Zu den unergründlichen Verhaltensweisen von
Johannes gehörte, dass er immer wieder Dinge tat, von denen er genau wusste,
dass sie ihm nicht bekämen. Aber was er
sich in seinem seelischen Zustand mit der Reise nach Sarajevo angetan hatte,
zeigte rückblickend doch, dass die selbstmörderische Tendenz in dem
Hanegg-Erlebnis Ergebnis einer ernsthaften psychischen Veränderung war. Er
hätte vierzehn Tage Zeit gehabt, Kontakt mit dem Institut aufzunehmen, aber er
verzichtete darauf, weil er die ärztlichen Konsequenzen fürchtete. Stattdessen
griff er wieder zum Diazepam, was er gleichzeitig nach den Triumphen als
"Seher" und "Feuilletonist" als bittere Niederlage empfand.
Die Sportjournalisten - zu denen er ja
organisatorisch nicht gehörte - hatten einen eigenen Liegewagen für die Fahrt
von München nach Sarajevo als Kurswagen organisiert und ihn eingeladen, mit an
Bord zu kommen. Eine Ablehnung hätte seinen suspekten Status nur weiter
verschlechtert, also sagte er zu, obwohl er Zug-Reisen in voll besetzten
Abteilen und das bekleidete Schlafen mit Fremden verabscheute. Er wäre
eindeutig lieber geflogen, obwohl der innerjugoslawische Flugverkehr damals
nicht als sonderlich zuverlässig galt und die Lufthansa nur bis Belgrad flog.
Zum bereits gebuchten Rückflug gab es wegen diverser Redaktionsschluss-Termine
keine Alternative. Hinwärts würde er das schon verkraften - dachte er. Es
sollte einer langen Nacht Reise in den Tag werden...
Wegen befürchteter klaustrophobischer
Zustände hatte er kurz vor dem Einsteigen gleich zehn Milligramm genommen und
sich vorgemacht, mit ein zwei Flaschen Bier, den Liegewagen-Part halbwegs
überstehen zu können. Nur, es wurde Mitternacht und ein Uhr früh, und die
Liegen wurden immer noch nicht herunter geklappt, und dann lohnte es sich auch
nicht mehr, vor der jugoslawischen Grenzkontrolle einzuschlafen. Die sich ja
langsam aufbauende Wirkung des Diazepams traf zu diesem Zeitpunkt auf die zunehmend
euphorisierende Wirkung des dritten oder vierten Bieres. Johannes konnte
in diesem Zustand eine echte Stimmungskanone sein, was die langwierige
Inspektion der Zöllner zwar erträglicher machte, aber den kritischen Moment
hinauszögerte, in dem er sich bereits besser in 'Morphens' Arme begeben hätte.
Er schlief und schlief weit in den nächsten
Tag hinein. Immer wieder versuchten die Kollegen ihn aufzuwecken, damit er
endlich seine Liege wieder hochstellen würde. Als er sich endlich gegen Mittag
in die Senkrechte gewuchtet hatte, kamen der Kater vom Beruhigungsmittel und
der des ungewohnten Bier-Konsums zusammen. Er kannte diese absolute innere
Leere von früheren Abstürzen. Sie erzeugte eine absurde Verletzlichkeit, die er
nur im völligen Alleinsein meistern konnte. Aber daran war nun gar nicht mehr
zu denken, weil in Belgrad ein Barwagen der jugoslawischen Staatsbahnen so
angekoppelt wurde, dass der Menschen-Pulk sich bis in den Gang des Abteils ihres
Sonderwagens staute. Zu Essen gab es
überwiegend Essiggurken und Pickles. Dazu eine knallrote Räucher-Wurst, die so
scharf war, dass man sie nur Häppchen um Häppchen mit einem Slivoviz im
Mundraum löschen konnte. Alles in allem hatte eine derart verheerende Wirkung
auf die Darmtätigkeit aller - auch der an diese einseitige Ernährung
anscheinend gewohnten Serben, Bosnier und Kroaten, dass darunter selbst die für
die deutschen Journalisten reservierte Toilette schwer litt. Hinzu kam das
"Runden-Schmeißen". Minütlich wurden zwei bis drei Schnapsflaschen
konsumiert, weil sich weder die Deutschen noch die Vertreter des damaligen Vielvölkerstaates
lumpen lassen wollten.
