Samstag, 17. August 2013

Edda

Johannes hatte geklopft. In den paar Sekunden, in denen er auf Antwort wartete, wurde ihm auf einmal klar, dass die Zeit der Prüfungen noch immer nicht vorbei war. Dass die Hoffnung, er hätte jetzt tatsächlich unbeschadet ins Leben der Erwachsenen eintreten können, eine Illusion war.

Das herrische „Heerrrreinnnn!“ hätte er für diese Erkenntnis gar nicht mehr benötigt.

Edda Gehring Personal-Planung stand an der Tür.

„Ah, der Herr Schreiberling!“, erkannte die robuste, ziemlich blondierte  Frau im weißen Kittel ohne Schwierigkeiten.  Er war ja - wie immer in seinem Leben – pünktlich zu dem Termin erschienen.
Sie ließ ihn vor dem Schreibtisch stehen.
„Dienstbuch und Fragebogen bitte!“
Kein Grüß Gott, keine überflüssige Floskel.
„Na gut, Sie sind Heimschläfer. Da bleibt es uns wenigstens erspart, ständig Ihre voll gewichste Bettwäsche wechseln zu müssen.“
Die Miene von Johannes verhärtete sich. In den vergangenen drei Jahren hatten sich die verschiedensten Vorgesetzten bemüht, ihre Machtansprüche an ihm ab zu arbeiten.
„Wir nennen uns hier beim Vornamen. Johannes ist ein bisschen unglücklich bei Ihrer dicken Nase.“
Sie kicherte in sich hinein: „ An der Nase des Mannes erkennt man seinen Johannes – Sie wissen schon.“
Johannes rührte sich nicht, verzog sein Gesicht  trotz schlimmster Befürchtungen um keinen Millimeter.
„Wir nennen Sie Herr Hannes – einverstanden?
„Nein, ganz und gar nicht Frau Edda!“
Sie schien den Anfang seiner Antwort nicht gehört zu haben, denn sie entgegnete sehr bestimmt:
„Ich bin natürlich Frau Gehring für Sie.“
Sie hatte sich aus ihrem Sessel hoch gewuchtet, als könne sie ihn mit ihrer stämmigen, rundlichen Figur und ihrem böse vorgerückten Doppelkinn beeindrucken. Sie war aber doch gute dreißig Zentimeter kleiner als er. Nicht, um sie einzuschüchtern, sondern um seinen Standpunkt klar zu machen, war er nah an den Schreibtisch heran getreten:
„Jemanden seien Namen zu nehmen, heißt, ihm seine Ehre zu nehmen!  Das stammt aus dem Handbuch der Unterdrücker! Wollen Sie mir meine Ehre nehmen Frau Gehring? Da lassen wir es doch besser bei Johannes Goerz. Einverstanden Frau Gehring?“
‚Kein guter Start’ durchzuckte es Johannes, als er sah, wie sie rot anlief.
„Sie bekommen Krieg!“
„Oh, das ist ja fabelhaft, dass Sie einem Zivildienst leistenden Kriegdienst-Verweigerer am ersten Tag  bei Dienstantritt gleich mit Krieg drohen!“
„ Sie werden schnell sehen, dass Sie mit Ihrem Ton hier nicht sehr weit kommen Herr Goerz. Außerdem habe ich Ihnen nicht gedroht, sondern den Namen Ihres Vorgesetzten genannt. Herr Walter Krieg ist unser Chef-Koch. Bei Ihrem Kreuz können Sie ja sicher hart anpacken. Der braucht immer jemanden fürs Grobe...“

Die Küche des Rotkreuz-Krankenhauses war größer als eine Turnhalle. Walter Krieg war anscheinend ein umgänglicher Mann. Jedenfalls rollte er – nur so, dass Johannes es sehen konnte – theatralisch mit den Augen, als die Gehring ihn dem ausgezehrt wirkenden Mann mit ein paar zynischen Bemerkungen zuführte. Wie sich zeigte, sollte er aber mit dem Chef ohnehin nicht viel zu tun haben. Ernst Eder, der zweite Mann in der Hierarchie, der für ihn zuständig sein sollte, hatte schon beim Nennen seines Namens erkennend genickt und nahm ihm bei der Führung durch den Saal, die Wirtschaftsräume und die angrenzende Bäckerei zur Seite:
„Gell, du bist der Goerz, der für den BERGSPORT schreibt. Den habe ich  abonniert. Pass auf! Die Gehring hat dich jetzt schon auf dem Kieker. Sie findet bei der Generaloberin schnell ein offenes Ohr, wenn es um die Zivis geht. Ich muss dich ein paar Wochen im Schichtdienst hart ran nehmen. Bis sie das Interesse verliert. Dann wird es dir hier richtig gut gehen. Essen musst du dir von deinem Sold jedenfalls nicht kaufen. Ich habe schon gesehen, dass die Diät-Assistentinnen  ein Auge auf dich geworfen haben. Die werden dich mit 1A-Vorzugskost verwöhnen, wenn du ihnen auch mal hilfst.“

