Dienstag, 18. Juni 2013

Beverly

Wurde Johannes mit einem Nervengift infiziert? Oder hat er einen noch unbekannten Virus erwischt, der sich nachhaltig auf sein weiteres Leben auswirken sollte? Vieles bekam erst nach der Wende durch die Öffnung der STASI-Akten einen möglichen Sinn. Es lohnt sich, weiter zu lesen:


  Dem Most Honourable Edward Seaga war das Schicksal eines Saddam Hussein als tragische Marionette der US-Politik erspart geblieben. Das lag einerseits daran, dass sein Reich statt Öl nur über nennenswerte Bauxit-Vorkommen und eine Reihe höchst begehrenswerter Strände verfügte. Und andererseits haftete seinem Ehrgeiz und Streben nach Macht auch nichts Mörderisches an. Im Prinzip war er ein Gutmensch, wenn man das von Politikern überhaupt sagen konnte. Das führte dazu, dass er nicht nur fast die gesamten 1980er Jahre Präsident von Jamaika blieb, sondern bis 2005 - als er sich über 70jährig aus der Politik zurückzog, immer wieder bei Wahlen knapp an einer weiteren Präsidentschaft scheiterte.
  Der in Boston geborene Akademiker startete links als Kritiker der US-Karibik-Politik, überholte seinen mit Cuba sympathisierenden Vorgänger und Nachfolger, den ebenfalls Höchst Ehrenwerten Michael Manley, rechts, um sich später in der Mitte - nach links und rechts ausweichend - liberal zu profilieren. Tatsächlich nahm er von seinem "Godfather" Ronald Reagan sehr republikanische Attitüden an. Er unterstützte den US-Überfall auf die Bananen-Inselrepublik Grenada und brach mit seinem Nachbarn Fidel Castro, vermied es aber, den Amerikanern erneut die Kontrolle über das Bauxit allein zu überlassen.
  Unter Michael Manley erlebte der Inselstaat zuvor in den 1970ern einen schleichenden Exodus seiner geistigen und sportlichen Elite. Die Schlagzeilen kündeten in erster Linie von Jamaikanern, die lieber im Vereinigten Königreich oder in den USA  und Kanada ihr Vermögen machten. Ausnahmen waren lediglich die Reggae-Musiker Bob Marley und Peter Tosh, die bei der damaligen Generation europäischer Reisender das allerdings eher attraktiv erscheinende Image einer Insel im "Ganja"-Dunst mit Easygoing und Rasta-Religiosität vermittelten: "Dreadlock-Holidays" eben.
  Seaga wollte die Elite im eigenen Land. Er setzte wie Reagan auf "national pride", und in dem er sich touristisch an die Brust des großen Bruders warf, hoffte er sein  Trauminsel-Produkt gänzlich "upmarket" zu machen. Das soziale Gefüge, der trotz Armut überwiegend  in sicherer Harmonie lebenden Insulaner geriet dadurch für eine kurze Periode aus den Fugen, was von der einschlägigen Presse meist dramatischer dargestellt wurde, als es tatsächlich war.

  Johannes hatte bei seinem journalistischen Credo geschworen, sich nie von der Politik einspannen zu lassen oder gar touristische Themen politisch zu behandeln. Edward Seagas Bemühungen um Nationalstolz hatten jedoch 1980/81 bei bestimmten Gruppierungen  dazu geführt, dass von der Hauptstadt Kingston und der touristischen Hauptstadt an der Nordküste, Montego Bay eine radikalere Gegenbewegung ausging. So etwas wie ein "schwarzer Rassismus" gegenüber allen weißen Ausländern tangierte nun auch den Tourismus in diesem als sicher geltenden Traumziel.
  Es kam zu Gewaltverbrechen und Übergriffen ausgerechnet auf deutsche Bundesbürger, die eben nicht wie die US-Touristen in bewachten Luxusghettos Urlaub machen wollten, sondern Ferienhäuser mieteten oder die Insel individuell im Mietwagen bereisten, um dem wahren Jamaika näher zu sein. Das noch gar nicht gesprochene, so genannte "Jamaika-Urteil", das über die Mitverantwortung eines Reiseveranstalters für einen Mord in einer Ferienvilla nahe "Mobay"  befinden sollte, zog in den Medien Kreise, die die wahren Dimensionen und die tatsächliche Faktenlage immer weiter in den Hintergrund drängten. Der touristische Jamaika-Repräsentant in Deutschland  warf das Handtuch, und die einschlägigen Reiseveranstalter bezeichneten die Insel als vorerst schwer zu vermitteln. Johannes' Freund und Partner, Anselm von Trotter, berichtete zudem vom Sunsplash-Reggae-Festival, dass Gruppen vor seinem Hotelfenster skandiert hätten:
  "We're killing you - white trash!"
 
  Die Verleger des Reisemagazins, das Johannes in seinem Büro nun verantwortlich redigierte, hatten (unter völliger Vernachlässigung der vertraglich geforderten Wahrung des Redaktionsgeheimnisses) die Unart entwickelt, die Redaktionsprogramme den einschlägigen Inserenten ein halbes Jahr vorab vorzulegen, um damit deren Anzeigen-Schaltung zu animieren. Die Ankündigung einer Reportage vom Karneval  auf Trinidad-Tobago brachte nun einige Airlines und Veranstalter auf den Plan, denen durch den Buchungsrückgang auf Jamaika die Felle davon schwammen. Sie verlangten, dass im Umfeld dieser "Westindies"- Reportage Jamaika "zur Chefsache" gemacht würde.

  Bob Marley hatte wenige Monate zuvor bei dem umstrittenen Krebsarzt  Dr. Josef Issels am Tegernsee vor den Toren Münchens einen letzten Versuch begonnen, seinen multiplen Krebs doch noch zu besiegen. Seither hatte Hark van Nytorf Johannes auf ein "letztes Interview" angesetzt. Johannes liebte Reggae und wusste fast alles über die Rastafarians. Im Übrigen war er dann aber insgeheim froh gewesen, dass Marley, der sich in seinen letzten Monaten Berhane Selassie nannte, ihn nicht mehr empfangen wollte. Der hatte sich schon entschieden, zum Sterben nach Hause zu fliegen. Was er nicht mehr schaffen sollte. Am 11. Mai 1981 bei der Zwischenlandung in Miami erlag der "Unsterbliche" (so genannt wegen des schweren Attentats, das er 1976 noch überlebt hatte) seinem Krebs, den er vielleicht  rechtzeitig hätte besiegen können, wäre er in Sachen Krankheitsbekämpfung nicht rastafarischen Glaubensprinzipien gefolgt.
  Den Gerüchten, die CIA habe etwas mit dem Tod Marleys und der Ermordung von Peter Tosh (Legalize It!) 1987  zu tun, hielt Johannes für absurd. Wenn ja, hätte es ja auch nicht viel genutzt oder genau das Gegenteil bewirkt, denn 1989 wurde Michael Manley wieder gewählt.
   Damals - im Winter 1982 - trug die Nation wegen Marley immer noch Trauer und wollte den zu frühen Tod ihres jungen Heroen einfach nicht hinnehmen. Da fanden solche Gerüchte natürlich einen Nährboden. Aber die Tatsache, dass van Nytorf sich später - unwidersprochen - Kontakte zu Langley nachsagen ließ und auch den merkwürdigen Bahama-Ausflug angeregt hatte, bekam nach und nach auch für Johannes ein anderes Gewicht. Die Vorkommnisse auf Jamaica und einige bei späteren Reisen in Ostasien ließen ihn zu dem mit wachsender Altersparanoia -  im Abstand eines Vierteljahrhunderts - über solche Verschwörungstheorien unter Beteiligung politischer Kräfte bisweilen anders denken...

   Die offizielle Seite war offenbar an der Objektivität seiner Berichterstattung gar nicht interessiert und wollte Johannes wieder einmal durch einen massiven Krokodil-Rahmen zwängen. Die Voraussetzungen dazu waren auch geradezu ideal, denn der Flug aus einer Depression im trüben deutschen Winter hatte ihn innerhalb eines langen Tages in den heißesten Februar gebracht, den Jamaikas Wetterfrösche je aufgezeichnet hatten. Der laue Spätnachmittag im schönsten Kamera-Licht bestach mit einem "Tradewind" voller Düfte. In der klimatisierten Stretch-Limousine, die ihn zum Round-Hill-Resort westlich von Montego Bay brachte, sollte eine gut bestückte Bar mit eiskalten Drinks möglichen Widerstand brechen, und nachdem der Wagen bei zwei zum Hotel gehörenden Sicherheitsposten durch gewunken  worden war, hielt er vor der berühmten Villa "Number Fourteen".
