Freitag, 20. September 2013

Isolde und Hella

(Die Dramen der desperaten Damen)

 Sie hatten wirklich alle erdenklichen Tests mit Johannes durchgeführt. Sein Blut war zu anderen Instituten geschickt worden. Die Befunde waren alle gleich: Leicht übersäuert und mitunter grenzwertig, was das Azeton anging, aber ansonsten, kein bekannter Erreger, kein Virus, kein Bazillus Bavaricus oder dergleichen. Als er im April den nächsten Fieberanfall hatte, nahmen sie direkt  Blut ab, aber auch dabei fanden die Spezialisten des Tropeninstitutes nichts, und auch der Virologie-Professor, der sie einst ermutigt hatte, die Tochter trotz der negativen Prognosen zu bekommen, war ratlos. Als er nach kleineren mit immer größeren Abständen auftretenden im darauf folgenden Winter den letzten Anfall dieser Art mit einer Temperatur von 41,3 hatte, musste er sich sogar von dem herbeigeeilten Notarzt beschimpfen lassen. Ob er denn noch nie eine Grippe gehabt hätte. Kein Wunder, dass die Kosten für das Gesundheitssystem so aus den Fugen gerieten, wenn jeder schon bei einem normalen Fieber mitten in der Nacht den Notarzt riefe.
  Es war jedoch nicht das Fieber gewesen, das Johannes angst gemacht hatte, sondern es waren die Fantasien im Dämmerzustand und die horrösen Träume der Tiefschlafphase, die ihn physisch so mitnahmen, als hätte er sie tatsächlich körperlich erlebt. Am schlimmsten waren dabei die Déjàvus. Immer häufiger glaubte er Dinge und Geschehnisse im Traum bereits gesehen zu haben, die einige Zeit später in den Fernseh-Nachrichten über den Bildschirm flimmerten oder in einem Film auf der Leinwand in Szene gesetzt worden waren. Völlig verunsichert, ob er überhaupt noch zurechnungsfähig sei, traute er sich noch nicht einmal mit Esther über diese Dinge zu reden. Er zog sich zunehmend in sich selbst zurück, was bei seinem bislang eher extrovertierten Leben vom Umfeld mit zunehmender Irritation und Verständnislosigkeit aufgenommen wurde. Zwei, drei Mal war es zu merkwürdigen spirituellen Verbindungen mit seiner kleinen Tochter gekommen. Wenn er im Traum in tödliche Bedrängnis geraten war, hatte die ansonsten wie ein Murmeltier schlafende  Martha gleichzeitig aufgekreischt und hatte schweißgebadet in ihrem Bettchen gelegen.
  Johannes begann über Déjàvus zu lesen und wissenschaftliche Abhandlungen zu studieren, denn in seinem prosaischen Wachdenken gab es keinen Platz für Spökenkiekereien. Ein populärwissenschaftlicher Erklärungsansatz beschrieb den Wahrnehmungsraster des menschlichen Gehirns als etwa halb so groß wie ein Schachbrett. Wären bei reizüberfluteten Menschen beispielsweise nur die Hälfte der Felder eines sechs mal sechs großen Memory-Rasters durch aktuelle Wahrnehmungen deckungsgleich belegt, würden die darunter liegenden Erinnerungsfelder bereits aktiviert.
  Johannes zweifelte nicht daran, dass sein Leben bislang vermutlich reicher an Reizen gewesen war als das manch anderer, aber er bezweifelte diesen sich bei ihm immer häufiger einstellenden reziproken Ablauf: Erst kamen die Erinnerungen, dann passierte etwas sehr ähnliches oder genau das. Er trauerte dem Arzt-Patientenverhältnis nach, wie er es mit dem verstorbenen Dr. Mausele gehabt hatte. Er befürchtete, wenn er das schwer Beschreibbare jemandem erzählte, würde er sofort in eine geschlossene Einrichtung eingewiesen. Schon deshalb legte er bei seinen beruflichen Aktivitäten noch ein paar Schaufeln Kohle nach, um ja nicht in Verdacht zu geraten. Rückbetrachtet schrieb er in keiner Phase seines Schaffens besser, fotografierte Aufsehen erregender  und malte spannendere Bilder. Wäre er nicht von einer beginnenden Schizophrenie überzeugt gewesen, er hätte den Wegweiser noch einmal in die richtige Richtung einer eher künstlerischen Existenz drehen können. Aber er beging den Fehler der Selbsttherapie.
  Der Wirkstoff Diazepam wurde damals als Valium gerne und ohne Hinterfragen verschrieben - so wie ab Ende der 1980er auch das in den Staaten immer noch populäre Prozac. Das Valium tat ihm gut, denn es nahm die Spitzen seiner Erregbarkeit. Aber das weiche Dahingleiten - vergleichbar einem schwappenden Stück Treibholz auf einem langsam fließenden Fluss - bremste seine Schaffenskraft so spürbar, dass sein kontrollierendes Über-Ich die Einnahme jeder Pille als Niederlage anprangerte. Er bekam sich so weit unter Kontrolle, dass er  - wenn sich Depressionen oder Angstattacken aufbauten - mit zweieinhalb Milligramm anfing und die Dosierung nur bei dramatischer Zuspitzung bis zur 10er-Einheit steigerte. In schonungsloser Selbstanalyse begriff er bald, dass die Angst vor der Angst und die Angst, von irgend etwas abhängig zu sein, dass er nicht mehr kontrollieren konnte, viel größer war als der jeweilige Anfall selbst. Das nicht entspannen Können wurde also nach und nach zum Hauptproblem. Der Dauerstress wiederum verstärkte die Auslöser für die Attacken. Die kamen so überfallartig wie vorher das Fieber.
  Er saß beispielsweise - um sich abzulenken oder zu beruhigen - vor seiner Staffelei und versuchte die Farbigkeit seiner Träume auf die Leinwand zu bannen, und nur ein Geruch einer Farbe oder ein Mischton sorgten dafür, dass er in seinem Umfeld zu schrumpfen begann. Sein Hals-Nasen-Ohren-Bereich wurde von einer staubigen Trockenheit erfasst und das Innere seines Schädels war schlagartig schwarz und hohl. Sein ganzer Körper fühlte sich an wie morsches Holz. Diese Wahrnehmungen in ihrer Gesamtheit dauerten vielleicht noch nicht einmal eine halbe Minute. Die reichte aber aus, um völlig unkontrolliert Adrenalin in seine Adern zu pumpen, seinen Atem in einen hyperventilierenden Rhythmus zu steigern und unabhängig von der jeweiligen Temperatur abartige Schweißausbrüche auszulösen. Waren diese Vorboten abgeklungen, legte sich eine virtuelle Garotte, eine unsichtbare Würgehand mit zunehmendem Druck um seinen Hals bis er scheinbar zu ersticken drohte. Übermannte ihn so ein Anfall zu Hause oder im Büro konnte er ihn mit einem in der einschlägigen Notfall-Literatur vorgeschlagenen Programm halbwegs abwenden. Er hatte eine Plastiktüte, in die er ein und ausatmen, ein Geduldsspiel, mit dem er sich ablenken und Magnesium, das er als Placebo verwenden konnte in Reichweite. Verheerend waren die Folgen unterwegs. Er konnte beispielsweise fünfmal unbehelligt und ohne darüber nachzudenken, durch einen Tunnel fahren. Beim sechsten Mal erdrückte ihn die tonnenschwere Last, die auf der Röhre lag, und er erreichte das Licht am anderen Ende im Zustand der absoluten Unzurechnungsfähigkeit. Beim achten Mal  konnte es genau umgekehrt sein. Er wollte nicht mehr ins Licht zurück, weil er wusste  oder auch nur ahnte, dass der Licht-Dunkelheit-Kontrast jenseits des "Geburtskanals" einen nächsten unkontrollierbaren Anfall auslösen würde.