Als sie sich am späten Nachmittag in die
Akkreditierungsschlange des OK in Sarajevo einreihten, schien jeder Nerv von
Johannes zu vibrieren. Seine Wahrnehmungsfähigkeit war keineswegs
eingeschränkt, sondern speicherte selbst minimale Impulse mit einer Wichtigkeit
ab, als hinge davon das weitere Funktionieren seines Verstandes ab. Er war
zuvor schon zwei Mal in der Hauptstadt von Bosnien-Herzegovina gewesen. Einmal
als Neunjähriger, und im Rahmen der
Olympia-Bewerbung war er mit Offiziellen in den Wäldern der Jahorina-Berge
und auf der Bjelasnica herumgestreift, um einen Eindruck von den
künftigen alpinen Ski-Rennstrecken zu bekommen.
Die Multikulti-Altstadt auf dem Rechten Ufer
des Flusses Miljacka, die Sarajevo den Beinamen "Jerusalem des
Balkans" eingebracht hatte, war zwar genauso herausgeputzt worden wie die
alte Pracht-Meile, in der einst das Attentat auf Österreichs Thronfolger Erzherzog
Franz Ferdinand verübt wurde, aber der Weg zum Journalisten-Dorf in der
Neubausiedlung am südlichen Stadtrand führte eben durch die Beton-Silos des noch
real existierenden Sozialismus und verstärkte in den grauen Schneeresten
Johannes Trübsal. In Kombination mit dem Trancen-Mix aus Slivo und Valium
verursachte das eine Depression mit vollem Programm.
Und dann kam der Schnee. Er fiel vier Tage
lang in dichten Flocken. Der ganze Zeitplan der ersten Olympia-Woche geriet bei
den Outdoor-Disziplinen durcheinander. Für die Agentur- und
Tageszeitungs-Schreiber die Höchststrafe, denn sie mussten dann ja jeden Tag
irgendwelche Geschichten für die Vorberichterstattung aufdecken oder im
Zweifelsfall erfinden.
Johannes jedoch rettete dieser Umstand den Verstand - oder beinahe auch nicht. Er
ließ sich von der Woge der olympischen Atmosphäre packen, die die altehrwürdige
Stadt nun im Schnee-Zauber durchflutete und machte ausgedehnte Spaziergänge, die
ihm Lunge und Kopf reinigten. Über Nacht hatte sich der altislamische Teil der
Stadt in ein orientalisches Wintermärchen verwandelt. Johannes, der diesmal ja
nicht zu fotografieren brauchte, hatte nur eine damals neuartige
vollautomatische Pocket-Kamera dabei, die mit einem überraschend vielseitigen
Objektiv ausgestattet war. Sie ließ gerade bei Dunkelheit manche Perspektive
zu, die große Kameras nicht schafften, weil sie mit dem Selbstauslöser ohne
Blitz mit langen Belichtungszeiten in versteckte Winkel positioniert werden
konnte. Als er spät abends vom Bascarsija die verschneite Moschee samt
Minarett als Spiegelung in einer orientalischen Butzenscheibe aufnehmen wollte,
rasten auf einmal zwei Milizionäre mit Maschinenpistolen im Anschlag auf ihn zu
und verhafteten ihn. Er wurde auf die nicht weit entfernte Kommandantur geschleppt,
und selbst die allzeit bereit um den Hals hängende Akkreditierung bewahrte ihn
nicht davor, dass er in einen stinkenden Verschlag eingesperrt wurde, der als
Lichtquelle nur einen verdreckten Glasstreifen über der Tür zum Flur hatte.
Eine perfekte Lokalität, um einen Klaustrophobiker zum Sprechen zu bringen, der
gerade einen Anschlag auf die Moschee hatte verüben wollen.
Nach einer halben Stunde, wurde er unsanft in
ein Büro gestoßen und sah sich mit einem gepflegten, sensibel wirkenden Mann
etwa seines Alters konfrontiert. Er trug einen teuer aussehenden Anzug und einen mit dem Mikrometer
kontrolliert gestutzten Lenin-Bart. Die Akkreditierung von Johannes und seine
Kamera lagen vor ihm auf dem Schreibtisch. Wie sich herausstellte, war es der
Sicherheitschef höchst persönlich, und er überraschte Johannes mit fließendem
Deutsch in leicht kölscher Einfärbung.
