Der Vater von Johannes konnte bis ein Jahr vor seinem Tod noch seine tägliche Wanderung machen. Nicht mehr die steile Rampe zu einer Hochalm hinauf, wo er einen weiten Blick auf das Karwendel hatte und dabei ein Bier trinken konnte, aber in der welligen Tallandschaft und entlang der Isar war er doch noch mitunter bis zu einer Stunde und länger unterwegs. Der rund zehn Jahre jüngeren, schwergewichtigen Rita, die jedoch seine zunehmenden Irritationen bei alltäglichen Verrichtungen registrierte, war das gar nicht recht. Wenn nicht jemand mitging, konnte sie den Kindern und Enkeln, die zu Besuch kamen, mit ihrer stets im gleichen Jammerton geäußerten Besorgnis, den Aufenthalt auf dem Land zur Tortur machen.
Seine Schwester Vera nahm das dann regelmäßig zum Anlass über ihre Mutter herzufallen. Sie wolle, weil sie selbst zu träge sei, dem Vater seinen letzten Zipfel Freiheit rauben. Für die neun Jahre ältere Ulla, die ihrem Vater stets als Erstgeborene am nächsten stand und eine leidenschaftliche Geherin war, bot sich durch die Wanderungen eine Auszeit von ihrer Familie. Aber auch sie, die ein forscheres Tempo bevorzugte, kam mitunter frustriert zurück und verkündete mit sotto voce außerhalb seines Hörbereichs, der Vater tapere doch jetzt schon "ganz schön schlimm" einher. Für Johannes, dem spazieren Gehen wegen der geringen "action" von jeher ein Graus war, stellte das "Begleit-Kommando" schlichtweg die Höchststrafe dar, zumal ja noch der wesentlich schnellere und schlecht erzogene, zum Wildern neigende Dackel mit beaufsichtigt werden musste.
Er mochte vielleicht nicht mehr rüstig ausschreiten, aber der Vater hatte beim Gehen immer noch genügend Atem und einen durch die Sauerstoffzufuhr sich offenbar wieder genügend schärfenden Verstand, um Johannes grundsätzliche Themen im Stil vergangener Tage ihrer "Männerwirtschaft" aufzunötigen. Einmal inmitten der Weiden mit wiederkäuenden Kühen und lästigen Bremsen hatte er dann plötzlich das gewiss nicht enge Themenfeld Sex, Liebe, Ehe und Treue beim Wickel. Beide - unausgesprochen zwar - wussten voneinander, dass sie hier keine moralischen Instanzen waren. Deshalb konnte Johannes es nicht fassen, als der Vater mit vorwurfsvollem Ton sagte:
"Ich habe dir ja vieles durchgehen lassen, aber das mit der Nutte und der roten Mütze, das habe ich dir bis heute nicht verziehen."
"Pappi! Das ist doch wohl nicht dein Ernst. Das ist bald 25 Jahre her. Da war ich ein Teenager!"
"Die Mütze war ein Geschenk von mir, und du gibst sie diesem Pipi-Mädchen!"
Im Zustand eines erregten Gemütes hatte sein kultivierter Vater oft überraschende Vokabeln auf Lager, aber die mennonitische Moral, die aus diesem Vorwurf sprach, war so doppelbödig, dass es Johannes schier den Atem verschlug.
Statt mit einem Wort auf diesen Anfall von offensichtlichem Altersstarrsinn einzugehen, ließ Johannes den alten Mann einfach stehen - das Elternhaus war ja schon in Sichtweite - und jagte den dämlichen Dackel übers Feld. Was war denn das jetzt für eine Gemütsblähung gewesen?