  Von all dem durfte seine Umwelt natürlich nichts erfahren. Aber wie sollte das gelingen? Er musste in Flugzeuge steigen, er musste lange Autofahrten überstehen, er musste in oder vor großen Menschenansammlungen sprechen. Je mehr er sich zurückzog, um die Frequenz solcher Herausforderungen zu verringern, desto interessanter erschien er potenziellen Auftraggebern. Jene unterlagen wohl dem Trugschluss, dass einer, der sich zunehmend rar machte, sich das aufgrund seiner Fähigkeiten leisten könne. Mit einem Satz: Der halbseitig völlig außer Kontrolle geratene Johannes konnte sich vor hochwertigen Aufträgen nicht retten. Zögerte er bei der Annahme, so hatte das nicht etwa zur Folge, dass er diesen und weitere Aufträge verlor, wie das bei den meisten anderen Freelancern üblich war. Nein, man erhöhte stets das Angebot, bis die klar denkenden Überreste von Johannes' Matschhirn den sich zunehmend leerenden  Schädel doch noch zu einem müden Abnicken veranlassten. Eine Katastrophe war quasi programmiert.
  In den klaren Momenten, die zum Glück noch stets überwogen, gelang es Johannes, sich ein subjektives Krisenmanagement von neutraler Position aus angedeihen zu lassen, wie es ja auch Kunden von ihm als selbstverständlichen Service in Anspruch nehmen durften. Und darin gerade lag für ihn der Beweis, dass seine Schizophrenie nicht mehr abzuwenden war. Es sei denn, er versichere sich professioneller Hilfe, die ihn daran hinderte, dass sich der funktionierende endgültig vom gestörten Teil seiner Persönlichkeit abspaltete.
  Wieder einmal kam Johannes der Zufall zur Hilfe. Johannes verschlang in dieser Zeit  völlig unkritisch jedwede fachmedizinische oder populärwissenschaftliche Veröffentlichung über Krankheiten, obwohl er sehr wohl wusste, dass er meist eine viertel Stunde später, den schon reichlich vorhandenen alten Symptomen sämtliche der neu entdeckten Krankheit hinzugefügt haben würde. In der Süddeutschen Zeitung las er nun von einem renommierten Münchner Institut, das Versuchsgruppen zur Bekämpfung des so genannten "Panik-Syndroms" zusammenstellte und Probanden aus allen Berufsgruppen und Bevölkerungsschichten suchte.
  Wie nicht anders zu erwarten, war Johannes ein Wunschkandidat. Die Wissenschaftler unterzogen ihn EEGs, EKGs, Tomographien (damals der neueste Schrei) sowie mannigfaltigen Blut- und Sekrettests bevor sie ihn in eine Encounter-Gruppe mit Menschen ähnliche Symptomatik steckten.
  Es waren dies: Eine sexkranke Taxifahrerin in den Wechseljahren mit einem kombinierten Alkohol- und Drogenproblem. Ein U-Bahn-Führer, der nachdem ihm eine Selbstmörderin vor den Zug gesprungen war, in keinen Bahnhof mehr einfahren konnte. Eine junge Verkäuferin, die es geschafft hatte,  aus Angst vor ihrer Umwelt, besonders aber vor ihrem Vater eine Schwangerschaft bis kurz vor der Niederkunft zu verbergen. Insbesondere weil der Vater nicht nur auch der Vater des Ungeborenen, sondern schon seit dem neunten Lebensjahr ihr unfreiwilliger Bettgenosse war. Ein verkrachter Medizinstudent, der während seiner Zeit als Ziwi ausschließlich Leichen in die Pathologie zu chauffieren hatte und nun das dritte Mal nicht zum zweiten Staatsexamen gegangen war. Sowie ein Polizei-Beamter, dem die eigenen Psychologen nach der Abgabe eines tödlichen Schusses im Einsatz nicht mehr helfen konnten, und der in dieser Versuchsgruppe die letzte Chance sah, im Beruf zu bleiben.
  Johannes reagierte in für seinen Charakter typischer Weise. Er hatte das absurd karitative Bedürfnis, die Last aller in der Gruppe auf sich zu nehmen, weil er ihnen gegenüber ein schlechtes Gewissen hatte, das sich gedanklich folgendermaßen manifestierte:
  "Diese Menschen haben so viel realitätsbezogenen seelischen Schmerz zu erleiden, und dann komme ich, bei dem nichts dergleichen solche Ängste auslöst, und stehle allen die Zeit."
  Je mehr die anderen von ihren schrecklichen Qualen preisgaben, desto schweigsamer und in sich gekehrter wurde Johannes. Mit jeder Offenbarung der anderen wuchs dieses - sein ureigenes - Schuldgefühl. Immer häufiger glaubte er, ersticken zu müssen, so dass er ein ums andere Mal aufsprang und den Therapie-Raum verließ. Die Therapeuten waren begeistert von dieser Entwicklung und sie sprachen sich entsprechend mit den übrigen Mitgliedern der Gruppe ab, um Johannes bei einem der letzten Treffen in besonderer Weise  zu fordern:
  Sie saßen alle bereits da, als Johannes pünktlich den Raum betrat. Es gab keine Begrüßung, und es fiel auch sonst kein Wort. Fünf Minuten verstrichen so, und Johannes fühlte sich zunehmend unbehaglich. Nach zehn Minuten brach sein Temperament  - wie es die Psychologen erwartet hatten - das nun für ihn unerträglich gewordene Schweigen mit einem aggressiven, gegen sich gerichteten Monolog, der die Qualen der Anderen in ein Unverhältnis zur  eigenen Angst setzte. Er nahm sich jeden einzeln vor und ließ dabei auch die beiden Therapeuten nicht aus, die er in den Stunden stummer Teilnahme ausführlich charakterisiert hatte. Den einen beschrieb er als sadistischen Wärter eines Kuriositäten-Kabinetts dem anderen unterstellte er - ausgerechnet er - einen unverhohlenen Hang zum Seelen-Voyeurismus. Von allen Genossinnen und Genossen schälte er das traumatische Kernerlebnis heraus und stellte dagegen eine seiner eigenen unwägbaren Ängste, um den Beweis zu führen, dass sie gar nicht in derselben Angst-Liga agierten. Dass er deshalb gar nicht hierher gehöre, quasi ein Panik-Scharlatan sei...
