Samstag, 31. August 2013

Pete

   

Als die Nachricht vom Beinahe-Big-Bang bei Los Angeles im Januar 1994 um die Welt gegangen war, hatte er die Reise dorthin schon absagen wollen, aber einer der größten Unterhaltungskonzerne der Welt hatte ihn nur so zum „Kennenlernen“ eingeladen und ein Firstclass-Roundticket geschickt, mit dem er auf dem Rückweg noch zwei Termine in Montana und Alberta erledigen konnte, ohne noch einmal selbst groß für Flüge in die Tasche greifen zu müssen.

 Eine Woche später  fuhr Johannes in Los Angeles unpassend entspannt an den Trümmern des San Fernando Freeways vorbei. Das jüngste, sehr heftige Erdbeben hatte die massige Autobahn-Überbauung aus wuchtigem Beton wie Waffelbruch zerlegt. Johannes hatte sich vorsorglich im Flughafen-Drugstore mittels Vorlage seines Passes eine Wochenration Prozac gekauft. 

  Der Fahrer des mit getönten Scheiben ausgestatteten, schwarzen Cadillacs, Bernhard Kornacher, war als Vierzehnjähriger 1956 mit seinen Eltern aus München nach Kalifornien gekommen und arbeitete seit Mitte der sechziger Jahre in der „Maintenance“ für die Funparks als eine Art technischer Hausmeister. Vor ein paar Jahren war er selbständiger Leiter dieser Abteilung geworden; - also eigentlich zu hochrangig, um den Fremdenführer zu geben. Aber das Management wollte damit offenbar die „Wichtigkeit“ des Gastes zum Ausdruck bringen. Bernie, wie Johannes ihn gleich schon bei der Begrüßung nennen sollte, tat sich mittlerweile schwer mit der Deutschen Sprache, aber die bayrische Klangfärbung – auch seines Amerikanischen – war unüberhörbar. Wie alle Auswanderer in erster Generation wurde er nicht müde, schon nach ein paar Meilen die Vorzüge seiner Heimat ungefragt zu preisen. Johannes kannte das. Mitunter kam es ihm so vor,  als seien diese Leute von irgendeinem schlechten Gewissen als eine Art  „Fahnenflüchtige“ getrieben, das sie - vor allem seit der Wiedervereinigung -  zu solchen Vorträgen nötigte.
  Als Bernie jedoch erzählte, wie das Erdbeben mitten durch seinen Pool am Bungalow in Santa Anna einen dreißig Zentimeter breiten Riss gezogen hatte, in dem alles Wasser verschwunden sei, erwachte der an solchen Schicksalen interessierte Journalist in Johannes. Er erfuhr, dass das Haus der Kornachers selbst nicht betroffen gewesen sei, dass der nicht erdbebensicher konstruierte Pool aber nicht zu reparieren war und auch die Versicherung nicht zahle. 30 000 Dollar müsse er jetzt aufbringen, es sei denn, er schütte alles zu.
  Erstaunlicher Weise war das riesige Wasserareal der „Guesthouse-Area“, in der Johannes abgesetzt wurde, von so einem Schaden nicht betroffen. Andere Gäste des Konzerns saßen entspannt in ausladenden Liegestühlen vor ihren Häusern und steuerten mittels kleiner Konsolen Modellyachten oder Ozeandampfer en Miniature über die von einem zentralen Club-Pavillon beherrschte Wasserfläche. Eine kleine Welt der Harmonie und des Wohlseins wie in einem der Sciencefiction-Filme, mit denen der Konzern so erfolgreich war. Die Welt draußen lag in Trümmern hier im elitären Privaten war sie heil geblieben. Johannes fröstelte es eigentümlich, obwohl milde Frühlingstemperaturen herrschten.
  Er musste das vom Prozac noch verstärkte Timelag nicht vorschieben. Man sah es ihm an, und Bernie hatte schon mehrfach heimlich auf seine Uhr geschielt. Es war schön längst nach fünf. Er wollte heim zu dem, was von seinem Pool oder seinen sonstigen American Dreams noch übrig geblieben war.
  Als Bernie ihn am nächsten Morgen zu einer Sightseeing-Tour hinter den Kulissen des Imperiums abholte, hatte Johannes einen durch zwei Einschlafwhiskys samt Jetlag verstärkten Prozac-Kater. Er warf jedoch keine weiteren Pillen nach und ließ es auf mögliche Mini-Entzugserscheinungen ankommen. Ein schwerer Fehler, denn Bernie fuhr ihn mit einer Art Golf-Cart mitten hinein ins kaum beleuchtete Räderwerk einer noch nicht eröffneten Erlebniseinheit, die den Park-Besuchern spektakuläre Szenen einer Serie von populären Abenteuer-Filmen „erfahrbar“ machen sollte. – Im Prinzip war das die Chaos-Uhr, die er vor kurzem noch Nacht für Nacht erträumt hatte, und das vermeintliche Déjàvu  verursachte einen Schüttelfrost, der kaum noch zu beherrschen war und eher einem epileptischen Anfall gleichkam. Die Kiefer von Johannes klapperte so heftig aufeinander, dass Bernie das durch den Baulärm wahrnahm und sich besorgt erkundigte, was denn los sei. Johannes beruhigte ihn mit Hinweisen auf Akklimatisation und Zeitumstellung, stürzte aber gleichzeitig mit seiner Seele jene Achterbahn hinunter, die ja noch gar nicht in Betrieb war.
  Als sie wieder am Tageslicht im Warmen waren, ging es Johannes zwar wieder besser, aber da piepste der Sprechfunk und dann sprach eine nölende Stimme zu Herbie, er solle seinen Gast sofort zum Meeting in den Pavillon bringen und selbst beim Personal-Chef vorbeifahren. Herbie reagierte sehr besorgt und diese Stimmung schien sich sofort auf das gesamte Umfeld zu übertragen. Als sie vor einer Stunde auf das Gelände gefahren waren, hatten selbst die Statisten in den Comic-Kostümen  „Hi, Herbie, have a nice day!“ geschrieen und mit ihren Riesenhänden gewunken. Andere vom Staff hatten den Cart angehalten, den Gast begrüßt und ein paar persönliche Sätze gewechselt. Jetzt schien die Zwei im anderen Teil des Geländes niemand mehr zu beachten.
  Der Zeitplan sah vor, dass am späten Vormittag das Meeting mit den Leuten aus der Exekutive stattfinden sollte. Dann war ein Mittagessen mit dem Boss der Bosse im „Las Brisas“ angesetzt und nachmittags sollte Herbie ihm zu Shopping oder sonst einer Kurzweil herumfahren, ehe Johannes am sehr frühen nächsten Morgen den ersten Flug nach Denver nehmen würde.
