Donnerstag, 25. Juli 2013

Will

  „Das Leben ist ein reißender Bach, und das Glück sind ein paar glitschige Steine auf dem Weg zum anderen Ufer. Du darfst nicht zu lange auf ihnen verweilen, damit du nicht ausrutscht und  du musst hin und wieder auch einmal einen weiten Sprung wagen, mit dem Risiko, fortgespült zu werden. Bis zum letzten, dem Sprung ans andere Ufer, weißt du nie, ob es letztlich das rettende ist...“sagte Sanders.

  Der Krieg hatte so manchen Lebenslauf viel versprechender Männer drastisch verändert. So auch den von Will Sanders. Der betrieb hinter dem Alsterdorfer Filmcasino eine Flickschuster-Werkstatt. Johannes war damals noch zu klein, um zu erkennen, dass er zwei, drei mal pro Woche bei einem der jungen Kriegsgreise seine Nachmittage verbrachte. Da er auch seinen eigenen Vater als Nachzügler nur mit schlohweißen Haaren kannte, hielt er seinen "Ersatzvater" eben einfach nur für alt. Erst Jahrzehnte später, als er sich beruflich mit den Symptomen Verschütteter beschäftigen sollte, machte sich Johannes Gedanken, wie alt Will Sanders gewesen sein mochte.
   Ein Mann, mit rundem, kahlem Schädel, gebeugt über einen kürbisförmigen Unterleib auf seinem Dreh-Hocker über den Leisten sitzend und durch Zentimeter dicke Brillengläser blinzelnd. Eigentlich ein Typ wie ein Sittlichkeitsverbrecher, der einem Kind angst machen konnte, wenn es nicht wie Johannes den Mut hatte, durch die dicken Gläser in diese unendlich gütigen und schüchternen Augen zurück zu schauen. Will Sanders sah mindestens zehn Jahre älter aus als der Vater von Johannes, der bei dessen Geburt schon 41 gewesen war. Mit der Rekonstruktion an Hand der Anhaltspunkte in der Erinnerung konnte der Schuster damals jedoch nicht älter als 35 gewesen sein. Das heißt, er war gerade mal 39 als man ihn mit aufgeschnittenen Pulsadern verblutet in seiner Werkstatt fand...
  Ein Anblick, der Johannes als einer der wenigen "privaten" Bezugspersonen zu dem Schuster eventuell nicht erspart geblieben wäre, doch er war kurz vor dem Freitod von Sanders nach München gezogen. Das Bild, das sich aufgrund der Schilderungen seiner Eltern und Geschwister in seiner Vorstellung formte, war daher ein friedliches und bar jeglichen Schreckens.
  Schon der Begriff "Freitod", der in hanseatischem Euphemismus anstatt des drastischeren "Selbstmord" von Eltern und Bekannten gebraucht wurde, hatte für Johannes etwas Versöhnliches. Er stellte sich vor, Will Sanders habe eines der aus Lastwagen-Federn geschliffenen, selbst gemachten Schustermesser verwendet, von denen er Johannes vier Stück geschenkt hatte und die dieser nun in einem geheimen Versteck in München wie Reliquien aus seiner nordischen Heimat hütete. Der Tod  war ein totales Abstraktum für den nun Elfjährigen - existent nur in Comics, Western-Filmen und Büchern - nichts Wirkliches. Die Akteure würden wieder von den Toten auferstehen, nach vollbrachter Darstellung.
  Also sah er folgende Szene in diesem nach Leder, Schleifstaub und Leim riechenden Verschlag: Onkel Will hatte sich noch einmal gütig in seinem Reich umgesehen, hatte einen seiner vielen sinnbildlichen Sätze gedacht, die dem Knaben immer so eingängig gewesen waren, und dabei seinen Arbeitsplatz wie vielleicht immer nach dem Tagwerk mit verständnislosem Kopfschütteln verlassen. Dann war er wohl hinter den Vorhang gegangen, den seine Schlaf- und Kochstelle von der Werkstatt abgegrenzt hatte. Und wie andere dann das Licht löschen, hätte sich der Schuster die Pulsadern geöffnet, um mal richtig ausschlafen zu können...
  Schuster Sanders war ja schon aus dem Leben von Johannes geschieden. Die Trauer des Abschieds hatte bereits mit dem noch Lebenden verkraftet werden müssen. Da waren nun keine Tränen mehr für einen weit entfernten Toten. Nur noch Erinnerungen an heimelige Nachmittage mit Gedanken, aus denen Erzählungen und später beim erwachsenen Johannes adaptierte Metaphern wurden.
  Jetzt, da er die Bruchstücke dieser Zeit zusammensetzte, stellte sich Johannes vor, wie sich diese einzigartigen Gedanken ihren Weg aus einem geschädigten Hirn zu so tiefgründigen Äußerungen gebahnt hatten.
 