Dass Johannes die ersten sechs Wochen ohne Schaden überstand, verdankte er zweierlei: Er sah die früh morgendliche Schufterei als Training an, und er lernte in den Katakomben des Krankenhauses Existenzen kennen, denen es viel schlechter erging als ihm. Menschen, die weil sie nicht besonders helle waren, von dem angeblich so gemeinnützigen System des Roten Kreuzes in einer Art und Weise ausgebeutet wurden, die an Versklavung heran reichte.

Am schlimmsten war das frühe Aufstehen. Um mit der Frühschicht seine Arbeit aufzunehmen, musste er um 5Uhr30 in die Puschen kommen. Als er dann bald kapiert hatte, dass er ja nicht frisch gewaschen und hellwach Kartoffel-Körbe füllen und transportieren musste, fuhr er noch bettwarm erst um 10 vor sechs los.

Sechs metallene Körbe mit einem Fassungsvermögen von mehr als einem Zentner mussten im Keller eingeschaufelt  und dann in die Putzküche hinauf transportiert werden. Dort wurden sie von ihm in einen mechanischen Kartoffelschäler gefüllt, der die Erdäpfel so weit vorbereitete, dass die Gemüse-Frauen ihnen nur noch Keimlöcher und Schalenreste abschneiden mussten.

Johannes hatte drei Jahre zuvor am Beginn seiner Lehrzeit im Lager des Verlages den ersten echten Kontakt zu Menschen aus der Arbeiter-Klasse. Er war ihnen offen  - wenn auch mit heimlicher Neugier - entgegen getreten. Er hatte nicht nur von sich, sondern auch von Ihnen mehr Dünkel erwartet. Es gab damals allerdings einen Unterschied. Er war ein Niemand gewesen, der gerade die Schule geschmissen hatte. Hier eilten ihm die ehrfürchtigen Bemerkungen seines Fans Eder voraus. Er bekam mehr Reserviertheit bei den Damen zu spüren, als damals beim gemeinsamen Stapeln von Büchern.

Nach dem Umfüllen  der geschälten Kartoffeln in Bottiche hätte er eigentlich seine erste Pause gehabt, aber er setzte sich dann stattdessen zu den fünf Frauen und half ihnen. Beim Ausstechen und Schnippeln kam er mit ihnen ins Plaudern, und obwohl er ja sehr gerne  über sich sprach, riet ihm sein Instinkt, mehr auf die Sorgen der Damen einzugehen. Dass er sie so behandelte, mal auch ein paar Pralinen vom eigenen Geld mitbrachte, baute das ab, was immer sie trennen mochte. Die meisten Damen – er bestand darauf, sie morgens so zu begrüßen – nutzten den Halbtagsjob, um ein wenig eigenes Geld zu haben, weil die malochenden Männer noch nach dem alten Muster gestrickt waren. Nur eine fiel schon dadurch aus dem Rahmen, dass sie trotz des grauen Kittels eine Grandezza und Würde ausstrahlte und schweigend lauschte, als habe sie zeitlebens gelernt,  jede Unbequemlichkeit durch Elégance zu mildern. Später stellte sich in einem Vieraugen-Gespräch mit Johannes heraus, dass bei aller Härte im Leben der anderen, sie etwas hatte durchmachen  müssen, was wohl  nur durch Kriegsschicksale übertroffen wurde.