  „So long“, sagte Herbie, “ich hole Dich um 15 Uhr vom „Las Brisas“ zum Shopping ab.“
  Da Johannes nicht genau wusste, was man von ihm wollte, stellte er sich eines der üblichen Meetings mit  Kreativen vor, in dem man abcheckte, was er draufhatte und wie er für das eine oder andere Projekt in Europa einzusetzen wäre. Das „Las Brisas“ kannte er schon von einer Restaurant-Vorstellung, die er mal gemacht hatte. Da würde er in dem Blazer mit den Goldknöpfen, den er zu der senffarbenen Gabardine-Hose samt weißem Polohemd trug, genau passend gekleidet sein…
  Er erlebte drei große Überraschungen. Das war kein Meeting, sondern ein Sechsaugen-Gespräch in einem fensterlosen, klimatisierten und sämtlichen Schall schluckenden Raum im tiefsten Inneren des Pavillons. Seine beiden Gesprächspartner trugen selbstverständlich dreiteilige Nadelstreifen-Anzüge.
Aber für die größte Verblüffung sorgte der Umstand, dass der Ältere von beiden sofort aufsprang und ihn in die Arme schloss, als sei er ein lang verschollener Freund. Vielleicht hätte Johannes nicht so ein dummes Gesicht gemacht und spontaner reagiert, wenn die morgendlichen Erlebnisse ihm nicht so zugesetzt hätten. Aber Pete, sein ehemaliger Tennis-Gegner von den Bahamas, war ein Routinier. Er sprach noch im Stehen wie bei einem Bühnen-Dialog auf den eiskalt wirkenden dritten Mann im Raum ein und schilderte ihm quasi - einen Sprecher bei den Sportnachrichten karikierend - in präziser Kürze den Spielverlauf des Matches, das mehr als ein Jahrzehnt her war.
  „Dieser Mann war ein wahrer Gentleman. Er hatte einen Aufschlag wie Roscoe Tanner und einen Topspin wie Borg, aber er verzichtete darauf, mich vorzuführen. Es war ihm ganz offensichtlich peinlich, auf diese Art zu gewinnen.“
  Jetzt drehte Johannes den Routine-Spieß um. Sein für den Job absolut katastrophales Namensgedächtnis ließ ihn wieder einmal im Stich, was ihm auch bei seinen Incentives öfter passierte. Also legte er sportkameradschaftlich schwer seinen rechten Arm um die Schultern des etwas kleineren Mannes und schielte auf den Firmenausweis, den jeder jederzeit offen sichtbar am Revers zu tragen hatte. Peter McDougal GCPEF. Also Pete, der Privatbankier, das Offshore-Finanz-Genie. Er hatte damals seinen Nachnamen wohl gar nicht erst erfahren.
  „Sie müssen wissen, unser Pete hier hätte ohne seine Verletzung das Match alleine entschieden. Ich war der schlechteste Mann auf dem Platz und hatte nur eine Angst,  - dass ich einen Teil des Dinners hätte zahlen müssen.“
  Er streckte dem Unbekannten die Hand hin: „Johannes Goerz. Nice to meet you!“ Dann drehte er sich gelassen in den anderen Mann hinein, schob ihn auf Armeslänge an den Schultern haltend, en wenig von sich fort und meinte: “So good to see you!“
  Was er sah, war in der Tat beeindruckend. Das Leben hatte es ganz offensichtlich gut mit Pete gemeint. Im Gegensatz zu Johannes hatte er kein Gramm zugenommen. Obwohl in etwa zehn Jahre älter, wirkte der von Natursonne gebräunte Banker objektiv jünger als er selbst. Während der andere Mann im Raum seine Staffage wie ein Korsett trug, strahlte McDougal die lässige und unerschütterliche Eleganz eines karibischen Mannes aus, der seine Schäfchen im Trockenen hat. Er hätte so gerne erfahren, wie es ihm so ergangen war, seit er versucht hatte, Johannes die Sache mit den „Luft-Aktien“ zu erklären… Aber Gregory Rafferson bestand darauf, dass sie zügig zur Sache kämen. Der Mann war so ausgezehrt, dass Johannes ihn für sich unmittelbar assoziierend  „Greg Raffzahn“ nannte, aber er wollte ja nett sein. Also fragte er den Mann auf gut Glück nach seiner Marathon-Zeit. Für den Bruchteil einer Sekunde huschte der Anflug eines stolzen Lächelns über das für einen Mann von Mitte dreißig viel zu faltige Gesicht, als er lakonisch sagte:
  „3:02,21 letztes Jahr in Boston, in sechs Wochen knacke ich dort die drei Stunden!“
  „Wow“, meinte Johannes und hängte Henry Thoreaus Elite-Formel “born to succeed“  wie beiläufig an eine Kunstpause. Das mit dem Streicheln der Eitelkeit hatte wieder einmal geklappt.
   Eine Minute später war klar, wieso dieser Raum ausgewählt worden war. Sie saßen in einem dieser multimedialen Showrooms, wie sie der Laie nur aus James-Bond-filmen kannte. „Raffzahn“ hatte einen Knopf gedrückt, das Licht war gedimmt worden und die Klimaanlage passte sich suggestiv den rundum an den Wänden gezeigten Szenen an. Die verschiedenen, männlichen und weiblichen Stimmen, die das Gezeigte kommentierten, kamen aus allen Richtungen und wurden von stimulierenden Soundtracks getragen – kurz, der Begriff „virtuell“ erhielt in diesem vorher eher engen Raum eine schier grenzenlose Dimension.
  Der Inhalt der Präsentation wirkte auf Johannes im Rückblick wie eine Prognose mit hundertprozentiger Trefferquote. Auf der „Alm der Steuerhinterzieher“ hatten sie vor ein paar Tagen und doch eine technologische Ewigkeit her einen Feinkosthändler des Jetsets noch mit einer Handy-Attrappe hereinlegen können – so neu und ungewohnt waren die kleinen tragbaren Telefone noch. In diesem Szenario war das „Cellular“ quasi schon Vergangenheit und wurde mit einer neuen Bandbreite von Anwendungsmöglichkeiten gezeigt. Johannes selbst hatte gerade erst damit begonnen, sich mit Internet und Intranet gedanklich zu befassen. Das World Wide Web war vor kurzem - nämlich 1993  - aktiviert worden, hier war jedoch bereits von Glasfaser-Hochleistungskabeln, Routern und Ladezeiten und Quantitäten im XXXL-Format die Rede, die für ihn absolut utopisch klangen, wenn er an das Zeitlupentempo dachte, mit dem manche Seiten sich bei seinem Computer noch aufbauten.
  Vor einigen Wochen hatte Johannes seine Grafikerinnen und ihre Apple-Workstations mit einer Software ausgestattet, die die gesamte Druckseitengestaltung am Bildschirm ermöglichen sollte, aber in vielen Anwendungen noch hakte. QuarkXpress 3,2. war weit davon entfernt, bedienerfreundlich zu sein und barg verhängnisvolle Risiken, wenn man sich blind darauf verließ. In dieser Präsentation waren QXP und die Konkurrenzprodukte Aldo Freehand und Pagemaker quasi schon alte Hüte. Ihre Weissagung war eine Zusammenführung von TV und PC mit nur einer drahtlosen Bedienungskonsole und einem in der Wohnungswand integrierten Bildschirm innerhalb der nächsten anderthalb Jahrzehnte; spekulative „Future view“?
