Freitag, 20. September 2013

Sarajevo

 Zu den unergründlichen Verhaltensweisen von Johannes gehörte, dass er immer wieder Dinge tat, von denen er genau wusste, dass sie ihm nicht bekämen. Aber was  er sich in seinem seelischen Zustand mit der Reise nach Sarajevo angetan hatte, zeigte rückblickend doch, dass die selbstmörderische Tendenz in dem Hanegg-Erlebnis Ergebnis einer ernsthaften psychischen Veränderung war. Er hätte vierzehn Tage Zeit gehabt, Kontakt mit dem Institut aufzunehmen, aber er verzichtete darauf, weil er die ärztlichen Konsequenzen fürchtete. Stattdessen griff er wieder zum Diazepam, was er gleichzeitig nach den Triumphen als "Seher" und "Feuilletonist" als bittere Niederlage empfand.
  Die Sportjournalisten - zu denen er ja organisatorisch nicht gehörte - hatten einen eigenen Liegewagen für die Fahrt von München nach Sarajevo als Kurswagen organisiert und ihn eingeladen, mit an Bord zu kommen. Eine Ablehnung hätte seinen suspekten Status nur weiter verschlechtert, also sagte er zu, obwohl er Zug-Reisen in voll besetzten Abteilen und das bekleidete Schlafen mit Fremden verabscheute. Er wäre eindeutig lieber geflogen, obwohl der innerjugoslawische Flugverkehr damals nicht als sonderlich zuverlässig galt und die Lufthansa nur bis Belgrad flog. Zum bereits gebuchten Rückflug gab es wegen diverser Redaktionsschluss-Termine keine Alternative. Hinwärts würde er das schon verkraften - dachte er. Es sollte einer langen Nacht Reise in den Tag werden...
  Wegen befürchteter klaustrophobischer Zustände hatte er kurz vor dem Einsteigen gleich zehn Milligramm genommen und sich vorgemacht, mit ein zwei Flaschen Bier, den Liegewagen-Part halbwegs überstehen zu können. Nur, es wurde Mitternacht und ein Uhr früh, und die Liegen wurden immer noch nicht herunter geklappt, und dann lohnte es sich auch nicht mehr, vor der jugoslawischen Grenzkontrolle einzuschlafen. Die sich ja langsam aufbauende Wirkung des Diazepams traf zu diesem Zeitpunkt auf die  zunehmend  euphorisierende Wirkung des dritten oder vierten Bieres. Johannes konnte in diesem Zustand eine echte Stimmungskanone sein, was die langwierige Inspektion der Zöllner zwar erträglicher machte, aber den kritischen Moment hinauszögerte, in dem er sich bereits besser in 'Morphens' Arme begeben hätte.
   Er schlief und schlief weit in den nächsten Tag hinein. Immer wieder versuchten die Kollegen ihn aufzuwecken, damit er endlich seine Liege wieder hochstellen würde. Als er sich endlich gegen Mittag in die Senkrechte gewuchtet hatte, kamen der Kater vom Beruhigungsmittel und der des ungewohnten Bier-Konsums zusammen. Er kannte diese absolute innere Leere von früheren Abstürzen. Sie erzeugte eine absurde Verletzlichkeit, die er nur im völligen Alleinsein meistern konnte. Aber daran war nun gar nicht mehr zu denken, weil in Belgrad ein Barwagen der jugoslawischen Staatsbahnen so angekoppelt wurde, dass der Menschen-Pulk sich bis in den Gang  des Abteils ihres Sonderwagens  staute. Zu Essen gab es überwiegend Essiggurken und Pickles. Dazu eine knallrote Räucher-Wurst, die so scharf war, dass man sie nur Häppchen um Häppchen mit einem Slivoviz im Mundraum löschen konnte. Alles in allem hatte eine derart verheerende Wirkung auf die Darmtätigkeit aller - auch der an diese einseitige Ernährung anscheinend gewohnten Serben, Bosnier und Kroaten, dass darunter selbst die für die deutschen Journalisten reservierte Toilette schwer litt. Hinzu kam das "Runden-Schmeißen". Minütlich wurden zwei bis drei Schnapsflaschen konsumiert, weil sich weder die Deutschen noch die Vertreter des damaligen Vielvölkerstaates lumpen lassen wollten.
