Viel zu frühe Vorboten der Regenzeit trieben uns
über den Stuart-Highway nordwestwärts. Dass ich Rusty schon von Townsville aus als Fahrer für meine
Reise nach Schluss des offiziellen
Programms angeheuert hatte, machte sich schon in der ersten Woche
bezahlt. Ohne ihn hätte ich die Flugzeug-Wracks auf der Halbinsel York nie
gefunden: Diese bizarren vom Busch überwucherten Mahnmale aus dem zweiten
Weltkrieg. ANZAC-Bomber und japanische Zeros in den Boden gerammt oder
zerbrochen wie lästige Riesen-Insekten, denen sich ein Oger per Prankenhieb
entledigt hatte. Ich hatte am 25. April den Paraden zum ANZAC-Day in Brisbane
(ANZAC steht für Australian and New Zealand Army Corps und bezieht sich auch
auf die verlustreichen Operationen von
Gallipoli in WK I) beigewohnt und all die rüstigen und leidenschaftlichen
Veteranen bestaunt. Mir war nicht in vollem Umfang klar gewesen, wie weit der
Pazifik-Krieg auch Australien und Neuseeland tangiert hatte und bis heute
nachwirkt.
Die
Verleger werden akzeptieren müssen, dass jeder Australische Dollar, den ich für
Rusty, den Landrover (mit Schnorchel für die Furten) und die gemietete
Safari-Ausrüstung ausgegeben habe, sich durch einzigartige Storys auszahlt.
Nicht nur das! Wir sparen ja sonstige Übernachtungskosten.
Gut,
Rusty's Fahrstil ist gewöhnungsbedürftig, und die Tatsache, dass er trotz
seiner rötlich getönten Haare ein besonders dunkelhäutiger Aboriginal ist, hat
uns in einigen Bars manch misstrauischen Kommentar eingebracht. Ihn nicht zu
bedienen, hat sich jedoch bislang keiner getraut. Der "Discirimination
Act" scheint tatsächlich zu wirken, was sich bei Rusty im
"Umkehrschub" in einer gewissen Respektlosigkeit gegenüber mir als
Arbeitgeber äußert. - Aber irgendwie ist
mir das sympathisch, denn wer sonst hat schon einen Reisebegleiter, der solche
Gimmicks auf Lager hat?
Du preschst
über einen Trail, und er tritt urplötzlich in die Eisen, um aus dem noch
rollenden Wagen zu springen, im Busch zu verschwinden, einen Baum hochzuklettern
oder er lässt den Wagen mit laufendem Motor mitten in einer Furt stehen und
greift zielsicher unter einen Stein. Mal versucht sich ein böse geifernder
Roughneck-Lizzard (Kragen-Echse) aus seinen Händen zu befreien, mal ein Wombat
oder er legt dir eine drei Meter lange triefend nasse File-Snake um die
Schultern.
Kochen habe ich ihm zwar gleich verboten, aber im Beschaffen von buschmännischen "Nahrungsergänzungsmitteln" ist er einsame Spitze. Die dicken weißen Raupen, die angeblich wie Nüsse schmecken, durfte er allerdings doch alleine essen. Es erhebt sich auch täglich die Frage, ob Rustys trockener Humor britisch beeinflusst ist, oder ob junge Aboriginals von Haus aus Komiker sind. Vor ein paar Tagen zeigte er mir Felsmalereien, die nicht so bekannt sind, wie die am Obiri-Rock, aber deutlich kontrastreicher und besser erhalten. Die Motive waren zum Verwechseln ähnlich, aber leichter zu fotografieren. Ich hätte gewarnt sein müssen, denn die ganze Zeit nannte er sie "The Bankaccount". Als ich mich vor Begeisterung schier nicht mehr halten konnte, schenkte er mir dann doch noch reinen Wein ein: Ein paar begabte Maler seines Tribes und andere Guides besserten die Finanzen ihrer Gemeinschaft damit auf, dass sie die Touristen, die sie begleiten, irgendwann zur Seite nähmen und fragten, ob sie gegen ein kleines Extrahonorar so gut wie unbekannte Felsmalereien sehen wollten. Da sie in der Schutzzone lägen, wäre es aber nicht ganz legal und sie dürften später nicht darüber reden. Sie hatten im Zickzack einen Pfad durchs Gestrüpp angelegt und eines der Verbotsschilder geklaut, die das Betreten des Protektorates Arnheimland verhindern sollen. Es funktionierte und brachte ordentlich Geld ein. Zur Ehrenrettung der "jungen Wilden" muss allerdings gesagt werden, dass die durchs "Bankaccount" eingenommenen Dollars nicht ihrer persönlichen Bereicherung dienten, sondern in ein neues Wellblechdach des Versammlungshauses investiert worden waren.
