Johannes hatte geklopft. In den paar Sekunden, in denen er
auf Antwort wartete, wurde ihm auf einmal klar, dass die Zeit der Prüfungen
noch immer nicht vorbei war. Dass die Hoffnung, er hätte jetzt tatsächlich
unbeschadet ins Leben der Erwachsenen eintreten können, eine Illusion war.
Das herrische „Heerrrreinnnn!“ hätte er für diese Erkenntnis
gar nicht mehr benötigt.
Edda Gehring Personal-Planung stand an der
Tür.
„Ah, der Herr Schreiberling!“, erkannte die robuste, ziemlich
blondierte Frau im weißen Kittel ohne
Schwierigkeiten. Er war ja - wie immer
in seinem Leben – pünktlich zu dem Termin erschienen.
Sie ließ ihn vor dem Schreibtisch stehen.
„Dienstbuch und Fragebogen bitte!“
Kein Grüß Gott, keine überflüssige Floskel.
„Na gut, Sie sind Heimschläfer. Da bleibt es uns wenigstens
erspart, ständig Ihre voll gewichste Bettwäsche wechseln zu müssen.“
Die Miene von Johannes verhärtete sich. In den vergangenen
drei Jahren hatten sich die verschiedensten Vorgesetzten bemüht, ihre
Machtansprüche an ihm ab zu arbeiten.
„Wir nennen uns hier beim Vornamen. Johannes ist ein
bisschen unglücklich bei Ihrer dicken Nase.“
Sie kicherte in sich hinein: „ An der Nase des Mannes
erkennt man seinen Johannes – Sie wissen schon.“
Johannes rührte sich nicht, verzog sein Gesicht trotz schlimmster Befürchtungen um keinen
Millimeter.
„Wir nennen Sie Herr Hannes – einverstanden?
„Nein, ganz und gar nicht Frau Edda!“
Sie schien den Anfang seiner Antwort nicht gehört zu haben,
denn sie entgegnete sehr bestimmt:
„Ich bin natürlich Frau Gehring für Sie.“
Sie hatte sich aus ihrem Sessel hoch gewuchtet, als könne
sie ihn mit ihrer stämmigen, rundlichen Figur und ihrem böse vorgerückten
Doppelkinn beeindrucken. Sie war aber doch gute dreißig Zentimeter kleiner als
er. Nicht, um sie einzuschüchtern, sondern um seinen Standpunkt klar zu machen,
war er nah an den Schreibtisch heran getreten:
„Jemanden seien Namen zu nehmen, heißt, ihm seine Ehre zu
nehmen! Das stammt aus dem Handbuch der
Unterdrücker! Wollen Sie mir meine Ehre nehmen Frau Gehring? Da lassen wir es
doch besser bei Johannes Goerz. Einverstanden Frau Gehring?“
‚Kein guter Start’ durchzuckte es Johannes, als er sah, wie
sie rot anlief.
„Sie bekommen Krieg!“
„Oh, das ist ja fabelhaft, dass Sie einem Zivildienst
leistenden Kriegdienst-Verweigerer am ersten Tag bei Dienstantritt gleich mit Krieg drohen!“
„ Sie werden schnell sehen, dass Sie mit Ihrem Ton hier
nicht sehr weit kommen Herr Goerz. Außerdem habe ich Ihnen nicht gedroht,
sondern den Namen Ihres Vorgesetzten genannt. Herr Walter Krieg ist unser
Chef-Koch. Bei Ihrem Kreuz können Sie ja sicher hart anpacken. Der braucht immer
jemanden fürs Grobe...“
Die Küche des Rotkreuz-Krankenhauses war größer als eine
Turnhalle. Walter Krieg war anscheinend ein umgänglicher Mann. Jedenfalls
rollte er – nur so, dass Johannes es sehen konnte – theatralisch mit den Augen,
als die Gehring ihn dem ausgezehrt wirkenden Mann mit ein paar zynischen
Bemerkungen zuführte. Wie sich zeigte, sollte er aber mit dem Chef ohnehin
nicht viel zu tun haben. Ernst Eder, der zweite Mann in der Hierarchie, der für
ihn zuständig sein sollte, hatte schon beim Nennen seines Namens erkennend
genickt und nahm ihm bei der Führung durch den Saal, die Wirtschaftsräume und
die angrenzende Bäckerei zur Seite:
„Gell, du bist der Goerz, der für den BERGSPORT schreibt.
