Was ist das nur - zwischen Vätern und Söhnen? Warum misslingt
so oft, was als Beziehung die besten Voraussetzungen hätte? Johannes wollte
Projektionen seiner selbst auf seinen Sohn Cornelius absolut vermeiden. Sein
Filius sollte nicht Opfer falscher oder anderer Maßstäbe sein, wie Johannes es
bei seinem Vater hatte erleiden müssen. Der freudsche Rivalitätsgedanken in der
Vater-Sohn-Beziehung war für beide auszuschließen. Sowohl Johannes als auch
sein Vater waren keine Alpha-Wesen was sexuellen Besitz anging. Dafür fehlte
beiden das Eifersuchtsgen. Sie waren beide keine Eroberer, aber doch Womenizer.
Der Vater durch sein fantastisches Aussehen und er selbst durch die Fähigkeit,
Frauen in einen virtuellen Orgasmus schwätzen zu können. Nicht, dass beide
großen Gebrauch davon gemacht hätten. Beide hatten die große Liebe im
Teenager-Alter gefunden, nach einer Zeit des Prüfens geheiratet und ihr Leben
mit ihr verbracht. Die Akte körperlicher Untreue, von denen es bei Vater und
Sohn nicht wenige gab, konnten diese Fundamente niemals erschüttern. Sie
passierten, aber nicht, weil sie gesucht wurden, sondern sich einfach ergaben.
Nun begab es sich aber, dass durch irgendeinen
nicht nachzuvollziehenden mendelschen Sprung Cornelius das bis in urkomische
Details hinein genaue Ebenbild seines Großvaters werden sollte. Diese
reziproken Voraussetzungen warfen Johannes als Vater aus der Bahn, denn wann
bekommt man schon die Gelegenheit, "seinen Vater umzuerziehen"?
Es begann mit kleinen Dingen. Der Vater von
Johannes war ein militanter Nichtschwimmer, der es mit der alten Seemannsregel
hielt: "Entweder man findet was zum Festklammern oder einen schnellen
gnädigen Tod durchs Ertrinken." Seine Vita war voll des legendär komischen
Beinahe-Ertrinkens. Im Pool des Pariser Lido während der 1930er sei er im
Tiefen einmal von den Animier-Damen von der Luftmatratze geworfen worden. Statt
zu strampeln und sich um Hilfe rufend zu seinem Nichtschwimmerstatus zu
bekennen, sei er wie ein Stein zu Boden gesunken und hätte sich auf dem Grund
gehender Weise zum Beckenrand begeben. Immer wenn ihm die Luft ausgegangen sei,
hätte er sich vom Grund abgestemmt, sei wie ein Champagner-Korken an die
Oberfläche geschossen und nach kurzem Luftholen und Orientieren wieder
versunken und auf dem Grund in Richtung Badeleiter weitermarschiert. Auch die
Schnorchel-Ausflüge mit dem LKW-Reifenschlauch an der Cote d'Azur waren seine
geliebte Beweisführung gegen das schwimmen Können. Eine der Anti-Thesen war,
sein Kopf sei zu schwer, um ihm das Schwimmen zu ermöglichen. Als er
feststellte, dass der Kopf durch Aufsetzen von Taucherbrille und Schnorchel
leicht an der Oberfläche blieb, stopfte er den durchs Wirtschaftswunder etwas
birnenförmig gewordenen Rumpf durch einen alten Reifenschlauch und folgte
Cousteau durch Schwimmflossen getrieben hinaus in das Schweigen des Meeres:
ohne Angst vor der Tiefe, Strömungen
voll ignorierend und die Schärfe von Muschelklippen unterschätzend.
Da kam, was kommen musste: Vorwitzig war er
am Cap Roux mit einer Welle an eine Klippe geraten, an der eine Muschel seinem Reifenschlauch einen
kleinen Schnitt verpasste. Kaum merklich
erst, aber dann doch so deutlich, dass sich der Nichtschwimmer in ihm mit
leiser Panik genötigt sah, das Verhältnis aus Vortrieb durch die Flossen in
Kombination mit dem Auftrieb durch die Taucherbrille in Schwimmen umzusetzen.
Während der Rest der Familie von da an hoffte, er hätte es kapiert, wurde er
nicht müde von seinem physikalischen Verstand zu schwärmen, der ihm das Leben
gerettet hätte...