  Als sie sich am späten Nachmittag in die Akkreditierungsschlange des OK in Sarajevo einreihten, schien jeder Nerv von Johannes zu vibrieren. Seine Wahrnehmungsfähigkeit war keineswegs eingeschränkt, sondern speicherte selbst minimale Impulse mit einer Wichtigkeit ab, als hinge davon das weitere Funktionieren seines Verstandes ab. Er war zuvor schon zwei Mal in der Hauptstadt von Bosnien-Herzegovina gewesen. Einmal als Neunjähriger, und  im Rahmen der Olympia-Bewerbung war er mit Offiziellen in den Wäldern der Jahorina-Berge und auf der Bjelasnica herumgestreift, um einen Eindruck von den künftigen alpinen Ski-Rennstrecken zu bekommen.
  Die Multikulti-Altstadt auf dem Rechten Ufer des Flusses Miljacka, die Sarajevo den Beinamen "Jerusalem des Balkans" eingebracht hatte, war zwar genauso herausgeputzt worden wie die alte Pracht-Meile, in der einst das Attentat auf Österreichs Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand verübt wurde, aber der Weg zum Journalisten-Dorf in der Neubausiedlung am südlichen Stadtrand führte eben durch die Beton-Silos des noch real existierenden Sozialismus und verstärkte in den grauen Schneeresten Johannes Trübsal. In Kombination mit dem Trancen-Mix aus Slivo und Valium verursachte das eine Depression mit vollem Programm.
  Und dann kam der Schnee. Er fiel vier Tage lang in dichten Flocken. Der ganze Zeitplan der ersten Olympia-Woche geriet bei den Outdoor-Disziplinen durcheinander. Für die Agentur- und Tageszeitungs-Schreiber die Höchststrafe, denn sie mussten dann ja jeden Tag irgendwelche Geschichten für die Vorberichterstattung aufdecken oder im Zweifelsfall erfinden.
  Johannes jedoch rettete dieser Umstand  den Verstand - oder beinahe auch nicht. Er ließ sich von der Woge der olympischen Atmosphäre packen, die die altehrwürdige Stadt nun im Schnee-Zauber durchflutete und machte ausgedehnte Spaziergänge, die ihm Lunge und Kopf reinigten. Über Nacht hatte sich der altislamische Teil der Stadt in ein orientalisches Wintermärchen verwandelt. Johannes, der diesmal ja nicht zu fotografieren brauchte, hatte nur eine damals neuartige vollautomatische Pocket-Kamera dabei, die mit einem überraschend vielseitigen Objektiv ausgestattet war. Sie ließ gerade bei Dunkelheit manche Perspektive zu, die große Kameras nicht schafften, weil sie mit dem Selbstauslöser ohne Blitz mit langen Belichtungszeiten in versteckte Winkel positioniert werden konnte. Als er spät abends vom Bascarsija die verschneite Moschee samt Minarett als Spiegelung in einer orientalischen Butzenscheibe aufnehmen wollte, rasten auf einmal zwei Milizionäre mit Maschinenpistolen im Anschlag auf ihn zu und verhafteten ihn. Er wurde auf die nicht weit entfernte Kommandantur geschleppt, und selbst die allzeit bereit um den Hals hängende Akkreditierung bewahrte ihn nicht davor, dass er in einen stinkenden Verschlag eingesperrt wurde, der als Lichtquelle nur einen verdreckten Glasstreifen über der Tür zum Flur hatte. Eine perfekte Lokalität, um einen Klaustrophobiker zum Sprechen zu bringen, der gerade einen Anschlag auf die Moschee hatte verüben wollen.
  Nach einer halben Stunde, wurde er unsanft in ein Büro gestoßen und sah sich mit einem gepflegten, sensibel wirkenden Mann etwa seines Alters konfrontiert. Er trug einen teuer aussehenden  Anzug und einen mit dem Mikrometer kontrolliert gestutzten Lenin-Bart. Die Akkreditierung von Johannes und seine Kamera lagen vor ihm auf dem Schreibtisch. Wie sich herausstellte, war es der Sicherheitschef höchst persönlich, und er überraschte Johannes mit fließendem Deutsch in leicht kölscher Einfärbung.