  Unmerklich hatte Johannes unter der Fülle an Informationen immer hektischer geatmet. Als der etwa halbstündige Reizhagel auf seine Synopsen vorüber war und das Licht wieder anging, war seine Klaustrophobie so unerträglich, dass er mit einem „Scjusme“ aufsprang und auf den Boardwalk des Pavillions hinauslief, um erst einmal tief ein und auszuatmen. Pete war hinter ihm her, aber er winkte alle Bedenken fort, indem er auf Timelag und Klima verwies wie am Morgen bei Bernie. In Wahrheit hatte ihn die Erkenntnis erschüttert, dass das, was er bislang in seinen Albträumen erlebt hatte, wohl längst von anderen bewusst erdacht worden war…
  „Raffzahn“ hatte sich zu ihnen gesellt und  sie dann zu einem separaten kleinen Tisch auf einer Veranda im Schatten geführt, auf dem Drinks und Hors D’Oeuvre  standen.
  „Sie werden sich sicher fragen, Johannes, warum wir Sie hierher eingeladen haben. Pete war daran nicht ganz unschuldig, aber ausschlaggebend waren einige Leute, die bei Ihnen auf Veranstaltungen waren und die auch mit uns in der einen oder anderen geschäftlichen Beziehung stehen.“
  Pete, der Geldmann, mischte sich ein:
    „Wie lange wirst Du mit Deinem kleinen Laden in der Welt, die Dir eben beschrieben wurde, überleben? Das Outsourcing wird nicht von seinen Kindern, sondern von den großen Medienkonzernen gefressen. Die haben doch längst selbst begriffen, dass sie das synergetische Vernetzen von Produktionen mit reduziertem Personal aber gleichzeitiger, völliger Rechtekontrolle selber machen können. Und selbst  wenn Du mehr schlecht als recht im Geschäft bleibst, wirst Du Deinen Fähigkeiten damit gerecht? Was holst Du raus? 200 000 Mark? Wie wäre es mit fünfmal so viel ohne Personalbelastung und Investitionsdruck in Dollar?“
  „Schauen Sie, Mr. Gorz! Sir! Mit der Digitalisierung und den geradezu unbegrenzten Lade- und Manipulationsmöglichkeit von geistigem Eigentum, von Nutzungs- und Urheberrechten kommt der Rechte-Verwertung vor allem im Merchandising und bei den Lizenzen ein Stellenwert zu, der weltweit eigene vorausschauende Firmen-Profile erfordert. Wie ich Ihnen ja nicht lange darzulegen brauche, sind wir beim Global-Game die Bestimmer, aber wir Amerikaner tun uns nach wie vor schwer, als Kosmopoliten anerkannt zu werden. Wir wissen sehr genau über Sie bescheid. Wo immer Sie auf der Welt aufgetreten sind, fiel es Ihnen mit Ihrer sozialen Kompetenz nicht schwer, Zugang zu erhalten. Morgen reisen Sie nach Montana und machen sich zum Affen für einen Kunden, der vielleicht schon längst ohne Sie plant. Wie Sie ja wissen haben wir eine deutsche Showgröße unter Vertrag. Was der in der Öffentlichkeit macht, hätten wir gerne von Ihnen hinter den Kulissen. Bringen Sie uns einfach gewisse Leute an einen Tisch, die wir dann davon überzeugen können, mit unseren Rechten und Lizenzen zu handeln – oder sich zumindest daran zu beteiligen.“
  „Du kannst Dein Leben ja sogar so weiter führen und hättest das Erfolgshonorar bei uns auf den Caymans als Rückversicherung in Form eines steuerfrei wachsenden Vermögens“, ergänzte Pete, der ihn als künftigen Kunden offenbar schon verbucht hatte.
  Johannes schaute auf die Wasserfläche hinaus, wo gerade ein Modell-Kreuzfahrtschiff volle Pulle über eine kleine Segelyacht gebrettert war, nur weil ihre beiden in den Liegestühlen dösenden Lenker nicht aufmerksam genug Abstand gehalten hatten. Er beschloss spontan die Symbolik dieser Havarie als Zeichen zu deuten. Die Tatsache, dass man ihn möglicher Weise ausgespäht hatte, machte ihm weit weniger zu schaffen, als die Gier, die sie jetzt in ihm aktiviert  hatten. Aber was war das mit seinem Kunden, den er in ein paar Tagen treffen sollte? Bei Honoraren in solchen Größenordnungen konnten die doch nahezu jeden bekommen, der ein mehr Erfolg versprechendes Profil  vorzuweisen hatte. Die Sache musste einen Haken haben, aber er hatte ja mittlerweile auch dazu gelernt und würde sich hüten, eine spontane Stellung zu beziehen…
 
  Pete ließ es sich nicht nehmen, Johannes selbst zum Lunch in den Pazifik-Badeort zu chauffieren. Er benützte dazu aus dem „Promotional Carsupply“ des Konzerns ein Chevy 69 Camaro Cabrio in Purple und Weiß, das allein schon wegen seiner Chromteile aussah, als sei es gerade ausgeliefert worden. Bei jedem Ampel-Halt lösten sie damit derart Beifall und Jauchzer aus, dass an eine ernsthafte Unterhaltung kaum zu denken war. Dennoch erfuhr Johannes, dass Pete quasi nur noch Frühstücksdirektor und „außenpolitischer“ Berater der Grand Cayman Private Equitiy Funds GCPEF war. Er sprach von viel Geld aus dem Osten, das in den letzten Jahren an Einfluss auf ihre Geschäfte gewonnen hätte, weil die, die es brachten – aus welchen Gründen auch immer – im Ernstfall auch hohes Verlustrisiko tragen konnten. Johannes musste unwillkürlich an die Sturmfahrt mit dem „Aquila Marina“ denken und das in seinem Bauch versteckte Schwarzgeld, als er ein wenig spöttisch meinte:
  „Wenn bei einer Investition von Euch im schlechtesten Falle siebzig saubere Cent von einem schmutzigen Dollar übrig bleiben, ist das immer noch ein Bombengeschäft für manche. Das als Steuer entrichtete Geld ist hingegen ein für alle Mal weg.“
  Johannes hatte das Erblühen zweier mit seinen Geschäftsfreunden konkurrierender Druck- und Verlagshäuser während des dramatischen Niedergangs des Anzeigengeschäftes der letzten Jahre im Verdacht mit solchen „neuen“ Geldern gearbeitet zu haben. Sie hatten zwecks Verdrängung jeweils im Herbst angeblich riesige Auflagen gedruckt, deren Rechnungen  sie von Finanzdienstleistern hatten bezahlen lassen. Ausgeliefert wurde jedoch nur die tatsächlich gedruckte, vermutlich viel kleinere Menge. Der virtuelle Rest wurde als Lagerbestand über den Wechsel des Geschäftsjahres steuerlich vorgehalten und wenn die Remission aufgerufen wurde  mit dieser verlustreich verramscht oder geschreddert. Mit Ausnahme der Anzeigenkunden und des Fiskus hatte jeder in der Nahrungskette am Ende gewonnen – vor allem aber der Finanzdienstleister der sauberstes Geld zurückbekam und an seine gefährlichen Kunden ausschütten konnte. Sollte sich so eine Rückzahlung verzögern, verfügten die über Hintermänner mit einem geradezu tödlichen Inkasso-System, das letztlich auch die absolute Diskretion sicherte… Aber Johannes hatte keine Lust, dieses ihm äußerst unangenehme Thema noch zu vertiefen. Stattdessen wollte er von Pete wissen:
  „Was erwartet mich? Wieso will der Boss der Bosse ein kleines Licht wie mich sehen? Was hätte ich ihm zu bieten, was er bei seinen unbegrenzten Möglichkeiten nicht über Headhunter und Personalberater anonym, jünger und vermutlich besser und unverbrauchter bekäme.“
  „Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Er ist ein Netzwerker mit einem mitunter unheimlichen Durst nach Details, die er unlöschbar abspeichert. Hör mal, wie dies blöde Computersprache sich schon in unseren Alltag einschleicht.“
  „Seit ich hier bin, habe ich das Gefühl, wie eine Marionette in einer Handlung herum zu zappeln, die ich nicht begreife.“
  „Du kannst doch ganz entspannt sein. Was hast du zu verlieren. Wenn nichts dabei rauskommt, hast du Reisekosten gespart und deinen Horizont erweitert. Wenn er irgendetwas weiß, was du nicht weißt, bist du morgen reicher als du es dir jemals erträumt hättest.“
  Pete verabschiedete sich auf der Auffahrtsrampe des „Las Brisas“:
  „Ich rufe dich heute Abend noch an, und in vierzehn  Tagen sehen wir uns in München. Ich weiß, du hast Zeit, also sag nicht, du wüsstest nicht, ob du da bist.“

  Es war ein Irrtum von Johannes zu glauben, dass ein Mann, den die aktuellen Forbes-Rankings mit einer diffusen, dreistelligen Millionen-Dollar-Summe Jahressalär an die Weltspitze der bestverdienenden Manager gestellt hatten, ihn mitten in einem derart populären Gourmet-Restaurant bewirten würde. Einer der Valets in grünweiß gestreiften Jockeyblusen führte ihn vom Restaurant weg auf einen betonierten Pfad an die Steilklippe heran, wo ihn zwei an Hulk Hogan erinnernde Bodyguards übernahmen. Der Mann, der federnd aufsprang sobald er sie hörte, sah allerdings nicht so aus, als bedurfte er irgendeines Schutzes. Er war so groß wie Johannes und hatte schon aus der Distanz von zwanzig Metern einen Blick drauf wie Clint Eastwood, wenn er den Dirty Harry mimte. Auch er war so austrainiert, dass sich Johannes deutlich minderwertig fühlte. Wenigstens war er diesmal passend angezogen, denn sein Gastgeber trug weiche beige Cordhosen und ein diagonal über die Brust geknöpftes Designer-Shirt. Über den Schultern hing nur zu Dekoration ein Sweater, denn es war angenehm warm und beinahe windstill. Als er zum Händeschütteln an ihn herantrat, sah Johannes die kleinen Falten in dem ansonsten glatt wirkenden Zügen eines ewigen Collegeboys, und auch die Haare waren nicht kalifornisch ausgebleichtes Blond, sondern weiß. Trotzdem war der Mann – was sein Charisma anging – keine Mogelpackung. Er hatte nur wenige Menschen getroffen, die in etwa an diese natürliche Autorität heranreichten.
  Sie standen in einer kleinen nach allen Seiten offenen Pagode, in der zur Klippe mit Blick auf den sonnenüberfluteten Pazifik ein festlicher Tisch für zwei eingedeckt war. In diskreter Entfernung hantierten bereits zwei Köche an einer mobilen Herd-Einheit. Es würde selbstverständlich nichts Aufgewärmtes geben. Johannes hatte sich vorgenommen, was auch kommen mochte, sich nicht beeindruckt zu zeigen. Dieses Vorhaben war schon mal fehlgeschlagen.
  „Das ist ein sehr schönes Pashmina-Hemd, das Sie da tragen.“
  „In Mode kennen Sie sich also auch aus – Johannes. Ich darf Sie doch Johannes nennen?“ Ich bin Robert.“.  Bei den Worten in völlig akzentfreiem Deutsch streckte er ihm nochmals die Hand hin.
  „Gerne Robert. Dann muss ich ja nicht so auf der Hut sein, wenn wir Deutsch reden.“ Johannes nahm sich vor, auf die gegenseitigen „Skills“ nicht einzugehen. Das zwang seinen Gastgeber nachzuhaken, wenn er etwas wirklich wissen wollte. So verhinderte man Smalltalk. Schon gar nicht würde er einem, der vielleicht besser Deutsch sprach als er selbst, Komplimente in dieser Richtung machen.
  „Was bringt Sie auf den Gedanken, Sie müssten an so einem schönen Tag und einem hoffentlich ordentlichen Lunch bei diesem Ausblick auf der Hut sein?“
  „Nur persönliche Erfahrung! 1979 nach einer anstrengenden Expedition im Himalaya habe ich ein paar Tage in einem Hausboot auf dem Dalsee im Kaschmir entspannt. Da kam ein Schneider mit Stoffen vorbeigepaddelt und bot mir seine Dienste an. Ich kannte Pashmina bis dahin nur als Schals. Die drei Hemden, die ich von ihm maßgeschneidert bekam, kosteten soviel wie ein im Laden gekauftes in Deutschland. Ich hatte sie sehr lange, und ich erhielt durch sie auch Anschauungsunterricht im Welthandel. Denn eine Woche später sah ich solche Hemden vorgefertigt bei den Malik-Brüdern im Cashmere Emporium am Connaught Place in Delhi. Da kostete das Stück so viel, wie ein Sikh-Taxifahrer, den ich gut kannte, dort im Jahr verdient.“ Die Kunstpause implizierte, dass Johannes sich also leicht vorstellen konnte, was das Hemd anderthalb Jahrzehnte später bei einem amerikanischen Designer gekostet haben mag. Er selbst hatte damals Schnitte von Christian Dior abkupfern lassen…
  Die ersten drei Gänge mit erlesenen Mini-Portionen verbrachten die beiden Männer wie Ringer im Griechisch-Römischen Stil. Johannes hatte sich quasi freiwillig in die passive Bodenlage begeben und achtete nur darauf, dass ihn sein Gastgeber beim Smalltalk über erlesene Genüsse nicht aushob oder gar aushebelte. Was angesichts der erlesenen Kreationen mit den dazu gereichten Weinen schwer genug war. Sie hatten ausgestochene Plätzchen aus Pumpernickel mit Tartar und Kaviar, die mit aromatisierter Crème Fraiche verziert waren. Dazu gab es ein Schlückchen Dom Perignon. Der Chef trug selbst eine von ihm hergestellte, rohe Gänseleber-Terrine auf, die mit lauwarmen Streuseln aus zerhackter Armagnac-Pflaume und Trüffeln bestreut war. Dazu gab es aus geeisten Gläsern einen Sauterne, der so ölig war, dass Johannes lieber nicht nach seinem Alter fragte. Der erste warme Gang bestand in edler Einfalt aus einer daumendicken Scheibe einer ungepellten roten Idaho-Kartoffel, auf der in exakter Kongruenz ein Langusten-Medaillon lag, über das beiläufig geschmolzene Safranbutter mit rotem Pfeffer rann. Der sehr nach viel Sonne schmeckende Chardonnay aus dem Napa-Valley passte glänzend, weil er den rein „amerikanischen“ Genuss dieses Ganges unterstrich.
