Dem Most Honourable Edward Seaga war
das Schicksal eines Saddam Hussein als tragische Marionette der US-Politik
erspart geblieben. Das lag einerseits daran, dass sein Reich statt Öl nur über
nennenswerte Bauxit-Vorkommen und eine Reihe höchst begehrenswerter Strände
verfügte. Und andererseits haftete seinem Ehrgeiz und Streben nach Macht auch
nichts Mörderisches an. Im Prinzip war er ein Gutmensch, wenn man das von
Politikern überhaupt sagen konnte. Das führte dazu, dass er nicht nur fast die
gesamten 1980er Jahre Präsident von Jamaika blieb, sondern bis 2005 - als er
sich über 70jährig aus der Politik zurückzog, immer wieder bei Wahlen knapp an
einer weiteren Präsidentschaft scheiterte.
Der in Boston geborene Akademiker startete
links als Kritiker der US-Karibik-Politik, überholte seinen mit Cuba
sympathisierenden Vorgänger und Nachfolger, den ebenfalls Höchst Ehrenwerten
Michael Manley, rechts, um sich später in der Mitte - nach links und rechts ausweichend
- liberal zu profilieren. Tatsächlich nahm er von seinem "Godfather"
Ronald Reagan sehr republikanische Attitüden an. Er unterstützte den
US-Überfall auf die Bananen-Inselrepublik Grenada und brach mit seinem Nachbarn
Fidel Castro, vermied es aber, den Amerikanern erneut die Kontrolle über das
Bauxit allein zu überlassen.
Unter Michael Manley erlebte der Inselstaat
zuvor in den 1970ern einen schleichenden Exodus seiner geistigen und
sportlichen Elite. Die Schlagzeilen kündeten in erster Linie von Jamaikanern,
die lieber im Vereinigten Königreich oder in den USA und Kanada ihr Vermögen machten. Ausnahmen
waren lediglich die Reggae-Musiker Bob Marley und Peter Tosh, die bei der
damaligen Generation europäischer Reisender das allerdings eher attraktiv
erscheinende Image einer Insel im "Ganja"-Dunst mit Easygoing und
Rasta-Religiosität vermittelten: "Dreadlock-Holidays" eben.
Seaga wollte die Elite im eigenen Land. Er
setzte wie Reagan auf "national pride", und in dem er sich
touristisch an die Brust des großen Bruders warf, hoffte er sein Trauminsel-Produkt gänzlich
"upmarket" zu machen. Das soziale Gefüge, der trotz Armut
überwiegend in sicherer Harmonie lebenden
Insulaner geriet dadurch für eine kurze Periode aus den Fugen, was von der
einschlägigen Presse meist dramatischer dargestellt wurde, als es tatsächlich
war.
Johannes hatte bei seinem journalistischen
Credo geschworen, sich nie von der Politik einspannen zu lassen oder gar
touristische Themen politisch zu behandeln. Edward Seagas Bemühungen um
Nationalstolz hatten jedoch 1980/81 bei bestimmten Gruppierungen dazu geführt, dass von der Hauptstadt
Kingston und der touristischen Hauptstadt an der Nordküste, Montego Bay eine
radikalere Gegenbewegung ausging. So etwas wie ein "schwarzer Rassismus"
gegenüber allen weißen Ausländern tangierte nun auch den Tourismus in diesem
als sicher geltenden Traumziel.
Es kam zu Gewaltverbrechen und Übergriffen
ausgerechnet auf deutsche Bundesbürger, die eben nicht wie die US-Touristen in
bewachten Luxusghettos Urlaub machen wollten, sondern Ferienhäuser mieteten
oder die Insel individuell im Mietwagen bereisten, um dem wahren Jamaika näher
zu sein. Das noch gar nicht gesprochene, so genannte
"Jamaika-Urteil", das über die Mitverantwortung eines Reiseveranstalters
für einen Mord in einer Ferienvilla nahe "Mobay" befinden sollte, zog in den Medien Kreise,
die die wahren Dimensionen und die tatsächliche Faktenlage immer weiter in den
Hintergrund drängten. Der touristische Jamaika-Repräsentant in Deutschland warf das Handtuch, und die einschlägigen
Reiseveranstalter bezeichneten die Insel als vorerst schwer zu vermitteln.
Johannes' Freund und Partner, Anselm von Trotter, berichtete zudem vom
Sunsplash-Reggae-Festival, dass Gruppen vor seinem Hotelfenster skandiert
hätten:
"We're killing you - white trash!"
Die
Verleger des Reisemagazins, das Johannes in seinem Büro nun verantwortlich
redigierte, hatten (unter völliger Vernachlässigung der vertraglich geforderten
Wahrung des Redaktionsgeheimnisses) die Unart entwickelt, die
Redaktionsprogramme den einschlägigen Inserenten ein halbes Jahr vorab
vorzulegen, um damit deren Anzeigen-Schaltung zu animieren. Die Ankündigung
einer Reportage vom Karneval auf
Trinidad-Tobago brachte nun einige Airlines und Veranstalter auf den Plan,
denen durch den Buchungsrückgang auf Jamaika die Felle davon schwammen. Sie
verlangten, dass im Umfeld dieser "Westindies"- Reportage Jamaika
"zur Chefsache" gemacht würde.
Bob Marley hatte wenige Monate zuvor bei dem
umstrittenen Krebsarzt Dr. Josef Issels
am Tegernsee vor den Toren Münchens einen letzten Versuch begonnen, seinen
multiplen Krebs doch noch zu besiegen. Seither hatte Hark van Nytorf Johannes
auf ein "letztes Interview" angesetzt. Johannes liebte Reggae und
wusste fast alles über die Rastafarians. Im Übrigen war er dann aber insgeheim
froh gewesen, dass Marley, der sich in seinen letzten Monaten Berhane Selassie
nannte, ihn nicht mehr empfangen wollte. Der hatte sich schon entschieden, zum
Sterben nach Hause zu fliegen. Was er nicht mehr schaffen sollte. Am 11. Mai
1981 bei der Zwischenlandung in Miami erlag der "Unsterbliche" (so
genannt wegen des schweren Attentats, das er 1976 noch überlebt hatte) seinem
Krebs, den er vielleicht rechtzeitig
hätte besiegen können, wäre er in Sachen Krankheitsbekämpfung nicht
rastafarischen Glaubensprinzipien gefolgt.
Den Gerüchten, die CIA habe etwas mit dem Tod
Marleys und der Ermordung von Peter Tosh (Legalize It!) 1987 zu tun, hielt Johannes für absurd. Wenn ja,
hätte es ja auch nicht viel genutzt oder genau das Gegenteil bewirkt, denn 1989
wurde Michael Manley wieder gewählt.
Damals - im Winter 1982 - trug die Nation
wegen Marley immer noch Trauer und wollte den zu frühen Tod ihres jungen Heroen
einfach nicht hinnehmen. Da fanden solche Gerüchte natürlich einen Nährboden.
Aber die Tatsache, dass van Nytorf sich später - unwidersprochen - Kontakte zu
Langley nachsagen ließ und auch den merkwürdigen Bahama-Ausflug angeregt hatte,
bekam nach und nach auch für Johannes ein anderes Gewicht. Die Vorkommnisse auf
Jamaica und einige bei späteren Reisen in Ostasien ließen ihn zu dem mit
wachsender Altersparanoia - im Abstand
eines Vierteljahrhunderts - über solche Verschwörungstheorien unter Beteiligung
politischer Kräfte bisweilen anders denken...
Die offizielle Seite war offenbar an der
Objektivität seiner Berichterstattung gar nicht interessiert und wollte
Johannes wieder einmal durch einen massiven Krokodil-Rahmen zwängen. Die
Voraussetzungen dazu waren auch geradezu ideal, denn der Flug aus einer
Depression im trüben deutschen Winter hatte ihn innerhalb eines langen Tages in
den heißesten Februar gebracht, den Jamaikas Wetterfrösche je aufgezeichnet
hatten. Der laue Spätnachmittag im schönsten Kamera-Licht bestach mit einem
"Tradewind" voller Düfte. In der klimatisierten Stretch-Limousine,
die ihn zum Round-Hill-Resort westlich von Montego Bay brachte, sollte eine gut
bestückte Bar mit eiskalten Drinks möglichen Widerstand brechen, und nachdem
der Wagen bei zwei zum Hotel gehörenden Sicherheitsposten durch gewunken worden war, hielt er vor der berühmten Villa
"Number Fourteen".