Den habe ich abonniert. Pass auf! Die
Gehring hat dich jetzt schon auf dem Kieker. Sie findet bei der Generaloberin
schnell ein offenes Ohr, wenn es um die Zivis geht. Ich muss dich ein paar
Wochen im Schichtdienst hart ran nehmen. Bis sie das Interesse verliert. Dann
wird es dir hier richtig gut gehen. Essen musst du dir von deinem Sold
jedenfalls nicht kaufen. Ich habe schon gesehen, dass die
Diät-Assistentinnen ein Auge auf dich geworfen
haben. Die werden dich mit 1A-Vorzugskost verwöhnen, wenn du ihnen auch mal
hilfst.“
Dass Johannes die ersten sechs Wochen ohne Schaden
überstand, verdankte er zweierlei: Er sah die früh morgendliche Schufterei als
Training an, und er lernte in den Katakomben des Krankenhauses Existenzen
kennen, denen es viel schlechter erging als ihm. Menschen, die weil sie nicht
besonders helle waren, von dem angeblich so gemeinnützigen System des Roten
Kreuzes in einer Art und Weise ausgebeutet wurden, die an Versklavung heran
reichte.
Am schlimmsten war das frühe Aufstehen. Um mit der
Frühschicht seine Arbeit aufzunehmen, musste er um 5Uhr30 in die Puschen
kommen. Als er dann bald kapiert hatte, dass er ja nicht frisch gewaschen und
hellwach Kartoffel-Körbe füllen und transportieren musste, fuhr er noch
bettwarm erst um 10 vor sechs los.
Sechs metallene Körbe mit einem Fassungsvermögen von mehr
als einem Zentner mussten im Keller eingeschaufelt und dann in die Putzküche hinauf
transportiert werden. Dort wurden sie von ihm in einen mechanischen Kartoffelschäler
gefüllt, der die Erdäpfel so weit vorbereitete, dass die Gemüse-Frauen ihnen
nur noch Keimlöcher und Schalenreste abschneiden mussten.
Johannes hatte drei Jahre zuvor am Beginn seiner Lehrzeit im
Lager des Verlages den ersten echten Kontakt zu Menschen aus der
Arbeiter-Klasse. Er war ihnen offen -
wenn auch mit heimlicher Neugier - entgegen getreten. Er hatte nicht nur von
sich, sondern auch von Ihnen mehr Dünkel erwartet. Es gab damals allerdings
einen Unterschied. Er war ein Niemand gewesen, der gerade die Schule
geschmissen hatte. Hier eilten ihm die ehrfürchtigen Bemerkungen seines Fans
Eder voraus. Er bekam mehr Reserviertheit bei den Damen zu spüren, als damals
beim gemeinsamen Stapeln von Büchern.
Nach dem Umfüllen der
geschälten Kartoffeln in Bottiche hätte er eigentlich seine erste Pause gehabt,
aber er setzte sich dann stattdessen zu den fünf Frauen und half ihnen. Beim
Ausstechen und Schnippeln kam er mit ihnen ins Plaudern, und obwohl er ja sehr
gerne über sich sprach, riet ihm sein
Instinkt, mehr auf die Sorgen der Damen einzugehen. Dass er sie so behandelte,
mal auch ein paar Pralinen vom eigenen Geld mitbrachte, baute das ab, was immer
sie trennen mochte. Die meisten Damen – er bestand darauf, sie morgens so zu
begrüßen – nutzten den Halbtagsjob, um ein wenig eigenes Geld zu haben, weil
die malochenden Männer noch nach dem alten Muster gestrickt waren. Nur eine
fiel schon dadurch aus dem Rahmen, dass sie trotz des grauen Kittels eine
Grandezza und Würde ausstrahlte und schweigend lauschte, als habe sie
zeitlebens gelernt, jede
Unbequemlichkeit durch Elégance zu mildern. Später stellte sich in einem
Vieraugen-Gespräch mit Johannes heraus, dass bei aller Härte im Leben der
anderen, sie etwas hatte durchmachen
müssen, was wohl nur durch
Kriegsschicksale übertroffen wurde.
Frau Mühlenburg war die Witwe eines der großen
Finanzjongleure des Wirtschaftswunders. Er war aufgestiegen mit einem
Kredit-Beschaffungssystem, das nur funktionieren konnte, solange keine
Weltkrise das Wachstum unterbrach. Die Jahre 1961 mit dem Mauerbau bis 1963
durch Kubakrise und die Reaktionen auf die Ermordung Kennedys hatten dieser
Luftnummer eine harte Landung beschert. Herr Mühlenburg hatte sich darauf hin
vom Leben verabschiedet und seine Frau mit dem Trümmerhaufen und den drei
Kindern - noch im Schulalter - zurück gelassen. Von ihr hörte Johannes erstmals
den konfuzianischen Satz, den er später so hassen lernen sollte: Schöne Tage!