  „Und, kommt Wolfgang ans ‚Aubergine’ heran? Er hat nämlich bei Witzigmann gelernt.“ Fragte Robert Phelps unvermittelt, in dem er leicht seinen Kopf in Richtung des Kochs ruckte.
  Das war ja nun auch Vergangenheit. Der begnadetste aller Köche hatte ja vor kurzem durch seinen Kokskonsum zwecks Stressabbau in der Münchner Schickeria seine Lizenz und das einzigartige Restaurant verloren. Seine Epigonen hatten ihn meist nur durch die Menü-Preise übertroffen, so dass Johannes seither aufgehört hatte, sein Geld so oft wie früher in deren Tempel zu tragen und stattdessen selber kochte, wenn es darum ging, ihm „wichtige Leute“ über den Gaumen zu beeindrucken. Deshalb lockerte Johannes mit der Antwort ein wenig seine passive Haltung:
  „Die Gier nach Genuss erzeugt  Preise, die das Genuine des Geschmacks oft zur Nebensache machen. Das ist hier nicht der Fall. Es ist aber auch ein Beweis gegen das Ammenmärchen, dass Geld nichts mit der Güte des Essens zu tun hätte. Auf der anderen Seite heißt allerdings wenig Geld nicht gleichzeitig kein Genuss. Nehmen wir Ihren reputierten Mondavi-Chradonnay hier  für vielleicht 25 Dollar vom Erzeuger und stellen ihn bei einer Blindverkostung neben den Sauvignon Blanc der bescheideneren Pedroncelli-Brüder vom Dry Creek für nur fünf Dollar. Ich wette, dass acht von zehn Testern letzterem den Vorzug gäben. Eine gute Languste hat ihren Preis, den man nur sparen kann, wenn man auf sie verzichtet. Geld bedingt eine Veränderung der Warte, von der man Werte betrachtet, das habe ich am eigenen leider immer schwerer werdenden Leib verspürt. Vor ein paar Jahren habe ich bei Fredy Girardet in Lausanne beispielsweise einen Dézaley ‚Clos des Abbayes’ zum Essen gehabt, an den ein Privatmann kaum herankommt. Auf Fürsprache bekam ich dann vier Kästen für 25 Schweizer Franken die Flasche. Noch nie hatte ich einen so teuren Wein für mich privat gekauft, aber ich wollte ihn ja unbedingt haben. Können Sie sich meine Enttäuschung vorstellen, als ich feststellte, dass diese für den Export bestimmten Flaschen Schraubverschlüsse hatten? Kein Risiko, dass eine Flasche korkt, aber auch kein Chichi beim Entkorken, Schnüffeln und vorweg Probieren. Die Qualität aller 24 Flaschen war exakt die gleiche, aber man hatte mich eines geldwerten Rituals beraubt. Schaut ein Mann wie Sie noch auf den Preis für irgendetwas?“
  „Ich bin weder ein Scrooge noch ein König Midas, und glauben Sie ernsthaft – Johannes - ein Mann in meiner Position könne sich halten, wenn er vergessen hätte, welche Farbe das  Geld hat.“
  „Nun Ja, – eure Dollarnoten sind mit Ausnahme der Zahlen und Präsidenten alle die gleichen „Greenbacks“, scherzte Johannes, der spürte, dass das Gespräch langsam in tückischeres Fahrwasser geriet.
  „Das ist ein schönes Beispiel. Als ich klein war, habe ich für Nickles und Dimes Tennisbälle aufgehoben. Es war etwas ganz besonderes, wenn ich mal eine Dollar-Note bekam. Die Leute habe ich mir übrigens sehr genau angesehen. Man kann nicht an der Höhe, sondern an der Art wie einer Trinkgeld gibt, sehr viel über den Charakter lernen. Ich war wegen meiner Leistungen Stipendiat, aber die Phelps waren immer solider amerikanischer Mittelstand, deshalb musste ich dazu verdienen.
Ich zog einen Party-Service auf, der sich bald bis zu den Eltern meiner reicheren Freunde von Back Bay, Beacon Hill und  rund um den Campus in Cambridge herumsprach. Ich bewirtete wichtige Leute und lernte sie dadurch auch kennen. Und ja, die Präsidenten und Zahlen änderten sich. Nach meinen drei akademischen Graden verkaufte ich den inzwischen zum Party-Catering gewachsenen Betrieb für eine  siebenstellige Summe und studierte noch drei Jahre Philosophie und Germanistik in Heidelberg.“
  „Beeindruckend. Aber ich meinte etwas anderes mit meiner Frage. Wenn Sie etwas wirklich wollten, könnten Sie jeden Preis zahlen. Der Wille des haben Wollens könnte dabei also unbeschadet ein Ausmaß annehmen, der den Sinn des Erreichens oder Besitzens zu einer absurden Nebensache machte.“
  „Was zählt, ist nur die eigene Leistung. Alles, was ich auf die von Ihnen beschriebene Art kaufen könnte, ist wie Sex gegen Geld - unbefriedigend. Sie haben ja viel über Sport geschrieben. Ein Skispringer, der die 200-Meter-Marke überflogen hat, wird nicht deshalb aufhören, weil er das Erreichen der 300 Meter für aussichtslos hält. Er hat auf einer selbst gebauten Schanze vielleicht mit zehn Metern angefangen und sich nach und nach gesteigert. Ich habe mal auf dem frei in den Himmel ragenden Anlaufturm der Skiflugschanze von Vikersund gestanden und zum ersten Mal Höhenangst gehabt. Keiner steigt wegen des Geldes dort hinauf und springt hinunter!“
  Sie konzentrierten sich für einen Moment schweigend auf ihre in ein Schweinenetz gehüllte komplett entbeinte knusprige Wachtel, die mit Datteln und jungen Zwiebeln gefüllt und deren Bratensaft mit ein paar Tropfen von einer Blutorange gefärbt und aromatisiert worden war. Simpel und göttlich.