Es wurde eine lange Nacht. Ivo Mladic war
Sohn eines Gastarbeiter-Paares der ersten Stunde. Die Eltern hatten bald so
viel Geld zusammen gehabt, dass sie in Porz ein Balkan-Restaurant eröffnen und
ihren einzigen Sohn nachkommen und in Bonn Volks- sowie Verwaltungswirtschaft
studieren lassen konnten.
Im Zuge der Liberalisierung der Nach-Tito-Ära
und vor allem wegen der erstmals in ein kommunistisches Land vergebenen
Winterspiele hatte man Ivo einen überaus lukrativen Zeitvertrag mit Dienstvilla
und Dienstwagen angeboten, wenn er seiner Heimatstadt zur Seite stünde.
In den Atempausen des eloquenten Mannes war
die andere Angelegenheit schnell geklärt. Die beiden Milizionäre hatten das weithin sichtbar rot blinkende
Licht des Selbstauslöser-Signals und den schwarzen kleinen Kasten, der es
aus sandte, für eine Bombe und Johannes für deren Leger gehalten. Als sie sich
peinlich berührt bei ihm entschuldigen wollte, wiegelte er ab und ließ Ivo
übersetzen, wie er seiner Zeit bei seinen ersten Olympischen Spielen als
Journalist in München empfunden hatte, als der Terror-Anschlag den
"heiteren Spielen" in wenigen Stunden den Garaus gemacht hatte...
Seither war ja das Verrammeln und
Verbarrikadieren des Sports bei gleichzeitig massivem Auftritt der
Sicherheitsorgane zum olympischen Standard geworden. So berichtete Johannes -
nachdem bereits eine aus dem Schreibtisch hervor gezauberte Flasche Slivo geleert
war, Mladic auch noch von einer weiteren olympischen Erfahrung. In Montreal
1976 hatten Johannes und sein Time-Life Kollege Tom Grant deswegen einmal sehr
viel Geld verloren. Ein DDR-Journalist hatte Johannes über sehr winkelige Wege
ein Exklusiv-Interview mit dem damals stärksten Mann der Welt, dem russischen
Holzbau-Ingenieur Vassili Alexejew vermittelt, dass er sich mit Grant teilen
wollte, weil dieser wiederum fließend Russisch sprach. Dass Time Life zudem,
das Doppelte in Dollar zahlte wie das deutsche Männermagazin in Mark stand auf
einem anderen Kontoblatt. Als sie pünktlich zum vereinbarten Treffpunkt
wollten, wurden sie von einem dreifachen Sicherheitskordon der RCMP abgewiesen,
weil Madame Margeret Sinclair Trudeau, die junge, wilde Gattin des Kanadischen
Premiers Pierre Trudeau just im selben Moment, da sie interviewen wollten, Lust
verspürt hatte, männlich russisches Muskelfleisch aus der Nähe zu betrachten.
Doch die "Mounties", die Vertreter der Royal Canadian Mounted Police
stellten sich ihnen nicht mit ihren oft karikierten roten Röcken und den
Pfadfinder-Hüten entgegen. Und Pferde waren schon gar nicht in der Nähe. Sie
hatten Helme auf, trugen zu schwarzen Kampfanzügen, Springerstiefel und
Stoffmasken sowie entsicherte Heckler&Kochs im Anschlag. Alles Bitten und
Betteln half nichts. Johannes gingen 9.000 Mark durch die Lappen, weil Alexejew
sich durch den schicken Besuch natürlich geschmeichelt fühlte und später keine
Zeit mehr für normale Journalisten fand.
Mladic und Johannes sprachen dann auch noch
über den sich abzeichnenden politischen Wandel in der Olympia-Stadt. Bei allem
Optimismus für die künftige Eigenständigkeit der Bosnier und die Prosperität
Sarajevos mischte sich in Ivos
Zukunftsprognosen auch Bedenken, ob die Serben und Belgrad ihren
zentralistischen Einfluss so einfach lockern würden. Johannes wollte nicht auch
noch Öl ins Feuer gießen, denn er selbst hatte in den letzten Monaten das
Gefühl, dass der so lange von Egon Bahr behutsam begleitete "Wandel durch
Annäherung" von einem zunehmend eisiger werdenden Wind gebremst worden
war. Helmut Kohl war ja nach dem konstruktiven Misstrauensvotum gegen Helmut
Schmidt und die in der Folge bedingten Neuwahlen im März 1983 Kanzler geworden
und hatte den Nachrüstungsbeschluss für die NATO, an dem die sozialliberale
Koalition unter anderem gescheitert war, gegen die Widerstände der
Friedensbewegung durchgesetzt...
