Manche Journalisten und Schriftsteller
beschäftigen sich vor allem aus Narzissmus mit dem Gedanken, den genauen
Zeitpunkt des eigenen Todes selber festzulegen. Die Inszenierung des eigenen,
bewusst herbei geführten Ablebens gehört zum Dogma des "publish or
perish" wie die Schreibblockade und die schon mal auf Probe im Kopf zu recht
gelegte Dankesrede. Für den Fall, dass das Bemühen doch eines Tages mit einem
großen Preis ausgezeichnet wird, möchte man ja nicht plötzlich wortlos
dastehen.
Johannes dachte in den Momenten seiner
Entscheidung natürlich anders! Er hatte in seinem Leben eine Reihe spektakulärer
Kollegen-Abgänge zu verkraften gehabt. Am Ende blieb aber immer häufiger der
Zorn auf die Eitelkeiten und die Rücksichtslosigkeit gegenüber den
Hinterbliebenen. Eine Zeit lang war der souveräne, ruhige und logisch
begründete Abgang des Fernsehjournalisten Dieter Gütt die Messlatte für die
eigenen Überlegungen gewesen. Doch dann gewann bei ihm die Erkenntnis Oberhand,
dass ein Freitod sauber und spurlos stattzufinden habe. Auf keinen Fall ein
Seppuko! Und schon gar nicht ein Szenario, das jemanden, der einen vielleicht
doch geliebt hätte, vor den Kopf stieße.
Atze Volling, der Schussredakteur eines
Magazins, für das Johannes in den Siebzigern erotische Kurzgeschichten
geschrieben hatte, zum Beispiel: Der gebürtige Berliner, dem böse Zungen nachgesagt
hatten, er sei so akkurat gewesen, dass er selbst eine Bahnsteigkarte redigiert
hätte, hatte sich offenbar die
Überbewertung der Sexualität in den Texten, die er tag ein, tag aus zu
bearbeiten hatte, zu sehr zu Herzen
genommen. Als er mit sechzig die ersten Potenzstörungen zu erleiden hatte,
teilte er seinen Kollegen mit, er werde Schluss
machen:
"Leute, jetz haik'n Platt'n. Det war's
denn!" Er ging in ein Antiquariat, kaufte sich ein Anatomie-Buch, vermass
seinen Brustkorb genau und markierte ihn mit einem Kugelschreiber. Die Punkte
rund ums Herz verband er mit Linien. Dort, wo sie sich kreuzend bündelten,
setzte er dann die "Nullacht" auf, die er seit seiner Zeit als
"Pimpf" aus den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs behalten und
liebevoll gepflegt hatte. Ein Blutbad! Seine 25 Jahre jüngere Freundin, die in
letzter Zeit eigentlich ganz dankbar gewesen war, dass sie nicht mehr so oft
ran musste, fand ihn so - und landete für eine Weile mit Horrorvisionen und
Schuldgefühlen in der Psychiatrie.
Eine nahe Freundin von Johannes geriet sogar
unter den Verdacht unterlassener Hilfeleistung. Ihr Mann, ein Kollege (und -
wie Johannes diese Spezies Männer zu nennen Pflegte - ein typischer
Schwanzlängenvergleicher) aus der Sportjournalistenszene hatte sich nach dem
Frühjahrsputz im Garten kurz in den Keller verabschiedet, um die Gartenmöbel
hoch zu holen. Als er nicht gleich wieder
kam, war seine Frau in der Annahme, er habe noch etwas zu reparieren,
auf ein paar Glas Wein zum Tratschen mit der Nachbarin nach nebenan gegangen.
Als sie ihn später fand, hatte er sich mit einem alten Gartenschlauch um den
Hals kopfüber die Kellertreppe hinunter gestürzt - das lose Ende am Geländer
befestigt. Ausgerechnet er, der aus allem einen Wettkampf gemacht hatte und nicht
müde geworden war, mit seinen Siegen zu prahlen, beschwerte sich in seinem
Abschiedsbrief, er habe den Konkurrenzdruck unter den Kollegen nicht länger
ertragen...
Nur einmal hatte Johannes bei dem Freitod
eines Berufsgenossen geheult wie ein Schlosshund. Karl Gerhardt, ein
Agentur-Journalist, mit dem sich Johannes bei den Olympischen Spielen in
Montreal einen Schreibtisch im Pressezentrum geteilt hatte, war nicht länger
mit seinem Doppelleben klar gekommen. Er hatte heimlich neben der langweiligen
und nur zu oft anonymen
Agentur-Berichterstattung einen Roman über einen Schafkopf-Weltmeister
aus dem bayerischen Plattling geschrieben. Eine Mischung aus Reportage und
Sittengemälde, das im Laden nicht sonderlich, bei den Kritikern jedoch sehr
erfolgreich war. Johannes hatte es aber dessen ungeachtet für eines der besten
Stücke zeitgenössischer Deutscher Literatur gehalten. Gerhardt hatte in der
Folge vor allem mit bayrischen Kollegen seine Probleme, aber auch mit
beruflicher Eifersucht. Da saß nun inmitten all der verqualmten
Hemdsärmeligkeit der Wochenend-Zeilenschinder einer, der zu einer Syntax in der
Lage war, die ihnen allen unerreichbar erscheinen musste und nahm ihnen
womöglich Aufträge weg. Gerhardt stürzte sich von der Mangfall-Autobahnbrücke.
Er hinterließ zwei kleine Kinder, eine Frau und fünfzig vorsignierte
Lese-Exemplare vom "Schafkopf-Weltmeister".
Wann immer Johannes an seine Erlebnisse mit
Tobi dachte, wuchs die stille Würde dieser Zeremonie zu "seinem"
Szenario: Gewissermaßen ein letztes Boot besteigen und auf dem Strahl des
Vollmondes auf nimmer Wiedersehen in die endlose Nacht. Keiner hätte Mühe mit
der Bestattung, niemand wäre traumatisiert - und es brauchte auch keinen
Bruder, der ihn in einem Koffer bis zum rechten Zeitpunkt mit sich herum
schleppte. Er bestimmte ihn ja selbst.
Seit er nach Italien übersiedelt und seine
Ehe nach fast 40 Jahren gemeinsamen Lebens in die Brüche gegangen war, besaß er
ein richtiges für das Fischen auf dem offenen Meer taugliches Boot mit Steuerhaus, Kajüte und Echolot. Er
hatte es in Voraussicht "L’Ultima" getauft.
Zwölf Wochen nach der "Nacht der
Entscheidung" schaltete er bei Vollmond die Positionslichter an, startete
den Diesel, schluckte 100 Milligramm Valium mit einem preisgekrönten Rosso
Superiore von Dolceaqua und glitt hinaus auf das vom Erdtrabanten erhellte
Mittelmeer. Der Tank war voll. Auf 1200 Touren mit Fangfahrt-Geschwindigkeit
würde er mindestens 48 Stunden auf
Südsüdwest schippern - da hätten aber die nicht ganz zu fixierenden
Konter-Muttern an der Welle, die er nie halbwegs dicht bekommen hatte und der
Mangel an Insulin in seinem Körper schon längst ihren ergänzenden Beitrag
geleistet...
Eine kleine Abschiedsbotschaft hatte er sich
allerdings nicht verkneifen können. Einen kryptischen Text als
Bildschirmschoner an seinem Computer, aber den würden nur die verstehen,für die
er gedacht war:
More
to come!?
No more
cum!
Come no more!
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