Der lange Willy Kubicki lebte im
Flüchtlingslager hinter dem Damm der Hochbahn. Er trug sommers wie winters das
gleiche Paar abgeschnittener Militärstiefel ohne Strümpfe oder Socken. Sein
Vater war noch in Kriegsgefangenschaft - hieß es. Der für sein Alter zu kleine
Wolfgang Lindau wuchs in einem mühselig zum Wohnraum umgestalteten
Schreebergarten-Häuschen auf. Da, wo Alsterdorf noch nie schick war. Sein Vater
- ein Schauermann im Freihafen - erzog ihn alleine. Johannes war ein
Beamtensohn. Seinem Vater war eine Dienstwohnung unterm Dach eines Kasinos
zugewiesen worden, die man durch die Küche betrat. Johannes musste sich ein
Zimmer mit seinen pubertierenden Schwestern teilen. Die Eltern schliefen in dem
anderen, dem Wohnzimmer. Stefan Berger-Steingräber hingegen wurde mit einem
Opel "Kapitän" jeden Morgen in die Schule gebracht und nach dem Ende
des Unterrichts zu einer Villa in der nur ein paar hundert Meter von der Schule
beginnenden, umgrenzten Parkstadt heim chauffiert. Die drei anderen hatten
jeweils mindestens eine halbe Stunde Schulweg zu Fuß.
Die Volksschule in der Seelmann-Straße wies
in den ersten Jahren des Wirtschaftswunders 1956 eine soziale
"Artenvielfalt" auf, die da noch keinen störte. Auch an der Tatsache,
dass die ABC-Schützen in Holzbaracken unterrichtet wurden, stieß sich niemand.
Unmittelbar an den Zaun der Schule grenzte der massivere und höhere der
Alsterdorfer Anstalten. Zur großen Pause stellten sich dort pünktlich die
harmloseren Fälle ein. Von beiden Seiten des Zaunes begaffte man sich
gegenseitig wie Zootiere. Einer blies auf einem Besenstiel Trompete. Immer das
gleiche Stück von Louis Satchmo Armstrong, wofür er immer den gleichen
frenetischen Beifall der Kleinen von der anderen Seite des Zaunes bekam. Keine
Lehrkraft regte sich über die üppige Herzeigerin mit dem Down-Syndrom auf, die
gelegentlich gleichgültig den Zaun entlang schlenderte, um dann blitzschnell zu
zeigen, dass sie kein Höschen unter dem Anstaltskittel trug.
Seit Johannes sieben geworden war, galt er
als Experte "für untenrum". Da alle weiblichen Personen seiner Familie
ihre Tage bekamen, und weil sein Vater im Sommer alle mit dem Volkswagen zum
Zelten übers Wochenende nach "Abessinien" verfrachtete. Da war der
Anblick weiblicher Schamregionen in allen Reifegraden ein gewohnter, wenig
irritierender für Johannes. "Abessinien" war ein
Freikörper-Kultur-Gelände an der Ostsee, wo man direkt am Strand campen konnte,
mit Schläuchen aus Lastwagenreifen durch die Brandung preschte und endlose
Turniere im Ringtennis veranstaltete. Da Johannes schnell und sprungstark war
sowie mit riesigen Hechtern manch tückisch in die Ecke geworfenen Ring noch
ergatterte, bevor er den Sand berührte, spielte er oft in Erwachsenen-Teams
mit. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, die schaukelnden Gemächte, die
hüpfenden Brüste und die sich im Sprung spreizenden Po-Backen als etwas anderes
zu betrachten als die Standard-Ausrüstung für diese spezielle Sportausübung; -
selbst wenn er manchmal zwischen den Beinen einer im Wetteifer mit ihm
gestrauchelten Mitspielerin landete, und die Erwachsenen dann über beifällige
Bemerkungen lachten...
Deshalb verstand er auch den Wolfgang nicht,
der einen automatischen Reflex zu haben schien, seinen Spielgefährtinnen auf
dem Schulhof bei jeder sich bietenden unbeobachteten Gelegenheit zwischen die
Beine zu fassen. Und er widerstand Willy. der zwei Jahre älter war und ein
Talent entwickelt hatte, den anderen ihr Erspartes aus der Tasche zu ziehen. Er
erstand dafür "Schweinebilder", die im Lager zirkulierten. Johannes
hatte so viel "Sachverstand", dass er beim Betrachten der aus
Erwachsenen-Heftchen gerissenen Bilder oft schwadronierte, die Mädchen und
Damen mit denen er jedes Wochenende Ringtennis spielte, seien an allen Stellen
viel schöner.
