Freitag, 7. Juni 2013

Tobi

  Viel zu frühe Vorboten der Regenzeit trieben uns über den Stuart-Highway nordwestwärts. Dass ich Rusty  schon von Townsville aus als Fahrer für meine Reise nach Schluss des offiziellen  Programms angeheuert hatte, machte sich schon in der ersten Woche bezahlt. Ohne ihn hätte ich die Flugzeug-Wracks auf der Halbinsel York nie gefunden: Diese bizarren vom Busch überwucherten Mahnmale aus dem zweiten Weltkrieg. ANZAC-Bomber und japanische Zeros in den Boden gerammt oder zerbrochen wie lästige Riesen-Insekten, denen sich ein Oger per Prankenhieb entledigt hatte. Ich hatte am 25. April den Paraden zum ANZAC-Day in Brisbane (ANZAC steht für Australian and New Zealand Army Corps und bezieht sich auch auf  die verlustreichen Operationen von Gallipoli in WK I) beigewohnt und all die rüstigen und leidenschaftlichen Veteranen bestaunt. Mir war nicht in vollem Umfang klar gewesen, wie weit der Pazifik-Krieg auch Australien und Neuseeland tangiert hatte und bis heute nachwirkt.
  Die Verleger werden akzeptieren müssen, dass jeder Australische Dollar, den ich für Rusty, den Landrover (mit Schnorchel für die Furten) und die gemietete Safari-Ausrüstung ausgegeben habe, sich durch einzigartige Storys auszahlt. Nicht nur das! Wir sparen ja sonstige Übernachtungskosten.
   Gut, Rusty's Fahrstil ist gewöhnungsbedürftig, und die Tatsache, dass er trotz seiner rötlich getönten Haare ein besonders dunkelhäutiger Aboriginal ist, hat uns in einigen Bars manch misstrauischen Kommentar eingebracht. Ihn nicht zu bedienen, hat sich jedoch bislang keiner getraut. Der "Discirimination Act" scheint tatsächlich zu wirken, was sich bei Rusty im "Umkehrschub" in einer gewissen Respektlosigkeit gegenüber mir als Arbeitgeber äußert. - Aber  irgendwie ist mir das sympathisch, denn wer sonst hat schon einen Reisebegleiter, der solche Gimmicks auf Lager hat?

  Du preschst über einen Trail, und er tritt urplötzlich in die Eisen, um aus dem noch rollenden Wagen zu springen, im Busch zu verschwinden, einen Baum hochzuklettern oder er lässt den Wagen mit laufendem Motor mitten in einer Furt stehen und greift zielsicher unter einen Stein. Mal versucht sich ein böse geifernder Roughneck-Lizzard (Kragen-Echse) aus seinen Händen zu befreien, mal ein Wombat oder er legt dir eine drei Meter lange triefend nasse File-Snake um die Schultern.
                                                                                                                                                                                                                                                       


                                                                                                                                                                                         Kochen habe ich ihm zwar gleich verboten, aber im Beschaffen von buschmännischen "Nahrungsergänzungsmitteln" ist er einsame Spitze. Die dicken weißen Raupen, die angeblich wie Nüsse schmecken, durfte er allerdings doch alleine essen. Es erhebt sich auch täglich die Frage, ob Rustys  trockener Humor britisch beeinflusst ist, oder ob junge Aboriginals  von Haus aus Komiker sind. Vor ein paar Tagen zeigte er mir Felsmalereien, die nicht so bekannt sind, wie die am Obiri-Rock, aber deutlich kontrastreicher und besser erhalten. Die Motive waren zum Verwechseln ähnlich, aber leichter zu fotografieren. Ich hätte gewarnt sein müssen, denn die ganze Zeit nannte er sie "The Bankaccount". Als ich mich vor Begeisterung schier nicht mehr halten konnte, schenkte er mir dann doch noch reinen Wein ein: Ein paar begabte Maler seines Tribes und andere Guides besserten die Finanzen ihrer Gemeinschaft damit auf, dass sie die Touristen, die sie begleiten, irgendwann zur Seite nähmen und fragten, ob sie gegen ein kleines Extrahonorar so gut wie unbekannte Felsmalereien sehen wollten. Da sie in der Schutzzone lägen, wäre es aber nicht ganz legal und sie dürften später nicht darüber reden. Sie hatten im Zickzack einen Pfad durchs Gestrüpp angelegt und eines der Verbotsschilder geklaut, die das Betreten des Protektorates Arnheimland verhindern sollen. Es funktionierte und brachte ordentlich Geld ein. Zur Ehrenrettung der "jungen Wilden" muss allerdings gesagt werden, dass die durchs "Bankaccount" eingenommenen Dollars nicht ihrer persönlichen Bereicherung dienten, sondern in ein neues Wellblechdach des Versammlungshauses investiert worden waren.