  Als die übliche Dreiviertelstunde vorüber war, erkannte Johannes, dass sein ganzer Vortrag ein Akt unfassbarer Arroganz gewesen war und er entschuldigte sich bei allen. Sein Herz klopfte allerdings nicht mehr so hart und das hohle Gefühl in seinem Schädel war einer nun deutlich spürbaren Trauer gewichen. Isolde, die Taxifahrerin machte - nachdem alle schweigend aufgestanden waren - den Anfang. Sie umarmte ihn, drückte ihren Körper fest an den seinen und meinte: "Ist es nicht völlig wurscht, was einem angst macht?" Der junge Kommissar Peter (bei einer viel späteren Begegnung mit dem völlig gesundeten und brillanten Hauptkommissar sollte er dessen Nachnamen - Kühn - und Dienststelle - LKA Bayern - erfahren) wartete bis alle gegangen waren, als er sich mit einem Blick der Erkenntnis an Johannes wandte:
  "Der Mann, den ich erschossen habe, der war real existierend. Er hat eine Kollegin bedroht und dann seine Waffe auf mich gerichtet. In der Erinnerung existiert ein genauer Film von diesem Vorgang. Er oder ich und vielleicht noch die Kollegin - das war der Entscheidungsspielraum, in dem ich reagieren konnte. Du hast nichts dergleichen. Deine Ängste lauern ja überall, ohne dass du sie konkret greifen könntest. Nein, von uns allen bist du wirklich die ärmste Sau!"
 In der Folge verschlimmerten sich Johannes Zustände. Die euphorisch enthusiastischen Therapeuten beruhigten ihn damit, dass sie damit gerechnet hätten und verabreichten ihm ein auch in den USA noch im Erprobungsstadium befindliches Medikament, dass er nach einem bestimmten Zeitplan dosiert an- und abschwellend (und in Intervallen auch absetzend) nehmen musste. Und sie schlugen ihm eine Fortführung der "Behandlung" in Einzelgesprächen vor, denn Isolde hatte sich bei Johannes' Monolog in ihn verliebt. In einer sehr aggressiven, vordergründig sexuellen  Form zwar, aber dennoch in einer desperaten Hilflosigkeit, der Johannes selbst nichts entgegen setzen konnte, weil er ja "schuld war". Sie reihte sich damit ein in diese Kette zum Teil abstruser Begegnungen, die Johannes in dem Tagebuch-Manuskript "Die Dramen der desperaten Damen" verarbeiten sollte.
 Hier nur eine kurze Leseprobe:

  Sie haben mich aus dieser Encounter-Gruppe herausgenommen, weil meine Präsenz angeblich den Kreis dominiere. In Wirklichkeit konnte keinem in der Runde entgangen sein, dass Isolde ihre Angst-Neurose mit einer starken sexuellen Komponente an mir festmacht. Sie hat in ihrer Art, sich zu kleiden, zu schminken, aber auch sich zu bewegen, diesen hinfälligen Reiz, den die Amerikaner "mature" nennen. Ich hätte in der Phase, in der ich Mitleid mit ihr gehabt hatte, nicht nachgeben dürfen. Jetzt kommt sie mir bisweilen vor wie ein Heuschreckenweibchen, dass ihre Partner nach der Paarung verspeist. Sie saugt meine "Ganglien" leer und beherrscht mich mit ihrem Spreizen und Flügelschlagen - vor allem wenn sie ihr Hinterteil aufstellt.
  Sie haben mich wegen ihr aus Personalmangel einer Lern-Analytikierin zugeteilt, die offenbar die Aufgabe gestellt bekommen hat, die Hintergründe dieser obsessiv zerstörerischen Beziehung zu ergründen. Nur, sie ist eine denkbar ungeeignete Gesprächspartnerin. Kleinwüchsig, unförmig, mit einer dicken Brille gegen ihre enorme Sehschwäche ausgestattet, wirkt die Endzwanzigerin blaustrümpfig wie eine menonitische Betschwester. Sie will mit unerschütterlicher Hartnäckigkeit mein Denken beim Eindringen und Verströmen in Isolde erforschen. Sie schluckt jedes Mal und läuft rot an, wenn ich ihr ohne Vorbehalt antworte. Ich befürchte, ich hatte an jedem Nachmittag meines Daseins mehr Vorkommnisse in Lebenserfahrung zu verarbeiten als dieses bedauernswerte Geschöpf in ihrem bisherigen Leben.
  Als ich heute die Therapiestunde verlasse, lauert mir Isolde auf dem Treppenabsatz dieses Altbaus auf… Ich bin erleichtert, weil sie einen ihrer überfallartigen Annäherungsversuche in derart exponierter Lage nicht wagen wird. Also bin ich relativ entspannt. Sie trägt einen leichten Fuchspelz, der zusammen mit ihrem im selben Ton gefärbten Haar und den hochhackigen Pumps aus Krokodilleder wie eine Werbung für Sexual-Neurotiker wirkt. Drunter trägt sie ein Wickelkostüm aus mauvefarbener Seide, das vorne klafft, wenn sie so dasteht. Sie fährt in so einem Aufzug tatsächlich nachts Taxi...
  Ganz drunter trägt sie gar nichts, wie ich nach einem judoartigen Klammergriff merke, mit dem sie meine Hand blitzartig an ihre rasierte Scham führt. Sie bringt ihr vom starken Schminken schon grobporig gewordenes Gesicht ganz nah an meines. Ich rieche die mir mittlerweile vertrauten Ausdünstungen einer Schwerstalkoholikerin, die sich mit ihrem schwülen Parfüm und dem Geruch ihrer sekündlich wachsenden sexuellen Bereitschaft mischen. Statt abgestoßen zu sein, merke ich, wie sie wieder Macht über mich gewinnt. Denn eines wird mir schlagartig klar, die einzigen Momente, in denen ich in letzter Zeit spüre, dass ich am Leben bin, sind diese exzessiv eruptiven Paarungsvorgänge an wechselnden, mitunter äußerst unpassenden Orten...