  Johannes, der zuvor ja noch nie auf der Insel gewesen war, wusste sofort, wo er logieren würde, denn diese Villa war mit dem Attribut, dass sie unter anderen auch vom Beatle Paul McCartney regelmässig bewohnt wurde, in jedem Lifestyle-Magazin der Welt abgebildet und beschrieben worden. Sie lag mit ihrem die ganze Längsseite zum Meer abgrenzenden privaten Pool auf einer Klippe so hoch über der Brandung, dass man diese nur als stimulierendes Rauschen wahrnahm.
  Ein Butler und ein Hausmädchen empfingen ihn und nahmen ihm, mit Ausnahme der Kameratasche, die Johannes nie aus der Hand gab, alles ab. Die Tagesabläufe für die kommende Woche, die er auf einem Schreibtisch mit Blick auf den Atlantik vorfand, bestätigten seinen aufkeimenden Verdacht, dass hier eine "Homestory"  erwartet wurde.
  Wenn er für den Touristikminister am kommenden Freitag ein ernst zu nehmender Gesprächspartner sein wollte, müsste er schleunigst aus diesem Programm ausbrechen.
  Clarence Botraga, ein viel versprechender schwarzer Tenor, der Johannes um eine Haupteslänge überragte und noch gute zwanzig Kilo schwerer war, hatte während seines Gesangsstudiums in München in einem der Läden gearbeitet, die Esther gemanagt hatte. Er war jetzt Moderator und Miteigentümer von IITSR und hatte Johannes eine Woche vor seinem Abflug angerufen.
  "Island-In-The-Sun-Radio" war mit einer von Clarence moderierten Sendung namens "Public Eye" innerhalb eines Jahres an die Spitze der Hörerquoten gelangt. Das Rezept war denkbar einfach: Einerseits war "Public Eye" für neue Reggae-Formationen eine Newcomer-Show, die keine Honorare und Gagen kostete, andererseits wurden zwei Leute ins Studio eingeladen, die sich bis aufs Messer über ein aktuelles und möglichst kontroverses Thema stritten, in das sich während der zweiten Stunde Zuhörer von überall auf der Insel live per Telefon einbringen konnten. Am kommenden Freitag stand Dr. Byron Blakewell vom MOT (Ministery Of Tourism) gegen Johannes Goerz, Editor-in-Chief vom "REALTraveller" auf dem Programm. Die Werbe-Einnahmen würden nur so sprudeln.
  Johannes hatte sich bislang keine Gedanken darüber gemacht, wieso und woher Clarence von seiner offiziösen Reise erfahren hatte. Er hatte ihn als Sänger geschätzt, und ging immer prinzipiell davon aus, dass jemand, der eine derart ausgeprägte künstlerische Ader habe, nur das Beste wolle. Das wollte Johannes aber auch von sich. Er würde nicht den Grüss-August von Übersee geben, der voll klimatisiert auf den touristischen Standardrouten nur von einem Luxus-Resort zum anderen pilgerte, um der einheimischen Bevölkerung und den Lesern daheim unreflektiert zu verkünden, wie toll doch alles sei... Es war Samstag. Ihm blieben also nur fünf Tage Recherche bis zur Sendung  am Freitag und seinem Weiterflug nach Port of Spain am Samstagvormittag.
  Seine Mietwagen-Bestellung beim zuständigen Hotel-Clerk löste eine mittlere Panik-Aktion aus:
  "Wir haben doch unsere Limo die ganze Woche für Sie bereitgestellt Sir! Es ist Wochenende. Wir bekommen frühestens morgen Abend einen angemessenen Wagen. Und was ist mit dem offiziellen Programm?"
  Johannes erklärte sich bereit, für den auf dem Programm stehenden Sonntagsausflug nach Lucea und Negril am Westende der Insel die Limo vom Hotel zu nehmen und bestand aber für den folgenden  Abend auf einen kleinen Mitsubishi Colt Lancer, der immerhin auch noch mehr als 100 US-Dollar am Tag kosten sollte.
  Johannes machte sich Vorwürfe, dass er wegen der Hektik entschieden  hatte, alleine zu arbeiten. Der amerikanische Fotograf karibischer Abstammung, den er für den Karneval auf Trinidad gebucht hatte, war so kurzfristig nicht abkömmlich gewesen. Es war, wenn man zwischenzeitlich abtauchen wollte, immer ganz angenehm, einen Partner als "Blitzableiter" dabei zu haben.
  Die Sexuelle Revolution durchlief ja noch die sorglose Vor-Aids-Epoche, in der sich die All-inclusive-Resorts am Westende der Insel als größte "interracial" Swingerclubs für die verklemmte Jeunesse dorée Amerikas einen Namen gemacht hatten. Wer immer "Brown Sugar" naschen wollte und sich daheim nicht traute, kam hierher - zumindest auf der Anmeldung noch - paarweise.
  Spätestens nach dem Lunchbreak-Openair jeden Sonntag in Negril gab es dann durch Ganja- und Reggae-Konsum stimulierte, sexuelle Neu-Orientierungen in alle Richtungen. Johannes, der aus seinem Hang zum Voyeurismus kein großes Geheimnis machte, hatte hier aber einen anderen Grund in diese dampfende Masse einzutauchen. Er erhoffte sich Kontakt zu dem anderen Jamaika. Clarence hatte ihm den Tip gegeben, sich die Formation "Swamp" anzusehen, die kurz vor dem Durchbruch stand.. "Swamp" hatte den Titelsong für die Sendung "Public Eye" geliefert: "Life isn't all that easy". Schwemmland oder Sumpf als Übersetzung für den Bandnamen hätte es nicht getroffen. "Swamp" zielte auf den morastigen Zustand der jamaikanischen Gesellschaft hinter den touristischen Fassaden ab. Swamp hatte keine religiöse Motivation wie Bob Marley und unterlag auch nicht dem Mythos, von Ganja als Allheilmittel wie Peter Tosh ihn predigte (und dafür den Beinamen "Doc" erhielt). Swamp galt als marxistisch orientierte Formation mit politischem Sendungsbewusstsein.
  Johannes hatte die Limo samt Chauffeur im Club "Sandals" zurück gelassen und nur die kleine "Leica" eingesteckt, als er sich in einem der Shuttlle-Busse unter das vorgeheizte Publikum mischte, dass vornehmlich in seinem Alter war. Er hatte dabei herausgefunden, dass ein Paar Deutsch sprach und sich auf ein wenig investigativen Smalltalk eingestellt. Nach wenigen Sätzen war der Dialog mit dem etwas maulfaulen und bereits reichlich zugedröhnten Schweizer Pärchen ins Stocken geraten und dann verstummt. So kam er in den Genuss von detailreichen, leisen Schilderungen zweier junger Frauen, die in der Ecke der letzten Bank hinter ihm saßen. Sie beschrieben - in der Annahme sie würden nicht verstanden - hingebungsvoll nach Art, Größe und Beschaffenheit die schwarzen Glieder, die sie sich im wahrsten Sinne des Wortes an diesem Tag einverleiben wollten.
  Man muss sich dieses Lunchbreak-Openair als etwas größere Strandparty unter freiem Himmel vorstellen. Die Bühne war ein leichtes Baugerüst, das mit ein paar grell bedruckten Stoffen und Jamaika-Flaggen in eine Art zum Meer hin offenen Shelter gestaltet war. Der Strom für die Tonanlage mit ihren Schrankkoffer großen Verstärkern kam aus einem Generatorwagen, dessen hustender Dieselmotor auf seltsame Weise mit den  nicht richtig ausgesteuerten Darbietungen harmonierte. Gruppen eigenwillig verbogener Palmen gaben jenen Schatten, denen die Februar-Sonne bereits zu viel war.