   Inzwischen bin ich in jeder Minute mit Rusty darauf gefasst, wieder Opfer eines seiner Streiche zu werden: Wir schleichen durch den Busch, und er drückt mich plötzlich zu Boden, um mir zu bedeuten, mich absolut ruhig zu verhalten:
  "Watch it and shut up! Ahead is one danger which once will destroy this continent!"
  Dann schleicht er im Froschgang auf die vermeintliche Gefahr zu - mich ähnlich unbequem im Schlepp. Und beide schauen wir dann zum Beispiel gebannt auf so einen achtlos raus gerissenen und weggeworfenen Aluring samt Lasche, mit dem die Bierdosen geöffnet werden.
  "The whole country is littered with this stuff!"
   Ob wir Freunde geworden wären? An mir hätte es nicht gelegen. Aber erstens zweifle ich daran, dass ein im doppelten Sinn nüchterner Ureinwohner Australiens, mit einem Weißen von der nördlichen Hemisphäre, der nach kurzer Zeit auf immer aus seinem Leben verschwindet, überhaupt Freundschaft schließen würde. Und zweitens hat mich die besondere Aufmerksamkeit, mit der mich sein "Chef" Tobi Tinker - das Oberhaupt der Yolngu  - bedachte, für die jungen Männer des Tribes wohl ungewollt in einen Sonderstatus befördert. Und das kam so:
  Es war ein Treffen arrangiert worden. Ich wollte ursprünglich wissen, wie viel von dem unermesslichen Reichtum durch die Uran-Förderung tatsächlich messbar in den Taschen der Eigentümer, der Yolngu, landen würde und wie sie damit umzugehen hofften. Aber das war natürlich Sechzigerjahre-Denken eines Abkömmlings einer spätkapitalistischen Gesellschaft...

  Tobi Tinker - wer weiß, wer ihm diesen anglifizierten Namen aufgenötigt hatte - war mit seiner Eskorte in der Dämmerung eines Tages voller Abenteuer auf unserem Campground am Jim-Jim-Billabong aufgetaucht. Ich hatte im Morgengrauen im Angesicht von riesigen Krokodilen mit aufgesperrten Mäulern und misstrauisch äugenden weißköpfigen Seeadlern ein "erwähnenswertes Exemplar" des australischen Kult-Fisches Barramundi gefangen und nach dem Frühstück beim Fotografieren eine "wegerechtliche" Auseinandersetzung mit zwei besonders stattlichen wilden Büffeln. Australischer Busch-Alltag eben.
  In meinem Denken war ich absolut auf die Begegnung mit Tobi vorbereitet, und meine Quellen hatten auch nicht gespart, seine Besonderheiten aufzuzählen. Aber dann saß ein zierlicher Mann - offenbar nackt unter seinem staubigen Nadelstreifen-Anzug und barfuß - auf meinem Campingstuhl und schüchterte mich ein. Nicht mit seinen ruhigen, gewählten Sätzen, nicht durch seine Eskorte, sondern allein durch ein überwältigendes Charisma.