Nicht weinen, dass sie vorüber, sondern dankbar, dass sie gewesen...
Ja, aber was, wenn es nie schöne Tage geben sollte? Einer
der Katakomben-Zombies – er hieß Franticek – hatte ihn adoptiert wie ein Hund
sein Herrchen, als er Johannes im Morgengrauen zum ersten Mal mit seinem mehr
als 200PS starken, komplett renovierten italienischen Oldtimer auf den
Personal-Parkplatz fahren sah. Seither tauchte er plötzlich im Kartoffel-Keller
auf und ging ihm mehr oder weniger geschickt zur Hand.
„Wenn ich mal groß bin, dann habe ich auch so eine Auto und
fahr in die Heimat!“, sagte er gerne. Die Heimat, das war die Tschechoslowakei
gewesen, die seine Eltern mit ihm während des Prager Frühlings verlassen
hatten, um ihren Sohn hier heilen zu lassen. Die Tatsache, dass Franticek
vermutlich um rund zehn Jahre älter war als Johannes, ließ den Verdacht
aufkommen, dass der wohl nie diesem Stadium entwachsen würde. Aber hinter den
dicken Brillengläsern des tatsächlich an die zwei Meter heran reichenden
„Buben“ leuchtete etwas auf, das Johannes an die Vergangenheit erinnerte: An
das liebenswürdige und ohne Falsch lächelnde Gesicht von Schuster Sanders...
Wenn Johannes prophezeit worden wäre, er brächte mal
jemanden anderem als sich selbst Anstrengungen des Wohlergehens entgegen, hätte
er das wohl nicht geglaubt. Jetzt dachte er, er könne, indem er Franticek
Aufmerksamkeit widme, dem verstorbenen Freund aus seiner Kindheit derart etwas
zurückgeben.
Einmal pro Woche in der Freistunde der beiden, düste er also
mit Franticek in dem offenen Cabrio durch München und auch mal zum Starnberger
See. Aber als er mit dem Tschechen die Prinzregenten Straße zum Friedensengel
hinauf fuhr, wurde das zu ihrer Standard-Route.
Die Begeisterung des Riesenbabys beim Anblick des goldenen
Engels trieb Johannes jedes Mal die Tränen in die Augen.
Womit Johannes nicht rechnete, war, dass die Begeisterung
auch in Schilderungen gegenüber anderen Mitmenschen nicht nachließ. Menschen,
die Johannes nicht so gewogen waren. Die Anonymität des großen
Personal-Parkplatzes war ja durch den mit Fahrzeug-Kennzeichen ausgestatteten
Parkschein nur so lange gewährt, wie ein Fahrzeug nicht seinem Halter
zugeordnet werden konnte. Unter Vorspiegelung therapeutischer und auch von Aspekten der betrieblichen Versicherung
untersagte Edda Gehring ihm die Ausfahrten und schob eine heimliche Drohung
nach:
„Sie haben wohl zuviel Pause – Herr Hannes! Übrigens hat die
Generaloberin schon mal nachfragen lassen, welcher der Dottores wohl ein derart
lautes Auto führe...“
Und dann kam es wieder mal zu einer dieser glücklichen
Fügungen, die den Agnostiker an die Existenz eines höheren Wesens glauben ließ:
Johannes hatte sich
nach Kartoffelschaufeln und -Schälen gerade gemütlich zum Schnippel-Plausch
mit seinen Damen gesellt, als Meister Eder herein stürzte:
„Du, Johannes! Wir haben einen Notfall. Unser Kartoffel-Mann
hat sich gerade nach einem Streit mit Krieg auf Nimmer Wiedersehen
verabschiedet, und bei den Köchinnen sind wir auch unterbesetzt. Das wäre eine
gute Gelegenheit mal zu sehen, was aus deinen Kartoffeln im Fortlauf wird.
Hier! Zieh dich um!“
Johannes schlüpfte – ohne richtig zu verstehen – aus seinen
Jeans mit dem grauen Kittel in eine
karierte Hose und einen weißen Blouson. Eder stülpte ihm eine mohammedanisch
anmutende, weiße Mütze auf sein langes Blondhaar und zerrte ihn in die Mitte
der riesigen Halle.
