„Das Leben ist ein reißender Bach, und das
Glück sind ein paar glitschige Steine auf dem Weg zum anderen Ufer. Du darfst
nicht zu lange auf ihnen verweilen, damit du nicht ausrutscht und du musst hin und wieder auch einmal einen
weiten Sprung wagen, mit dem Risiko, fortgespült zu werden. Bis zum letzten,
dem Sprung ans andere Ufer, weißt du nie, ob es letztlich das rettende
ist...“sagte Sanders.
Der Krieg hatte so manchen Lebenslauf viel
versprechender Männer drastisch verändert. So auch den von Will Sanders. Der
betrieb hinter dem Alsterdorfer Filmcasino eine Flickschuster-Werkstatt.
Johannes war damals noch zu klein, um zu erkennen, dass er zwei, drei mal pro
Woche bei einem der jungen Kriegsgreise seine Nachmittage verbrachte. Da er
auch seinen eigenen Vater als Nachzügler nur mit schlohweißen Haaren kannte,
hielt er seinen "Ersatzvater" eben einfach nur für alt. Erst
Jahrzehnte später, als er sich beruflich mit den Symptomen Verschütteter beschäftigen
sollte, machte sich Johannes Gedanken, wie alt Will Sanders gewesen sein
mochte.
Ein Mann, mit rundem, kahlem Schädel,
gebeugt über einen kürbisförmigen Unterleib auf seinem Dreh-Hocker über den
Leisten sitzend und durch Zentimeter dicke Brillengläser blinzelnd. Eigentlich
ein Typ wie ein Sittlichkeitsverbrecher, der einem Kind angst machen konnte,
wenn es nicht wie Johannes den Mut hatte, durch die dicken Gläser in diese
unendlich gütigen und schüchternen Augen zurück zu schauen. Will Sanders sah
mindestens zehn Jahre älter aus als der Vater von Johannes, der bei dessen
Geburt schon 41 gewesen war. Mit der Rekonstruktion an Hand der Anhaltspunkte
in der Erinnerung konnte der Schuster damals jedoch nicht älter als 35 gewesen
sein. Das heißt, er war gerade mal 39 als man ihn mit aufgeschnittenen
Pulsadern verblutet in seiner Werkstatt fand...
Ein Anblick, der Johannes als einer der
wenigen "privaten" Bezugspersonen zu dem Schuster eventuell nicht
erspart geblieben wäre, doch er war kurz vor dem Freitod von Sanders nach
München gezogen. Das Bild, das sich aufgrund der Schilderungen seiner Eltern
und Geschwister in seiner Vorstellung formte, war daher ein friedliches und bar
jeglichen Schreckens.
Schon der Begriff "Freitod", der in
hanseatischem Euphemismus anstatt des drastischeren "Selbstmord" von
Eltern und Bekannten gebraucht wurde, hatte für Johannes etwas Versöhnliches.
Er stellte sich vor, Will Sanders habe eines der aus Lastwagen-Federn
geschliffenen, selbst gemachten Schustermesser verwendet, von denen er Johannes
vier Stück geschenkt hatte und die dieser nun in einem geheimen Versteck in
München wie Reliquien aus seiner nordischen Heimat hütete. Der Tod war ein totales Abstraktum für den nun
Elfjährigen - existent nur in Comics, Western-Filmen und Büchern - nichts
Wirkliches. Die Akteure würden wieder von den Toten auferstehen, nach
vollbrachter Darstellung.
Also sah er folgende Szene in diesem nach
Leder, Schleifstaub und Leim riechenden Verschlag: Onkel Will hatte sich noch
einmal gütig in seinem Reich umgesehen, hatte einen seiner vielen
sinnbildlichen Sätze gedacht, die dem Knaben immer so eingängig gewesen waren,
und dabei seinen Arbeitsplatz wie vielleicht immer nach dem Tagwerk mit
verständnislosem Kopfschütteln verlassen. Dann war er wohl hinter den Vorhang
gegangen, den seine Schlaf- und Kochstelle von der Werkstatt abgegrenzt hatte.
Und wie andere dann das Licht löschen, hätte sich der Schuster die Pulsadern
geöffnet, um mal richtig ausschlafen zu können...
