Sonntag, 15. September 2013

Stefan

  Der lange Willy Kubicki lebte im Flüchtlingslager hinter dem Damm der Hochbahn. Er trug sommers wie winters das gleiche Paar abgeschnittener Militärstiefel ohne Strümpfe oder Socken. Sein Vater war noch in Kriegsgefangenschaft - hieß es. Der für sein Alter zu kleine Wolfgang Lindau wuchs in einem mühselig zum Wohnraum umgestalteten Schreebergarten-Häuschen auf. Da, wo Alsterdorf noch nie schick war. Sein Vater - ein Schauermann im Freihafen - erzog ihn alleine. Johannes war ein Beamtensohn. Seinem Vater war eine Dienstwohnung unterm Dach eines Kasinos zugewiesen worden, die man durch die Küche betrat. Johannes musste sich ein Zimmer mit seinen pubertierenden Schwestern teilen. Die Eltern schliefen in dem anderen, dem Wohnzimmer. Stefan Berger-Steingräber hingegen wurde mit einem Opel "Kapitän" jeden Morgen in die Schule gebracht und nach dem Ende des Unterrichts zu einer Villa in der nur ein paar hundert Meter von der Schule beginnenden, umgrenzten Parkstadt heim chauffiert. Die drei anderen hatten jeweils mindestens eine halbe Stunde Schulweg zu Fuß.
  Die Volksschule in der Seelmann-Straße wies in den ersten Jahren des Wirtschaftswunders 1956 eine soziale "Artenvielfalt" auf, die da noch keinen störte. Auch an der Tatsache, dass die ABC-Schützen in Holzbaracken unterrichtet wurden, stieß sich niemand. Unmittelbar an den Zaun der Schule grenzte der massivere und höhere der Alsterdorfer Anstalten. Zur großen Pause stellten sich dort pünktlich die harmloseren Fälle ein. Von beiden Seiten des Zaunes begaffte man sich gegenseitig wie Zootiere. Einer blies auf einem Besenstiel Trompete. Immer das gleiche Stück von Louis Satchmo Armstrong, wofür er immer den gleichen frenetischen Beifall der Kleinen von der anderen Seite des Zaunes bekam. Keine Lehrkraft regte sich über die üppige Herzeigerin mit dem Down-Syndrom auf, die gelegentlich gleichgültig den Zaun entlang schlenderte, um dann blitzschnell zu zeigen, dass sie kein Höschen unter dem Anstaltskittel trug.
  Seit Johannes sieben geworden war, galt er als Experte "für untenrum". Da alle weiblichen Personen seiner Familie ihre Tage bekamen, und weil sein Vater im Sommer alle mit dem Volkswagen zum Zelten übers Wochenende nach "Abessinien" verfrachtete. Da war der Anblick weiblicher Schamregionen in allen Reifegraden ein gewohnter, wenig irritierender für Johannes. "Abessinien" war ein Freikörper-Kultur-Gelände an der Ostsee, wo man direkt am Strand campen konnte, mit Schläuchen aus Lastwagenreifen durch die Brandung preschte und endlose Turniere im Ringtennis veranstaltete. Da Johannes schnell und sprungstark war sowie mit riesigen Hechtern manch tückisch in die Ecke geworfenen Ring noch ergatterte, bevor er den Sand berührte, spielte er oft in Erwachsenen-Teams mit. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, die schaukelnden Gemächte, die hüpfenden Brüste und die sich im Sprung spreizenden Po-Backen als etwas anderes zu betrachten als die Standard-Ausrüstung für diese spezielle Sportausübung; - selbst wenn er manchmal zwischen den Beinen einer im Wetteifer mit ihm gestrauchelten Mitspielerin landete, und die Erwachsenen dann über beifällige Bemerkungen lachten...
  Deshalb verstand er auch den Wolfgang nicht, der einen automatischen Reflex zu haben schien, seinen Spielgefährtinnen auf dem Schulhof bei jeder sich bietenden unbeobachteten Gelegenheit zwischen die Beine zu fassen. Und er widerstand Willy. der zwei Jahre älter war und ein Talent entwickelt hatte, den anderen ihr Erspartes aus der Tasche zu ziehen. Er erstand dafür "Schweinebilder", die im Lager zirkulierten. Johannes hatte so viel "Sachverstand", dass er beim Betrachten der aus Erwachsenen-Heftchen gerissenen Bilder oft schwadronierte, die Mädchen und Damen mit denen er jedes Wochenende Ringtennis spielte, seien an allen Stellen viel schöner.
