Samstag, 22. Juni 2013

Ed

Johannes Goerz kommt vom Weg ab, und auch der Ex-Elitepolizist vom NYPD schafft es nicht, ihn wieder in die Spur zu bringen, weil jener selbst auf religiöse Abwege gerät...

  Ed Randolphs hatte auf einer Tangente den Wirkungskreis von Johannes berührt, die einer dauerhaften Beziehung in Form einer Männerfreundschaft eher widersprach. Cops und Journalisten sind ja nicht nur in den USA selten gut aufeinander zu sprechen. Beide, berufsbedingt mit einer Vorratspackung Misstrauen ausgestattet, trafen sich zum ersten Mal in einem Umfeld, in dem man gerade davon reichlich brauchte: der Lower Eastside von Manhattan, und das auch noch nach Einbruch der Nacht.
  Ed stand 1980 im Jahr seiner Pensionierung und Johannes noch voll im Saft als Hals-und-Beinbruch-Reporter. "Stylische Reality Fotoreportagen" waren gerade hoch im Kurs, und der Chefredakteur eines der Blätter, die in dieser Zeit genau so schnell erschienen, wie sie wieder eingestampft wurden, hatte sich eine Bildreportage über eine Nachtstreife in New York eingebildet.
  Randolphs war auf St. Thomas geboren und ein derart hellhäutiger Schwarzer, dass er schon allein durch diesen Umstand wirkte wie ein Karibik-Prinz. Attitüden, die auf den ersten Blick geradezu überheblich arrogant wirkten, sorgten wie das Strahlenschild eines Star-Trek-Raumschiffs für den gewissen Abstand zu jeder Art Mitmenschen - gleichgültig auf welcher Seite des Gesetzes sie standen. Warum NYPD ausgerechnet ihn zum PR-Officer gemacht hatte, war daher nicht ganz ersichtlich.
  Johannes jedoch, der sperrige Typen liebte, hatte seine Hausaufgaben gemacht und über einen NBA-Basketball-Spieler, mit dem sowohl Ed als auch er freundschaftlichen Kontakt pflegten, mehr über den "Gentleman-Cop" erfahren.
    Ed Randolphs hatte im Narcotic Branch zusammen mit dem legendär verfilmten Serpico gegen die ganz ganz großen Drogen-Bosse ermittelt. Serpico meist undercover, während Ed - seine Attitüden nutzend - als "er selbst" wie eine Art Doppelagent fungierte: Sein Hang zu Designer-Klamotten, sowie die Tatsache, dass er einen Porsche fuhr und in Central Park West in einer teuren Eigentumswohnung wohnte, mussten nicht vorgetäuscht werden, denn sie entsprachen seinem tatsächlichen Lebensstil. Dadurch, dass nur Eingeweihte wussten, dass er den vor allem seiner Frau Charlene verdankte, die bei "United" ein hohes Tier im Controlling war - hatte er genau den richtigen Hautgout. Er war im bisweilen durch Korruption unterwanderten Innen- wie auch im tödlich gefährlichen Außenverhältnis überlebenswichtig, um glaubwürdig den "Bladerunner" zu spielen.
  Zwei Jahre, bevor Johannes Ed 1980 zum ersten Mal traf, war jener, als sie den "capo dei tutti capi" in einer spektakulären Aktion auf der Verrazano-Bridge stellten, nicht mehr in seiner Rolle zu halten gewesen. Die Presse und die Eyewitness-Channels hatten ihn derart ins Rampenlicht gezerrt, dass der Chief-Commissioner die Flucht nach vorne antrat und ihn mit seiner Trademark "Gentleman-Cop" ins PR-Department abkommandierte. Und Randolphs machte seine Sache gut - er profilierte nicht nur das NYPD, sondern feilte auch weiter an seinem eigenen Image.
  Während diverser Observierungen hatte er sich mit unterschiedlichsten Kameras beigebracht, unter den schwierigsten Bedingungen technisch einwandfreie Fotos zu schießen. Seit er PR machte, nutzte er jede freie Minute für - wie er es nun nannte – „serious artwork“.
  Johannes hatte am Tag vor ihrem Meeting die Foto-Galerie "Blackstar" am Broadway aufgesucht, um etwas zum Reden und Eisbrechen für das erste Aufeinandertreffen zu haben. Ed Randolphs hatte dort unter dem Titel "Silent Autumn Night Winds" seine erste Ausstellung, und das gierige New Yorker Kunst-Volk hatte ihm innerhalb des ersten Monats einen Umsatz von über 150 000 Dollar beschert. Mit einer ebenso simplen wie dekorativen Idee:
  Ed war in den Indian Summer nach Vermont gereist und hatte seine Nikon-Motorkamera mit Zoom-Linse, langen Belichtungszeiten und feinkörnigen Tageslichtfilmen nächtens in verfärbte Laubbäume gehalten, die von verschiedensten Lichtquellen erhellt wurden. Das Ergebnis waren vor schwarzem Hintergrund verwischte, vielfarbige Laubwesen, die merkwürdig erstarrte Figuren tanzten und grotesk kontrastiert wurden durch Ecken von den typischen überdachten Holzbrücken  oder geisterhaft angestrahlten weißen Georgian Townhalls. Das ganze hatte dann ein Labor auf türgroße Abzüge aufgeblasen, die Ed als Unikate signierte.