Im Sommer 1965 - es war die letzte Reise mit und unter Obhut beider Eltern, aber ohne die Schwestern - hatten sie eine Frankreich-Rundreise gemacht. Noch in der Erinnerung vermochte Johannes die physische und psychische Enge dieser Reise zu spüren. Obwohl sie sich vorher einen Reiseplan zurechtgelegt hatten, der jeder Interessenslage gerecht werden sollte. Die Eltern waren mit dem spätpubertierenden, rauchenden Riesen auf der Rückbank des Ford 17M (genannt die Badewanne) einfach überfordert. Johannes stand voll im Saft und wollte es jetzt endlich wissen. Dr. Mausele hatte ihn gewarnt, sich trotz oder gerade wegen der Pille nicht auf ungeschützten Sex einzulassen und ihm ein Päckchen Präservative mitgegeben. Die steckten gewissermaßen wie ein Vollstreckungsbefehl in seiner Brieftasche. Aber wie bitteschön hätte er paarungsbereite Mädchen treffen sollen, wenn sie in der "Kulturwoche" von einer Kathedrale zur anderen steuerten und mindestens die Hälfte der Loire-Schlösser abhakten...?
Wegen jeder Kleinigkeit gab es Streit. Denn in der zweiten, der "Strandwoche", die sie aus alter Tradition an der Côte d'Azur verbrachten, fühlte sich nun sein Vater fehl am Platz.
Das Verhängnis begann in Saint Tropez, das gerade seinen Aufstieg vom romantischen Fischerdörfchen der Fünfziger zum Jetset-Spot der Sechziger vollzogen hatte. Für seinen Vater, der hier vor, während und nach dem Krieg "avec les tantes", die unverfälschte Atmosphäre und möglicher Weise auch l'Amour genossen hatte, war es, als hätte er einen lieben Freund zu Grabe getragen. Am Hafen hatte der eigentlich zu unrecht als Playboy bezeichnete Gunther Sachs seine erste von späteren 300 Micmac-Boutiquen eröffnet... Und ja, es gab eine Zeit, da fühlte sich die heranwachsende männliche Jugend Europas dazu genötigt, eine Mischung aus Schaffner- und Schulmütze auf dem Kopf zu tragen, um dazu zu gehören. Wohl gemerkt, es handelte sich nicht um die traditionelle "Prinz-Heinrich-Mütze", die Kanzler Helmut Schmidt später auch offiziell zu tragen pflegte, sondern um eine Designer-Kopfbedeckung. Klar, dass eine von Micmac Johannes' Status nur heben konnte. Sie hätte natürlich blau sein sollen. Aber es war Hochsaison, und eine, die Johannes richtig passte, gab es nur noch in rot. Auf dem halblangen blonden Beatles-Haarschnitt, den Johannes trug, sah das gar nicht mal schlecht aus, aber es entsprach einfach nicht dem Kodex. Also verließen sie die Boutique unverrichteter Dinge. Johannes war hingegen längst nicht so traurig und enttäuscht, wie sein Vater das annahm.
Dann passierte eine Verquickung unglücklicher Umstände. Weil er Geldscheine als krümelige Papierknäuel in den Tiefen seiner Hosentaschen nur allzu oft verschlampte, hatte Rita ihren Mann schon gleich zu Beginn des Wirtschaftswunders quasi zwangsenteignet. Der Mann der Bundesvermögen in Milliardenhöhe zu verwalten hatte und das offenbar tadellos tat, bekam Geld nur auf Anfrage und in überschaubaren Größenordnungen zugeteilt. An diesem Vormittag hatte er offenbar vom Einkaufen, das ihm wegen seines akzentfreien, fließenden Französisch automatisch zufiel, einen 100Franc-Schein übrig behalten. Es ist anzunehmen, dass er ihn, als er unbemerkt in die Boutique zurückgekehrt war, eindrucksvoll unter einer immer noch leicht glimmenden Pfeife, aufgelesenen Knöpfen, Gummibändern und Quittungen aus der Hose hervorkramte, um dafür - erstmals und einmalig in ihrer Beziehung - seinem Sohn mit dieser roten Mütze ein persönliches Geschenk zu machen. Doch dieser wusste diese Geste einfach nicht zu schätzen.
Mit geheucheltem Enthusiasmus trug Johannes, die ein wenig schwul aussehende Mütze. Er hatte zufällig ein Leinen-Hemd in der gleichen Farbe. Das passte gut, verstärkte den "halbseidenen" Eindruck aber noch.