  "Swamp" war der Mainact. Was die Gruppe eventuell instrumental nicht drauf hatte, machte sie durch die Darbietung und drei absolut einmalige Stimmen wett. Zwei sichtbar in jeder Beziehung kahlrasierte hochgewachsene Frauen in Hotpants ließen mit gespreizten Beinen ihre Becken zum stampfenden Reggae unterhalb der Lendenwirbel vor und zurück schnellen. Der wesentlich kleinere Mann, der sich offenbar alles Haar seiner ihn flankierenden Begleiterinnen auf Kopf und Körper geklebt hatte, bewegte sich überhaupt nicht. Irgendwo hinter seinem bis zum Bauch reichenden Bart und unter einer Schlangengrube aus Dreadlocks auf seinem Scheitel zauberte er Töne hervor, die auch Johannes aus seiner neutralen Deckung herauslockten. Nun waren singende Bassisten ja schon eher selten. Aber ein Bassist als Frontmann mit einer derartigen Stimme...
  Nachdem sie fertig waren, gab es überhaupt keine Probleme an die Leute der Band heran zu kommen, weil das Publikum schon mit dem "Trau-Schau-Wem" fertig und auf dem Weg war, den Hormonen freien Lauf zu lassen. Johannes gab sich zu erkennen und erwähnte die Empfehlung von Clarence. Die ganze Truppe trug jetzt Camouflage-Overalls aus einem leichten Gewebe. Gänzlich bedeckt wirkten die beiden Mädchen (sie waren bei näherer Betrachtung höchstens 18 oder 19) auf Johannes kurioser Weise noch ausgezogener als auf der Bühne, so dass er sich schon fragte, ob er überhaupt einen Deut besser sei, als die Sexsüchtigen aus den Touristenghettos. Er versuchte es mit Komplimenten zu ihrer Darbietung, aber der Frontmann, der sich schlicht "Ape" und Johannes fortan "Whitey" nannte, wischte die Versuche mit müder Handbewegung fort:
  "Bist du auf einer Mission, Whitey?"
  "Nein, so würde ich das nicht nennen."
  "Du willst uns also nicht nach ein paar Tagen erklären, was wir auf Jamaika gegenüber der Welt so alles falsch machen?"
  Johannes erklärte im Stakkato, wieso er überhaupt hier war. Erzählte aber auch von dem offiziösen "Regierungsprogramm" für seinen Aufenthalt und behauptete, während ihm innerlich klar wurde, wie oft das in Wirklichkeit schon geschehen war, dass er sich nicht kaufen lassen wolle.
  "Ich möchte ein paar Leute treffen, die nicht vom Tourismus, dem Rum oder dem Bauxit oder gar von allem zusammen leben. Ich habe mich nie vor politische Karren spannen lassen, aber diesmal habe ich das Gefühl, ich sitze auf einem drauf."
  "Die dritte Kraft ist der Kaffee. Dort, wo er wächst, ist unsere Insel noch so, wie sie sein soll.  - Agrarstrukturen allerdings noch sehr kapitalistisch ausgeprägt. Wir haben morgen um neun einen Gig im Manchester-Club von Mandeville. Da triffst du sowohl Planters als auch Pickers - und ein paar von unseren Leuten..."
  Es stellte sich bei der zunehmend entspannten Plauderei heraus, dass die wild aussehenden Mitglieder von "Swamp" durchwegs Kinder aus gutem Hause waren. "Ape" war der Sohn eines Methodisten-Predigers, "Inky" und "Pinky", die ihre Spitznamen dem damals populären Computerspiel "Packman" verdankten, waren auf einem rein weiblichen College. "Randy", der Drummer, betrieb einen Laden für Rastafarian-Devotionalien. Der Gitarrist "Porter" war der Sohn eines "Bluemountain-Coffee"-Planters. - Schöne Marxisten!
  Marco Brown vom Büro Montego Bay hatte am nächsten Morgen Schwierigkeiten, die Contenance zu bewahren, als Johannes ihm seine Routen-Änderungen durchgab. Er würde erst am Mittwochabend wieder von der Großzügigkeit des MOT Gebrauch machen, um sich das nach einem Hurricane zerstörte und komplett neu errichtete Trident-Hotel in Port Antonio anzuschauen. Am Donnerstag würde er dann nach Kingston weiterreisen, um am Freitag zum Lunch die Live-Sendung mit dem Minister zu machen. Er müsse doch verstehen, dass jemand, der noch nie auf der Insel gewesen sei, seine Eindrücke nicht allein an der Nordküste sammeln könne.

  Da er bis abends Zeit hatte, umrundete  Johannes die Insel auf der eher ungewöhnlichen Route gegen den Uhrzeigersinn zur Südküste. Er kam also alltags noch einmal durch Lucea und Negril. Die Orte machten jetzt einen eher verkaterten Eindruck. Wann immer er ausstieg, um Fotos zu machen, kam jemand, um ihn mit wechselnder Aggressivität anzumachen:
  "Ya man, ya ow me a dalla. This is my island!"
  "Hey man - ' took care for ya car! Give me some money!"
  Einmal rottete sich eine Gruppe Halbwüchsiger um ihn zusammen, und es ergab sich eine wirklich bedrohliche Situation, weil sie schon begonnen hatten, an seiner Kameratasche herumzufummeln. Das Verständnis und die Erkenntnis, dass sich da Jahrhunderte aufgestauten Hasses in einem Rassismus mit umgekehrten Vorzeichen den Weg bahnte, brachte ihn in diesem Moment auch nicht weiter. Also bediente er sich des alten Tricks "wenn du denen zeigst, dass du keine Angst hast, bekommen die welche!"
  Er stieß seinen Zeigefinger in Richtung des Rädelsführers:
  "Hey du! Was machst du? Hast du keine Arbeit? Musst du nicht in der Schule sein?" Er hasste es, den Arroganten rauszuhängen, aber er machte weiter, weil der Teenager mit jeder Frage ein Stück zurückwich und so einen Keil in den Ring machte:
  "Weiß deine Mutter, dass du hier herumhängst und Leute von der Arbeit abhältst? Ich muss jetzt hier jedenfalls meine Arbeit  für euren Tourismus-Minister machen. Soll ich ihm am Freitag erzählen, dass hier ein Haufen Schulschwänzer herumhängt? Wie heißt du? Schaltet das Radio an.  Ich kann dich ja in "Public Eye" am Freitag als Streiter gegen den Tourismus erwähnen. Dann kann sich ganz Lucea bei dir bedanken, wenn hier niemand mehr herkommt."
  Interessant war, dass sich diese aggressive Ablehnung in offene Freundlichkeit verwandelte, je weiter er auf der Südküste vorstieß. Vielleicht ist Jamaika dort tatsächlich nicht diese klischeehafte, blühende Dschungelüppigkeit, aber auch die landschaftliche Vielfalt war überraschend. Selbst der Bauxit-Tagebau mit seiner knallroten Erde hatte etwas. Es lösten sich Landschaften ab, die eher mediterran anmuteten mit solchen, die durch ihre karggrünen Klippen und ihre Bebauung an eine britische Küste - wie Cornwall - erinnerten. In Calabash Bay war er dann wieder im Klischee-Jamaika - nur in einem freundlicheren, karibisch relaxterem.
  Als er seinen Wagen mittags am Strand parkte, zogen die Fischer gerade ihre handbemalten Boote aus dem Meer und landeten ihren Fang an. Die Frauen riefen ihm freundliche Grüße zu und posierten - als sie die Kameras sahen - in übertriebenen sexy Posen und die alten Männer unter den Palmwedeldächern der  Sunshelters feuerten sie dazu noch an.
  Johannes entschloss sich spontan ein, zwei  "Redstripes" (das populärste Bier Jamaikas wurde einst von deutschen Braumeistern komponiert) zu  zischen und sich einen der großen Fische, die bunt waren wie Papageien, auf einer der offenen Kohlengruben, wo auch das typische Jerk-Porc garte, grillen zu lassen. Es war einer der Momente, in dem Johannes uneingeschränkten Spaß an seinem Beruf hatte, und die Leute schienen gerade das zu spüren.
  Ihm fiel auf, dass einige der Männer und Frauen trotz ihrer negroiden Köpfe und Körper merkwürdig kontrastierende, naturblonde Lockenköpfe und blaue oder grüne Augen hatten, traute sich aber nicht sie direkt darauf anzusprechen. Als sie jedoch herausgefunden hatten, dass Johannes kein Amerikaner, sondern Deutscher war, kamen sie von selbst auf ihre deutsche Abstammung zu sprechen. Es stellte sich sogar heraus, dass sie in ihrem "Patois", dem von Insel zu Insel anders gefärbten kreolischen Antillen-Dialekt, noch viele deutsche Ausdrücke und Redewendungen verwendeten. Es entspann sich eine multilinguale Konversation, bei der viel mit blitzenden Gebissen gelacht und manch viel versprechender Blick ausgetauscht wurde. Johannes wäre gerne länger geblieben...