Johannes, der zuvor ja noch nie auf der Insel
gewesen war, wusste sofort, wo er logieren würde, denn diese Villa war mit dem
Attribut, dass sie unter anderen auch vom Beatle Paul McCartney regelmässig
bewohnt wurde, in jedem Lifestyle-Magazin der Welt abgebildet und beschrieben
worden. Sie lag mit ihrem die ganze Längsseite zum Meer abgrenzenden privaten
Pool auf einer Klippe so hoch über der Brandung, dass man diese nur als
stimulierendes Rauschen wahrnahm.
Ein Butler und ein Hausmädchen empfingen ihn
und nahmen ihm, mit Ausnahme der Kameratasche, die Johannes nie aus der Hand
gab, alles ab. Die Tagesabläufe für die kommende Woche, die er auf einem
Schreibtisch mit Blick auf den Atlantik vorfand, bestätigten seinen
aufkeimenden Verdacht, dass hier eine "Homestory" erwartet wurde.
Wenn er für den Touristikminister am
kommenden Freitag ein ernst zu nehmender Gesprächspartner sein wollte, müsste er
schleunigst aus diesem Programm ausbrechen.
Clarence Botraga, ein viel versprechender
schwarzer Tenor, der Johannes um eine Haupteslänge überragte und noch gute
zwanzig Kilo schwerer war, hatte während seines Gesangsstudiums in München in
einem der Läden gearbeitet, die Esther gemanagt hatte. Er war jetzt Moderator
und Miteigentümer von IITSR und hatte Johannes eine Woche vor seinem Abflug
angerufen.
"Island-In-The-Sun-Radio" war mit
einer von Clarence moderierten Sendung namens "Public Eye" innerhalb
eines Jahres an die Spitze der Hörerquoten gelangt. Das Rezept war denkbar
einfach: Einerseits war "Public Eye" für neue Reggae-Formationen eine
Newcomer-Show, die keine Honorare und Gagen kostete, andererseits wurden zwei
Leute ins Studio eingeladen, die sich bis aufs Messer über ein aktuelles und
möglichst kontroverses Thema stritten, in das sich während der zweiten Stunde
Zuhörer von überall auf der Insel live per Telefon einbringen konnten. Am
kommenden Freitag stand Dr. Byron Blakewell vom MOT (Ministery Of Tourism) gegen
Johannes Goerz, Editor-in-Chief vom "REALTraveller" auf dem
Programm. Die Werbe-Einnahmen würden nur so sprudeln.
Johannes hatte sich bislang keine Gedanken
darüber gemacht, wieso und woher Clarence von seiner offiziösen Reise erfahren
hatte. Er hatte ihn als Sänger geschätzt, und ging immer prinzipiell davon aus,
dass jemand, der eine derart ausgeprägte künstlerische Ader habe, nur das Beste
wolle. Das wollte Johannes aber auch von sich. Er würde nicht den Grüss-August
von Übersee geben, der voll klimatisiert auf den touristischen Standardrouten
nur von einem Luxus-Resort zum anderen pilgerte, um der einheimischen
Bevölkerung und den Lesern daheim unreflektiert zu verkünden, wie toll doch
alles sei... Es war Samstag. Ihm blieben also nur fünf Tage Recherche bis zur
Sendung am Freitag und seinem Weiterflug
nach Port of Spain am Samstagvormittag.
Seine Mietwagen-Bestellung beim zuständigen
Hotel-Clerk löste eine mittlere Panik-Aktion aus:
"Wir haben doch unsere Limo die ganze
Woche für Sie bereitgestellt Sir! Es ist Wochenende. Wir bekommen frühestens
morgen Abend einen angemessenen Wagen. Und was ist mit dem offiziellen
Programm?"
Johannes erklärte sich bereit, für den auf
dem Programm stehenden Sonntagsausflug nach Lucea und Negril am Westende der Insel
die Limo vom Hotel zu nehmen und bestand aber für den folgenden Abend auf einen kleinen Mitsubishi Colt
Lancer, der immerhin auch noch mehr als 100 US-Dollar am Tag kosten sollte.
Johannes machte sich Vorwürfe, dass er wegen
der Hektik entschieden hatte, alleine zu
arbeiten. Der amerikanische Fotograf karibischer Abstammung, den er für den
Karneval auf Trinidad gebucht hatte, war so kurzfristig nicht abkömmlich
gewesen. Es war, wenn man zwischenzeitlich abtauchen wollte, immer ganz
angenehm, einen Partner als "Blitzableiter" dabei zu haben.
Die Sexuelle Revolution durchlief ja noch die
sorglose Vor-Aids-Epoche, in der sich die All-inclusive-Resorts am Westende der
Insel als größte "interracial" Swingerclubs für die verklemmte
Jeunesse dorée Amerikas einen Namen gemacht hatten. Wer immer "Brown
Sugar" naschen wollte und sich daheim nicht traute, kam hierher -
zumindest auf der Anmeldung noch - paarweise.
Spätestens nach dem Lunchbreak-Openair jeden
Sonntag in Negril gab es dann durch Ganja- und Reggae-Konsum stimulierte,
sexuelle Neu-Orientierungen in alle Richtungen. Johannes, der aus seinem Hang
zum Voyeurismus kein großes Geheimnis machte, hatte hier aber einen anderen
Grund in diese dampfende Masse einzutauchen. Er erhoffte sich Kontakt zu dem anderen
Jamaika. Clarence hatte ihm den Tip gegeben, sich die Formation
"Swamp" anzusehen, die kurz vor dem Durchbruch stand..
"Swamp" hatte den Titelsong für die Sendung "Public Eye"
geliefert: "Life isn't all that easy". Schwemmland oder Sumpf als
Übersetzung für den Bandnamen hätte es nicht getroffen. "Swamp"
zielte auf den morastigen Zustand der jamaikanischen Gesellschaft hinter den
touristischen Fassaden ab. Swamp hatte keine religiöse Motivation wie Bob
Marley und unterlag auch nicht dem Mythos, von Ganja als Allheilmittel wie
Peter Tosh ihn predigte (und dafür den Beinamen "Doc" erhielt). Swamp
galt als marxistisch orientierte Formation mit politischem Sendungsbewusstsein.
Johannes hatte die Limo samt Chauffeur im
Club "Sandals" zurück gelassen und nur die kleine "Leica"
eingesteckt, als er sich in einem der Shuttlle-Busse unter das vorgeheizte
Publikum mischte, dass vornehmlich in seinem Alter war. Er hatte dabei
herausgefunden, dass ein Paar Deutsch sprach und sich auf ein wenig investigativen
Smalltalk eingestellt. Nach wenigen Sätzen war der Dialog mit dem etwas
maulfaulen und bereits reichlich zugedröhnten Schweizer Pärchen ins Stocken
geraten und dann verstummt. So kam er in den Genuss von detailreichen, leisen
Schilderungen zweier junger Frauen, die in der Ecke der letzten Bank hinter ihm
saßen. Sie beschrieben - in der Annahme sie würden nicht verstanden -
hingebungsvoll nach Art, Größe und Beschaffenheit die schwarzen Glieder, die
sie sich im wahrsten Sinne des Wortes an diesem Tag einverleiben wollten.
Man muss sich dieses Lunchbreak-Openair als
etwas größere Strandparty unter freiem Himmel vorstellen. Die Bühne war ein
leichtes Baugerüst, das mit ein paar grell bedruckten Stoffen und
Jamaika-Flaggen in eine Art zum Meer hin offenen Shelter gestaltet war. Der
Strom für die Tonanlage mit ihren Schrankkoffer großen Verstärkern kam aus
einem Generatorwagen, dessen hustender Dieselmotor auf seltsame Weise mit
den nicht richtig ausgesteuerten
Darbietungen harmonierte. Gruppen eigenwillig verbogener Palmen gaben jenen
Schatten, denen die Februar-Sonne bereits zu viel war.
"Swamp" war der Mainact. Was die
Gruppe eventuell instrumental nicht drauf hatte, machte sie durch die
Darbietung und drei absolut einmalige Stimmen wett. Zwei sichtbar in jeder
Beziehung kahlrasierte hochgewachsene Frauen in Hotpants ließen mit gespreizten
Beinen ihre Becken zum stampfenden Reggae unterhalb der Lendenwirbel vor und
zurück schnellen. Der wesentlich kleinere Mann, der sich offenbar alles Haar
seiner ihn flankierenden Begleiterinnen auf Kopf und Körper geklebt hatte,
bewegte sich überhaupt nicht. Irgendwo hinter seinem bis zum Bauch reichenden
Bart und unter einer Schlangengrube aus Dreadlocks auf seinem Scheitel zauberte
er Töne hervor, die auch Johannes aus seiner neutralen Deckung herauslockten.