Am nächsten Morgen zog Johannes eine
deprimierende Bilanz. Obwohl ihm ja die Ärzte dringend zur Abstinenz geraten
hatten, und ihm die Erlebnisse von Wengen mehr oder weniger noch in den Knochen
steckten, hatte er mehrere Tage unter massivem Alkohol-Einfluss verbracht. -
Und während der wenigen verbliebenen Stunden Schlaf waren die gefürchteten
farbigen Träume wieder gekommen. Er hatte dabei in sie eingebettet tatsächlich
eine komplette Erzählung geträumt, deren tiefenpsycholgische Bedeutung sich ihm erst nach einigen Jahren freudscher
Einzelanalyse erschließen sollte. Sie blieb erhalten, weil er sie - verkatert
wie er war - im Pressezentrum herunter hackte, während die Kollegen verzweifelt
versuchten die olympische Spannung zu erhalten.
Es war die Geschichte einer großen blinden
Braunbärin, die die Bergbauern der Jahorina in Atem hielt und die anscheinend
so schlau war, dass sie keinem in die Falle ging. Erzählt wurde sie von dem
K.u.K.- Musikprofessor Dr. Jure Djajic aus Sarajevo, der sie in den Tagen des
Attentates auf Franz Ferdinand als Parabel dafür verwendete, dass er von seinen
Schülern verlangte, das Klavier blind - also nur nach Gehör, Gedächtnis
und Konzentration auf den Tastsinn aber vor allem ohne Notenblätter zu
beherrschen.
Die Bärin war durch eine Schrotladung
erblindet, die ihr ein wütender Bauer auf dem Pelz gebrannt hatte, als sie
gerade dabei gewesen war, eines von dessen Schafen zu reißen. Tagelang war sie
danach durch die tiefen Wälder getaumelt, manchmal abgestürzt und schon dabei,
dramatisch Gewicht zu verlieren, als sie auf einen jungen verletzten Wolf
getroffen war, der seinerseits von seinem Rudel als Bremsklotz bei den
Beutezügen ausgeschlossen worden war. Statt den Wolf mit Heißhunger zu
verspeisen, ging in der braunen Riesin etwas Sonderbares vor. Die jaulende
Hilflosigkeit, weckte offenbar ihre verschütteten Mutterinstinkte, denn sie
begann das Jungtier trotz ihres eigenen erbärmlichen Zustandes zu hegen und zu
pflegen. Sie leckte seine Verletzung, sie trug ihn - wie sie es mit ihren
Jungen getan hätte - am Nackenfell in ihre Höhle und sie wärmte den kleinen
Grauen. Der gemeinsam durchlittene Hunger trieb sie in eine Symbiose der
Überlebenskunst, eine Vereinigung aus Kraft und Schläue, aus blind geschärften
Sinnen und wieder gewonnener Beweglichkeit und Geschicklichkeit. Der kleine
Wolf nahm quasi die Rolle eines Blindenhundes an und musste im Gegenzug keine
Angst haben, wegen seiner Behinderung Opfer anderer Waldbewohner oder der auf
sie gehetzten Bluthunde zu werden. Denn die zwei hatten eine fabelhafte
Kampftechnik entwickelt. Kamen die Angreifer zu nahe, richtete sich die Bärin
auf beinahe drei Meter Höhe auf und ließ den Wolf zwischen ihre Beine
schlüpfen. Was die Bärin mit ihren eigenen geschärften Sinnen nicht selbst
wahrnahm, vermittelte ihr der die Gefahren sehende Wolf durch Bellen, Knurren
und Schnappen.
Auf
diese Art ließen immer mehr Spürhunde ihr Leben und dienten den beiden
praktischer Weise auch als Nahrung.
