Mittwoch, 11. September 2013

Nari

Wenn Johannes einen Vergleich angestellt hätte, was den jungen Zivildienstleistenden Anfang 20 von dem gescheiterten Unternehmer Ende 50 unterschieden hätte, wäre er zu einem erschütternden Ergebnis gekommen: Rein gar nichts!

Johannes sah seinen Lebensweg, als hätte der Tor Simplicius Simplicissimus von Jakob von Grimmelshausen in ihm persönlich eine Wiedergeburt erfahren. Zeit seines Lebens war er naiv in Situationen geschlittert, weil er gutmütig davon ausging, dass die, denen er begegnete, ihm genau so wenig Böses wollten, wie er ihnen. Selbst als er erkannt hatte, dass er nur durch simples Glück das erreicht hatte, was er geschafft hat, wäre ihm nicht in den Sinn gekommen, als Reaktion seinem Denken und Lenken einen Schuss Boshaftigkeit hinzu zu fügen.

Die nächsten sechs Woche im zivilen Ersatzdienst waren ein handfester Beleg für diese These. Das Arrangement mit Krieg, dem Chefkoch, konnte mit Fug und Recht als Initialzündung zu seiner  Autoren-Laufbahn  gewertet werden. Im Vollbesitz seiner physischen und psychischen Kräfte schaffte er sich hinein in einen 16-Stunden-Job:

Nach dem Kartoffelbrei, marschierte er hinüber in die Redaktion vom BERGSPORT, wo er bald zum Alleinunterhalter aufstieg, weil der avisierte „Schriftleiter“, der das alles übernehmen sollte, nicht in Erscheinung trat. Den Setzern und Druckern der angeschlossenen grafischen Betriebe war das nur recht, weil sich Johannes, wenn es eng wurde, schon mal selbst an die Linotype setze, um Überschriften zu setzen. Auch die Vorstufe hatte er bald auf seiner Seite, weil jeder seiner Klebe-Umbrüche und die mit der Scheibe berechneten Bilder im Format stimmten. Gut, dass er das alles gelernt hatte. Es gab nur ein Problem: Ab 16Uhr30 musste er wieder drüben in der Krankenhaus-Küche sein, um die Geschirrspül-Waschstraße zu bestücken und anzufahren.

Richtig  problematisch wurde es bei den Spätschichten, wenn er vor 18Uhr30  nicht vom Band weg kam. Wirtschaftspressekonferenzen wurden in jener Zeit auch abends angesetzt, weil ja die Berichterstatter zusätzlich  zu den Informationen mit fulminanten Buffets und Alkohol bis zum Abwinken gewogen gestimmt werden sollten. Geschäftsberichte, Prognosen und Produktvorstellungen wurden aber da noch stilvoll – auch von den Schreiberlingen – mit Kragen und Krawatte, mitunter sogar im dreiteiligen Anzug entgegen genommen. Für Johannes bedeutete das, dass er sich in seinem engen Sportwagen aus der Küchenkluft schälen und meist ungeduscht in ein anderes Outfit zwängen musste. Dabei gelang es ihm zwar sich äußerlich den nötigen Anschein zu geben, aber der Geschirrspül-Dunst begleitete ihn unschön in das meist feine Ambiente der Konferenzen.