Nun waren singende Bassisten ja schon eher selten. Aber ein Bassist als
Frontmann mit einer derartigen Stimme...
Nachdem sie fertig waren, gab es überhaupt
keine Probleme an die Leute der Band heran zu kommen, weil das Publikum schon
mit dem "Trau-Schau-Wem" fertig und auf dem Weg war, den Hormonen
freien Lauf zu lassen. Johannes gab sich zu erkennen und erwähnte die
Empfehlung von Clarence. Die ganze Truppe trug jetzt Camouflage-Overalls aus
einem leichten Gewebe. Gänzlich bedeckt wirkten die beiden Mädchen (sie waren
bei näherer Betrachtung höchstens 18 oder 19) auf Johannes kurioser Weise noch
ausgezogener als auf der Bühne, so dass er sich schon fragte, ob er überhaupt
einen Deut besser sei, als die Sexsüchtigen aus den Touristenghettos. Er
versuchte es mit Komplimenten zu ihrer Darbietung, aber der Frontmann, der sich
schlicht "Ape" und Johannes fortan "Whitey" nannte, wischte
die Versuche mit müder Handbewegung fort:
"Bist du auf einer Mission,
Whitey?"
"Nein, so würde ich das nicht
nennen."
"Du willst uns also nicht nach ein paar
Tagen erklären, was wir auf Jamaika gegenüber der Welt so alles falsch
machen?"
Johannes erklärte im Stakkato, wieso er
überhaupt hier war. Erzählte aber auch von dem offiziösen "Regierungsprogramm"
für seinen Aufenthalt und behauptete, während ihm innerlich klar wurde, wie oft
das in Wirklichkeit schon geschehen war, dass er sich nicht kaufen lassen
wolle.
"Ich möchte ein paar Leute treffen, die
nicht vom Tourismus, dem Rum oder dem Bauxit oder gar von allem zusammen leben.
Ich habe mich nie vor politische Karren spannen lassen, aber diesmal habe ich
das Gefühl, ich sitze auf einem drauf."
"Die dritte Kraft ist der Kaffee. Dort,
wo er wächst, ist unsere Insel noch so, wie sie sein soll. - Agrarstrukturen allerdings noch sehr
kapitalistisch ausgeprägt. Wir haben morgen um neun einen Gig im
Manchester-Club von Mandeville. Da triffst du sowohl Planters als auch Pickers
- und ein paar von unseren Leuten..."
Es stellte sich bei der zunehmend entspannten
Plauderei heraus, dass die wild aussehenden Mitglieder von "Swamp"
durchwegs Kinder aus gutem Hause waren. "Ape" war der Sohn eines
Methodisten-Predigers, "Inky" und "Pinky", die ihre
Spitznamen dem damals populären Computerspiel "Packman" verdankten,
waren auf einem rein weiblichen College. "Randy", der Drummer,
betrieb einen Laden für Rastafarian-Devotionalien. Der Gitarrist
"Porter" war der Sohn eines "Bluemountain-Coffee"-Planters.
- Schöne Marxisten!
Marco Brown vom Büro Montego Bay hatte am
nächsten Morgen Schwierigkeiten, die Contenance zu bewahren, als Johannes ihm
seine Routen-Änderungen durchgab. Er würde erst am Mittwochabend wieder von der
Großzügigkeit des MOT Gebrauch machen, um sich das nach einem Hurricane zerstörte
und komplett neu errichtete Trident-Hotel in Port Antonio anzuschauen. Am
Donnerstag würde er dann nach Kingston weiterreisen, um am Freitag zum Lunch
die Live-Sendung mit dem Minister zu machen. Er müsse doch verstehen, dass
jemand, der noch nie auf der Insel gewesen sei, seine Eindrücke nicht allein an
der Nordküste sammeln könne.
Da er bis abends Zeit hatte, umrundete Johannes die Insel auf der eher
ungewöhnlichen Route gegen den Uhrzeigersinn zur Südküste. Er kam also alltags
noch einmal durch Lucea und Negril. Die Orte machten jetzt einen eher
verkaterten Eindruck. Wann immer er ausstieg, um Fotos zu machen, kam jemand,
um ihn mit wechselnder Aggressivität anzumachen:
"Ya man, ya ow me a dalla. This is my island!"
"Hey man - ' took care for ya car! Give me some money!"
Einmal rottete sich eine Gruppe Halbwüchsiger
um ihn zusammen, und es ergab sich eine wirklich bedrohliche Situation, weil
sie schon begonnen hatten, an seiner Kameratasche herumzufummeln. Das
Verständnis und die Erkenntnis, dass sich da Jahrhunderte aufgestauten Hasses
in einem Rassismus mit umgekehrten Vorzeichen den Weg bahnte, brachte ihn in
diesem Moment auch nicht weiter. Also bediente er sich des alten Tricks
"wenn du denen zeigst, dass du keine Angst hast, bekommen die welche!"
Er stieß seinen Zeigefinger in Richtung des
Rädelsführers:
"Hey du! Was machst du? Hast du keine
Arbeit? Musst du nicht in der Schule sein?" Er hasste es, den Arroganten
rauszuhängen, aber er machte weiter, weil der Teenager mit jeder Frage ein Stück
zurückwich und so einen Keil in den Ring machte:
"Weiß deine Mutter, dass du hier
herumhängst und Leute von der Arbeit abhältst? Ich muss jetzt hier jedenfalls
meine Arbeit für euren
Tourismus-Minister machen. Soll ich ihm am Freitag erzählen, dass hier ein
Haufen Schulschwänzer herumhängt? Wie heißt du? Schaltet das Radio an. Ich kann dich ja in "Public Eye" am
Freitag als Streiter gegen den Tourismus erwähnen. Dann kann sich ganz Lucea
bei dir bedanken, wenn hier niemand mehr herkommt."
Interessant war, dass sich diese aggressive
Ablehnung in offene Freundlichkeit verwandelte, je weiter er auf der Südküste
vorstieß. Vielleicht ist Jamaika dort tatsächlich nicht diese klischeehafte,
blühende Dschungelüppigkeit, aber auch die landschaftliche Vielfalt war
überraschend. Selbst der Bauxit-Tagebau mit seiner knallroten Erde hatte etwas.
Es lösten sich Landschaften ab, die eher mediterran anmuteten mit solchen, die
durch ihre karggrünen Klippen und ihre Bebauung an eine britische Küste - wie
Cornwall - erinnerten. In Calabash Bay war er dann wieder im Klischee-Jamaika -
nur in einem freundlicheren, karibisch relaxterem.
Als er seinen Wagen mittags am Strand parkte,
zogen die Fischer gerade ihre handbemalten Boote aus dem Meer und landeten
ihren Fang an. Die Frauen riefen ihm freundliche Grüße zu und posierten - als
sie die Kameras sahen - in übertriebenen sexy Posen und die alten Männer unter
den Palmwedeldächern der Sunshelters
feuerten sie dazu noch an.
Johannes entschloss sich spontan ein, zwei "Redstripes" (das populärste Bier
Jamaikas wurde einst von deutschen Braumeistern komponiert) zu zischen und sich einen der großen Fische, die
bunt waren wie Papageien, auf einer der offenen Kohlengruben, wo auch das
typische Jerk-Porc garte, grillen zu lassen. Es war einer der Momente, in dem
Johannes uneingeschränkten Spaß an seinem Beruf hatte, und die Leute schienen
gerade das zu spüren.
Ihm fiel auf, dass einige der Männer und
Frauen trotz ihrer negroiden Köpfe und Körper merkwürdig kontrastierende,
naturblonde Lockenköpfe und blaue oder grüne Augen hatten, traute sich aber
nicht sie direkt darauf anzusprechen. Als sie jedoch herausgefunden hatten,
dass Johannes kein Amerikaner, sondern Deutscher war, kamen sie von selbst auf
ihre deutsche Abstammung zu sprechen. Es stellte sich sogar heraus, dass sie in
ihrem "Patois", dem von Insel zu Insel anders gefärbten kreolischen
Antillen-Dialekt, noch viele deutsche Ausdrücke und Redewendungen verwendeten.
Es entspann sich eine multilinguale Konversation, bei der viel mit blitzenden
Gebissen gelacht und manch viel versprechender Blick ausgetauscht wurde.