Da Johannes in seinem Traum die Bilder wie
durch eine subjektive Filmkamera mal aus der Perspektive und Sichtweise des
Wolfes und Mal aus der der Bärin vermittelt bekam, erlebte er auch ihr
gemeinsames Ende so drastisch, als wäre er selbst ums Leben gekommen. Die Jäger
hatten sie - ihn, Johannes - endlich auf einem steilen Felsen umzingelt, bis
ihnen nur noch der Abgrund blieb. An dieser Felswand stand in einiger Entfernung
allerdings noch eine hohe sich in ihrer Krone stark verjüngende Tanne. Das war
ein möglicher Fluchtpunkt - doch nur für die Bärin. Selbst wenn der Wolf so
weit hätte springen können... Er wäre ja nicht in der Lage gewesen, sich fest
zu klammern. Die beiden Tiere konnten kommunizieren als sprächen sie
miteinander eine gutturale Sprache aus Brummen und Kläffen. Der Wolf gab seiner
braunen Partnerin die Richtung an. Die Bärin bedeute dem Wolf sich in ihrem
Fell fest zu beißen und dann sprangen sie derart vereint. Doch die Bärin
verfehlte den Wipfel der Tanne. Sie stürzten ins Bodenlose. Johannes taumelte
mit ihnen. Und während alle Drei noch in der Luft zappelten, war Johannes jäh
aus diesem Traum erwacht.
Als Johannes am nächsten Tag ausnahmsweise zu
der Pressekonferenz des NOK ins
"Deutsche Haus" ging, stellte er fest, dass er diese weiße Villa auf
dem linken Ufer der Miljacka, die das
Nationale Olympische Komitee für die Deutsche Delegation während der
Spiele angemietet hatte, in seinem Traum von der blinden Bärin schon gesehen
hatte. In ihr hatte Dr. Djajic gewohnt und seine Schüler in einem prächtigen
Parkett-Saal im Obergeschoss empfangen. Johannes beruhigte sich damit, dass er
vermutlich im Vorfeld irgendeine Präsentation des Anwesens gesehen hatte und
dass die Erinnerung daran irgendwie in seinen Traum geraten war. Als das dann
jedoch exakt auch der Musik-Saal aus dem
Traum war, in dem die Pressekonferenz stattfand und der Flügel genau an der
Stelle vor der gerundeten Fensterfront zum Park stand, traf ihn das wie ein
Keulenschlag. Die Würgehände seiner mit Panik gepaarten Depression drückten ihm
die Luft zum Atmen weg. Er wäre in Ohnmacht gefallen, hätte er das Haus nicht
augenblicklich verlassen.
Natürlich stand kein Fahrzeug der
Fahrbereitschaft in der Auffahrt. Die Pressekonferenz samt Fragestunde und
traditionellem Imbiss war ja für mindestens zwei Stunden angesetzt gewesen. Er
stapfte über einen kaum geräumten Gartenweg und setzte sich auf eine Bank mit
Blick auf die Miljacka. Auf der Sitzfläche lagen mindestens zwanzig Zentimeter
Schnee. Der kalte Hintern würde ihn vielleicht wieder zur Vernunft bringen.
Er bombardierte sich mit Selbstvorwürfen. Wie
hatte er sich durch seine zügellose Lebensweise nur derart um den Verstand
bringen können? Hatte er nicht Verantwortung? Wie sollte er sich jetzt, da er
ja schon zwischen Wirklichkeit und Traum-Geschehen nicht mehr unterscheiden
konnte, noch befreien können? Er hatte nur unbewusst wahrgenommen, dass sich
leise jemand neben ihn gesetzt hatte. Sein
niedergeschlagener, von Tränen
verschwommener Blick nahm lediglich die
altmodischen Stiefel mit geknöpften Gamaschen zur Kenntnis, als der Besucher
anhob in einem leicht schmerzlich und
slawisch gefärbten (Robert Musil hätte ihn "kakanisch" genannt)
Tonfall auf Deutsch mit ihm zu sprechen.
Er kannte diese Stimme:
"Siehst Du die Leichen die Mijacka
hinunter schwimmen? All die Toten, die Kinder, die Frauen, die verirrten
Waffenbrüder? Hat diese Stadt denn nicht schon genug Tragödien erlebt? In zehn
Jahren wird statt des Olympischen Feuers hier jedes zweite Haus brennen. Die
schwarze Wolke des Krieges wird über den weißen Gipfeln der Jahorina stehen.
Und wieder wird es einige Jahre später niemand mehr verstehen, wie es dazu
kommen konnte."