Inzwischen
bin ich in jeder Minute mit Rusty darauf gefasst, wieder Opfer eines seiner
Streiche zu werden: Wir schleichen durch den Busch, und er drückt mich
plötzlich zu Boden, um mir zu bedeuten, mich absolut ruhig zu verhalten:
"Watch
it and shut up! Ahead is one danger which once will destroy this
continent!"
Dann schleicht er im Froschgang auf die vermeintliche Gefahr zu - mich
ähnlich unbequem im Schlepp. Und beide schauen wir dann zum Beispiel gebannt
auf so einen achtlos raus gerissenen und weggeworfenen Aluring samt Lasche, mit
dem die Bierdosen geöffnet werden.
"The
whole country is littered with this stuff!"
Ob wir
Freunde geworden wären? An mir hätte es nicht gelegen. Aber erstens zweifle ich
daran, dass ein im doppelten Sinn nüchterner Ureinwohner Australiens, mit einem
Weißen von der nördlichen Hemisphäre, der nach kurzer Zeit auf immer aus seinem
Leben verschwindet, überhaupt Freundschaft schließen würde. Und zweitens hat
mich die besondere Aufmerksamkeit, mit der mich sein "Chef" Tobi
Tinker - das Oberhaupt der Yolngu -
bedachte, für die jungen Männer des Tribes wohl ungewollt in einen Sonderstatus
befördert. Und das kam so:
Es war ein
Treffen arrangiert worden. Ich wollte ursprünglich wissen, wie viel von dem
unermesslichen Reichtum durch die Uran-Förderung tatsächlich messbar in den
Taschen der Eigentümer, der Yolngu, landen würde und wie sie damit umzugehen
hofften. Aber das war natürlich Sechzigerjahre-Denken eines Abkömmlings einer
spätkapitalistischen Gesellschaft...
Tobi Tinker
- wer weiß, wer ihm diesen anglifizierten Namen aufgenötigt hatte - war mit
seiner Eskorte in der Dämmerung eines Tages voller Abenteuer auf unserem
Campground am Jim-Jim-Billabong aufgetaucht. Ich hatte im Morgengrauen im
Angesicht von riesigen Krokodilen mit aufgesperrten Mäulern und misstrauisch
äugenden weißköpfigen Seeadlern ein "erwähnenswertes Exemplar" des
australischen Kult-Fisches Barramundi gefangen und nach dem Frühstück beim
Fotografieren eine "wegerechtliche" Auseinandersetzung mit zwei
besonders stattlichen wilden Büffeln. Australischer Busch-Alltag eben.
In meinem
Denken war ich absolut auf die Begegnung mit Tobi vorbereitet, und meine
Quellen hatten auch nicht gespart, seine Besonderheiten aufzuzählen. Aber dann
saß ein zierlicher Mann - offenbar nackt unter seinem staubigen
Nadelstreifen-Anzug und barfuß - auf meinem Campingstuhl und schüchterte mich
ein. Nicht mit seinen ruhigen, gewählten Sätzen, nicht durch seine Eskorte, sondern
allein durch ein überwältigendes Charisma.
