Sonntag, 4. August 2013

Chang

  Was ist das nur  - zwischen Vätern und Söhnen? Warum misslingt so oft, was als Beziehung die besten Voraussetzungen hätte? Johannes wollte Projektionen seiner selbst auf seinen Sohn Cornelius absolut vermeiden. Sein Filius sollte nicht Opfer falscher oder anderer Maßstäbe sein, wie Johannes es bei seinem Vater hatte erleiden müssen. Der freudsche Rivalitätsgedanken in der Vater-Sohn-Beziehung war für beide auszuschließen. Sowohl Johannes als auch sein Vater waren keine Alpha-Wesen was sexuellen Besitz anging. Dafür fehlte beiden das Eifersuchtsgen. Sie waren beide keine Eroberer, aber doch Womenizer. Der Vater durch sein fantastisches Aussehen und er selbst durch die Fähigkeit, Frauen in einen virtuellen Orgasmus schwätzen zu können. Nicht, dass beide großen Gebrauch davon gemacht hätten. Beide hatten die große Liebe im Teenager-Alter gefunden, nach einer Zeit des Prüfens geheiratet und ihr Leben mit ihr verbracht. Die Akte körperlicher Untreue, von denen es bei Vater und Sohn nicht wenige gab, konnten diese Fundamente niemals erschüttern. Sie passierten, aber nicht, weil sie gesucht wurden, sondern sich einfach ergaben.
  Nun begab es sich aber, dass durch irgendeinen nicht nachzuvollziehenden mendelschen Sprung Cornelius das bis in urkomische Details hinein genaue Ebenbild seines Großvaters werden sollte. Diese reziproken Voraussetzungen warfen Johannes als Vater aus der Bahn, denn wann bekommt man schon die Gelegenheit, "seinen Vater umzuerziehen"?
  Es begann mit kleinen Dingen. Der Vater von Johannes war ein militanter Nichtschwimmer, der es mit der alten Seemannsregel hielt: "Entweder man findet was zum Festklammern oder einen schnellen gnädigen Tod durchs Ertrinken." Seine Vita war voll des legendär komischen Beinahe-Ertrinkens. Im Pool des Pariser Lido während der 1930er sei er im Tiefen einmal von den Animier-Damen von der Luftmatratze geworfen worden. Statt zu strampeln und sich um Hilfe rufend zu seinem Nichtschwimmerstatus zu bekennen, sei er wie ein Stein zu Boden gesunken und hätte sich auf dem Grund gehender Weise zum Beckenrand begeben. Immer wenn ihm die Luft ausgegangen sei, hätte er sich vom Grund abgestemmt, sei wie ein Champagner-Korken an die Oberfläche geschossen und nach kurzem Luftholen und Orientieren wieder versunken und auf dem Grund in Richtung Badeleiter weitermarschiert. Auch die Schnorchel-Ausflüge mit dem LKW-Reifenschlauch an der Cote d'Azur waren seine geliebte Beweisführung gegen das schwimmen Können. Eine der Anti-Thesen war, sein Kopf sei zu schwer, um ihm das Schwimmen zu ermöglichen. Als er feststellte, dass der Kopf durch Aufsetzen von Taucherbrille und Schnorchel leicht an der Oberfläche blieb, stopfte er den durchs Wirtschaftswunder etwas birnenförmig gewordenen Rumpf durch einen alten Reifenschlauch und folgte Cousteau durch Schwimmflossen getrieben hinaus in das Schweigen des Meeres: ohne Angst vor der Tiefe,  Strömungen voll ignorierend und die Schärfe von Muschelklippen unterschätzend.
  Da kam, was kommen musste: Vorwitzig war er am Cap Roux mit einer Welle an eine Klippe geraten, an der  eine Muschel seinem Reifenschlauch einen kleinen Schnitt verpasste.  Kaum merklich erst, aber dann doch so deutlich, dass sich der Nichtschwimmer in ihm mit leiser Panik genötigt sah, das Verhältnis aus Vortrieb durch die Flossen in Kombination mit dem Auftrieb durch die Taucherbrille in Schwimmen umzusetzen. Während der Rest der Familie von da an hoffte, er hätte es kapiert, wurde er nicht müde von seinem physikalischen Verstand zu schwärmen, der ihm das Leben gerettet hätte...