Johannes wäre gerne länger geblieben...
Beim Aufbrechen konnte er sich eine Frage
dennoch nicht verkneifen, und er stellte sie gewissermaßen akademisch in die
Runde - also an keinen Bestimmten:
"Wieso seid ihr Leute hier so viel
freundlicher als an der Nordküste?"
Er war auf diese verständnislosen Gesichter
und ihre Sprachlosigkeit nicht gefasst. Vermutlich hätte er genau so dumm
fragen können:
"Wieso seid ihr schwarz?"
Ihm wurde schlagartig klar, dass er hier auf
einen Zipfel wahres Jamaika gestoßen war. Er wollte die Frage deshalb schon
unbeantwortet stehen lassen, als ein junger Mann, der ihm schon vorher wegen
seiner adretteren Kleidung und der gewählten Sprechweise aufgefallen war, die
Antwort gab.
Der Dorfschul-Lehrer:
"Hier gibt es kein Trinkgeld. Hier will niemand
Trinkgeld. Stell dir vor, du fährst mit zwei anderen zum Fischfang, bist die
ganze Nacht draußen und kommst dann zurück und verkaufst deinen Fang an guten Tagen so, dass für jeden
zehn Dollar übrig bleiben. Dann gehörst du hier im Süden zu den Glücklichen. An
der Nordküste verdienen die meisten im Tourismus an Löhnen auch nicht mehr.
Aber dann legen sie einem Gast nur ein Handtuch hin und erhalten einen Dollar
Trinkgeld. Sie servieren dir einen Drink und bekommen einen Dollar Trinkgeld.
Sie fahren dir das Gepäck vor das Appartement und bekommen vielleicht fünf
Dollar. Ein Kaffee-Pflücker bekommt anderthalb Dollar pro Stunde für seine
Arbeit in brütender Hitze. Viele, die im Tourismus arbeiten, haben allein durch
Trinkgeld mehr als fünfzig Dollar zusätzlich in der Woche und sie finden nichts
dabei, weil sie ja sehen, dass die Touristen auch bereit sind, für ein
gewöhnliches Essen 45 Dollar zu bezahlen - für einen Drink vielleicht fünf. Das
sind Preise, die sie von zu Hause kennen. Das Trinkgeld ist also leicht
verdientes Geld. Jeder möchte einen Job mit Trinkgeld. Aber so viele Jobs mit
Aussicht auf Trinkgeld gibt es natürlich nicht. Also gehören die, die so einen
Job haben, bald zu einer anderen Schicht. Sie können sich Unterkünfte oder
Hütten an der Küste in der Nähe der Resorts leisten und vertreiben die, die das
nicht mehr bezahlen können 'over the hills'. Das schlimmste jedoch ist, dass
sich auch hier im Süden unser Sozialgefüge langsam verändert, denn wir haben ja
schon den 'sanften' Tourismus. Was wird sein, wenn keiner mehr zum Fischfang
hinausfährt, wenn niemand mehr bereit ist, unsere Agrarprodukte für den
Eigenbedarf zu sichern, weil das im Vergleich zu schlecht bezahlt ist?"...
"...Oder die dann angepasste Preise
verlangen", ergänzte Johannes. „Du solltest an meiner Stelle beim 'Public
Eye' sitzen!"
Er hatte bei seiner Fahrt nach Mandeville
hinauf viel zu grübeln, und die Tatsache, dass die Hauptstadt des
Jamaika-Kaffees wiederum ein gänzlich anderes Jamaika repräsentierte, machten
seine Überlegungen nicht schlüssiger.
An der waldreichen Strecke boten an
Straßenständen zahlreiche Farmer in bunter Vielfalt ihr Obst und Gemüse an.
Mandeville selbst wirkte wie eine Parkstadt. Flamboyantes, Banyons und
Riesen-Feigen sorgten für Schatten, und überall schwängerten blühende Büsche
die deutlich kühlere und frischere Luft mit ihrem Duft. Selten hatte ein Ort
Johannes so jäh willkommen geheißen. Der Manchester Club entpuppte sich als ein
über hundert Jahre altes Ensemble aus Rasen-Tennisplätzen, einem Golf-Course
und Gebäuden mit Gesellschaftsräumen, durch die der Hauch der Kolonialzeit
wehte. Ein jamaikanisches Wimbledon gewissermaßen. Wie sollte hier ein
Reggae-Gig stattfinden?
Eine Frage, die bei der Happy Hour noch nicht
beantwortet wurde. Am Tresen der Bar, die wie ein britischer Pub organisiert
war, fand sich ein Multikulti-Folk mittleren Alters ein, das sich ohne
Schranken aus Bauxit-Bergleuten, Farmern, Büromädchen und Leutchen aus den
Plantagen mischte. Da die Aluminium-Männer aus allen Staaten Nordamerikas sowie
Schottland und Irland stammten und in Bergbau-Manier meist ihren Dialekt
pflegten, die Einheimischen jedoch unbeirrt ihr gaumiges Patois sprachen,
musste Johannes schon genau hinhören, als Scherze meist auf seine Kosten
gemacht wurden. Man tat aber dabei generell so, als habe er der Runde schon
immer angehört.
Die distinguierten Ladies, die den Zoten und
diesem Dunst aus Bier, Whisky und teuren kubanischen Zigarren entgehen wollten,
hatten ihren eigenen Raum, wo sie bei einem Punsch oder Sherry warteten, bis
die in Smokings und Dinner-Jackets gekleideten Ober den Speisesaal öffneten.
Ein untersetzter Schwarzer in einem
smaragdgrünen fabelhaft kontrastierendem Polohemd des Manchester Clubs und
passenden, karierten Golfhosen dazu hatte sich bald zu Johannes gesellt und lud
ihn wie selbstverständlich zum Abendessen ein:
"Wenn Sie die Aussicht auf eine von
unseren Chefs malträtierte Dritte-Welt-Kuh nicht abschreckt, würden meine Frau
und ich sie gerne einladen, mit uns das Abendessen einzunehmen."
"Gerne, aber wie komme ich zu der
Ehre?"
"Oh, ich vergaß mich vorzustellen.
Verzeihen sie mir. Ich bin Douglas Manley. Sie haben meinen Sohn Porter gestern
in Negril getroffen. Der Gitarrist. Er hat mir gesagt, dass sie kämen und wer
sie sind..."
"Manley? Sind sie verwandt mit Michael
Manley?"
"Well, über ein paar Ecken... Aber
gedanklich sind wir uns sehr viel näher."
Er strich sich dabei versonnen über seinen
runden Schädel, der spärlich mit kleinen silbernen Locken dekoriert war, als
wollte er mit dieser Geste sein Denken dokumentieren.
Als sie seine Frau Dana im Parlour abholten,
stockte Johannes der Atem. Die Frau war ein echter Hingucker. Als sie stand,
überragte sie ihren Ehemann um gut anderthalb Köpfe. Sie erinnerte - obwohl
schon ein Weilchen in ihren Fünfzigern unterwegs - mit ihrer einladend
ausladenden Üppigkeit an die Soulsängerin Aretha Franklin, übertraf diese aber in punkto Ausstrahlung
noch an majestätischer Souveränität. Ihr Gesicht und die von leichten
Silberfäden durchzogene blauschwarze Haarpracht, der nur leicht geschminkte
Mund und die nophretetisch proportionierte Nase waren die Landschaft, durch die
zwei riesige nur unmerklich marmorierte Augen rastlos keck hin und her
rollten. Als sie zum ersten Mal mit weiß
blitzenden Zähnen von weit unter ihrem tiefen Dekolleté ihr gurrend
anschwellendes Lachen aufsteigen ließ, war es um Johannes geschehen. Er
beschloss, als sie in dem plüschig, pleureusigen nur von Kandelabern erhellten
Speisesaal an ihren Tisch geleitet wurden, seiner Begierde durch Offensive die
Spitze zu nehmen:
"Sir! Wenn Sie in diesem Schummerlicht
nicht wollen, dass ich dieser Traumfrau mit Gastfreundschaft nicht zu
vereinbarende, unsittliche Anträge mache, setzen Sie sich besser zwischen
uns."
"Wenn ich das tue - jolly good Fellow -
dann nur, um Sie zu schützen! Diese Frau ist ein 'Maneater', eine Löwin, die
kaum Knochen übrig lässt. So blondes Weißbrot wie Sie nimmt sie normaler Weise
als Doppelscheibe zum Early-Morning-Tea!"