Cornelius sollte dergleichen erspart bleiben,
weil Johannes ihm das Schwimmen beibrachte, so bald er sicher laufen konnte.
Überhaupt sollte Cornelius all das bei Zeiten beherrschen, was sein Großvater
nie richtig konnte. Er war vier als er die schwersten Skiabfahrten meisterte,
er war sechs bei seinem ersten Tenniskurs und er war sieben, als Johannes ihn
schon verloren hatte.
Cornelius verweigerte von da an alles, was
sein Vater als Versuch von Zweisamkeit einbrachte und ging bei jedem neuen
Anlauf - selbst bei Kleidungsvorschlägen - in Opposition. Aber mit einer
Energie, die sich sein Vater für die soziale Kompetenz gerade in der Schule
gewünscht hätte, begann Cornelius Felder zu belegen, die Johannes aus Neigung
zwar gerne bestellt hätte, aber mangels Talent oder Ausdauer brach liegen
lassen musste. In der Zeit vom Teen zum Twen brachte sich Cornelius mehrere
Musikinstrumente bei, ohne jemals eine Stunde Unterricht gehabt zu haben. Er
wurde zu einem Experten für jede Art von Computern und konnte sie in einer
Leichtigkeit auseinander nehmen und mit höheren Leistungen wieder
zusammenbauen, als wolle er damit das
totale handwerkliche und technische Ungeschick seines Vaters manifestieren.
Johannes tat alles, um in den wenigen
gemeinsamen Jahren, die ihnen noch als Vater und Sohn bleiben würden, Cornelius
zurück zu gewinnen. Er war sein größter Fan, Antreiber und Beschützer. Anders
als sein Vater ihm gegenüber, offenbarte er seinem Sohn seine Tiefe Liebe und
stand in Notsituationen zu ihm. Ob in der Schule, wo er sich - wider besseres
Wissen - sogar mit dem Direktorat
anlegte, aber auch als sein Sohn im Flegelalter wegen Vandalismus mit dem
Gesetz in Konflikt geriet.
Johannes hatte ein Temperament, in dem ihm
Abwarten schwer fiel, in dem Probleme auch unter Opfern schnell gelöst werden
mussten und kein Platz für Umwege war. Möglicher Weise hatte das Cornelius
auch, aber er verfügte wie sein Großvater zum Kaschieren über die Gabe des
Minimierens und des aussitzen Könnens. Das ergab in Kombination eine Art
unbeugsame Sturheit, an der Johannes ein ums andere Mal scheiterte, weil sein
Sohn für sein Verhalten quasi auch noch belohnt wurde.
Die Strafarbeit, die ihm von einem milde
gestimmten Jugendrichter auferlegt wurde, musste er nicht ableisten, weil der,
der sie an den Wochenenden zu überwachen hatte, keine Lust verspürte, sie zu
beaufsichtigen. Das Abitur schaffte er nach mehreren Schulwechseln und
Abwesenheiten, die ihn an den Rand des Schulverweises brachten, ausgerechnet an
dem anfangs als zu schwer für ihn eingeschätzten Gymnasium. Und während seine
Altersgenossen fast alle den Wehrdienst verweigerten und den zivilen Ersatzdienst
ableisteten, wurde Cornelius zwar als halbwegs tauglich gemustert, aber dann
schlicht vom Staat vergessen.
So wie zwischen seinem Vater und ihm, so gab
es aber auch zwischen Johannes und Cornelius durchaus gute Momente. Und zwar
kurioser Weise immer dann wenn sie ohne Einfluss von Dritten auf sich gestellt
waren; in einer astreinen Männerwirtschaft gewissermaßen.
Allerdings hatte die Kindheit von Cornelius
ein Manko - ihm fehlte der "Chang".