Einmal stand der Ausrichter so einer Konferenz mit rümpfender Nase neben ihm. Ein kleiner, bösartig grinsender, rothaariger Typ mit Halbglatze, die anscheinend von einem gewaltigen, gezwirbelten Schnauzer konterkariert werden sollte:
„Selbst der beste Zwirn nützt bei mangelnder Körperpflege nix!“, meinte der Kerl pomadig.
Johannes hatte da schon einen 14-Stunden-Job hinter sich und reagierte sauer aber ehrlich:
„Ich habe zuvor in meinem Ersatzdienst zwei Stunden an einer Geschirr-Waschstraße gestanden. Was wollen Sie? Dass ich gut rieche, oder Ihre Message gedruckt unter die Leute bringe!“
„Ich stehe hier, weil mir die Art, wie du berichtest, gefällt. Ich wollte fragen, ob du vielleicht für mich arbeiten willst, aber ich wusste ja nicht, dass du Zivi bist.“
„Was stört dich daran?“ Von Anfang an hatten sie sich geduzt, obwohl der Mann Macht ausstrahlte und bestimmt mehr als zehn Jahre älter war.
„Überhaupt nichts. Ich war auch nicht beim Bund. Aber da wird es dann wohl ein Zeitproblem geben...“
„Na, noch habe ich Kapazitäten frei: Montags, aber auch am Dienstag und Freitag sitze ich je drei Stunden in der Redaktion und mache da gerade den BERGSPORT  ganz allein. Mittwoch und Donnerstag habe ich noch  Freistunden, und jedes zweite Wochenende steht auch zu meiner  freien Verfügung“

Aus diesem Büfett-Gespräch ergab sich eine merkwürdige geschäftliche Beziehung, die im Laufe beider Leben immer wieder einmal aufgenommen wurde. „Klöten-Kalle“, „Hoden-Heinzi“ oder „Zwirbel-Zwerg“ – wie ihn Freunde und Feinde treffend nannten - war zwar Legastheniker und tat sich auch mit dem Rechnen schwer, das hatte ihn aber nicht daran gehindert, in der Werbebranche zum Schootingstar der 70er  zu werden; – aber auch mit Ende 20 seinen ersten Herzinfarkt zu überleben...

Zunächst hatte Johannes Mittwoch und Donnerstag für die hippen Sportproduzenten, die Kunden des Promoters waren, einen wöchentlichen Pressedienst zusammen zu stellen. Fünf Seiten neutrale Ratgeber-Redaktion und dazu 15 Seiten möglichst druckbar getarnte Produkt-Nachrichten.
„Du bekommst 50 Mark und ein Büro mit einer super Sekretärin.“
„50 Mark für 20 Seiten? Da schäle ich ja lieber Kartoffeln““
„50 Mark pro Seite und dazu Fahrtspesen. Das Büro ist in Gräfelfing.“

In den folgenden  sechs Wochen arbeitete sich Johannes in einen regelrechten Rausch hinein. Er merkte nicht ansatzweise, dass er vielleicht  Raubbau mit seinen Kräften trieb. Vermutlich war er zu diesem Zeitpunkt einer der einkommensstärksten Zivis der Republik, was ihm keiner neidete, weil er keine der Aufgaben vernachlässigte, und auch keiner wirklich von anderen Tätigkeiten  ahnte.


"Mümmel", seine Sekretärin, wurde in seinem Time-Management (das man damals noch gar nicht so nannte) der Dreh- und Angelpunkt. Sie war im Herbst zuvor Miss Oktoberfest gewesen und vor allem durch herausragende, körperliche Vorzüge im Dirndl aufgefallen. "Abgelegte" hatten es im Übrigen  gut, bei dem verheirateten  Werbe-Boss, der seine Spitznamen ja irgendwo herhaben musste. Sie war ein demütiger, herzensguter Charakter und nahm die Zusammenarbeit mit Johannes so ernst, dass sie viel von ihm lernte. Mit den Männern hatte es  bei ihr später zwar weiterhin nicht recht geklappt, aber dafür machte sie durch Fleiß und Zuverlässigkeit als Produktionsleiterin  von bedeutenden Blättern Karriere.

Johannes bekam - da vertragslos - durch seine mit Namen gezeichneten Ratgeber-Artikel in dem Pressedienst jede Menge Anfragen, Kolumnen zu schreiben. Keinen Monat später hatte er bereits Aufträge der führenden Wirtschafts- und einer auflagenstarken Sonntagszeitung. Der "Zwirbel-Zwerg" hatte gar nichts dagegen, - Er was ja kein Verleger, sondern schielte auf die Werbebotschaften, die es mit dem wachsenden Namen seines Autoren auch in seinen Kassen klingeln ließ. Für Johannes bedeutete das aber, dass Nachtschichten eingelegt werden mussten. Solche Nächte endeten nicht selten mit einer leeren Whisky-Flasche und einem überquellenden XXL-Aschenbecher. Es war nur eine Frage der Zeit, wann die meist nicht mehr als vier Stunden Schlaf sich bemerkbar machen sollten. Denn natürlich war er pünktlich bei seinen anderen Verpflichtungen.

