wollte
sich deshalb nicht zum Handlanger dieser Doppelmoral machen lassen. Er fand
auch, dass – nach allem, was er bislang von dem Herren selbst gesehen und aus
verlässlicher Quelle gehörte hatte – so jemand trotz aller Qualifikationen im
Prinzip für einen Weltkonzern nicht halt- und tragbar sein konnte. In der
festen Überzeugung, seinem stets um die Etikette besorgten Gegenüber einen
professionellen Gefallen zu tun, umriss Johannes dem Vorstand ein
schonungsloses Charakter-Bild, das von beifälligem Nicken und zustimmenden,
scheinbar resignierendem Seufzen begleitet wurde. Nach dem Essen in einem
vornehmen Tennis-Club wurde ihm für sein Konzept eines dezenten Rücktritts des
„Fahrerflüchtlings“ überschwänglich
gedankt.
Die Geschichte
ging jedoch anders aus als erwartet. Der Vorstand war in Wirklichkeit der
engste Freund des zweifelhaften Charakters und Patenonkel seiner Kinder
gewesen. Also war Johannes seinen Beraterjob los. Der fahrerflüchtige Jurist
hingegen tauchte nach einem kurzen Sanatoriumsaufenthalt wegen ärztlich
begutachteten Tablettenunverträglichkeiten durch ein ansehnliches Bußgeld
geläutert als Chef des neuen Firmensitzes in Moskau wieder auf. Das Bußgeld konnte
der Jurist durch den siebenstelligen Ostzuschlag auf seine bisherigen Vorstandsbezüge
auch leicht verkraften. Dass die besonderen Eigenschaften dieses Mannes im
hemdsärmeligen Millionario-Milieu der neureichen Moskowiter gewinnbringend
ankamen, zeigten die kommenden Jahre der Putin-Administration. Kaum eine
deutsch-russische Delegation kam bei den Fernsehbildern und Pressefotos ohne
das zerhackte Gesicht im Hintergrund aus… Bis eine „russische Lösung“ der
Karriere ihm ein doch noch frühes und nachhaltiges Ende bereitete.
Dass Johannes
nach diesen Erfahrungen künftig nicht gerade ein Freund der „Nieten in
Nadelstreifen“ war, als die sie der mutigere Kollege Günter Ogger in seinen
brillant recherchierten Büchern über die deutsche Wirtschaft entlarvte, war
klar. Aber Johannes lebte nun mal von Ihnen. Vor allem aber besonders gut, wenn
sie seinen grundsätzlichen Warnspruch nicht beherzigten:
„Wer sich in
die Öffentlichkeit begibt, kommt darin um!“
Wenn Johannes
heute in seinem dritten Leben davon liest, was die Schwarzgeld-Jongleure der
Weltkonzerne so alles unternehmen, um durch Bestechung, Vorteilsgewährung und
Untreue an Großaufträge zu kommen oder gegen das Kartellrecht verstoßende
Preisabsprachen zu tätigen, dann verhielten sich die Incentives, die er in den
Neunzigern organisierte, vergleichsweise wie VW-Sexorgien in Rio zu einer
Geburtstagsfeier in einem Montessori-Kindergarten. Aber die Gier begann ja erst
zu wachsen.
Aus der
Erkenntnis, dass an Manager mit hohen Einkommen zwecks ihrer Einbindung in
lukrative geschäftliche Netzwerke damals noch nicht so leicht heran zu kommen
war, organisierte Johannes Seminar-Reisen mit besonderem Erlebnis-Charakter.
Dem, was man früher als Incentives, also Belohnungen für Tüchtigkeit oder
Wohlverhalten, vom Fiskus begünstigt gewähren durfte, war immer weiter der
Riegel der „geldwerten Vorteile“ vorgeschoben worden.