  Ich musste auf ihn wie ein weißer Volltrottel gewirkt haben. Ich war gerade am Verstauen der marinierten Barramundi-Reste, schwitzte Sintfluten aus einer Milliarde Poren, war von oben bis unten von den "Mossies" zerstochen und hatte außer Shorts nur eine Schürze an, auf der eine Karikatur zu sehen war:  Ein Typ mit Kochmütze, acht wirbelnden Armen und in jeder Hand eine verbrannte, qualmende Speise - darunter zwei Zeilen: "The Cook? That's  me!". Aussie-Humor!
  In diesem Moment hatte ich keine andere Idee, als ihm meinen marinierten Barramundi anzubieten, den ich vorher noch nicht einmal probiert hatte. Immerhin ist ein Barramundi ein Barsch mit riesigen Fleisch-Lammellen an den Gräten und kein Lachs.
  Es war von Beginn an eines der Interviews, bei dem der zu Befragende den Spieß umdrehte. Ich sah mich einer Fülle von Fragen über mich, meine Familie, meine Arbeit, mein Land, meine Reisen ausgesetzt, ohne eine meiner Fragen anbringen zu können. Tobi fragte und aß. Die Entourage, einschließlich meines geschätzten Rusty, stopfte staunend eine Scheibe Barramundi mit Toastbrot nach der anderen in sich hinein und spülte sie mit Bier hinunter.
  Als nichts mehr da war und nur noch das Glimmen unseres Lagerfeuers rötliche Schimmer auf die Gesichter warf, eröffnete Tobi eine neue Diskussionsplattform:
  "Ich weiß, du möchtest über das Uran und das Geld reden. Neulich war sogar jemand aus deinem Land hier, der einen Film darüber drehen will (Werner Herzog?). Aber ich will nicht mehr darüber reden. In letzter Zeit war ich mehr in Canberra als bei meinen Leuten, und eine ganz wichtige Pflicht habe ich immer wieder aufgeschoben. Den meisten von uns bedeutet Geld nichts oder besser, es sollte uns nichts bedeuten. Aber viele von uns haben auch Yvonne Goolagong im Fernsehen in Wimbledon spielen sehen und haben von den Summen gehört, die eine von uns mit dem Sport der Weißen verdient hat. Jetzt wird Geld immer wichtiger für die Aboriginees. Wenn ich jetzt mit dir über Geld rede, schreibst du auch davon, und dann sind wir auf einmal Geschäftsleute. Das ist nicht unsere Identität!"
  Ich wollte gerade den Mund aufmachen, um einem meiner voraus gedachten Einwände zu erheben, als er die Hand hob, um mir Schweigen zu gebieten:
  "Woran glaubst du Johannes - Träger eines christlichen Namens?"
Nach der Pause, die ich nun notgedrungen für die gänzlich andere Antwort brauchte, wählte ich meine Standard-Formulierung; die des gemäßigten Agnostikers:
  "Ich glaube nicht im religiösen Sinne. Aber wenn mich einer fragte: Gibt es einen Gott? Würde ich antworten: Ich weiß es nicht."
   "Gut! Wenn du auf die Uran-Geld-Geschichte verzichtest, lade ich dich ein, bei etwas dabei zu sein, was meines Wissens noch nie ein Weißer gesehen hat. Wenn du darüber schreibst, wirst du etwas von unserer Identität in die Welt tragen, was mehr wert ist als alles Uran. Voraussetzung, du kommst zu Fuß ohne Tonband und Kameras - nur mit einer Hose bekleidet. Stiefel darfst du tragen, aber deine Halskette mit dem Wildschwein bleibt hier! Es ist ein langer Marsch. Ruh dich aus. Rusty und meine Leute passen auf die Ausrüstung auf. Ich hole dich übermorgen im Morgengrauen ab."
