Freitag, 25. Oktober 2013

L'Ultima

  Manche Journalisten und Schriftsteller beschäftigen sich vor allem aus Narzissmus mit dem Gedanken, den genauen Zeitpunkt des eigenen Todes selber festzulegen. Die Inszenierung des eigenen, bewusst herbei geführten Ablebens gehört zum Dogma des "publish or perish" wie die Schreibblockade und die schon mal auf Probe im Kopf zu recht gelegte Dankesrede. Für den Fall, dass das Bemühen doch eines Tages mit einem großen Preis ausgezeichnet wird, möchte man ja nicht plötzlich wortlos dastehen.
  Johannes dachte in den Momenten seiner Entscheidung natürlich anders! Er hatte in seinem Leben eine Reihe spektakulärer Kollegen-Abgänge zu verkraften gehabt. Am Ende blieb aber immer häufiger der Zorn auf die Eitelkeiten und die Rücksichtslosigkeit gegenüber den Hinterbliebenen. Eine Zeit lang war der souveräne, ruhige und logisch begründete Abgang des Fernsehjournalisten Dieter Gütt die Messlatte für die eigenen Überlegungen gewesen. Doch dann gewann bei ihm die Erkenntnis Oberhand, dass ein Freitod sauber und spurlos stattzufinden habe. Auf keinen Fall ein Seppuko! Und schon gar nicht ein Szenario, das jemanden, der einen vielleicht doch geliebt hätte, vor den Kopf stieße.
  Atze Volling, der Schussredakteur eines Magazins, für das Johannes in den Siebzigern erotische Kurzgeschichten geschrieben hatte, zum Beispiel: Der gebürtige Berliner, dem böse Zungen nachgesagt hatten, er sei so akkurat gewesen, dass er selbst eine Bahnsteigkarte redigiert hätte, hatte sich  offenbar die Überbewertung der Sexualität in den Texten, die er tag ein, tag aus zu bearbeiten hatte,  zu sehr zu Herzen genommen. Als er mit sechzig die ersten Potenzstörungen zu erleiden hatte, teilte er seinen Kollegen mit, er werde Schluss  machen:
  "Leute, jetz haik'n Platt'n. Det war's denn!" Er ging in ein Antiquariat, kaufte sich ein Anatomie-Buch, vermass seinen Brustkorb genau und markierte ihn mit einem Kugelschreiber. Die Punkte rund ums Herz verband er mit Linien. Dort, wo sie sich kreuzend bündelten, setzte er dann die "Nullacht" auf, die er seit seiner Zeit als "Pimpf" aus den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs behalten und liebevoll gepflegt hatte. Ein Blutbad! Seine 25 Jahre jüngere Freundin, die in letzter Zeit eigentlich ganz dankbar gewesen war, dass sie nicht mehr so oft ran musste, fand ihn so - und landete für eine Weile mit Horrorvisionen und Schuldgefühlen in der Psychiatrie.
  Eine nahe Freundin von Johannes geriet sogar unter den Verdacht unterlassener Hilfeleistung. Ihr Mann, ein Kollege (und - wie Johannes diese Spezies Männer zu nennen Pflegte - ein typischer Schwanzlängenvergleicher) aus der Sportjournalistenszene hatte sich nach dem Frühjahrsputz im Garten kurz in den Keller verabschiedet, um die Gartenmöbel hoch zu holen. Als er nicht gleich wieder  kam, war seine Frau in der Annahme, er habe noch etwas zu reparieren, auf ein paar Glas Wein zum Tratschen mit der Nachbarin nach nebenan gegangen. Als sie ihn später fand, hatte er sich mit einem alten Gartenschlauch um den Hals kopfüber die Kellertreppe hinunter gestürzt - das lose Ende am Geländer befestigt. Ausgerechnet er, der aus allem einen Wettkampf gemacht hatte und nicht müde geworden war, mit seinen Siegen zu prahlen, beschwerte sich in seinem Abschiedsbrief, er habe den Konkurrenzdruck unter den Kollegen nicht länger ertragen...
  Nur einmal hatte Johannes bei dem Freitod eines Berufsgenossen geheult wie ein Schlosshund. Karl Gerhardt, ein Agentur-Journalist, mit dem sich Johannes bei den Olympischen Spielen in Montreal einen Schreibtisch im Pressezentrum geteilt hatte, war nicht länger mit seinem Doppelleben klar gekommen. Er hatte heimlich neben der langweiligen und nur zu oft anonymen  Agentur-Berichterstattung einen Roman über einen Schafkopf-Weltmeister aus dem bayerischen Plattling geschrieben. Eine Mischung aus Reportage und Sittengemälde, das im Laden nicht sonderlich, bei den Kritikern jedoch sehr erfolgreich war. Johannes hatte es aber dessen ungeachtet für eines der besten Stücke zeitgenössischer Deutscher Literatur gehalten. Gerhardt hatte in der Folge vor allem mit bayrischen Kollegen seine Probleme, aber auch mit beruflicher Eifersucht. Da saß nun inmitten all der verqualmten Hemdsärmeligkeit der Wochenend-Zeilenschinder einer, der zu einer Syntax in der Lage war, die ihnen allen unerreichbar erscheinen musste und nahm ihnen womöglich Aufträge weg. Gerhardt stürzte sich von der Mangfall-Autobahnbrücke. Er hinterließ zwei kleine Kinder, eine Frau und fünfzig vorsignierte Lese-Exemplare vom "Schafkopf-Weltmeister".
  Wann immer Johannes an seine Erlebnisse mit Tobi dachte, wuchs die stille Würde dieser Zeremonie zu "seinem" Szenario: Gewissermaßen ein letztes Boot besteigen und auf dem Strahl des Vollmondes auf nimmer Wiedersehen in die endlose Nacht. Keiner hätte Mühe mit der Bestattung, niemand wäre traumatisiert - und es brauchte auch keinen Bruder, der ihn in einem Koffer bis zum rechten Zeitpunkt mit sich herum schleppte. Er bestimmte ihn ja selbst.
  Seit er nach Italien übersiedelt und seine Ehe nach fast 40 Jahren gemeinsamen Lebens in die Brüche gegangen war, besaß er ein richtiges für das Fischen auf dem offenen Meer taugliches  Boot mit Steuerhaus, Kajüte und Echolot. Er hatte es in Voraussicht "L’Ultima" getauft.
  Zwölf Wochen nach der "Nacht der Entscheidung" schaltete er bei Vollmond die Positionslichter an, startete den Diesel, schluckte 100 Milligramm Valium mit einem preisgekrönten Rosso Superiore von Dolceaqua und glitt hinaus auf das vom Erdtrabanten erhellte Mittelmeer. Der Tank war voll. Auf 1200 Touren mit Fangfahrt-Geschwindigkeit würde er mindestens 48 Stunden auf  Südsüdwest schippern - da hätten aber die nicht ganz zu fixierenden Konter-Muttern an der Welle, die er nie halbwegs dicht bekommen hatte und der Mangel an Insulin in seinem Körper schon längst ihren ergänzenden Beitrag geleistet...
 Eine kleine Abschiedsbotschaft hatte er sich allerdings nicht verkneifen können. Einen kryptischen Text als Bildschirmschoner an seinem Computer, aber den würden nur die verstehen,für die er gedacht war:
   
                                              More to come!?
                                                    
                                      No more cum!
                                                              
                                                                     Come no more!



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