Zwei Jahre, in der ersten und zweiten Klasse,
waren die Vier trotz ihrer unterschiedlichen und doch recht weit auseinander
liegenden Elternhäuser viel zusammen. Wie Kinder sind, empfand jeder die
anderen drei irgendwie interessant und besonders. Hätten sie den Ausdruck
"exotisch" gekannt, wäre der wohl am passendsten gewesen. Aus einer
Art stiller Übereinkunft heraus, äußerte keiner den Wunsch, bei den anderen zu
Hause zu sein oder gar zu spielen. Vor dem Schultor erstreckte sich auf der
anderen Seite der Seelmannstraße der verwilderte Park zu einer verfallenen
Prachtvilla; Timmis Garten. Das war ihr Reich. Ein Zauberreich, wie es nur in
der Phantasie spielender Kinder entstehen konnte. Tatsächlich aber gab es einen
römisch anmutenden Brunnen, verlandende Fischteiche und überwucherte Säulen,
die wie Tempel einer untergegangenen Kultur anmuteten. Zwei Jahre - mit
Laubhöhlen im Herbst und Eisglitschen im Winter, mit langen Abenden im Frühling
und allerlei wilden Beerenfrüchten im Sommer - war Timmis Garten das Spieleland
einer Einklassen-Gesellschaft. Dann schlichen sich Dünkel ein.
Bezeichnender Weise gingen die Veränderungen
von Johannes, dem jüngsten aus. Willy hatte es geschafft, ihn dazu zu
überreden, seinen Sparwecker aufzubrechen (den Schlüssel zu der Uhr, die nur
ging, wenn man rechtzeitig wieder ein Geldstück einwarf, verwaltete wohl ahnend
die Mutter). Das Geld sollte es den beiden ermöglichen, bei der Vorstellung von
einem kleinen Wander-Zirkus mitzumachen, der im Lager gastierte. Das schlechte
Gewissen wegen des zerstörten Weckers, mehr aber die Tatsache, dass er ins
Lager und auch zu Willy nach Hause musste, sorgten dafür, dass im Zirkus am
Nachmittag nur Willy auf seine Kosten kam. Johannes stand unter Schock. Er - der
ja schon in Enge lebte - hatte sich nicht vorstellen können, wie sein stets wohlgemuter Klassenkamerad mit seiner
Mutter und der älteren Schwester in dem einen Zimmer mit Kochnische hausen
musste, Er hatte den Geruch der Armut bislang nie einatmen müssen: diese
Mischung aus schlecht, gewaschenen Körpern, dem Gemeinschaftsklo auf dem
Zwischenstock, dem Essensdunst, der sich überall festzusetzen schien. Das
schlimmste aber war die offenbare Aussichtslosigkeit der Menschen. Willys
Mutter. eine von einer Stoffwechsel-Erkrankung hingestreckte Fleischmasse in
der unteren Etage eines Stockbetts. Willys Schwester eine aggressive
Vierzehnjährige, die sich wie die doppelt so alten Frauen auf den
"Schweinebildern" schminkte und einen bestimmten Körpergeruch verströmte,
der Johannes beunruhigte, weil er ihn nicht sofort als unangenehm empfand.
Es war nicht nur der kaputte Spar-Wecker,
sondern vor allem wohl der Geruch, der beim Heimkommen immer noch an ihm
haftete, der seine Eltern dazu veranlasste, ihm den außerschulischen Kontakt
mit Willy sofort zu untersagen, ihn in die Badewanne zu stecken und ordentlich
abzuschrubben.
Das Schlüssel-Erlebnis mit Wolfgang folgte
wenige Wochen darauf, als im Herbst schon die Tage kürzer wurden. Zu Hause sein
bei Einbruch der Dunkelheit, hieß die Devise, aber Johannes hatte noch nie
ferngesehen.