  „Tut mir leid, wenn das nicht ‚comme il faut’ ist. Aber ich lasse keinen Tropfen von diesem Jus zurückgehen“, meinte Johannes und griff sich eine Scheibe von dem Brot, das bislang nur zur Dekoration auf einem Serviertischchen gestanden hatte und wischte wie ein armer Bauer seinen Teller blank. Dann griff er die Parabel von Robert Phelps wie ein interviewender Journalist wieder auf:
  „Sie sind der absolute Weltrekordhalter bei den Angestellten-Einkommen. Was kommt danach?“
  „Wenn Sie jetzt hier den Journalisten herauskehren, antworte ich mit meinem Standardsatz. Ich habe mein Gehalt nicht gefordert sondern erwirtschaftet. Markt und Leistung haben mich ausgewählt. Ob es unmoralisch ist, soviel Geld zu verdienen? Aus meiner Sicht wäre es unmoralisch, es nicht einzustecken. Schaut Euren Boris Becker an. Wenn er aufschlägt, setzt er das Räderwerk einer Milliarden-Wirtschaft in Gang. Er ist ein kleines Zahnrad in einem riesigen Uhrwerk. Ich bin auch ein kleines Zahnrad in diesem Uhrwerk. Mein Grundgehalt entspricht immer noch dem allgemeinen Standard, aber als ich den Konzern in einer Notsituation übernommen hatte, verlangte ich ein Prozent von den künftigen Gewinnen. Das kleine Zahnrad hat sich so positioniert, dass es ohne zu zerbrechen die großen Räder wieder zum Drehen brachte.“
  Johannes verzichtete darauf, davon zu erzählen, dass er von solchen Räderwerken träumte und nahm stattdessen gegen das erneute Déjàvu einen großen Schluck eines 1985er Zinfandl von den Ferrari-Carano Vineyards, der wie ein Riesenrubin im Glas funkelte.
  „Das wollte ich nicht. Sorry, ich wollte nicht über Geld mit ihnen reden. Ich denke, wie man es anstellt, es wird immer dazu führen, dass derjenige der Fragen dazu stellt, sich des Verdachtes von Neid und Missgunst aussetzt.“
  „Ich weiß, Sie können sich einfach keinen Reim darauf machen, wieso so ein Typ, der sich Ihrer Meinung nach alles und jeden sogar auf Firmenkosten kaufen könnte, so einen Typ wie Sie zum Lunch bittet.“
  „Ja, irgendwie sind mir diese Dimensionen hier unbehaglich.“
  „Das hat möglicherweise etwas mit Ihrer Wahrnehmungsfähigkeit in Bezug auf sich selbst zu tun. In unserer Branche haben wir es ja überwiegend mit extrovertierten Selbstdarstellern zu tun, denen das eigene Profil oft wichtiger ist als die ihnen anvertraute Aufgabe. Dann fällt natürlich jemand wie Sie auf, der überall Spuren hinterlässt, aber öffentlich nicht in Erscheinung tritt. Wissen Sie, wann ich zum ersten Mal von Ihnen gehört habe? – Das war so 1981/82. Ich hatte ja mit diesem Schweizer Verleger studiert, dem Sie indirekt immer die neusten Restauranttipps gegeben haben. Er hat diese natürlich zur Festigung seines Ruhmes als Kenner unter anderen natürlich auch an mich weitergereicht und dabei irgendwann Ihren Namen genannt. Als ich mit Pete McDougal in der „Grange Sur Lierre“ von Porge nach der VinExpo in Bordeaux zum Essen war, kolportierte ich die Beschreibung, die mir mein Studienfreund von Ihnen gegeben hatte, und Pete sagte ganz verblüfft, er habe vor einigen Wochen mit Ihnen auf den Bahamas Tennis gespielt. Einer meiner engsten Freunde in den USA ist der ehemalige Oberbürgermeister von Dallas. Der hat mir beim Golf als wir über deutsche Eigenschaften diskutierten, von einem deutschen Journalisten erzählt, der ihm  nach einem Bankett – um noch ein paar persönliche Worte zu wechseln – angeboten hatte, ihn nach Hause zu fahren. Der Mann habe gegen seine Empfehlung  - obwohl erst drei Tage in der Stadt – eine Route durch seine Stadt gewählt, die um zwanzig Minuten kürzer  war, als die die sein Chauffeur üblicher Weise über die Turnpikes wählte. Er konnte sich nur noch daran erinnern, dass der Zweihundertpfund-Bursche so einen heiligen Namen hatte. Damit konnte ich ihm dann aushelfen. Wiederum zwei Jahre später rief mein Freund von einem Bürgermeister-Treffen der Weltmetropolen an. Sein Shanghaier Kollege habe ihm gerade eine lustige Geschichte von ‚unserem Johannes’ erzählt. - Ist das wirklich wahr, dass Sie Zhu Rongii vorgeworfen hatten der Kultschnaps und Nationalstolz „Mao Tai“ schmecke nach Möbelpolitur und dennoch nach einem donnernden Rülpser die ganze Flasche gelehrt haben???
   Johannes schwieg peinlich berührt. Er war mit dieser Geschichte nie hausieren gegangen.
  „Diese runden Tische, die Sie bei Ihren Incentives formieren. Da sitzen Leute dran, die für unsere Europapläne äußerst interessant sind. Mit ein paar haben wir ja auch schon Kontakt, und obwohl das alles Alpha-Tiere sind, schwärmen die teilweise von Ihnen, als seien Sie eine Art Guru. Wir wünschten uns, dass Sie für unsere künftigen Vorhaben  auch so eine Art Lobby schaffen. Greg und Pete werden Ihnen ein Anforderungsprofil faxen. Überlegen sie in Ruhe – Ich weiß, Sie wären für uns der Richtige!“
  Er sah mit eindeutiger Geste auf die Uhr:
  „Genießen Sie noch ihren Nachtisch und den Kaffee. Sie werden hier abgeholt. Wenn Sie mich entschuldigen, Johannes. Ich muss los. Zum Golfspielen mit unserem Actionstar. Wenn seine Muskeln nicht mehr mitmachen, will er unbedingt Gouverneur werden. Das wäre schon etwas. – Etwas, wobei wir ihm gut helfen können…“

  Es war, als hätte sich ein Schatten über die kalifornische Wintersonne gelegt, als Bernie Kornacher ihn abholen kam. Auf einmal war es, als reichte die Kühle des Humboldtstroms bis zu den Klippen von Las Brisas. Was ein untrügliches Zeichen für ein weiteres Beben hätte sein können. Dann registrierten seine sensiblen Seismographen für Seelen, dass das negative Odium von dem kalifornischen Bayern ausging. Irgendetwas hatte die robuste Vierschrötigkeit mehr erschüttert als der geborstene Pool.