  Cornelius sollte dergleichen erspart bleiben, weil Johannes ihm das Schwimmen beibrachte, so bald er sicher laufen konnte. Überhaupt sollte Cornelius all das bei Zeiten beherrschen, was sein Großvater nie richtig konnte. Er war vier als er die schwersten Skiabfahrten meisterte, er war sechs bei seinem ersten Tenniskurs und er war sieben, als Johannes ihn schon verloren hatte.
  Cornelius verweigerte von da an alles, was sein Vater als Versuch von Zweisamkeit einbrachte und ging bei jedem neuen Anlauf - selbst bei Kleidungsvorschlägen - in Opposition. Aber mit einer Energie, die sich sein Vater für die soziale Kompetenz gerade in der Schule gewünscht hätte, begann Cornelius Felder zu belegen, die Johannes aus Neigung zwar gerne bestellt hätte, aber mangels Talent oder Ausdauer brach liegen lassen musste. In der Zeit vom Teen zum Twen brachte sich Cornelius mehrere Musikinstrumente bei, ohne jemals eine Stunde Unterricht gehabt zu haben. Er wurde zu einem Experten für jede Art von Computern und konnte sie in einer Leichtigkeit auseinander nehmen und mit höheren Leistungen wieder zusammenbauen, als wolle  er damit das totale handwerkliche und technische Ungeschick seines Vaters manifestieren.
  Johannes tat alles, um in den wenigen gemeinsamen Jahren, die ihnen noch als Vater und Sohn bleiben würden, Cornelius zurück zu gewinnen. Er war sein größter Fan, Antreiber und Beschützer. Anders als sein Vater ihm gegenüber, offenbarte er seinem Sohn seine Tiefe Liebe und stand in Notsituationen zu ihm. Ob in der Schule, wo er sich - wider besseres Wissen -  sogar mit dem Direktorat anlegte, aber auch als sein Sohn im Flegelalter wegen Vandalismus mit dem Gesetz in Konflikt geriet.
  Johannes hatte ein Temperament, in dem ihm Abwarten schwer fiel, in dem Probleme auch unter Opfern schnell gelöst werden mussten und kein Platz für Umwege war. Möglicher Weise hatte das Cornelius auch, aber er verfügte wie sein Großvater zum Kaschieren über die Gabe des Minimierens und des aussitzen Könnens. Das ergab in Kombination eine Art unbeugsame Sturheit, an der Johannes ein ums andere Mal scheiterte, weil sein Sohn für sein Verhalten quasi auch noch belohnt wurde.
  Die Strafarbeit, die ihm von einem milde gestimmten Jugendrichter auferlegt wurde, musste er nicht ableisten, weil der, der sie an den Wochenenden zu überwachen hatte, keine Lust verspürte, sie zu beaufsichtigen. Das Abitur schaffte er nach mehreren Schulwechseln und Abwesenheiten, die ihn an den Rand des Schulverweises brachten, ausgerechnet an dem anfangs als zu schwer für ihn eingeschätzten Gymnasium. Und während seine Altersgenossen fast alle den Wehrdienst verweigerten und den zivilen Ersatzdienst ableisteten, wurde Cornelius zwar als halbwegs tauglich gemustert, aber dann schlicht vom Staat vergessen.
  So wie zwischen seinem Vater und ihm, so gab es aber auch zwischen Johannes und Cornelius durchaus gute Momente. Und zwar kurioser Weise immer dann wenn sie ohne Einfluss von Dritten auf sich gestellt waren; in einer astreinen Männerwirtschaft gewissermaßen.