Dann standen mit Nimes, Arles, Avignon und Carcassonne wieder Kulturgüter auf dem Fahrplan, bei denen nicht auffiel, dass er die Mütze jedes Mal für die Besichtigungen im Auto ließ. Sie kam erst dann wieder zu Ehren, als sie das Hauszelt an einem FKK-Strand bei Mimizan an der Côte d'Argent zur zweiten "Strandwoche" aufschlugen.
Doch am Atlantik fühlte sich Johannes ganz anders als damals als kleiner Junge an der Ostsee. Er, der als Knabe tagelang ohne Kleider herumlaufen konnte, hatte auf einmal Probleme mit seiner Nacktheit. Er genierte sich, obwohl er sich mehr als sehen lassen konnte. Die Unbefangenheit gegenüber dem weiblichen Geschlecht, das sich ja ebenfalls im paradiesischen Zustand präsentierte, war verschwunden. Das waren eben keine kleinen Mädchen wie Christiane damals, sondern selbstbewusste, reife Frauen, wie die mit denen er Ringtennis gespielt hatte. Nur, jetzt wusste er eben bescheid, was die spöttischen Bemerkungen damals zu bedeuten hatten. Er zog es also zunächst vor, seine Scham in der Nähe des Zeltes bedeckt zu halten.
Die wuchtige britische Zeltnachbarin (Johannes Vater hatte eine Schwäche für diesen Frauentyp), mit ihren drei kleinen sonnenverbrannten Kindern wollte das aber nicht zulassen. Sie suchte Anschluss und schleppte die gesamte Familie Goerz zu den Strandaktivitäten, sobald sie herausgefunden hatte, dass ihre sprachliche Isolation durch deren Englischkenntnisse beendet war.
Es gibt ja dieses Anfänger-Theorem, nach der die beherrschende Unsicherheit exakt zu Situationen führt, die gerade vermieden werden sollten. Wie der Ski-Novize, der erstarrt auf den einzigen Baum außerhalb des Idiotenhügels zusteuert, wie der geworfene Basketball, der den Korb verfehlt und dafür in einem Fenster landet, so geriet Johannes bei seinem ersten Strandbesuch „unten ohne“ in ein Minenfeld des sexuellen Verlangens. Er war auf dem Weg zum "Abkühlen" in die Brandung als aus einer Sandmulde Mädchen nach ihm riefen und ihn zu sich herwinkten. Johannes, der die rote Mütze vielleicht nicht gegen die Sonne, sondern trug, um möglicher Weise von seiner übrigen Blöße abzulenken, musste vor Peinlichkeit die Farbe seiner Kopfbedeckung angenommen haben. Er stakste verlegen auf das Nest voller Glucken in spe zu.
"Eh, Chaperon Rouge comme es tu grand!", sagte eine dralle Schwarzhaarige, die aussah wie eine Zigeunerin und offenbar die Rädelsführerin bei dem Versuch war, ihn in Verlegenheit zu bringen. Denn ihre Augen hafteten bei der Rotkäppchen-Anspielung übertrieben schamlos starr zwischen den Beinen von Johannes. Was bei den Genossinnen ein anzügliches Riesengelächter auslöste, weil denen zuerst klar war, auf welches Rotkäppchen sie anspielte. Johannes musste erst im Kopf übersetzen, dass sie wohl keinesfalls die rote Mütze meinte, die er auf dem Kopf trug. Aber wie immer in verzwickten Situationen ließ ihn auch diesmal seine Schlagfertigkeit nicht im Stich:
"Pas encore ma petite!" Was wiederum das Gelächter auf seine Seite brachte.
Er wurde eingeladen, bei dem "piquenique" der Mädchen mitzumachen. Sie waren allesamt Schülerinnen einer Berufsschule aus Bordeaux. Georgette, die "Zigeunerin", war kaufmännischer Lehrling in einem Schuhgeschäft, was Johannes dazu brachte, nach dem dritten Kriter aus einem Campingbecher zu trällern:
"Mein Mädel ist nur Verkäuferin in einem Schuhgeschäft für 20 Franc Salär pro Woche..."