Ja, wie ist das mit einem Rausch? Irgendwann erwacht der Zecher mit einem fürchterlichen Kater. Bei Johannes wurde er aber dessen Opfer, weil er mit einem Vorsatz gebrochen hatte: Halte dich aus der Politik heraus!

Ein Staatssekretär, der Ippen hieß oder so ähnlich, war auf die Idee gekommen, dass die Gewissensprüfung für Kriegsdienstverweigerer vor einer einseitig gepolten Prüfungskommission alleine nicht mehr zur Wahrheitsfindung über Beweggründe reichen sollte. Er hatte in einem Gesetzentwurf die Idee eingebracht, dass Ersatzdienstleistende drei Monate mehr ableisten sollten als die Wehrdienstler; das ergäbe mehr Authentizität.

Bislang hatte Johannes seine Zivi-Kollegen in dem riesigen Krankenhaus allein schon wegen seiner Vollbeschäftigung nur gelegentlich in der Kantine gesehen. Nun kam ihr gewählter Sprecher sogar eigens an die Kartoffel-Kessel und informierte ihn über das bundesweite Streikvorhaben der Zivildienstleistenden gegen diesen Ippen-Plan. Johannes sagte nicht nur seine Teilnahme zu, sondern bot auch an, mit seinen Freunden von den grafischen Betrieben ein paar Streikparolen zu drucken. Als Versammlungsort für die Streikenden wurde das Hauptportal der Klinik auserkoren. Am Streiktag war Johannes deshalb früh auf den Beinen, um seine Poster gut zu platzieren:
ZVIS IM STREIK!!! Mehr Dienst als Strafe fürs Gewissen? Weg mit dem Ippen-Plan! Der ist beschissen!

Als er drei Stunden dort stand, ohne dass ein anderer Zivi auftauchte, schwante Johannes Böses. Dann kam Frau Gehring und forderte ihn auf, sofort mit ihr zur Krankenhaus-Leitung zu kommen.
Die General-Oberin kanzelte ihn als Aufwiegler ab und ordnete eine sofortige Strafversetzung zum neuen Schwestern-Wohnheim an, das zwei Straßen weiter in Richtung Nymphenburg lag. Immerhin konnte er "Heimschläfer" bleiben, aber sein publizistischer Bauchladen würde wohl Schaden erleiden. Vielleicht sogar derart, dass er sich Appartement und Auto nicht länger würde leisten können...

In den folgenden Tagen war er dann vom Küchenbullen zum Möbelpacker mutiert. - Die Schwestern-Unterkünfte mussten ja noch möbliert werden. Noch heue ist ihm nicht klar, wie er bei acht Stunden Schlepperei täglich überhaupt noch eine gerade Zeile schreiben konnte. Es war wohl die Wut auf seine Zivi-"Kollegen", die ihm titanische Kräfte verlieh. Nach und nach sickerte durch, dass Edda Gehring das Streikvorhaben durch Androhung des Entzugs von Vergünstigungen erpresserisch unterwandert hatte. Wie Johannes hatten sich die anderen auch Lücken im Dienst zu Nutze gemacht. Einer beispielsweise der einen BRK-Lieferwagen fuhr, lieferte nebenbei mit ihm auch Pflanzen für die Elterliche Gärtnerei aus, was ihm ordentlich Trinkgeld einbrachte. Einen anderen, der seine kleine Familie aus Geldmangel (natürlich illegal aber logistisch raffiniert) in leeren Räumen des Wirtschaftsgebäudes untergebracht und sie gratis durch abgezweigte Mahlzeiten aus der Kantine ernährte, hätte es noch härter getroffen als Johannes. Edda Gehring wusste alles über jeden - natürlich auch über die "leichte Autoren-Tätigkeit" von Johannes. Fortan sprach er sie deshalb immer aus Versehen mit Frau Göring an, weil er wusste, dass der feige durch Suizid dahin geschiedene Nazi-Boss eine Tochter hatte, die auch Edda hieß. Nein, Freunde sollten beide wohl nicht mehr werden.