Alle drei lachten nach dieser
Harold-Pinter-Imitation so laut, dass sich manche Köpfe der übrigen Gäste ein
wenig indigniert ihnen zuwandten.
Es wurde ein sehr launiges Dinner mit
kulinarischen Höhen und Tiefen. Auf einen Salat aus grünen, marinierten Mangos
mit ausgelöstem Krebsfleisch folgte tatsächlich die avisierte
"Third-World-Cow", bei der Douglas Manley entschuldigend an
Einfuhr-Beschränkungen, obskur hohe Zölle und Eingriffe in die freie
Marktwirtschaft der Insel erinnerte. Als "Blue Mountain Coffee
Planter" gehörte er natürlich zum
Geldadel der Insel und deshalb waren seine eher auf der linken Seite
angesiedelten politischen Vorstellungen doch überraschend für Johannes.
Als Dana nach einem köstlichen Sorbet aus
Kokos- und Bananenschaum ihre Schwärmereien über ihre Enkel unterbrochen hatte,
um sich "die Nase pudern zu gehen", schlug Douglas vor, auf einen
alten Rum in einen der Clubräume zu gehen.
Sie waren allein in diesem Raum, in dem eine
Klimaanlage lief. Das erweckte den Anschein, als habe diese Manleys Stimmung
auf einmal spürbar abgekühlt:
"Ihnen ist schon klar, dass Sie unter
Beobachtung stehen", eröffnete er ohne Vorwarnung: "Der Alu-Mann aus
Minnesota, der sich in der Happy Hour so an Sie rangeschmissen hat, ist eher
aus Virginia."
Johannes muss etwas begriffsstutzig geschaut
haben.
"Ich meine damit, der Mann bezieht sein
Einkommen aus Langley! Mein Sohn Porter ist übrigens auch ziemlich sicher, dass
ihr Freund Clarence, die Starthilfe für seinen Sender von dort bekommen
hat."
"Was sollte denn die CIA von mir wollen.
Das ist doch lächerlich. Ich recherchiere hier für einen touristischen Beitrag.
Mit Politik habe ich absolut gar nichts am Hut!"
"Wie naiv sind Sie denn? Wenn in einem
Land der Dritten Welt, der Tourismus zu einem beherrschenden Wirtschaftsfaktor
wird, dann haben die, die über ihn schreiben, auf einmal auch erheblichen
politischen Einfluss. Unser Tourismus hat die Amflu "amerikanische
Grippe" (American Influenca - Patois für den amerikanischen Einfluss und
die US-Abhängigkeit der Insel), um sie zu kurieren, brauchen wir Vitamine aus
dem Alten Europa. Immerhin treten Sie ja in Public Eye gegen eine exponierten
Vertreter der Seaga-Administration an."
In diesem Moment wurden sie von Dana
unterbrochen, die in Begleitung eines eleganten jungen Mannes an ihre
Sitzgruppe getreten war. Der trug so etwas wie ein Chorgewand oder eine Sutane.
In automatischer Höflichkeit war Johannes aufgesprungen, um den Neuankömmling
zu begrüßen.
"Erkennst du mich nicht? Ich bin's,
Porter! Wir wollen euch holen. Wir fangen gleich an."
Glattrasiert, Haare mit Gel nach hinten
gescheitelt - Johannes brauchte ungefähr 10 Sekunden, um den Reggae-Gitarristen
von Gestern zu identifizieren. Und nur, weil er so vorgewarnt war, erkannte er
die übrigen vier von "Swamp" in dem mittlerweile zum Auditorium
umgeräumten Speisesaal ohne merkliche Verzögerung wieder. Inky trug ein schlichtes,
tintenblaues Abendkleid. Pinky das rosafarbene Pendant dazu. Selbst dem
zotteligen Ape verhalf das Chorgewand zu
heiliger Eleganz. Der Wandel hatte seinen gut bezahlten Grund. Hier traten
nicht "Swamp" an, sondern die "Redemption" auf. Eine
Viertelstunde später wusste Johannes nicht mehr, welche Formation er mehr
lieben sollte. Im leicht unterkühlten "Bossanova" hatten die beiden
jungen Frauen in abwechselnden, samtigen Balladen-Soli die gesanglichen
Front-Parts übernommen. Der wilde "Ape" spielte nun den erwartet
lakonischen Bass im Hintergrund, und Porter konnte endlich seine tatsächlich
vorhandene konzertante Virtuosität an seiner Gitarre zur Entfaltung bringen.
Inky würde ein paar Jahre später in London -
versehen mit einer abessinischen Legende und einem zweisilbigen afrikanischen
Namen, die sehr zu ihrem Aussehen passten
- ein umjubeltes Debüt-Album herausbringen. Ihr somnambuler Gesang würde
für mehr als ein Jahrzehnt über die hitzeflirrenden Traumstrände der Welt wehen.
Pinky würde mit "Girlie
Friday" und einem Songtext in Patois unter ihrem tatsächlichen Vornamen
ein One-Hit-Wonder landen, welches in 35 Ländern wochenlang die Charts anführte
und zu einer Art Hymne auf die Emanzipation der karibischen Frauen wurde.
Dort oben im Manchester Club von Mandeville
sorgten sie jedoch bei einem ihrer frühen Auftritte im neuen Stil vielleicht
erstmals für wohlige Schauer in einem Publikum, das weder Alters-, noch Rassen-
oder gar Klassen-Unterschiede kennen wollte. Die Aftershow-Party auf dem
Center-Court erlebte Johannes auf Wolke Neun, weil er einem Drink namens
"Planter's Passion-Tea" erlegen war: Ein Drittel dunkler Rum, ein
Drittel schwarzer Tee, ein Drittel frisch ausgelöffelte Kerne der
Passionsfrucht - das Ganze mit der gleichen Menge Eis aufgefüllt und im Mixer
gecrasht. Teuflisch!
Was für eine Nacht war das gewesen! Dana
hatte ihn ein paar Mal derart mütterlich in ihren Armen erdrückt, dass
jegliches erotisches Verlangen einer warmen Zuneigung gewichen war. Douglas
hatte sich mit Geschäften am kommenden Tag zeitig empfohlen, aber der harte
Kern des Auditoriums war später samt der "Redemption" - gewissermaßen
um Erlösung zu erlangen - im abseits gelegenen Pool des Manchester Clubs
gelandet: die Schamhafteren mit einem Teil ihrer Kleidung die meisten jedoch
gänzlich ohne. Bevor er vollkommen ins Nirwana abgeglitten war, gelang es
Johannes nach sehr aufschlussreichen Gesprächen mit verschiedensten Leuten auch
noch Porter auf die seiner Meinung nach absurden Theorien seines Vaters
bezüglich Clarence Botraga anzusprechen:
"Ya Man," antwortete Porter
beschwipst in seine Rastarolle zurückfallend, "wenn du wüsstest, welchen
Einfluss die Musik auf den Inseln hat, dann wäre dir auch klar, dass die CIA
hier das leichteste Spiel hat, ihr Nachrichten-Netz zu spinnen, um politische
Strömungen rechtzeitig zu erkennen und Einfluss zu nehmen. Marley und Tosh
hatten das schon Mitte der Siebziger durchschaut und ihrerseits geheime
Botschaften in Songtexten und Soundtracks versteckt. Dass hinter dem Attentat
auf Marley 1976 die CIA steckte, ist für Marleys Anhängerschar genau so sicher
wie die hinlänglich kolportierte Story mit dem vergifteten Kupferdraht in den
Ray-Chissom-Stiefeln, die er zwei Jahre später - oder so - während der
US-Tournee von einem angeblichen Fan geschenkt bekommen hatte. Ich meine,
Ray-Chissoms! Hey, das sind die Caddilacs unter den Cowboy-Boots. Da wird doch
kein Kupferdraht aus einer Innennaht hervorstehen. Noch dazu einer, an dem man
sich eine nicht heilen wollende Verletzung zuzieht. Nein, ich glaube
mittlerweile auch, dass den jemand mit einem krebserregenden Gift präpariert
hat."
" Und dein Verdacht gegenüber
Clarence?"
"Clarence ist ok. Er versteht wahnsinnig
viel von Musik. Aber schau, wer kann sich leisten, in München und NewYork
Gesang zu studieren, und noch dazu in einer Stimmlage, in der es klassisch für
Schwarze nichts zu holen gibt. Wir wissen praktisch nichts über seine
Vergangenheit. Angeblich ist er auf Tobago geboren. Er hat die Sende-Lizenz
ohne Wartezeit bekommen, und allein schon diese Studio-Technik von
Greywulf-Electronics. Das teuerste Equipment, das auf dem Markt zu haben war.