  Allerdings hatte die Kindheit von Cornelius ein Manko - ihm fehlte der "Chang".  Chang war in der Kindheit von Johannes der große Widerpart zu seinem Vater. Der Vater von Rita, der eigentlich Jean hieß, machte aus seiner Antipathie für Johannes' Vater keinen Hehl. Und wann immer Rita während der Geschäftsreisen für ihren Vater den Nachzügler in Köln "parkte", versuchte der Großvater den Kleinen mit seinem Savoir Vivre zu Impfen. Der riesige knorrige Gentleman war das krasse Gegenteil zum Vater von Johannes. Er war stock-konservativ und versuchte in allem seinem Idol Konrad Adenauer nachzueifern. Er, der ursprünglich Gewerbe-Oberlehrer war, liebte das Geld, das er durch geschicktes Anlegen zügig vermehrte, aber auch reichlich für teure Kleidung und gutes Essen unter die Leute brachte. Jean war konsequenter Kölner, was sich nicht nur durch seine Mitgliedschaft bei den "Männern" manifestierten, sondern auch im Kauf der gehobeneren Ford-Taunus-Modelle. Die "Männer" - das war der Insider-Name für den KMGV, des "Kölner Männer Gesangvereins". Die "Männer" schmetterten nicht nur deutsches Liedgut, sondern waren auch eine Art politischer und geschäftlicher  Elite der Stadt, die den sprichwörtlichen "Kölschen Klüngel" praktizierte. Johannes war für Chang (kölsche Aussprache von Jean) der Sohn, den er gerne gehabt hätte. Chang war viel strenger als der Vater, aber das konnte Johannes akzeptieren, weil der Großvater ihn mit großer Wichtigkeit wie einen Erbprinzen auf die Gesellschaft vorbereitete. Er nahm ihn wie einen Erwachsenen im Kinderkörper. Diskutierte mit Geduld, lehrte fundiert und verlangte dafür nur eines: tadelloses Auftreten. Wenn Johannes zur Überraschung der meisten später innerhalb von Minuten den Wandel vom verschmutzten Abenteurer im Safari-Outfit zum Gesellschaftslöwen im Dinner-Jacket oder Smoking vollzog, so verdankte er diese Fähigkeit, dem frühen und starken Einfluss seines Großvaters. Wann immer er für länger in Köln blieb, wurde es zum Ritual, dass Großvater und Sohn einkaufen gingen - obwohl Shoppig es schon damals besser getroffen hätte. Großvater Trug zu so einem Ereignis seinen Homburg auf dem Kopf und einen dreiteiligen grauen Nadelstreifen-Anzug in einer Kammgarn-Qualität, die es sichtbar nicht "von der Stange" gab. Johannes hatte einen Ausgehanzug, der vor Ort in Köln blieb, weil sein Vater im Quadrat gehüpft wäre, hätte er seinen Sohn so gesehen. Der Anzug aus Tweed war die reine Tortur, weil er zur Versteifung Rosshaar eingewebt hatte, das an den Beinen schrecklich kratzte. Aber Johannes ertrug das, weil er es als eine Art Reifeprüfung verstand. Der Anzug bestand aus einer Kappe im damals populären Jockey-Stil, einem lang geschnittenen Jackett mit Rückengürtel und je nach Jahreszeit langen oder dreiviertellangen Bundfalten-Hosen (die Knickerbokers konnte er durch ein einfaches Veto verhindern). Dazu trug er weiße Leinen-Hemden mit College-Krawatte sowie Halbstiefel und Kniestrümpfe aus England (Salamander kam natürlich nicht in frage). Anders als sein Vater konnte Johannes schon mit neun verschiedene Krawatten-Knoten und löste sie beim Abbinden, um die kostbaren Binder zu schonen.
  Im Gegensatz zu den Ausflügen mit seinem Vater konnte sich Johannes bei den Touren mit Chang an keine langweilige Begebenheit erinnern. Vielleicht hatte es daran gelegen, dass der Großvater altersbedingt schon langsamer und geduldiger war oder aber an dem unsichtbaren Korsett aus Disziplin und Gehorsam, das ihn - den Hyperaktiven - wie ein Drehzahlbegrenzer bremste. Selbst Besuche im Wallraf-Richartz-Museum kamen ihm in der Erinnerung auch später immer noch wie Stunden auf einem Abenteuer-Spielplatz vor. Die Höhepunkte waren jedoch die Essen der beiden im Restaurant -  vor allem wenn die sauertöpfische Großmutter "Mariechen" nicht dabei war.
  Die Großmutter hatte nichts Liebenswürdiges außer ihrer einmaligen Kochkunst. Ansonsten war sie ein Stimmungskiller mit Sprüchen wie:
  "Neapel war doch da, wo das Beefsteak so zäh war?"