Was Johannes da noch nicht ahnte, war die Tatsache, dass die General-Oberin die Blockwart-Methoden der Gehring auch nicht mochte. Erst als das Einrichten der Schwestern-Unterkünfte abgeschlossen war, erfuhr Johannes, dass zu seinen neuen Aufgaben als Gärtner auch die Betreuung der Pflanzen im Penthouse-Appartement der General-Oberin gehörte: Gießen, Schneiden, Umtopfen - das führte dazu, dass Johannes die kleine, strenge aber nur scheinbar herrschsüchtige Frau etwas näher kennen lernte.

Zunächst aber staunte er über die Drei-Klassen-Gesellschaft in diesem Wohnheim: Oben die General-Oberin in einem mit dicken Persern ausgelegten und teuren Stilmöbeln bestückten 200 Quadratmeter großen gläsernem Appartement mit  Rundum-Blick auf  München. Darunter in standardisierten weißen Schleiflack-Einbau-Elementen die Rotkreuzschwestern und in den unteren Etagen in abgewetzten und zum Teil auch beschädigten Möbeln die Hilfsschwestern.

Natürlich konnte Johannes im Beisein der Herrscherin über dieses Gefüge nicht sein loses Mundwerk halten.
Erst einmal  wollte er sie aber mit seinem Wissen zur Einrichtung beeindrucken. Sie hatte einen echten Defregger im Wohnzimmer und im Essbereich eine wie ausgesucht dazu passende Bauernfamilie von Joseph Anton Koch. Aber die Käthe Kollwitz hinter ihrem Schreibtisch war wohl am meisten Wert. Ein sehr erlesener Buchara und ein Täbris, bei dem man kaum von einem Ufer zum anderen blicken konnte, rundeten das Bild vom dezenten Reichtum ab.
"Wenigstens weiß ich jetzt, dass die Einnahmen aus meinem gespendeten Blut vom BRK auch in bleibende Werte investiert werden", bemerkte Johannes flapsig, als er mal am Samstagvormittag Dienst bei ihr hatte.
"Gut erkannt, Herr Hannes!"
Sie war gar nicht ärgerlich, sondern lächelte sardonisch: "Es wird ja nicht nur Blut gespendet, sondern auch manches aus Nachlässen, das im Wert noch steigt. Nichts von all dem hier, gehört mir. Ich bin gewissermaßen nur die Hüterin der stillen Reserven, werde aber durch ihren Anblick zusätzlich entlohnt. Sind Sie jetzt enttäuscht wegen Ihrer Vorurteile?"
Merkwürdiger Weise hatte Johannes von da an - wenn auch sehr hintergründig - bei der General-Oberin einen Stein im Brett. Er hütete sich aber vor ihren taktischen Finessen und gab nichts von der Zeitklemme preis, in der er steckte, denn irgendwie würde er den Tanz auf allen Hochzeiten schon bewältigen.

Im Gewächshaus, das zu seinem Betreuungsbereich gehörte, hatte er sich mit seiner Adler-Reiseschreibmaschine hinter einem Spalier von Ficus Benjamina eine Art Schreibstube eingerichtet, die weder vom Garten aus noch vom Heim her einzusehen war. Doch ohne "Mümmel", die als Gegenleistung für ihre Fahrdienste und die Verschwiegenheit mit dem "Veloce" von Johannes durch die Stadt düsen durfte, wäre die erste Zeit nicht zu überbrücken gewesen.