  Die Reportage selbst ging gründlich schief, weil entweder alle Ganoven der Lower Eastside - entgegen dem Image, dort ruhe das Verbrechen nie - gemeinsam in Urlaub gefahren oder wegen der extremen Kälte in Streik getreten waren. Zudem prügelte kein Ehemann seine Frau, kein Junky hatte sich eine Überdosis gespritzt, und die berüchtigten Streetgangs rückten nicht aus, weil keiner auf der Straße war. Nur die bekannten Kanal-Deckel dampften wie eh und je still vor sich hin... Aber das gab Ed und Johannes andererseits die Zeit, vorsichtige freundschaftliche Bande zu knüpfen. Immerhin war Randolphs zu diesem Zeitpunkt schon 52 - also mehr als 20 Jahre älter als der Deutsche.
  Johannes, der gerne Synergien nutzte und Spaß an journalistischen Gimmicks hatte, fragte Ed nach den zwei im Polizeifahrzeug gemeinsam verbrachten Nächten, ob er sich zutraute, nach der Pensionierung die eine oder andere Fotoreportage für ihn zu machen. Er habe sich seine Ausstellung angeschaut und wäre neugierig, ob er fotografisch auch mit beweglichen Zielen umgehen könne. Johannes sagte tatsächlich "moving targets", um ein wenig Reaktion zu provozieren, aber da geriet er an den Falschen. Randolphs hatte ein hollywoodwürdiges Minenspiel. Er konnte wie Cosby Grimassen schneiden, wie Belafonte lachen und wie Poitier tiefgründig blicken. Er setzte mit der Überheblichkeit des Elite-Polizisten aus "In The Heat Of The Night" seinen Blick genau zwischen die Augen von Johannes, als er meinte:
  "Young, very young, bossman - you've got no idea about moovin' targets and you certainly don't wanna know about hittin' them!"
  Da war klar, auch ihm würde er  - ähnlich wie das bei seinem Vater der Fall war - nicht die Frage über das Töten stellen können. Aber zumindest war ihm auf diese Weise sein neuer Spitzname verpasst worden. „The young bossman“ revanchierte sich, indem er Randolphs schlicht "Killer-Cop" nannte..., wenn er sich künftig über ihn ärgerte und ihn deshalb auch ärgern wollte.
  Dennoch waren sie in den gut zwei Jahren, die sie nun schon zusammen arbeiteten, wirkliche Freunde geworden. Das lag zum einen am sonnig karibischen Gemüt, aber vor allem an dem bösartigen Humor dieses Gentleman, der jede obskure Idee mit Vergnügen umsetzte.
  Beispielsweise wurde er von Johannes auf eine Reportage rund um das Kentucky-Derby geschickt, das selbst in den aufgeklärten 1980ern noch eine Veranstaltung südstaatlicher „Herrenmenschen“ war. Den "Horsebreeders" fiel es dann auch richtig schwer, nicht böses Spiel zu guter Mine zu machen, als ohne Vorwarnung ein schwarzer Fotograf auf ihren Banketten und in ihren Logen auftrat. Johannes hatte bei dessen Akkreditierung listiger Weise keine Veranlassung gesehen, auf die Hautfarbe des "berühmten New Yorker Fotografen" abzuheben, den er mit dem deutschen Pferdesport-Autoren angekündigt hatte. Und zu Ehren seiner oberbayerischen Landsleute muss festgehalten werden, dass diese nicht nur cooler, sondern auch herzlicher reagierten, als er den Gentleman-Cop im Trachtenjanker und mit Jägerhut und Gamsbart auf Fotopirsch durch das Fünf-Seen-Land vor den Toren Münchens jagte.
  Ed hatte eine Chance erhalten, nicht im kinder- und enkellosen Ruhestand zu versauern und er nutzte sie. Natürlich hätte es niemals seinem Wesen entsprochen, Danke zu sagen, aber die versteckte Geste tat es auch. Eines Tages lag auf dem Schreibtisch von Johannes Radolphs' Original-Dienstmarke und ein großer, sehr dienstlich aussehender Stempel als Überbleibsel von dessen Schreibtisch. Den benutzte Johannes fortan mit großem Genuss: B U L L S H I T verkündete nämlich die rote Stempelfarbe, nachdem er ihn beispielsweise auf ein Manuskript geknallt hatte!