 
  Der Beginn des Jahres 1983 ist derart von Angst und Ungewissheit geprägt, dass Johannes auch wachsende Anfälle von Paranoia an sich registrierte. Zwei der Medikamente, die sie an ihm erprobt hatten, wurden zwischenzeitlich wieder abgesetzt. Das erste führte zu einer absurd schnellen Gewichtszunahme bei gleichzeitiger Erlahmung aller Antriebskräfte. Immerhin wurde er so Isolde auf relativ schmerzlose Weise los. Das zweite wurde ohne Kommentar durch ein neues Medikament in pinkfarbener Darreichungsform ersetzt. Das alte - stellte die Medical Tribune ein halbes Jahr später lakonisch fest - habe zu schweren Leberschäden und fast völligem Potenzverlust (!?) geführt. Das neue hilft ihm zumindest dabei, das Gewicht wieder zu verlieren. Erstmals nach Jamaika geht es Johannes wieder richtig gut. Zu Testzwecken begibt er sich auf eine ausgedehnte Reportagen-Reise durch die herbstlichen Neuengland-Staaten. Nicht nur die Reise selbst durchlebt er in entspannter Stimmung, auch die Ergebnisse seiner textlichen und  fotografischen Arbeit stellen ihn auch wieder selbst zufrieden. Er verspürt keine unterschwellige Abpufferung der Vitalität mehr wie beim Valium aber auch keine Berg- und Talfahrt wie bei der "Leber-Bombe".
  Er hatte also das Gefühl,  endlich einmal wieder der alte Johannes zu sein, als er sich - eine sehr laut warnende innere Stimme ignorierend - für die Olympischen Winterspiele 1984 in Sarajevo akkreditierte.
  Für zwei Monate fuhr Johannes in diesem Herbst wieder sein volles Programm. Die Arbeit machte ihm Spaß, zu Hause lief alles bestens, er liebte seine Familie und aalte sich in dem, was er von ihr an Zuneigung und Wärme zurück bekam: Life couldn't possibly better be - wie es in einem holperigen Refrain jener Tage hieß. Mit dem neuen Kräftezuwachs begann er auch wieder konsequenter zu planen, und da Gewicht und Fitness stimmten, setzte er auch seine sportlich athletischen Fähigkeiten in gewohnter Weise ein.
  Ende Dezember wurde turnusmäßig eine zweimonatige Einnahmepause des neuen Medikamentes verordnet. Die neue Darreichung sollte in anderer Dosierung samt Therapiegesprächen in der ersten Märzwoche wieder aufgenommen werden. Zu diesem Zeitpunkt hatte Johannes seit mehreren Monaten - auch bei dem Aufeinanderprallen mit der alkoholisierten Isolde nicht (!) - keinen Alkohol mehr zu sich genommen. Deshalb traf das mehrfach dringlich von den Ärzten ausgesprochene Alkoholverbot auch auf keine besondere Aufmerksamkeit. Seinen Freunden gegenüber bekundete er zum Spaß, er könne nun geradezu Bäume ausreißen und mache deshalb schon vorsichtshalber einen Bogen um jede Baumschule...
  Rückbetrachtet kamen ihm die ersten beiden Januar-Wochen wie Galgenhumor  bei einer verdrängten tödliche Gefahr vor, aber die chemisch gefärbte Wahrnehmung der Gegenwart suggerierte, er erlebe die beste Zeit seines Lebens. Sonst hätte er sich für das Lauberhorn-Rennen im Schweizerischen Wengen vermutlich nicht eine seiner Hals-und-Beinbruch-Reportagen im alten Stil vorgenommen.
  Der Weltcup-Klassiker der Abfahrt gilt durch seine außergewöhnliche Länge von über vier Kilometern vielleicht nicht als schwerster Abfahrtslauf wohl aber als größte Herausforderung. Zu jener Zeit vor zwei Jahrzehnten, gab es am Start noch die alte Abfolge der besten fünfzehn nach dem Weltcup-Ranking und Minutenabstände, also konzentrierten sich die TV-Kameras der Live-Übertragung auf die spektakulärsten Abschnitte: den Start, den Sprung über den Hundschopf samt Fahrt über die Minsch-Kante, den Hanegg-Schuss und das mörderischen Ziel-S mit dem letzten Sprung in diesen extremen Steilhang. Auch die Kamerafahrten von Ex-Rennläufern vor dem Start, die heute zum Übertragungsstandard gehören, gab es noch nicht. Mit zunehmender Materialverbesserung, Athletik der Starter sowie  ausgefeilterer Fahrtechnik wurde das Rennen jedoch zunehmend in Passagen gewonnen, die die Kamera meist nicht zeigte.
  Johannes hatte sich nun vorgenommen, seinen Lesern diese Passagen mit ihrer tückischen, nicht sichtbaren Problematik als Rahmenhandlung einer Reportage beschreibend nahe zu bringen. Mit einer satyrisch literarischen Anleihe bei Marcel Proust nannte er sie: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit - im Schatten verblichener Siegesträume...
  Offiziell galt es zwar als unfein, aber jeder wusste, dass die Schweizer Abfahrer ein paar Tage früher als die Konkurrenz die Gelegenheit  nutzten, um eine paar zusätzliche Trainingskilometer auf ihrer kultigen Heimstrecke zu sammeln. Johannes konnte also seine persönlichen Recherchen unter Rennbedingungen anstellen, weil ein paar einheimische Streckenverantwortliche seine Reportage-Idee auch ganz lustig fanden. Johannes war ein guter Skifahrer, aber seine fehlende Tempohärte und die zwar gehobene, aber  doch nur amateursportliche Ausrichtung seiner Riesenslalom-Ski, und letztlich die Kondition  ließen eben nur die schnelle Befahrung der - isoliert betrachtet - leichten Passagen zu: also die flache Startpassage bis zum Hundschopf und dann nach der Misch-Kante die elendige, eisige Schrägfahrt entlang der Wengernalpbahn, durch deren Unterführung hindurch auf das Flachstück bis zur Einfahrt in den Hanegg-Schuss. Insgesamt also etwa zwei Kilometer, die der Fernseh-Zuschauer damals live nicht zu sehen bekam. Um "Vergnügungssüchtige" abzuschrecken, waren die Ein- und Ausfahrten der Schlüsselstellen ohnehin mit gekreuzten Slalomstangen und Plastikzäunen blockiert. Zwei, drei Mal war er die Passagen zum kennen Lernen wie ein Normal-Skifahrer entlang geschwungen. Für den späten Nachmittag am Tag vor dem offiziellen Trainingsbeginn war dann - aus Sicherheitsgründen nach Liftschluss - die  grenzwertige Tempofahrt vereinbart.