Chang war in der Kindheit von Johannes der große Widerpart zu seinem
Vater. Der Vater von Rita, der eigentlich Jean hieß, machte aus seiner
Antipathie für Johannes' Vater keinen Hehl. Und wann immer Rita während der
Geschäftsreisen für ihren Vater den Nachzügler in Köln "parkte",
versuchte der Großvater den Kleinen mit seinem Savoir Vivre zu Impfen. Der
riesige knorrige Gentleman war das krasse Gegenteil zum Vater von Johannes. Er
war stock-konservativ und versuchte in allem seinem Idol Konrad Adenauer
nachzueifern. Er, der ursprünglich Gewerbe-Oberlehrer war, liebte das Geld, das
er durch geschicktes Anlegen zügig vermehrte, aber auch reichlich für teure
Kleidung und gutes Essen unter die Leute brachte. Jean war konsequenter Kölner,
was sich nicht nur durch seine Mitgliedschaft bei den "Männern"
manifestierten, sondern auch im Kauf der gehobeneren Ford-Taunus-Modelle. Die
"Männer" - das war der Insider-Name für den KMGV, des "Kölner
Männer Gesangvereins". Die "Männer" schmetterten nicht nur
deutsches Liedgut, sondern waren auch eine Art politischer und geschäftlicher Elite der Stadt, die den sprichwörtlichen
"Kölschen Klüngel" praktizierte. Johannes war für Chang (kölsche
Aussprache von Jean) der Sohn, den er gerne gehabt hätte. Chang war viel
strenger als der Vater, aber das konnte Johannes akzeptieren, weil der
Großvater ihn mit großer Wichtigkeit wie einen Erbprinzen auf die Gesellschaft
vorbereitete. Er nahm ihn wie einen Erwachsenen im Kinderkörper. Diskutierte
mit Geduld, lehrte fundiert und verlangte dafür nur eines: tadelloses
Auftreten. Wenn Johannes zur Überraschung der meisten später innerhalb von
Minuten den Wandel vom verschmutzten Abenteurer im Safari-Outfit zum
Gesellschaftslöwen im Dinner-Jacket oder Smoking vollzog, so verdankte er diese
Fähigkeit, dem frühen und starken Einfluss seines Großvaters. Wann immer er für
länger in Köln blieb, wurde es zum Ritual, dass Großvater und Sohn einkaufen
gingen - obwohl Shoppig es schon damals besser getroffen hätte. Großvater Trug
zu so einem Ereignis seinen Homburg auf dem Kopf und einen dreiteiligen grauen
Nadelstreifen-Anzug in einer Kammgarn-Qualität, die es sichtbar nicht "von
der Stange" gab. Johannes hatte einen Ausgehanzug, der vor Ort in Köln
blieb, weil sein Vater im Quadrat gehüpft wäre, hätte er seinen Sohn so
gesehen. Der Anzug aus Tweed war die reine Tortur, weil er zur Versteifung
Rosshaar eingewebt hatte, das an den Beinen schrecklich kratzte. Aber Johannes
ertrug das, weil er es als eine Art Reifeprüfung verstand. Der Anzug bestand
aus einer Kappe im damals populären Jockey-Stil, einem lang geschnittenen
Jackett mit Rückengürtel und je nach Jahreszeit langen oder dreiviertellangen
Bundfalten-Hosen (die Knickerbokers konnte er durch ein einfaches Veto
verhindern). Dazu trug er weiße Leinen-Hemden mit College-Krawatte sowie
Halbstiefel und Kniestrümpfe aus England (Salamander kam natürlich nicht in
frage). Anders als sein Vater konnte Johannes schon mit neun verschiedene
Krawatten-Knoten und löste sie beim Abbinden, um die kostbaren Binder zu
schonen.
Im Gegensatz zu den Ausflügen mit seinem
Vater konnte sich Johannes bei den Touren mit Chang an keine langweilige
Begebenheit erinnern. Vielleicht hatte es daran gelegen, dass der Großvater
altersbedingt schon langsamer und geduldiger war oder aber an dem unsichtbaren
Korsett aus Disziplin und Gehorsam, das ihn - den Hyperaktiven - wie ein
Drehzahlbegrenzer bremste. Selbst Besuche im Wallraf-Richartz-Museum kamen ihm
in der Erinnerung auch später immer noch wie Stunden auf einem
Abenteuer-Spielplatz vor. Die Höhepunkte waren jedoch die Essen der beiden im
Restaurant - vor allem wenn die
sauertöpfische Großmutter "Mariechen" nicht dabei war.
Die Großmutter hatte nichts Liebenswürdiges
außer ihrer einmaligen Kochkunst. Ansonsten war sie ein Stimmungskiller mit
Sprüchen wie:
"Neapel war doch da, wo das Beefsteak so
zäh war?"
