Samstag, 28. September 2013

Johannes

  Alle klassischen Redewendungen haben eine Wahrheit in ihrer Kernaussage: Es geht einem an die Nieren, wenn etwas Dramatisches passiert. Die Galle kommt jenem hoch, der sich schwarz ärgert und wer einen Stein ins Rollen bringt, verändert sein Leben nachhaltig…
  Warum vergessen Eltern, was ihnen als Kindern von ihren Eltern widerfahren ist? Wieso sind sie nicht in der Lage, das einschlägig Erlebte zu memorieren, um die Wiederholung von kindlichem Leid zu vermeiden?
  "Ich wünsch' Dir Kinder, wie Du eines bist", pflegte seine Mutter - als wolle sie ihn  mit einem Fluch belasten - voller Empörung hinter ihm her zu rufen, wenn er wieder einmal etwas ausgefressen hatte. Ihre Verwünschungen sind später in vollem Umfang in Erfüllung gegangen, und Johannes war dankbar dafür. Seine Kinder sind ihm wirklich sehr ähnlich geworden, mit ihrem Hang zur Individualität, mit ihrer aus musischer Begabung entspringenden Kreativität, aber auch mit ihren Urängsten und gelegentlichen Antriebsschwächen. Und dennoch, er hat - trotz bester Vorsätze - alle für ihn so schmerzlichen erzieherischen Fehler seiner Eltern bei seinen Kindern erneut gemacht. Zuerst wollte er sich damit trösten, dass dies Projektionen einer überbordenden Liebe und Fürsorge gewesen seien, aber heute, da beide Erwachsene sind, liest sich sein Versagen in einem Brief an sie so:
  Es ist die vorrangige Pflicht eines Vaters, seinen Kindern den Umgang mit der Angst beizubringen - und nicht, sie nur vor Unbill schützen zu wollen. Fast gleichrangig ist die Aufgabe, ihnen das Glück zu erklären, was eben nicht ohne Strenge, Härte und die Vorbereitung auf Verlust geht. Eltern können sich als oberstes Ziel ihrer Erziehung wünschen, dass ihre Kinder lebenstüchtig und glücklich werden, aber sie haben später mit beidem nichts mehr zu tun.
  Esther hat sich mit solchen Überlegungen nie aufgehalten. Sie hat Martha und Cornelius einfach bekommen und ihren Part der Erziehung geschehen lassen. Gelegentlich war das der einzige Anfall von Eifersucht, den Johannes zu erleiden hatte: Dass die Drei eine Einheit der gegenseitigen Zuneigung bildeten, bei der er als Mahner, Antreiber und Kritiker ausgeschlossen blieb.
  Oft überlegte er sich, welche Entwicklung seine Psyche genommen hätte, wäre seine Mutter wie Esther gewesen. Johannes stand allein gegen alle in seiner Familie. Seine Mutter wäre nie auf die Idee gekommen, zu seinen Gunsten Partei gegen ihren Mann zu ergreifen. Vielleicht war sie auch zu beschäftigt, ihren Zipfel vom Wirtschaftswunder zu erhaschen. Wenn die beiden pubertierenden Mädchen ihre gelegentlich hysterischen Anfälle hatten, wurden sie samt Klamotten einfach unter die eiskalte Dusche gestellt. Das war drastisch, abschreckend, aber eben nicht nachhaltig die Seele verletzend.
  Mit Johannes wurden erzieherische Spielchen gespielt: Bei der weihnachtlichen Bescherung beispielsweise lag einmal für ihn zunächst nichts unter dem  Gabentisch als ein Miniatur-Teppichklopfer an dem eine Zuckerstange in der Form eines Spazierstockes hing. Über diesen Anklang an eine Erziehung mit "Zuckerbrot und Peitsche" konnte vielleicht ein erwachsener Humor schmunzeln. Ein Achtjähriger empfand nur Scham und Demütigung. Johannes tat seiner Familie nicht den Gefallen, in Tränen auszubrechen, und wenn dann später hinter einem Sessel in der Wohnzimmer-Ecke doch noch Geschenke für ihn auftauchten, spielte er den Entzückten nur noch. Was nützte ein von der Mutter mit viel Eifer selbst gebasteltes Indianer-Zelt, wenn aus Häuptling "Grosses Adlerauge" vorher schon  der Stammesdepp "Klein Schniefnase" geworden war...
  In dieser Zeit unterdrückter Emotionen strickte seine Mutter daher an der Legende seiner Schmerz-Unempfindlichkeit. Mehrmals zog er sich während dieser verstockten Phase im Kopfbereich Platz- und Risswunden zu, die der Hausarzt - ein Lazarett-Veteran zweier Kriege - wegen der  damals immer  noch unsicheren lokalen Anästhesie lieber ohne Narkose nähen wollte. Die Tatsache, dass Johannes nicht schrie - nie mehr bei Schmerzen schrie - bedeutete aber nicht, dass er keine Schmerzen hatte. Er konnte die physischen nur nicht mehr von den psychischen unterscheiden, und letztere hatte er zu verdrängen gelernt. Es gab einfach niemanden, dem er sie hätte offenbaren können.
  Als sein Vater nicht mehr mit ihm reden wollte, wurde ein Teil von Johannes verstockt, während der andere in eine permanente hyperaktive Stress-Situation des Geliebt-werden-Wollens geriet. Er mutierte zur Nervensäge. Ein Kind, das aus dem Weg gehen will und dabei Omas teure, antike Vase umwirft. Ein Niemand, der - um zu helfen und um wahrgenommen zu werden - eine Schüssel angeben will und nicht wartet, ob der andere auch zufasst. Ein Horror-Balg, das binnen weniger Wochen zweimal vor ein Auto läuft und einmal von einem Motorradfahrer über den Haufen gefahren wird.
  Der erwachsene Teil der Familie würde gerne mal etwas ohne ihn unternehmen, aber die Nachbarn und Freunde, die ihn früher gerne geholt hatten, sagen hinter verschlossenen Türen, aber laut genug ,dass er es hören kann, es sei mit ihm schlimmer, "als einen Sack Flöhe zu hüten".
 