  „Was ist mit Ihnen Bernie?“
  „Nichts! Was sollte sein?“
  Er stapfte mürrisch und wortlos zur schwarzen Limo und öffnete ihm die Tür zum Fond. Ein deutliches Zeichen, dass er nicht wollte, dass Johannes sich neben ihn setzte, um wie am Morgen zu ratschen. Johannes jedoch drückte die Tür zu, ohne einzusteigen und sah dem Mann forschend in Augen, die den ganzen Enthusiasmus des Vormittags verloren hatten:
  „Was ist los?“
  „Sie haben mich gefeuert. Einfach so. Nach bald dreißig Jahren. Ich krieg noch Schecks für zehn Terms als Abfindung. Das war’s dann. Alle unter vierzig wurden sofort übernommen. Alle Alten sind freigestellt. Heute ist mein letzter Arbeitstag.“
  Es hatte sich herausgestellt, dass die Funparks wegen der häufigen Erdbebenwarnungen im letzten Quartal des alten Jahres einen minimalen Rückgang im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen hatten. Ein cleverer Controller, der nur von seinen Zahlen ausgegangen war, hatte den Vorschlag eingebracht, die Verluste dadurch wieder hereinzuholen, dass man die konzerneigene Maintenance samt Personalkosten und Absicherung gegen Betriebsunterbrechungen zu niedrigeren Preisen an eine neu zu formierende Wartungsfirma „outsourcen“ könne. Und so war es entschieden worden. Auf einmal war nicht mehr von der großen Familie die Rede gewesen. Nicht mehr von den spaßigsten Jobs der Welt… Es war klar, dass Johannes Bernhard Kornacher sofort aus der Verpflichtung entließ, ihn zum Shopping herum zu kutschieren. Er musste ja auch ohnehin weiterreisen und war ganz und gar nicht in Stimmung.  Stattdessen machte er einen langen Strandspaziergang, der bei einem Kaufhaus endete, das das ganze Jahr hindurch ausschließlich Artikel für Weihnachten verkaufte. Johannes musste an Heinrich Böll und seine Satire denken. Inmitten des „Ginglegebelles“ ertappte er sich dabei, wie er halblaut und gläsern die Stimme des böllschen Weihnachtsengels imitierte und „Friedeng, Friedeng“ flötete. Wenn die Wirklichkeit eine Satire innen überhole, wäre es Zeit, neue Wirklichkeiten zu schaffen. - Er würde den Verlockungen, durch „amerikanische Verhältnisse“ reich zu werden, widerstehen. Seine Entscheidung war in diesem Moment gefallen…

  Noch ehe ihn in aller Frühe am nächsten Morgen der vereinbarte „Wakeupcall“ erreichte, meldete sich Mutter Erde. Die Schränke sprangen auf, der Fernseher krachte aus seiner Halterung und das Bett machte einen Bocksprung, der das Adrenalin in Johannes Körper verteilte, als sei es mit Pressluft in den Kreislauf geschossen worden. Er hatte gerade geistesgegenwärtig die dicht beieinander liegenden Türrahmen der Diele erreicht, die bei Erdbeben am ehesten Schutz  boten, als der Spuk auch schon wieder vorbei war.
  Er hatte wie immer am Abend vorher gepackt, verzichtete daher wohlweißlich auf die Morgentoilette und stand fünf Minuten später außerhalb (!) des Foyers. Allein. Niemand schien durch den „Aftershock“ beunruhigt. Nicht der Concierge, der auf Johannes’ gequälten Scherz, ihm hätte auch ein einfacher Weckruf gereicht, nur müde grinste. Nicht der Fahrer, der ihn zum Flughafen bringen sollte, der völlig Verständnislos die Stirn runzelte, als Johannes ihn fragte, ob durch die Erdstöße möglicher Weise die Flüge beeinträchtigt würden. Alle übrigen Konzern-Gäste schienen sich einfach auf die andere Seite gedreht zu haben, um weiter zu schlafen.
Hatte er überreagiert?

  Sieben Stunden später und ein paar tausend Kilometer nordnordöstlich, bebte der Aftershock im Gemüt von Johannes immer noch nach, so dass er zunächst Mühe hatte, die einzigartige Landschaft Montanas auf sich wirken zu lassen. Nicht, dass er der bitteren Kälte unvorbereitet entgegen getreten wäre. Er war am Flughafen von Bozeman in seinen Daunen-Parka  mit Fuchskragen geschlüpft, hatte die Slipper gegen die „Sorelboots“ getauscht und einen Norweger-Pullover angezogen. Ihn fror von der Seele her und daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, dass alles gut funktionierte.
  Nach dem kalifornischen Frühlingstrubel war die menschenleere Winterhärte am Galatine-River sowohl ein Klima- als auch ein Kulturschock. Aber er erlebte sie aus dem Cockpit eines riesigen Ford-Geländewagens, als säße er in einer rollenden Festung. Die beiden Sioux aus Whitefish, die sein Incentive in einigen Wochen begleiten sollten, waren pünktlich gewesen und zeigten ihm die in einer Biegung des Flusses aufgestellten Winter-Tipis, in denen sich seine Gäste nach dem winterlichen Fliegenfischen aufwärmen und ihre Forellen über dem Lagerfeuer grillen sollten. Es war genau die Stelle, an der Brad Pitt in dem Film „Und in der Mitte entspringt ein Fluss“ die dicken Rainbow-Trouts herausgeholt hatte. Johannes hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst, dass Fliegenfischen ein Wintergimmick als Alternative zum Skifahren am Big Sky sein könnte.