„Heute stehe ich dir noch zur Seite, aber morgen schaffst du
das bei deiner Intelligenz doch hoffentlich allein – Oder?“
Es war neun Uhr. Um 11 begann die Verteilung des Essens für
die verschiedensten Stationen des Krankenhauses auf dem Fließband mit den Wärmetellern.
Eder gab Johannes eine durch eine Plastikhülle geschützte Liste in die Hand.
Und erklärte ihm die Funktion von Fünf Riesen-Bottichen und vier Rührwerken
über die er nun herrschen sollte. In Bottich 1 von der Größe einer alten
Badewanne, war bereits eine Knochenbrühe am Köcheln, in der schätzungsweise das
Skelett zweier Rinder hinein passte. In Bottich 2 und 3 kochten Kartoffeln, die
als Dampf- oder Salzkartoffeln (je nach Diät) an die Patienten gingen. In
Bottich 4 und 5 waren die Kartoffeln, die zu Stampf oder Brei weiter
verarbeitet werden sollten.
Es stellte sich heraus, dass die fünf Bottiche nicht den
Stress verursachten. Denn da musste man entweder nur rechtzeitig für die
jeweilige Suppe abklären (Gemüse, Flädle oder Klöße – das machten die Köchinnen)
oder die garen Kartoffeln in die Thermo-Behälter umfüllen. Das Problem waren
die 250 Portionen verschiedener Stampf und Kartoffelbrei, die pünktlich zum
Start des Bandes nun von Johannes erwartet wurden. In den Rührwerken wurden je
nach Kost-Plan, Stampf und Brei ohne Salz, Stampf und Brei mit Salz aber ohne
Fett, Brei mit Milch und allem, oder für die Patienten Erster Klasse auch mit
Butter, Muskat oder gar Sahne bereitet. Das stand alles in Punkto Mengen und
Portionen auf der Liste. Was nicht auf der Liste stand, dass Johannes um
11Uhr30 am Ende des Bandes stehen musste, um die Servierwagen mit den Tabletts
für die Stationen zu füllen...
Johannes funktionierte. Auch in der Erinnerung fand er
später nicht heraus wie. Eder half ihm am Ende, aber er musste gar nicht mehr
viel tun. Und dann kam Krieg und probierte. Er sagte nichts, sondern klopfte
Johannes nur auf die Schulter.
Das nahm Johannes zum Anlass nach der Essensausgabe in
Kriegs Glaskasten vorzusprechen.
„Herr Krieg wie lange soll ich das denn machen?“
„Ja, bis wir jemanden gefunden haben, täglich. Hat doch toll
geklappt!“
„Herr Krieg. Ich fange um sechs Uhr mit den Kartoffeln an
und wäre dann einschließlich der Arbeit an der Geschirrspül-Straße bis zwei Uhr
ununterbrochen an der Arbeit. Dann kommt die Abendschicht am Geschirrspüler
dazu. Das wären11 Stunden. Eine klare Überschreitung der Arbeitszeit-Regelung
für Zivis!“
Krieg grübelte einen Moment. Er mochte von einer nicht
definierten Krankheit ausgezehrt sein, aber sein Gehirn war davon nicht betroffen:
„Herr Goerz! Sie stehen jetzt als ersten Zivi überhaupt
nicht hier in meinem Büro, wenn Sie mir nicht einen sicher dreisten Vorschlag
machen wollten.“
„Der Franticek ist jetzt so lange mit mir gelaufen, dass er
das mit den Kartoffeln bis zum Schäler ohne weiteres machen kann. Ich fange um
neun Uhr an, verarbeite die Kartoffeln, gehe ans Band, werde aber vom
Mittagsspülen befreit. Am Abend stehe ich dann wieder am Band bis 18Uhr30. Das
sind zwar nur sieben Stunden täglich, aber dafür stehe ich an zwei Wochenenden
jeweils nach Absprache zur Verfügung.“
Krieg reichte ihm nur konspirativ grinsend zur Besiegelung
des Deals die Hand.
So begann ein gewisser Aufstieg von Franticek aber auch für
Johannes in der Krankenhaus-Hierarchie. Was vor allem dadurch deutlich wurde,
dass die anderen ihnen sofort Spitznamen verpassten: Franticek war der „Kartoffel-Kobold“,
und von Johannes sprachen sie nur als dem „Küchenbullen“…
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