  Nun würde Ed in Trinidad am Flughafen auf den von einem immer noch unbekannten Erreger gebeutelten Johannes warten. In Zeitreisen muss daran erinnert werden, dass es damals weder Cellulars, Fax  noch generell Übersee-Ferngespräche mit Selbstwahlkomfort gab. Auf den Inseln schon gar nicht. Man denke nur an den Hit "Smooth Operator" und die sich immer verheddernden Lochstreifen vom Telex... Wenn zwei zeitgleich unterwegs waren, gestaltete sich die Kommunikation immer noch sehr schwierig.
  Johannes hatte mit Edwards das letzte Mal telefoniert, als er ihn nachträglich  auch noch für den Jamaika-Job buchen wollte. Normaler Weise hielten sie für "assignements" über Charlene Kontakt, weil die natürlich bei "United" über die besten Kommunikationsstränge verfügte. Aber Eds Frau war diesmal mit dabei. Das war der Deal gewesen, der Johannes viel vom knappen Budget retten sollte. Charlene selbst flog mit Dienstmeilen, und Ed zahlte als Ehemann in Standby selten mehr als zehn Prozent des regulären Flug-Preises.
  So wie der Ex-Cop jederzeit ein Netzwerk an einschlägig befassten Kollegen überall in der Welt aktivieren konnte, so nutzte seine Frau die Airline-Computer. In der Karibik kam noch ein drittes Netzwerk dazu. Zwar waren die Eheleute Randolphs selbst ohne Kinder, aber als Tochter und Sohn beziehungsweise  Onkel und Tante bei der über alle Inseln verteilten vielköpfigen Verwandtschaft heiß geliebter Besuch. Charlenes Mutter stammte aus Port of Spain, und das versprach ja die besondere Nähe zum Carnival, die sie für ihre Reportage brauchten...
  Charlene muss es wohl auch gewesen sein, die irgendetwas an den Tickets gedreht hatte. Denn in der Boeing 727 der British Westindian Airline sass er ohne sein Zutun plötzlich allein in der aus nur acht Sitzen bestehenden First Class. Die Fürsorge, die ihm die Stewardessen zuteil werden ließen, tat ihm gut, denn noch immer - wenn auch wegen der verabreichten Medikamente nicht mehr so stark - kamen die Fieberschübe überfallartig.
   Jeder hatte ihn gewarnt, weiter zu fliegen: Clarence, der ihn mit zu sich nach Hause hatte nehmen und Beverly, die unbedingt ihre Dankbarkeit beweisen wollte.  Der Minister sogar, der zunächst ein wenig sauertöpfisch reagiert und gemeint hatte, Johannes habe sich ja wohl einen regelrechten Fan-Club auf Jamaika geschaffen, bot ihm nach den Untersuchungen ein Gästehaus der Regierung an. Wenn Johannes überhaupt bereit gewesen wäre, vernünftig zu reagieren, dann hätte er am ehesten auf die vier neuen Chefs seiner Reisebekanntschaft Beverly gehört. Die frisch in den USA promovierten Fachärzte hatten sich ein blitzendes mit den neuesten Instrumenten versehenes privates Medical Center geschaffen und ihre Dankbarkeit für die kostenlose Werbung in Public Eye bewiesen, indem sie ihn  gratis wirklich gründlich durchgecheckt hatten. Da es Quicktests noch nicht gab, hatte sich die Ermittlung der  Laborwerte bis zum Abend hingezogen. Aber um die Zeit zu nutzen, hatten sie ihn obendrein an den Tropf gehängt, um den möglichen Folgen der Dehydration prophylaktisch zu begegnen - und ihm Antibiotika und vorsorglich Penicillin gespritzt. Da sie außer einem stark erhöhten Blutzuckerspiegel, der sich aber innerhalb der Stunden im Center wieder normalisiert hatte, nichts finden konnten, tippten sie auf eine versteckte Tropenkrankheit. Aber um die zu ermitteln, hatte die Zeit nicht gereicht. Johannes hatte ihnen von Jalbahadurs Tertiana-Verdacht erzählt, und auch die Dengue-Gerüchte seines früheren Skippers Mugsy betreffend erwähnt, obwohl das ja schon mehr als drei Jahre her gewesen war. Die Ärzte hatten ganz entschieden ihre Köpfe geschüttelt. Bei deren Inkubationszeiten hätte Johannes nur künstlich infiziert werden können, weil beide Erreger auf Jamaika ja nicht existierten. Sie hatten gemeint, er solle sich schleunigst in den nächsten Flieger nach Hause setzen und in die Obhut eines Tropen-Institutes begeben. Gerade das in München habe ja doch Weltruf. - Aber was wussten Ärzte schon von den Zwängen journalistischer Produktionen...