Oder:
"Chang, der Wagen kippt!" Wenn
jener mit mehr als 50 Kilometern pro Stunde über Land fuhr. War er mit Johannes
allein auf Tour outete er sich hingegen als verwegener Herrenfahrer, der gerne
die Reifen auf Temperatur brachte - allerdings mit Homburg auf dem Kopf. Was
wiederum den Vater von Johannes in seiner latenten Abneigung für seinen
Schwiegervater bestätigte...
Chang ging niemals in Gaststätten. Er
bevorzugte Restaurants der gehobenen Bürgerlichkeit wie "Die Bastei".
oder die Hotelküchen seines Kumpels Hans Herbert Blatzheim, dem Stiefvater des Filmsternchens
Romy Schneider. Den Begriff
Gourmet-Restaurant gab es wohl damals noch nicht. Gleichwohl war das Ballett
der Ober beeindruckend - und auch der Respekt dem sie ihm - dem Knaben -
entgegen brachten. So lange er noch nicht selbst lesen konnte, erörterte der
Großvater mit ihm, was er zu bestellen gedachte. Kaum konnte Johannes ein wenig
lesen und rechnen, verlangte Chang, dass er sich selbst in der Menü-Karte
orientierte. Und - er erwartete auch, dass er sich den Preis für das, was er
bestellen würde, selbst errechnete. Er setzte ein Preislimit, das er mit
Anstandsregeln begründete:
"Wenn du dein Essen einmal selbst
verdienst und du zahlst, hast du die freie Wahl. Wenn dich hingegen jemand
einlädt, orientierst du dich unter der Mitte. Nicht zu bescheiden, aber
respektvoll bewusst, dass ein anderer deine Mahlzeit zahlt..."
Dass auch die respektable Fassade seines
geliebten Opas ihre Risse hatte, sollte Johannes nur einmal bemerken. Chang
sprach kaum Kölsch. Wenn, nur im Zustand äußerster Erregung. Dieser Fall trat
ein, als Johannes, der der festen Überzeugung war, bei seinem Großvater handele
es sich um ein Einzelkind von Changs Bruder erfuhr.
Sie
saßen in geliebter Zweisamkeit im "Zeppelin" als der Opa wachsbleich
erstarrte und mit dem Gebiss zischelte:
"Da kütt dä Kääl!"
Ein freundlicher älterer Herr, dem Chang
nach Kleidung und Habitus nicht unähnlich,
betrat in Begleitung das Restaurant und machte auf dem Absatz kehrt, so
bald er seinen Bruder erkannt hatte. Was die beiden so entzweit hatte, wollten
ihm weder Oma Mariechen noch Mutter Rita jemals verraten. Leider sollte
Johannes sich diese kölsche Unart, einen Menschen einfach totzuschweigen, später
selbst aneignen.
Auf dem Weg zum Erwachsenen war der Tod des
Großvaters der einzige reale Verlust. Da er zudem in eine Zeit fiel, da ihn das
Ungeheuer vom Amazonas fast jede Nacht heimsuchte, schmerzte er nicht nur,
sondern verursachte seelische Reaktionen. Das ging so weit, dass er so bald der
Sport ihn auf die Körpergröße seines Großvaters hatte wachsen lassen, sämtliche
Anzüge des Chang auftrug. Auf Klassenfotos jener Zeit ist er als Beatle in
Börsenkluft leicht auszumachen gewesen. Erst Esther brachte ihn von diesem Trip
herunter, indem sie ihm Jeans verpasste und mit massivem Liebesentzug drohte,
falls er weiter s o herumlaufen würde.
Wenn jemand Johannes gefragt hätte, welche
Momente hingegen mit seinem Vater die einprägsamsten gewesen seien, dann wären
ihm nur die Frühjahrsmonate in München eingefallen. Kurz nach dem Umzug von
Hamburg als sie gewissermaßen die Vorhut vor den drei Frauen bildeten, die noch
Schuljahr und Abitur der Ältesten in der Hansestadt abgewartet hatten.