Frau Mühlenburg war die Witwe eines der großen Finanzjongleure des Wirtschaftswunders. Er war aufgestiegen mit einem Kredit-Beschaffungssystem, das nur funktionieren konnte, solange keine Weltkrise das Wachstum unterbrach. Die Jahre 1961 mit dem Mauerbau bis 1963 durch Kubakrise und die Reaktionen auf die Ermordung Kennedys hatten dieser Luftnummer eine harte Landung beschert. Herr Mühlenburg hatte sich darauf hin vom Leben verabschiedet und seine Frau mit dem Trümmerhaufen und den drei Kindern - noch im Schulalter - zurück gelassen. Von ihr hörte Johannes erstmals den konfuzianischen Satz, den er später so hassen lernen sollte: Schöne Tage! Nicht weinen, dass sie vorüber, sondern dankbar, dass sie gewesen...

Ja, aber was, wenn es nie schöne Tage geben sollte? Einer der Katakomben-Zombies – er hieß Franticek – hatte ihn adoptiert wie ein Hund sein Herrchen, als er Johannes im Morgengrauen zum ersten Mal mit seinem mehr als 200PS starken, komplett renovierten italienischen Oldtimer auf den Personal-Parkplatz fahren sah. Seither tauchte er plötzlich im Kartoffel-Keller auf und ging ihm mehr oder weniger geschickt zur Hand.
„Wenn ich mal groß bin, dann habe ich auch so eine Auto und fahr in die Heimat!“, sagte er gerne. Die Heimat, das war die Tschechoslowakei gewesen, die seine Eltern mit ihm während des Prager Frühlings verlassen hatten, um ihren Sohn hier heilen zu lassen. Die Tatsache, dass Franticek vermutlich um rund zehn Jahre älter war als Johannes, ließ den Verdacht aufkommen, dass der wohl nie diesem Stadium entwachsen würde. Aber hinter den dicken Brillengläsern des tatsächlich an die zwei Meter heran reichenden „Buben“ leuchtete etwas auf, das Johannes an die Vergangenheit erinnerte: An das liebenswürdige und ohne Falsch lächelnde Gesicht von Schuster Sanders...

Wenn Johannes prophezeit worden wäre, er brächte mal jemanden anderem als sich selbst Anstrengungen des Wohlergehens entgegen, hätte er das wohl nicht geglaubt. Jetzt dachte er, er könne, indem er Franticek Aufmerksamkeit widme, dem verstorbenen Freund aus seiner Kindheit derart etwas zurückgeben.

Einmal pro Woche in der Freistunde der beiden, düste er also mit Franticek in dem offenen Cabrio durch München und auch mal zum Starnberger See. Aber als er mit dem Tschechen die Prinzregenten Straße zum Friedensengel hinauf fuhr, wurde das zu ihrer Standard-Route.
Die Begeisterung des Riesenbabys beim Anblick des goldenen Engels trieb Johannes jedes Mal die Tränen in die Augen.

Womit Johannes nicht rechnete, war, dass die Begeisterung auch in Schilderungen gegenüber anderen Mitmenschen nicht nachließ. Menschen, die Johannes nicht so gewogen waren. Die Anonymität des großen Personal-Parkplatzes war ja durch den mit Fahrzeug-Kennzeichen ausgestatteten Parkschein nur so lange gewährt, wie ein Fahrzeug nicht seinem Halter zugeordnet werden konnte. Unter Vorspiegelung therapeutischer und auch  von Aspekten der betrieblichen Versicherung untersagte Edda Gehring ihm die Ausfahrten und schob eine heimliche Drohung nach:
„Sie haben wohl zuviel Pause – Herr Hannes! Übrigens hat die Generaloberin schon mal nachfragen lassen, welcher der Dottores wohl ein derart lautes Auto führe...“