  Als Johannes die ausgelassen lärmenden Menschenmassen im Abfertigungsgebäude des Flughafens von Port of  Spain sah, wurde ihm seine Schwäche nur zu sehr bewusst. Wäre er im normalen Besitz seiner Kräfte gewesen, hätte ihn diese Welle der Euphorie einfach fortgerissen. So machte er sich zunächst einmal Sorgen, ob er es überhaupt bis durch die obligatorische Gepäckkontrolle beim Zoll schaffen würde. Ed hatte ihn schon vorgewarnt, dass wegen der Drogen-Exzesse beim Carnival jedes Gepäckstück nicht nur durchwühlt, sondern auch an einer Staffel eigens trainierter Deutscher Schäferhunde vorbei musste. Johannes bemühte sich um ruhige, gleichmäßige Atmung und versuchte sich zu entspannen. Aber dann wurde er gewissermaßen aus der Warteschlange heraus verhaftet. Zwei Polizeibeamte mit unanständig trockenen und glatt gebügelten Uniformen schnappten sich wortlos Kameratasche samt Koffer und führten den erbärmlich tropfenden Johannes an beiden Ellbogen gepackt in ein mit Milchglasscheiben versehenes Compartment.
  Der eine begann sofort, dienstbeflissen die Kameras auseinander zu nehmen und die vom Laundryservice  so schön in Päckchen verpackten Kleidungsstücke zu zerwühlen. Der andere hatte eine Liste von Fragen vor sich, die er inquisitorisch mit Johannes durchging und abhakte. Dass der seinen internationalen Journalistenausweis vorlegte, machte den Beamten nur noch stoischer:
  "Sir, Sie sehen so aus, als hätten Sie Drogen konsumiert. Haben Sie Drogen dabei? Wo haben Sie sie versteckt? Wissen Sie, dass in diesem Land auch auf Drogenbesitz zum eigenen Konsum hohe Gefängnisstrafen stehen?"
  Johannes versuchte gerade die Sache mit seiner Erkrankung dadurch zu erläutern, dass er aus einem Seitenfach der Kameratasche die nun wieder prall gefüllte Reiseapotheke nestelte, als ein grinsender Bill-Cosby-Kopf um die Ecke schielte und triumphierend rief:
  "Trapped!"
  Aber der mit seinen einheimischen Ex-Kollegen inszenierte Scherz ließ  Ed Randolphs' Gesichtsausdruck  im selben Moment einfrieren, in dem sein Polizisten-Blick den Zustand von Johannes registrierte.
  Es war ein Segen, dass alle weiteren Formalitäten durch die guten Beziehungen seines Fotografen im Handumdrehen erledigt waren. Er brauchte frische Luft.
  Welche Naivität! Das Flughafengebäude war - was man erst beim Verlassen bemerkte - klimatisiert gewesen. Draußen wehte zwar ein aromatischer Wind vom nahen Meer. Aber das war etwa so, als wedelte einer nach dem Aufguss in einer Sauna mit einem Handtuch herum. Heiße, feuchte Luft schlug ihm ins Gesicht, die Johannes beim Einatmen fast das Gefühl des Ertrinkens vermittelte. Offenbar war gerade ein Gewitter herunter gegangen.
  Charlene, die Johannes schon von einem Besuch in München kannte, führte das fünfköpfige Empfangskomitee an, das bei einem Pick-Up stehend im Freien auf ihn wartete, als sei das Klima höchst erfrischend.
  Charlene, eine hochgewachsene Frau in Eds Alter, hatte einen olivbraunen immer noch völlig faltenfreien Teint. Sie trug ihre langen ungefärbten Haare zu einem tief im Nacken hängenden Dutt gebunden und war in eine Wolke verschiedener safranfarbener Hemden aus Kattun gekleidet. Wenn sie mit Ed auf unbekanntem Terrain unterwegs war, hielt sie sich dezent im Hintergrund. Hier erschien sie Johannes jedoch wie die Queen der Insel, und es war offensichtlich, dass der pensionierte Ed trotz seines prestigebehafteten Fotoreporter-Jobs beim Heimspiel ihr Satellit war. Die vier anderen waren seine Gastgeber, weil Ed gemeint hatte, der Carnival sei nicht vom Hotel aus zu erleben.
  Tod war Chefarzt und Eigentümer der größten Privat-Klinik des Landes. Er war ein unbekümmert wirkender Karibe in den Vierzigern mit deutlich indischem Einschlag. Seine Frau Lyn stammte sichtbar aus dem benachbarten Surinam und erschien als eine fragile klassische Mestizen-Schönheit Ende Dreißig. Die beiden Teenies - Kim ein 17jähriger Modellathlet und Ann eine 15jährige mit den Allüren eines Top-Models - sahen aus, als seien sie zum Dreh eines CocaCola-Spots unterwegs. Ihre Surfboards waren genauso fantasievoll bemalt wie der Pick-Up. Die Begrüßung durch die Vier kontrastierte zu Charlenes stürmischen Umarmungen und Küssen, dass Johannes zunächst befürchtete, er sei in Wahrheit nicht willkommen. Er beschloss bei sich, die vier nicht nur wegen ihrer Vornamen "die Einsilbigen" zu nennen. Was - wie sich bald herausstellte - eine komplette Fehleinschätzung sein sollte.
