Johannes hatte drei Mütter: Vera sechs -,
Ulla neun - und Rita, die die ihn wirklich unter fast zehnmonatigem Leiden
während der Währungsreform geboren hatte, 31 Jahre älter als er selbst. Je nach
Reifegrad waren die Erziehungsversuche der drei weniger abgeklärt und dafür
dann mehr von dem Willen geprägt, Macht auszuüben. Es wäre nur zu verständlich
gewesen, wenn der Volksschüler in der Phase seines Heranwachsens unter diesen
Umständen ein Mädchen-Verächter geworden wäre. Wie die anderen sieben- bis
zehnjährigen Buben, die die anscheinend immer kichernden, Grüppchen bildenden
Dinger schlicht "oll" fanden.
Johannes war rückblickend fest davon überzeugt, dass die Orientierung
zum späteren Frauen-Versteher bereits in der zweiten Klasse ihren Ursprung
hatte, weil er Gaby Petersen auf dem Schulhof einmal unbeabsichtigt an der
Innenseite ihres linken Unterarms berührt hatte.
Die unvergessliche süße Wonne dieses
elektrisierenden Kontaktes war unschuldige Erotik und pure Sinnlichkeit - ohne
eben das Wissen um Sex oder gar den schwer greifbaren Begriff der Liebe. Gaby
war eine ganz normale Siebenjährige. Sie war durchschnittlich groß, trug ihr
brünettes Haar in dem damals offenbar obligaten Pferdeschwanz, und obwohl es
schon die ersten Jeans gab, bestand sie auf adretten Faltenröckchen mit
Schottenkaros, die über den pummeligen Knien endeten und von einer großen
Messing-Sicherheitsnadel zusammengehalten wurden. Dazu die passenden
Kniestrümpfe, Lack-Schnallenschuhe und nach englischem Vorbild einen Sweater
mit Phantasie-Wappen, dessen Ärmel zu den Ellbogen geschoppt wurden. Das gab
eben die besagten Unterarme frei, die Johannes immer wieder versuchte, im Spiel
kurz zu umfassen. Selbst als erwachsener Mann bei erwachsenen Frauen, die ihn
interessierten, war er manchmal noch auf der Suche, nach diesem besonderen
Kick, der ihm stets mehr gegeben hatte, als Händchen zu halten: Es war diese
samtige weiche Haut, die nicht direkt auf der Muskulatur liegt, sondern von
einem Hauch Unterhautfettgewebe zart gepuffert wird. Sie verlangte nur ein
Tasten und leichtes Streifen mit den Fingerkuppen - um für den kleinen Johannes
schon unwissentlich zu einer Obsession zu werden.
In der späteren Phase seines
ausgestoßen Seins, empfand er neben der latenten Angst vor dem Terror seiner
Mitschüler vor allem den Entzug von Gabys Unterarmen als schmerzlichsten
Verlust. Dieser erzwungene Abstand verschaffte ihm aber andererseits
auch die Möglichkeit zur Erkenntnis durch Beobachtung.
Gaby definierte und kontrastierte sich
nämlich ausschließlich über ein anderes Mädchen aus der behüteten Parkstadt:
Sabine Meyer, das Nachbarskind. Das war eine sehnige, spitzzüngige Blondine,
die etwas größer war als die puppenhafte Gaby und diese vollständig dominierte.
Auch "Bine" (gesprochen Bü-nöö) hatte einen Pferdeschwanz, aber der
war natürlich länger und sie achtete darauf, dass er kecker wippte oder
dramatisch geschleudert wurde. Die Faltenröcke über ihren sportlich trainierten
Beinen waren kürzer, und ebenso trug sie die damals schicklichen zusätzlichen
Spielhöschen drunter - nur sorgte sie dafür, dass die Jungens sie ein paar Mal
häufiger zu sehen bekamen. Wenn er Gaby zum Geburtstag einlud, kam sie nicht
ohne Sabine, und die bestimmte was man machte. Wenn Gaby Johannes heimlich zum
Spielen in Ihrer Straße aufforderte, bekam Sabine unweigerlich Wind davon und
brachte beide auseinander.
Als Johannes ganz unten war, kamen sie einmal
über den Schulhof auf ihn in seiner Diaspora zu stolziert, und nur
"Bine" sprach: "Früher haben wir Dich mal geliebt, aber jetzt
finden wir Dich nur noch doof und ekelhaft!" Das war hart, und voller
Trauer versenkte er seinen Blick ein letztes Mal - wie er glaubte - in Gabys
Augen, die in Tränen schwammen...
Dann aber kam die immer nackte Christiane vom
FKK-Strand, die sich in seinem Beisein den Sand aus den Schamlippen spülte, ihn
aufforderte beim Pippi Machen in den Dünen Wache zu stehen und ihn frech in den
blanken Hintern zwickte, wenn ihr danach war. Mit einem Satz hatte sie sein
Leben wieder auf Kurs gebracht. Im Rückblick sinnierte Johannes oft, ob die
Mädchen wohl später als erwachsene Frauen diese signifikanten Typen geblieben
sind: Christiane, die direkte auf natürliche Art Anpackende. Gaby, die stille
Dulderin und Sabine, die berechnende Kokotte. Aber war denn Johannes zu dem
signifikanten Männertypus geworden?
Weil Sabine mit dem Johannes
"verordneten" Freund Stefan gehen wollte, wurde Gaby am Ende der
vierten Klasse wieder Johannes zugeführt. Die war sichtlich erleichtert und
versuchte, Vergangenes vergessen zu machen. Nicht mit Worten, denn Reden war ja
nicht ihre Stärke, aber durch Gesten, Blicke und auch Berührungen. Immer wieder
tastete Johannes auch nach ihren Unterärmchen, die sich immer noch gut
anfühlten...Aber diese den Atem stoppende Elektrizität war fort.
Heute sprechen die Chronisten auch in puncto
Sexualität gerne von der Goldenen Generation, und zunehmend mischen sich
zynische oder gar sarkastische Erkenntnisse als eine Art Abrechnung in die
Analyse. Aber wie setzt man eine Made im Speck, die nie ein anderes Umfeld
kennen gelernt hat, in den Stand der Erleuchtung, dass Verzicht, Vorsorge,
Bewahren und Sichern der Quellen zu einer sinnvollen Lebensplanung über die
eigene Existenz hinaus gehören? Johannes und seine Spielgefährten wurden in
eine Welt geboren, in der ihre Eltern zwischen Angst (Gefahr eines erneuten
Weltkrieges mit Einsatz von Atomwaffen) und unerschütterlichen Zweckoptimismus
(schaffe, schaffe Häusle baue!) hin und her gerissen wurden. Es schien, als
wolle die Menschheit alles auf einmal hineinpacken in die letzten fünfzig
Jahren des zweiten Jahrtausends christlicher (!) Zeitrechnung...
Transport-, Kommunikations-, Computer- und
Raumfahrttechnologie einerseits und der Eingriff in menschliche Lebenszyklen
andererseits. Es darf bezweifelt werden, ob die Menschheit durch die Landung
des ersten Mannes auf dem Mond tatsächlich jenen bedeutenden Schritt gemacht
hat. Die Erfindung und Weiterentwicklung der Antibaby-Pille und die
Entschlüsselung der DNA jedoch versetzte sie in die Lage, sich in Dinge
einzumischen, die gemäß ihrer eigenen religiösen Lehren eigentlich dem
"lieben Gott" vorbehalten waren.
Indem diese Generation ihre Sexualität
erfahren und ausleben konnte wie keine zuvor, hätte sie wirklich
"golden" im Sinne von glücklich werden können. Aber die individuelle
Neigung - der Schlüssel zur Befriedigung und gegebenenfalls auch zur
Harmonisierung von Sex und Liebe - wurde durch vermasste Leitbilder
kategorisiert.
Die Diskussion über Sexualität - Jahrhunderte
allenfalls von humanistischen Intellektuellen im Verborgenen geführt - wurde
binnen eineinhalb Jahrzehnten zum Thema Nummer Eins.
Sexuelle Moral beispielsweise im Zeitraffer
des Mediums Kino: Willi Forsts Film "Die Sünderin", in dem Hilde
Knefs Busen und Rückenpartie kurz unbekleidet
zu sehen waren, sorgten 1950 zusammen mit der ebenfalls nur wenig
verhüllten Thematisierung von Freitod und Euthanasie für eine der letzten
Feldschlachten der Amtskirche mit der Kunst. Der FSK - der freiwilligen
Selbstkontrolle - von der hier an
anderer Stelle schon zu lesen war - wuchs in dieser Periode eine geradezu
inquisitorische Macht zu. Gegen den im Volk erwachten Trieb kam sie auf Dauer
jedoch nicht an
1963 führte Ingmar Bergmanns "Das
Schweigen" zu Aufführungsverboten in Bayerns Kinos, weil ein Pärchen in
diesem Film im Kino Sex hat (nur huschig in schwarz weiß zu erahnen) und sich
Ingrid Thulin mit der Hand im Höschen selbst befriedigt. Die engagierte Botschaft des genialen
Schweden geht in der bigotten Empörung über das, was jeder jeden Tag macht,
unter: Dass Sex ohne Liebe ein zumindest anzuzweifelnder Weg zum Glück ist.
Allerdings: Die Antibabypille war noch nicht frei verfügbar auf dem Markt. In
beiden Deutschlands wurde sie - 1961 von
Schering eingeführt - bis zur Mitte der 1960er offiziell nur an
"verheiratete Frauen" gegen "Menstruationsbeschwerden"
verschrieben.
In Michael Verhoevens "Paarungen"
wird der Titel 1967 wörtlich genommen - openair und a tergo mit hoch geschobenem
Rock und heruntergelassener Hose. Keinen interessierte es mehr wirklich, weil
ja zwischenzeitlich in den aki-Kinos bumsfidel in der Lederhose gejodelt und
damit die wohl spießigste, urdeutsche Variante der sexuellen Revolution
eingeläutet wurde.
Es wurde Zeit, dass die Nation vernünftig
aufgeklärt wurde. Diesen Part übernahm Oswald Kolle. Wer rückblickend über
seine Filme schmunzelt, verkennt ihre absolut kulturhistorische Bedeutung.
Die aufgeklärten Intellektuellen zogen sich
alsbald rauchend und Alkohol konsumierend in der Clubatmosphäre so genannter
PAM-Kinos Hardcore made in US rein und Beate Uhse machte ein Vermögen mit
denen, die das Gesehene nicht mit der sexuellen Realität daheim "deckungsgleich"
bekamen. Dass auch die Sexuelle Revolution ihre Kinder fraß, in dem sie Aids über die Welt brachte, rief
schließlich wieder die Kirchen auf den Plan. Schnell war von einer Geißel
Gottes die Rede, mit der die Trennung von Sex und Liebe (gemeint war natürlich
die Liebe zu Gott) bestraft worden wäre. Die moralische Wirkung allerdings
wurde dadurch extrem abgeschwächt, dass gerade die Katholische Kirche vor allem
in den USA einen flächendeckenden Sex-Skandal zu verarbeiten hatte.
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