  Bis dahin schwebte Johannes auf einem Glücksteppich, als habe man ihm das Bewusstsein erweiternde Drogen (?) verpasst. Die Nachmittagssonne ließ  Eiger, Mönch, Jungfrau und Silberhorn wie die Kulisse aus einem Heidi-Film erscheinen. Die frostige Januarluft wirkte zudem wie ein Zoom. Das auf der gegenüberliegenden Talschulter wie ein Spielzeugdorf unter dem Schilthorn liegende Mürren schien nur einen Schneeball-Weitwurf entfernt. Dieser natürliche Kitsch ließ unter seiner Rennbrille wider Willen Tränen der Rührung fließen, so dass er ein ums andere Mal quasi blind vor larmoyanter Nostalgie abschwingen musste. Auf die Stöcke gestützt empfand er auf einmal eine überwältigende Dankbarkeit für dieses Leben, in die er den altehrwürdigen autofreien Ort mit einschloss. Er sah die livrierten Burschen, die mit Hotelnamen beschrifteten Mützen trugen und auf ihren Elektrokarren unermüdlich Gepäck oder Menschen hin und her transportierten. Er nahm wahr, dass die Wengernalpbahn, um den Ansturm der Besucher zu schaffen, nun auch neben den modernen Triebwagen die alten Züge einsetzte und stellte sich dabei vor, dass es so viel anders zu Zeiten von Sir Arnold Lunn fünfzig Jahre zuvor auch nicht ausgesehen haben mag. Die anhaltende Euphorie lenkte ihn in die Eiger-Bar, nachdem er auf der von den Hotelbauten umgebenen Schneefläche im Zentrum seine Ski abgeschnallt hatte. Die Happy Hour war nicht nur wegen des  Alkoholverbotes normaler Weise nicht so seine Sache, aber Johannes hoffte, ein paar Service-Leute und Trainer zu treffen, mit denen er seine Theorien diskutieren konnte, ohne sich selbst allzu tief in die Karten gucken zu lassen.
Als er die Bar betrat, schlug ihm dieser typische feuchtdumpfe Skihütten-Mief entgegen, der von schweißfeuchten Daunenjacken und mehrmals getragenen Pullovern ausging. Dass ganze erhielt dadurch noch eine profunde Note, dass, die Berufsskifahrer, die den ganzen Tag in ihren harten Renn-Schlalenstiefeln gearbeitet hatten und noch nicht im Quartier waren, ihre Stiefel im Windfang ausgezogen hatten. Über der Bar hing quasi zur Strafverschärfung eine dicke Wolke aus den Virginia-Stumpen, die Dank eines Sponsors beim "fahrenden Personal" dieser Winter sehr populär waren. Hella, die zierliche Barfrau, die eigentlich Österreicherin war aber  Schwyzerdütsch schwätzte, bändigte jeden Abend diese wilde Horde mit Bravour, weil sie bei jedem Männerthema sach- und fachkundig mitreden konnte.  Obwohl sie  in diesem Nebel kaum auszumachen war, stellte sie Johannes in diesem Chaos ohne Order und Sichtkontakt seinen gespritzten Apfelsaft hin. Zwei der eingeweihten Streckenposten standen am Eck und riefen so laut, dass alle es hören konnten:
  "Hämma die verluschtige Ziet uffgschtöbert?"
  "Ja, es sind mindestens zwei Sekunden!" Gab Johannes zurück - was eigentlich als Scherz gemeint war. Aber Heri, ein grantelnder, kleiner Oberbayer im Dienst eines französischen Skiherstellers, der als Hexenmeister schon die Ski mehrerer Olympiasieger präpariert hatte und Johannes allein wegen des Hochdeutsches, das er sprach, nicht leiden konnte, hakte humorlos sofort nach:
  "Wirst wieda an rechtn Schmarrn schreim, du Saupreiß!"
  Da wollte Johannes natürlich ordentlich zurückgeben und wandte sich - den Bayern ignorierend - an den neben Heri stehenden Lois Lammthaler, einen  den Rübezahl gebenden Salzburger, der die Rennski eines österreichischen Herstellers herrichtete:
  "Der Heri kann sich jetzt gleich und noch zwei Nächte in den Wachskeller stellen. Er wird nicht verhindern, dass dein Ami am Samstag gewinnt!"
  Der Ami, war ein Ski fahrender Freak, wie ihn die Amerikaner in schöner Regelmäßigkeit schon immer ausgerechnet in Olympia-Wintern präsentierten. Dieser hieß Bill Johnson und stand auf dem Ski von Lois' Arbeitgeber  wie eine Spinne, der man vier Beine - zwei auf jeder Seite - ausgerissen hatte. Was Außenstehenden den Eindruck vermittelte, dass er eher von seinen Ski gefahren wurde, als sie tatsächlich selbst zu beherrschen. Arroganter Weise, bezeichneten die Österreicher, die ein paar Wochen später das schlechteste Abschneiden ihrer Olympia-Geschichte zu verkraften haben würden, diesen Mann als "Nasenbohrer".
  In Wahrheit verfügte Johannes über keinerlei Erkenntnisse, die diese kühne Prognose hätte fundiert rechtfertigen können. Es war irgend etwas wie Instinkt gepaart mit unterbewussten Wahrnehmungen, die ihn nun nicht nachgeben ließen, als ihn alle unter Gelächter in eine Wette treiben wollten. Dabei hatte er sich doch geschworen, nie wieder vabanque zu spielen:
  "Hella mach die Bank! Ich zahl jedem zehn, der mit fünf Franken gegen mich  und Bill Johnson wettet!"
  Fast jeder in der Bar wettete gegen ihn, so dass er am Ende fast dreihundert Franken eigenes Geld in den Deckelkrug stecken musste, den Hella dann wegschloss. Den eigentlichen Fehler machte er jedoch, als der Lois ihm gegen die Aufregung einen Enzian aufnötigte. Der Hochprozentige haute die Spannung aus seinem verkrampften Körper und verlangte gleich nach einem Nachfolger. Hella bot ihm die erste Zigarette seit Monaten an, und er nahm sie, weil er tatsächlich Lust auf sie hatte. Schließlich mussten die durch den Alkohol erweiterten Gefäße durch die verengende Wirkung des Nikotins wieder auf normale Strömungsgeschwindigkeit gebracht werden...
  Nein, er war wirklich noch nicht betrunken, als er zum Abendessen im Hotel eine halbe Flasche eines hervorragenden Saint Emilion Montaguer aus dem Jahre 1978 bestellte - nur beseelt, weil es ihm so unendlich gut ging. Er war auch im Nu entspannt  eingeschlafen...