  Aufgrund seiner Sehschwäche aber auch in Folge seiner Weigerung, der NSDAP  beizutreten, war der jüngste Philosophie- und Literatur-Professor der Hamburger Universität ab 1943 als Notlehrer zu einer Notschule an der Hamburger Straße im Osten der Stadt beordert worden, in der noch wenige Kinder, die nicht aufs Land verschickt worden waren, unterrichtet werden sollten. Sie war unten in ein ehemaliges Geschäftshaus verlegt worden, das oben schon einen Bombentreffer abbekommen hatte, aber der Luftschutzkeller des benachbarten Kaufhauses galt als sicher. Die Kinder mussten bei Alarm nur raus aus der Tür und runter in den Bunker. Das war ein paar mal ruckzuck gegangen, und Will Sanders hatte dann wohl manch bange Stunde des Wartens  durch seine herrlich verrückten Steggreifgeschichten überbrückt. Jeder hatte bereits seinen festen Platz gehabt, ja, es war Sanders sogar  gelungen, unter einer Säule so eine Art Pult zu installieren, so dass alle Kinder ihn sehen konnten...
  Das sollte ihm das Leben retten, als bei einem der letzten Tagesangriffe, die das bald weitgehend schutzlose Hamburg während der "Operation Gomorrha" so erbarmungslos verwüstet hatten, eine Bombe diagonal in das vorgeschädigte Haus geschlagen war. Sie hatte den Luftschutzkeller geknackt und den Weg für eine gewaltige Staub- und Geröllhalde geöffnet,  zu der die Restruinen geworden waren. Zwischen der Konsole der Säule und der Oberlippe von Will Sanders war eine kleine Atemhöhle geblieben. Sie hatte den wohl halben Tag gereicht, in der sich die Rettungsmannschaften ohne viel Hoffnung, aber in verzweifelter Schufterei  zum Teil mit bloßen Händen  in den Keller vorgearbeitet hatten. Sein stehender Körper, die Körper aller zu seinen Füßen sitzenden Kinder, waren in einer Masse aus Staub und Trümmern festgebacken. Der hoffnungsvolle Professor hatte als einziger in dem Raum überlebt - nahezu gelähmt, traumatisiert und mit stark beeinträchtigten Hirnfunktionen. Insgesamt waren beinahe 400 Menschen in dem Kaufhausbunker erstickt. 400 von insgesamt  10 000mal  mehr Hamburger Bombenopfern...
  Wann immer der erwachsene Johannes beruflich nach Hamburg zurückkehrte und es sich einrichten konnte, suchte er das Denkmal für diese Opfer auf. Es war dort mehr als ein Jahrzehnt später errichtet worden, als die letzte Ruine beseitigt war. Es gelang ihm stets, Will Sanders zum Leben zu erwecken, aber niemals, um ihn zu trauern. Dabei stellte er mitunter fest, dass mehr vom geistigen Elixier des nur zeitweise behinderten Schusters in ihm zurückgeblieben war, als etwa von der vermeintlichen Lebenshilfe, die sein Vater ihm vermittelt hatte.
 