Die beiden Lindau-Männer hatten ein TV-Gerät,
und am Nachmittag sollte es Edgar Wallaces "Die toten Augen von
London" geben. Wolfgangs Vater Eike - im Grunde eine kleine Vergrößerung
seines fast zwergwüchsigen Sohnes - schuftete Doppelschichten, damit er sich
neben dem Fernseher auch einen Lloyd Alexander, den damaligen Star unter den
deutschen Kleinwagen, leisten konnten. Da der Schreebergarten ihm gehörte, war
Wolfgangs Vater eindeutig "reicher" als der von Johannes. Aber der
kleine drahtige Mann mit den riesigen Sommersprossen im Gesicht und auf den
Armen, den langen roten Haarsträhnen und der angriffslustigen Kopfhaltung hatte
einfach keine soziale Energie mehr für Erziehung oder Elternverpflichtungen
übrig. Er kam aus dem Hafen zurück, aß ein Rundstück mit Bismarck, schaltete den Fernseher an,
warf sich aufs Sofa und hatte nach einer
halben Stunde Film schon vier Flaschen Bier intus. In dem Moment, in dem im
Film die Geheimtür hinter den leuchtenden Augen aufging, schlief er schon tief,
obwohl er versprochen hatte, Johannes nach dem Film nach Hause zu fahren...
Längst war es dunkel, die Karenzzeit, in der
es keinen Krach zu Hause gab, vorüber. Im Schreebergarten gab es kein Telefon,
und im Kasino gingen die Telefonate über die Rezeption. Der Film hatte Johannes
und Wolfgang angst gemacht. Aber noch mehr Angst hatten sie, Wolfgangs Vater zu
wecken...
Welche Detektiv-Arbeit es seinen Vater
gekostet hatte, seinen Sohn in der Schreebergarten-Kolonie aufzuspüren und ihn
mit dem Käfer abzuholen, sollte Johannes nie erfahren. Sein Vater sprach einige
Wochen nicht mehr mit ihm, und die Mutter vermöbelte ihn mit einem
Teppichklopfer. Der Restfamilie war klar, er war dabei, ins asoziale Milieu
abzurutschen. Kontaktsperre auch für Wolfgang.
Es kam die Zeit, in der der morgendliche
Schulweg dunkel war und Timmis Garten unter Bergen von muffigen Laub versank. Es hätte der elterlichen
Anordnung gar nicht bedurft, um den anderen aus dem Weg zu gehen. Die
Erlebnisse mit den fremden "Elternhäusern" gaben dem sensiblen
Johannes arg zu denken. Etwas hatte ihn peinlich berührt, aber er gab nicht den
anderen Umständen die Schuld daran, sondern sich selbst. So bummelte er nach
der Schule dahin und wurde mehr und mehr zum Einzelgänger.
Stefan Berger-Steingräber, der Behütete, der
Chauffierte, der Gerissene, der sobald er zu Hause war, auf einem geheimen Pfad
zwischen den Zäunen der Parkstadt innerhalb von ein paar Minuten von hinten in
Timmis Garten zu den anderen schleichen
konnte, Stefan also, probierte nun seinen wohl angeborenen Macht-Instinkt aus.
Dass einer aus der Bande ausschied, war Verrat. Verräter mussten bestraft
werden. Wolfgang und Willy waren leichte Opfer seiner Manipulation, mittels
Gerüchten und falschen Beschuldigungen aus Johannes den Feind zu machen.
Wenn Johannes später losging, warteten sie
nun jeden Tag auf ihn, um ihm unter Androhung von Prügel zu erniedrigen, ihn zu
ekligen Sachen zu zwingen und seine Schulsachen kaputt zu machen. Sie teilten
sich auf und überredeten weitere Klassenkameraden zur Jagd auf ihn, als
Johannes immer neue Schleichpfade ersann, um seinen Häschern zu entgehen. Auch
wenn sie ihm den einen oder anderen Tag einmal nicht nachstellten, war die
Panik durch den permanenten Terror bei Johannes so groß, dass er nicht mehr
schlief, seine Sachen immer unordentlicher wurden und Körperpflege nur noch
dann stattfand, wenn es zu Hause nicht mehr zu "überriechen" war. Von
einem Liebling der Klasse, war er binnen eines halben Schuljahres zum
Ausgestossenen, ja Aussätzigen, geworden, und er hatte niemanden, dem er sich
anvertrauen konnte, denn dann hätte er ja auch seine Feigheit gegenüber der
körperlichen Auseinandersetzung eingestehen müssen. Die katastrophalen schulischen
Leistungen, wegen denen die Eltern in die Schule zitiert wurden, waren für den
"Mädchen-Vater" von Johannes nur ein weiterer Beleg dafür, dass sein
Stammhalter leider missraten war.