  Zwei Jahre, in der ersten und zweiten Klasse, waren die Vier trotz ihrer unterschiedlichen und doch recht weit auseinander liegenden Elternhäuser viel zusammen. Wie Kinder sind, empfand jeder die anderen drei irgendwie interessant und besonders. Hätten sie den Ausdruck "exotisch" gekannt, wäre der wohl am passendsten gewesen. Aus einer Art stiller Übereinkunft heraus, äußerte keiner den Wunsch, bei den anderen zu Hause zu sein oder gar zu spielen. Vor dem Schultor erstreckte sich auf der anderen Seite der Seelmannstraße der verwilderte Park zu einer verfallenen Prachtvilla; Timmis Garten. Das war ihr Reich. Ein Zauberreich, wie es nur in der Phantasie spielender Kinder entstehen konnte. Tatsächlich aber gab es einen römisch anmutenden Brunnen, verlandende Fischteiche und überwucherte Säulen, die wie Tempel einer untergegangenen Kultur anmuteten. Zwei Jahre - mit Laubhöhlen im Herbst und Eisglitschen im Winter, mit langen Abenden im Frühling und allerlei wilden Beerenfrüchten im Sommer - war Timmis Garten das Spieleland einer Einklassen-Gesellschaft. Dann schlichen sich Dünkel ein.
  Bezeichnender Weise gingen die Veränderungen von Johannes, dem jüngsten aus. Willy hatte es geschafft, ihn dazu zu überreden, seinen Sparwecker aufzubrechen (den Schlüssel zu der Uhr, die nur ging, wenn man rechtzeitig wieder ein Geldstück einwarf, verwaltete wohl ahnend die Mutter). Das Geld sollte es den beiden ermöglichen, bei der Vorstellung von einem kleinen Wander-Zirkus mitzumachen, der im Lager gastierte. Das schlechte Gewissen wegen des zerstörten Weckers, mehr aber die Tatsache, dass er ins Lager und auch zu Willy nach Hause musste, sorgten dafür, dass im Zirkus am Nachmittag nur Willy auf seine Kosten kam. Johannes stand unter Schock. Er - der ja schon in Enge lebte - hatte sich nicht vorstellen können, wie sein  stets wohlgemuter Klassenkamerad mit seiner Mutter und der älteren Schwester in dem einen Zimmer mit Kochnische hausen musste, Er hatte den Geruch der Armut bislang nie einatmen müssen: diese Mischung aus schlecht, gewaschenen Körpern, dem Gemeinschaftsklo auf dem Zwischenstock, dem Essensdunst, der sich überall festzusetzen schien. Das schlimmste aber war die offenbare Aussichtslosigkeit der Menschen. Willys Mutter. eine von einer Stoffwechsel-Erkrankung hingestreckte Fleischmasse in der unteren Etage eines Stockbetts. Willys Schwester eine aggressive Vierzehnjährige, die sich wie die doppelt so alten Frauen auf den "Schweinebildern" schminkte und einen bestimmten Körpergeruch verströmte, der Johannes beunruhigte, weil er ihn nicht sofort als unangenehm empfand.
  Es war nicht nur der kaputte Spar-Wecker, sondern vor allem wohl der Geruch, der beim Heimkommen immer noch an ihm haftete, der seine Eltern dazu veranlasste, ihm den außerschulischen Kontakt mit Willy sofort zu untersagen, ihn in die Badewanne zu stecken und ordentlich abzuschrubben.
   Das Schlüssel-Erlebnis mit Wolfgang folgte wenige Wochen darauf, als im Herbst schon die Tage kürzer wurden. Zu Hause sein bei Einbruch der Dunkelheit, hieß die Devise, aber Johannes hatte noch nie ferngesehen.