  Beim Aufbrechen konnte er sich eine Frage dennoch nicht verkneifen, und er stellte sie gewissermaßen akademisch in die Runde - also an keinen Bestimmten:
  "Wieso seid ihr Leute hier so viel freundlicher als an der Nordküste?"
  Er war auf diese verständnislosen Gesichter und ihre Sprachlosigkeit nicht gefasst. Vermutlich hätte er genau so dumm fragen können:
  "Wieso seid ihr schwarz?"
  Ihm wurde schlagartig klar, dass er hier auf einen Zipfel wahres Jamaika gestoßen war. Er wollte die Frage deshalb schon unbeantwortet stehen lassen, als ein junger Mann, der ihm schon vorher wegen seiner adretteren Kleidung und der gewählten Sprechweise aufgefallen war, die Antwort gab.
Der Dorfschul-Lehrer:
  "Hier gibt es kein Trinkgeld. Hier will niemand Trinkgeld. Stell dir vor, du fährst mit zwei anderen zum Fischfang, bist die ganze Nacht draußen und kommst dann zurück und verkaufst  deinen Fang an guten Tagen so, dass für jeden zehn Dollar übrig bleiben. Dann gehörst du hier im Süden zu den Glücklichen. An der Nordküste verdienen die meisten im Tourismus an Löhnen auch nicht mehr. Aber dann legen sie einem Gast nur ein Handtuch hin und erhalten einen Dollar Trinkgeld. Sie servieren dir einen Drink und bekommen einen Dollar Trinkgeld. Sie fahren dir das Gepäck vor das Appartement und bekommen vielleicht fünf Dollar. Ein Kaffee-Pflücker bekommt anderthalb Dollar pro Stunde für seine Arbeit in brütender Hitze. Viele, die im Tourismus arbeiten, haben allein durch Trinkgeld mehr als fünfzig Dollar zusätzlich in der Woche und sie finden nichts dabei, weil sie ja sehen, dass die Touristen auch bereit sind, für ein gewöhnliches Essen 45 Dollar zu bezahlen - für einen Drink vielleicht fünf. Das sind Preise, die sie von zu Hause kennen. Das Trinkgeld ist also leicht verdientes Geld. Jeder möchte einen Job mit Trinkgeld. Aber so viele Jobs mit Aussicht auf Trinkgeld gibt es natürlich nicht. Also gehören die, die so einen Job haben, bald zu einer anderen Schicht. Sie können sich Unterkünfte oder Hütten an der Küste in der Nähe der Resorts leisten und vertreiben die, die das nicht mehr bezahlen können 'over the hills'. Das schlimmste jedoch ist, dass sich auch hier im Süden unser Sozialgefüge langsam verändert, denn wir haben ja schon den 'sanften' Tourismus. Was wird sein, wenn keiner mehr zum Fischfang hinausfährt, wenn niemand mehr bereit ist, unsere Agrarprodukte für den Eigenbedarf zu sichern, weil das im Vergleich zu schlecht bezahlt ist?"...
  "...Oder die dann angepasste Preise verlangen", ergänzte Johannes. „Du solltest an meiner Stelle beim 'Public Eye' sitzen!"
  Er hatte bei seiner Fahrt nach Mandeville hinauf viel zu grübeln, und die Tatsache, dass die Hauptstadt des Jamaika-Kaffees wiederum ein gänzlich anderes Jamaika repräsentierte, machten seine Überlegungen nicht schlüssiger.
  An der waldreichen Strecke boten an Straßenständen zahlreiche Farmer in bunter Vielfalt ihr Obst und Gemüse an. Mandeville selbst wirkte wie eine Parkstadt. Flamboyantes, Banyons und Riesen-Feigen sorgten für Schatten, und überall schwängerten blühende Büsche die deutlich kühlere und frischere Luft mit ihrem Duft. Selten hatte ein Ort Johannes so jäh willkommen geheißen. Der Manchester Club entpuppte sich als ein über hundert Jahre altes Ensemble aus Rasen-Tennisplätzen, einem Golf-Course und Gebäuden mit Gesellschaftsräumen, durch die der Hauch der Kolonialzeit wehte. Ein jamaikanisches Wimbledon gewissermaßen. Wie sollte hier ein Reggae-Gig stattfinden?
  Eine Frage, die bei der Happy Hour noch nicht beantwortet wurde. Am Tresen der Bar, die wie ein britischer Pub organisiert war, fand sich ein Multikulti-Folk mittleren Alters ein, das sich ohne Schranken aus Bauxit-Bergleuten, Farmern, Büromädchen und Leutchen aus den Plantagen mischte. Da die Aluminium-Männer aus allen Staaten Nordamerikas sowie Schottland und Irland stammten und in Bergbau-Manier meist ihren Dialekt pflegten, die Einheimischen jedoch unbeirrt ihr gaumiges Patois sprachen, musste Johannes schon genau hinhören, als Scherze meist auf seine Kosten gemacht wurden. Man tat aber dabei generell so, als habe er der Runde schon immer angehört.
  Die distinguierten Ladies, die den Zoten und diesem Dunst aus Bier, Whisky und teuren kubanischen Zigarren entgehen wollten, hatten ihren eigenen Raum, wo sie bei einem Punsch oder Sherry warteten, bis die in Smokings und Dinner-Jackets gekleideten Ober den Speisesaal öffneten.
   Ein untersetzter Schwarzer in einem smaragdgrünen fabelhaft kontrastierendem Polohemd des Manchester Clubs und passenden, karierten Golfhosen dazu hatte sich bald zu Johannes gesellt und lud ihn wie selbstverständlich zum Abendessen ein:
  "Wenn Sie die Aussicht auf eine von unseren Chefs malträtierte Dritte-Welt-Kuh nicht abschreckt, würden meine Frau und ich sie gerne einladen, mit uns das Abendessen einzunehmen."
  "Gerne, aber wie komme ich zu der Ehre?"
  "Oh, ich vergaß mich vorzustellen. Verzeihen sie mir. Ich bin Douglas Manley. Sie haben meinen Sohn Porter gestern in Negril getroffen. Der Gitarrist. Er hat mir gesagt, dass sie kämen und wer sie sind..."
  "Manley? Sind sie verwandt mit Michael Manley?"
  "Well, über ein paar Ecken... Aber gedanklich sind wir uns sehr viel näher."
  Er strich sich dabei versonnen über seinen runden Schädel, der spärlich mit kleinen silbernen Locken dekoriert war, als wollte er mit dieser Geste sein Denken dokumentieren.
  Als sie seine Frau Dana im Parlour abholten, stockte Johannes der Atem. Die Frau war ein echter Hingucker. Als sie stand, überragte sie ihren Ehemann um gut anderthalb Köpfe. Sie erinnerte - obwohl schon ein Weilchen in ihren Fünfzigern unterwegs - mit ihrer einladend ausladenden Üppigkeit an die Soulsängerin Aretha Franklin,  übertraf diese aber in punkto Ausstrahlung noch an majestätischer Souveränität. Ihr Gesicht und die von leichten Silberfäden durchzogene blauschwarze Haarpracht, der nur leicht geschminkte Mund und die nophretetisch proportionierte Nase waren die Landschaft, durch die zwei riesige nur unmerklich marmorierte Augen rastlos keck hin und her rollten.  Als sie zum ersten Mal mit weiß blitzenden Zähnen von weit unter ihrem tiefen Dekolleté ihr gurrend anschwellendes Lachen aufsteigen ließ, war es um Johannes geschehen. Er beschloss, als sie in dem plüschig, pleureusigen nur von Kandelabern erhellten Speisesaal an ihren Tisch geleitet wurden, seiner Begierde durch Offensive die Spitze zu nehmen:
  "Sir! Wenn Sie in diesem Schummerlicht nicht wollen, dass ich dieser Traumfrau mit Gastfreundschaft nicht zu vereinbarende, unsittliche Anträge mache, setzen Sie sich besser zwischen uns."