Johannes floh in seine Phantasie-Welt, in der
er als heldenhafter Einzelkämpfer durch den Park des Kasinos streifte, riesige
Strecken als "Mohawk" rannte und sich wie ein Tarzan von Baum zu Baum
schwang. Irgendwie hatte das ganze etwas von einem harten Rangertraining, das
er sich da auferlegte. Und über die Momente totaler Erschöpfung, begann er,
sich selbst wieder wahr zu nehmen und zu
respektieren.
Die bösen Begegnungen ließen nicht nach, aber
mit jedem Zentimeter, den Johannes wuchs, schrumpfte seine Angst. Und dann
passierte in den Pfingstferien am FKK-Strand etwas, das die totale Metarmophose
herbei führte.
Christiane, eine kleine Hannoveranerin, die
schon zehn war, baute sich am Strand vor ihm auf und meinte einfach, sie wolle
seine Freundin sein. Einfach so. Von da an waren die beiden zehn Tage
unzertrennlich: brausten mit einem Gummiboot durch die Brandung, bauten
Schlickburgen, aber - und das war ganz wichtig - sie redeten auch. Oder besser
Christiane redete, machte ihm Komplimente für sein Ringtennis und seine
Schnelligkeit als Läufer und wie gut sie zwei doch zusammenpassten.
Als Johannes zu Beginn der zweiten Woche ganz
sicher war, dass Christiane seine "Frau fürs Leben " war, erzählte er
ihr von den letzten Monaten des Terrors, seiner Angst und seiner Scham. Ob es dem unergründlichen
weiblichen Instinkt oder dem klaren Menschenverstand der kleinen nackten Eva
entsprang - sie gab ihm seine Lebensformel mit auf den Weg, obwohl sie sich
danach nur noch ein paar mal schrieben und nie mehr wieder sahen, weil Johannes
im Winter nach Süddeutschland zog:
"Wenn die merken, dass d u
keine Angst hast, kriegen d i e welche!"
Ein paar Tage nachdem die Schule wieder
begonnen hatte, erwischten die Drei ihn hinter dem Bauzaun, der gezogen worden
war, weil Timmis Garten nach und nach einem großen Wohnkomplex weichen musste.
Diesmal hatten sie sich Weidenruten geschnitten und peitschten damit durch die
Luft, um ihn einzuschüchtern. Im ersten Moment wollte er rückwärts aus der
Falle rennen, aber dann war auf einmal Christianes Stimme in ihm. Er ging
raschen Schrittes auf seine Peiniger zu, und siehe da, sie hörten zunächst auf
mit der Peitscherei. Wolfgang Lindau war zu klein, und Willy war zu doof, aber
Stefan hatte sein selbstsicheres überhebliches Macht-Grinsen aufgesetzt. Genau
da hinein setzte er seine Faust. Stefan fiel platt auf den Rücken, Blut
sprudelte aus seiner Nase und er begann sofort, laut loszuheulen.
Johannes war entsetzt, von dem, was er getan
hatte. Nicht ein Hauch von Triumph drang durch Scham und Betroffenheit. Er
wollte Stefan aufhelfen, aber der war schon wüst Rache schwörend aufgesprungen
und davon gerast. In die gleiche Richtung, in der Wolfgang und Willy eiligst
verschwunden waren.
Es war das erste und letzte Mal, dass
Johannes gegen ein Lebewesen die Hand erhoben hatte, und die Überwindung der
Angst wurde dennoch zu seiner Lebensmaxime. - Aber die Geschichte war noch
nicht ausgestanden.
Als er am nächsten Tag nach der Schule, nun
aus Gewohnheit verspätet , die Alsterdorfer Straße heimwärts trottete, hielt der Opel
"Kapitän" neben ihm. Diesmal nicht mit dem Chauffeur am Steuer,
sondern mit Stefans Vater. Der Kaufhaus-Besitzer höchstselbst forderte ihn zum
Einsteigen auf. Stefan mit rot
geschwollener Nase saß zusammengesunken, duckmäuserisch auf der Rückbank und
heulte. Stefans Vater hielt Johannes eine strenge Moralpredigt. Ganz im Stil
wie Zugehörige der hanseatischen Elite dies auch heute noch zu tun pflegen:
Leise, ohne erkennbare Emotion, aber mit der klaren Bestimmtheit, dass im
Wiederholungsfalle Sanktionen und ein Gespräch mit den Eltern unausbleiblich
wären.