  Die beiden Lindau-Männer hatten ein TV-Gerät, und am Nachmittag sollte es Edgar Wallaces "Die toten Augen von London" geben. Wolfgangs Vater Eike - im Grunde eine kleine Vergrößerung seines fast zwergwüchsigen Sohnes - schuftete Doppelschichten, damit er sich neben dem Fernseher auch einen Lloyd Alexander, den damaligen Star unter den deutschen Kleinwagen, leisten konnten. Da der Schreebergarten ihm gehörte, war Wolfgangs Vater eindeutig "reicher" als der von Johannes. Aber der kleine drahtige Mann mit den riesigen Sommersprossen im Gesicht und auf den Armen, den langen roten Haarsträhnen und der angriffslustigen Kopfhaltung hatte einfach keine soziale Energie mehr für Erziehung oder Elternverpflichtungen übrig. Er kam aus dem Hafen zurück, aß ein Rundstück  mit Bismarck, schaltete den Fernseher an, warf sich aufs  Sofa und hatte nach einer halben Stunde Film schon vier Flaschen Bier intus. In dem Moment, in dem im Film die Geheimtür hinter den leuchtenden Augen aufging, schlief er schon tief, obwohl er versprochen hatte, Johannes nach dem Film nach Hause zu fahren...
  Längst war es dunkel, die Karenzzeit, in der es keinen Krach zu Hause gab, vorüber. Im Schreebergarten gab es kein Telefon, und im Kasino gingen die Telefonate über die Rezeption. Der Film hatte Johannes und Wolfgang angst gemacht. Aber noch mehr Angst hatten sie, Wolfgangs Vater zu wecken...
  Welche Detektiv-Arbeit es seinen Vater gekostet hatte, seinen Sohn in der Schreebergarten-Kolonie aufzuspüren und ihn mit dem Käfer abzuholen, sollte Johannes nie erfahren. Sein Vater sprach einige Wochen nicht mehr mit ihm, und die Mutter vermöbelte ihn mit einem Teppichklopfer. Der Restfamilie war klar, er war dabei, ins asoziale Milieu abzurutschen. Kontaktsperre auch für Wolfgang.
  Es kam die Zeit, in der der morgendliche Schulweg dunkel war und Timmis Garten unter Bergen von muffigen  Laub versank. Es hätte der elterlichen Anordnung gar nicht bedurft, um den anderen aus dem Weg zu gehen. Die Erlebnisse mit den fremden "Elternhäusern" gaben dem sensiblen Johannes arg zu denken. Etwas hatte ihn peinlich berührt, aber er gab nicht den anderen Umständen die Schuld daran, sondern sich selbst. So bummelte er nach der Schule dahin und wurde mehr und mehr zum Einzelgänger.
  Stefan Berger-Steingräber, der Behütete, der Chauffierte, der Gerissene, der sobald er zu Hause war, auf einem geheimen Pfad zwischen den Zäunen der Parkstadt innerhalb von ein paar Minuten von hinten in Timmis Garten zu den anderen  schleichen konnte, Stefan also, probierte nun seinen wohl angeborenen Macht-Instinkt aus. Dass einer aus der Bande ausschied, war Verrat. Verräter mussten bestraft werden. Wolfgang und Willy waren leichte Opfer seiner Manipulation, mittels Gerüchten und falschen Beschuldigungen aus Johannes den Feind zu machen.
   Wenn Johannes später losging, warteten sie nun jeden Tag auf ihn, um ihm unter Androhung von Prügel zu erniedrigen, ihn zu ekligen Sachen zu zwingen und seine Schulsachen kaputt zu machen. Sie teilten sich auf und überredeten weitere Klassenkameraden zur Jagd auf ihn, als Johannes immer neue Schleichpfade ersann, um seinen Häschern zu entgehen. Auch wenn sie ihm den einen oder anderen Tag einmal nicht nachstellten, war die Panik durch den permanenten Terror bei Johannes so groß, dass er nicht mehr schlief, seine Sachen immer unordentlicher wurden und Körperpflege nur noch dann stattfand, wenn es zu Hause nicht mehr zu "überriechen" war. Von einem Liebling der Klasse, war er binnen eines halben Schuljahres zum Ausgestossenen, ja Aussätzigen, geworden, und er hatte niemanden, dem er sich anvertrauen konnte, denn dann hätte er ja auch seine Feigheit gegenüber der körperlichen Auseinandersetzung eingestehen müssen. Die katastrophalen schulischen Leistungen, wegen denen die Eltern in die Schule zitiert wurden, waren für den "Mädchen-Vater" von Johannes nur ein weiterer Beleg dafür, dass sein Stammhalter leider missraten war.