  Wohl zur halben Nacht baute sich in seinem Traum dann ein weit ausladender Baum auf, der ihm die Sicht auf das übrige Traumgeschehen nahm. Es war ein schöner Baum, eine majestätische Buche vielleicht oder gar eine Eiche. Strotzend vor Kraft und Schönheit konnte Johannes ihn jedoch nach einer Zeit des sich wiederholenden Auswucherns nicht mehr als Ruhepol empfinden. Die das Sichtfeld völlig beherrschende Größe wuchs sich zu einer Panik machenden Bedrohung aus. Ein ums andere Mal ließ ihn die hyperventilierende Atemfrequenz aus dem tiefen Schlafbereich auftauchen in einen halb wachen Zustand des dahin Dämmerns. Er nahm dann sein Hotelzimmer wahr und registrierte den Nachtschweiß, der sein Kissen in eine eisige Masse verwandelte, weil er trotz der herrschenden Minusgrade bei weit offenem Fenster und zurück gezogenen Gardinen schlief. Einsamkeit und Trauer bemächtigte sich seiner und drückte ihn schwer in die Tiefschlafphase zurück, in der sich unverzüglich wieder der Riesenbaum in den Weg stellte. Er begann ihm auszuweichen, wollte ihn umgehen, aber der Baumriese ließ ihn nicht vorbei. Dann nahm er alle Kraft zusammen löste sich vom Boden in der Hoffnung, er könne ihn überfliegen. Doch je höher er stieg, desto mächtiger reckte sich die Krone dieses grünen Monsters. Bei einem erneuten Angriff begann er den borkigen Stamm hochzuklettern und gelangte damit in das Labyrinth des Geästes. Durch Laub und Zweige erkannte er jenseitig das Blau des Himmels und das warme Licht der Sonne. Dort wollte er hin, doch die Kletterei von Ast zu Ast schien einfach nicht zu enden. So bald er sich jedoch nur für einen Augenblick zum Ausruhen auf einem Ast niederließ, stieg er wieder zur Oberfläche des Traumes auf, nahm wahr, dass die Verdunstungskälte seine frei liegende Schultermuskulatur zunehmend zu einem Eispanzer erstarren ließ. Unterbewusst griff er nach dem zweiten Kissen im Bett und drehte seine Bettdecke. Der kurze Kälteschock des trockenen Bezuges, der sich rasch erwärmte, sorgte für ein wenig Entspannung. Beim erneuten Abtauchen gelang ihm der Durchbruch. Er ließ den grünen Baumriesen endlich hinter sich und blickte auf der anderen Seite in einer winterliche Traumlandschaft und Hänge die unschwer als die des Lauberhorns zu erkennen waren. Er begann sie in weiten, fliegenden Schwüngen zu befahren, aber dieses Glücksgefühl war nur von kurzer Dauer, denn Bill Johnson raste als Spider-Man an ihn heran und griff nach ihm. Durch das ohrenbetäubende Rauschen der Fahrt schrie der in seinem grausigen Los-Angeles-Slang:
  "Beware of my secret! This is floating!"
  Dazu schlugen die Glocken aus dem Tal und Alarm drang schrill in sein Ohr. Johannes brauchte eine Zeit bis er realisierte, dass die wahre Sonne im Geviert seines Fensters über die Kante des Lauberhorns fingerte, es neun schlug und er gleichzeitig seinen Weckruf bekam. Er hatte keinen Kater, das war mehr. Das musste so etwas wie ein "Cold Turkey" sein, ein Zustand, von dem er gelesen hatte, dass er bei Drogensüchtigen auf Entzug vorkam. Im Bad trank er - so schien es ihm - die halbe Wasserleitung leer und war immer noch durstig. Er klatschte sich das eiskalte Wasser ins Gesicht und sah dann sein Spiegelbild, das ihn jäh zurückschrecken ließ. Die Skifahrer-Bräune der letzten Tage samt der entspannten Erholung war aus ihm gewichen. Unter seinen Augen warfen dicke Tränensäcke tiefe schwarze Schatten. Seine geweiteten Pupillen drängten seine gestern noch strahlend blaugrüne Iris als schmale Farbringe an das rotgelb marmorierte Weiß seiner Augäpfel, die sich tief in die Höhlen zurückgezogen hatten.
  "Did you ever see a picture of Pope Paul - his eyes are sunken and his cheeks are hollow", stimmte Johannes leise den Song von Donovan an. Dann  packte ihn mit einem Schüttelfrost, der ihn zu Boden zwang, die jähe Erkenntnis, dass ihn das unheimliche Syndrom wieder zurück in seinen Bann gezogen hatte.
  Entsprechend gespenstisch verlief der Vormittag an der Schreibmaschine. Das reale Ich tippte zwanzig, dreißig Minuten mit dem Tempo einer Flucht vor  tödlicher Bedrohung einen hektischen Text aufs Papier. Die Syntax passte jedoch erstaunlich gut zum Thema, so dass die Dämonen der Nacht, die auf Johannes Schultern saßen, sich zunächst ruhig verhielten wie ein rastender Krähenschwarm auf einer Überlandleitung. Als sich  jedoch der Text einem Stadium näherte, in dem die geplante Live-Schilderung der Streckenpassagen eingepasst werden sollte,  begann der Schwarm zu flattern, brach der Konflikt los. Der Teil seiner selbst mit gesunder Vernunft riet Johannes, in dieser psychischen und physischen Verfassung von dem Vorhaben Abstand zu nehmen, die Geschichte hätte auch so Hand und Fuß. Die abgedriftete Hälfte verlangte jedoch, dass im Traum erlebte "Floating" zumindest mal auszuprobieren. Was schon verrückt genug war, weil das nun im beinahe halbstündlichen Gang vom Schreibtisch zur Toilette  erforderliche (da mengenmäßig drängende) Wasserlassen allein schon die Kraftreserven verschlang. Gegen Mittag war Johannes auf die Tastengröße seiner Reiseschreibmaschine geschrumpft und tippte quasi, indem er von Buchstaben zu Buchstaben hüpfte, als sei er jetzt selbst eine der traumatischen Krähen.
  In der sachlichen Erkenntnis, dass der Wahnsinn ihn nun übermannt habe, warf er sich vom Schreibtisch mit einem verzweifelten Satz auf das Bett und war eine Sekunde nach der Landung in einen tiefen traumlosen Schlaf gesunken.
  Als er erwachte, hatte der klare Verstand wieder das Regiment übernommen. Er registrierte, dass er bis zum Abstellen der Lifts und seiner Verabredung nur noch eine Stunde hatte. Die Antriebsschwäche hatte ihn mit beiden Händen an der Gurgel gepackt und drückte gleichmäßig fest zu. Die Willensstärke, die ihn in seinen elastischen Overall zwang, das Anziehen der extrem harten Lange-Boots zuließ und das Zusammensuchen aller übrigen Utensilien koordiniert ermöglichte, überraschte ihn. Allerdings war er bereits am Ende seiner Kräfte als er in der Gondel der Männlichen-Bahn stand, die ja die erste wirkliche Prüfung darstellte. Bei dem herrlichen Wetter war sie gerammelt voll, jeder schien noch in der Nachmittagssonne eine letzte Runde ums Lauberhorn machen zu wollen. Er hatte sich gleich beim Gondel-Führer neben das herunter geschobene Fenster in den frischen Luftzug gestellt, dennoch packten ihn Einengungs- und Höhenängste gleichermaßen. Die einsetzende Hyperventilation - noch dazu in dieser Höhe - drohte, noch vor Erreichen der Bergstation, in einem Kollaps zu enden. Oben angekommen stürzte er ins Freie und lag gleich darauf mit dem Kopf nach unten in einer  ungewalzten Schneefläche. Dort verharrte er so lange, dass sich schon die ersten erkundigten, ob es ihm auch gut ginge. Also rappelte er sich beschwichtigend auf, stieg in seine frisch präparierten 210 Zentimeter langen Super-G-Ski und machte sich über die Lifts und Abfahrten auf der Grindelwalder Seite  auf den Weg zur kleinen Scheidegg und zum Start.