Es wurde ein total entspannter Strandtag, bei der die Nacktheit in totale Vergessenheit geriet, obwohl deutlich eine klischeehafte "knisternde erotische Spannung" bestand. Keines der Mädchen war eine echte Schönheit. Die, die den Kriter aus der heimischen Kellerei in St. Emilion mitgebracht hatte, hieß Criquet und war der typische französische Kumpeltyp, klein, drahtig, ohne Brüste und Hintern. Die modische Kurzhaar-Frisur a la Francoise Sagan ließ sie wie einen Jungen ohne Schwanz wirken, und so führte sie sich in der Brandung auch auf. Marguerite war körperlich eine statuarische Schönheit, aber ihr Gesicht strahlte eine Abwehrhaltung aus, die Johannes damals nur instinktiv wahrnahm. Später wäre ihm auf Anhieb klar geworden, dass dieser Kopf zu einer Frau passte, die sich aus Männern nichts machte. Anne war die Intellektuelle. Sie lernte in einer Buchhandlung und war der Typ aus besserem Hause, der die Nähe der anderen wohl aus einer gewissen arroganten Neugier heraus suchte.
Georgette hingegen war die natürliche Kokotte. Ihr kugeliger, überall ein Stück zu üppig ausgestatteter Körper, jede Bewegung, jede Geste, jeder Blick aus den Augenwinkeln - ja selbst ihr Geruch war auf den Reiz von Urinstinkten ausgerichtet. Eine Venusfalle, die den flatternden Johannes längst schon festgeklebt hatte.
Da alle vier wohl zwei, drei Jahre älter waren als er, hatte sich Johannes als älter ausgegeben. Den Fehler, wie noch im vergangenen Jahr in San Angelo auf Ischia, würde er nicht noch einmal machen. Damals hatte er total naiv den Nachmittag mit einer wunderschönen Italienerin um die 30 verbracht, die ihn auf ihr Riva-Boot und später zum Abendessen eingeladen hatte. Irgendwann hatte sie dann nach seinem Alter gefragt, und er hatte ebenso wahrheitsgemäß wie arglos geantwortet. La Signora hatte darauf hin gar nicht schnell genug zahlen und aufstehen können. Eine peinliche Situation.
Natürlich gingen Georgette und er nicht zum Tanzen mit den anderen in die Strandbar - obwohl Johannes dies seinen Eltern als Begründung für den Verzicht auf ein opulentes Abendessen im Restaurant plausibel gemacht hatte.
Georgette hatte routiniert aus der Sandmulde vom Tage ein mit Decken, Handtüchern und Bastmatten ausgepolstertes Liebesnest gemacht. Sie hatten Treibholz für ein kleines Feuer gesammelt - obwohl es warm genug war, und Georgette hatte Baguette, Brie und einen Bordeaux mitgebracht, der keiner der später vom Weinexperten Johannes Goerz verkostetem Haute Médoc Kreszenzen im Fluidum nachstand. Alles hatte seine Zeit. Weil Georgette offenbar eindeutig wusste, was sie wollte, war Johannes überhaupt kein bisschen aufgeregt. Er führte das später darauf zurück, dass von vornherein klar war, es würde nur um Lust am Sex gehen. Den Begriff One-Night-Stand hätte möglicher Weise nach dieser Nacht exemplarisch erfunden werden können.
Zu diesem Zeitpunkt war Johannes streng genommen keine "Jungfrau" mehr. Er hatte den unsäglichen, am Rande der Nötigung vollzogenen und wegen seines Alters durchaus justitiablen Geschlechtsvorgang mit der Mutter seiner ersten Liebe aber als "Rohrkrepierer" erfolgreich verdrängt. Theoretisch war er sowieso überqualifiziert. Während seiner grenzenlosen Leseorgien hatte er unter anderem auch das versteckte Erotik-Lexikon im Schlafzimmer seiner Eltern in jedweder Hinsicht konsumiert. Die durchnummerierten Stellungen des Kamasutra waren ihm vertrauter als die Infinitesimalrechnung. Er kannte den Unterschied zwischen Fellatio und Cunilingus. Aber dass die Wirklichkeit so viel aufregender und sinnlicher war, war wohl eher der Tatsache zuzuschreiben, dass Georgette ihre Kenntnisse eben nicht in Form von Lesestoff erworben hatte. Herrliche, jugendliche Ausdauer.