  Johannes floh in seine Phantasie-Welt, in der er als heldenhafter Einzelkämpfer durch den Park des Kasinos streifte, riesige Strecken als "Mohawk" rannte und sich wie ein Tarzan von Baum zu Baum schwang. Irgendwie hatte das ganze etwas von einem harten Rangertraining, das er sich da auferlegte. Und über die Momente totaler Erschöpfung, begann er, sich  selbst wieder wahr zu nehmen und zu respektieren.
  Die bösen Begegnungen ließen nicht nach, aber mit jedem Zentimeter, den Johannes wuchs, schrumpfte seine Angst. Und dann passierte in den Pfingstferien am FKK-Strand etwas, das die totale Metarmophose herbei führte.
  Christiane, eine kleine Hannoveranerin, die schon zehn war, baute sich am Strand vor ihm auf und meinte einfach, sie wolle seine Freundin sein. Einfach so. Von da an waren die beiden zehn Tage unzertrennlich: brausten mit einem Gummiboot durch die Brandung, bauten Schlickburgen, aber - und das war ganz wichtig - sie redeten auch. Oder besser Christiane redete, machte ihm Komplimente für sein Ringtennis und seine Schnelligkeit als Läufer und wie gut sie zwei doch zusammenpassten.
  Als Johannes zu Beginn der zweiten Woche ganz sicher war, dass Christiane seine "Frau fürs Leben " war, erzählte er ihr von den letzten Monaten des Terrors, seiner Angst und  seiner Scham. Ob es dem unergründlichen weiblichen Instinkt oder dem klaren Menschenverstand der kleinen nackten Eva entsprang - sie gab ihm seine Lebensformel mit auf den Weg, obwohl sie sich danach nur noch ein paar mal schrieben und nie mehr wieder sahen, weil Johannes im Winter nach Süddeutschland zog:
  "Wenn die merken, dass  d u  keine Angst hast, kriegen d i e welche!"
  Ein paar Tage nachdem die Schule wieder begonnen hatte, erwischten die Drei ihn hinter dem Bauzaun, der gezogen worden war, weil Timmis Garten nach und nach einem großen Wohnkomplex weichen musste. Diesmal hatten sie sich Weidenruten geschnitten und peitschten damit durch die Luft, um ihn einzuschüchtern. Im ersten Moment wollte er rückwärts aus der Falle rennen, aber dann war auf einmal Christianes Stimme in ihm. Er ging raschen Schrittes auf seine Peiniger zu, und siehe da, sie hörten zunächst auf mit der Peitscherei. Wolfgang Lindau war zu klein, und Willy war zu doof, aber Stefan hatte sein selbstsicheres überhebliches Macht-Grinsen aufgesetzt. Genau da hinein setzte er seine Faust. Stefan fiel platt auf den Rücken, Blut sprudelte aus seiner Nase und er begann sofort, laut loszuheulen.
  Johannes war entsetzt, von dem, was er getan hatte. Nicht ein Hauch von Triumph drang durch Scham und Betroffenheit. Er wollte Stefan aufhelfen, aber der war schon wüst Rache schwörend aufgesprungen und davon gerast. In die gleiche Richtung, in der Wolfgang und Willy eiligst verschwunden waren.
  Es war das erste und letzte Mal, dass Johannes gegen ein Lebewesen die Hand erhoben hatte, und die Überwindung der Angst wurde dennoch zu seiner Lebensmaxime. - Aber die Geschichte war noch nicht ausgestanden.
  Als er am nächsten Tag nach der Schule, nun aus Gewohnheit verspätet , die Alsterdorfer Straße  heimwärts trottete, hielt der Opel "Kapitän" neben ihm. Diesmal nicht mit dem Chauffeur am Steuer, sondern mit Stefans Vater. Der Kaufhaus-Besitzer höchstselbst forderte ihn zum Einsteigen auf. Stefan mit  rot geschwollener Nase saß zusammengesunken, duckmäuserisch auf der Rückbank und heulte. Stefans Vater hielt Johannes eine strenge Moralpredigt. Ganz im Stil wie Zugehörige der hanseatischen Elite dies auch heute noch zu tun pflegen: Leise, ohne erkennbare Emotion, aber mit der klaren Bestimmtheit, dass im Wiederholungsfalle Sanktionen und ein Gespräch mit den Eltern unausbleiblich wären.