Johannes, der
Kenner der geheimsten Reiseziele, suchte sich also Leute, die zu aktuellen
Themen profiliert reden konnten und versuchte ihnen in exklusiven Tischrunden
Zuhörer zuzuordnen, die wiederum gegenseitig und untereinander von einer
solchen Bekanntschaft profitieren konnten – selbst wenn es am Ende nur
Namedropping oder das vertrauensvolle, beim gemeinsamen Sport entstandene Du
mit einer VIP war. Wenn nichts beim allgemeinen Schwanzlängenvergleich der
Nadelstreifen die Wirkung übertraf, als bekannt zu sein mit bekannten Größen
der Gesellschaft, dann halfen letztlich ganz sicher die exklusiven Abenteuer,
mit denen Johannes seine „Chef-Seminare“ bisweilen ausstattete. Vom
Riverrafting in Colorado bis zum Heli-Skiing in Kanada, Vom Big-Game
Hochsee-Angeln auf den Blue Marlin vor Mauritius bis zu einer Regatta auf einem
Admiral’s-Cupper rund um Antigua. Es waren Veranstaltungen mit unvermeidlichem
Rein- manchmal aber auch einem viel wertvolleren Lustgewinn für Johannes. Denn
manchen der Mega-Macho-Maulhelden-Manager konnte man ganz nebenbei in den
steilen Buckeln eines Couloirs auf Ski herrlich den Schneid abkaufen oder man
brachte sie im unmenschlichen Wasserdruck eines Canyons auf das Normalmaß ihrer
physischen Präsenz als Erdenmenschen zurück.
Die zunehmend
ostentative Fixierung auf die Eigenheiten jener Menschen, deren Eitelkeit er
nutzte und in seinen Lebensunterhalt ummünzte, wäre dem Johannes der Achtziger
längst eine Warnung gewesen. Die Wut, die ihn beim Nachdenken über Menschen und
Mächte überkam, grenzte seine nicht weg zu leugnende persönliche Beteiligung –
mag sie auch noch so klein gewesen sein – nicht dauerhaft aus. Johannes schleppte
als Bürde daher ein permanent wachsendes schlechtes Gewissen mit sich herum. Es
dauerte nicht lang, da spiegelte sich dieses wider in beängstigend realem
Traumgeschehen.
Seit er Dr.
Treibers Analytiker-Couch entronnen war, hatte er seine Träume nicht mehr
memoriert und in folge dessen auch nicht mehr versucht, sie aufzuschreiben oder
gar zu deuten. Jetzt waren sie wegen ihrer physischen Auswirkungen beim
Aufstehen am Morgen derart präsent, dass sie ihre Deutung geradezu erzwangen.
Als sich eines Tages die fixe Idee von der Welt als eine Art Chaos-Uhr
festsetzte, wuchs in Johannes die berechtigte Angst, dass die Anfälle
wiederkommen würden.
In diesem
sich in minimalen Variationen
wiederholenden Traum drehte sich der Erdball wie beim Film-Intro von Universal
Pictures. Doch die Bunte Oberfläche wich bald und gab einen Blick ins innere
des Globus frei. Es begann im Hirn des Schlafenden - Jahre bevor dies
digitaltechnisch derart möglich war – eine virtuelle Kamerafahrt durch ein
riesiges Uhrwerk. Die Vision jagte ihn durch monströse Zahnräder. Johannes flog
wie in einem Meteoritenschwarm aus kleinen Zahnrädern mit, die bekannte
Gesichter trugen. Eines nach dem anderen verzahnte sich, wie auf Befehl einer
höheren Macht und veränderte die Bewegung der Riesenräder. Nur Johannes
schwirrte herum und fand seinen Platz in diesem Räderwerk nicht. Je länger der
Irrflug dauerte, desto enger wurden die Zwischenräume in diesem Universum aus
verzahnten Sternen. Eine Kollision schien unvermeidlich. Doch als er endlich jenseits
der Chaos-Uhr in eine totale Schwärze eintauchte, war dieses schwarze Loch der
eigentliche Alptraum.