Als sie am nächsten Tag schon das Zelt zusammengeräumt hatten, kam Georgette, um sich zu verabschieden. Sie flüsterte Johannes etwas offensichtlich Intimes ins Ohr und ließ den Worten ein spitzes Züngeln folgen. Dem feindseligen Blick des Vaters konterte sie mit dem wissenden Blick einer um Jahre reiferen Frau und einem Lächeln, dass jede Deutung zuließ. Wäre Rita nicht beim Zahlen gewesen - sie hätte sich vermutlich wieder einmal ernsthafte Sorgen um ihren Sohn gemacht.
Der Zeitzünder-Eklat kam dann vor der Notre Dame de la Grande in Poitiers. Auch für den Agnostiker Johannes ein überzeugendes Beispiel spätromanischer Baukunst - aber es war die dreißigste (+/- ?) sehenswerte Kirche dieser Reise. Johannes wollte nicht mit rein. Was die rote Mütze aufs Tapet brachte, deren Fehlen seinem Vater aufgefallen war. Johannes hätte natürlich vorgeben können, er habe sie verloren, aber sein Temperament wollte den Streit:
"Georgette hatte mich um ein Andenken an diese tolle Nacht gebeten. Ich habe sie ihr geschenkt."
Es folgte wieder einmal eine Zeit, in der sich die beiden gründlich an- und ausschwiegen.
Wieder zurück aus den Erinnerungen war Johannes so voller Wut, dass er den dämlichen Dackel am liebsten mit einem Fußtritt durchs Gartentor gekickt hätte. Aber genau in diesem Moment kam ihm ein schmerzhaftes Erlebnis mit seinem Sohn Cornelius in Erinnerung.
Es ging vor kurzem um das Thema "mit dem Fahrrad zur Schule fahren". Im Prinzip kein Problem, denn der Weg durch die grüne Vorstadt, in der sie wohnten, führte fast ausschließlich durch verkehrsberuhigte Bereiche. Es war die Zeit, in der das gute alte Fahrrad zu einer Art Gelände-Maschine mutierte. Die Dinger waren ohne Gepäckträger und Schutzbleche, - also völlig ungeeignet für schlechte Tage. Johannes zog einen langjährigen Kollegen, einen Fachjournalisten für eben dieses Thema, zu Rate, und der empfahl ihm ein "Trekking-Bike", das Schutzbleche und einen Anflug von Geländetauglichkeit hatte. Das stand dann unterm Weihnachtsbaum. Cornelius machte trotz der festlichen Stimmung unter Tränen der Enttäuschung ein riesiges Theater. Er habe ein Mountainbike gewollt. Alle Freunde hätten eines, und er würde nie und nimmer mit diesem Rad fahren, da liefe er ja lieber zu Fuß.
Johannes war damals zutiefst, ja in den Grundfesten seiner Sohnesliebe erschüttert, und tatsächlich sollte das Rad ungefahren in der Garage bleiben, bis Cornelius ihm entwachsen war. In dem Moment, wo ihm die Duplizität der Vorgänge klar war, rannte er den Feldweg zurück, seinem tapernden Vater entgegen, den dusseligen Dackel begeistert schwanzwedelnd zwischen den Beinen und Tränen in den Augen. Bei ihm angelangt schloss er seinen Vater in die Arme. Er erinnerte sich an alle Schattenboxkämpfe, an ihre zähen Tischtennis-Duelle an die tollen Tage der "Männerwirtschaft" und nahm gleichzeitig wahr, wie zerbrechlich der einst athletische, stattliche Mann geworden war,
"Pappi! Verzeih! Ich hab's gerade erst kapiert. Kinder sind so egoistisch und grausam. Aber sieh es doch einmal so. Denk an all die alten Kleidungsstücke, die irgendwann sang- und klanglos beim roten Kreuz gelandet sind, weil sie keine Geschichte hatten...Diese rote Mütze wird als Manifest der Mannbarkeit deines Sohnes unsterblich sein."

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen