Die Erkenntnis, dass - wer Geld haben möchte - dafür arbeiten muss, stellte sich bei Johannes schon ab dem ersten Schuljahr ein. Es ging dabei nicht um Taschengeld gegen Wohlverhalten, sondern um Dienstleistung gegen Vergütung. Selbstverständlich hätte er Will Sanders auch allein wegen der tollen Gespräche geholfen. Aber der Schuster bestand darauf, dass sie eine Art Arbeitsverhältnis eingingen. Auch wenn sie es nicht so genannt hätten, erfüllte ihr Arrangement alle Grundprinzipien: feste Arbeitszeiten, klar umrissene Aufgaben, regelmäßige Bezahlung.
Natürlich war das nicht die Fron degoutanter Kinderarbeit, und wenn Johannes in seinen Erinnerungen ganz ehrlich war, konnte er sich heute des Verdachtes nicht erwehren, dass Sanders die ihm überlassenen Arbeiten spielend selber hätte erledigen können. Bisweilen wird er wohl auch noch ein wenig nachgeholfen haben, damit es für den Kleinen auch genug zu tun gab. In der nicht mehr ständig präzise zu ordnenden Welt seiner Gedanken sehnte sich Sanders nach der klaren Abstraktheit in den Fragen des Kleinen und den daraus resultierenden Schlussfolgerungen, die ihm selbst mitunter wieder kurz Orientierung verschafften.
Johannes Aufgabe bestand darin, zweimal die Woche am Freitag und Samstag jeweils nach Schule und Mittagessen die Sohlen- und Absatz-Vorschnitte aus Leder und Gummi, die im Laufe der Arbeit durcheinander gerieten, wieder nach Größe, Material, Profil und Geschlechtern in entsprechende Fächer zu sortieren. Danach musste er alle Winkel der Werkstadt nach Schnittresten absuchen, sie einsammeln und in eine Maschine füllen, die er aber nicht bedienen durfte. Sie schredderte nämlich diese Reste. Sanders füllte sie in Jutesäcke, die er mit seinem „Tempo“-Dreirad irgendeiner Firma für Bodenbeläge brachte, wo sie dann weiter verarbeitet wurden.
Die Eltern von Johannes wären vermutlich höchst verwundert gewesen, hätten sie von diesem "geschäftlichen" Arrangement erfahren. Denn wie es der Zufall wollte, endete die Arbeit immer pünktlich zur Nachmittagsvorstellung im Alsterdorfer Filmcasino, das sich eine Wand mit Sanders' Werkstatt teilte, und der offizielle Lohn von 50 Pfennigen reichte für den Eintritt. Mit den zehn Pfennig, die es mitunter als "Trinkgeld" extra gab, wurden entweder Frigo-Tütenbrause oder eine Fünferpackung MaoAm-Fruchtkaubonbon gekauft. Es war der Beginn einer Kino-Leidenschaft, die später als Erwachsener über die Phasen "Latenight-Doublefeature", Mulitplex, Video und DVD aus Johannes einen fanatischen Filmegucker machen sollte. Sie führte aber auch dazu, dass sein überempfindsames Gemüt des Öfteren nachhaltiger verletzt wurde, als es sein Umfeld mitbekam.
Die Wahrnehmung von Kindern ist paradox. In den Fuzzy- und Lassy-LaRock-Western, die den Kindern in den 1950ern vorgespielt wurden, stapelten sich die Leichen, ballerten die Helden einen nach dem anderen über den Haufen, schlugen Köpfe ein, schleiften Feinde am Lasso hinter sich her - und das kindliche Publikum brüllte vor Lachen. Der Tod als Comedy entbehrte jeglichen Schreckens. Aber wehe es gab nur einen leisen Anflug von Horror. Das unwägbare Reizen der Urängste - da ist sich Johannes heute sicher - richtete mehr Schaden an als jede offenbar dramatisierte obskure Gewalt.
Sein Schlüssel-Erlebnis war der Film "Der Schrecken vom Amazonas" (heute bei Cineasten ein Klassiker des Genres, damals verpönte Pulpfiction). Die FSK, die freiwillige Selbstkontrolle mit der die Produzenten ihre Werke auf möglicherweise schädliche Einflüsse abklopften, steckte noch in den Kinderschuhen und beschränkten sich üblicher Weise auf das Thema Sex. Dass die Untergrenze für Filme, die Kinder ohne Begleitung der Eltern im Kino sehen durften, auf das vollendete sechste Lebensjahr festgesetzt worden war, wurde schon als Errungenschaft gefeiert.
Johannes und seine Frau Esther hatten wegen der eigenen Erfahrungen ihre Kinder bis sie zumindest zwölf waren, zu jedem Film begleitet. Zur opportunen, gewaltfreien Erziehung gehörte, dass Filme mit Gewalt nicht geschaut wurden. Cornelius bekam auch kein Kriegsspielzeug, was ihn nicht daran hinderte, sich aus allen möglichen Bausteinen, Holzteilen und Metallresten selber imaginäre Schießprügel zu basteln...
Mit Martha war Johannes unter größtem Vorbehalt in "Schindlers Liste" gegangen, weil gerade der Holocaust in der Schule „behandelt“ wurde. Martha, die sich von jeher nur Bücher und Filme gab, bei denen von vornherein feststand, dass sie "gut ausgehen", war hinterher weniger erschüttert als er selbst.