  "Wenn ich das tue - jolly good Fellow - dann nur, um Sie zu schützen! Diese Frau ist ein 'Maneater', eine Löwin, die kaum Knochen übrig lässt. So blondes Weißbrot wie Sie nimmt sie normaler Weise als Doppelscheibe zum Early-Morning-Tea!"
  Alle drei lachten nach dieser Harold-Pinter-Imitation so laut, dass sich manche Köpfe der übrigen Gäste ein wenig indigniert ihnen zuwandten.
  Es wurde ein sehr launiges Dinner mit kulinarischen Höhen und Tiefen. Auf einen Salat aus grünen, marinierten Mangos mit ausgelöstem Krebsfleisch folgte tatsächlich die avisierte "Third-World-Cow", bei der Douglas Manley entschuldigend an Einfuhr-Beschränkungen, obskur hohe Zölle und Eingriffe in die freie Marktwirtschaft der Insel erinnerte. Als "Blue Mountain Coffee Planter"  gehörte er natürlich zum Geldadel der Insel und deshalb waren seine eher auf der linken Seite angesiedelten politischen Vorstellungen doch überraschend für Johannes.
  Als Dana nach einem köstlichen Sorbet aus Kokos- und Bananenschaum ihre Schwärmereien über ihre Enkel unterbrochen hatte, um sich "die Nase pudern zu gehen", schlug Douglas vor, auf einen alten Rum in einen der Clubräume zu gehen.
  Sie waren allein in diesem Raum, in dem eine Klimaanlage lief. Das erweckte den Anschein, als habe diese Manleys Stimmung auf einmal spürbar abgekühlt:
  "Ihnen ist schon klar, dass Sie unter Beobachtung stehen", eröffnete er ohne Vorwarnung: "Der Alu-Mann aus Minnesota, der sich in der Happy Hour so an Sie rangeschmissen hat, ist eher aus Virginia."
  Johannes muss etwas begriffsstutzig geschaut haben.
  "Ich meine damit, der Mann bezieht sein Einkommen aus Langley! Mein Sohn Porter ist übrigens auch ziemlich sicher, dass ihr Freund Clarence, die Starthilfe für seinen Sender von dort bekommen hat."
  "Was sollte denn die CIA von mir wollen. Das ist doch lächerlich. Ich recherchiere hier für einen touristischen Beitrag. Mit Politik habe ich absolut gar nichts am Hut!"
  "Wie naiv sind Sie denn? Wenn in einem Land der Dritten Welt, der Tourismus zu einem beherrschenden Wirtschaftsfaktor wird, dann haben die, die über ihn schreiben, auf einmal auch erheblichen politischen Einfluss. Unser Tourismus hat die Amflu "amerikanische Grippe" (American Influenca - Patois für den amerikanischen Einfluss und die US-Abhängigkeit der Insel), um sie zu kurieren, brauchen wir Vitamine aus dem Alten Europa. Immerhin treten Sie ja in Public Eye gegen eine exponierten Vertreter der Seaga-Administration an."
  In diesem Moment wurden sie von Dana unterbrochen, die in Begleitung eines eleganten jungen Mannes an ihre Sitzgruppe getreten war. Der trug so etwas wie ein Chorgewand oder eine Sutane. In automatischer Höflichkeit war Johannes aufgesprungen, um den Neuankömmling zu begrüßen.
  "Erkennst du mich nicht? Ich bin's, Porter! Wir wollen euch holen. Wir fangen gleich an."
  Glattrasiert, Haare mit Gel nach hinten gescheitelt - Johannes brauchte ungefähr 10 Sekunden, um den Reggae-Gitarristen von Gestern zu identifizieren. Und nur, weil er so vorgewarnt war, erkannte er die übrigen vier von "Swamp" in dem mittlerweile zum Auditorium umgeräumten Speisesaal ohne merkliche Verzögerung wieder. Inky trug ein schlichtes, tintenblaues Abendkleid. Pinky das rosafarbene Pendant dazu. Selbst dem zotteligen Ape  verhalf das Chorgewand zu heiliger Eleganz. Der Wandel hatte seinen gut bezahlten Grund. Hier traten nicht "Swamp" an, sondern die "Redemption" auf. Eine Viertelstunde später wusste Johannes nicht mehr, welche Formation er mehr lieben sollte. Im leicht unterkühlten "Bossanova" hatten die beiden jungen Frauen in abwechselnden, samtigen Balladen-Soli die gesanglichen Front-Parts übernommen. Der wilde "Ape" spielte nun den erwartet lakonischen Bass im Hintergrund, und Porter konnte endlich seine tatsächlich vorhandene konzertante Virtuosität an seiner Gitarre zur Entfaltung bringen.
  Inky würde ein paar Jahre später in London - versehen mit einer abessinischen Legende und einem zweisilbigen afrikanischen Namen, die sehr zu ihrem Aussehen passten  - ein umjubeltes Debüt-Album herausbringen. Ihr somnambuler Gesang würde für mehr als ein Jahrzehnt über die hitzeflirrenden Traumstrände der Welt wehen. Pinky würde mit  "Girlie Friday" und einem Songtext in Patois unter ihrem tatsächlichen Vornamen ein One-Hit-Wonder landen, welches in 35 Ländern wochenlang die Charts anführte und zu einer Art Hymne auf die Emanzipation der karibischen Frauen wurde.
  Dort oben im Manchester Club von Mandeville sorgten sie jedoch bei einem ihrer frühen Auftritte im neuen Stil vielleicht erstmals für wohlige Schauer in einem Publikum, das weder Alters-, noch Rassen- oder gar Klassen-Unterschiede kennen wollte. Die Aftershow-Party auf dem Center-Court erlebte Johannes auf Wolke Neun, weil er einem Drink namens "Planter's Passion-Tea" erlegen war: Ein Drittel dunkler Rum, ein Drittel schwarzer Tee, ein Drittel frisch ausgelöffelte Kerne der Passionsfrucht - das Ganze mit der gleichen Menge Eis aufgefüllt und im Mixer gecrasht. Teuflisch!
  Was für eine Nacht war das gewesen! Dana hatte ihn ein paar Mal derart mütterlich in ihren Armen erdrückt, dass jegliches erotisches Verlangen einer warmen Zuneigung gewichen war. Douglas hatte sich mit Geschäften am kommenden Tag zeitig empfohlen, aber der harte Kern des Auditoriums war später samt der "Redemption" - gewissermaßen um Erlösung zu erlangen - im abseits gelegenen Pool des Manchester Clubs gelandet: die Schamhafteren mit einem Teil ihrer Kleidung die meisten jedoch gänzlich ohne. Bevor er vollkommen ins Nirwana abgeglitten war, gelang es Johannes nach sehr aufschlussreichen Gesprächen mit verschiedensten Leuten auch noch Porter auf die seiner Meinung nach absurden Theorien seines Vaters bezüglich Clarence Botraga anzusprechen:
  "Ya Man," antwortete Porter beschwipst in seine Rastarolle zurückfallend, "wenn du wüsstest, welchen Einfluss die Musik auf den Inseln hat, dann wäre dir auch klar, dass die CIA hier das leichteste Spiel hat, ihr Nachrichten-Netz zu spinnen, um politische Strömungen rechtzeitig zu erkennen und Einfluss zu nehmen. Marley und Tosh hatten das schon Mitte der Siebziger durchschaut und ihrerseits geheime Botschaften in Songtexten und Soundtracks versteckt. Dass hinter dem Attentat auf Marley 1976 die CIA steckte, ist für Marleys Anhängerschar genau so sicher wie die hinlänglich kolportierte Story mit dem vergifteten Kupferdraht in den Ray-Chissom-Stiefeln, die er zwei Jahre später - oder so - während der US-Tournee von einem angeblichen Fan geschenkt bekommen hatte. Ich meine, Ray-Chissoms! Hey, das sind die Caddilacs unter den Cowboy-Boots. Da wird doch kein Kupferdraht aus einer Innennaht hervorstehen. Noch dazu einer, an dem man sich eine nicht heilen wollende Verletzung zuzieht. Nein, ich glaube mittlerweile auch, dass den jemand mit einem krebserregenden Gift präpariert hat."
  " Und dein Verdacht gegenüber Clarence?"
  "Clarence ist ok. Er versteht wahnsinnig viel von Musik. Aber schau, wer kann sich leisten, in München und NewYork Gesang zu studieren, und noch dazu in einer Stimmlage, in der es klassisch für Schwarze nichts zu holen gibt. Wir wissen praktisch nichts über seine Vergangenheit. Angeblich ist er auf Tobago geboren. Er hat die Sende-Lizenz ohne Wartezeit bekommen, und allein schon diese Studio-Technik von Greywulf-Electronics. Das teuerste Equipment, das auf dem Markt zu haben war. Die Kingston-Times hatte sogar darüber berichtet, dass einer der Firmenbosse - ein ehemaliger Box-Weltmeister - persönlich hier war, um sie zu installieren. Greywulf hat nebenher übrigens auch Überwachungselektronik entwickelt..."
  Johannes konnte mit diesem Namen zu diesem Zeitpunkt noch nichts anfangen und er ließ dann auch von Porter, weil Inky und Pinky vor allem unter Wasser nicht von ihm lassen wollten. Zudem verlangte eine Verwaltungsangestellte aus Mandeville, die schon vorher bei einem zu ernsten Gespräch mit Johannes ungeduldig mit den Augen gerollt hatte, sehr handfest nach Hinwendung.
  Er konnte wirklich nicht sagen, wie er letztendlich ins Bett gekommen war. Als der Wecker viel zu früh klingelte, weil er ja mittags in  Ochos Rios sein wollte, erinnerte er sich nur noch, dass er sich an einem Jamaica-Pin gestochen hatte, die jemand an der Brusttasche von seinem Hemd befestigt hatte. - Und dann waren die Moskitos über die nackten Schwimmer hergefallen...
  Erstaunlicher Weise hatte er keinen Kater, aber Brust und Rücken sahen aus wie ein Streuselkuchen. Der Kratzer von der Nadel hatte sich zum Glück nur rot verfärbt und nicht entzündet. Die Euphorie, die ihn beseelte, machte das Schlafdefizit mehr als wett.
  Die berufliche Distanz sollte Johannes auch im Verlauf des Tages auf seiner Tour ins touristische Jamaika nicht zurück gewinnen. Die kristallene fast unnatürliche Klarheit des White Water Rivers und die Pool-Terrassen der Dunn-River-Falls mit ihrem Champagner-Prickeln waren so überwältigend, dass auch sein kurzer Abstecher in die Armut "over the hills" deren Faszination nicht schmälerten. Ochos Rios bediente alle Prospekt-Vorstellungen vom Luxus-Urlaub unter Palmen derart dekorativ, dass Johannes’ Trip unvermindert anhielt, bis er in der untergehenden Abendsonne den weltberühmten Blick von der Bar-Terrasse des Bonnie-View auf die Bucht von Port Antonio genoss.
  Porter hatte ihm ein Gespräch mit einem Künstler und Geistesbruder vermittelt, der ihm bei einem bombastischen Banana-Daiquiri Gesellschaft leistete. Der Bildschnitzer Ashley Brown hatte es schon mit seinen seltsamen Vogel-Kreationen in namhafte New Yorker Galerien geschafft, aber er blieb dennoch  seinem Rastafarian Habitus treu. Er war in den Nationalfarben schwarz, gelb und grün gekleidet und trug die unvermeidliche Häkel-Mütze zu Dreadlocks und Kräuselbart. Sein Alter war nur schwer zu schätzen, aber anhand von Erlebnisschilderungen während der Unabhängigkeit und dem Ende der britischen Kolonialzeit 1962 mochte er über sechzig sein.  Er redete sehr schleppend und undeutlich, aber was er erzählte, stand in punkto Dramatik im krassen Gegensatz zur Ruhe seines Vortrags. Er sprach von Jamaika als Invasionsplattform gegen Kuba und spann so abstruse Modelle politischer Ränkespiele unter Beteiligung von MI6 und CIA, dass Johannes zunehmend müder wurde, ihm zuzuhören. Der Schlafmangel holte ihn ein und er verabschiedete sich, um Quartier im Trident Resort  Hotel zu beziehen.
  Die Witwe von Hollywood-Ikone Errol Flynn hatte diesen Neubau noch begleitet, nachdem das Hotel 1980 von einem Hurricane von der Klippe gefegt worden war. Errol Flynn selbst hatte einst als Partygag die legendären Fackel-Floßfahrten auf dem nahe gelegenen Rio Grande erfunden, die noch heutzutage die touristische Hauptattraktion der östlichen Nordküste sind.
  War Round Hill "Number Fourteen" schon üppig, so war die Trident-Villa "Photographer's  Delight" von Ausstattung und Größe her nur noch unwirklich zu nennen. Es gab keine anderen Farben als Weiß und das Blau des Ozeans. Ein riesiges Himmelbett stand gewissermaßen am Horizont und erzeugte damit eine Dimension, die Johannes in diesem Moment nur noch schwer ertragen konnte. Seine Augen brauchten nach der Reizüberflutung des Tages endlich Ruhe. Er betätigte mit letzter Kraft - wie ihm auf einmal schien - die sich automatisch schließenden Vorhänge. An der Rezeption hatte er schon vorsorglich gesagt, dass man ihn schlafen lassen möchte, selbst wenn am kommenden Mittag immer  noch das "Do Not Disturb" an der Tür hängen sollte... Es war Dienstagabend.
  Einen kurzen Moment wollte er sich nur auf das Bett legen. Als er das erste Mal wieder erwachte, schoss das Wasser  in kleinen Fontänen aus seinen Poren. Johannes hatte schon immer stark geschwitzt, aber dies war nun eher ein Auslaufen. Ihm war klar, dass er diesen Flüssigkeitsverlust sofort würde ausgleichen müssen, aber er konnte sich nicht bewegen. Es verursachte schier unendliche Denkarbeit und bedurfte physischer Kraft, auch nur den Knopf der Nachttischlampe zu betätigen. Dann versank er wieder in ohnmächtigen absolut traumlosen Schlaf.
  Als er das nächste Mal erwachte, war er nur noch ein zu einem Proton geschrumpftes Etwas, das in dem Raum-Zeit-Kontinuum des Schlafraums willkürlich von fremder Energie gejagt oder wieder jäh abgebremst wurde. Die Suite erschien ihm größer als das Universum. Er hatte in dem riesigen Bett seiner Wahrnehmung nach maximal die Größe eines Staubpartikelchens.  Aber diesem Nichts wurde auf einmal klar, dass es tödlich dehydrieren würde, wenn es die entfernte Galaxis der Bar nicht erreichen würde...
  Johannes glaubte beim Abstieg von der Bettkante zu zerschellen, erlangte aber erstaunlicher Weise wieder einen minimalen Energieschub, als er auf den kühlen Boden-Fayencen angelangt war. Bis heute hat er das eine in blau gehaltene Motiv scharf vor Augen, obwohl er praktisch mit der Nase darauf lag: Die Caravelle Santa Maria von Christoph Kolumbus.
  Seine Überquerung des Kachelmeeres kam dessen Fahrt nach Westindien an Länge und Ungewissheit in etwa gleich. Unterwegs fiel ein schrecklicher Fiebersturm über Johannes her. Danach glitt er auf dem restlichen Schweißfilm scheinbar von selbst vor den Kühlschrank. Aber wie sollte er den Aufstieg zum Griff schaffen?
  Beim nächsten Erwachen stand der Kühlschrank offen, und er war wieder normal groß. Das Fieber war wohl verschwunden, weil er in einer Pfütze aus geschmolzenen Eiswürfeln und inmitten von einem Dutzend diverser Flaschen mit verschütteten Inhalten lag. Er hatte sie offenbar alle wahllos getrunken oder sie sich alternativ  über den Körper geschüttet. Jetzt fror er wie in einem Eispalast - obwohl die Klimaanlage aus war.
  Johannes kroch zurück ins Bett und deckte sich mit allem zu, was erreichbar war. Dann stürzte er in eine neue Ohnmacht. Diesmal jedoch begleitet von obskuren, bunten  Albträumen, in denen rastazöpfige Monster unendlich viel Blut und Körperflüssigkeiten vergossen. In denen Verleger mehr Leistung einforderten und seine Kinder nach ihrem Vater riefen. Das schlimmste war jedoch ein unterbewusster Kontrolleur des Realen, der ihn ganz sachlich daran erinnerte, dass er auf Reportage sei, einen Sende-Termin zu absolvieren habe und nach Trinidad weiter müsse. Johannes jedoch wollte eigentlich nur noch liegen bleiben oder besser in den ewigen Schlaf hinüber gleiten.