  Die Gruppe löste sich noch am Parkplatz auf. Kim warf den einen Koffer von Johannes mit leichter Hand auf die Ladefläche des Pick-Ups und ließ sich mit Ann von Lyn zum Training an den Strand chauffieren. Tatsächlich waren die zwei trotz Highschool bereits Profi-Sportler und hatten von einem Big-Tube-Wettbewerb auf Hawaii im Dezember genügend Preisgeld für ihr künftiges Studium in den USA mit nach Hause gebracht. Tod fuhr zur Klinik um die Carnivalsschichten einzuteilen und nahm Charlene zu ihrer Mutter mit. Die Aufgabe von Tod wurde als äußerst schwierig beschrieben, weil Carnival Patienten-Hochbetrieb bei knappem Personal bedingte. Das Dilemma würde aber dadurch noch größer, dass der Chef selbst Supporter einer der aussichtsreichen Mas-Bands war und zumindest am Dienstag mit marschieren wollte.
  Ed und Johannes fuhren in einem angenehm klimatisierten und aufgemotzten Ambassador-Taxi - wie es auch in London hätte verkehren können - zum Festival-Komitee am Grand Stand der Pferde-Rennbahn. Das gab Ed die Möglichkeit, seinen "Young Bossman" zu briefen.
  Die Einsilbigkeit seiner Gastgeber beruhte auf Vorkommnissen, die zwei Tage her waren. Lyn hatte Tod in seinem Konsultationszimmer beim Üben des Calypso-Shuffles mit einer blutjungen Krankenschwester erwischt. Sie hatten die Kostüme der Band - stilisierte Baströcke der Arawak-Indianer - anprobiert und waren einander dabei  zu nahe gekommen... Lyn hatte Tod noch am gleichen Tag aus dem Haus geworfen, weil das beileibe nicht die erste "Tanzstunde" gewesen war. Was wiederum gar nicht so schlecht sei - wie der den Unbekümmerten mimende Ed meinte - weil Johannes jetzt im ehelichen Schlafzimmer der beiden residieren könne.
  Als Johannes endlich dazu kam, Ed die Ereignisse auf Jamaika zu schildern, ließ der sich erst recht nicht aus seiner guten Stimmung bringen, denn  Tod, der Medizinmann, würde ihm schon das richtige Doping gegen den "Bazillus Bavaricus" verabreichen, damit er die 72 Stunden auch noch durchhielte. Heute Abend ginge es ja zunächst einmal ruhig los:
  Das Festival-Komitee habe ihn zum "Panorama" und zu den Contests als prominenten Gast in die Ehrenloge der Jury eingeladen. Das bedeute tiefe Sessel, Gratis-Drinks und Fingerfood, das damals noch Hors d'Oeuvres genannt wurde.
  Das Queen's Park Savannah Hippodrom mit seinen Tribünen war eine große Grünfläche mit Pferde-Rennbahn nur wenige Gehminuten vom Rathaus und dem historischen Stadtzentrum entfernt und gewisser Maßen die Aufmarschzone für die kostümierten Battalione. Überhaupt war Port of Spain eine typische karibische Insel-Metropole, bei der große Teile der Innenstadt von flachen Bauten und üppiger Vegetation geprägt waren. Schon bei der Anfahrt zum Grand Stand erkannte Johannes den Ausnahmezustand, in dem sich die Stadt befand, denn ihn empfing eine Kakophonie aus unterschiedlichsten musikalischen Klängen, deren mannigfaltigen Harmonien zu einer einzigen Disharmonie anschwollen. Es war also eher eine physikalische Welle als eine sinnliche, die ihn erfasste, aber er war wild entschlossen, sie zu surfen und sich nicht durch einen Erreger abwerfen zu lassen. Er hatte soviel von dem "Spirit of Mas" gehört, das er sich auf ihn einlassen wollte - selbst wenn es das letzte sein sollte, was er in seinem Leben täte...
  Die Akkreditierungsformalitäten verliefen kurz und schmerzlos, weil die internationale Journaille, die dem Event beiwohnte, ja schon seit dem närrischen Freitag auf der Insel war. Ein ausführliches Programm mit historischen und aktuellen Hintergründen stimmte ihn präzise auf die Wettbewerbe am Abend ein, und seine Rolle als Juror würde auch denkbar einfach sein. Er brauchte lediglich Punkte von eins bis zehn und am Ende eine Platzziffer zu vergeben. Fast wie beim Eislaufen.
  Ed hatte ihn dann noch kurz zu Lyns Bungalow gebracht, der in der Mitte eines geräumigen botanischen Gartens lag. Sie hatte ihm tatsächlich das eheliche Schlafzimmer geräumt und war selbst ins Gästezimmer gezogen. Auf Johnannes' Beteuerungen, sie solle sich keine Umstände machen, meinte sie nur lapidar, sie würde sich ohnehin  nie wieder in dieses Bett legen... Sich in der Zugluft eines Deckenpropellers leicht bewegende Gazevorhänge zum Schutz vor den Moskitos vermittelten Johannes das Gefühl, das Bett stünde inmitten einer Bananen-Plantage. Ein Eindruck, der noch dadurch verstärkt wurde, dass das Dekor der chinesischen Seiden-Tapete an der Wand das Schattenspiel der grünen Fächerblätter aufnahm und changierend reflektierte. Sechs Stunden später sollte sie ihm allerdings gänzlich andere Impressionen vermitteln.
  Ed gab den Dress-Code für den Grand Stand am Abend vor, als er ihn bei Einbruch der Dunkelheit wieder abholte. Statt in dem erwarteten Buschhemd, mit dem er beim Fotografieren die nötige Bewegungsfreiheit haben würde, trug er einen edlen dreiteiligen eischalenfarbenen Kattun-Anzug mit einem altmodischen Krawatten-Schal aus teuerster Strukturseide, zu dem die Kameratasche und sein Akkreditierungsausweis aus Plastik nicht recht passen wollten. Johannes der insgeheim gehofft hatte, sein schlichtes langes Parliamentjacket aus Indien wäre passend, schlüpften in Erwartung neuer Schweißbäder wieder einmal in den Kenzo-Anzug und lieh sich von Lyn eine von Tods Fliegen.
  In der Jury-Lounge waren sie damit absolut passend gekleidet, denn sie tauchten in die Kulisse eines Schwarzweiß-Films wie "To Have And Have Not" ein. Es fehlten nur Bogey und die Bacall. Die Society von Port of Spain - obwohl seit 1962 genauso aus vom Vereinigten Königreich unabhängigen Bürgern bestehend wie die Jamaikas - verharrte noch stärker als diese in den Ritualen traditionellen Clublebens, so dass sich Johannes beim Willkommensdrink ein wenig wie ein Edelkomparse fühlte. Zu dem steifen Unbehagen trug auch noch die Tatsache bei, dass sein Beinahe-Gastgeber Tod als Präsidiumsmitglied des Organisationskomitees nicht darauf verzichtet hatte, seine junge "Tanzpartnerin" mitzubringen, während Lyn es vorgezogen hatte, mit Freunden auf den North Stand zu gehen.
  Dort, wo in anderen Jahreszeiten die Pferde durchs Ziel gingen, war auf dem Racetrack  eine leicht erhöhte Rampe mit sanftem An- und Abstieg errichtet worden. Sie stieg so an, dass die Jury-Loge auf gleicher Höhe war und denen, die da in lässigen Sesseln  saßen, das Gefühl vermittelte, mitten im Geschehen zu sein. Bei dem ersten Wettbewerb, dem "Panorama", war das bereits ein Härtetest für Johannes, denn was immer in seinem Inneren wütete - es hatte sein Nervenkostüm geschwächt.
  Nun rollten zweizellige, bisweilen auch zweigeschossige, seitlich offene Bandwagen auf die Bühne, in denen die traditionellen Steelbands beim "March" gezogen und geschoben wurden. Wie in einem Laufgitter marschierten meist mehr als ein Dutzend Drummer hinter ihren im Gestänge montierten Steel-Pans (daher Pan-o-rama) im Takt ihrer Darbietungen her. Lediglich zum Schutz vor Sonne und gelegentlichen Regengüssen waren die Gestelle mit bunt dekorierten Dächern versehen. Die hohe Kunst der Panorama-Steelbands bestand darin, die Wagen wie von geheimer Kraft gesteuert im Einklang mit der Performance zum rollenden Gleiten zu bringen. Das musste mühelos aussehen und war doch physischer und psychischer Dauerstress für die Akteure. Zum einen mussten sie ja zunächst die leichte Steigung hoch, und dann wollte ja jede Band möglichst lange auf der Rampe bleiben, um Eindruck zu schinden. Das bedeutete den Abstand zum vorderen Wagen unmerklich zu vergrößern, ohne von den Schiedsrichtern ermahnt zu werden, aber immerhin noch so, dass die Trommler des folgenden Wagens vielleicht ein wenig aus dem Rhythmus kämen. Tod, der neben Johannes saß, während Ed seinen Job erledigte, schrie ihm alle taktischen Finessen ins Ohr, aber Johannes vertraute seinem Pylorus, um herauszufinden, welche Darbietung besser war als die andere. Bei schlechten Schwingungen reagierte das Nervengeflecht am Mageneingang und um seinen Pförtner-Muskel am Magenausgang mit heftigem fast Übelkeit erregenden Zucken. Offenbar ging das auch anderen Zuhörern so, denn sobald ein Wagen wie auf einem Luftkissen über die Rampe glitt und die Melodien angenehm ins zentrale Nervensystem eindrangen, riss es die Leute von den Sitzen. Auch Johannes sprang ein ums andere Mal auf und ließ sich von den schwirrend jubilierenden Tonsalven die Illusion vermitteln, er können auf und davon fliegen. Die Qualitätsmerkmale waren so eingängig, dass Johannes am Ende mit seinem Votum fast kongruent auf dem Price-Ranking lag.
  Bei den Vorrunden zum "Calypso Monarch" und dem Wettbewerb um den Titel "Kings and Queens of Carnival" war das schon schwieriger. Denn hier ging es allein um Geschmack und der sagte Johannes, dass weniger manchmal mehr gewesen wäre. Aber es war nun einmal eine Tatsache, dass sich um den Karneval auf Trinidad eine regelrechte Designer-Industrie entwickelt hatte. Die Kostüme der Kings und Queens, die von ihren Trägerinnen und Trägern kaum ohne sichtbare Kraftanstrengungen zu tragen waren, kosteten bis zu 50 000 US-Dollar. Sie waren das Motto für die Verkleidungen der Supporters, die diese bereits ab November für viel Geld bestellt hatten. Selbst bettelarme Insulaner verschuldeten sich, um in so einer Mas-Band an prominenter Stelle mit zu marschieren. Da bis zum Mardi Gras vor allem die Bands der Kings oder Queens auf bis zu 4000 Mitglieder anschwollen, war jeder siegreiche Designer ein gemachter Mann. Selbst wenn die kleinsten Kostüme bei einem nationalen Druchschnittsverdienst von etwa 200 Dollar "nur" 100 Dollar kosteten.
  Der "Calypso Monarch", der Sieger des alljährlichen Wettbewerbs für den besten Karnevalsschlager hingegen, war nicht  so auf der sicheren Seite. Denn welcher Song am häufigsten gespielt wurde, entschied das Fußvolk auf den Straßen bei den so genannten "Jump Ups“, den spontanen Gruppen, die sich in der Innenstadt ab der Nacht zum Sonntag hinter den Band-Trucks versammelten. In Mitten von Ladungen Kleiderschrank großer Verstärker verrichteten die Bands mit ihren Sängern Schwerstarbeit im Dauereinsatz, denn damit ihre Songs auch überall gehört wurden, wiederholten die Trucks ihre Sternfahrt ins Zentrum immer wieder aufs Neue.

  Die vier Ärzte aus Jamaika hatten Johannes den Tip gegeben, wegen des Fiebers ruhig einmal auch ein chininhaltiges Getränk zu sich zu nehmen. Um etwas lockerer zu werden, ließ er sich allerdings wahlweise etwas Wodka oder Gin hinzugießen und tarnte seine Sünden mit frisch ausgepresstem Limonensaft. Er befand sich deshalb am Ende der Darbietungen in einer derartigen Euphorie, dass er ohne zu zögern einwilligte, mit Tod und seiner Krankenschwester, die übrigens Sam (für Samantha) gerufen wurde (blöde Einsilbigkeit), in der Nähe des Rathauses einen "Jump Up" zu wagen.
  Was dann kam, ließ sich am besten so beschreiben:
  Man nehme eine geräumige Sauna, fülle sie zum Bersten mit Menschen, erhitze sie auf etwa 100 Grad, mache gleich mehrere Aufgüsse, um sich so dann in Positur zu bringen: Mit leicht gebeugten Knien und sehr schräg gestellten Füßen streckt  der Tänzer oder die Tänzerin seinen Pürzel wie Donald oder Daisy Duck extrem nach hinten, während versucht wird, im schlurfenden Watschelschritt  (dem Shuffle) dem mit den Armen fuchtelnden extrem vorgebeugten Oberkörper den Kopf im Rhythmus wackelnd zu folgen. Klar, dass die Musik dazu die krank machende Dezibel-Höchstgrenze bei weitem überschreiten muss. Sonst bliebe einem dabei der "Spirit of Mas" genauso versagt, wie beim Verzicht auf ein entsprechendes weibliches Hinterteil als Lotsen- und Orientierungspunkt.
  In kernigen Männerrunden pflegte sich Johannes als "Arschiologen" oder "Popomanen" zu beschreiben, um seinen verhängnisvollen Hang zu den "kallipygischen Reizen" drastisch zu dokumentieren. Bei einem gefühlten Verhältnis von neun Tänzerinnen auf einen (noch dazu weißen) Mann, sah sich Johannes im Nu von einer Traube wippender kaum bekleideter Hinterteile umringt, bei denen ihn jene Hilflosigkeit befiel, die ihm auch überbordende Büfetts verursachten. Aber er konnte sich drehen und wenden wie er wollte - von all den Pos, die vor ihm im Shuffle wackelten, hatte Sam den perfektesten. Tod hätte ein Heiliger sein müssen, hätte er von dieser so appetitlich dargebotenen Frucht nicht genascht. Fast beneidete er ihn um diesen "Besitz". Johannes war sich sicher, dass auch besagte antike Aphrodite im Angesicht von Sams Po einen Anfall von "Stutenbissigkeit" erlitten hätte. Er nutzte Sam - mit  respektvollem und gebührendem Abstand  natürlich - gewissermaßen als Leit-Po, obwohl ihm die Konzentration zunehmend schwerer fiel, weil seine eigene, zu jener Zeit noch recht knackige,  Kehrseite ihrerseits zum Objekt der Begierde flinker Frauenhände geworden war.