  Es wurde eine lange Nacht. Ivo Mladic war Sohn eines Gastarbeiter-Paares der ersten Stunde. Die Eltern hatten bald so viel Geld zusammen gehabt, dass sie in Porz ein Balkan-Restaurant eröffnen und ihren einzigen Sohn nachkommen und in Bonn Volks- sowie Verwaltungswirtschaft studieren lassen konnten.
  Im Zuge der Liberalisierung der Nach-Tito-Ära und vor allem wegen der erstmals in ein kommunistisches Land vergebenen Winterspiele hatte man Ivo einen überaus lukrativen Zeitvertrag mit Dienstvilla und Dienstwagen angeboten, wenn er seiner Heimatstadt zur Seite stünde.
  In den Atempausen des eloquenten Mannes war die andere Angelegenheit schnell geklärt. Die beiden Milizionäre  hatten das weithin sichtbar rot blinkende Licht des Selbstauslöser-Signals und den schwarzen kleinen Kasten, der es aus sandte, für eine Bombe und Johannes für deren Leger gehalten. Als sie sich peinlich berührt bei ihm entschuldigen wollte, wiegelte er ab und ließ Ivo übersetzen, wie er seiner Zeit bei seinen ersten Olympischen Spielen als Journalist in München empfunden hatte, als der Terror-Anschlag den "heiteren Spielen" in wenigen Stunden den Garaus gemacht hatte...
  Seither war ja das Verrammeln und Verbarrikadieren des Sports bei gleichzeitig massivem Auftritt der Sicherheitsorgane zum olympischen Standard geworden. So berichtete Johannes - nachdem bereits eine aus dem Schreibtisch hervor gezauberte Flasche Slivo geleert war, Mladic auch noch von einer weiteren olympischen Erfahrung. In Montreal 1976 hatten Johannes und sein Time-Life Kollege Tom Grant deswegen einmal sehr viel Geld verloren. Ein DDR-Journalist hatte Johannes über sehr winkelige Wege ein Exklusiv-Interview mit dem damals stärksten Mann der Welt, dem russischen Holzbau-Ingenieur Vassili Alexejew vermittelt, dass er sich mit Grant teilen wollte, weil dieser wiederum fließend Russisch sprach. Dass Time Life zudem, das Doppelte in Dollar zahlte wie das deutsche Männermagazin in Mark stand auf einem anderen Kontoblatt. Als sie pünktlich zum vereinbarten Treffpunkt wollten, wurden sie von einem dreifachen Sicherheitskordon der RCMP abgewiesen, weil Madame Margeret Sinclair Trudeau, die junge, wilde Gattin des Kanadischen Premiers Pierre Trudeau just im selben Moment, da sie interviewen wollten, Lust verspürt hatte, männlich russisches Muskelfleisch aus der Nähe zu betrachten. Doch die "Mounties", die Vertreter der Royal Canadian Mounted Police stellten sich ihnen nicht mit ihren oft karikierten roten Röcken und den Pfadfinder-Hüten entgegen. Und Pferde waren schon gar nicht in der Nähe. Sie hatten Helme auf, trugen zu schwarzen Kampfanzügen, Springerstiefel und Stoffmasken sowie entsicherte Heckler&Kochs im Anschlag. Alles Bitten und Betteln half nichts. Johannes gingen 9.000 Mark durch die Lappen, weil Alexejew sich durch den schicken Besuch natürlich geschmeichelt fühlte und später keine Zeit mehr für normale Journalisten fand.
  Mladic und Johannes sprachen dann auch noch über den sich abzeichnenden politischen Wandel in der Olympia-Stadt. Bei allem Optimismus für die künftige Eigenständigkeit der Bosnier und die Prosperität Sarajevos mischte sich in Ivos  Zukunftsprognosen auch Bedenken, ob die Serben und Belgrad ihren zentralistischen Einfluss so einfach lockern würden. Johannes wollte nicht auch noch Öl ins Feuer gießen, denn er selbst hatte in den letzten Monaten das Gefühl, dass der so lange von Egon Bahr behutsam begleitete "Wandel durch Annäherung" von einem zunehmend eisiger werdenden Wind gebremst worden war. Helmut Kohl war ja nach dem konstruktiven Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt und die in der Folge bedingten Neuwahlen im März 1983 Kanzler geworden und hatte den Nachrüstungsbeschluss für die NATO, an dem die sozialliberale Koalition unter anderem gescheitert war, gegen die Widerstände der Friedensbewegung durchgesetzt...