Johannes Vater war für praktische Dinge nicht
geschaffen und er konnte mit Geld nicht umgehen, weil er ihm keinen besonderen
persönlichen Wert beimaß. Johannes konnte mit knapp zehn schon recht manierlich
kochen und haushalten. So waren die Aufgaben verhältnismäßig gut verteilt. In
dieser Zeit machten sie Ausflüge mit Wanderungen zu den Sehenswürdigkeiten im
Münchner Umland. Wandern war nicht so Johannes Sache, aber er liebte die
substanziellen Gespräche, die sich auf ihn und ausnahmsweise mal nicht auf die
Mädchen konzentrierten. Als diese dann ein paar Wochen später ins Haus in
München einzogen, blieben von der Männerwirtschaft - auf Betreiben der Mutter
allerdings - nur noch für ein paar Winter die Samstagnachmittag-Ausflüge zum
Skifahren.
Das stärkste Vater-Sohn-Erlebnis stellte sich
zwischen beiden erst ein, als es fast zu spät war. Johannes Vater wusste
wohl 79jährig, dass sein Tod nahte.
Immer häufiger war er 1987 zur Beobachtung seiner Herzrhythmusstörungen ins
Krankenhaus geschickt worden. Als Johannes ihn dort letztmals besuchte, fand er
einen sehr ausgeglichenen Mann vor, dessen Körper auf seltsame Art geglättet
und jugendlich drahtig erschien und
dessen Reden vom bevorstehenden Tod Johannes so erzürnten, dass er seinen Vater
anschnauzte, er solle sich gefälligst zusammenreißen. Glasnost und Perestroika
machten doch Fortschritte. Er würde noch so viele interessante Reisen machen
können, dass es sich lohnte zu kämpfen. Schließlich habe er ja keinen Krebs
oder so.
Irgendwie waren sie dann im dunklen
Krankenhauszimmer auf einmal an der Schwarzmeer-Front, bei der letzten Schlacht
im Kessel von Berlin, bei der Flucht mit den beiden kleinen Mädchen aus dem
eingekesselten Berlin nach Hamburg und dann bei ihm, dem Nachzügler - mit
schwerstem Gelenkrheumatismus und Gallensteinen gezeugt. Johannes hatte sich
nicht getraut, den Redefluss zu unterbrechen. Aber er hätte sie damals gerne
gestellt, die Frage, die ihm angesichts der offenkundigen Sensibilität seines
Vaters stets beschäftigt hatte, seit Johannes sich als Gegner von Krieg und
Gewalt engagierte: "Wie bist du mit dem Töten und den Toten klar
gekommen?"
Sein friedfertiger Vater hatte das Pech, sich
während der Ausbildung an der Waffe, als Meisterschütze geoutet zu haben.
Dummer sportlicher Ehrgeiz, der dann aber in den Akten stand. Vermutlich hatte
er nie wirklich damit gerechnet, wegen seiner an der Heimatfront
unverzichtbaren wissenschaftlichen Fähigkeiten, an die Front abkommandiert zu
werden.
Johannes verpasste diese letzte Gelegenheit,
etwas über eine mögliche verdrängte Traumatisierung seines Vaters zu erfahren
und ließ es hingegen egoistischer Weise zu, eine Art gegenseitiger Absolution für ihr Vater-Sohn-Verhältnis zu
erteilen. Er war am frühen Nachmittag gekommen und wurde von der Nachtschwester
sanft hinauskomplimentiert. Er verließ das Krankenhaus mit einem Gefühl
tiefster Zuneigung für seinen Vater, und das war gut so. Zwar war er
Weihnachten wieder zu Hause, aber es ging ihm nicht gut. Johannes - der
Fotograf, der Familien-Fotos hasste - schoss während der Feiertage ein Foto,
auf dem seine Mutter auf der Lehne des Lieblingssessels seines Vaters saß. Die
Abzüge wurden erst abgeholt, als sein Vater bereits unter der Erde lag:
Die Aufnahme zeigte eine immer noch
stattliche Frau, die ihren Arm um ein resigniert in die Kamera schauendes
Hutzelmännchen legt. Wie hatte sich Johannes'
Wahrnehmung im Krankenhaus nur ein letztes Mal von der glatten Eloquenz
seines Vaters überstrahlen lassen…?
Das war der Moment, in dem es Johannes
erstmals gelang, den Tod seines Vaters zu beweinen.
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