Schuster Sanders war ja schon aus dem Leben
von Johannes geschieden. Die Trauer des Abschieds hatte bereits mit dem noch
Lebenden verkraftet werden müssen. Da waren nun keine Tränen mehr für einen
weit entfernten Toten. Nur noch Erinnerungen an heimelige Nachmittage mit
Gedanken, aus denen Erzählungen und später beim erwachsenen Johannes adaptierte
Metaphern wurden.
Jetzt, da er die Bruchstücke dieser Zeit
zusammensetzte, stellte sich Johannes vor, wie sich diese einzigartigen
Gedanken ihren Weg aus einem geschädigten Hirn zu so tiefgründigen Äußerungen
gebahnt hatten.
Aufgrund seiner Sehschwäche aber auch in
Folge seiner Weigerung, der NSDAP
beizutreten, war der jüngste Philosophie- und Literatur-Professor der
Hamburger Universität ab 1943 als Notlehrer zu einer Notschule an der Hamburger
Straße im Osten der Stadt beordert worden, in der noch wenige Kinder, die nicht
aufs Land verschickt worden waren, unterrichtet werden sollten. Sie war unten
in ein ehemaliges Geschäftshaus verlegt worden, das oben schon einen
Bombentreffer abbekommen hatte, aber der Luftschutzkeller des benachbarten
Kaufhauses galt als sicher. Die Kinder mussten bei Alarm nur raus aus der Tür
und runter in den Bunker. Das war ein paar mal ruckzuck gegangen, und Will
Sanders hatte dann wohl manch bange Stunde des Wartens durch seine herrlich verrückten
Steggreifgeschichten überbrückt. Jeder hatte bereits seinen festen Platz
gehabt, ja, es war Sanders sogar
gelungen, unter einer Säule so eine Art Pult zu installieren, so dass
alle Kinder ihn sehen konnten...
Das sollte ihm das Leben retten, als bei
einem der letzten Tagesangriffe, die das bald weitgehend schutzlose Hamburg
während der "Operation Gomorrha" so erbarmungslos verwüstet hatten,
eine Bombe diagonal in das vorgeschädigte Haus geschlagen war. Sie hatte den
Luftschutzkeller geknackt und den Weg für eine gewaltige Staub- und Geröllhalde
geöffnet, zu der die Restruinen geworden
waren. Zwischen der Konsole der Säule und der Oberlippe von Will Sanders war
eine kleine Atemhöhle geblieben. Sie hatte den wohl halben Tag gereicht, in der
sich die Rettungsmannschaften ohne viel Hoffnung, aber in verzweifelter
Schufterei zum Teil mit bloßen
Händen in den Keller vorgearbeitet
hatten. Sein stehender Körper, die Körper aller zu seinen Füßen sitzenden
Kinder, waren in einer Masse aus Staub und Trümmern festgebacken. Der
hoffnungsvolle Professor hatte als einziger in dem Raum überlebt - nahezu
gelähmt, traumatisiert und mit stark beeinträchtigten Hirnfunktionen. Insgesamt
waren beinahe 400 Menschen in dem Kaufhausbunker erstickt. 400 von
insgesamt 10 000mal mehr Hamburger Bombenopfern...
Wann immer der erwachsene Johannes beruflich
nach Hamburg zurückkehrte und es sich einrichten konnte, suchte er das Denkmal
für diese Opfer auf. Es war dort mehr als ein Jahrzehnt später errichtet
worden, als die letzte Ruine beseitigt war. Es gelang ihm stets, Will Sanders
zum Leben zu erwecken, aber niemals, um ihn zu trauern. Dabei stellte er
mitunter fest, dass mehr vom geistigen Elixier des nur zeitweise behinderten
Schusters in ihm zurückgeblieben war, als etwa von der vermeintlichen
Lebenshilfe, die sein Vater ihm vermittelt hatte.
Die ersten Begegnungen mit Sanders fanden an
der Hand seiner Mutter statt, die mit drei Kindern und klammen Geldbeutel aus
den Schuhen das letzte herausholte. Er hatte sich zunächst hinter dem
ausladenden Hinterteil seiner Mutter versteckt, um die dicken Brillengläser
nicht sehen zu müssen, hinter denen die Augen des Schusters beängstigend groß
erschienen. Aber er kam ihnen ja nicht aus, weil Mutter sich in den Kopf
gesetzt hatte, die rundnasigen mit Löchern im Oberleder versehenen
Sommersandalen, die den Mädchen zu klein geworden waren, auf ihn umschustern zu
lassen. So waren - obwohl Onkel Will sein handwerklich Bestes gab - diese
Produkte zwar umgeänderte aber immer noch als solche zu erkennende
Mädchenschuhe, mit denen er dann auch in die Schule gehen musste. Er
strapazierte sie so stark wie es ging - immer in der Hoffnung, seine Mutter
würde dann mal wieder mit ihm in diesen Laden gehen, wo es die Lurchi-Heftchen
und ein Karussell in der Kinderabteilung gab. Außerdem gab es da noch einen
spannenden Apparat, der einem die Füße samt Schuhe durchleuchtete, damit die
Eltern sehen konnten, dass die Zehen auch nirgends anstießen. Aber das Unterfangen
war aussichtslos. Nur im Winter und als Weihnachtsgeschenke verbrämt, gab es
mal neue Schuhe für ihn und die mussten dann vor allem praktisch sein. Als
Erwachsener sollte er deshalb einen Schuhtick pflegen, der jede
Schuhfetischistin neidisch gemacht hätte.
Da sich die Sanders-Besuche also sommers
durch den zerstörerischen Gebrauch der schwesterlichen Erbschuhe häuften, ergab
es sich, dass Johannes alleine um die Ecke geschickt wurde. Er musste dafür
noch nicht einmal eine Straße überqueren, denn der Weg hinters Kino zweigte
gleich an der Parkgrenze zum Casino ab, und das einzige Fahrzeug, das diesen
benutzte, war Sanders' dreirädriger Lieferwagen der Marke „Tempo“.
Man darf sich die Dialoge der beiden etwa so
vorstellen: Der Knabe warf eine Frage in den "menschlichen
Antwortautomaten", die zunächst zögerlich aber dann doch funktional
präzise knapp beantwortet wurde. Dann entstand eine Pause, in der Johannes
nachhakte. Oder das Antlitz des Schusters verklärte sich und er begann ohne
Übergang aus seinem in zweifacher Hinsicht verschütteten Gedankengut analog
Interpretationen zu der nüchternen Auskunft.
Ein Beispiel: Zum Spielen zog Johannes die
verhassten Mädchenschuhe natürlich aus. Überhaupt war er ein leidenschaftlicher
Barfußläufer, wovon ihn auch ernstere Verletzungen nicht abbrachten. Einmal war
er beim Spielen in einem Abbruchhaus auf ein im Schutt verborgenes Brett mit
Nägeln gestiegen. Ein riesiger Baunagel bohrte sich von unten durch Sohle und
Rist. Herbeigerufene Bauarbeiter trauten sich nicht, das Brett samt Nagel zu
entfernen, sondern schleppten Johannes, so wie er war, in die nahe gelegene
Praxis vom Hausarzt der Familie, Dr. Finck. Wieder einmal gab er keinen
Schmerzenslaut von sich, was dem Arzt sehr willkommen war. Er jagte dem Kleinen
eine Tetanusspritze in den Zwetschgenhintern, zog das Brett mit einem Ruck
heraus, goss noch eine großzügige Portion brennendes Jod in das Loch und
fabrizierte einen enormen Verband, bei dessen Ansicht die Mutter von Johannes
fast in Ohnmacht fiel.
Johannes war bei der Behandlung vor allem
deshalb nicht bei der Sache, weil er sich Überlegte, woher das "n" im
Namen des Hausarztes auf einmal kam. Der hatte nämlich bei der letzten
Verarztung noch Dr. Fick geheißen. Die Halbstarken, die sie aus "ihrem"
Bunker vertrieben hatten, gebrauchten den Namen des Doktors auch immer mit
einem anzüglichen Grinsen. Sie sagten auch "Ficken" und taten ganz
groß damit, wenn die Jüngeren mehr wissen wollten.
Was lag also näher, als Onkel Sanders mal zu
fragen, was wirklich Sache ist:
"Onkel Will? Was ist eigentlich
Ficken?"
"Ficken! Altdeutsch für schnell hin und
her reiben! Wenn du Schuhe putzt, fickst du sie."
"Und warum hat der Onkel Doktor auf
einmal ein 'n' in seinem Namen?"
"Blöde Bombe! Wär' sie mir nicht auf den
Kopf gefallen, könnte dir Onkel Will sagen, wie es ist, wenn Mann und Frau
zusammen sind. Aber ich glaube, wenn sie richtig zusammen sind, sagen sie nicht
Ficken. Sie sagen lieb haben, sich lieben. Ficken ist nur so hin und her ohne
Herz - glaube ich."
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