 Die ersten Begegnungen mit Sanders fanden an der Hand seiner Mutter statt, die mit drei Kindern und klammen Geldbeutel aus den Schuhen das letzte herausholte. Er hatte sich zunächst hinter dem ausladenden Hinterteil seiner Mutter versteckt, um die dicken Brillengläser nicht sehen zu müssen, hinter denen die Augen des Schusters beängstigend groß erschienen. Aber er kam ihnen ja nicht aus, weil Mutter sich in den Kopf gesetzt hatte, die rundnasigen mit Löchern im Oberleder versehenen Sommersandalen, die den Mädchen zu klein geworden waren, auf ihn umschustern zu lassen. So waren - obwohl Onkel Will sein handwerklich Bestes gab - diese Produkte zwar umgeänderte aber immer noch als solche zu erkennende Mädchenschuhe, mit denen er dann auch in die Schule gehen musste. Er strapazierte sie so stark wie es ging - immer in der Hoffnung, seine Mutter würde dann mal wieder mit ihm in diesen Laden gehen, wo es die Lurchi-Heftchen und ein Karussell in der Kinderabteilung gab. Außerdem gab es da noch einen spannenden Apparat, der einem die Füße samt Schuhe durchleuchtete, damit die Eltern sehen konnten, dass die Zehen auch nirgends anstießen. Aber das Unterfangen war aussichtslos. Nur im Winter und als Weihnachtsgeschenke verbrämt, gab es mal neue Schuhe für ihn und die mussten dann vor allem praktisch sein. Als Erwachsener sollte er deshalb einen Schuhtick pflegen, der jede Schuhfetischistin neidisch gemacht hätte.
  Da sich die Sanders-Besuche also sommers durch den zerstörerischen Gebrauch der schwesterlichen Erbschuhe häuften, ergab es sich, dass Johannes alleine um die Ecke geschickt wurde. Er musste dafür noch nicht einmal eine Straße überqueren, denn der Weg hinters Kino zweigte gleich an der Parkgrenze zum Casino ab, und das einzige Fahrzeug, das diesen benutzte, war Sanders' dreirädriger Lieferwagen der Marke  „Tempo“.
   Man darf sich die Dialoge der beiden etwa so vorstellen: Der Knabe warf eine Frage in den "menschlichen Antwortautomaten", die zunächst zögerlich aber dann doch funktional präzise knapp beantwortet wurde. Dann entstand eine Pause, in der Johannes nachhakte. Oder das Antlitz des Schusters verklärte sich und er begann ohne Übergang aus seinem in zweifacher Hinsicht verschütteten Gedankengut analog Interpretationen zu der nüchternen Auskunft.
  Ein Beispiel: Zum Spielen zog Johannes die verhassten Mädchenschuhe natürlich aus. Überhaupt war er ein leidenschaftlicher Barfußläufer, wovon ihn auch ernstere Verletzungen nicht abbrachten. Einmal war er beim Spielen in einem Abbruchhaus auf ein im Schutt verborgenes Brett mit Nägeln gestiegen. Ein riesiger Baunagel bohrte sich von unten durch Sohle und Rist. Herbeigerufene Bauarbeiter trauten sich nicht, das Brett samt Nagel zu entfernen, sondern schleppten Johannes, so wie er war, in die nahe gelegene Praxis vom Hausarzt der Familie, Dr. Finck. Wieder einmal gab er keinen Schmerzenslaut von sich, was dem Arzt sehr willkommen war. Er jagte dem Kleinen eine Tetanusspritze in den Zwetschgenhintern, zog das Brett mit einem Ruck heraus, goss noch eine großzügige Portion brennendes Jod in das Loch und fabrizierte einen enormen Verband, bei dessen Ansicht die Mutter von Johannes fast in Ohnmacht fiel.
   Johannes war bei der Behandlung vor allem deshalb nicht bei der Sache, weil er sich Überlegte, woher das "n" im Namen des Hausarztes auf einmal kam. Der hatte nämlich bei der letzten Verarztung noch Dr. Fick geheißen. Die Halbstarken, die sie aus "ihrem" Bunker vertrieben hatten, gebrauchten den Namen des Doktors auch immer mit einem anzüglichen Grinsen. Sie sagten auch "Ficken" und taten ganz groß damit, wenn die Jüngeren mehr wissen wollten.
  Was lag also näher, als Onkel Sanders mal zu fragen, was wirklich Sache ist:
  "Onkel Will? Was ist eigentlich Ficken?"
  "Ficken! Altdeutsch für schnell hin und her reiben! Wenn du Schuhe putzt, fickst du sie."
  "Und warum hat der Onkel Doktor auf einmal ein 'n' in seinem Namen?"
  "Blöde Bombe! Wär' sie mir nicht auf den Kopf gefallen, könnte dir Onkel Will sagen, wie es ist, wenn Mann und Frau zusammen sind. Aber ich glaube, wenn sie richtig zusammen sind, sagen sie nicht Ficken. Sie sagen lieb haben, sich lieben. Ficken ist nur so hin und her ohne Herz - glaube ich."








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