  ER hatte leicht reden. Vielleicht  begann damals meine Schlaflosigkeit. Die Ungewissheit vor dem, was mich erwarten würde, hinderte mich an nüchterner Vorbereitung. Gut, ich war absolut fit, aber bei meinem großflächigen Schwitzen hohen Flüssigkeitsverlusten ausgesetzt. Der Mangel an sauberem Wasser könnte genau so zum Problem werden wie die nackte Haut... Aber dann - es war noch dunkel - rüttelte er mich ohne ein Wort an dem vereinbarten Morgen wach und drängte mich zum Aufbruch, ohne dass ich mich dick mit Sunblocker einschmieren oder genügend Wasserflaschen an den Gürtel der  Safarishorts hängen konnte. Er selbst hatte übrigens nichts als einen marineblauen Samsonite-Hartschalenkoffer dabei, der mitten im Busch so unpassend wie nur irgendetwas anmutete.

  So lange wir noch den Asphaltwegen des Campgrounds folgen konnten, zog er ihn auf  seinen eingebauten Rollen am Bügel hinter sich her, als strebte er einem Flugterminal entgegen. Ich wäre ob dieser Absurdität in schallendes Gelächter ausgebrochen, hätte er nicht einen so ernsten, beflissenen aber auch verschlossenen Gesichtsausdruck gezeigt.
  Plötzlich klappte er den Zugbügel des Koffers ein, nahm ihn in die Hand und bog auf einen unsichtbaren Pfad mitten ins Gestrüpp ein. Der Koffer schien nicht schwer zu sein, aber er war sperrig und Tobi nicht gerade ein Riese. Zwar war der Alte behände auf seinen Füßen, aber trotzdem erbot ich mich, ihm den Koffer abzunehmen. Er lehnte fast unwirsch ab und begann erstmals an diesem Morgen zu sprechen:
  "Seit mehr als zwei Jahren habe ich ihn bei meinen Reisen kreuz und quer über den Kontinent dabei, aber auf keiner der Songlines hat die Voraussetzung gestimmt. Die Träume meines Bruders sind jetzt erst so stark, dass es keinen Zweifel daran gibt, dass er von hier - wo er geboren wurde - in die Traumzeit reisen will. Dabei hat er gar nicht hier gelebt. Er hatte eine weiße Karriere gemacht, deshalb war ich erstaunt, als sein Anwalt  und Testamentsvollstrecker mir mitteilte, er habe die traditionellen Rituale unseres Stammes verfügt."
  Ich machte offenbar einen verständnislosen Eindruck, dabei dachte ich nur darüber nach, ob die Ureinwohner aus Gründen eines uneingestandenen Stolzes häufiger vom "Kontinent" als von "unserem Land " sprachen. Offenbar gefiel ihnen diese Vorstellung von globaler Größe.
  Tobi fuhr deshalb erklärend fort:
  "Er ist da drin! Seit zwei Jahren warte ich auf den passenden Augenblick und schleppe ihn in diesem Koffer herum. Vorher habe ich alles Erforderliche vorbereitet. Ich habe ihn in die Krone eines Red-Rivergum-Trees gehängt (Riesen-Eukalyptus), damit die Elemente von ihm Abschied nehmen konnten. Ich habe das, was Sonne, Wind, Regen, Vögel und andere Tiere von ihm übrig gelassen haben, mit roter und weißer Farbe bemalt und das Borkenboot gebaut. Aber er hat mir bis vor ein paar Tagen keinen Traum geschickt... Heute Nacht ist endlich Vollmond."
  Wir waren dann nach gut zwei Stunden am steilen Abbruch eines Plateaus angelangt und sahen auf eine breite  Schlucht  mit üppiger Vegetation hinunter, in die mehrere Katarakte unterschiedlicher  Fallhöhe  stürzten. Durch diese Stufung bot sich der einzige Weg hinunter.