Die Kingston-Times hatte sogar darüber berichtet, dass einer der Firmenbosse -
ein ehemaliger Box-Weltmeister - persönlich hier war, um sie zu installieren.
Greywulf hat nebenher übrigens auch Überwachungselektronik entwickelt..."
Johannes konnte mit diesem Namen zu diesem
Zeitpunkt noch nichts anfangen und er ließ dann auch von Porter, weil Inky und
Pinky vor allem unter Wasser nicht von ihm lassen wollten. Zudem verlangte eine
Verwaltungsangestellte aus Mandeville, die schon vorher bei einem zu ernsten
Gespräch mit Johannes ungeduldig mit den Augen gerollt hatte, sehr handfest
nach Hinwendung.
Er konnte wirklich nicht sagen, wie er
letztendlich ins Bett gekommen war. Als der Wecker viel zu früh klingelte, weil
er ja mittags in Ochos Rios sein wollte,
erinnerte er sich nur noch, dass er sich an einem Jamaica-Pin gestochen hatte,
die jemand an der Brusttasche von seinem Hemd befestigt hatte. - Und dann waren
die Moskitos über die nackten Schwimmer hergefallen...
Erstaunlicher Weise hatte er keinen Kater,
aber Brust und Rücken sahen aus wie ein Streuselkuchen. Der Kratzer von der
Nadel hatte sich zum Glück nur rot verfärbt und nicht entzündet. Die Euphorie,
die ihn beseelte, machte das Schlafdefizit mehr als wett.
Die berufliche Distanz sollte Johannes auch
im Verlauf des Tages auf seiner Tour ins touristische Jamaika nicht zurück
gewinnen. Die kristallene fast unnatürliche Klarheit des White Water Rivers und
die Pool-Terrassen der Dunn-River-Falls mit ihrem Champagner-Prickeln waren so
überwältigend, dass auch sein kurzer Abstecher in die Armut "over the
hills" deren Faszination nicht schmälerten. Ochos Rios bediente alle Prospekt-Vorstellungen
vom Luxus-Urlaub unter Palmen derart dekorativ, dass Johannes’ Trip unvermindert
anhielt, bis er in der untergehenden Abendsonne den weltberühmten Blick von der
Bar-Terrasse des Bonnie-View auf die Bucht von Port Antonio genoss.
Porter hatte ihm ein Gespräch mit einem
Künstler und Geistesbruder vermittelt, der ihm bei einem bombastischen
Banana-Daiquiri Gesellschaft leistete. Der Bildschnitzer Ashley Brown hatte es
schon mit seinen seltsamen Vogel-Kreationen in namhafte New Yorker Galerien
geschafft, aber er blieb dennoch seinem
Rastafarian Habitus treu. Er war in den Nationalfarben schwarz, gelb und grün
gekleidet und trug die unvermeidliche Häkel-Mütze zu Dreadlocks und
Kräuselbart. Sein Alter war nur schwer zu schätzen, aber anhand von
Erlebnisschilderungen während der Unabhängigkeit und dem Ende der britischen
Kolonialzeit 1962 mochte er über sechzig sein.
Er redete sehr schleppend und undeutlich, aber was er erzählte, stand in
punkto Dramatik im krassen Gegensatz zur Ruhe seines Vortrags. Er sprach von Jamaika
als Invasionsplattform gegen Kuba und spann so abstruse Modelle politischer
Ränkespiele unter Beteiligung von MI6 und CIA, dass Johannes zunehmend müder
wurde, ihm zuzuhören. Der Schlafmangel holte ihn ein und er verabschiedete
sich, um Quartier im Trident Resort
Hotel zu beziehen.
Die Witwe von Hollywood-Ikone Errol Flynn
hatte diesen Neubau noch begleitet, nachdem das Hotel 1980 von einem Hurricane
von der Klippe gefegt worden war. Errol Flynn selbst hatte einst als Partygag
die legendären Fackel-Floßfahrten auf dem nahe gelegenen Rio Grande erfunden,
die noch heutzutage die touristische Hauptattraktion der östlichen Nordküste
sind.
War Round Hill "Number Fourteen"
schon üppig, so war die Trident-Villa "Photographer's Delight" von Ausstattung und Größe her
nur noch unwirklich zu nennen. Es gab keine anderen Farben als Weiß und das
Blau des Ozeans. Ein riesiges Himmelbett stand gewissermaßen am Horizont und
erzeugte damit eine Dimension, die Johannes in diesem Moment nur noch schwer
ertragen konnte. Seine Augen brauchten nach der Reizüberflutung des Tages
endlich Ruhe. Er betätigte mit letzter Kraft - wie ihm auf einmal schien - die
sich automatisch schließenden Vorhänge. An der Rezeption hatte er schon
vorsorglich gesagt, dass man ihn schlafen lassen möchte, selbst wenn am
kommenden Mittag immer noch das "Do
Not Disturb" an der Tür hängen sollte... Es war Dienstagabend.
Einen kurzen Moment wollte er sich nur auf
das Bett legen. Als er das erste Mal wieder erwachte, schoss das Wasser in kleinen Fontänen aus seinen Poren.
Johannes hatte schon immer stark geschwitzt, aber dies war nun eher ein
Auslaufen. Ihm war klar, dass er diesen Flüssigkeitsverlust sofort würde
ausgleichen müssen, aber er konnte sich nicht bewegen. Es verursachte schier unendliche
Denkarbeit und bedurfte physischer Kraft, auch nur den Knopf der
Nachttischlampe zu betätigen. Dann versank er wieder in ohnmächtigen absolut
traumlosen Schlaf.
Als er das nächste Mal erwachte, war er nur
noch ein zu einem Proton geschrumpftes Etwas, das in dem Raum-Zeit-Kontinuum
des Schlafraums willkürlich von fremder Energie gejagt oder wieder jäh
abgebremst wurde. Die Suite erschien ihm größer als das Universum. Er hatte in
dem riesigen Bett seiner Wahrnehmung nach maximal die Größe eines Staubpartikelchens. Aber diesem Nichts wurde auf einmal klar,
dass es tödlich dehydrieren würde, wenn es die entfernte Galaxis der Bar nicht
erreichen würde...
Johannes glaubte beim Abstieg von der
Bettkante zu zerschellen, erlangte aber erstaunlicher Weise wieder einen
minimalen Energieschub, als er auf den kühlen Boden-Fayencen angelangt war. Bis
heute hat er das eine in blau gehaltene Motiv scharf vor Augen, obwohl er
praktisch mit der Nase darauf lag: Die Caravelle Santa Maria von Christoph
Kolumbus.
Seine Überquerung des Kachelmeeres kam dessen
Fahrt nach Westindien an Länge und Ungewissheit in etwa gleich. Unterwegs fiel
ein schrecklicher Fiebersturm über Johannes her. Danach glitt er auf dem
restlichen Schweißfilm scheinbar von selbst vor den Kühlschrank. Aber wie
sollte er den Aufstieg zum Griff schaffen?
Beim nächsten Erwachen stand der Kühlschrank
offen, und er war wieder normal groß. Das Fieber war wohl verschwunden, weil er
in einer Pfütze aus geschmolzenen Eiswürfeln und inmitten von einem Dutzend
diverser Flaschen mit verschütteten Inhalten lag. Er hatte sie offenbar alle
wahllos getrunken oder sie sich alternativ
über den Körper geschüttet. Jetzt fror er wie in einem Eispalast -
obwohl die Klimaanlage aus war.
Johannes kroch zurück ins Bett und deckte
sich mit allem zu, was erreichbar war. Dann stürzte er in eine neue Ohnmacht.
Diesmal jedoch begleitet von obskuren, bunten
Albträumen, in denen rastazöpfige Monster unendlich viel Blut und
Körperflüssigkeiten vergossen. In denen Verleger mehr Leistung einforderten und
seine Kinder nach ihrem Vater riefen. Das schlimmste war jedoch ein
unterbewusster Kontrolleur des Realen, der ihn ganz sachlich daran erinnerte,
dass er auf Reportage sei, einen Sende-Termin zu absolvieren habe und nach
Trinidad weiter müsse. Johannes jedoch wollte eigentlich nur noch liegen
bleiben oder besser in den ewigen Schlaf hinüber gleiten.
Es klingelte, es hämmerte in seinem Kopf -
immer hartnäckiger. Nein, er war nicht da. Das war ja in dem Hohlraum, in dem
einst sein Hirn gewesen sein mochte. Vor allem das Klingeln nervte. Er
erwachte. Das Telefon? Er ergriff den Hörer:
"Sir, Sir, was ist mit Ihnen?"
"Hallo! Mister Gotz!" erscholl es
gleichzeitig gedämpft von draußen durch die Tür.
"Sir. Das MOT wundert sich, dass sie
noch nicht in Kingston sind."
"Moment!" Sagte Johannes und
schlang sich die Überdecke um den nackten Körper, um die Kette von der Tür zu
lösen.
"Gott, der Allmächtige! Wie sehen Sie
denn aus? Wie sieht es hier denn aus?"
Johannes schlurfte wieder mit Mühe zum
Telefon.
"Was wollen die denn, es ist doch erst
Mittwoch!"
"Oh nein, Sir. Es ist Freitag acht Uhr.
Der Minister wollte vor der Sendung noch mit Ihnen zum Essen gehen..."
"Himmel! Mir fehlen zwei Tage meines
Lebens. Grassiert hier irgendein Virus?"
"Nein Sir! Aber die Daiquiris sind
manchmal nicht ganz in Ordnung, vor allem die letzten."
Das Scherzen verging der Rezeptionistin, als
sie den Bericht vom Housekeeping hörte und Johannes sah, der sich mühsam in
einen ultraleichten Anzug von Kenzo gezwängt hatte. Der Kontrollfreak in ihm
hatte eine Extra-Portion Adrenalin ausgeschüttet und zwei Rationen verborgene
Energien bereitgestellt. Er würde die Fahrt nach Kingston schon irgendwie
schaffen, zumal er auch tierischen Hunger verspürte, was immer ein gutes
Zeichen war. Er hatte sich nach dem Omelett
zudem aus der kleinen Bordapotheke in seiner Kameratasche bedient. Sein
bewährter Mix aus Aspirin, Antibiotika, Fiebersenker und Magenaufräumer mit einem
Liter schwarzen Kaffee würde ihn wieder zur Gänze herstellen - dachte er.
Selbst die kürzeste Variante - die Fahrt über
Annotto Bay nach Kingston - auf kurvenreicher, enger Trasse würde zu lang
werden, das merkte er, nachdem er einige Kilometer weit in diesen
Dschungel-Tunnel eingetaucht war. Bei jedem Truck der ihm entgegen kam, landete
er beinahe im Straßengraben. Erstmals konnte er nicht - wie sonst - routiniert
und ohne besondere Konzentration mit dem Linksverkehr umgehen. Ein paar Mal
wäre er fast nach der falschen Seite ausgewichen... Im nächsten Dorf fuhr er an
den Straßenrand, um alle Kraft darauf zu verwenden, nicht erneut in Ohnmacht zu
fallen.
Da trat eine bildhübsche junge Frau an den
Wagen und fragte, ob er sie nach Kingston mitnehmen könne. Sie müsse zu einem
Vorstellungsgespräch. Johannes lachte trotz aller Übelkeit in sich hinein. So
krank konnte er offenbar gar nicht sein, dass er ihre langen Beine in den engen
roten Jeans nicht wahrgenommen hätte - und die stolzen, frei schwebenden Brüste
unter der makellosen, weißen Bluse. In den blauschwarzen Locken glitzerte etwas
von dem damals für den "Afro-Look" populären Diamant-Haarspray, und
die Lippen waren exakt in der Farbe der Hose und ihrer kleinen Handtasche
geschminkt.
"Können Sie Auto fahren?"
Als sie bejahte, stieg er wortlos aus und
setzte sich auf den Beifahrer-Sitz. Er war eindeutig in einer Not-Situation,
und die erläuterte er der jungen Frau. Bei Beverly - so hatte sich die junge
Frau ihm vorgestellt - hatte der erste Blick auf Johannes gereicht, um alle
fürsorglichen und beschützerischen Ur-Instinkte zu aktivieren. Sie plapperte
auf Johannes ein, als bräuchte ein krankes Baby
Zuspruch, und kurioser Weise beruhigte das Johannes derart, dass er sich
es gefallen ließ. Sie war eine temperamentvolle, aber auch erstaunlich sichere
Fahrerin, was sie damit erklärte, dass sie während der College-Ferien
Kleinbusse mit amerikanischen Touristen als Reiseführerin chauffiert hatte. Sie
redete unaufhaltsam und gab quasi ihr ganzes junges Leben preis - nur um ihn
wohl vor einer erneuten Ohnmacht zu bewahren.
Sie wollte Medizin studieren, müsste sich
aber das Geld erst einmal praktisch verdienen, deshalb sei sie auf dem Weg zu
einem Vorstellungsgespräch in einer Tagesklinik in Kingston. Johannes riss sich
zusammen, um Konversation zu machen, und auch die beruflich geschulte
automatische Wahrnehmung der Landschaften, durch die sie fuhren, funktionierte
noch. Nur fiel es ihm schwer, zu glauben, was er sah. Sie fuhren durch enge
Flusstäler, deren Ufer mit Tangerine-Trees und Durijan-Bäumen gesäumt waren.
Noch nie hatte er so üppig mit Früchten behängte Bäume gesehen. Aber dass er
nicht ganz klar im Kopf war, merkte er auch daran, dass er auf einmal
"Lucy In The Sky With Diamonds" vor sich hin sang:
"Picture yourself in a boat on a river with tangerine trees and
marmalade skies..."
Beverly
begleitete sein Abgleiten mit zunehmender Skepsis, was daran zu erkennen war,
dass sie praktisch bei jeder Atempause den Satz einschob:
"Im Übrigen bin ich der Meinung, dass
Sie in ein Krankenhaus gehören."
Ob sie etwas dagegen habe, wenn er sie
"Schwester Cato" nennen würde, entgegnete Johannes nach einer Weile
und kicherte dabei in sich hinein wie ein Betrunkener, der einen Witz gemacht
hat, den nur sein benebelter Geist komisch findet. Aber er erklärte ihr dann im
nächsten konzentrierten Moment auch, was es mit Cato und den Karthagern auf
sich gehabt hatte, und dass er auf einer Mission sei, obwohl er Ape gegenüber
darauf bestanden hatte, dass das eigentlich nicht so sei. Und, dass der Minister
warte. Und Clarence. Und ob sie überhaupt die alle kennen würde...
Beverly war nicht nur ein kluges Mädchen,
sondern kannte sich natürlich aus. Eine Insel mit etwas über zweieinhalb
Millionen Einwohnern ist in punkto Promis klein wie ein Dorf. Sie hatte sowohl
"Swamp" als auch "Redemption" schon gehört und auch
gesehen. Und "Public Eye" sei nun einmal zufällig ihre
Lieblingssendung. Aber sie war bei ihren medizinischen Grundkenntnissen auch
überzeugt, dass er den Termin nicht durchstehen würde.
In Half Way Tree bog sie - während Johannes
versuchte, den gleichnamigen Song, oder war es ein Album von Bob Marley in
seinem matschigen Hirn abzurufen - von der Hauptstraße ab und landete nach
wirrem Zickzack in einem nicht allzu Vertrauen erweckenden Hinterhof.
"Erlöst du mich jetzt von meinen Leiden
Sister Cato?" Grummelte Johannes in Erwartung, dass die Schöne jetzt
vielleicht das Biest herauskehren würde.
"Da kannst du drauf Wetten -
Whitey!"
Sie zerrte ihn durch eine
Hintertür in einen Raum, der bis unter die Decke mit Pharma-Packungen voll gestapelt war und
setzte ihn wie ein kleines Kind auf einen Stuhl:
"Du rührst dich nicht vom Fleck!"
Nach einer schier unendlichen
Zeit kam sie mit einem indisch aussehenden Mann zurück, der ein paar
Trink-Ampullen, Spritzen und andere ärztliche Untensilien auf dem Arm gestapelt
hatte:
"Das ist Jalbahadur. Ich habe mal für
ihn gearbeitet. Er ist Apotheker. Du kannst Jal zu ihm sagen."
Jalbahadur fragte ihn, ob er vor kurzem in
einem Land gewesen sei, in dem es Malaria gäbe. Ob er schon mal in den letzten
Jahren solche Fieberschübe gehabt habe. Was Beverly ihm erzählt habe, deute
nämlich alles auf das Tertiana, das Dreitagesfieber hin. Doch Johannes
verneinte all dies.