Und dann kam es wieder mal zu einer dieser glücklichen Fügungen, die den Agnostiker an die Existenz eines höheren Wesens glauben ließ:
Johannes  hatte sich nach Kartoffelschaufeln und -Schälen gerade gemütlich zum Schnippel-Plausch mit seinen Damen gesellt, als Meister Eder herein stürzte:
„Du, Johannes! Wir haben einen Notfall. Unser Kartoffel-Mann hat sich gerade nach einem Streit mit Krieg auf Nimmer Wiedersehen verabschiedet, und bei den Köchinnen sind wir auch unterbesetzt. Das wäre eine gute Gelegenheit mal zu sehen, was aus deinen Kartoffeln im Fortlauf wird. Hier! Zieh dich um!“
Johannes schlüpfte – ohne richtig zu verstehen – aus seinen Jeans  mit dem grauen Kittel in eine karierte Hose und einen weißen Blouson. Eder stülpte ihm eine mohammedanisch anmutende, weiße Mütze auf sein langes Blondhaar und zerrte ihn in die Mitte der riesigen Halle.
„Heute stehe ich dir noch zur Seite, aber morgen schaffst du das bei deiner Intelligenz doch hoffentlich allein – Oder?“
Es war neun Uhr. Um 11 begann die Verteilung des Essens für die verschiedensten Stationen des Krankenhauses auf dem Fließband mit den Wärmetellern. Eder gab Johannes eine durch eine Plastikhülle geschützte Liste in die Hand. Und erklärte ihm die Funktion von Fünf Riesen-Bottichen und vier Rührwerken über die er nun herrschen sollte. In Bottich 1 von der Größe einer alten Badewanne, war bereits eine Knochenbrühe am Köcheln, in der schätzungsweise das Skelett zweier Rinder hinein passte. In Bottich 2 und 3 kochten Kartoffeln, die als Dampf- oder Salzkartoffeln (je nach Diät) an die Patienten gingen. In Bottich 4 und 5 waren die Kartoffeln, die zu Stampf oder Brei weiter verarbeitet werden sollten.
Es stellte sich heraus, dass die fünf Bottiche nicht den Stress verursachten. Denn da musste man entweder nur rechtzeitig für die jeweilige Suppe abklären (Gemüse, Flädle oder Klöße – das machten die Köchinnen) oder die garen Kartoffeln in die Thermo-Behälter umfüllen. Das Problem waren die 250 Portionen verschiedener Stampf und Kartoffelbrei, die pünktlich zum Start des Bandes nun von Johannes erwartet wurden. In den Rührwerken wurden je nach Kost-Plan, Stampf und Brei ohne Salz, Stampf und Brei mit Salz aber ohne Fett, Brei mit Milch und allem, oder für die Patienten Erster Klasse auch mit Butter, Muskat oder gar Sahne bereitet. Das stand alles in Punkto Mengen und Portionen auf der Liste. Was nicht auf der Liste stand, dass Johannes um 11Uhr30 am Ende des Bandes stehen musste, um die Servierwagen mit den Tabletts für die Stationen zu füllen...
Johannes funktionierte. Auch in der Erinnerung fand er später nicht heraus wie. Eder half ihm am Ende, aber er musste gar nicht mehr viel tun. Und dann kam Krieg und probierte. Er sagte nichts, sondern klopfte Johannes nur auf die Schulter.
Das nahm Johannes zum Anlass nach der Essensausgabe in Kriegs Glaskasten vorzusprechen.
„Herr Krieg wie lange soll ich das denn machen?“
„Ja, bis wir jemanden gefunden haben, täglich. Hat doch toll geklappt!“
„Herr Krieg. Ich fange um sechs Uhr mit den Kartoffeln an und wäre dann einschließlich der Arbeit an der Geschirrspül-Straße bis zwei Uhr ununterbrochen an der Arbeit. Dann kommt die Abendschicht am Geschirrspüler dazu. Das wären11 Stunden. Eine klare Überschreitung der Arbeitszeit-Regelung für Zivis!“
Krieg grübelte einen Moment. Er mochte von einer nicht definierten Krankheit ausgezehrt sein, aber sein Gehirn war davon  nicht betroffen:
„Herr Goerz! Sie stehen jetzt als ersten Zivi überhaupt nicht hier in meinem Büro, wenn Sie mir nicht einen sicher dreisten Vorschlag machen wollten.“
„Der Franticek ist jetzt so lange mit mir gelaufen, dass er das mit den Kartoffeln bis zum Schäler ohne weiteres machen kann. Ich fange um neun Uhr an, verarbeite die Kartoffeln, gehe ans Band, werde aber vom Mittagsspülen befreit. Am Abend stehe ich dann wieder am Band bis 18Uhr30. Das sind zwar nur sieben Stunden täglich, aber dafür stehe ich an zwei Wochenenden jeweils nach Absprache zur Verfügung.“
Krieg reichte ihm nur konspirativ grinsend zur Besiegelung des Deals die Hand.

So begann ein gewisser Aufstieg von Franticek aber auch für Johannes in der Krankenhaus-Hierarchie. Was vor allem dadurch deutlich wurde, dass die anderen ihnen sofort Spitznamen verpassten: Franticek war der „Kartoffel-Kobold“, und von Johannes sprachen sie nur als dem „Küchenbullen“…

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen