Ed Randolphs hatte auf einer
Tangente den Wirkungskreis von Johannes berührt, die einer dauerhaften
Beziehung in Form einer Männerfreundschaft eher widersprach. Cops und
Journalisten sind ja nicht nur in den USA selten gut aufeinander zu sprechen.
Beide, berufsbedingt mit einer Vorratspackung Misstrauen ausgestattet, trafen
sich zum ersten Mal in einem Umfeld, in dem man gerade davon reichlich
brauchte: der Lower Eastside von Manhattan, und das auch noch nach Einbruch der
Nacht.
Ed stand 1980 im Jahr seiner
Pensionierung und Johannes noch voll im Saft als Hals-und-Beinbruch-Reporter.
"Stylische Reality Fotoreportagen" waren gerade hoch im Kurs, und der
Chefredakteur eines der Blätter, die in dieser Zeit genau so schnell
erschienen, wie sie wieder eingestampft wurden, hatte sich eine Bildreportage
über eine Nachtstreife in New York eingebildet.
Randolphs war auf St. Thomas
geboren und ein derart hellhäutiger Schwarzer, dass er schon allein durch
diesen Umstand wirkte wie ein Karibik-Prinz. Attitüden, die auf den ersten
Blick geradezu überheblich arrogant wirkten, sorgten wie das Strahlenschild
eines Star-Trek-Raumschiffs für den gewissen Abstand zu jeder Art Mitmenschen -
gleichgültig auf welcher Seite des Gesetzes sie standen. Warum NYPD
ausgerechnet ihn zum PR-Officer gemacht hatte, war daher nicht ganz
ersichtlich.
Johannes jedoch, der sperrige
Typen liebte, hatte seine Hausaufgaben gemacht und über einen
NBA-Basketball-Spieler, mit dem sowohl Ed als auch er freundschaftlichen
Kontakt pflegten, mehr über den "Gentleman-Cop" erfahren.
Ed Randolphs hatte im Narcotic
Branch zusammen mit dem legendär verfilmten Serpico gegen die ganz ganz großen
Drogen-Bosse ermittelt. Serpico meist undercover, während Ed - seine Attitüden
nutzend - als "er selbst" wie eine Art Doppelagent fungierte: Sein
Hang zu Designer-Klamotten, sowie die Tatsache, dass er einen Porsche fuhr und
in Central Park West in einer teuren Eigentumswohnung wohnte, mussten nicht vorgetäuscht
werden, denn sie entsprachen seinem tatsächlichen Lebensstil. Dadurch, dass nur
Eingeweihte wussten, dass er den vor allem seiner Frau Charlene verdankte, die
bei "United" ein hohes Tier im Controlling war - hatte er genau den
richtigen Hautgout. Er war im bisweilen durch Korruption unterwanderten Innen-
wie auch im tödlich gefährlichen Außenverhältnis überlebenswichtig, um
glaubwürdig den "Bladerunner" zu spielen.
Zwei Jahre, bevor Johannes Ed 1980
zum ersten Mal traf, war jener, als sie den "capo dei tutti capi" in
einer spektakulären Aktion auf der Verrazano-Bridge stellten, nicht mehr in
seiner Rolle zu halten gewesen. Die Presse und die Eyewitness-Channels hatten
ihn derart ins Rampenlicht gezerrt, dass der Chief-Commissioner die Flucht nach
vorne antrat und ihn mit seiner Trademark "Gentleman-Cop" ins
PR-Department abkommandierte. Und Randolphs machte seine Sache gut - er
profilierte nicht nur das NYPD, sondern feilte auch weiter an seinem eigenen
Image.
Während diverser Observierungen
hatte er sich mit unterschiedlichsten Kameras beigebracht, unter den
schwierigsten Bedingungen technisch einwandfreie Fotos zu schießen. Seit er PR
machte, nutzte er jede freie Minute für - wie er es nun nannte – „serious
artwork“.
Johannes hatte am Tag vor ihrem
Meeting die Foto-Galerie "Blackstar" am Broadway aufgesucht, um etwas
zum Reden und Eisbrechen für das erste Aufeinandertreffen zu haben. Ed Randolphs hatte dort unter dem Titel "Silent Autumn Night Winds" seine erste
Ausstellung, und das gierige New Yorker Kunst-Volk hatte ihm innerhalb des
ersten Monats einen Umsatz von über 150 000 Dollar beschert. Mit einer ebenso
simplen wie dekorativen Idee:
Ed war in den Indian Summer nach
Vermont gereist und hatte seine Nikon-Motorkamera mit Zoom-Linse, langen
Belichtungszeiten und feinkörnigen Tageslichtfilmen nächtens in verfärbte
Laubbäume gehalten, die von verschiedensten Lichtquellen erhellt wurden. Das
Ergebnis waren vor schwarzem Hintergrund verwischte, vielfarbige Laubwesen, die
merkwürdig erstarrte Figuren tanzten und grotesk kontrastiert wurden durch
Ecken von den typischen überdachten Holzbrücken
oder geisterhaft angestrahlten weißen Georgian Townhalls. Das ganze
hatte dann ein Labor auf türgroße Abzüge aufgeblasen, die Ed als Unikate
signierte.
Die Reportage selbst ging
gründlich schief, weil entweder alle Ganoven der Lower Eastside - entgegen dem
Image, dort ruhe das Verbrechen nie - gemeinsam in Urlaub gefahren oder wegen
der extremen Kälte in Streik getreten waren. Zudem prügelte kein Ehemann seine
Frau, kein Junky hatte sich eine Überdosis gespritzt, und die berüchtigten
Streetgangs rückten nicht aus, weil keiner auf der Straße war. Nur die bekannten
Kanal-Deckel dampften wie eh und je still vor sich hin... Aber das gab Ed und
Johannes andererseits die Zeit, vorsichtige freundschaftliche Bande zu knüpfen.
Immerhin war Randolphs zu diesem Zeitpunkt schon 52 - also mehr als 20 Jahre
älter als der Deutsche.
Johannes, der gerne Synergien
nutzte und Spaß an journalistischen Gimmicks hatte, fragte Ed nach den zwei im
Polizeifahrzeug gemeinsam verbrachten Nächten, ob er sich zutraute, nach der
Pensionierung die eine oder andere Fotoreportage für ihn zu machen. Er habe
sich seine Ausstellung angeschaut und wäre neugierig, ob er fotografisch auch
mit beweglichen Zielen umgehen könne. Johannes sagte tatsächlich "moving
targets", um ein wenig Reaktion zu provozieren, aber da geriet er an den
Falschen. Randolphs hatte ein hollywoodwürdiges Minenspiel. Er konnte wie Cosby
Grimassen schneiden, wie Belafonte lachen und wie Poitier tiefgründig blicken.
Er setzte mit der Überheblichkeit des Elite-Polizisten aus "In The Heat Of
The Night" seinen Blick genau zwischen die Augen von Johannes, als er
meinte:
"Young, very young, bossman - you've got
no idea about moovin' targets and you certainly don't wanna know about hittin'
them!"
Da war klar, auch ihm würde
er - ähnlich wie das bei seinem Vater
der Fall war - nicht die Frage über das Töten stellen können. Aber zumindest
war ihm auf diese Weise sein neuer Spitzname verpasst worden. „The young
bossman“ revanchierte sich, indem er Randolphs schlicht "Killer-Cop"
nannte..., wenn er sich künftig über ihn ärgerte und ihn deshalb auch ärgern
wollte.
Dennoch waren sie in den gut zwei
Jahren, die sie nun schon zusammen arbeiteten, wirkliche Freunde geworden. Das
lag zum einen am sonnig karibischen Gemüt, aber vor allem an dem bösartigen
Humor dieses Gentleman, der jede obskure Idee mit Vergnügen umsetzte.
Beispielsweise wurde er von
Johannes auf eine Reportage rund um das Kentucky-Derby geschickt, das selbst in
den aufgeklärten 1980ern noch eine Veranstaltung südstaatlicher „Herrenmenschen“
war. Den "Horsebreeders" fiel es dann auch richtig schwer, nicht
böses Spiel zu guter Mine zu machen, als ohne Vorwarnung ein schwarzer Fotograf
auf ihren Banketten und in ihren Logen auftrat. Johannes hatte bei dessen
Akkreditierung listiger Weise keine Veranlassung gesehen, auf die Hautfarbe des
"berühmten New Yorker Fotografen" abzuheben, den er mit dem deutschen
Pferdesport-Autoren angekündigt hatte. Und zu Ehren seiner oberbayerischen
Landsleute muss festgehalten werden, dass diese nicht nur cooler, sondern auch
herzlicher reagierten, als er den Gentleman-Cop im Trachtenjanker und mit
Jägerhut und Gamsbart auf Fotopirsch durch das Fünf-Seen-Land vor den Toren
Münchens jagte.
Ed hatte eine Chance erhalten,
nicht im kinder- und enkellosen Ruhestand zu versauern und er nutzte sie.
Natürlich hätte es niemals seinem Wesen entsprochen, Danke zu sagen, aber die
versteckte Geste tat es auch. Eines Tages lag auf dem Schreibtisch von Johannes
Radolphs' Original-Dienstmarke und ein großer, sehr dienstlich aussehender
Stempel als Überbleibsel von dessen Schreibtisch. Den benutzte Johannes fortan
mit großem Genuss: B U L L S H I T verkündete nämlich die rote Stempelfarbe,
nachdem er ihn beispielsweise auf ein Manuskript geknallt hatte!
Nun würde Ed in Trinidad am
Flughafen auf den von einem immer noch unbekannten Erreger gebeutelten Johannes
warten. In Zeitreisen muss daran erinnert werden, dass es damals weder
Cellulars, Fax noch generell
Übersee-Ferngespräche mit Selbstwahlkomfort gab. Auf den Inseln schon gar
nicht. Man denke nur an den Hit "Smooth Operator" und die sich immer
verheddernden Lochstreifen vom Telex... Wenn zwei zeitgleich unterwegs waren,
gestaltete sich die Kommunikation immer noch sehr schwierig.
Johannes hatte mit Edwards das
letzte Mal telefoniert, als er ihn nachträglich
auch noch für den Jamaika-Job buchen wollte. Normaler Weise hielten sie
für "assignements" über Charlene Kontakt, weil die natürlich bei
"United" über die besten Kommunikationsstränge verfügte. Aber Eds
Frau war diesmal mit dabei. Das war der Deal gewesen, der Johannes viel vom
knappen Budget retten sollte. Charlene selbst flog mit Dienstmeilen, und Ed
zahlte als Ehemann in Standby selten mehr als zehn Prozent des regulären Flug-Preises.
So wie der Ex-Cop jederzeit ein
Netzwerk an einschlägig befassten Kollegen überall in der Welt aktivieren
konnte, so nutzte seine Frau die Airline-Computer. In der Karibik kam noch ein
drittes Netzwerk dazu. Zwar waren die Eheleute Randolphs selbst ohne Kinder,
aber als Tochter und Sohn beziehungsweise
Onkel und Tante bei der über alle Inseln verteilten vielköpfigen
Verwandtschaft heiß geliebter Besuch. Charlenes Mutter stammte aus Port of
Spain, und das versprach ja die besondere Nähe zum Carnival, die sie für ihre
Reportage brauchten...
Charlene muss es wohl auch gewesen
sein, die irgendetwas an den Tickets gedreht hatte. Denn in der Boeing 727 der
British Westindian Airline sass er ohne sein Zutun plötzlich allein in der aus
nur acht Sitzen bestehenden First Class. Die Fürsorge, die ihm die Stewardessen
zuteil werden ließen, tat ihm gut, denn noch immer - wenn auch wegen der
verabreichten Medikamente nicht mehr so stark - kamen die Fieberschübe
überfallartig.
Jeder
hatte ihn gewarnt, weiter zu fliegen: Clarence, der ihn mit zu sich nach Hause
hatte nehmen und Beverly, die unbedingt ihre Dankbarkeit beweisen wollte. Der Minister sogar, der zunächst ein wenig
sauertöpfisch reagiert und gemeint hatte, Johannes habe sich ja wohl einen
regelrechten Fan-Club auf Jamaika geschaffen, bot ihm nach den Untersuchungen
ein Gästehaus der Regierung an. Wenn Johannes überhaupt bereit gewesen wäre,
vernünftig zu reagieren, dann hätte er am ehesten auf die vier neuen Chefs
seiner Reisebekanntschaft Beverly gehört. Die frisch in den USA promovierten
Fachärzte hatten sich ein blitzendes mit den neuesten Instrumenten versehenes
privates Medical Center geschaffen und ihre Dankbarkeit für die kostenlose
Werbung in Public Eye bewiesen, indem sie ihn
gratis wirklich gründlich durchgecheckt hatten. Da es Quicktests noch
nicht gab, hatte sich die Ermittlung der
Laborwerte bis zum Abend hingezogen. Aber um die Zeit zu nutzen, hatten
sie ihn obendrein an den Tropf gehängt, um den möglichen Folgen der Dehydration
prophylaktisch zu begegnen - und ihm Antibiotika und vorsorglich Penicillin
gespritzt. Da sie außer einem stark erhöhten Blutzuckerspiegel, der sich aber
innerhalb der Stunden im Center wieder normalisiert hatte, nichts finden
konnten, tippten sie auf eine versteckte Tropenkrankheit. Aber um die zu
ermitteln, hatte die Zeit nicht gereicht. Johannes hatte ihnen von Jalbahadurs
Tertiana-Verdacht erzählt, und auch die Dengue-Gerüchte seines früheren Skippers
Mugsy betreffend erwähnt, obwohl das ja schon mehr als drei Jahre her gewesen
war. Die Ärzte hatten ganz entschieden ihre Köpfe geschüttelt. Bei deren
Inkubationszeiten hätte Johannes nur künstlich infiziert werden können, weil
beide Erreger auf Jamaika ja nicht existierten. Sie hatten gemeint, er solle
sich schleunigst in den nächsten Flieger nach Hause setzen und in die Obhut
eines Tropen-Institutes begeben. Gerade das in München habe ja doch Weltruf. -
Aber was wussten Ärzte schon von den Zwängen journalistischer Produktionen...
Als Johannes die ausgelassen
lärmenden Menschenmassen im Abfertigungsgebäude des Flughafens von Port of Spain sah, wurde ihm seine Schwäche nur zu
sehr bewusst. Wäre er im normalen Besitz seiner Kräfte gewesen, hätte ihn diese
Welle der Euphorie einfach fortgerissen. So machte er sich zunächst einmal Sorgen,
ob er es überhaupt bis durch die obligatorische Gepäckkontrolle beim Zoll
schaffen würde. Ed hatte ihn schon vorgewarnt, dass wegen der Drogen-Exzesse
beim Carnival jedes Gepäckstück nicht nur durchwühlt, sondern auch an einer
Staffel eigens trainierter Deutscher Schäferhunde vorbei musste. Johannes
bemühte sich um ruhige, gleichmäßige Atmung und versuchte sich zu entspannen.
Aber dann wurde er gewissermaßen aus der Warteschlange heraus verhaftet. Zwei
Polizeibeamte mit unanständig trockenen und glatt gebügelten Uniformen schnappten
sich wortlos Kameratasche samt Koffer und führten den erbärmlich tropfenden
Johannes an beiden Ellbogen gepackt in ein mit Milchglasscheiben versehenes
Compartment.
Der eine begann sofort, dienstbeflissen
die Kameras auseinander zu nehmen und die vom Laundryservice so schön in Päckchen verpackten
Kleidungsstücke zu zerwühlen. Der andere hatte eine Liste von Fragen vor sich,
die er inquisitorisch mit Johannes durchging und abhakte. Dass der seinen
internationalen Journalistenausweis vorlegte, machte den Beamten nur noch
stoischer:
"Sir, Sie sehen so aus, als
hätten Sie Drogen konsumiert. Haben Sie Drogen dabei? Wo haben Sie sie
versteckt? Wissen Sie, dass in diesem Land auch auf Drogenbesitz zum eigenen
Konsum hohe Gefängnisstrafen stehen?"
Johannes versuchte gerade die
Sache mit seiner Erkrankung dadurch zu erläutern, dass er aus einem Seitenfach
der Kameratasche die nun wieder prall gefüllte Reiseapotheke nestelte, als ein
grinsender Bill-Cosby-Kopf um die Ecke schielte und triumphierend rief:
"Trapped!"
Aber der mit seinen einheimischen
Ex-Kollegen inszenierte Scherz ließ Ed
Randolphs' Gesichtsausdruck im selben
Moment einfrieren, in dem sein Polizisten-Blick den Zustand von Johannes
registrierte.
Es war ein Segen, dass alle
weiteren Formalitäten durch die guten Beziehungen seines Fotografen im
Handumdrehen erledigt waren. Er brauchte frische Luft.
Welche Naivität! Das
Flughafengebäude war - was man erst beim Verlassen bemerkte - klimatisiert
gewesen. Draußen wehte zwar ein aromatischer Wind vom nahen Meer. Aber das war
etwa so, als wedelte einer nach dem Aufguss in einer Sauna mit einem Handtuch
herum. Heiße, feuchte Luft schlug ihm ins Gesicht, die Johannes beim Einatmen
fast das Gefühl des Ertrinkens vermittelte. Offenbar war gerade ein Gewitter
herunter gegangen.
Charlene, die Johannes schon von
einem Besuch in München kannte, führte das fünfköpfige Empfangskomitee an, das bei
einem Pick-Up stehend im Freien auf ihn wartete, als sei das Klima höchst
erfrischend.
Charlene, eine hochgewachsene Frau
in Eds Alter, hatte einen olivbraunen immer noch völlig faltenfreien Teint. Sie
trug ihre langen ungefärbten Haare zu einem tief im Nacken hängenden Dutt
gebunden und war in eine Wolke verschiedener safranfarbener Hemden aus Kattun
gekleidet. Wenn sie mit Ed auf unbekanntem Terrain unterwegs war, hielt sie
sich dezent im Hintergrund. Hier erschien sie Johannes jedoch wie die Queen der
Insel, und es war offensichtlich, dass der pensionierte Ed trotz seines
prestigebehafteten Fotoreporter-Jobs beim Heimspiel ihr Satellit war. Die vier
anderen waren seine Gastgeber, weil Ed gemeint hatte, der Carnival sei nicht
vom Hotel aus zu erleben.
Tod war Chefarzt und Eigentümer
der größten Privat-Klinik des Landes. Er war ein unbekümmert wirkender Karibe
in den Vierzigern mit deutlich indischem Einschlag. Seine Frau Lyn stammte
sichtbar aus dem benachbarten Surinam und erschien als eine fragile klassische
Mestizen-Schönheit Ende Dreißig. Die beiden Teenies - Kim ein 17jähriger
Modellathlet und Ann eine 15jährige mit den Allüren eines Top-Models - sahen
aus, als seien sie zum Dreh eines CocaCola-Spots unterwegs. Ihre Surfboards
waren genauso fantasievoll bemalt wie der Pick-Up. Die Begrüßung durch die Vier
kontrastierte zu Charlenes stürmischen Umarmungen und Küssen, dass Johannes
zunächst befürchtete, er sei in Wahrheit nicht willkommen. Er beschloss bei
sich, die vier nicht nur wegen ihrer Vornamen "die Einsilbigen" zu
nennen. Was - wie sich bald herausstellte - eine komplette Fehleinschätzung
sein sollte.
Die Gruppe löste sich noch am
Parkplatz auf. Kim warf den einen Koffer von Johannes mit leichter Hand auf die
Ladefläche des Pick-Ups und ließ sich mit Ann von Lyn zum Training an den
Strand chauffieren. Tatsächlich waren die zwei trotz Highschool bereits
Profi-Sportler und hatten von einem Big-Tube-Wettbewerb auf Hawaii im Dezember
genügend Preisgeld für ihr künftiges Studium in den USA mit nach Hause
gebracht. Tod fuhr zur Klinik um die Carnivalsschichten einzuteilen und nahm
Charlene zu ihrer Mutter mit. Die Aufgabe von Tod wurde als äußerst schwierig
beschrieben, weil Carnival Patienten-Hochbetrieb bei knappem Personal bedingte.
Das Dilemma würde aber dadurch noch größer, dass der Chef selbst Supporter
einer der aussichtsreichen Mas-Bands war und zumindest am Dienstag mit
marschieren wollte.
Ed und Johannes fuhren in einem
angenehm klimatisierten und aufgemotzten Ambassador-Taxi - wie es auch in
London hätte verkehren können - zum Festival-Komitee am Grand Stand der
Pferde-Rennbahn. Das gab Ed die Möglichkeit, seinen "Young Bossman"
zu briefen.
Die Einsilbigkeit seiner Gastgeber
beruhte auf Vorkommnissen, die zwei Tage her waren. Lyn hatte Tod in seinem
Konsultationszimmer beim Üben des Calypso-Shuffles mit einer blutjungen
Krankenschwester erwischt. Sie hatten die Kostüme der Band - stilisierte
Baströcke der Arawak-Indianer - anprobiert und waren einander dabei zu nahe gekommen... Lyn hatte Tod noch am
gleichen Tag aus dem Haus geworfen, weil das beileibe nicht die erste
"Tanzstunde" gewesen war. Was wiederum gar nicht so schlecht sei -
wie der den Unbekümmerten mimende Ed meinte - weil Johannes jetzt im ehelichen
Schlafzimmer der beiden residieren könne.
Als Johannes endlich dazu kam, Ed
die Ereignisse auf Jamaika zu schildern, ließ der sich erst recht nicht aus
seiner guten Stimmung bringen, denn Tod,
der Medizinmann, würde ihm schon das richtige Doping gegen den "Bazillus
Bavaricus" verabreichen, damit er die 72 Stunden auch noch durchhielte.
Heute Abend ginge es ja zunächst einmal ruhig los:
Das Festival-Komitee habe ihn zum
"Panorama" und zu den Contests als prominenten Gast in die Ehrenloge
der Jury eingeladen. Das bedeute tiefe Sessel, Gratis-Drinks und Fingerfood,
das damals noch Hors d'Oeuvres genannt wurde.
Das Queen's Park Savannah
Hippodrom mit seinen Tribünen war eine große Grünfläche mit Pferde-Rennbahn nur
wenige Gehminuten vom Rathaus und dem historischen Stadtzentrum entfernt und
gewisser Maßen die Aufmarschzone für die kostümierten Battalione. Überhaupt war
Port of Spain eine typische karibische Insel-Metropole, bei der große Teile der
Innenstadt von flachen Bauten und üppiger Vegetation geprägt waren. Schon bei
der Anfahrt zum Grand Stand erkannte Johannes den Ausnahmezustand, in dem sich
die Stadt befand, denn ihn empfing eine Kakophonie aus unterschiedlichsten
musikalischen Klängen, deren mannigfaltigen Harmonien zu einer einzigen Disharmonie
anschwollen. Es war also eher eine physikalische Welle als eine sinnliche, die
ihn erfasste, aber er war wild entschlossen, sie zu surfen und sich nicht durch
einen Erreger abwerfen zu lassen. Er hatte soviel von dem "Spirit of
Mas" gehört, das er sich auf ihn einlassen wollte - selbst wenn es das
letzte sein sollte, was er in seinem Leben täte...
Die Akkreditierungsformalitäten
verliefen kurz und schmerzlos, weil die internationale Journaille, die dem
Event beiwohnte, ja schon seit dem närrischen Freitag auf der Insel war. Ein
ausführliches Programm mit historischen und aktuellen Hintergründen stimmte ihn
präzise auf die Wettbewerbe am Abend ein, und seine Rolle als Juror würde auch
denkbar einfach sein. Er brauchte lediglich Punkte von eins bis zehn und am
Ende eine Platzziffer zu vergeben. Fast wie beim Eislaufen.
Ed hatte ihn dann noch kurz zu
Lyns Bungalow gebracht, der in der Mitte eines geräumigen botanischen Gartens
lag. Sie hatte ihm tatsächlich das eheliche Schlafzimmer geräumt und war selbst
ins Gästezimmer gezogen. Auf Johnannes' Beteuerungen, sie solle sich keine
Umstände machen, meinte sie nur lapidar, sie würde sich ohnehin nie wieder in dieses Bett legen... Sich in
der Zugluft eines Deckenpropellers leicht bewegende Gazevorhänge zum Schutz vor
den Moskitos vermittelten Johannes das Gefühl, das Bett stünde inmitten einer
Bananen-Plantage. Ein Eindruck, der noch dadurch verstärkt wurde, dass das
Dekor der chinesischen Seiden-Tapete an der Wand das Schattenspiel der grünen
Fächerblätter aufnahm und changierend reflektierte. Sechs Stunden später sollte
sie ihm allerdings gänzlich andere Impressionen vermitteln.
Ed gab den Dress-Code für den
Grand Stand am Abend vor, als er ihn bei Einbruch der Dunkelheit wieder
abholte. Statt in dem erwarteten Buschhemd, mit dem er beim Fotografieren die
nötige Bewegungsfreiheit haben würde, trug er einen edlen dreiteiligen
eischalenfarbenen Kattun-Anzug mit einem altmodischen Krawatten-Schal aus
teuerster Strukturseide, zu dem die Kameratasche und sein
Akkreditierungsausweis aus Plastik nicht recht passen wollten. Johannes der
insgeheim gehofft hatte, sein schlichtes langes Parliamentjacket aus Indien
wäre passend, schlüpften in Erwartung neuer Schweißbäder wieder einmal in den
Kenzo-Anzug und lieh sich von Lyn eine von Tods Fliegen.
In der Jury-Lounge waren sie damit
absolut passend gekleidet, denn sie tauchten in die Kulisse eines
Schwarzweiß-Films wie "To Have And Have Not" ein. Es fehlten nur
Bogey und die Bacall. Die Society von Port of Spain - obwohl seit 1962 genauso
aus vom Vereinigten Königreich unabhängigen Bürgern bestehend wie die Jamaikas
- verharrte noch stärker als diese in den Ritualen traditionellen Clublebens,
so dass sich Johannes beim Willkommensdrink ein wenig wie ein Edelkomparse fühlte.
Zu dem steifen Unbehagen trug auch noch die Tatsache bei, dass sein
Beinahe-Gastgeber Tod als Präsidiumsmitglied des Organisationskomitees nicht
darauf verzichtet hatte, seine junge "Tanzpartnerin" mitzubringen,
während Lyn es vorgezogen hatte, mit Freunden auf den North Stand zu gehen.
Dort, wo in anderen Jahreszeiten
die Pferde durchs Ziel gingen, war auf dem Racetrack eine leicht erhöhte Rampe mit sanftem An- und
Abstieg errichtet worden. Sie stieg so an, dass die Jury-Loge auf gleicher Höhe
war und denen, die da in lässigen Sesseln
saßen, das Gefühl vermittelte, mitten im Geschehen zu sein. Bei dem
ersten Wettbewerb, dem "Panorama", war das bereits ein Härtetest für
Johannes, denn was immer in seinem Inneren wütete - es hatte sein Nervenkostüm
geschwächt.
Nun rollten zweizellige, bisweilen
auch zweigeschossige, seitlich offene Bandwagen auf die Bühne, in denen die
traditionellen Steelbands beim "March" gezogen und geschoben wurden.
Wie in einem Laufgitter marschierten meist mehr als ein Dutzend Drummer hinter
ihren im Gestänge montierten Steel-Pans (daher Pan-o-rama) im Takt ihrer
Darbietungen her. Lediglich zum Schutz vor Sonne und gelegentlichen Regengüssen
waren die Gestelle mit bunt dekorierten Dächern versehen. Die hohe Kunst der
Panorama-Steelbands bestand darin, die Wagen wie von geheimer Kraft gesteuert
im Einklang mit der Performance zum rollenden Gleiten zu bringen. Das musste
mühelos aussehen und war doch physischer und psychischer Dauerstress für die
Akteure. Zum einen mussten sie ja zunächst die leichte Steigung hoch, und dann
wollte ja jede Band möglichst lange auf der Rampe bleiben, um Eindruck zu
schinden. Das bedeutete den Abstand zum vorderen Wagen unmerklich zu
vergrößern, ohne von den Schiedsrichtern ermahnt zu werden, aber immerhin noch
so, dass die Trommler des folgenden Wagens vielleicht ein wenig aus dem
Rhythmus kämen. Tod, der neben Johannes saß, während Ed seinen Job erledigte,
schrie ihm alle taktischen Finessen ins Ohr, aber Johannes vertraute seinem
Pylorus, um herauszufinden, welche Darbietung besser war als die andere. Bei
schlechten Schwingungen reagierte das Nervengeflecht am Mageneingang und um
seinen Pförtner-Muskel am Magenausgang mit heftigem fast Übelkeit erregenden
Zucken. Offenbar ging das auch anderen Zuhörern so, denn sobald ein Wagen wie
auf einem Luftkissen über die Rampe glitt und die Melodien angenehm ins
zentrale Nervensystem eindrangen, riss es die Leute von den Sitzen. Auch
Johannes sprang ein ums andere Mal auf und ließ sich von den schwirrend jubilierenden
Tonsalven die Illusion vermitteln, er können auf und davon fliegen. Die
Qualitätsmerkmale waren so eingängig, dass Johannes am Ende mit seinem Votum
fast kongruent auf dem Price-Ranking lag.
Bei den Vorrunden zum
"Calypso Monarch" und dem Wettbewerb um den Titel "Kings and
Queens of Carnival" war das schon schwieriger. Denn hier ging es allein um
Geschmack und der sagte Johannes, dass weniger manchmal mehr gewesen wäre. Aber
es war nun einmal eine Tatsache, dass sich um den Karneval auf Trinidad eine
regelrechte Designer-Industrie entwickelt hatte. Die Kostüme der Kings und
Queens, die von ihren Trägerinnen und Trägern kaum ohne sichtbare
Kraftanstrengungen zu tragen waren, kosteten bis zu 50 000 US-Dollar. Sie waren
das Motto für die Verkleidungen der Supporters, die diese bereits ab November
für viel Geld bestellt hatten. Selbst bettelarme Insulaner verschuldeten sich,
um in so einer Mas-Band an prominenter Stelle mit zu marschieren. Da bis zum
Mardi Gras vor allem die Bands der Kings oder Queens auf bis zu 4000 Mitglieder
anschwollen, war jeder siegreiche Designer ein gemachter Mann. Selbst wenn die
kleinsten Kostüme bei einem nationalen Druchschnittsverdienst von etwa 200
Dollar "nur" 100 Dollar kosteten.
Der "Calypso Monarch",
der Sieger des alljährlichen Wettbewerbs für den besten Karnevalsschlager
hingegen, war nicht so auf der sicheren
Seite. Denn welcher Song am häufigsten gespielt wurde, entschied das Fußvolk
auf den Straßen bei den so genannten "Jump Ups“, den spontanen Gruppen,
die sich in der Innenstadt ab der Nacht zum Sonntag hinter den Band-Trucks
versammelten. In Mitten von Ladungen Kleiderschrank großer Verstärker
verrichteten die Bands mit ihren Sängern Schwerstarbeit im Dauereinsatz, denn
damit ihre Songs auch überall gehört wurden, wiederholten die Trucks ihre
Sternfahrt ins Zentrum immer wieder aufs Neue.
Die vier Ärzte aus Jamaika hatten
Johannes den Tip gegeben, wegen des Fiebers ruhig einmal auch ein
chininhaltiges Getränk zu sich zu nehmen. Um etwas lockerer zu werden, ließ er
sich allerdings wahlweise etwas Wodka oder Gin hinzugießen und tarnte seine
Sünden mit frisch ausgepresstem Limonensaft. Er befand sich deshalb am Ende der
Darbietungen in einer derartigen Euphorie, dass er ohne zu zögern einwilligte,
mit Tod und seiner Krankenschwester, die übrigens Sam (für Samantha) gerufen
wurde (blöde Einsilbigkeit), in der Nähe des Rathauses einen "Jump
Up" zu wagen.
Was dann kam, ließ sich am besten so
beschreiben:
Man nehme eine geräumige Sauna,
fülle sie zum Bersten mit Menschen, erhitze sie auf etwa 100 Grad, mache gleich
mehrere Aufgüsse, um sich so dann in Positur zu bringen: Mit leicht gebeugten
Knien und sehr schräg gestellten Füßen streckt der Tänzer oder die Tänzerin seinen Pürzel
wie Donald oder Daisy Duck extrem nach hinten, während versucht wird, im
schlurfenden Watschelschritt (dem
Shuffle) dem mit den Armen fuchtelnden extrem vorgebeugten Oberkörper den Kopf im Rhythmus wackelnd zu folgen. Klar, dass die Musik dazu die krank
machende Dezibel-Höchstgrenze bei weitem überschreiten muss. Sonst bliebe einem
dabei der "Spirit of Mas" genauso versagt, wie beim Verzicht auf ein
entsprechendes weibliches Hinterteil als Lotsen- und Orientierungspunkt.
In kernigen Männerrunden pflegte
sich Johannes als "Arschiologen" oder "Popomanen" zu
beschreiben, um seinen verhängnisvollen Hang zu den "kallipygischen
Reizen" drastisch zu dokumentieren. Bei einem gefühlten Verhältnis von
neun Tänzerinnen auf einen (noch dazu weißen) Mann, sah sich Johannes im Nu von
einer Traube wippender kaum bekleideter Hinterteile umringt, bei denen ihn jene
Hilflosigkeit befiel, die ihm auch überbordende Büfetts verursachten. Aber er
konnte sich drehen und wenden wie er wollte - von all den Pos, die vor ihm im
Shuffle wackelten, hatte Sam den perfektesten. Tod hätte ein Heiliger sein
müssen, hätte er von dieser so appetitlich dargebotenen Frucht nicht genascht.
Fast beneidete er ihn um diesen "Besitz". Johannes war sich sicher,
dass auch besagte antike Aphrodite im Angesicht von Sams Po einen Anfall von
"Stutenbissigkeit" erlitten hätte. Er nutzte Sam - mit respektvollem und gebührendem Abstand natürlich - gewissermaßen als Leit-Po, obwohl
ihm die Konzentration zunehmend schwerer fiel, weil seine eigene, zu jener Zeit
noch recht knackige, Kehrseite
ihrerseits zum Objekt der Begierde flinker Frauenhände geworden war.
Er war vielleicht zwei Blocks „geshuffelt“,
als er die euphorisierende Wirkung des Alkohols bereits ausgeschwitzt hatte und
der Erreger Entzug signalisierte. Mehr schlecht als recht gab er Tod und Sam
ein Signal und sie bogen in eine kühl wirkende Rum-Bar ein. Der riesige auf
Hochtouren laufende Kasten einer lärmenden Klimaanlage kämpfte ohne großen
Erfolg gegen die Schwüle der dampfenden Leiber an. Dabei standen die bunten Plastikbänder,
die ihn schmückten, waagerecht wie in einem Orkan.
Johannes klammerte sich gerade noch an die
kühlende Messingreling, da hatte ein erneuter Fiebersturm seinen Begleitern die
Nacht im Rausch versaut. Denn natürlich setzte sich der Arzt in Tod durch, als
er dessen Temperatur spürte. Er wollte Johannes sofort in sein Krankenhaus
bringen, aber der widersprach unter Hinweis auf den Job, den er zu Ende zu
bringen habe. Ein paar Stunden Schlaf, und er würde wieder ok sein - genau wie
in den letzten Tagen...
Das wiederum brachte Tod in die Verlegenheit,
vielleicht seiner Frau unter die Augen treten zu müssen. Er ließ Sam an der Bar
zurück und schleppte Johannes zu einem Taxi. Sie fuhren zunächst Tods
Arzttasche und diverse Spritzen holen, und dann begann der Dornenweg, der nicht
wirklich einer wurde, weil natürlich auch Lyn sofort erkannte, in welchem
Zustand Johannes war. Die beiden gingen sehr sachlich miteinander um, und
Johannes - der Frauenversteher - war gerade noch in der Lage, die Blicke der beiden
entsprechend wahrzunehmen, um sich sicher zu sein, dass beide wieder einen Weg
fänden, ihre Ehe weiter zu führen.
Zuvor würde er selbst aber zu
einer Art Prüfstein für diese werden. Er zitterte Tod den Arztbrief der
Jamaikaner zu und fiel nur noch mit einem Slip bekleidet auf das Ehebett der
beiden, dass angesichts der Wassermassen, die er wieder verlor, mit zwei Lagen
Badehandtüchern bedeckt war. Tod spritzte ihm etwas und flösste ihm den Inhalt
eines braunen Tütchens ein, das er mit dem Gemurmel über Amphetamine
begleitete. Lyn wies er an, Johannes in der nächsten Stunde noch heiße und
kalte Wadenwickel zu legen. Er hörte die zwei irgendwo im Haus noch über ihn
streiten. Lyn sagte so etwas wie: Sie dürfe hier die Krankenschwester spielen,
während er eine vögeln würde... Dann war Johannes weg.
Als er wieder aufwachte, donnerte
gerade draußen an dem doch so großen Garten einer der mächtigen Band-Trucks
voll aufgedreht vorbei, als führe er durchs Haus. Patois:
"It's suma once, it's suma twice, it's
suma threetimes round da band." Johannes war sich - obwohl halb
ohnmächtig - ganz sicher, dass es dieser Hit zum Roadmarch bringen würde.
Lyn hatte ihm einen geeisten
Lappen auf die Stirn gelegt und Wickel um seine Waden. Sie saß auf der anderen
Seite des Bettes und weinte, wobei Johannes nicht wusste, ob das, was sie
sagte, wirklich für ihn bestimmt war. Denn sie sprach detailliert darüber, wie
es war mit so einem "Island-Monarch" zu leben, ihn zu lieben, Kinder
mit ihm zu zeugen, seine Liebschaften zu ertragen und dabei wie in einem
goldenen Käfig zu leben. Derweil wurde die Bananen-Plantage, in der er lag, von
einem Buschfeuer erfasst, und die Dekors auf der Tapete verwandelten sich in
seinem Wahn in Drachen und Schlangen, die mit feurigen Zungen nach ihm leckten.
Beim nächsten Erwachen raste eine
anderer Bandwagen mitten durchs Schlafzimmer und quer über sein Kopfkissen:
"...isn't all that easy!"
"Hey die kenn' ich. Das sind
Swamp!", schrie er aufgeregt in das leere Zimmer. Lyn, die vielleicht schon
geschlafen hatte, stürzte aufgeregt herein, weil sie irgendeinen Anfall
befürchtete. Johannes war völlig wach und erzählte ihr, um sie zu beruhigen,
von seinen "Abenteuern" auf Jamaika. Dann merkte er plötzlich, dass
er schrecklich fror und im gleichen Moment wurde er von einem gewaltigen
Schüttelfrost erfasst, der schier unendlich zu dauern schien.
Lyn hatte ihn erst zugedeckt, dann aber
begonnen, ihn mit einem leicht brennenden, stark aromatischen Öl einzureiben.
Dann passierte etwas sehr Peinliches. Mitten im nächsten Schüttelfrost spürte
er eine gewaltige Erektion, die er vor Lyn zu verbergen hoffte, indem er sich
auf die abgewandte Seite wälzte. Aber das ließ Lyn nicht zu, sie legte sich -
einem Instinkt folgend - vielleicht um ihn zu wärmen, auf ihn. Was für ein
Unsinn! Sie war so klein, dass er das Gefühl hatte, sie würde kaum seinen
Brustkorb bedecken und ausserdem stieß sie ja mit den Beinen an seine ärgerlich
öffentliche Erregung. Dass er ausgerechnet in diesem Moment an eine Biographie
über den Maler Egon Schiele dachte, ließ ihn hoffen, das ganze sei nur eine
Fieberphantasie. In dieser Biographie wurde gemutmaßt, dass das 28jährige Genie
1918 - nachdem seine Frau Edith hochschwanger zuvor schon an den Folgen der
damals grassierenden spanischen Grippe verstorben war - die
letzten Tage seiner Erkrankung im Dauer-Geschlechtsakt mit zwei seiner
Modelle verbracht habe. Sie hatten ihm gewissermaßen den letzten Lebensaft
geraubt. Jetzt würde es ihm vielleicht genau so gehen. Schöne Arztgattin! Noch
war ja gar nicht klar, ob er nicht ebenso schrecklich ansteckend wäre…
Aber der Lebenssaft? Wie konnte
man totkrank so fürchterlich geil sein? Da musste sich doch wohl irgendeine Art
Ur-Instinkt äußern! Er hatte die unendlich schmalen Hüften der kleinen Frau an
seinen Mund gezogen. Wie konnten aus einem derart winzigen Becken zwei solche
Prachtkinder kommen? Sie hatte geboren! Johannes war sich in diesem Moment
sicher, das er das schmecken konnte. Da war wohl aber auch ein Lebenssaft, den
sie jetzt selber schmecken wollte, als sie nur noch halb bekleidet auf ihn kroch und mit ihrer Zunge seinen fiebrigen Körper entlang glitt bis sie in
seinem Mund war...
Es war ein Segen, dass der Sonntag
im Carnival traditionell als ruhige Einstimmung auf den folgenden Dauerwahnsinn
relaxed begangen wurde. Johannes hatte den Rest der Nacht in tiefem, erholsamen
Schlaf verbracht und hätte sich wie neu geboren fühlen können, wäre er nicht
vom schlechten Gewissen geplagt worden. Als er zu Lyn in die Küche kam, waren
glücklicher Weise die Kids nicht in der Nähe. Dennoch wusste er nicht, was er
sagen sollte und behielt die Augen gesenkt, als er dann doch sprach:
"Ich habe mich wohl nicht wie
ein ordentlicher Gast benommen. Es ist auch keine Entschuldigung, dass ich
nicht ganz bei Sinnen war..."
Die zierliche Lyn, die sich
beinahe recken musste, um sein Kinn zu erreichen, hob dieses so an, dass sie
von unten einen tiefen Blick in seine Augen versenken konnte:
"Paid in full", sagte
sie zärtlich, dann drehte sie sich um, und braute ihm einen der Karibischen
Kaffees, in denen sprichwörtlich der Löffel stecken bleiben konnte. Das Radio
lief, und ein Referent forderte die Zuhörer nochmals nachdrücklich auf, in den
kommenden närrischen Stunden auf keinen Fall der Sünde freien Lauf zu lassen.
Er beschwor geradezu ein Horroszenario von dem, was durch die Promiskuität über
die Inseln hereinbrechen könnte. Lyn und Johannes brachen fast gleichzeitig in
tränendes Gelächter aus.
Gegen Mittag holte Ed alle samt zu
einer der klassischen Carnival- Brunchparties ab, die seine Schwiegermutter
auszurichten pflegte. Zum ersten Mal spürte Johannes wieder so etwas wie echten
Hunger und aß mit großem Appetit von den Köstlichkeiten, die die Frauen von
Bekannten und Verwandten mit großer Liebe und Sorgfalt zubereitet und
mitgebracht hatten. Es gab unter anderem Steinkrabben-Scheren in Kokospanade.
Jerk-Chicken, Fruchtsalate und einen sagenhaften Krebsfleisch-Curry. Vom
Alkohol ließ er in Erwartung des kommenden Nonstop-Narrenreigens lieber die
Finger und trank dafür nur leicht gekühlte aber ansonsten naturbelassene Säfte.
Das Leben begann sich wieder schön zu färben.
Gegen fünf Uhr am Morgen des
Rosenmontags läutete der Bürgermeister mit der besonderen Glocke am Rathaus den
"Jouvay" ein (Patois für Jour Ouvert), und der Roadmarch brach in
einer Heftigkeit los, in der sie der ja leicht vorgewarnte Johannes nicht
erwartet hätte:
Johannes blieb die folgenden 36
Stunden - was Sex, Drugs, Salza und
Alkohol anging - standhaft, obwohl es, im
nüchternen Zustand betrachtet, die größere Qual darstellte. Die psychische aber
auch physische Leistung, die von allen Teilnehmern dieses Karnevals verlangt
wurde, war vor allem wegen des Nonstop-Wahnsinns permanent im roten Bereich.
Pausen von Jump-Ups wurden in kaum versteckten Winkeln oft auch noch zu
exzessiven, leidenschaftlichen Geschlechtsakten genutzt. Ein paar Mal hatte
sogar der nur vom Rande aus beobachtende Johannes, aggressiv vorgetragene
Avancen abzuwehren. Erstaunlich waren seine gemischten Gefühle dabei. Hin und
her gerissen zwischen animierter Wolllust und schlechtem Gewissen als Ehemann,
tauchte auf einmal auch ein Gefühl der Rücksichtnahme gegenüber Lyn auf. Als
fände er es einfach nicht statthaft, ihr "Geschenk des Lebenssaftes"
nachträglich zu besudeln oder abzuwerten - durch einen one-hour-stand...
Er hatte mit Ed verabredet - um
dem Trubel bei der Abfertigung zum Heimflug zu entgehen - bereits am Dienstag,
vor dem March über das Savannah, heim zu fliegen. Als er bereits mittags mit
seinem Taxi bei beizender Hitze in Sichtweite an dem Park vorbeikam, stauten
sich schon die Mas-Bands in dicht an
dicht gedrängten Leibern. Einerseits kam sich Johannes vor wie ein
Fahnenflüchtiger, andererseits war er
froh, dass er es überstanden - ja überlebt hatte.
Am Aschermittwoch 1982 landete ein
Johannes, der in den vergangenen zehn Tagen 15 Kilo abgenommen hatte, bei
nasskaltem Winterwetter in München Riem. Für den nächsten Tag hatte der alte
Johannes bereits einen Termin mit seinen Verlegern auf einer Messe in Berlin
angesetzt. Der neue - vom Wege abgekommene - sagte ihn rigoros ab und begab
sich sofort in die Obhut des Tropeninstitutes. Gleichgültig wie wütend die
Reaktion seiner Verleger war, er wollte zunächst wissen, wie es mit ihm weiterginge.
Und er musste auch das schlechte Gewissen gegenüber seiner Familie loswerden.
Er war an der Weggabelung zwischen egoistischem, rücksichtslosen Weiterleben
und der Akzeptanz einer allgegenwärtigen Sterblichkeit angelangt. Kurios, dass
ihm dabei das Ende eines Liedes aus Schuberts "Winterreise" immer
wieder durch den Kopf ging. Eine sehr schwere Partitur, die er mit seinem
Bariton so gerne sang
Der Wegweiser:
... Und ich wand're sonder Maßen
Ohne Ruh' und suche Ruh'
Einen Weiser seh' ich stehen
Unverrückt vor meinem Blick;
Eine Straße muss ich gehen,
Die noch keiner ging zurück!
Einige Wochen später lieferte Ed
Randolphs seine Fotos persönlich ab, weil er
- seit er Jancker und Trachtenhut von Lodenfrey trug - auch eine
Schwäche für das Starkbier vom Nockherberg entwickelt hatte. Es war eine
Produktion von heiterer Leichtigkeit geworden, die der Sinnlichkeit, die
Johannes nicht erleben durfte, voll gerecht wurde. Johannes fälschte seine
Reportage, indem er seine persönlichen Gefühle und Erinnerungen gegen die in
den Fotos festgehaltene Stimmung der anderen tauschte... Ed berichtete auch -
als habe er persönlich das Wunder vollbracht -, dass Lyn und Tod sich versöhnt
hätten.
Die Männerfreundschaft zwischen Johannes und
Ed überdauerte fast die gesamten 1980er Jahre. Eines Tages gegen Ende des
Jahrzehnts berichteten Bekannte von Johannes, die wiederum Ed nur flüchtig
kannten, von merkwürdigen Missionierungsversuchen seines Fotografen. Irgendwie
stellte sich in der Folge heraus, dass Scientology komplett Kontrolle über Ed
und Charlene gewonnen hatte. Sie hatten ihnen ein schönes safranfarbenes Haus
in Wichita-Falls hingestellt und schickten den berühmten Gentleman-Cop Ed
Randolphs als "Fotografen des Bösen" auf Vortragsreisen von Staat zu
Staat.



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