Nachdem ich in der prallen Sonne schon an die Substanz gehen musste, war der  weitere Weg auf dem Boden der Schlucht wie ein botanischer Spaziergang durch einen klimatisierten Vegetationstunnel. Immer wieder brachen aus den triefenden Felswänden Quellen, an denen wir uns unbedenklich satt trinken konnten und Tobi gab mir auch ständig etwas zum Kosten, von dem, was die Natur für den Aboriginal als Wegzehr bereit hält. Meine Befürchtungen waren also völlig unbegründet gewesen. Aber es gab natürlich wieder die beliebten weißen Raupen - dicker als mein Daumen. Nur, Tobi war hartnäckiger als Rusty
  "Wieso isst du nicht?"
   "Ich ekle mich."
   "Du findest also wir primitiven australischen Eingeborenen essen ekliges Zeug!"
  "Nein, aber die Raupen leben und winden sich ja."
  "Du hast doch in Brisbane die Bay-Bugs und in Sidney die Rock-Oysters gegessen."
  "Ja!"
  "Und die Austern waren roh, und wenn dir niemand versichert hätte, dass die Bugs mindestens genau so gut wie Langusten oder Hummer schmeckten, hättest du bei ihrem Aussehen genau so gezögert, sie zu essen, wie jetzt. Ich habe rohen Barramundi gegessen, weil du ihn mir angeboten hast und ich dir vertraut habe. Ich sage, dieses Tier hat genauso viele Proteine und es schmeckt wie süße dicke Sahne mit Nüssen. Iss!"
  Ich habe mich fast übergeben, als ich sie in den Mund schob und auch die Absicht gehabt, sie sofort im Ganzen herunter zu schlucken, aber die Vorstellung, sie würden sich dann womöglich im Hals oder im Magen weiter winden, ließ mich panikartig zubeißen. Meine Mundhöhle füllte sich mit einem süßlich aromatischen Pudding-Geschmack. Ein wenig an gefüllte Karamell-Bonbons erinnernd - aber doch noch gewöhnungsbedürftig...
  "Jetzt iss noch eine!"
  Ja, man konnte sie essen. War ich nur falsch konditioniert? Ich erinnerte mich dabei an andere peinliche Momente. Beispielsweise an der  Ain El Agdar auf der Sinai-Halbinsel, als der Sheik unsere Karawane zu "geschmorter Ziege auf Safran-Hirse" in sein Gästehaus geladen und mir, dem "German Bossman",  auf einem Zinnteller wie Bonbons die Augen der Tiere als Delikatesse darreichte... Damals hatte ich religiöse Motive vorgeschoben, um sie ohne Beleidigung zurückzuweisen zu können. Aber  d a s  war n i c h t  richtig!!!
  Die Sonne stand schon tief, als der Bach, dem wir gefolgt waren, breiter und langsamer wurde. Wir waren nicht gerade die Leisesten. Je breiter und langsamer das Wasser, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die eher harmlosen Süßwasser-Krokodile durch die Menschenfleisch nicht verachtenden Salzwasser-Krokodile abgelöst worden sind. Rusty hatte mir von einem japanische Pärchen erzählt, dass vor wenigen Wochen wild auf einer Sandbank im Jim-Jim-Creek gecampt hätte. Die tadellose japanisch Kaufhaus-Outdoor-Ausrüstung stand noch unbehelligt da, als man von den beiden nur noch den rechten  Fuß des Mädchens samt Trekkingschuh fand...Rustys lakonischer Humor: "Nicht jedes australische Krokodil mag eben Sushi!"

  Die Stelle, an der wir die Dunkelheit erwarteten, war offenbar ein frequentierter Versammlungsort. Es lagen große Felsbrocken im Kreis, auf denen man recht bequem sitzen konnte. Jemand hatte in der Mitte schon Feuerholz aufgeschichtet, und wenn ich jetzt gedacht hätte, Tobi schlüge in Steinzeitmanier Funken, um es anzuzünden, hätte ich mich mal wieder lächerlich gemacht. "Bic" hatte seinen Siegeszug bis hinein in Tobis Lendenschurz geschafft.