  Es klingelte, es hämmerte in seinem Kopf - immer hartnäckiger. Nein, er war nicht da. Das war ja in dem Hohlraum, in dem einst sein Hirn gewesen sein mochte. Vor allem das Klingeln nervte. Er erwachte. Das Telefon? Er ergriff den Hörer:
  "Sir, Sir, was ist mit Ihnen?"
  "Hallo! Mister Gotz!" erscholl es gleichzeitig gedämpft von draußen durch die Tür.
  "Sir. Das MOT wundert sich, dass sie noch nicht in Kingston sind."
  "Moment!" Sagte Johannes und schlang sich die Überdecke um den nackten Körper, um die Kette von der Tür zu lösen.
  "Gott, der Allmächtige! Wie sehen Sie denn aus? Wie sieht es hier denn aus?"
  Johannes schlurfte wieder mit Mühe zum Telefon.
  "Was wollen die denn, es ist doch erst Mittwoch!"
  "Oh nein, Sir. Es ist Freitag acht Uhr. Der Minister wollte vor der Sendung noch mit Ihnen zum Essen gehen..."
  "Himmel! Mir fehlen zwei Tage meines Lebens. Grassiert hier irgendein Virus?"
  "Nein Sir! Aber die Daiquiris sind manchmal nicht ganz in Ordnung, vor allem die letzten."
  Das Scherzen verging der Rezeptionistin, als sie den Bericht vom Housekeeping hörte und Johannes sah, der sich mühsam in einen ultraleichten Anzug von Kenzo gezwängt hatte. Der Kontrollfreak in ihm hatte eine Extra-Portion Adrenalin ausgeschüttet und zwei Rationen verborgene Energien bereitgestellt. Er würde die Fahrt nach Kingston schon irgendwie schaffen, zumal er auch tierischen Hunger verspürte, was immer ein gutes Zeichen war. Er hatte sich nach dem Omelett  zudem aus der kleinen Bordapotheke in seiner Kameratasche bedient. Sein bewährter Mix aus Aspirin, Antibiotika, Fiebersenker und Magenaufräumer mit einem Liter schwarzen Kaffee würde ihn wieder zur Gänze herstellen - dachte er.
  Selbst die kürzeste Variante - die Fahrt über Annotto Bay nach Kingston - auf kurvenreicher, enger Trasse würde zu lang werden, das merkte er, nachdem er einige Kilometer weit in diesen Dschungel-Tunnel eingetaucht war. Bei jedem Truck der ihm entgegen kam, landete er beinahe im Straßengraben. Erstmals konnte er nicht - wie sonst - routiniert und ohne besondere Konzentration mit dem Linksverkehr umgehen. Ein paar Mal wäre er fast nach der falschen Seite ausgewichen... Im nächsten Dorf fuhr er an den Straßenrand, um alle Kraft darauf zu verwenden, nicht erneut in Ohnmacht zu fallen.
  Da trat eine bildhübsche junge Frau an den Wagen und fragte, ob er sie nach Kingston mitnehmen könne. Sie müsse zu einem Vorstellungsgespräch. Johannes lachte trotz aller Übelkeit in sich hinein. So krank konnte er offenbar gar nicht sein, dass er ihre langen Beine in den engen roten Jeans nicht wahrgenommen hätte - und die stolzen, frei schwebenden Brüste unter der makellosen, weißen Bluse. In den blauschwarzen Locken glitzerte etwas von dem damals für den "Afro-Look" populären Diamant-Haarspray, und die Lippen waren exakt in der Farbe der Hose und ihrer kleinen Handtasche geschminkt.
  "Können Sie Auto fahren?"
  Als sie bejahte, stieg er wortlos aus und setzte sich auf den Beifahrer-Sitz. Er war eindeutig in einer Not-Situation, und die erläuterte er der jungen Frau. Bei Beverly - so hatte sich die junge Frau ihm vorgestellt - hatte der erste Blick auf Johannes gereicht, um alle fürsorglichen und beschützerischen Ur-Instinkte zu aktivieren. Sie plapperte auf Johannes ein, als bräuchte ein krankes Baby  Zuspruch, und kurioser Weise beruhigte das Johannes derart, dass er sich es gefallen ließ. Sie war eine temperamentvolle, aber auch erstaunlich sichere Fahrerin, was sie damit erklärte, dass sie während der College-Ferien Kleinbusse mit amerikanischen Touristen als Reiseführerin chauffiert hatte. Sie redete unaufhaltsam und gab quasi ihr ganzes junges Leben preis - nur um ihn wohl vor einer erneuten Ohnmacht zu bewahren.
  Sie wollte Medizin studieren, müsste sich aber das Geld erst einmal praktisch verdienen, deshalb sei sie auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch in einer Tagesklinik in Kingston. Johannes riss sich zusammen, um Konversation zu machen, und auch die beruflich geschulte automatische Wahrnehmung der Landschaften, durch die sie fuhren, funktionierte noch. Nur fiel es ihm schwer, zu glauben, was er sah. Sie fuhren durch enge Flusstäler, deren Ufer mit Tangerine-Trees und Durijan-Bäumen gesäumt waren. Noch nie hatte er so üppig mit Früchten behängte Bäume gesehen. Aber dass er nicht ganz klar im Kopf war, merkte er auch daran, dass er auf einmal "Lucy In The Sky With Diamonds" vor sich hin sang:
  "Picture yourself in a boat on a river with tangerine trees and marmalade skies..."
  Beverly begleitete sein Abgleiten mit zunehmender Skepsis, was daran zu erkennen war, dass sie praktisch bei jeder Atempause den Satz einschob:
  "Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Sie in ein Krankenhaus gehören."
  Ob sie etwas dagegen habe, wenn er sie "Schwester Cato" nennen würde, entgegnete Johannes nach einer Weile und kicherte dabei in sich hinein wie ein Betrunkener, der einen Witz gemacht hat, den nur sein benebelter Geist komisch findet. Aber er erklärte ihr dann im nächsten konzentrierten Moment auch, was es mit Cato und den Karthagern auf sich gehabt hatte, und dass er auf einer Mission sei, obwohl er Ape gegenüber darauf bestanden hatte, dass das eigentlich nicht so sei. Und, dass der Minister warte. Und Clarence. Und ob sie überhaupt die alle kennen würde...
  Beverly war nicht nur ein kluges Mädchen, sondern kannte sich natürlich aus. Eine Insel mit etwas über zweieinhalb Millionen Einwohnern ist in punkto Promis klein wie ein Dorf. Sie hatte sowohl "Swamp" als auch "Redemption" schon gehört und auch gesehen. Und "Public Eye" sei nun einmal zufällig ihre Lieblingssendung. Aber sie war bei ihren medizinischen Grundkenntnissen auch überzeugt, dass er den Termin nicht durchstehen würde.
  In Half Way Tree bog sie - während Johannes versuchte, den gleichnamigen Song, oder war es ein Album von Bob Marley in seinem matschigen Hirn abzurufen - von der Hauptstraße ab und landete nach wirrem Zickzack in einem nicht allzu Vertrauen erweckenden Hinterhof.
  "Erlöst du mich jetzt von meinen Leiden Sister Cato?" Grummelte Johannes in Erwartung, dass die Schöne jetzt vielleicht das Biest herauskehren würde.
  "Da kannst du drauf Wetten - Whitey!"
Sie zerrte ihn durch eine Hintertür in einen Raum, der bis unter die Decke mit  Pharma-Packungen voll gestapelt war und setzte ihn wie ein kleines Kind auf einen Stuhl:
  "Du rührst dich nicht vom Fleck!"
Nach einer schier unendlichen Zeit kam sie mit einem indisch aussehenden Mann zurück, der ein paar Trink-Ampullen, Spritzen und andere ärztliche Untensilien auf dem Arm gestapelt hatte:
  "Das ist Jalbahadur. Ich habe mal für ihn gearbeitet. Er ist Apotheker. Du kannst Jal zu ihm sagen."
  Jalbahadur fragte ihn, ob er vor kurzem in einem Land gewesen sei, in dem es Malaria gäbe. Ob er schon mal in den letzten Jahren solche Fieberschübe gehabt habe. Was Beverly ihm erzählt habe, deute nämlich alles auf das Tertiana, das Dreitagesfieber hin. Doch Johannes verneinte all dies.
