Alle klassischen Redewendungen haben
eine Wahrheit in ihrer Kernaussage: Es geht einem an die Nieren, wenn etwas Dramatisches
passiert. Die Galle kommt jenem hoch, der sich schwarz ärgert und wer einen
Stein ins Rollen bringt, verändert sein Leben nachhaltig…
Warum vergessen Eltern, was ihnen als Kindern von ihren Eltern widerfahren ist? Wieso sind sie nicht in der Lage, das
einschlägig Erlebte zu memorieren, um die Wiederholung von kindlichem Leid zu
vermeiden?
"Ich wünsch' Dir Kinder, wie Du eines
bist", pflegte seine Mutter - als wolle sie ihn mit einem Fluch belasten - voller Empörung
hinter ihm her zu rufen, wenn er wieder einmal etwas ausgefressen hatte. Ihre
Verwünschungen sind später in vollem Umfang in Erfüllung gegangen, und Johannes
war dankbar dafür. Seine Kinder sind ihm wirklich sehr ähnlich geworden, mit ihrem
Hang zur Individualität, mit ihrer aus musischer Begabung entspringenden
Kreativität, aber auch mit ihren Urängsten und gelegentlichen
Antriebsschwächen. Und dennoch, er hat - trotz bester Vorsätze - alle für ihn
so schmerzlichen erzieherischen Fehler seiner Eltern bei seinen Kindern erneut
gemacht. Zuerst wollte er sich damit trösten, dass dies Projektionen einer
überbordenden Liebe und Fürsorge gewesen seien, aber heute, da beide Erwachsene
sind, liest sich sein Versagen in einem Brief an sie so:
Es ist
die vorrangige Pflicht eines Vaters, seinen Kindern den Umgang mit der Angst
beizubringen - und nicht, sie nur vor Unbill schützen zu wollen. Fast
gleichrangig ist die Aufgabe, ihnen das Glück zu erklären, was eben nicht ohne
Strenge, Härte und die Vorbereitung auf Verlust geht. Eltern können sich als
oberstes Ziel ihrer Erziehung wünschen, dass ihre Kinder lebenstüchtig und
glücklich werden, aber sie haben später mit beidem nichts mehr zu tun.
Esther hat sich mit solchen Überlegungen nie
aufgehalten. Sie hat Martha und Cornelius einfach bekommen und ihren Part der
Erziehung geschehen lassen. Gelegentlich war das der einzige Anfall von
Eifersucht, den Johannes zu erleiden hatte: Dass die Drei eine Einheit der
gegenseitigen Zuneigung bildeten, bei der er als Mahner, Antreiber und Kritiker
ausgeschlossen blieb.
Oft überlegte er sich, welche Entwicklung
seine Psyche genommen hätte, wäre seine Mutter wie Esther gewesen. Johannes
stand allein gegen alle in seiner Familie. Seine Mutter wäre nie auf die Idee
gekommen, zu seinen Gunsten Partei gegen ihren Mann zu ergreifen. Vielleicht
war sie auch zu beschäftigt, ihren Zipfel vom Wirtschaftswunder zu erhaschen.
Wenn die beiden pubertierenden Mädchen ihre gelegentlich hysterischen Anfälle
hatten, wurden sie samt Klamotten einfach unter die eiskalte Dusche gestellt.
Das war drastisch, abschreckend, aber eben nicht nachhaltig die Seele
verletzend.
Mit Johannes wurden erzieherische Spielchen
gespielt: Bei der weihnachtlichen Bescherung beispielsweise lag einmal für ihn
zunächst nichts unter dem Gabentisch als
ein Miniatur-Teppichklopfer an dem eine Zuckerstange in der Form eines
Spazierstockes hing. Über diesen Anklang an eine Erziehung mit "Zuckerbrot
und Peitsche" konnte vielleicht ein erwachsener Humor schmunzeln. Ein
Achtjähriger empfand nur Scham und Demütigung. Johannes tat seiner Familie
nicht den Gefallen, in Tränen auszubrechen, und wenn dann später hinter einem
Sessel in der Wohnzimmer-Ecke doch noch Geschenke für ihn auftauchten, spielte
er den Entzückten nur noch. Was nützte ein von der Mutter mit viel Eifer selbst
gebasteltes Indianer-Zelt, wenn aus Häuptling "Grosses Adlerauge"
vorher schon der Stammesdepp "Klein
Schniefnase" geworden war...
In dieser Zeit unterdrückter Emotionen
strickte seine Mutter daher an der Legende seiner Schmerz-Unempfindlichkeit.
Mehrmals zog er sich während dieser verstockten Phase im Kopfbereich Platz- und
Risswunden zu, die der Hausarzt - ein Lazarett-Veteran zweier Kriege - wegen
der damals immer noch unsicheren lokalen Anästhesie lieber
ohne Narkose nähen wollte. Die Tatsache, dass Johannes nicht schrie - nie mehr
bei Schmerzen schrie - bedeutete aber nicht, dass er keine Schmerzen hatte. Er
konnte die physischen nur nicht mehr von den psychischen unterscheiden, und
letztere hatte er zu verdrängen gelernt. Es gab einfach niemanden, dem er sie
hätte offenbaren können.