   Oder:
  "Chang, der Wagen kippt!" Wenn jener mit mehr als 50 Kilometern pro Stunde über Land fuhr. War er mit Johannes allein auf Tour outete er sich hingegen als verwegener Herrenfahrer, der gerne die Reifen auf Temperatur brachte - allerdings mit Homburg auf dem Kopf. Was wiederum den Vater von Johannes in seiner latenten Abneigung für seinen Schwiegervater bestätigte...
  Chang ging niemals in Gaststätten. Er bevorzugte Restaurants der gehobenen Bürgerlichkeit wie "Die Bastei". oder die Hotelküchen seines Kumpels Hans Herbert  Blatzheim, dem Stiefvater des Filmsternchens Romy Schneider.  Den Begriff Gourmet-Restaurant gab es wohl damals noch nicht. Gleichwohl war das Ballett der Ober beeindruckend - und auch der Respekt dem sie ihm - dem Knaben - entgegen brachten. So lange er noch nicht selbst lesen konnte, erörterte der Großvater mit ihm, was er zu bestellen gedachte. Kaum konnte Johannes ein wenig lesen und rechnen, verlangte Chang, dass er sich selbst in der Menü-Karte orientierte. Und - er erwartete auch, dass er sich den Preis für das, was er bestellen würde, selbst errechnete. Er setzte ein Preislimit, das er mit Anstandsregeln begründete:
  "Wenn du dein Essen einmal selbst verdienst und du zahlst, hast du die freie Wahl. Wenn dich hingegen jemand einlädt, orientierst du dich unter der Mitte. Nicht zu bescheiden, aber respektvoll bewusst, dass ein anderer deine Mahlzeit zahlt..."
  Dass auch die respektable Fassade seines geliebten Opas ihre Risse hatte, sollte Johannes nur einmal bemerken. Chang sprach kaum Kölsch. Wenn, nur im Zustand äußerster Erregung. Dieser Fall trat ein, als Johannes, der der festen Überzeugung war, bei seinem Großvater handele es sich um ein Einzelkind von Changs Bruder erfuhr.
Sie saßen in geliebter Zweisamkeit im "Zeppelin" als der Opa wachsbleich erstarrte und mit dem Gebiss zischelte:
  "Da kütt dä Kääl!"
   Ein freundlicher älterer Herr, dem Chang nach Kleidung und Habitus nicht unähnlich,  betrat in Begleitung das Restaurant und machte auf dem Absatz kehrt, so bald er seinen Bruder erkannt hatte. Was die beiden so entzweit hatte, wollten ihm weder Oma Mariechen noch Mutter Rita jemals verraten. Leider sollte Johannes sich diese kölsche Unart, einen Menschen einfach totzuschweigen, später selbst aneignen.
  Auf dem Weg zum Erwachsenen war der Tod des Großvaters der einzige reale Verlust. Da er zudem in eine Zeit fiel, da ihn das Ungeheuer vom Amazonas fast jede Nacht heimsuchte, schmerzte er nicht nur, sondern verursachte seelische Reaktionen. Das ging so weit, dass er so bald der Sport ihn auf die Körpergröße seines Großvaters hatte wachsen lassen, sämtliche Anzüge des Chang auftrug. Auf Klassenfotos jener Zeit ist er als Beatle in Börsenkluft leicht auszumachen gewesen. Erst Esther brachte ihn von diesem Trip herunter, indem sie ihm Jeans verpasste und mit massivem Liebesentzug drohte, falls er weiter  s o  herumlaufen würde.
  Wenn jemand Johannes gefragt hätte, welche Momente hingegen mit seinem Vater die einprägsamsten gewesen seien, dann wären ihm nur die Frühjahrsmonate in München eingefallen. Kurz nach dem Umzug von Hamburg als sie gewissermaßen die Vorhut vor den drei Frauen bildeten, die noch Schuljahr und Abitur der Ältesten in der Hansestadt abgewartet hatten.