Ich musste
auf ihn wie ein weißer Volltrottel gewirkt haben. Ich war gerade am Verstauen
der marinierten Barramundi-Reste, schwitzte Sintfluten aus einer Milliarde
Poren, war von oben bis unten von den "Mossies" zerstochen und hatte
außer Shorts nur eine Schürze an, auf der eine Karikatur zu sehen war: Ein Typ mit Kochmütze, acht wirbelnden Armen
und in jeder Hand eine verbrannte, qualmende Speise - darunter zwei Zeilen:
"The Cook? That's me!".
Aussie-Humor!
In diesem
Moment hatte ich keine andere Idee, als ihm meinen marinierten Barramundi
anzubieten, den ich vorher noch nicht einmal probiert hatte. Immerhin ist ein
Barramundi ein Barsch mit riesigen Fleisch-Lammellen an den Gräten und kein
Lachs.
Es war von
Beginn an eines der Interviews, bei dem der zu Befragende den Spieß umdrehte.
Ich sah mich einer Fülle von Fragen über mich, meine Familie, meine Arbeit,
mein Land, meine Reisen ausgesetzt, ohne eine meiner Fragen anbringen zu
können. Tobi fragte und aß. Die Entourage, einschließlich meines geschätzten
Rusty, stopfte staunend eine Scheibe Barramundi mit Toastbrot nach der anderen
in sich hinein und spülte sie mit Bier hinunter.
Als nichts
mehr da war und nur noch das Glimmen unseres Lagerfeuers rötliche Schimmer auf
die Gesichter warf, eröffnete Tobi eine neue Diskussionsplattform:
"Ich
weiß, du möchtest über das Uran und das Geld reden. Neulich war sogar jemand
aus deinem Land hier, der einen Film darüber drehen will (Werner Herzog?). Aber
ich will nicht mehr darüber reden. In letzter Zeit war ich mehr in Canberra als
bei meinen Leuten, und eine ganz wichtige Pflicht habe ich immer wieder
aufgeschoben. Den meisten von uns bedeutet Geld nichts oder besser, es sollte
uns nichts bedeuten. Aber viele von uns haben auch Yvonne Goolagong im
Fernsehen in Wimbledon spielen sehen und haben von den Summen gehört, die eine
von uns mit dem Sport der Weißen verdient hat. Jetzt wird Geld immer wichtiger
für die Aboriginees. Wenn ich jetzt mit dir über Geld rede, schreibst du auch
davon, und dann sind wir auf einmal Geschäftsleute. Das ist nicht unsere
Identität!"
Ich wollte
gerade den Mund aufmachen, um einem meiner voraus gedachten Einwände zu
erheben, als er die Hand hob, um mir Schweigen zu gebieten:
"Woran
glaubst du Johannes - Träger eines christlichen Namens?"
Nach der Pause, die ich nun notgedrungen für die
gänzlich andere Antwort brauchte, wählte ich meine Standard-Formulierung; die
des gemäßigten Agnostikers:
"Ich
glaube nicht im religiösen Sinne. Aber wenn mich einer fragte: Gibt es einen
Gott? Würde ich antworten: Ich weiß es nicht."
"Gut!
Wenn du auf die Uran-Geld-Geschichte verzichtest, lade ich dich ein, bei etwas
dabei zu sein, was meines Wissens noch nie ein Weißer gesehen hat. Wenn du darüber
schreibst, wirst du etwas von unserer Identität in die Welt tragen, was mehr
wert ist als alles Uran. Voraussetzung, du kommst zu Fuß ohne Tonband und
Kameras - nur mit einer Hose bekleidet. Stiefel darfst du tragen, aber deine
Halskette mit dem Wildschwein bleibt hier! Es ist ein langer Marsch. Ruh dich
aus. Rusty und meine Leute passen auf die Ausrüstung auf. Ich hole dich
übermorgen im Morgengrauen ab."
ER hatte
leicht reden. Vielleicht begann damals
meine Schlaflosigkeit. Die Ungewissheit vor dem, was mich erwarten würde,
hinderte mich an nüchterner Vorbereitung. Gut, ich war absolut fit, aber bei
meinem großflächigen Schwitzen hohen Flüssigkeitsverlusten ausgesetzt. Der
Mangel an sauberem Wasser könnte genau so zum Problem werden wie die nackte
Haut... Aber dann - es war noch dunkel - rüttelte er mich ohne ein Wort an dem
vereinbarten Morgen wach und drängte mich zum Aufbruch, ohne dass ich mich dick
mit Sunblocker einschmieren oder genügend Wasserflaschen an den Gürtel der Safarishorts hängen konnte. Er selbst hatte
übrigens nichts als einen marineblauen Samsonite-Hartschalenkoffer dabei, der
mitten im Busch so unpassend wie nur irgendetwas anmutete.
So lange
wir noch den Asphaltwegen des Campgrounds folgen konnten, zog er ihn auf seinen eingebauten Rollen am Bügel hinter
sich her, als strebte er einem Flugterminal entgegen. Ich wäre ob dieser
Absurdität in schallendes Gelächter ausgebrochen, hätte er nicht einen so
ernsten, beflissenen aber auch verschlossenen Gesichtsausdruck gezeigt.
Plötzlich
klappte er den Zugbügel des Koffers ein, nahm ihn in die Hand und bog auf einen
unsichtbaren Pfad mitten ins Gestrüpp ein. Der Koffer schien nicht schwer zu
sein, aber er war sperrig und Tobi nicht gerade ein Riese. Zwar war der Alte
behände auf seinen Füßen, aber trotzdem erbot ich mich, ihm den Koffer
abzunehmen. Er lehnte fast unwirsch ab und begann erstmals an diesem Morgen zu
sprechen:
"Seit
mehr als zwei Jahren habe ich ihn bei meinen Reisen kreuz und quer über den
Kontinent dabei, aber auf keiner der Songlines hat die Voraussetzung gestimmt.
Die Träume meines Bruders sind jetzt erst so stark, dass es keinen Zweifel
daran gibt, dass er von hier - wo er geboren wurde - in die Traumzeit reisen
will. Dabei hat er gar nicht hier gelebt. Er hatte eine weiße Karriere gemacht,
deshalb war ich erstaunt, als sein Anwalt
und Testamentsvollstrecker mir mitteilte, er habe die traditionellen
Rituale unseres Stammes verfügt."
Ich machte
offenbar einen verständnislosen Eindruck, dabei dachte ich nur darüber nach, ob
die Ureinwohner aus Gründen eines uneingestandenen Stolzes häufiger vom
"Kontinent" als von "unserem Land " sprachen. Offenbar
gefiel ihnen diese Vorstellung von globaler Größe.
Tobi fuhr
deshalb erklärend fort:
"Er
ist da drin! Seit zwei Jahren warte ich auf den passenden Augenblick und
schleppe ihn in diesem Koffer herum. Vorher habe ich alles Erforderliche
vorbereitet. Ich habe ihn in die Krone eines Red-Rivergum-Trees gehängt
(Riesen-Eukalyptus), damit die Elemente von ihm Abschied nehmen konnten. Ich
habe das, was Sonne, Wind, Regen, Vögel und andere Tiere von ihm übrig gelassen
haben, mit roter und weißer Farbe bemalt und das Borkenboot gebaut. Aber er hat
mir bis vor ein paar Tagen keinen Traum geschickt... Heute Nacht ist endlich Vollmond."
Wir waren
dann nach gut zwei Stunden am steilen Abbruch eines Plateaus angelangt und
sahen auf eine breite Schlucht mit üppiger Vegetation hinunter, in die
mehrere Katarakte unterschiedlicher
Fallhöhe stürzten. Durch diese
Stufung bot sich der einzige Weg hinunter.