  Weil er den Schwestern auf den Geist ging, und sie auch begonnen hatten 14- und 17jährig, eigene Wege zu gehen, kam es immer häufiger bei den verhassten Wochenend-Wanderungen  zu der Dreier-Konstellation Vater, Mutter, Sohn. Und dabei passierte etwas, dass Johannes sein ganzes Leben nicht verkraften sollte.
  Merkwürdiger Weise hatte seine Mutter ausgerechnet bei diesem Ausflug auf dem Elbwanderweg viele Fotos von ihm gemacht, so dass er noch als Erwachsener beim Durchblättern des Familien-Albums auf drastische Weise an dieses Ereignis erinnert wurde. Eines der ersten Bilder zeigt Johannes an der Verspannung eines Telegrafen-Mastes. Es ist so angeschnitten, dass es einen Schiffsjungen am Stag zeigen könnte: Lange blonde Haare vom Wind verweht, der Blick ernst in die Ferne gerichtet.
  Die weiteren Fotos zeigen einen Trotzkopf, der keine Lust mehr hat, zu laufen, der einen Flunsch zieht, der greint. Etwa da beschließen die Eltern eine Pause zu machen. Eine Bank ist mit einer Bucht in den Hang eingelassen, Ein Eichhörnchen lässt sich mit einem Stück Nuss-Schokolade füttern, und unten auf der Elbe manövrieren majestätisch Ozean-Dampfer.
  Johannes klettert den Hang hinauf und ist bald in seiner Indianer-Zufluchtswelt verschwunden. Er steigt auf einen großen runden Stein und späht hinaus über den Strom. Ein kleiner Findling, den die Gartenarchitekten dort wohl zu Dekorationszwecken platziert haben, doch er ist nicht genügend fixiert. Als Johannes herunter springt, wackelt er und bekommt einen achtlosen Tritt. Der Stein, viel zu groß, um eigentlich von einem kleinen Jungen durch Achtlosigkeit destabilisiert zu werden, setzt sich in Bewegung, rollt erst langsam dann immer schneller den Hang hinunter. Dann beginnt er in immer größeren Sätzen zu springen. Genau auf die Bankbucht zu, die nur durch die sie überragenden Köpfe der Eltern zu erahnen ist. Der Stein springt auf sie zu. Johannes will schreien, aber er kann nicht. Der Stein springt genau zwischen den Köpfen seiner Eltern hindurch und kracht in den hölzernen Begrenzungszaun des Höhenweges. Die Welt steht für einen Moment still. Dann springen die Eltern auf, und es erhebt sich ein erschütterndes Gebrüll, wie er es von seinem eher in sich gekehrten, ruhigen Vater nur vier Mal im Leben hören sollte:
  "Dir ham'se wohl ins Gehirn geschissen und vergessen, umzurühr’n! Wieso nehme ich Dich in die Berge mit und erzähl dir alles über die Gefährlichkeit von Steinschlägen, damit du uns hier an der Elbe umbringst?"
  Seine Mutter hatte an diesem Tag nur noch eine weitere Aufnahme von Johannes gemacht. Sie zeigt zweifelsfrei den gleichen Jungen wie auf den zuvor geschossenen Fotos – allerdings scheint er nun  um Jahre gealtert. Die Augen zwar vom Entsetzen erstarrt, aber mit einem ebenso erschreckenden grimmigen Trotz um die Kinnpartie.
 
  Sein weiteres Leben sollte Johannes von dieser Szene im Traum heimgesucht werden. Bisweilen in Varianten und einer Heftigkeit, die ihn mitunter glauben ließen, er habe das womöglich aus Absicht getan - gewissermaßen ein Attentat auf die eigenen Eltern verübt...



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