Es war klar, dass Stefan seinem Vater nur von
dem einen, von seinen Folgen her immer noch unübersehbaren Schlag berichtet
hatte und nicht von dem von ihm Monate lang initiierten Terror. Johannes kamen
nun ebenfalls die Tränen. Einerseits schämte er sich immer noch für den Schlag
- andererseits war er zu feige, Stefans Vater gegenüber eine Rechtfertigung zu
versuchen. Im Gegensatz zu seinem eigenen Vater, der ihn eigentlich nur immer
niedermachte, konnte Stefan sich offenbar darauf verlassen, dass sein Vater
ohne Wenn und Aber für ihn einstand. Diese Erkenntnis war absolut
einschüchternd!
Es wird ja der Hamburger Elite nachgesagt,
sie versuche in ihrer Lebensart britischer zu sein als die Briten, und so nahm
Johannes, der soeben die Grundprinzipien von Macht und Machtausübung in einer
Einführungslektion erfahren durfte, das Strafmaß mit größter Verblüffung hin.
Stefans Vater ordnete mit einem Ton an, der Zweifel noch nicht mal im Ansatz
zuließ, dass die beiden nun Shakehands zu machen und ab sofort Freunde zu sein
hätten. Und damit das klappte, würden zweimal pro Woche im Haus der
Becker-Steingräbers gemeinsam
Hausaufgaben gemacht und "intelligent" gespielt. Uns so wurde
es gemacht - ohne Ausflüchte oder Abstriche.
Gegen Ende des vierten Schuljahres, als es
klar war, dass der Vater von Johannes nach München versetzt werden würde, war
es eigentümlicher Weise Stefan, der tatsächlich den Verlust eines Freundes zu
bedauern hatte. Johannes hatte hingegen einen Einblick erhalten, wie es sich
mit Chauffeur und Köchin in einem Haus lebte, in dem jeder sein eigenes Zimmer
mit respektierter Privatsphäre hatte. Auf den Schlag wurden seine schulischen
Leistungen wieder besser, er verlangte selbst nach adretterer Kleidung, und ein
ganz besonderes Bewusstsein fand in diesen Monaten seinen Ursprung. Auch wenn
ihm das erst als Erwachsener klar geworden ist: Es wird immer ein Oben und ein
Unten geben - ein Gesetz, das im Einzelfall höchstens durch einen Akt
besonderer Zivilcourage ausgeglichen werden kann.
Eines der "intelligenten" Spiele,
das trefflicher für diese spezielle Situation nicht hätte verordnet werden
können, hieß Monopoly - quasi eine Parabel von Wiederaufbau und
Wirtschaftswunder. Stefan, das Kind aus der Parkstadt, stürzte sich routiniert
immer sofort auf Parkstraße und Schlossallee, versuchte mit Tricks und Tauschen
Goethe-, Schiller- und Lessingstraße zu
ergattern. Hatte er sie mit Häusern voll gepflastert, ging er doch ein ums
andere Mal pleite, weil er in Johnannes ad hoc hochgezogenen, verruchten Hotels der eher proletarischen Bad- und
Turmstraßen hängen blieb. Geh in das Gefängnis! Begib Dich direkt dorthin! Geh
nicht über Los! Ziehe keine 4000 Mark ein! Das Kärtchen vom Ereignisfeld ließ
Stefan nicht selten aufatmen, wenn er schon alle Karten zwecks Aufnahme von
Hypotheken umgedreht hatte. Wie nahe aber solch Spielverlauf doch dem
wirklichen Leben kommen konnte, sollten die beiden noch drastischer erkennen,
als sie sich 50 Jahre später keinesfalls zufällig wieder trafen...