Dann das Horror-Szenario: Plötzlich stand die General-Oberin währende einer Freistunde in seiner geheimen Schreibstube. An ihrer Hand eine Art "Zwillingsschwester". Der war anzusehen, dass sie dereinst auch mal so  eine herrschende Position bekleiden würde. Vorläufig war sie aber gut vierzig Jahre jünger und hatte Schlitzaugen. (Damals durfte man das noch - politisch durchaus ebenso unkorrekt  - sagen.)

"Das", lieber Herr Hannes," ist Nari, die Sprecherin unserer Koreanischen Schwesternschülerinnen, die letzten Monat eingetroffen sind. Nari und ihre Kolleginnen werden neben ihrer Schwestern-Ausbildung täglich auch Deutschkurse haben. Aber derzeit ist Nari mit ihren perfekten Englisch-Kenntnissen sprachlich quasi eine Art Verbindungsoffizier. Die Schwesternschülerinnen haben Sie in den letzten Tagen im Gewächshaus beobachtet und den Wunsch geäußert, Ihnen in Ihren Freistunden vielleicht ein wenig zur Hand gehen zu dürfen. Sie wollen mit Ihnen nicht nur Deutsch sprechen, sondern bei der Gelegenheit auch ein wenig heimisches Gemüse ziehen. Sie haben nämlich ernsthafte Probleme mit unserer Kantinen-Küche. Nari wird Ihnen auf Englisch alles weitere erklären. Für jemanden, der vor seiner Zivi-Zeit für Rainbird Publishing geschrieben hat, wird das ja wohl kein Problem sein." ...Sprach's, und war verschwunden.

Nari blieb, streckte in einer Art "Gyaku Zuki zum Sternum" ( was das war, würde Johannes erst drei Jahre später  bei dem Ghostwriting für einen Karate-Weltmeister lernen) ihre Hand vor: "Nice to meet you!"
Johannes ergriff dieses steil nach oben gereichte Händchen nicht, während dreierlei durch seinen Kopf schoss:
Erstens: Woher wusste die General-Oberin von seiner Arbeit für Rainbird?
Zweitens: Wieso kannte sie seine "Schreibstube"?
Drittens: Wer hat ihr verraten, dass die Koreanerinnen schon Kontakt mit ihm aufgenommen hatten?
Johannes legte die flachen Hände an seine Oberschenkel und verbeugte sich.
"Naeneun dangsin-ege uimu ibnida!"
"Oh! Sie sprechen ja sehr gut Koreanisch."
"Nein, absolut nicht, das haben mir Ihre Kolleginnen beigebracht. Ich bin erstaunt, dass Sie das verstanden haben", sagte Johannes wieder auf Englisch. "Und noch mehr bin ich erstaunt, dass die General-Oberin bei ihrem perfekten Nachrichtendienst nicht mitbekommen hat, dass wir schon Kohl, Soja für Sprossen, grüne Zwiebeln und grünen Koriander hier im Gewächshaus vorbereitet haben-"
"Auch ich bin Ihnen sehr verpflichtet", griff sie seine Koreanische Floskel mit einem süßen, scheuen Lächeln auf.
"Wir werden Spaß haben. Das ist nämlich mein voller Name: Nari Jaemi! Nari heißt Lilie und Jaemi Spaß. Passt das nicht großartig in ein Gewächshaus?"
Das letzte Wort sprach sie auf Deutsch.

In der Folge glich das Gewächshaus je nach Tageszeit und Schicht eher einem Bienenstock. Die Schwesternschülerinnen summten trotz ihrer Belastung stets gut gelaunt herum und degradierten Johannes mehr oder weniger zu einer Drohne. Im Handumdrehen verwandelte sich das vorher eher angestaubte Glashaus in ein Garten-Paradies. Johannes, der sich ja auch mit Sprachen nicht sonderlich schwer tat, war begeistert vom Lerneifer der jungen Frauen, die auch nach und nach für ihn nicht mehr alle gleich aussahen. Da die meisten von ihnen Fußball-Fans waren, gab er ihnen bald einige seiner einfachen Kolumnen zum Lesen. Ihrem Namen verpflichtet, hatte er aber den meisten Spaß mit der Lilie, die er gelegentlich rasant durch die Stadt chauffierte, um Behörden-Kram zu erledigen.