  Zur Happy Hour im Lodge traf er das Geologenpaar, das von dort den Ausflug zum Old Faithfull in den Yellowstone Nationalpark führen sollte. Professor Dr. Greg Culver stand bezeichnender Weise hinter der Bar. Denn seit er in seiner kalifornischen Universität aus politischen Gründen seinen Lehrstuhl bei einer Neuausschreibung verloren hatte und nach Montana „geflohen“ war, verdiente er mit dem Mixen von Drinks weitgehend seinen Lebensunterhalt. Seine Frau, Dr. Norma Culver, verkaufte auf der anderen Seite der Lobby Indianer-Schmuck und anderes handgemachtes Kunstgewerbe. Um wissenschaftlich am Ball zu bleiben, leiteten sie Sommer-Seminare an der beliebten Uni von Bozeman, die überwiegend im Freien stattfanden und ihre Abenteuerlust befriedigten oder sie führten wissenschaftlich orientierte Reisegruppen wie die von Johannes. Auch das waren „amerikanische Verhältnisse“: Als Akademiker wie selbstverständlich einen fachfremden Brotjob zum Unterhalt der Familie auszuüben, ohne darüber die gute Laune oder den fachlichen Anschluss zu verlieren…
  „Na wie haben Sie die seismische Morgengymnastik unseres Planeten erlebt? Das waren ja immerhin Stöße bis 4,5.“
  „Ehrlich gesagt, mich beschäftigt immer noch, dass ich so ein Schisser gewesen bin. Es war so, als habe ganz L.A. einfach weitergeschlafen. Während ich mir vor lauter Angst noch nicht einmal die Zähne geputzt, geschweige denn  eine Dusche genommen habe.“
  „Glauben Sie nur nicht die Leute entlang des St. Andreas-Grabens oder des San Fernando Valleys hätten keine Angst. Nur, die Bedrohung wächst von Jahr zu Jahr und ist somit gewissermaßen alltäglich geworden. Jeder weiß, dass es beim Big Bang nur Gott und den Zufall gibt, wenn es ums Überleben geht.“
  Norma Culver ergänzte:
  „Das gilt für diese Gegend hier übrigens genauso, nur dass sie eben nicht so dicht besiedelt ist. Die Touristiker in diesem Teil Montanas haben viel investiert und halb Hollywood hat sich hier unterm Big Sky angesiedelt. Wenn die Stars nur ahnten, dass sie vom Regen in die Traufe übersiedelt sind, käme es hier zum totalen Zusammenbruch des Immobilienmarktes. Unsere fortlaufenden Studien ergeben einen sich für geologische Maßstäbe rapide ausdehnenden Eruptions-Zirkel, eine ‚Caldera’, unter dem Nordostrand des Yellowstone – also genau hier an der Grenze zwischen Montana und Wyoming. Jetzt kann man den Deckel nachrichtenmäßig noch einigermaßen auf dem Kessel halten, aber in spätestens zehn Jahren werden sich die wissenschaftlichen Prognosen und Warnungen überschlagen. Hier könnte es zu einer Magma-Explosion kommen, die das Erdklima und damit unseren gesamten Planten nachhaltig verändert…“

  Als Johannes zwei Tage später aufbrach, um seinen Auftraggeber zwecks zu leistender Anzahlungen und Vertragsunterzeichnungen in Calgary, im kanadischen Alberta, vom Flughafen abzuholen, packte ihn in den unheimlichen Weiten ein Einsamkeitsgefühl in bis dahin nie erlebter Stärke. Manchmal verging auf dem sechsspurigen Highway mehr als eine Viertelstunde bis er mal wieder ein anderes Fahrzeug zu Gesicht  bekam. Und noch etwas nagte in seinen Eingeweiden, als hätte er für eine Prüfung nicht genug gelernt: Die Gewissheit, dass er irgendetwas in den letzten Tagen überhört, nicht richtig gewichtet oder anders eingeordnet hatte, als es notwendig gewesen wäre.
   Erst als der erwartete Verlagsmanager nicht am Gate auftauchte, hallten die Worte von „Raffzahn“ Rafferson in ihm nach. ‚Er mache sich zum Affen für einen Kunden, der schon längst ohne ihn plane’. Seine Paranoia stieß sich mit Macht vom Boden des Bassins der Behaglichkeit ab, wo sie sich platt gemacht hatte wie eine Flunder und jagte wie ein Hecht an die Oberfläche. Was hatten die gewusst? War diese Reise ein Ablenkungsmanöver in einem Fait-à-complit gewesen? Er saß auf einem Berg von Vorlaufkosten und er war im ehemals wilden Westen – also nahm er symbolisch das Messer zwischen die Zähne und benützte mit einem gewissen höhnischen Grimm das Firstclass-Roundticket, um am nächsten Morgen wieder daheim zu sein. Dies waren die Momente, in denen Johannes immer am besten funktionierte…
  Während er in den Weiten Montanas über die bedrohlich wachsende „Caldera“ unter dem Yellowstone Nationalpark nachgedacht hatte, waren die tektonischen Platten der bundesdeutschen Medienlandschaft zunächst unmerklich und dann immer schneller in Bewegung geraten.
  War es wirklich der Geschäftsführer der zum Konzern gehörenden Druckerei gewesen, der dessen Untergang eingeleitet hatte, oder war es ein Masterplan nach dem dies alles passierte. Der Mann war spurlos mit mehreren Millionen verschwunden und ein Jahr später war ihm das ganze Geschäftsgeflecht, das sich immerhin mit seinen Umsätzen in den Top-Ten befunden hatte, in diese Spurlosigkeit gefolgt. Es sollte vier Jahre, sieben Monate und 21 Tage dauern, bis Johannes entkräftet aufgab, seine Außenstände einzuklagen. Zwar hatten alle Gerichte die Berechtigung seiner Forderung sofort erkannt, aber im Streit um die jeweilige Zuständigkeit derart lange verharrt, dass am Ende nur noch eine einzige Landesbank als mögliche Rechtsnachfolgerin auszumachen war. Die kündigte aber auch gleich an, schon aus Prinzip nicht vor einem BGH-Urteil zu zahlen…
  Natürlich hatte Johannes sofort als der Karren in den Dreck steuerte, mit den Amerikanern Kontakt aufgenommen. Aber als Pete nicht wie angekündigt kam und zwei Brüderpaare in den Folgejahren aus dem Nichts mit explosionsartig wachsenden Aktiengesellschaften den Rechtehandel begannen, der überwiegend aus überbewerteter Luft bestand, war Johannes klar, dass die amerikanischen Netzwerker sich für weniger zaudernde und jüngere Kandidaten entschieden hatten.
  Johannes nahm mit Erstaunen aber ohne Genugtuung Insiderinformationen zur Kenntnis, nachdem Banken auch den Untergang des eigentlich als unantastbar geltenden Medienmoguls Leo Kirch bereits initiiert hatten, und dass nach dem Ende des Jahrtausends offenbar unterschätzte Witwen mit cleveren Beraterstäben über zwei Drittel der deutschen Medienlandschaft herrschten. Gleichzeitig verloren viele Freunde, die mit den Aktien der „neuen Märkte“ jongliert hatten, große Teile ihres Vermögens. Johannes hatte hingegen wieder einmal große Teile seines Betätigungsfeldes verloren.
   Der Autoren-Journalismus war tot. Die Printmedien dümpelten dem baldigen Verfall entgegen, aber Fernsehen, Netzwerke und Telekommunikation boomten. Dieser Drang mit allem in die Öffentlichkeit zu treten, wenn es nur obskur, pervers oder absurd genug war, generierte so viele Opfer, denen geholfen werden musste.
   Johannes machte sich ein Jahr nach seinem fünfzigsten Geburtstag und erheblich angeschlagen  noch einmal daran, sein berufliches Leben neu auszurichten. Gerade glaubte er, es noch einmal schaffen zu können, da rasten die von Islamisten entführten Flugzeuge in die „Tempel der Habgier“…










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