Nachdem ich in der prallen Sonne schon an die Substanz gehen musste, war der weitere Weg auf dem Boden der Schlucht wie ein botanischer Spaziergang durch einen klimatisierten Vegetationstunnel. Immer wieder brachen aus den triefenden Felswänden Quellen, an denen wir uns unbedenklich satt trinken konnten und Tobi gab mir auch ständig etwas zum Kosten, von dem, was die Natur für den Aboriginal als Wegzehr bereit hält. Meine Befürchtungen waren also völlig unbegründet gewesen. Aber es gab natürlich wieder die beliebten weißen Raupen - dicker als mein Daumen. Nur, Tobi war hartnäckiger als Rusty
Nachdem ich in der prallen Sonne schon an die Substanz gehen musste, war der weitere Weg auf dem Boden der Schlucht wie ein botanischer Spaziergang durch einen klimatisierten Vegetationstunnel. Immer wieder brachen aus den triefenden Felswänden Quellen, an denen wir uns unbedenklich satt trinken konnten und Tobi gab mir auch ständig etwas zum Kosten, von dem, was die Natur für den Aboriginal als Wegzehr bereit hält. Meine Befürchtungen waren also völlig unbegründet gewesen. Aber es gab natürlich wieder die beliebten weißen Raupen - dicker als mein Daumen. Nur, Tobi war hartnäckiger als Rusty
"Wieso
isst du nicht?"
"Ich
ekle mich."
"Du findest also wir primitiven
australischen Eingeborenen essen ekliges Zeug!"
"Nein,
aber die Raupen leben und winden sich ja."
"Du
hast doch in Brisbane die Bay-Bugs und in Sidney die Rock-Oysters
gegessen."
"Ja!"
"Und
die Austern waren roh, und wenn dir niemand versichert hätte, dass die Bugs
mindestens genau so gut wie Langusten oder Hummer schmeckten, hättest du bei
ihrem Aussehen genau so gezögert, sie zu essen, wie jetzt. Ich habe rohen
Barramundi gegessen, weil du ihn mir angeboten hast und ich dir vertraut habe.
Ich sage, dieses Tier hat genauso viele Proteine und es schmeckt wie süße dicke
Sahne mit Nüssen. Iss!"
Ich habe
mich fast übergeben, als ich sie in den Mund schob und auch die Absicht gehabt,
sie sofort im Ganzen herunter zu schlucken, aber die Vorstellung, sie würden
sich dann womöglich im Hals oder im Magen weiter winden, ließ mich panikartig
zubeißen. Meine Mundhöhle füllte sich mit einem süßlich aromatischen
Pudding-Geschmack. Ein wenig an gefüllte Karamell-Bonbons erinnernd - aber doch
noch gewöhnungsbedürftig...
"Jetzt
iss noch eine!"
Ja, man
konnte sie essen. War ich nur falsch konditioniert? Ich erinnerte mich dabei an
andere peinliche Momente. Beispielsweise an der
Ain El Agdar auf der Sinai-Halbinsel, als der Sheik unsere Karawane zu
"geschmorter Ziege auf Safran-Hirse" in sein Gästehaus geladen und
mir, dem "German Bossman", auf
einem Zinnteller wie Bonbons die Augen der Tiere als Delikatesse darreichte...
Damals hatte ich religiöse Motive vorgeschoben, um sie ohne Beleidigung
zurückzuweisen zu können. Aber d a
s war n i c h t richtig!!!
Die Sonne
stand schon tief, als der Bach, dem wir gefolgt waren, breiter und langsamer
wurde. Wir waren nicht gerade die Leisesten. Je breiter und langsamer das
Wasser, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die eher harmlosen
Süßwasser-Krokodile durch die Menschenfleisch nicht verachtenden
Salzwasser-Krokodile abgelöst worden sind. Rusty hatte mir von einem japanische
Pärchen erzählt, dass vor wenigen Wochen wild auf einer Sandbank im
Jim-Jim-Creek gecampt hätte. Die tadellose japanisch
Kaufhaus-Outdoor-Ausrüstung stand noch unbehelligt da, als man von den beiden
nur noch den rechten Fuß des Mädchens
samt Trekkingschuh fand...Rustys lakonischer Humor: "Nicht jedes
australische Krokodil mag eben Sushi!"