"Anyhow", ich darf Ihnen ohnehin
nur Vitamin B spritzen und etwas zur Stärkung des Kreislaufes zum Schlucken
geben. Beverly wird versuchen, für nach der Sendung einen Termin in der
Tagesklinik zu machen, in der sie sich vorstellt. Allerdings, es ist Freitag.
Ich kann Sie nur warnen, Morgen weiter zu fliegen."
Als sie wieder im Auto saßen, war es bereits
nach elf, und der heißeste Februar-Freitag in der meteorologischen Geschichte
Jamaikas kratzte an der Vierzig-Grad-Marke, als der nächste Fieberschauer über
Johannes hernieder ging. Er fror und wurde vom Schüttelfrost durchgeschüttelt,
obwohl die Klimaanlage des Mitsubishi aus war und sie alle Fenster geöffnet
hatten, um die feuchtwarme Luft von draußen herein zu lassen. Zu allem Übel
steckten sie nun auch noch im Trafficjam der mittäglichen Rushhour. Der
Kenzo-Anzug war durchgeschwitzt und zerknittert.
"Gut, dass das Rundfunk ist und nicht
Fernsehen", witzelte er, weil er Minuten später merkte, wie die Spritzen
und Zaubertränke des Inders wirkten.
Beverly kannte alle Schleichwege zum Sender
und brachte sie mit einem immer noch großen Zeitpolster in die Hope Road. IITSR
hatte einen Bungalow bezogen, der nur einen Steinwurf von den Marley Studios in
Nummer 56 entfernt lag.
"Du schaugst ja really Scheiße
aus", sagte Clarence in seinem
bayerisch-karibisch gefärbten Deutsch. Es lag nicht nur an seinem
Gesundheitszustand, dass Johannes sich minderwertig fühlte, als der riesige
Mann ihn umarmte. Johannes, der es ja selbst gewohnt war, bedingt durch seine Körpergröße auf die
meisten Menschen hinunter zu schauen, erlebte immer einen kleinen Schock, wenn
ihm das Gegenteil widerfuhr. Clarence hatte ihn wie einen kleinen Jungen vor
sein Gesicht gehoben, um ihn wie ein besorgter Onkel zu mustern: Es schien Johannes, dass die Stimme des Ex-Sängers mittlerweile ein, zwei Stufen tiefer angelangt sei, was ihrem Timbre gut tat.
"Diese Daiquiris können einem ganz
schön zusetzen."
Seltsam, das war der zweite, der heute
seinen Zustand mit Daiquiris in
Verbindung brachte, dabei hätte sich Clarence noch gut daran erinnern
können, dass Johannes so gut wie nie Mixgetränke wählte...Blödes Misstrauen.
"Steck dich bloß nicht an - vielleicht
ist es der Bazillus Bavaricus, den ich in mir trage."
Niemand kann so lachen wie ein drei Zentner
schwerer Zweimeter-Bassbariton. Johannes' Solargeflecht geriet unter diesen
Schwingungen derart ins Vibrieren, dass er sich fast erstmals übergeben hätte.
"Diese junge Lady hat mir heute mehrmals
das Leben gerettet. Sie hat gleich das wichtigste Vorstellungsgespräch ihres
Lebens. Kannst du dich darum kümmern, dass sie pünktlich ist!"
Er reichte Beverly die Hand, doch sie sagte
nur, indem sie sich nachdrücklich auch Clarence zuwandte:
"Nicht lange Abschiedstränen vergießen.
Wir sehen uns gleich in der Klinik!"
"Das wird mal eine ganz nervtötende
Ärztin. Das ist sicher."
Eine Stunde später eröffnete, nach einer
kurzen Einleitung durch Clarence, der Minister gleich mit einer schweren
Breitseite. Er gab live auf Sendung gegenüber Johannes seiner Verwunderung
darüber Ausdruck, wieso die Presse eines Landes, das unter dem Terror der RAF
litte, in dem Spitzenvertreter aus Politik, Wirtschaft und Jurisprudenz ihres
Lebens nicht sicher seien, sein Land mit Horror-Artikeln über ein ganz normales
Kapital-Verbrechen gleich von der touristischen Landkarte schrieben.
Der Anspielung auf Bubach, Schleyer und Ponto
war natürlich argumentativ nichts entgegen zu setzen, aber Johannes war ja auch
nicht hier, um sich oder seine Kollegen zu rechtfertigen. Dr. Byron Blakewell
war ein Typ Mensch, den es in allen Hautfarben gibt. Eloquenz gepaart mit
Eitelkeit, die dazu führte, dass er selbstgefällig seiner sorgfältig vorbereiteten
Eröffnung hinterher lauschte.
Johannes fühlte sich auch großartig - wie
immer wenn die Adrenalin-Zufuhr seinen Verstand auf simples Reagieren reduzierte.
Deshalb konterte er nicht, sondern griff in die Medien-Trickkiste:
"Zunächst einmal Herr Minister möchte
ich mich persönlich bei allen Jamaikanern und natürlich auch bei Ihnen
entschuldigen, denn auch ich bin hier vor sechs Tagen erstmal mit Vorurteilen
angereist, und an denen hätte sich sicherlich nichts geändert, wäre ich dem
Programm gefolgt, dass Ihr Ministerium für mich vorgesehen hatte. Aber dann
habe ich die touristischen Luxus-Ghettos verlassen und habe einen Schatz
entdeckt, der mehr wert ist als alles Bauxit, alle Traumstrände und aller
Kaffee zusammen. Das sind ihre Mitbürger Sir! Ihr Tourismus verhindert
möglicher Weise das, was Reisen so schön und sinnlich macht: Meet the
people!"
Damit hatte der Minister nicht gerechnet.
Statt zu streiten und die Schuld nach außen zu verlagern, war er plötzlich
gezwungen, nach Meinung zu fragen.
Johannes hütete sich aber davor, einen
persönlichen Standpunkt abzugeben, sondern zitierte nur die Gespräche, die er
geführt hatte. Natürlich bekam auch Clarence für seine Sendung samt seiner
Zuhörer ein dickes Lob. Hier würde eine Meinung gemacht, der auch die Politiker
ruhig Beachtung schenken sollten.
Johannes berichtete von seiner Begegnung mit
"Swamp" von der Trinkgeld-These des jungen Lehrers in Calabash Bay,
von der schlechten Versorgung außerhalb der touristischen Ballungszentren und
er endete mit der Erwähnung seines Gesundheitszustands und einer kurzen
Schilderung der Fahrt mit der hilfsbereiten Beverly.
"Wissen Sie, was diese prachtvolle Frau,
die diese Woche schon viermal von Annotto Bay nach Kingston getrampt ist, um
einer Job zu finden, so beiläufig gesagt hat. Sie sagte: Eines Tages wird
Jamaika jäh erwachen und feststellen, dass es sich für Touristen verändert hat,
die eigentlich gekommen sind, um es so zu erleben, wie es jetzt noch ist. Auf
diesem Gedanken könnten Sie ein Partei-Programm
verfassen."
In der zweiten Stunde von "Public
Eye" liefen die Telefone heiß wie selten. Die Clarence-Crew, die sich noch
in Johannes' Lob aalte, stellte manch "alten Bekannten" durch:
"Right on Whitey! Hab' doch gewusst dass
du auf einer Mission bist. Well done! " Das war "Ape".
"Sorry Man! Ich war dabei, wie du uns in
Lucea die Leviten gelesen hast. Wir haben uns hinterher ganz schön
geschämt."
"Dr. Blakewell, Sir! Da kommt so ein
Whitebread daher und erzählt Ihnen nach ein paar Tagen wo es langgeht. Lassen
Sie sich das als Minister gefallen? Der reist doch auf unseren Steuergeldern...
Naja, vielleicht war's ja gar nicht so schlecht angelegt. Möglicher Weise
sollten Sie ihre Hausaufgaben machen..."
" Hallo hier ist Kelly vom Trident in
Port Antonio. Dieser Mann schafft sich echt rein. Heute Morgen dachte ich, der
stirbt gleich. Gute Besserung Mr. Gorz!"
Auch der junge Lehrer aus
Calabash Bay kam live auf Sendung und bestätigte noch einmal die strukturellen
Probleme seiner Region.
Der letzte Anruf, der hereingestellt wurde,
kam von der jubelnden Beverly und war der schönste:
"Jouhäännais! Kannst du mich hören? Ich
hab den Job. Die versammelten Woodoo-Schamanen hier hatten das Radio an. Jetzt
warten sie ehrgeizig darauf, dir ein Third-World-Treatment zu geben."

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