  "Anyhow", ich darf Ihnen ohnehin nur Vitamin B spritzen und etwas zur Stärkung des Kreislaufes zum Schlucken geben. Beverly wird versuchen, für nach der Sendung einen Termin in der Tagesklinik zu machen, in der sie sich vorstellt. Allerdings, es ist Freitag. Ich kann Sie nur warnen, Morgen weiter zu fliegen."
  Als sie wieder im Auto saßen, war es bereits nach elf, und der heißeste Februar-Freitag in der meteorologischen Geschichte Jamaikas kratzte an der Vierzig-Grad-Marke, als der nächste Fieberschauer über Johannes hernieder ging. Er fror und wurde vom Schüttelfrost durchgeschüttelt, obwohl die Klimaanlage des Mitsubishi aus war und sie alle Fenster geöffnet hatten, um die feuchtwarme Luft von draußen herein zu lassen. Zu allem Übel steckten sie nun auch noch im Trafficjam der mittäglichen Rushhour. Der Kenzo-Anzug war durchgeschwitzt und zerknittert.
  "Gut, dass das Rundfunk ist und nicht Fernsehen", witzelte er, weil er Minuten später merkte, wie die Spritzen und Zaubertränke des Inders wirkten.
  Beverly kannte alle Schleichwege zum Sender und brachte sie mit einem immer noch großen Zeitpolster in die Hope Road. IITSR hatte einen Bungalow bezogen, der nur einen Steinwurf von den Marley Studios in Nummer 56 entfernt lag.
  "Du schaugst ja really Scheiße aus", sagte Clarence in seinem  bayerisch-karibisch gefärbten Deutsch. Es lag nicht nur an seinem Gesundheitszustand, dass Johannes sich minderwertig fühlte, als der riesige Mann ihn umarmte. Johannes, der es ja selbst gewohnt war,  bedingt durch seine Körpergröße auf die meisten Menschen hinunter zu schauen, erlebte immer einen kleinen Schock, wenn ihm das Gegenteil widerfuhr. Clarence hatte ihn wie einen kleinen Jungen vor sein Gesicht gehoben, um ihn wie ein besorgter Onkel zu mustern: Es schien Johannes, dass die Stimme des Ex-Sängers mittlerweile ein, zwei Stufen tiefer angelangt sei, was ihrem Timbre gut tat.
   "Diese Daiquiris können einem ganz schön zusetzen."
   Seltsam, das war der zweite, der heute seinen Zustand mit Daiquiris in  Verbindung brachte, dabei hätte sich Clarence noch gut daran erinnern können, dass Johannes so gut wie nie Mixgetränke wählte...Blödes Misstrauen.
  "Steck dich bloß nicht an - vielleicht ist es der Bazillus Bavaricus, den ich in mir trage."
  Niemand kann so lachen wie ein drei Zentner schwerer Zweimeter-Bassbariton. Johannes' Solargeflecht geriet unter diesen Schwingungen derart ins Vibrieren, dass er sich fast erstmals übergeben hätte.
  "Diese junge Lady hat mir heute mehrmals das Leben gerettet. Sie hat gleich das wichtigste Vorstellungsgespräch ihres Lebens. Kannst du dich darum kümmern, dass sie pünktlich ist!"
  Er reichte Beverly die Hand, doch sie sagte nur, indem sie sich nachdrücklich auch Clarence zuwandte:
  "Nicht lange Abschiedstränen vergießen. Wir sehen uns gleich in der Klinik!"
  "Das wird mal eine ganz nervtötende Ärztin. Das ist sicher."

  Eine Stunde später eröffnete, nach einer kurzen Einleitung durch Clarence, der Minister gleich mit einer schweren Breitseite. Er gab live auf Sendung gegenüber Johannes seiner Verwunderung darüber Ausdruck, wieso die Presse eines Landes, das unter dem Terror der RAF litte, in dem Spitzenvertreter aus Politik, Wirtschaft und Jurisprudenz ihres Lebens nicht sicher seien, sein Land mit Horror-Artikeln über ein ganz normales Kapital-Verbrechen gleich von der touristischen Landkarte schrieben.
  Der Anspielung auf Bubach, Schleyer und Ponto war natürlich argumentativ nichts entgegen zu setzen, aber Johannes war ja auch nicht hier, um sich oder seine Kollegen zu rechtfertigen. Dr. Byron Blakewell war ein Typ Mensch, den es in allen Hautfarben gibt. Eloquenz gepaart mit Eitelkeit, die dazu führte, dass er selbstgefällig seiner sorgfältig vorbereiteten Eröffnung hinterher lauschte.
  Johannes fühlte sich auch großartig - wie immer wenn die Adrenalin-Zufuhr seinen Verstand auf simples Reagieren reduzierte. Deshalb konterte er nicht, sondern griff in die Medien-Trickkiste:
  "Zunächst einmal Herr Minister möchte ich mich persönlich bei allen Jamaikanern und natürlich auch bei Ihnen entschuldigen, denn auch ich bin hier vor sechs Tagen erstmal mit Vorurteilen angereist, und an denen hätte sich sicherlich nichts geändert, wäre ich dem Programm gefolgt, dass Ihr Ministerium für mich vorgesehen hatte. Aber dann habe ich die touristischen Luxus-Ghettos verlassen und habe einen Schatz entdeckt, der mehr wert ist als alles Bauxit, alle Traumstrände und aller Kaffee zusammen. Das sind ihre Mitbürger Sir! Ihr Tourismus verhindert möglicher Weise das, was Reisen so schön und sinnlich macht: Meet the people!"
  Damit hatte der Minister nicht gerechnet. Statt zu streiten und die Schuld nach außen zu verlagern, war er plötzlich gezwungen, nach Meinung zu fragen.
  Johannes hütete sich aber davor, einen persönlichen Standpunkt abzugeben, sondern zitierte nur die Gespräche, die er geführt hatte. Natürlich bekam auch Clarence für seine Sendung samt seiner Zuhörer ein dickes Lob. Hier würde eine Meinung gemacht, der auch die Politiker ruhig Beachtung schenken sollten.
  Johannes berichtete von seiner Begegnung mit "Swamp" von der Trinkgeld-These des jungen Lehrers in Calabash Bay, von der schlechten Versorgung außerhalb der touristischen Ballungszentren und er endete mit der Erwähnung seines Gesundheitszustands und einer kurzen Schilderung der Fahrt mit der hilfsbereiten Beverly.
  "Wissen Sie, was diese prachtvolle Frau, die diese Woche schon viermal von Annotto Bay nach Kingston getrampt ist, um einer Job zu finden, so beiläufig gesagt hat. Sie sagte: Eines Tages wird Jamaika jäh erwachen und feststellen, dass es sich für Touristen verändert hat, die eigentlich gekommen sind, um es so zu erleben, wie es jetzt noch ist. Auf diesem Gedanken könnten Sie ein  Partei-Programm verfassen."
  In der zweiten Stunde von "Public Eye" liefen die Telefone heiß wie selten. Die Clarence-Crew, die sich noch in Johannes' Lob aalte, stellte manch "alten Bekannten" durch:
  "Right on Whitey! Hab' doch gewusst dass du auf einer Mission bist. Well done! " Das war "Ape".
  "Sorry Man! Ich war dabei, wie du uns in Lucea die Leviten gelesen hast. Wir haben uns hinterher ganz schön geschämt."
 "Dr. Blakewell, Sir! Da kommt so ein Whitebread daher und erzählt Ihnen nach ein paar Tagen wo es langgeht. Lassen Sie sich das als Minister gefallen? Der reist doch auf unseren Steuergeldern... Naja, vielleicht war's ja gar nicht so schlecht angelegt. Möglicher Weise sollten Sie ihre Hausaufgaben machen..."
  " Hallo hier ist Kelly vom Trident in Port Antonio. Dieser Mann schafft sich echt rein. Heute Morgen dachte ich, der stirbt gleich. Gute Besserung Mr. Gorz!"
Auch der junge Lehrer aus Calabash Bay kam live auf Sendung und bestätigte noch einmal die strukturellen Probleme seiner Region.
  Der letzte Anruf, der hereingestellt wurde, kam von der jubelnden Beverly und war der schönste:
  "Jouhäännais! Kannst du mich hören? Ich hab den Job. Die versammelten Woodoo-Schamanen hier hatten das Radio an. Jetzt warten sie ehrgeizig darauf, dir ein Third-World-Treatment zu geben."



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