 
  Am nächsten Morgen zog Johannes eine deprimierende Bilanz. Obwohl ihm ja die Ärzte dringend zur Abstinenz geraten hatten, und ihm die Erlebnisse von Wengen mehr oder weniger noch in den Knochen steckten, hatte er mehrere Tage unter massivem Alkohol-Einfluss verbracht. - Und während der wenigen verbliebenen Stunden Schlaf waren die gefürchteten farbigen Träume wieder gekommen. Er hatte dabei in sie eingebettet tatsächlich eine komplette Erzählung geträumt, deren tiefenpsycholgische Bedeutung  sich ihm erst nach einigen Jahren freudscher Einzelanalyse erschließen sollte. Sie blieb erhalten, weil er sie - verkatert wie er war - im Pressezentrum herunter hackte, während die Kollegen verzweifelt versuchten die olympische Spannung zu erhalten.
  Es war die Geschichte einer großen blinden Braunbärin, die die Bergbauern der Jahorina in Atem hielt und die anscheinend so schlau war, dass sie keinem in die Falle ging. Erzählt wurde sie von dem K.u.K.- Musikprofessor Dr. Jure Djajic aus Sarajevo, der sie in den Tagen des Attentates auf Franz Ferdinand als Parabel dafür verwendete, dass er von seinen Schülern verlangte, das Klavier blind - also nur nach Gehör, Gedächtnis und  Konzentration auf den Tastsinn  aber vor allem ohne Notenblätter zu beherrschen.
  Die Bärin war durch eine Schrotladung erblindet, die ihr ein wütender Bauer auf dem Pelz gebrannt hatte, als sie gerade dabei gewesen war, eines von dessen Schafen zu reißen. Tagelang war sie danach durch die tiefen Wälder getaumelt, manchmal abgestürzt und schon dabei, dramatisch Gewicht zu verlieren, als sie auf einen jungen verletzten Wolf getroffen war, der seinerseits von seinem Rudel als Bremsklotz bei den Beutezügen ausgeschlossen worden war. Statt den Wolf mit Heißhunger zu verspeisen, ging in der braunen Riesin etwas Sonderbares vor. Die jaulende Hilflosigkeit, weckte offenbar ihre verschütteten Mutterinstinkte, denn sie begann das Jungtier trotz ihres eigenen erbärmlichen Zustandes zu hegen und zu pflegen. Sie leckte seine Verletzung, sie trug ihn - wie sie es mit ihren Jungen getan hätte - am Nackenfell in ihre Höhle und sie wärmte den kleinen Grauen. Der gemeinsam durchlittene Hunger trieb sie in eine Symbiose der Überlebenskunst, eine Vereinigung aus Kraft und Schläue, aus blind geschärften Sinnen und wieder gewonnener Beweglichkeit und Geschicklichkeit. Der kleine Wolf nahm quasi die Rolle eines Blindenhundes an und musste im Gegenzug keine Angst haben, wegen seiner Behinderung Opfer anderer Waldbewohner oder der auf sie gehetzten Bluthunde zu werden. Denn die zwei hatten eine fabelhafte Kampftechnik entwickelt. Kamen die Angreifer zu nahe, richtete sich die Bärin auf beinahe drei Meter Höhe auf und ließ den Wolf zwischen ihre Beine schlüpfen. Was die Bärin mit ihren eigenen geschärften Sinnen nicht selbst wahrnahm, vermittelte ihr der die Gefahren sehende Wolf durch Bellen, Knurren und Schnappen.
Auf diese Art ließen immer mehr Spürhunde ihr Leben und dienten den beiden praktischer Weise auch als Nahrung.