  Es war klar, dass Stefan seinem Vater nur von dem einen, von seinen Folgen her immer noch unübersehbaren Schlag berichtet hatte und nicht von dem von ihm Monate lang initiierten Terror. Johannes kamen nun ebenfalls die Tränen. Einerseits schämte er sich immer noch für den Schlag - andererseits war er zu feige, Stefans Vater gegenüber eine Rechtfertigung zu versuchen. Im Gegensatz zu seinem eigenen Vater, der ihn eigentlich nur immer niedermachte, konnte Stefan sich offenbar darauf verlassen, dass sein Vater ohne Wenn und Aber für ihn einstand. Diese Erkenntnis war absolut einschüchternd!
  Es wird ja der Hamburger Elite nachgesagt, sie versuche in ihrer Lebensart britischer zu sein als die Briten, und so nahm Johannes, der soeben die Grundprinzipien von Macht und Machtausübung in einer Einführungslektion erfahren durfte, das Strafmaß mit größter Verblüffung hin. Stefans Vater ordnete mit einem Ton an, der Zweifel noch nicht mal im Ansatz zuließ, dass die beiden nun Shakehands zu machen und ab sofort Freunde zu sein hätten. Und damit das klappte, würden zweimal pro Woche im Haus der Becker-Steingräbers gemeinsam  Hausaufgaben gemacht und "intelligent" gespielt. Uns so wurde es gemacht - ohne Ausflüchte oder Abstriche.
  Gegen Ende des vierten Schuljahres, als es klar war, dass der Vater von Johannes nach München versetzt werden würde, war es eigentümlicher Weise Stefan, der tatsächlich den Verlust eines Freundes zu bedauern hatte. Johannes hatte hingegen einen Einblick erhalten, wie es sich mit Chauffeur und Köchin in einem Haus lebte, in dem jeder sein eigenes Zimmer mit respektierter Privatsphäre hatte. Auf den Schlag wurden seine schulischen Leistungen wieder besser, er verlangte selbst nach adretterer Kleidung, und ein ganz besonderes Bewusstsein fand in diesen Monaten seinen Ursprung. Auch wenn ihm das erst als Erwachsener klar geworden ist: Es wird immer ein Oben und ein Unten geben - ein Gesetz, das im Einzelfall höchstens durch einen Akt besonderer Zivilcourage ausgeglichen werden kann.
  Eines der "intelligenten" Spiele, das trefflicher für diese spezielle Situation nicht hätte verordnet werden können, hieß Monopoly - quasi eine Parabel von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Stefan, das Kind aus der Parkstadt, stürzte sich routiniert immer sofort auf Parkstraße und Schlossallee, versuchte mit Tricks und Tauschen Goethe-, Schiller- und Lessingstraße  zu ergattern. Hatte er sie mit Häusern voll gepflastert, ging er doch ein ums andere Mal pleite, weil er in Johnannes  ad hoc hochgezogenen, verruchten Hotels der eher proletarischen Bad- und Turmstraßen hängen blieb. Geh in das Gefängnis! Begib Dich direkt dorthin! Geh nicht über Los! Ziehe keine 4000 Mark ein! Das Kärtchen vom Ereignisfeld ließ Stefan nicht selten aufatmen, wenn er schon alle Karten zwecks Aufnahme von Hypotheken umgedreht hatte. Wie nahe aber solch Spielverlauf doch dem wirklichen Leben kommen konnte, sollten die beiden noch drastischer erkennen, als sie sich 50 Jahre später keinesfalls zufällig wieder trafen...