  Er hatte die Veränderungen mit dem Lois diskutiert.  Ein Ski für den 1982 neu eingeführten Super-Riesenslalom - eben eine Mischung aus Abfahrt und Riesenslalom - erforderte beide Eigenschaften. Das vordere Drittel war weicher und gut gedämpft, die zunehmende Härte begann etwa eine Fußlänge vor der Bindung und endete in einer harmonischen Biegelinie im letzten Fünftel der Skilänge, die wieder weicher war. Johannes hatte den Servicemann gebeten, seine Ski in den weichen Bereichen fast alle Kantenschärfe zu nehmen.
  Die Rückmeldung, die er beim Einfahren von seinen Ski bekam - vielleicht aber auch der Fahrtwind - schaltete seinen Verstand auf reguläre Kraftversorgung und volle Konzentration. Er war urplötzlich bereit für das Wagnis. Im Starthaus reichte ihm einer seiner Bekannten einen Sturzhelm. Ohne dürfe er nicht auf die Piste. Johannes hatte ja noch nicht einmal vor, in die Hocke zu gehen, aber er akzeptierte, denn es war ihm auch klar, was für ein Privileg ihm eingeräumt worden war.
  Die Pistenpräparierung für das erste offizielle Training am kommenden Vormittag sollte erst in der Nacht erfolgen, deshalb waren noch die Spuren der Schweizer  Abfahrer-Truppe als Orientierungshilfe zu sehen. Schon auf dem ersten Teilstück, dem Startschuss auf dem Weg zum großen S war klar, dass er mit den flach gestellten Ski nicht aufrecht bleiben konnte, wenn er halbwegs in der Nähe der anderen Spuren bleiben wollte. Er hatte sich das viel zu einfach vorgestellt. Die Beschleunigung, die schon das halbherzige Beugen der Knie auslöste, war verblüffend. Das Tempo berauschte ihn derart, dass er nicht die Spur von Angst verspürte, und nun riskierte er auch das "Floating". Natürlich erreichte er nicht annähernd  die  Renngeschwindigkeit, aber auch so war schon festzustellen, dass die schwimmenden Skispitzen mit wenig Kraftaufwand bei neutral verteiltem Gewicht in den flachen Kurven zwar einen anderen Radius verlangten, aber dafür kein Kanteneinsatz die Geschwindigkeit beeinträchtigte.
  "So macht's der Johnson also", stellte Johannes befriedigt fest, als er wenig später mit Schneepflug und Seitrutschen Hundschopf und Minsch-Kante hinter sich ließ.
  In der mitunter an eine Bobbahn erinnernden Schrägfahrt bis zur rechtwinkligen Einfahrt zur Bahnunterführung wurde seit jeher über die richtige Linie gestritten. Ein Bob ist dann am schnellsten, wenn er sich ohne hartes Steuern auf schnellen Kufen in der Physik der Bahn bewegt. Wieso sollte also ein Skirennläufer dieser Passage und ihren zwei annähernd rechtwinkligen Kurven mit viel Kraft seinen Willen aufzwingen, um hoch mit den Kanten an die linke, obere Wange gekrallte auf dem kürzesten Weg zu bleiben? Johannes überließ es seinen Ski, den "natürlichen" Weg durch diesen Abschnitt zu finden. In seinen Dimensionen war er schnell und fuhr vollkommen ohne Kraft, indem er bei den Kurven die Überhöhungen als Linienvorgabe wählte. Er war jedoch überrascht, wie schnell die Streckenposten, die ja sein Kommen entlang der Strecke per Walkytalky weitergaben, doch an ihm vorbeihuschten. Sechs Jahre später musste Johannes beim Fernsehen schmunzeln, als der Deutsche Hans-Jörg Tauscher als einziger in der berüchtigten "Rattlesnake" von Vail mit diesem Trick als Außenseiter (wie Johnson einer war), den Weltmeistertitel holte.
  Wenn es vielleicht nicht schneller war, dann hatte das "Bobfahren" zumindest einen Vorzug, den auch Johannes spüren konnte. Es ging mit deutlich weniger Energie-Verbrauch aus dem "Brüggli-S" und der Bahnunterführung heraus in das gefürchtete flache Gleitstück bis zur Einfahrt in den Hanegg-Schuss.
  Auf Langentreien, in der Passage, in der selbst beim Rennen für ein paar Sekunden entspannt werden könnte, lauerte dort nicht für schlechte Gleiter der Zeitverlust, wurde Johannes urplötzlich von den Würgehänden seiner Psychose gepackt. Während er noch versuchte, die flach gestellten Ski nur mit leichtem Druck zu lenken, hatte er das Gefühl auf eine Körpergröße zu schrumpfen, die ihn gerade noch über die Ränder seiner Stiefel schauen ließ. Die Flache Alm dehnte sich zu einer unendlichen Schneewüste aus, die Richtungstore auf die er zufuhr, ragten in bedrohlicher Größe vor ihm auf und jagten ihm nackte Angst ein. Eine schreiende Angst - wie es ihm vorkam. In die Panik, die ihn packte, mischte sich gleichzeitig eine bisher nie gekannte selbstmörderische Todessehnsucht. Diese Hohlköpfigkeit schien ihm nur noch einen Gedanken übrig zu lassen: Mach Schluss!
  Dieser Befehl gewann in dem fatalen Bruchteil einer Sekunde die Oberhand, in der er längst vor der Einfahrt zum Hanegg-Schuss hätte abschwingen müssen. Aber er konnte das ja nicht. Er wäre viel zu klein gewesen, die riesigen Ski samt Stiefel so hart zu steuern. Und wäre das nicht die Erlösung, die Lösung für alles? Mach Schluss!
  Die Sperren und Zäune waren noch nicht wieder aufgestellt. Mach Schluss!
Jetzt, da er über die Kante in das steile, schattige Band kippte, kam ihm diese wache Besinnungslosigkeit wie ein Segen vor. Der River Of No Return.  Mach Schluss! Der Delinquent drückte mit dem Strick um den Hals gewissermaßen den Abzug der Pistole, die er sich an die Schläfe hielt. Mach Schluss! Johannes fixierte den Stelzenstadel links unten neben der Strecke. Mach Schluss! Er würde gar nicht so weit kommen. Zwar hatten sie am Ende vom Hanegg-Schuss, die Wellen genommen, die Karl Schranz in den 1960ern so meisterhaft wegdrücken konnte, dass man sie bei seinen Fahrten meist gar nicht bemerkte, doch würde ihn allein der Druck beim Übergang ins Flache erledigen.