Als "Mümmel" sie einmal abholte, kam es zu einer denkwürdigen Begegnung zwischen der koreanischen Diwan Puppe und dem Bavaria-Model. Seine "Sekretärin" hatte in üblicher Unschuld ein enges Schnürmieder und dazu die damals gerade modischen Hotpants an. Zudem stieg die 1,80 Meter lange Frau auf Sommer-Sandalen mit 10 Zentimeter hohen Kork-Sohlen aus seinem flachen Veloce.

Nari konnte ihre Augen nicht von dem lassen, was ein Bayer als äußerst "gut eingeschenkt" bezeichnet hätte. Zu dem Zeitpunkt war Johannes, was Gleichgeschlechtliches anging, noch viel zu naiv, um dieser spontan entstandenen Freundschaft etwas anderes zuzuordnen als Sympathie. Aber so war er künftig auch seinen Chauffeur-Job los und konnte sich währenddessen ganz dem Schreiben widmen.

Es ging ihm viel zu gut, um das Damokles-Schwert über sich wahrzunehmen. Dass ihm jetzt manchmal nach einer Nachtschicht länger übel war, ließ ihn darüber nachdenken, ein wenig Dampf heraus zu nehmen. Aber als es ihm dann nicht besser ging, verdrängte er das einfach wieder.

Bezeichnender Weise war es Nari, die ihm das Leben rettete. Als sie ihn nicht ansprechbar in seiner Schreib-Ecke im Glashaus liegend fand, schaltete sie professionell - gleichgültig ob Johannes auffliegen würde oder nicht - holte einen Arzt vom nahen Mütterheim und verabreichte zur Sicherheit gleich eine Vitamin-B-Injektion. Als er aus dem Koma erwachte, wurde Johannes von einem Fiebersturm durchgeschüttelt. Später erzählte ihm die Nachtschwester, er habe 42 Grad Temperatur gehabt. Am nächsten Morgen war der Spuk vorbei, aber er war "gelber" als "seine" Koreanerinnen. Das Weiß seiner Augen war Bernstein. Selbst ihm als Laien war klar, dass er sich eine Gelbsucht eingehandelt hatte.

Offenbar war das bei Zivis, die im Mütterheim turnusmäßig auch den Verbrennungsofen für den fäkalen Abfall der Stationen bedienen mussten, schon öfter vorgekommen. Neugeborene haben oft einen Ikterus, und selbst wenn man Handschuhe trägt, kommt es wohl zu Infektionen. Für Johannes, der sich wieder total normal fühlte, bedeutete das sechs Wochen Krankenhaus-Aufenthalt im Einzelzimmer.

Als die Quarantäne aufgehoben worden war, staunten seine Besucher nicht schlecht, denn Johannes hatte aus ihm zügig eine Mini-Redaktion mit Fernseher, Telefon und Schreibtisch gemacht. Aber auch das Stationspersonal staunte nicht schlecht, wer da alles kam: koreanische Schwesternschülerinnen in Zivil, das unter Anleitung von "Mümmel" sehr sexy und "seventiesstylig" anzuschauen war. Natürlich "Mümmel" selbst - meist mit diensteifrigen Stationsärzten im Schlepptau aber auch - die General-Oberin.

Sie sagte ohne Umschweife: "Sie werden nicht in den Dienst zurück kehren Herr Hannes. Bis zum Ende Ihrer Dienstzeit werden sie vom Amtsarzt, den Sie monatlich aufzusuchen haben, krank geschrieben. Wir wollen doch vermeiden, dass Sie nach gerade mal einem halben Jahr bei uns eine lebenslange Rente beziehen müssen..."

Die Olympischen Spiele konnten kommen.



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