Die Stelle,
an der wir die Dunkelheit erwarteten, war offenbar ein frequentierter
Versammlungsort. Es lagen große Felsbrocken im Kreis, auf denen man recht
bequem sitzen konnte. Jemand hatte in der Mitte schon Feuerholz aufgeschichtet,
und wenn ich jetzt gedacht hätte, Tobi schlüge in Steinzeitmanier Funken, um es
anzuzünden, hätte ich mich mal wieder lächerlich gemacht. "Bic" hatte
seinen Siegeszug bis hinein in Tobis Lendenschurz geschafft.
Als das
Feuer brannte, sprach Tobi mit einer Stimme, die deutlich erstmals seine eigene
innere Spannung und Unsicherheit verriet:
"Wir
werden nicht allein sein. Unser Schamane, der in vielen Dingen nicht meiner
Meinung ist, hatte große Bedenken, dich mitzunehmen. Er bestand darauf, dass du
alles mitmachen musst. Es wird dir kein Leid geschehen, vertrau mir! Aber du
musst trinken und essen, was dir gegeben wird - ohne zu fragen. Und sie werden
deinen Körper vorbereiten."
Das hell
auflodernde Feuer hatte aus den Ästen und Laub über uns und den säulenartigen
Stämmen der Rivergums eine Art sakrale Behausung gezaubert - eine Buschkathedrale
gewissermaßen. Aus ihren "gotischen" schwarzen Fenstern traten jetzt einem geheimen Rhythmus
folgend, aber absolut lautlos, von allen Seiten bizarr bemalte Gestalten in den
Lichtkreis. Sie umkreisten uns mit merkwürdigen Schritten, versammelten sich
dann wie Rugby-Spieler bei einem "Gedränge", stießen einen kurzen
Schrei aus und setzten sich. Die Frauen, die mit dabei waren, kamen auf mich
zu. Sie hatten Töpfe und Tiegel dabei,
mit deren Inhalt sie Tobi und mich ihrem Aussehen anpassten:
Das bedeutete,
meine langen Haare wurden mit einer grauen Paste verklebt und mein Körper mit
weißer und roter Farbe bemalt - nachdem sie mir die Hose ausgezogen hatten...
Dann wurden
Schalen mit einer als milchig zu erkennenden Flüssigkeit herumgereicht und es gab etwas zäh weiches Aromatisches zu
kauen, das schmeckte wie chinesische Tongu- oder in Sojasauce eingelegte
Shitaki-Pilze...
Mit einer
panischen Angst vor Drogen ausgestattet, habe ich niemals gekifft und nur
einmal unwissentlich auf Bali "Magic Mushrooms" konsumiert. Hier
passierte etwas Ähnliches. Da ich größer und schwerer war als die Aboriginals,
hatte ich ein paar Sekunden Zeit, die Veränderungen bei den anderen noch zu
beobachten, ehe meine Objektivität auf einmal stark beeinträchtig wurde. Wo nach
westlicher Vorstellung Trauer oder zurückhaltende Betroffenheit hätte sein
sollen, setzte eine für westliche Bestattungsrituale unpassende, euphorisierende
Wirkung ein. Der Kontrollfreak in mir wollte nur noch kurz die Beherrschung
wahren, gab dann aber auch auf.
Die
vorherrschenden Farben Schwarz, Grün, Orange und Weiß multiplizierten sich
nuancenreich. Das vorher wegen der Dunkelheit weitgehend unsichtbare Rot auf
unseren Körpern vollführte ein fluoriszierendes Eigenleben. Tobi, der auf
einmal in den Körper eines jungen Mannes geschlüpft zu sein schien, hob ein
etwa einen Meter langes Borkenkanu über seinen Kopf, in dem sein
luftgetrockneter zum Teil sauber genagter Bruder bemalt auf seine letzte Reise
gehen sollte. Der blanke Schädel war am Heck fixiert wie der behelmte Kopf
eines Formel-1-Piloten an der Überrollvorrichtung.
Eines der
"Fenster" zwischen den Bäumen erstrahlte auf einmal. Der Mond war
dabei, aufzugehen. Der Körper, der gerade noch mir gehört hatte, folgte
jetzt der Totenbarke durch eine Galerie
zum Ufer eines Billabongs. Aber das war nicht das Mondlicht, das ich kannte.