  Johannes Vater war für praktische Dinge nicht geschaffen und er konnte mit Geld nicht umgehen, weil er ihm keinen besonderen persönlichen Wert beimaß. Johannes konnte mit knapp zehn schon recht manierlich kochen und haushalten. So waren die Aufgaben verhältnismäßig gut verteilt. In dieser Zeit machten sie Ausflüge mit Wanderungen zu den Sehenswürdigkeiten im Münchner Umland. Wandern war nicht so Johannes Sache, aber er liebte die substanziellen Gespräche, die sich auf ihn und ausnahmsweise mal nicht auf die Mädchen konzentrierten. Als diese dann ein paar Wochen später ins Haus in München einzogen, blieben von der Männerwirtschaft - auf Betreiben der Mutter allerdings - nur noch für ein paar Winter die Samstagnachmittag-Ausflüge zum Skifahren.
  Das stärkste Vater-Sohn-Erlebnis stellte sich zwischen beiden erst ein, als es fast zu spät war. Johannes Vater wusste wohl  79jährig, dass sein Tod nahte. Immer häufiger war er 1987 zur Beobachtung seiner Herzrhythmusstörungen ins Krankenhaus geschickt worden. Als Johannes ihn dort letztmals besuchte, fand er einen sehr ausgeglichenen Mann vor, dessen Körper auf seltsame Art geglättet und jugendlich drahtig  erschien und dessen Reden vom bevorstehenden Tod Johannes so erzürnten, dass er seinen Vater anschnauzte, er solle sich gefälligst zusammenreißen. Glasnost und Perestroika machten doch Fortschritte. Er würde noch so viele interessante Reisen machen können, dass es sich lohnte zu kämpfen. Schließlich habe er ja keinen Krebs oder so.
  Irgendwie waren sie dann im dunklen Krankenhauszimmer auf einmal an der Schwarzmeer-Front, bei der letzten Schlacht im Kessel von Berlin, bei der Flucht mit den beiden kleinen Mädchen aus dem eingekesselten Berlin nach Hamburg und dann bei ihm, dem Nachzügler - mit schwerstem Gelenkrheumatismus und Gallensteinen gezeugt. Johannes hatte sich nicht getraut, den Redefluss zu unterbrechen. Aber er hätte sie damals gerne gestellt, die Frage, die ihm angesichts der offenkundigen Sensibilität seines Vaters stets beschäftigt hatte, seit Johannes sich als Gegner von Krieg und Gewalt engagierte: "Wie bist du mit dem Töten und den Toten klar gekommen?"
  Sein friedfertiger Vater hatte das Pech, sich während der Ausbildung an der Waffe, als Meisterschütze geoutet zu haben. Dummer sportlicher Ehrgeiz, der dann aber in den Akten stand. Vermutlich hatte er nie wirklich damit gerechnet, wegen seiner an der Heimatfront unverzichtbaren wissenschaftlichen Fähigkeiten, an die Front abkommandiert zu werden.
  Johannes verpasste diese letzte Gelegenheit, etwas über eine mögliche verdrängte Traumatisierung seines Vaters zu erfahren und ließ es hingegen egoistischer Weise zu, eine Art gegenseitiger  Absolution für ihr Vater-Sohn-Verhältnis zu erteilen. Er war am frühen Nachmittag gekommen und wurde von der Nachtschwester sanft hinauskomplimentiert. Er verließ das Krankenhaus mit einem Gefühl tiefster Zuneigung für seinen Vater, und das war gut so. Zwar war er Weihnachten wieder zu Hause, aber es ging ihm nicht gut. Johannes - der Fotograf, der Familien-Fotos hasste - schoss während der Feiertage ein Foto, auf dem seine Mutter auf der Lehne des Lieblingssessels seines Vaters saß. Die Abzüge wurden erst abgeholt, als sein Vater bereits unter der Erde lag:
  Die Aufnahme zeigte eine immer noch stattliche Frau, die ihren Arm um ein resigniert in die Kamera schauendes Hutzelmännchen legt. Wie hatte sich Johannes'  Wahrnehmung im Krankenhaus nur ein letztes Mal von der glatten Eloquenz seines Vaters überstrahlen lassen…?
  Das war der Moment, in dem es Johannes erstmals gelang, den Tod seines Vaters zu beweinen.










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