  Als das Feuer brannte, sprach Tobi mit einer Stimme, die deutlich erstmals seine eigene innere Spannung und Unsicherheit verriet:
  "Wir werden nicht allein sein. Unser Schamane, der in vielen Dingen nicht meiner Meinung ist, hatte große Bedenken, dich mitzunehmen. Er bestand darauf, dass du alles mitmachen musst. Es wird dir kein Leid geschehen, vertrau mir! Aber du musst trinken und essen, was dir gegeben wird - ohne zu fragen. Und sie werden deinen Körper vorbereiten."
  Das hell auflodernde Feuer hatte aus den Ästen und Laub über uns und den säulenartigen Stämmen der Rivergums eine Art sakrale Behausung gezaubert - eine Buschkathedrale gewissermaßen. Aus ihren "gotischen" schwarzen  Fenstern traten jetzt einem geheimen Rhythmus folgend, aber absolut lautlos, von allen Seiten bizarr bemalte Gestalten in den Lichtkreis. Sie umkreisten uns mit merkwürdigen Schritten, versammelten sich dann wie Rugby-Spieler bei einem "Gedränge", stießen einen kurzen Schrei aus und setzten sich. Die Frauen, die mit dabei waren, kamen auf mich zu. Sie hatten Töpfe und Tiegel  dabei, mit deren Inhalt sie Tobi und mich ihrem Aussehen anpassten:
  Das bedeutete, meine langen Haare wurden mit einer grauen Paste verklebt und mein Körper mit weißer und roter Farbe bemalt - nachdem sie mir die Hose ausgezogen hatten...
  Dann wurden Schalen mit einer als milchig zu erkennenden Flüssigkeit herumgereicht und  es gab etwas zäh weiches Aromatisches zu kauen, das schmeckte wie chinesische Tongu- oder in Sojasauce eingelegte Shitaki-Pilze...
  Mit einer panischen Angst vor Drogen ausgestattet, habe ich niemals gekifft und nur einmal unwissentlich auf Bali "Magic Mushrooms" konsumiert. Hier passierte etwas Ähnliches. Da ich größer und schwerer war als die Aboriginals, hatte ich ein paar Sekunden Zeit, die Veränderungen bei den anderen noch zu beobachten, ehe meine Objektivität auf einmal stark beeinträchtig wurde. Wo nach westlicher Vorstellung Trauer oder zurückhaltende Betroffenheit hätte sein sollen, setzte eine für westliche Bestattungsrituale unpassende, euphorisierende Wirkung ein. Der Kontrollfreak in mir wollte nur noch kurz die Beherrschung wahren, gab dann aber auch auf.
  Die vorherrschenden Farben Schwarz, Grün, Orange und Weiß multiplizierten sich nuancenreich. Das vorher wegen der Dunkelheit weitgehend unsichtbare Rot auf unseren Körpern vollführte ein fluoriszierendes Eigenleben. Tobi, der auf einmal in den Körper eines jungen Mannes geschlüpft zu sein schien, hob ein etwa einen Meter langes Borkenkanu über seinen Kopf, in dem sein luftgetrockneter zum Teil sauber genagter Bruder bemalt auf seine letzte Reise gehen sollte. Der blanke Schädel war am Heck fixiert wie der behelmte Kopf eines Formel-1-Piloten an der Überrollvorrichtung.