Johannes hob seinen Blick und schaute in die
klaren Augen des langhaarigen, ergrauten Mannes, der in seinen Gehrock mit
Weste gekleidet, den starken Schneefall nicht zu bemerken schien.
"Es gibt Sie nicht, Dr. Djajic! Sie sind
die Ausgeburt meines umnebelten Hirnes. Ich habe Sie gerade erst erfunden oder besser erträumt. Also können Sie mir auch keine angst
machen."
Den Alten schien das nicht zu beeindrucken.
Er fuhr mit seinem Lamento fort:
"Jeder sechste Einwohner dieser Stadt,
die immer auch ein Symbol war für das
friedliche Miteinander der Völker, wird eine Kriegsverletzung erleiden. Eine
Bevölkerung in der Größenordnung einer Kleinstadt wird samt Tausender Kinder
ausgerottet werden. Und wofür? Für den Wahn von Macht und Herrschen einerseits
und den Traum von Selbstbestimmung in Freiheit andererseits. Und keiner von
Euch wird schreiben oder nur versuchen wollen, zu erklären, wessen Schuld dies
war.“
Vor psychischer Erschöpfung, die sich bei
Johannes von der physischen ja nicht mehr sonderlich unterschied, war er
offenbar auf der Bank eingeschlafen. Als ein frisch von der feinköstigen
Freikost gesättigter Kollege ihn rüttelte, hatte sich auf seinen Schultern und
Schenkeln bereits eine richtige Schneedecke gebildet. Er blickte auf die
Sitzfläche neben sich. Da war natürlich kein Abdruck eines Gesäßes mehr zu
sehen, und im Bus zurück zum Pressedorf wurde getuschelt, was nun schon wieder
in den sonderbaren Kollegen gefahren sei.
Als endlich das schöne Wetter kam, gelang es
Johannes, besorgten und spöttelnden Fragen dadurch zu entgehen, dass er den
Sport und die gesonderte Berichterstattung wieder einmal als Kur nutzte. Er hatte Langlauf und Alpin-Ski dabei und
verschwand oft Tagelang im Gelände der abseits der "grauenvollen"
Stadt gelegenen Ski-Disziplinen.
Johannes erzählte für eines der zahlreichen
Olympia-Bücher, wie dem deutschen Biathleten Peter Angerer die 13 zur
Glückszahl wurde und er spann weiter an der Bill-Johnson-Mystery. Er verspürte bei der Arbeit an der
Olympia-Abfahrt sogar wieder so etwas wie Humor und - wenn auch verkrampft -
etwas übermütige Lebensfreude. Sie äußerte sich darin, dass ein Schweizer
Fotografen-Kollege - ein Ex-Rennläufer - und er jedes Mal unmittelbar nach dem
Trainings-Start des letzten Abfahrtsäufers - einem Argentinier - in die wirklich
leichte Abfahrtsstrecke sprangen, um zu versuchen, den "Exoten"
einzuholen; der Fotograf mit seinem schweren Fotokoffer in der Hand, und
Johannes die Tasche mit der Reise-Schreibmaschine über die Schulter gehängt.
Leider kam es bei diesem eigentlich
verbotenen Tun zu Nachahmern und einer Indiskretion. Eine deutsche
Foto-Kollegin hielt den hinter dem armen Argentinier her rasenden Presse-Pulk
mit einem Super-Tele fest, was zu einer verspottenden und überheblich
verzerrenden Perspektive und auch einer offiziellen Rüge führte. Das Bild
jedoch ging als preisgekrönter Schnappschuss um die Welt. Was es nicht zeigte:
Der Schweizer Fotograf musste trotz Handicap bei der Einfahrt in den schütteren
Bannwald regelrecht in Pflugstellung gehen, um dem Ski fahrenden Gaucho
nicht zu nahe zu kommen...
Bill Johnson wurde tatsächlich Olympiasieger,
aber was für Johannes und seine fast verdrängten Alpträume beruhigender war:
Als der für Jugoslawien startende Slowene Jure Franko am 14. Februar 1984 die
Silbermedaille im Riesenslalom gewann - die erste Medaille überhaupt für den
Vielvölkerstaat bei Olympischen Winterspielen. Da zogen alle - Kroaten,
Bosnier, Slowenen, Serben, Kosovaren und Mazedonier zu Zigtausenden im
lautstarken Jubel miteinander vereint, durch die geschichtsträchtigen Straßen
Sarajevos...
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