Das kristallene Wasser des Billabongs erstrahlte am Ufer wie ein beleuchteter
Pool und wurde erst ein Stück weiter draußen tiefschwarz. Das Licht des
aufgehenden Mondes hingegen zitterte wie Goldlametta auf der ansonsten
spiegelglatten Oberfläche des Sees. In diesen Strahl setzte Tobi, der bis zur
Hüfte ins Wasser gestiegen war, das Boot mit den sterblichen Überresten seines
Bruders und stieß es sanft in Richtung des Mondes. Der hatte sich nun schon als
komplette Scheibe über dem Buschland am jenseitigen Ufer erhoben.
Ein Moment später war das Boot verschwunden, aber
das schien die Menschen am Ufer nicht mehr zu interessieren. Sie starrten mit
ausgestreckten Armen in den Himmel.
Sie zeigten
auf einen unheimlich hellen Stern, der mehrfach kurz aufzublinken schien.
"Er
ist angekommen", raunte mir Tobi zu.
Der Mond
war wieder hinter dem Laubdach verschwunden. Alles, was eben noch mystisch
erhellt war, erschien nun als bedrohliche Dunkelheit. Die kleinen Menschlein im
Angesicht der unendlichen Weite des Firmaments schlichen sich fröstelnd zurück
zum Feuer und tranken weiter. Mein Nervensystem kündigte bereits einen schweren Kater
an, aber dann war ich auch schon eingeschlafen.
Als ich am
Morgen erwachte, lag ich allein an den schwelenden Resten der Feuerstelle. Das
heißt nicht ganz allein. Rusty war da - wie auf geheime Weisung.
"Ich
habe schon alles für das Frühstück vorbereitet. Komm nur mit!"
Ich folgte
ihm ratlos fünf Minuten durch den Busch. Dann standen wir plötzlich vor unserem
sauber gepackten „RangeRover“, der am Rand eines Trails parkte; das
Sonnenvordach aufgespannt und der Frühstückstisch schon gedeckt. Mein gewitzter
Aboriginal-Begleiter ahnte natürlich meine Irritation, als er meinte:
"Das
eine sind Traumpfade, das andere ist das Trailnetz der Parkverwaltung. Unser
Chef meinte, um zu verstehen, reiche ein Weg. Aber willst du dich wirklich mit
diesem Aussehen an den Frühstückstisch setzten...?"
Am
Nachmittag hatte ich mich in Darwin von Rusty verabschiedet. In dem gerade
eröffneten Hotel-Resort mit Spielcasino, über das ich ja auch noch schreiben
sollte, erwischte mich der Kulturschock eiskalt. Und das nicht nur wegen der
auf Hochtouren laufenden Klima-Anlage.
Am nächsten
Morgen rief ich einen deutschen Astronomen von der Universität Brisbane an, den
ich in einem Club kennen gelernt hatte. Ohne auf die Umstände näher einzugehen,
beschrieb ich ihm den Vorgang am Himmel: Die Helligkeit und das Blinken des
Sternes.
"Ja,
dass muss der zweithellste Stern am südlichen Himmel gewesen sein. Canopus,
astronomisch Alpha Car, im Sternbild Carina. Ein wichtiger Stern in der
Mythologie mancher australischer Ureinwohner. Das Blinken entsteht unter
anderem durch die in Schlieren aufsteigende warme Luft in kältere Schichten.
Aber es ist möglicher Weise auch ein
Hinweis auf eine Kette von Explosionen,
in 300 Millionen Lichtjahren Entfernung. Vielleicht gibt es ihn ja schon längst
nicht mehr. Wenn dir übrigens Carina
nichts sagt. Das ist der Kiel vom Sternbild Schiff. Früher hieß das gesamte grandiose Sternbild Argo,
was irgendwie mit der griechischen Mythologie, mit Iason und den Argonauten
zusammenhing."
Sind solche
nautisch-mythologischen Parallelen nur Zufall…?








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