  Das waren ja auf einmal ganz normale Überlegungen, die da Johannes - nun wieder in Normalgröße und tiefer Hocke - anstellte. Wo hatte sein Verstand ausgesetzt? Rette dich! Bleib am Leben, du Narr!!
  In diesen Bruchteilen einer Sekunde, stellte er auch fest, dass die unwägbare Angst ihn wider verlassen hatte, obwohl das Tempo nun wirklich beängstigend war. Ein grimmiges Lächeln erstarrte im eisigen Fahrtwind. Was für ein standesgemäßer, spektakulärer Tod. - Du Arschloch! Rette dich! Bleib am Leben, du Narr!
  Für die Pistenraupen war in den Sicherheitszäunen dort eine Lücke gelassen worden, wo ein Ziehweg durch den Bannwald links zu einem Schlepplift führte. Ein Ausweg? Würden seine fahrtechnischen Fähigkeiten ausreichen, noch jetzt im Steilen einen Kurvenradius einzuleiten, der ihn rettete. Bleib am Leben, du Narr! Wenn er doch nur die Kanten hätte... Aber da waren sie ja! Die Geschwindigkeit war so hoch, dass der Ski im Bindungsbereich ohne großen Kraftaufwand reagierte. Rette dich! Rette dich! Rette dich!
  Johannes streifte eine der Plastik-Slalomstangen an denen die leuchtend orangen Sperrzäune befestigt waren. Ein Schlag, der sein Schulter-Gelenk lähmte, ihn aber nicht aus der Bahn warf. Ausgerechnet in der Mitte des Ziehwegs, der zu schmal war, um groß Bremsversuche zu wagen, standen zwei Grüppchen Skifahrer zusammen. Johannes Schrie. Er schrie seinen Irrsinn heraus, aber er wagte es nicht, bei diesem Tempo seine stabile Position auf den Ski aufzugeben. So sahen die Leute im Ziehweg nur einen offenbar Wahnsinnigen auf sich zu rasen und brachten sich mit einem Sprung in den Wald in Sicherheit.
  Eine Katastrophe war abgewendet, aber der Ziehweg mündete wenige Meter über einer Skihütte waagerecht in einen Skihang ein. Was, wenn da noch welche in der Abfahrt wären? Ein weiteres spektakuläres Manöver: Durch den lichteren Waldrand glaubte Johannes zu sehen, dass er eine scharfe  Kurve bergauf wagen konnte. Da fuhr niemand. Noch auf dem eisharten und spiegelglatten Ziehweg, von dem es bei dem immer noch hohen Tempo seitlich kein Entrinnen gab, zog er einen imaginären Radius ansetzend, den Schwung. Und wieder reagierten die Ski wie ein treues Reittier auf Flankendruck.
  Für die Leute, die  auf der Terrasse der  Hütte in den letzten Sonnenstrahlen ihren Dämmerschoppen nahmen, muss es wie ein Kunststück ausgesehen haben: Ein Irrer fuhr im hohen Tempo den halben Hang hoch, stieg von einem Längsbuckel mit einem enormen Sprung in die Abendsonne und vollzog in der Luft eine Kehrtwende, die ihn nach der Landung in einem langen, eleganten Schwung an ihnen vorbei in Richtung Innerwengen führte.
  Nur für einen Moment hatte Johannes wegen der Gefährdung von Mitmenschen ein schlechtes Gewissen, dann überwältigte ihn ein bisher nicht gekanntes Rauschgefühl. Glasklar speicherte er jedes Geräusch, jeden Geruch, ja die geringsten Details wie unter einem Mikroskop. Er war am Leben. Er war am Leben geblieben. War das wirklich ein Selbstmord-Versuch gewesen? Nein, nein, er war Opfer eines krankheitsbedingten Aussetzers gewesen. Er war am Leben!
  Noch im nicht abgeklungenen Adrenalin-Hoch schrieb er seine Geschichte fertig und gab sie telefonisch durch, damit sie am Samstag vor dem Rennen erscheinen konnte. Danach ging er direkt in die Eiger-Bar, um seinem Bekannten den Helm zurückzubringen...
  Er wurde nicht freundlich empfangen. Der Lois stieß ihn mit seinen Schaufelhänden vor die Brust und trieb ihn schubsend den Tresen entlang bis vor die Toiletten-Tür:
  "Ham's da an Einlauf im Oberstüberl g'macht? Is da untam Hoim zu hoaß g'woan. Host du net g'seng, dass mia do g'messn hom?" Du g'herst wiakli fortg'sperrt du Wahnsinniga!"
  "Es tut mir leid, Lois. Ich war für einen Augenblick unkonzentriert, hab das Abschwingen verpasst und dann nur noch reagiert."
  "Woansinn! Auf de Zwoazehna im Hanegg! Du host no am Weg in unsana Liachtschronkn Hundatdraiazwanzg Kaemha draufg'hobt. Mia bau'n schon woansinns Ski!"
  Johannes hatte nichts dazu gelernt - in der vergangenen Nacht nicht und nicht an diesem Tage. Er war am Leben, aber es war nicht klar ersichtlich, weshalb. Um die Szene nicht wieder und wieder durchzugehen, schluckte er wieder und wieder einen Enzian. Einen Schnaps, den er eigentlich verabscheute, aber den er - so lange er stand - in Unmengen vertrug.
  "I'm still standing!", sang er triumphierend als nur Hella und er noch in der Eiger-Bar übrig geblieben waren. Nachdem sie die Kasse gemacht hatte, streifte sie ihn beim Aufräumen mehrfach und unmissverständlich mit knallhart erigierten Brustwarzen unter ihrer Chiffonbluse.
  In dieser unermüdlichen Nacht vor dem ersten offiziellen Training, die Johannes jegliche Chance nahm, wieder Alpträume zu erleben, erhob Hella unbewusst Anspruch darauf, in das Tagebuch der Dramen mit desperaten Damen aufgenommen zu werden. Ihr Kapitel sollte das tragischste werden - aber das sah Johannes zum Glück ausnahmsweise nicht voraus.
  Als habe die erlebte Todesnähe bei ihm eine Gier nach Leben entfacht,  durchlebte er die Tage bis zum Rennen unwirklich wie im Carnival auf Trinidad. Am Samstag überreichte ihm ein missmutiger deutscher Kollege ein Exemplar der Wochen-Zeitschrift, aber er fand seinen Artikel nicht im Sportteil. Als er das Blatt enttäuscht zurückgeben wollte, meinte der Kollege mit einem resignierten Lächeln:
  "Du musst im Feuilleton nachschauen! – Hemingway!"

Bill Johnson gewann, die 47. Lauberhorn-Abfahrt, was jenen nicht glücklicher und Johannes zwar  um ein paarhundert Franken reicher, aber in der Szene keineswegs beliebter machte...

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