  Eines der "Fenster" zwischen den Bäumen erstrahlte auf einmal. Der Mond war dabei, aufzugehen. Der Körper, der gerade noch mir gehört hatte, folgte jetzt  der Totenbarke durch eine Galerie zum Ufer eines Billabongs. Aber das war nicht das Mondlicht, das ich kannte. Das kristallene Wasser des Billabongs erstrahlte am Ufer wie ein beleuchteter Pool und wurde erst ein Stück weiter draußen tiefschwarz. Das Licht des aufgehenden Mondes hingegen zitterte wie Goldlametta auf der ansonsten spiegelglatten Oberfläche des Sees. In diesen Strahl setzte Tobi, der bis zur Hüfte ins Wasser gestiegen war, das Boot mit den sterblichen Überresten seines Bruders und stieß es sanft in Richtung des Mondes. Der hatte sich nun schon als komplette Scheibe über dem Buschland am jenseitigen Ufer erhoben.
Ein Moment später war das Boot verschwunden, aber das schien die Menschen am Ufer nicht mehr zu interessieren. Sie starrten mit ausgestreckten Armen in den Himmel.
  Sie zeigten auf einen unheimlich hellen Stern, der mehrfach kurz aufzublinken schien.
  "Er ist angekommen", raunte mir Tobi zu.
  Der Mond war wieder hinter dem Laubdach verschwunden. Alles, was eben noch mystisch erhellt war, erschien nun als bedrohliche Dunkelheit. Die kleinen Menschlein im Angesicht der unendlichen Weite des Firmaments schlichen sich fröstelnd zurück zum Feuer und tranken weiter. Mein Nervensystem kündigte  bereits einen schweren  Kater  an, aber dann war ich auch schon eingeschlafen.
  Als ich am Morgen erwachte, lag ich allein an den schwelenden Resten der Feuerstelle. Das heißt nicht ganz allein. Rusty war da - wie auf geheime Weisung.
  "Ich habe schon alles für das Frühstück vorbereitet. Komm nur mit!"
  Ich folgte ihm ratlos fünf Minuten durch den Busch. Dann standen wir plötzlich vor unserem sauber gepackten „RangeRover“, der am Rand eines Trails parkte; das Sonnenvordach aufgespannt und der Frühstückstisch schon gedeckt. Mein gewitzter Aboriginal-Begleiter ahnte natürlich meine Irritation, als er meinte:
  "Das eine sind Traumpfade, das andere ist das Trailnetz der Parkverwaltung. Unser Chef meinte, um zu verstehen, reiche ein Weg. Aber willst du dich wirklich mit diesem Aussehen an den Frühstückstisch setzten...?"
    Am Nachmittag hatte ich mich in Darwin von Rusty verabschiedet. In dem gerade eröffneten Hotel-Resort mit Spielcasino, über das ich ja auch noch schreiben sollte, erwischte mich der Kulturschock eiskalt. Und das nicht nur wegen der auf Hochtouren laufenden Klima-Anlage.
  Am nächsten Morgen rief ich einen deutschen Astronomen von der Universität Brisbane an, den ich in einem Club kennen gelernt hatte. Ohne auf die Umstände näher einzugehen, beschrieb ich ihm den Vorgang am Himmel: Die Helligkeit und das Blinken des Sternes.
  "Ja, dass muss der zweithellste Stern am südlichen Himmel gewesen sein. Canopus, astronomisch Alpha Car, im Sternbild Carina. Ein wichtiger Stern in der Mythologie mancher australischer Ureinwohner. Das Blinken entsteht unter anderem durch die in Schlieren aufsteigende warme Luft in kältere Schichten. Aber es ist möglicher Weise  auch ein Hinweis auf  eine Kette von Explosionen, in 300 Millionen Lichtjahren Entfernung. Vielleicht gibt es ihn ja schon längst nicht mehr.  Wenn dir übrigens Carina nichts sagt. Das ist der Kiel vom Sternbild Schiff. Früher  hieß das gesamte grandiose Sternbild Argo, was irgendwie mit der griechischen Mythologie, mit Iason und den Argonauten zusammenhing."

  Sind solche nautisch-mythologischen Parallelen nur Zufall…?

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