   Der Generation deutscher Kinder, die hier beschrieben wird, wurde ein Leben zu Teil wie keiner zuvor. Ihn war es gestattet alt zu werden, ohne dass ein Krieg auf dem Boden ihrer Heimat stattfand. Der Krieg war für sie in jener Zeit noch ein im Spiel begreifbares Abstraktum in Form von Ruinen und aufgelassenen Bunkern. Auf und in beiden zu spielen, war natürlich streng verboten, aber das machte es gerade so reizvoll. Sie setzten sich durchlöcherte Stahlhelme auf und schmückten sich mit Uniform-Teilen, die sie in einem riesigen Alsterdorfer Bunker-Labyrinth haufenweise fanden. Im vorderen Teil, der über eine Art Häuschen zu betreten und daher zu verrammeln war, hatte ein Altwaren-Sammler sein Lager aufgeschlagen. Er bekam Strom für seine Pacht, der auch - unerkannter Weise - im hinteren Teil funktionierte. Es war übersehen worden, eine kleine Stahl-Luke in Mitten der Grünanlage, die den Bunker nun kaschierte, zu verplomben. Unter dickem Knöterich lag sie so verborgen und war so eng, dass nur Kinder sie finden und ohne Klaustrophobie benutzen konnten. In der darunter befindlichen Betonröhre führten Bügeltritte in einen Raum hinunter, der wohl so etwas wie ein Mannschaftsquartier gewesen war. Es gab Tische und Stühle und noch ein paar Stockbetten und jede Menge weg geworfenes Zeug - vermutlich verseucht und explosiv, aber Eltern hatten damals offenbar nicht die Angst um ihre Kinder wie später diese um ihre...
  Irgendwann flog die Sache auf, weil Halbstarke - wie man  damals die Teenager nannte - den Kleinen diese Unterkunft streitig machten, um Saufpartys und erste Sexspielchen zu veranstalten. Weil die Kinder der Nachbarschaft aber auf ihre "Devotionalien" aus der Landser-Zeit (sie kannten den Begriff nur aus den unseligen billigen Comic-Streifenheftchen gleichen Namens) draußen nicht verzichten wollten, kam es, dass Johannes mit einem NSDAP-Zeichen am Pullover ausgerechnet von seinem Vater erwischt wurde, der ja wiederum - gerade weil er es nicht hatte tragen wollen - einige schlimme Erfahrungen hinter sich hatte...
  Es sollte trotz der Intervention der versammelten Elternschaft bis 1957 dauern bis der Bunker zugeschüttet und komplett versiegelt wurde. Bunker waren eben teilweise intakte nutzbare Lagerräume.  Zur Erinnerung: Auch der Norddeutsche Rundfunk NDR sendete ja am Anfang aus dem Bunker auf dem Heiliggeist-Feld.
  Zurück zu den einschlägigen Kindheitserlebnissen: Marshall-Plan und Wirtschaftswunder begleiteten die Nachkommen der Heimkehrer- und Trümmerfrauen-Generation dermaßen nachhaltig, dass Prosperität und Progress als Selbstverständlichkeit hingenommen wurde. Doch das Privileg einzigartiger Rahmenbedingungen konnte wieder nicht von allen wahrgenommen werden. In den gut bürgerlichen Familien münzte sich das in eine exzellente Bildung für die Heranwachsenden um, doch bei denen, die ihre Wurzeln in einem eher proletarischen Umfeld hatten, bedeutete das auch bisweilen einen absurd frühen Eintritt ins Arbeiterleben, damit Autos, Mopeds, Hifi-Anlagen, Fernseher und Mallorca-Urlaub vom gesamten Familien-Einkommen bestritten werden konnten.

  Stefan erhielt seine Elite-Ausbildung. Alles zielte darauf hin, dass aus dem  kleinen Lord, der Kronprinz werden konnte. Für den Handel mit edlen Luxusgütern kam nur ein Studium in Oxford in frage, mit dem man gleichzeitig auch praktisch den Wehrdienst daheim umgehen konnte. Johannes geriet nur kurz in den Strudel der 68er-Bewegung, verweigerte aber den Kriegsdienst. Der zivile Ersatzdienst war, wie schon zu lesen war, jedoch nur eine kurze Ablenkung seiner bereits vollzogenen Weichenstellung. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass der lange Willy ausgerechnet bei Kriegshandlungen ums Leben kommen sollte, obwohl er wegen seines Scheuermann-Syndroms in Deutschland gar nicht eingezogen worden wäre. Als  Hamburger Zimmermannsgeselle "auf der Walz" ließ er sich in einer Hafen-Bar von Marseille 1970 zur Legion anwerben und starb im Range eines Colonels als seine überalterte Noratlas-Transportmaschine irgendwo im Magreb nach einem leichten Beschuss abschmierte. Wolfgang Lindau, der zu klein war für die Bundeswehr, münzte sein Aggressionspotenzial in bare Münze um und wurde Berufsboxer.

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