Dienstag, 30. Juli 2013

Moss

 In Hamburg gab es wahrnehmbar keine jüdischen Mitschüler - zumindest nicht in der Seelmannstraße. Vielleicht wäre das klamme Gefühl des unausgesprochenen Schreckens, das die Heranwachsenden befiel, wenn sie das Wort „Jude“ in den Mund nahmen, dem Willen gewichen, sich auseinanderzusetzen und mehr zu erfahren. Die vornehmen Hanseaten - die gerne von "Menschen mosaischen Glaubens" sprachen - hielten es mit ihren Sprösslingen wie ein späterer Kanzler: Sie nahmen für die Kinder der Täter-Generation "die Gnade der späten Geburt" in Anspruch. Ansonsten wurde verschwiegen, was nicht auszusprechen war - vor allem von denjenigen, die trotz aller Beteuerungen Bescheid gewusst hatten und sich deshalb ob ihrer Ohnmacht unendlich schämten. Ob die Eltern von Johannes in diese Kategorie gehörten, war nie wirklich auszumachen, es war jedoch klar, dass jegliches antisemitische Gedankengut Abscheu bei ihnen erweckte. Das ging allerdings nicht so weit, dass sie einem Onkel, der mit Vorliebe bei Tisch jüdische Witze wie Judenwitze (das ist ein großer Unterschied) erzählte, das Wort verboten.
  Und schon daran wird ein Mechanismus der Verunglimpfung deutlich: Da selbst jüdische Witze von Juden erzählt karikieren, entstand bei dem kleinen Johannes die Vorstellung, bei Juden handele es sich vor allem um komische Menschen, die komisch reden und nur ihr eigenes Wohlergehen im Sinn haben. Die Auseinandersetzung mit der tragischen Vergangenheit war damit im Kinderkopf schon konterkariert.
  Erst ein paar Jahre eigener Wissbegier später und die Tatsache, dass er in München jede Menge jüdischer Mitschüler hatte, rückte sein Bild einigermaßen zurecht. Und er war darauf hin auch begierig, seine Erfahrungen mitzuteilen.
  So wählte er sich in einer Deutsch-Schulaufgabe einmal das Aufsatz-Thema "Wie Vorurteile entstehen". Die Argumentation schien schlüssig, aber dem Deutschlehrer passte sie gar nicht. Er verschanzte sich hinter der mangelhaften Rechtschreibung, um ihm die verdiente gute Note zu verweigern. Die Mechanik, durch Manipulation und Interpretation penetrierender Botschaften Meinung zu machen, hatte Johannes jedenfalls so gut entschlüsselt, dass er sie zu seiner Schande im späteren Leben mit  Profit selbst einsetzte.
  Aber noch war Johannes auf dem Weg zum Gutmenschen - wenn auch gesundheitlich angeschlagen. Die Doppelseitige Lungenentzündung, die ihn 1961 nicht nur schulisch zurückwarf, führte einen Menschen an sein Krankenbett, der mit ihm umging, als hätte der Schuster Will Sanders ihm quasi den Staffelstab posthum übergeben: Dr. Moss Mausele.
  Der alte Johannes kam in seinen durchwachten Nächten nicht daran vorbei, seinen väterlichen Mentor der Pubertätsjahre auch vor dem Hintergrund, der kürzlich entfachten Diskussion über eine "Gesundheitsreform"  zu sehen. Wobei ja der Begriff Gesundheitsreform ihm - dem Sprachpuristen - ohnehin schon sauer aufstieß. Denn tatsächlich hätte es ja um eine "Reform des Gesundheitswesens" gehen müssen. Dafür, dass es mit der Volksgesundheit zum Besten stand, dafür sorgten ja bereits die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen: Der Krankenstand der Werktätigen und Arbeitnehmer war aus Angst um den Arbeitsplatz 2005 auf Niedrigststand gesunken, die Kassenbeiträge jedoch auf den Höchststand geklettert.
  Dr. Mausele war ein praktischer Arzt, der Tag und Nacht Hausbesuche machte. Er war auch noch so "praktisch", dass er neunzig Prozent der Leiden, derentwegen er konsultiert wurde, nicht mit einem Überweisungsschein zum Facharzt kurierte, sondern weil er sich kümmerte und nicht gleich "der Nächste bitte!" rief. Vor allem war Dr. Mausele ein Mensch, der den Faktor Mensch beim Kranksein in eine ganzheitliche Betrachtungsweise einbezog - noch bevor das Jahre später zu einer erstaunlich teuren medizinischen Mode-Erscheinung stilisiert wurde.
  Dr. Mausele war zudem und vor allem Jude. Jude in Deutschland, und das lenkte den Dialog zwischen dem Teenager und seinem Arzt in eine Dimension, die sicher über ein gewöhnliches Verhältnis zwischen Arzt und Patient hinausging.
  Dr. Moses Mausele war dem Holocaust entgangen, weil er - der Hochbegabte - noch vor der "Machtergreifung" als Stipendiat nach Harvard gegangen war. Die Mitglieder seiner Familie und die der Familie seiner Verlobten starben im KZ Dachau. oder gerieten in die Gaskammern und Verbrennungsöfen von Sachsenhausen.
  "Wieso sind Sie zurückgekommen?", fragte ihn Johannes, als er das erfahren hatte.
  "Aus dem gleichen Grund, wieso alle anderen in meiner Familie gestorben sind. Du bist ein evangelischer Deutscher, ich bin ein jüdischer Deutscher. Wir sind beide nicht sonderlich religiös - also bedeutet das vermutlich sogar, dass wir zu allererst Deutsche sind. Ich  bin hier in München, in Schwabing geboren und habe mein Abitur hier gemacht und die ersten Semester studiert. Nie hätte ich geglaubt, dass sich meine Landsleute mal gegen mich wenden würden", antwortete Dr. Mausele mit belegter aber nachdrücklicher Stimme, und er fuhr mit leise lächelnder Melancholie fort:
  "Die Vorurteile, Ressentiments oder Gehässigkeiten - wie immer du sie nennen willst, sind so alt wie das Judentum selbst, und sie sind keine deutsche Erfindung. Bevor ich nach Harvard ging, war ich Nichtschwimmer. Harvard hatte aber auf Wunsch eines Stifters damals als Ritual und Aufnahmebedingung, dass man das Becken der Schwimmhalle durchschwimmen können musste. Es hat in etwa die Länge der Distanz, die ein Mitglied der Stifterfamilie beim Untergang der Titanic trotz Schwimmweste nicht zum Rettungsboot geschafft hatte, weil er Nichtschwimmer war. Ich lernte also extra Schwimmen, und das erzählte ich dem Tutor. Ich weiß, es war zunächst nur ein Witz, als er meinte: ‚Wieso das? Moses! - Du hättest doch das Wasser teilen können.’ Es war aber nur der Anfang. Später verging in unserer exklusiven Fakultät mit einer Reihe jüdischer Kollegen kaum ein Tag, wo über die Tatsache, dass ich Jude bin und Moses heiße, keine Witze gemacht wurden. Deshalb habe ich mich schließlich Moss genannt. Eine Ausnahme gab es nicht. Selbst in der Sanitätseinheit, zu der ich mich freiwillig gemeldet hatte, weil ich helfen wollte, Deutschland zu ‚befreien’, gab es deutlich antisemitische Tendenzen. Das Kuriose, die Männer, die ich als Lieutenant führte, waren überwiegend schwarz oder asiatischer Abstammung."
  Woran es gelegen hatte, dass sie sich beide in der Folge gegenseitig die Herzen ausschütteten? Man weiß es nicht. Die Vermutung liegt nahe, dass Mausele, da unverheiratet, ohne Familie und demzufolge ohne privaten Umgang mit Kindern ein Defizit an pädagogischer Fürsorge  wettmachen wollte. Im  Falle von Johannes schien es umgekehrt völlig klar: Dr. Mausele nahm ihn ernst und hielt ihn nicht - wie sein Vater dies tat - für einen Versager. Nachdem er seinem Arzt die Sache mit dem "Ungeheuer vom Amazonas" anvertraut hatte, und der sich wohl auch gegenüber den Eltern an seine Schweigepflicht gebunden gefühlt hatte, war er zum Vertrauten Nummer Eins von Johannes geworden. Die Zeit der Rekonvaleszenz führte sie ja regelmäßig zusammen. Darüber hinaus jedoch wagte der Knabe keinen Kontakt, weil er die offensichtliche Güte des Mannes nicht ausnützen wollte. Als seine psychischen Probleme zu den ominösen "vegetativen Distonien" führten, hatte er ihn doch mit so einem unvergleichlichen Bild beeindruckt:
  "Johannes, du steckst so voller großer Ideen. Wenn du deine Situation verstehen willst, führe dir einen engen Straßentunnel vor Augen, der voller amerikanischer Straßenkreuzer steht. Das ist deine Seele. Alle Autos wollen auf einmal an das erleuchtet Ende, und deshalb gibt es den Stau. Entweder du machst deine Gedanken kleiner oder du wartest, dass für deine Luxusfahrzeuge der Tunnel verbreitert wird. Wenn du es erzwingen willst, riskierst du überhitzte Motoren oder Blechschäden..."
   Johannes hatte in der Rekonvaleszenz, als er nicht mehr sofort Kopfschmerzen bekam, wenn er die Augen aufmachte, angefangen, Lesestoff in jedweder Form zu verschlingen. Er las die "Süddeutsche" und den "SPIEGEL" von vorne bis hinten und verleibte sich, ohne besondere Vorlieben zu entwickeln, Romane, Biographien, Fach- und Sachbücher ein, als gelte es, den gesamten Wissensstand der Welt in sich zu vereinigen. Er war sicher der Schüler mit der besten Allgemeinbildung in seiner Klasse, aber die war eben kein Schulstoff und somit nicht gefragt. Seine Noten waren so  wechselhaft wie sein Gesundheitszustand. Und dann geschah auch noch Grausames mit seinem Körper.
  Er konnte noch so lange unter der Dusche stehen, er begann trotzdem so zu stinken, dass er es mit sich selbst kaum noch aushielt. In knapp einem halben Jahr legte er zehn Zentimeter Körperlänge zu, aber eine Furunkulose, die gleichzeitig ausbrach, entstellte ihn dermaßen, dass er nur noch gebückt herumlief, als wolle er sich permanent verstecken. Er war wieder zum Außenseiter geworden. Diesmal jedoch zum Außenseiter unter Außenseitern, denn dass es vielen Jungs altersbedingt  in seinem Umfeld exakt genau so erging, nahm er bei seiner Nabelschau nicht wahr. Er war einfach nur unglücklich. So unglücklich wie noch nie in seinem ganzen Leben... Wirklich?
  Er begann, sich daran zu erinnern, wie es damals war, als er schon einmal in so einer Situation gesteckt hatte und entdeckte den Sport wieder. Er legte die Bücher zur Seite und rannte und schwamm, und spielte bis zum Umfallen Fußball oder Tennis. Die Schlaksigkeit seines Körpers wich zunächst einer sehnigen Athletik. Die straffe Haut war über Nacht von Pickeln und Furunkeln befreit. Die Kiekser und Krächzer in seiner Stimme waren verschwunden, und die im Wachstum gedehnten Stimmbänder in seinem Kehlkopf  erzeugten einen schönen Bariton. Die milliardenfach durchlebte und durchlittene Phase der biologischen Mannwerdung, die dennoch jedem Knaben zur individuell zu meisternden Reifetortur gerät, ist natürlich auch für Johannes nicht glimpflicher abgelaufen. Sein Sexualtrieb schien zwar moderater ausgeprägt zu sein als bei seinen Altersgenossen, die sich in den Umkleiden der diversen Sportarten bei abstrusen Phantasien regelrechte Onanier-Wettbewerbe lieferten.
  Aufgeschlossen und tolerant erzogen gegenüber körperlichen Dingen aber festen Willens, sie intim und individuell zu erleben, musste er mit dem Umstand zurecht kommen, dass sein Knaben-Kopf jetzt auf einem athletischen Männerkörper saß. Er war fünfzehn, 186 cm groß und wog ohne ein Gramm Fett am Körper 90 Kilo. Den gleichaltrigen Mädchen machte er damit Angst, aber für reifere Frauen gereichte er durchaus zum Lustobjekt, was er aber wiederum verstandesmäßig noch gar nicht wahrnahm. Nicht, dass Johannes von seinen Eltern für damalige Verhältnisse nicht ordentlich genug aufgeklärt gewesen wäre. Den Rest konnte er sich ja auch schon zusammenreimen - zumal die jüngere seiner beiden Schwestern im letzten Sommer-Urlaub mit ihrem zukünftigen Ehemann ziemlich laut zur Sache gegangen war.
  Gut, dass es einen väterlichen Freund wie Dr. Mausele gab. Aber in dieser Frage geriet er auf freundlich bestimmte Art an den Falschen.
  Der Grund war Johnnes' eindeutiger Hang zu seinen jüdischen Mitschülerinnen. Für ihn war die Sache nach "mauselescher Betrachtungsweise" einfach: Er war ein evangelischer deutscher Junge, der sich in jüdische, deutsche Mädchen verknallen wollte. Als Erwachsener hat er oft versucht, im Nachhinein die Widersprüchlichkeiten dieses Unterfangens zu analysieren. Er kam zu keinem Ergebnis, dass nicht irgendwie mit Vorurteilen zu tun gehabt hätte.
   Die nicht jüdischen Mädchen seines Jahrganges hatten meist keinen Sexappeal und  waren oberflächliche Puten, die nur belangloses Zeug plapperten. Seine jüdischen Mitschülerinnen hingegen waren allesamt sowohl geistig als auch körperlich ein Stück  weiter. Sie strahlten nicht nur eine verheißungsvolle Sinnlichkeit aus, sondern vermochten auch schon eigenes Begehren in spannende Worte zu kleiden. Das lag ganz klar an der häuslichen Einbindung. Natürlich wurde er zu den Mädchen nach Hause eingeladen, und anders als bei den nicht jüdischen Mitschülerinnen musste auch die Tür zu ihren Zimmern nicht offen stehen, während er sie besuchte. Es konnte noch so viel erotische Spannung knistern - es passierte nichts. Die Mädchen gehorchten - eines ums andere - einer Verantwortung für sich und ihre Familien. Dort, wo Gefahr bestand, machten dann die Mütter freundlich aber bestimmte Bemerkungen, die keinen Zweifel daran ließen, dass er sich in der Nähe einer unsichtbaren Barriere bewegte.
  Johannes, der ein gutes Jahrzehnt später eine praktizierende Katholikin aus einem strenggläubigen Elternhaus toleriert zum Heiraten nur ins Standesamt führen würde, musste darüber mit Dr. Mausele sprechen.
  "Hätte ich eine Tochter, ich würde auch versuchen, zu verhindern, dass aus einer Freundschaft mit dir mehr würde. Nenne es ein mittlerweile genetisch verwurzeltes  Misstrauen gegenüber allen, die nicht jüdisch sind. Aber wenn ich es richtig bedenke, selbst wenn du mit allen Konsequenzen Jude würdest, würde ich es - glaube ich - nicht wollen, und das hat ganz sicher nichts mit dir als Person zu tun. Denn in meinen Augen bist du ein ganz besonderer Mensch. Möglich, dass die Furcht, einmal in so eine Situation zu geraten, mich davon abgehalten hat, eine Familie zu gründen.."
  Johannes wollte nicht glauben, dass das der gleiche Mann gesagt hat, der ihm sein Leben immer auf so wunderbare Weise erklärt hatte. War das wirklich der gleiche Mann? Johannes konnte nicht anders. Er stellte ihm die brennende Frage:
  "Aber ist ein solches Denken - auch wenn sie kein Familienvater sind - nicht die Grundlage aller Vorurteile?"
  "Da könntest du Recht haben."







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