Dienstag, 17. September 2013

Gaby

  Johannes hatte drei Mütter: Vera sechs -, Ulla neun - und Rita, die die ihn wirklich unter fast zehnmonatigem Leiden während der Währungsreform geboren hatte, 31 Jahre älter als er selbst. Je nach Reifegrad waren die Erziehungsversuche der drei weniger abgeklärt und dafür dann mehr von dem Willen geprägt, Macht auszuüben. Es wäre nur zu verständlich gewesen, wenn der Volksschüler in der Phase seines Heranwachsens unter diesen Umständen ein Mädchen-Verächter geworden wäre. Wie die anderen sieben- bis zehnjährigen Buben, die die anscheinend immer kichernden, Grüppchen bildenden Dinger schlicht "oll" fanden.
  Johannes war rückblickend  fest davon überzeugt, dass die Orientierung zum späteren Frauen-Versteher bereits in der zweiten Klasse ihren Ursprung hatte, weil er Gaby Petersen auf dem Schulhof einmal unbeabsichtigt an der Innenseite ihres linken Unterarms berührt hatte.
  Die unvergessliche süße Wonne dieses elektrisierenden Kontaktes war unschuldige Erotik und pure Sinnlichkeit - ohne eben das Wissen um Sex oder gar den schwer greifbaren Begriff der Liebe. Gaby war eine ganz normale Siebenjährige. Sie war durchschnittlich groß, trug ihr brünettes Haar in dem damals offenbar obligaten Pferdeschwanz, und obwohl es schon die ersten Jeans gab, bestand sie auf adretten Faltenröckchen mit Schottenkaros, die über den pummeligen Knien endeten und von einer großen Messing-Sicherheitsnadel zusammengehalten wurden. Dazu die passenden Kniestrümpfe, Lack-Schnallenschuhe und nach englischem Vorbild einen Sweater mit Phantasie-Wappen, dessen Ärmel zu den Ellbogen geschoppt wurden. Das gab eben die besagten Unterarme frei, die Johannes immer wieder versuchte, im Spiel kurz zu umfassen. Selbst als erwachsener Mann bei erwachsenen Frauen, die ihn interessierten, war er manchmal noch auf der Suche, nach diesem besonderen Kick, der ihm stets mehr gegeben hatte, als Händchen zu halten: Es war diese samtige weiche Haut, die nicht direkt auf der Muskulatur liegt, sondern von einem Hauch Unterhautfettgewebe zart gepuffert wird. Sie verlangte nur ein Tasten und leichtes Streifen mit den Fingerkuppen - um für den kleinen Johannes schon unwissentlich zu einer Obsession zu werden.
  In der späteren Phase seines ausgestoßen Seins, empfand er neben der latenten Angst vor dem Terror seiner Mitschüler vor allem den Entzug von Gabys Unterarmen als schmerzlichsten Verlust. Dieser erzwungene Abstand verschaffte ihm aber  andererseits  auch die Möglichkeit zur Erkenntnis durch Beobachtung.
  Gaby definierte und kontrastierte sich nämlich ausschließlich über ein anderes Mädchen aus der behüteten Parkstadt: Sabine Meyer, das Nachbarskind. Das war eine sehnige, spitzzüngige Blondine, die etwas größer war als die puppenhafte Gaby und diese vollständig dominierte. Auch "Bine" (gesprochen Bü-nöö) hatte einen Pferdeschwanz, aber der war natürlich länger und sie achtete darauf, dass er kecker wippte oder dramatisch geschleudert wurde. Die Faltenröcke über ihren sportlich trainierten Beinen waren kürzer, und ebenso trug sie die damals schicklichen zusätzlichen Spielhöschen drunter - nur sorgte sie dafür, dass die Jungens sie ein paar Mal häufiger zu sehen bekamen. Wenn er Gaby zum Geburtstag einlud, kam sie nicht ohne Sabine, und die bestimmte was man machte. Wenn Gaby Johannes heimlich zum Spielen in Ihrer Straße aufforderte, bekam Sabine unweigerlich Wind davon und brachte beide auseinander.
  Als Johannes ganz unten war, kamen sie einmal über den Schulhof auf ihn in seiner Diaspora zu stolziert, und nur "Bine" sprach: "Früher haben wir Dich mal geliebt, aber jetzt finden wir Dich nur noch doof und ekelhaft!" Das war hart, und voller Trauer versenkte er seinen Blick ein letztes Mal - wie er glaubte - in Gabys Augen, die in Tränen schwammen...
  Dann aber kam die immer nackte Christiane vom FKK-Strand, die sich in seinem Beisein den Sand aus den Schamlippen spülte, ihn aufforderte beim Pippi Machen in den Dünen Wache zu stehen und ihn frech in den blanken Hintern zwickte, wenn ihr danach war. Mit einem Satz hatte sie sein Leben wieder auf Kurs gebracht. Im Rückblick sinnierte Johannes oft, ob die Mädchen wohl später als erwachsene Frauen diese signifikanten Typen geblieben sind: Christiane, die direkte auf natürliche Art Anpackende. Gaby, die stille Dulderin und Sabine, die berechnende Kokotte. Aber war denn Johannes zu dem signifikanten Männertypus geworden?
  Weil Sabine mit dem Johannes "verordneten" Freund Stefan gehen wollte, wurde Gaby am Ende der vierten Klasse wieder Johannes zugeführt. Die war sichtlich erleichtert und versuchte, Vergangenes vergessen zu machen. Nicht mit Worten, denn Reden war ja nicht ihre Stärke, aber durch Gesten, Blicke und auch Berührungen. Immer wieder tastete Johannes auch nach ihren Unterärmchen, die sich immer noch gut anfühlten...Aber diese den Atem stoppende Elektrizität war fort.
   Heute sprechen die Chronisten auch in puncto Sexualität gerne von der Goldenen Generation, und zunehmend mischen sich zynische oder gar sarkastische Erkenntnisse als eine Art Abrechnung in die Analyse. Aber wie setzt man eine Made im Speck, die nie ein anderes Umfeld kennen gelernt hat, in den Stand der Erleuchtung, dass Verzicht, Vorsorge, Bewahren und Sichern der Quellen zu einer sinnvollen Lebensplanung über die eigene Existenz hinaus gehören? Johannes und seine Spielgefährten wurden in eine Welt geboren, in der ihre Eltern zwischen Angst (Gefahr eines erneuten Weltkrieges mit Einsatz von Atomwaffen) und unerschütterlichen Zweckoptimismus (schaffe, schaffe Häusle baue!) hin und her gerissen wurden. Es schien, als wolle die Menschheit alles auf einmal hineinpacken in die letzten fünfzig Jahren des zweiten Jahrtausends christlicher (!) Zeitrechnung...
  Transport-, Kommunikations-, Computer- und Raumfahrttechnologie einerseits und der Eingriff in menschliche Lebenszyklen andererseits. Es darf bezweifelt werden, ob die Menschheit durch die Landung des ersten Mannes auf dem Mond tatsächlich jenen bedeutenden Schritt gemacht hat. Die Erfindung und Weiterentwicklung der Antibaby-Pille und die Entschlüsselung der DNA jedoch versetzte sie in die Lage, sich in Dinge einzumischen, die gemäß ihrer eigenen religiösen Lehren eigentlich dem "lieben Gott" vorbehalten waren.
  Indem diese Generation ihre Sexualität erfahren und ausleben konnte wie keine zuvor, hätte sie wirklich "golden" im Sinne von glücklich werden können. Aber die individuelle Neigung - der Schlüssel zur Befriedigung und gegebenenfalls auch zur Harmonisierung von Sex und Liebe - wurde durch vermasste Leitbilder kategorisiert.
  Die Diskussion über Sexualität - Jahrhunderte allenfalls von humanistischen Intellektuellen im Verborgenen geführt - wurde binnen eineinhalb Jahrzehnten zum Thema Nummer Eins.
  Sexuelle Moral beispielsweise im Zeitraffer des Mediums Kino: Willi Forsts Film "Die Sünderin", in dem Hilde Knefs Busen und Rückenpartie kurz unbekleidet  zu sehen waren, sorgten 1950 zusammen mit der ebenfalls nur wenig verhüllten Thematisierung von Freitod und Euthanasie für eine der letzten Feldschlachten der Amtskirche mit der Kunst. Der FSK - der freiwilligen Selbstkontrolle -  von der hier an anderer Stelle schon zu lesen war - wuchs in dieser Periode eine geradezu inquisitorische Macht zu. Gegen den im Volk erwachten Trieb kam sie auf Dauer jedoch nicht an
  1963 führte Ingmar Bergmanns "Das Schweigen" zu Aufführungsverboten in Bayerns Kinos, weil ein Pärchen in diesem Film im Kino Sex hat (nur huschig in schwarz weiß zu erahnen) und sich Ingrid Thulin mit der Hand im Höschen selbst befriedigt.  Die engagierte Botschaft des genialen Schweden geht in der bigotten Empörung über das, was jeder jeden Tag macht, unter: Dass Sex ohne Liebe ein zumindest anzuzweifelnder Weg zum Glück ist. Allerdings: Die Antibabypille war noch nicht frei verfügbar auf dem Markt. In beiden Deutschlands wurde sie  - 1961 von Schering eingeführt - bis zur Mitte der 1960er offiziell nur an "verheiratete Frauen" gegen "Menstruationsbeschwerden" verschrieben.
  In Michael Verhoevens "Paarungen" wird der Titel 1967 wörtlich genommen - openair und a tergo mit hoch geschobenem Rock und heruntergelassener Hose. Keinen interessierte es mehr wirklich, weil ja zwischenzeitlich in den aki-Kinos bumsfidel in der Lederhose gejodelt und damit die wohl spießigste, urdeutsche Variante der sexuellen Revolution eingeläutet wurde.
  Es wurde Zeit, dass die Nation vernünftig aufgeklärt wurde. Diesen Part übernahm Oswald Kolle. Wer rückblickend über seine Filme schmunzelt, verkennt ihre absolut kulturhistorische Bedeutung.

  Die aufgeklärten Intellektuellen zogen sich alsbald rauchend und Alkohol konsumierend in der Clubatmosphäre so genannter PAM-Kinos Hardcore made in US rein und Beate Uhse machte ein Vermögen mit denen, die das Gesehene nicht mit der sexuellen Realität daheim "deckungsgleich" bekamen. Dass auch die Sexuelle Revolution ihre Kinder fraß, in dem  sie Aids über die Welt brachte, rief schließlich wieder die Kirchen auf den Plan. Schnell war von einer Geißel Gottes die Rede, mit der die Trennung von Sex und Liebe (gemeint war natürlich die Liebe zu Gott) bestraft worden wäre. Die moralische Wirkung allerdings wurde dadurch extrem abgeschwächt, dass gerade die Katholische Kirche vor allem in den USA einen flächendeckenden Sex-Skandal zu verarbeiten hatte.

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