Als sein Vater nicht mehr mit ihm reden
wollte, wurde ein Teil von Johannes verstockt, während der andere in eine
permanente hyperaktive Stress-Situation des Geliebt-werden-Wollens geriet. Er
mutierte zur Nervensäge. Ein Kind, das aus dem Weg gehen will und dabei Omas
teure, antike Vase umwirft. Ein Niemand, der - um zu helfen und um wahrgenommen
zu werden - eine Schüssel angeben will und nicht wartet, ob der andere auch
zufasst. Ein Horror-Balg, das binnen weniger Wochen zweimal vor ein Auto läuft
und einmal von einem Motorradfahrer über den Haufen gefahren wird.
Der erwachsene Teil der Familie würde gerne
mal etwas ohne ihn unternehmen, aber die Nachbarn und Freunde, die ihn früher
gerne geholt hatten, sagen hinter verschlossenen Türen, aber laut genug ,dass
er es hören kann, es sei mit ihm schlimmer, "als einen Sack Flöhe zu
hüten".
Weil er den Schwestern auf den Geist ging,
und sie auch begonnen hatten 14- und 17jährig, eigene Wege zu gehen, kam es
immer häufiger bei den verhassten Wochenend-Wanderungen zu der Dreier-Konstellation Vater, Mutter,
Sohn. Und dabei passierte etwas, dass Johannes sein ganzes Leben nicht
verkraften sollte.
Merkwürdiger Weise hatte seine Mutter
ausgerechnet bei diesem Ausflug auf dem Elbwanderweg viele Fotos von ihm
gemacht, so dass er noch als Erwachsener beim Durchblättern des Familien-Albums
auf drastische Weise an dieses Ereignis erinnert wurde. Eines der ersten Bilder
zeigt Johannes an der Verspannung eines Telegrafen-Mastes. Es ist so
angeschnitten, dass es einen Schiffsjungen am Stag zeigen könnte: Lange blonde
Haare vom Wind verweht, der Blick ernst in die Ferne gerichtet.
Die weiteren Fotos zeigen einen Trotzkopf,
der keine Lust mehr hat, zu laufen, der einen Flunsch zieht, der greint. Etwa
da beschließen die Eltern eine Pause zu machen. Eine Bank ist mit einer Bucht
in den Hang eingelassen, Ein Eichhörnchen lässt sich mit einem Stück
Nuss-Schokolade füttern, und unten auf der Elbe manövrieren majestätisch
Ozean-Dampfer.
Johannes klettert den Hang hinauf und ist
bald in seiner Indianer-Zufluchtswelt verschwunden. Er steigt auf einen großen
runden Stein und späht hinaus über den Strom. Ein kleiner Findling, den die
Gartenarchitekten dort wohl zu Dekorationszwecken platziert haben, doch er ist
nicht genügend fixiert. Als Johannes herunter springt, wackelt er und bekommt
einen achtlosen Tritt. Der Stein, viel zu groß, um eigentlich von einem kleinen
Jungen durch Achtlosigkeit destabilisiert zu werden, setzt sich in Bewegung,
rollt erst langsam dann immer schneller den Hang hinunter. Dann beginnt er in
immer größeren Sätzen zu springen. Genau auf die Bankbucht zu, die nur durch
die sie überragenden Köpfe der Eltern zu erahnen ist. Der Stein springt auf sie
zu. Johannes will schreien, aber er kann nicht. Der Stein springt genau
zwischen den Köpfen seiner Eltern hindurch und kracht in den hölzernen
Begrenzungszaun des Höhenweges. Die Welt steht für einen Moment still. Dann
springen die Eltern auf, und es erhebt sich ein erschütterndes Gebrüll, wie er
es von seinem eher in sich gekehrten, ruhigen Vater nur vier Mal im Leben hören
sollte:
"Dir ham'se wohl ins Gehirn geschissen
und vergessen, umzurühr’n! Wieso nehme ich Dich in die Berge mit und erzähl dir
alles über die Gefährlichkeit von Steinschlägen, damit du uns hier an der Elbe
umbringst?"
Seine Mutter hatte an diesem Tag nur noch
eine weitere Aufnahme von Johannes gemacht. Sie zeigt zweifelsfrei den gleichen
Jungen wie auf den zuvor geschossenen Fotos – allerdings scheint er nun um Jahre gealtert. Die Augen zwar vom
Entsetzen erstarrt, aber mit einem ebenso erschreckenden grimmigen Trotz um die
Kinnpartie.
Sein weiteres Leben sollte Johannes von dieser
Szene im Traum heimgesucht werden. Bisweilen in Varianten und einer Heftigkeit,
die ihn mitunter glauben ließen, er habe das womöglich aus Absicht getan -
gewissermaßen ein Attentat auf die eigenen Eltern verübt...
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