  Da Johannes in seinem Traum die Bilder wie durch eine subjektive Filmkamera mal aus der Perspektive und Sichtweise des Wolfes und Mal aus der der Bärin vermittelt bekam, erlebte er auch ihr gemeinsames Ende so drastisch, als wäre er selbst ums Leben gekommen. Die Jäger hatten sie - ihn, Johannes - endlich auf einem steilen Felsen umzingelt, bis ihnen nur noch der Abgrund blieb. An dieser Felswand stand in einiger Entfernung allerdings noch eine hohe sich in ihrer Krone stark verjüngende Tanne. Das war ein möglicher Fluchtpunkt - doch nur für die Bärin. Selbst wenn der Wolf so weit hätte springen können... Er wäre ja nicht in der Lage gewesen, sich fest zu klammern. Die beiden Tiere konnten kommunizieren als sprächen sie miteinander eine gutturale Sprache aus Brummen und Kläffen. Der Wolf gab seiner braunen Partnerin die Richtung an. Die Bärin bedeute dem Wolf sich in ihrem Fell fest zu beißen und dann sprangen sie derart vereint. Doch die Bärin verfehlte den Wipfel der Tanne. Sie stürzten ins Bodenlose. Johannes taumelte mit ihnen. Und während alle Drei noch in der Luft zappelten, war Johannes jäh aus diesem Traum erwacht.
  Als Johannes am nächsten Tag ausnahmsweise zu der Pressekonferenz des  NOK ins "Deutsche Haus" ging, stellte er fest, dass er diese weiße Villa auf dem linken Ufer der Miljacka, die das  Nationale Olympische Komitee für die Deutsche Delegation während der Spiele angemietet hatte, in seinem Traum von der blinden Bärin schon gesehen hatte. In ihr hatte Dr. Djajic gewohnt und seine Schüler in einem prächtigen Parkett-Saal im Obergeschoss empfangen. Johannes beruhigte sich damit, dass er vermutlich im Vorfeld irgendeine Präsentation des Anwesens gesehen hatte und dass die Erinnerung daran irgendwie in seinen Traum geraten war. Als das dann jedoch exakt auch der Musik-Saal  aus dem Traum war, in dem die Pressekonferenz stattfand und der Flügel genau an der Stelle vor der gerundeten Fensterfront zum Park stand, traf ihn das wie ein Keulenschlag. Die Würgehände seiner mit Panik gepaarten Depression drückten ihm die Luft zum Atmen weg. Er wäre in Ohnmacht gefallen, hätte er das Haus nicht augenblicklich verlassen.
  Natürlich stand kein Fahrzeug der Fahrbereitschaft in der Auffahrt. Die Pressekonferenz samt Fragestunde und traditionellem Imbiss war ja für mindestens zwei Stunden angesetzt gewesen. Er stapfte über einen kaum geräumten Gartenweg und setzte sich auf eine Bank mit Blick auf die Miljacka. Auf der Sitzfläche lagen mindestens zwanzig Zentimeter Schnee. Der kalte Hintern würde ihn vielleicht wieder zur Vernunft bringen.
  Er bombardierte sich mit Selbstvorwürfen. Wie hatte er sich durch seine zügellose Lebensweise nur derart um den Verstand bringen können? Hatte er nicht Verantwortung? Wie sollte er sich jetzt, da er ja schon zwischen Wirklichkeit und Traum-Geschehen nicht mehr unterscheiden konnte, noch befreien können? Er hatte nur unbewusst wahrgenommen, dass sich leise jemand neben ihn gesetzt hatte. Sein  niedergeschlagener,  von Tränen verschwommener  Blick nahm lediglich die altmodischen Stiefel mit geknöpften Gamaschen zur Kenntnis, als der Besucher anhob in einem leicht schmerzlich  und slawisch gefärbten (Robert Musil hätte ihn "kakanisch" genannt) Tonfall auf Deutsch mit ihm zu sprechen.
  Er kannte diese Stimme:
  "Siehst Du die Leichen die Mijacka hinunter schwimmen? All die Toten, die Kinder, die Frauen, die verirrten Waffenbrüder? Hat diese Stadt denn nicht schon genug Tragödien erlebt? In zehn Jahren wird statt des Olympischen Feuers hier jedes zweite Haus brennen. Die schwarze Wolke des Krieges wird über den weißen Gipfeln der Jahorina stehen. Und wieder wird es einige Jahre später niemand mehr verstehen, wie es dazu kommen konnte."
  Johannes hob seinen Blick und schaute in die klaren Augen des langhaarigen, ergrauten Mannes, der in seinen Gehrock mit Weste gekleidet, den starken Schneefall nicht zu bemerken schien.
  "Es gibt Sie nicht, Dr. Djajic! Sie sind die Ausgeburt meines umnebelten Hirnes. Ich habe Sie gerade erst  erfunden oder besser erträumt.  Also können Sie mir auch keine angst machen."
  Den Alten schien das nicht zu beeindrucken. Er fuhr mit seinem Lamento fort:
  "Jeder sechste Einwohner dieser Stadt, die immer auch ein Symbol war  für das friedliche Miteinander der Völker, wird eine Kriegsverletzung erleiden. Eine Bevölkerung in der Größenordnung einer Kleinstadt wird samt Tausender Kinder ausgerottet werden. Und wofür? Für den Wahn von Macht und Herrschen einerseits und den Traum von Selbstbestimmung in Freiheit andererseits. Und keiner von Euch wird schreiben oder nur versuchen wollen, zu erklären, wessen Schuld dies war.“
  Vor psychischer Erschöpfung, die sich bei Johannes von der physischen ja nicht mehr sonderlich unterschied, war er offenbar auf der Bank eingeschlafen. Als ein frisch von der feinköstigen Freikost gesättigter Kollege ihn rüttelte, hatte sich auf seinen Schultern und Schenkeln bereits eine richtige Schneedecke gebildet. Er blickte auf die Sitzfläche neben sich. Da war natürlich kein Abdruck eines Gesäßes mehr zu sehen, und im Bus zurück zum Pressedorf wurde getuschelt, was nun schon wieder in den sonderbaren Kollegen gefahren sei.
  Als endlich das schöne Wetter kam, gelang es Johannes, besorgten und spöttelnden Fragen dadurch zu entgehen, dass er den Sport und die gesonderte Berichterstattung wieder einmal als Kur nutzte.  Er hatte Langlauf und Alpin-Ski dabei und verschwand oft Tagelang im Gelände der abseits der "grauenvollen" Stadt gelegenen Ski-Disziplinen.
   Johannes erzählte für eines der zahlreichen Olympia-Bücher, wie dem deutschen Biathleten Peter Angerer die 13 zur Glückszahl wurde und er spann weiter an der Bill-Johnson-Mystery.  Er verspürte bei der Arbeit an der Olympia-Abfahrt sogar wieder so etwas wie Humor und - wenn auch verkrampft - etwas übermütige Lebensfreude. Sie äußerte sich darin, dass ein Schweizer Fotografen-Kollege - ein Ex-Rennläufer - und er jedes Mal unmittelbar nach dem Trainings-Start des letzten Abfahrtsäufers - einem Argentinier - in die wirklich leichte Abfahrtsstrecke sprangen, um zu versuchen, den "Exoten" einzuholen; der Fotograf mit seinem schweren Fotokoffer in der Hand, und Johannes die Tasche mit der Reise-Schreibmaschine über die Schulter gehängt.
  Leider kam es bei diesem eigentlich verbotenen Tun zu Nachahmern und einer Indiskretion. Eine deutsche Foto-Kollegin hielt den hinter dem armen Argentinier her rasenden Presse-Pulk mit einem Super-Tele fest, was zu einer verspottenden und überheblich verzerrenden Perspektive und auch einer offiziellen Rüge führte. Das Bild jedoch ging als preisgekrönter Schnappschuss um die Welt. Was es nicht zeigte: Der Schweizer Fotograf musste trotz Handicap bei der Einfahrt in den schütteren Bannwald regelrecht in Pflugstellung gehen, um dem Ski fahrenden Gaucho nicht zu nahe zu kommen...

  Bill Johnson wurde tatsächlich Olympiasieger, aber was für Johannes und seine fast verdrängten Alpträume beruhigender war: Als der für Jugoslawien startende Slowene Jure Franko am 14. Februar 1984 die Silbermedaille im Riesenslalom gewann - die erste Medaille überhaupt für den Vielvölkerstaat bei Olympischen Winterspielen. Da zogen alle - Kroaten, Bosnier, Slowenen, Serben, Kosovaren und Mazedonier zu Zigtausenden im lautstarken Jubel miteinander vereint, durch die geschichtsträchtigen Straßen Sarajevos...

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