Der Generation
deutscher Kinder, die hier beschrieben wird, wurde ein Leben zu Teil wie keiner
zuvor. Ihn war es gestattet alt zu werden, ohne dass ein Krieg auf dem Boden
ihrer Heimat stattfand. Der Krieg war für sie in jener Zeit noch ein im Spiel
begreifbares Abstraktum in Form von Ruinen und aufgelassenen Bunkern. Auf und
in beiden zu spielen, war natürlich streng verboten, aber das machte es gerade
so reizvoll. Sie setzten sich durchlöcherte Stahlhelme auf und schmückten sich
mit Uniform-Teilen, die sie in einem riesigen Alsterdorfer Bunker-Labyrinth
haufenweise fanden. Im vorderen Teil, der über eine Art Häuschen zu betreten
und daher zu verrammeln war, hatte ein Altwaren-Sammler sein Lager
aufgeschlagen. Er bekam Strom für seine Pacht, der auch - unerkannter Weise -
im hinteren Teil funktionierte. Es war übersehen worden, eine kleine Stahl-Luke
in Mitten der Grünanlage, die den Bunker nun kaschierte, zu verplomben. Unter
dickem Knöterich lag sie so verborgen und war so eng, dass nur Kinder sie
finden und ohne Klaustrophobie benutzen konnten. In der darunter befindlichen
Betonröhre führten Bügeltritte in einen Raum hinunter, der wohl so etwas wie
ein Mannschaftsquartier gewesen war. Es gab Tische und Stühle und noch ein paar
Stockbetten und jede Menge weg geworfenes Zeug - vermutlich verseucht und
explosiv, aber Eltern hatten damals offenbar nicht die Angst um ihre Kinder wie
später diese um ihre...
Irgendwann flog die Sache
auf, weil Halbstarke - wie man damals
die Teenager nannte - den Kleinen diese Unterkunft streitig machten, um
Saufpartys und erste Sexspielchen zu veranstalten. Weil die Kinder der
Nachbarschaft aber auf ihre "Devotionalien" aus der Landser-Zeit (sie
kannten den Begriff nur aus den unseligen billigen Comic-Streifenheftchen
gleichen Namens) draußen nicht verzichten wollten, kam es, dass Johannes mit
einem NSDAP-Zeichen am Pullover ausgerechnet von seinem Vater erwischt wurde,
der ja wiederum - gerade weil er es nicht hatte tragen wollen - einige schlimme
Erfahrungen hinter sich hatte...
Es sollte trotz der
Intervention der versammelten Elternschaft bis 1957 dauern bis der Bunker
zugeschüttet und komplett versiegelt wurde. Bunker waren eben teilweise intakte
nutzbare Lagerräume. Zur Erinnerung:
Auch der Norddeutsche Rundfunk NDR sendete ja am Anfang aus dem Bunker auf dem
Heiliggeist-Feld.
Zurück zu den
einschlägigen Kindheitserlebnissen: Marshall-Plan und Wirtschaftswunder
begleiteten die Nachkommen der Heimkehrer- und Trümmerfrauen-Generation
dermaßen nachhaltig, dass Prosperität und Progress als Selbstverständlichkeit
hingenommen wurde. Doch das Privileg einzigartiger Rahmenbedingungen konnte
wieder nicht von allen wahrgenommen werden. In den gut bürgerlichen Familien münzte
sich das in eine exzellente Bildung für die Heranwachsenden um, doch bei denen,
die ihre Wurzeln in einem eher proletarischen Umfeld hatten, bedeutete das auch
bisweilen einen absurd frühen Eintritt ins Arbeiterleben, damit Autos, Mopeds,
Hifi-Anlagen, Fernseher und Mallorca-Urlaub vom gesamten Familien-Einkommen
bestritten werden konnten.
Stefan erhielt seine
Elite-Ausbildung. Alles zielte darauf hin, dass aus dem kleinen Lord, der Kronprinz werden konnte.
Für den Handel mit edlen Luxusgütern kam nur ein Studium in Oxford in frage,
mit dem man gleichzeitig auch praktisch den Wehrdienst daheim umgehen konnte.
Johannes geriet nur kurz in den Strudel der 68er-Bewegung, verweigerte aber den
Kriegsdienst. Der zivile Ersatzdienst war, wie schon zu lesen war, jedoch nur
eine kurze Ablenkung seiner bereits vollzogenen Weichenstellung. Es ist ein
Treppenwitz der Geschichte, dass der lange Willy ausgerechnet bei
Kriegshandlungen ums Leben kommen sollte, obwohl er wegen seines
Scheuermann-Syndroms in Deutschland gar nicht eingezogen worden wäre. Als Hamburger Zimmermannsgeselle "auf der
Walz" ließ er sich in einer Hafen-Bar von Marseille 1970 zur Legion
anwerben und starb im Range eines Colonels
als seine überalterte Noratlas-Transportmaschine irgendwo im Magreb nach einem
leichten Beschuss abschmierte. Wolfgang Lindau, der zu klein war für die
Bundeswehr, münzte sein Aggressionspotenzial in bare Münze um und wurde
Berufsboxer.
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