Das kurioseste Erlebnis in dieser Hinsicht hatte ihm jedoch der Zeichentrickfilm "Watership Down" bereitet. Zu diesem Zeitpunkt irgendwann Ende der Achziger als die zunehmenden Privatfernsehsender eine Lawine unkontrollierter Unterhaltungsgewalt losgetreten und sie es irgendwie aufgegeben hatten, die Kinder schützen zu wollen, war er auf eine derartige Reaktion einfach nicht mehr gefasst.
In dem Film geht es um eine Kaninchen-Familie, die sich Umstände halber auf Wanderschaft begeben muss. Im Laufe der Abenteuer, die es zu bestehen gilt, treffen diese lieben und brav dargestellten Kaninchen auf böse, räuberische Wild-Kaninchen, deren Anführer - genial böse gezeichnet - den guten Kaninchen mit Kratzen und Beißen Gewalt antut. Beide Kinder konnten nicht mehr hinsehen, versteckten sich hinter dem Sofa, wollten gar, dass der Fernseher ausgeschaltet wird...
Johannes nahm den Vorgang sehr ernst, denn er hatte ja immer noch die Folgen des "Ungeheuers vom Amazonas" zu ertragen: Horror-Spannung beruht darauf, dass die Protagonisten im Handlungsablauf etwas machen, was Zuseher in der gleiche Situation unter keinen Umständen täten, weil sie ihnen ja angst macht. Hätte also Johannes gewusst, dass sein Unterbewusstsein derart auf inszenierte Reize reagiert, hätte er sich diesen Film nie und nimmer angeschaut und die fünfzig Pfennig lieber für einen herumballernden Fuzzy ausgegeben. Aber ein Achtjähriger kann das eben nicht abschätzen - und wenn - würde er es sich selbst gegenüber zugeben?
Im besagten Film treibt ein schuppiges mit Krallenhänden bewehrtes Mensch-Reptil-Wesen mordend sein Unwesen im Dschungel des Amazonas. Ein Forscher-Team fühlt sich dadurch herausgefordert und begibt sich sichtbar unvorbereitet in diesen Dschungel.
Aber die ahnungslos durch den Dschungel stolpernden Forscher können eben das nicht sehen, was das Publikum sieht: Wie die Krallenhand des Untiers sich aus dem Sumpf reckt, wie es still von hinten an seine Opfer heran tritt und mit einem einzigen Krallengriff ins Gesicht umbringt. Aus selbsttherapeutischen Gründen hatte sich Johannes den Film als Erwachsener in einem Programm-Kino noch einmal angeschaut und dabei erst das köstliche, augenzwinkernde Anspielen auf die alte La-Belle-et-la-Bète-Thematik wahrgenommen. Jack Arnolds "Creature From The Black Lagoon" war für den großen Johannes ein Spaß, der dem kleinen Johannes in der Folge fast das Leben gekostet hatte.
Nicht direkt, sondern zeitlich einige Wochen versetzt, begann das Ungeheuer nachts in den Träumen des Knaben aufzutauchen. Und zwar immer nur mit drei Szenen: die Fußspuren im Sand der Lagune, das Recken der Krallenhand aus dem Sumpf und der mörderische Griff ins Gesicht. Bis zum Ende der Pubertät sollte es in regelmäßigen Abständen immer wieder kommen. Der Knabe reagierte auf die Heimsuchungen erst mit gehetzter Atmung, später mit Hyperventilation und unerklärlichen Schweißausbrüchen, nach denen bis zu dreimal nachts die Bettwäsche gewechselt werden musste. Als er in München dann sein eigenes Zimmer hatte, fielen diese Anfälle den anderen Familienmitgliedern nicht mehr so auf, und so kam es, dass ein besonders schwerer Anfall im Jahr des Berliner Mauerbaus einmal übersehen wurde. Johannes hatte sich klitschnass frei gestrampelt und sich unter dem offenen Fenster eine beidseitige Lungenentzündung eingefangen. Fast ein Jahr seines jungen Lebens ging dadurch verloren.
Während die Eltern - nachdem das Fieber einige Wochen kaum zurückging und auch immer wieder kam - von einem Virus in Folge einer Türkei-Reise ausgingen, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand mehr vom wahren Grund für die Anfälle.
Natürlich hatte Johannes Will Sanders sofort von seinem Horror erzählt, aber wie hätte ein Mensch in dessen Gehirn ganz andere Horrorszenen nisteten, dem Kleinen Hilfe leisten können? In seiner nicht verschütteten Fürsorge für Kinder, verlangte der Schuster von nun an lediglich, dass Johannes ihm sagte, welche Filme er sich anschauen wollte. Onkel Will, der mit dem Filmvorführer regelmäßig ein Bier trank, fragte diesen dann immer, ob der Streifen für den Knaben unbedenklich sei. Nach dem Umzug in die bayerische Metropole musste Johannes zunächst mit seinem Monster alleine zurechtkommen. Er hätte sich lächerlich gefühlt, sich anzuvertrauen, und so bedurfte es eines weiteren Menschen außerordentlicher Herzensgüte, um das Monster nach einigen Jahren loszuwerden…
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