Der Anfall, der
sich nach einer Pause von genau sieben Jahren einstellte, tat das mit bis dahin
nicht gekannter Heftigkeit während einer Fotoproduktion auf den
Gletscherfeldern am Kitzsteinhorn im Salzburger Land. Gerade noch hatte er mit
den Models gescherzt und das Wetterglück gepriesen und befreit die dünne Luft
eingeatmet, als er unvermittelt zu schrumpfen begann. Die Motorkamera in seinen
Händen wurde so schwer, dass er sie in den Schnee fallen ließ. Die
Gletschersonne blendete ihn trotz Sonnenbrille so stark, dass er zusammensank
und den Kopf im Schnee barg. Von allen Seiten schwangen Menschen heran, lösten
ihre Ski und sprachen auf ihn ein. Aber er hörte sie nur aus weiter Ferne und
sie ragten so hoch über ihm auf, dass sie ihm angst machten. Zwei, drei Minuten
dauerte diese Phase der Hilflosigkeit. Dann war er wieder in den normalen
Proportionen, aber so schwach, dass er von Zitteranfällen durchgeschüttelt
wurde.
Nein, das sei
keine Herzattacke gewesen. Ja, er brauche keine Bergwacht, weil er selber ins
Tal fahren könne. Nein, man müsse keinen Ersatz-Fotografen buchen, die Sachen
seien im Kasten. Ja, er sei jetzt vernünftig und mache für heute Schluss. Nein,
er bräuchte keine Begleitung. Es ginge schon.
Es ging
natürlich nicht. Er brauchte zur Bergstation der Gondelbahn, die er
normalerweise bei wenig Betrieb und im Renntempo in zwei, drei Minuten
erreichte eine Viertelstunde. Ihm wurden
immer wieder die Knie weich, aber er wollte sich dennoch nicht den Tunnel der
näher gelegenen Gletscher-Standseilbahn antun. Seit er in den frühen Siebzigern
bei der Jungfernfahrt mit dem für den Bau verantwortlichen Oberingenieur
Fazekas dabei gewesen war und ein paar ganz persönliche Informationen eingeholt
hatte, machte ihm dieses Wunderwerk der Technik bei aller Faszination angst.
Nachdem die Gondelbahn in den Achtzigern parallel zu ihr gebaut worden war,
vermied er die Standseilbahn wegen der Panik vor seinen Tunnelängsten, wo es
ging und steckte wohl indirekt auch einige Mitarbeiter damit an.
Zufall oder
Bestimmung – jedenfalls hatte dies möglicherweise dazu beigetragen, dass die
Redakteure und die ihnen für einen Test anvertrauten Kinder sieben Jahre später
einem der beiden Infernos, die für Johannes das Jahrzehnt der Habgier
beendeten, entgingen.
Die
Johannes-Passion der Neunziger wurde in punkto seelischer und physischer
Leidensfähigkeit deutlich schmerzhafter als die erste, weil die einst so unerschöpflich
scheinende Körperkraft nicht mehr zu
ihrem Ausgleich beitragen konnte. Die Ärzte diagnostizierten den
Gletscheranfall als ersten präkomatösen Überzuckerungsschub, der noch am
folgenden Tag Werte von über 400 ml im Blut ergab. Genauso schnell wie diese
hohen Werte aufgetaucht waren, verschwanden sie allerdings auch wieder. Kein
Grund für Johannes, sein Leben groß zu ändern! Auch als innerhalb von zwölf
Monaten zwei Darmoperationen und drei Nierenstein-Zertrümmerungen folgten, gab
es keine höhere Einsicht. Zwar machte sich Johannes in den Momenten akuter
Schmerzen erhebliche Selbstvorwürfe, aber da er sich immer noch schnell wieder
erholte, hielten auch gute Vorsätze die Gesundheit betreffend nicht lange vor.
In Wahrheit hatten ihn die Habgier und der Zeittunnel derart im Griff, dass er
den Kollateralschaden billigend in Kauf nahm. Die singulären Selbstmordversuche
waren einem einzigen großen Garausmachen seiner Ichs gewichen.
Johannes merkte
nicht, wie er einen Freund nach dem anderen verlor. Weil er sich unmerklich
abwandte und auch Beziehungen, die rein gar nichts mit den Geschäften zu tun
hatten, vernachlässigte. Dazu kam, dass einer seiner Ziehväter ihn nachhaltig
warnte, er habe zu viele falsche Freunde; ein gefundenes Fressen für seine aufs
Neue aktivierte Paranoia.
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