  Er war vielleicht zwei Blocks „geshuffelt“, als er die euphorisierende Wirkung des Alkohols bereits ausgeschwitzt hatte und der Erreger Entzug signalisierte. Mehr schlecht als recht gab er Tod und Sam ein Signal und sie bogen in eine kühl wirkende Rum-Bar ein. Der riesige auf Hochtouren laufende Kasten einer lärmenden Klimaanlage kämpfte ohne großen Erfolg gegen die Schwüle der dampfenden Leiber an. Dabei standen die bunten Plastikbänder, die ihn schmückten, waagerecht wie in einem Orkan.
   Johannes klammerte sich gerade noch an die kühlende Messingreling, da hatte ein erneuter Fiebersturm seinen Begleitern die Nacht im Rausch versaut. Denn natürlich setzte sich der Arzt in Tod durch, als er dessen Temperatur spürte. Er wollte Johannes sofort in sein Krankenhaus bringen, aber der widersprach unter Hinweis auf den Job, den er zu Ende zu bringen habe. Ein paar Stunden Schlaf, und er würde wieder ok sein - genau wie in den letzten Tagen...
   Das wiederum brachte Tod in die Verlegenheit, vielleicht seiner Frau unter die Augen treten zu müssen. Er ließ Sam an der Bar zurück und schleppte Johannes zu einem Taxi. Sie fuhren zunächst Tods Arzttasche und diverse Spritzen holen, und dann begann der Dornenweg, der nicht wirklich einer wurde, weil natürlich auch Lyn sofort erkannte, in welchem Zustand Johannes war. Die beiden gingen sehr sachlich miteinander um, und Johannes - der Frauenversteher - war gerade noch in der Lage, die Blicke der beiden entsprechend wahrzunehmen, um sich sicher zu sein, dass beide wieder einen Weg fänden, ihre Ehe weiter zu führen.
  Zuvor würde er selbst aber zu einer Art Prüfstein für diese werden. Er zitterte Tod den Arztbrief der Jamaikaner zu und fiel nur noch mit einem Slip bekleidet auf das Ehebett der beiden, dass angesichts der Wassermassen, die er wieder verlor, mit zwei Lagen Badehandtüchern bedeckt war. Tod spritzte ihm etwas und flösste ihm den Inhalt eines braunen Tütchens ein, das er mit dem Gemurmel über Amphetamine begleitete. Lyn wies er an, Johannes in der nächsten Stunde noch heiße und kalte Wadenwickel zu legen. Er hörte die zwei irgendwo im Haus noch über ihn streiten. Lyn sagte so etwas wie: Sie dürfe hier die Krankenschwester spielen, während er eine vögeln würde... Dann war Johannes weg.
  Als er wieder aufwachte, donnerte gerade draußen an dem doch so großen Garten einer der mächtigen Band-Trucks voll aufgedreht vorbei, als führe er durchs Haus. Patois:
  "It's suma once, it's suma twice, it's suma threetimes round da band." Johannes war sich - obwohl halb ohnmächtig - ganz sicher, dass es dieser Hit zum Roadmarch bringen würde.
  Lyn hatte ihm einen geeisten Lappen auf die Stirn gelegt und Wickel um seine Waden. Sie saß auf der anderen Seite des Bettes und weinte, wobei Johannes nicht wusste, ob das, was sie sagte, wirklich für ihn bestimmt war. Denn sie sprach detailliert darüber, wie es war mit so einem "Island-Monarch" zu leben, ihn zu lieben, Kinder mit ihm zu zeugen, seine Liebschaften zu ertragen und dabei wie in einem goldenen Käfig zu leben. Derweil wurde die Bananen-Plantage, in der er lag, von einem Buschfeuer erfasst, und die Dekors auf der Tapete verwandelten sich in seinem Wahn in Drachen und Schlangen, die mit feurigen Zungen nach ihm leckten.
  Beim nächsten Erwachen raste eine anderer Bandwagen mitten durchs Schlafzimmer und quer über sein Kopfkissen: "...isn't all that easy!"
   "Hey die kenn' ich. Das sind Swamp!", schrie er aufgeregt in das leere Zimmer. Lyn, die vielleicht schon geschlafen hatte, stürzte aufgeregt herein, weil sie irgendeinen Anfall befürchtete. Johannes war völlig wach und erzählte ihr, um sie zu beruhigen, von seinen "Abenteuern" auf Jamaika. Dann merkte er plötzlich, dass er schrecklich fror und im gleichen Moment wurde er von einem gewaltigen Schüttelfrost erfasst, der schier unendlich zu dauern schien.
   Lyn hatte ihn erst zugedeckt, dann aber begonnen, ihn mit einem leicht brennenden, stark aromatischen Öl einzureiben. Dann passierte etwas sehr Peinliches. Mitten im nächsten Schüttelfrost spürte er eine gewaltige Erektion, die er vor Lyn zu verbergen hoffte, indem er sich auf die abgewandte Seite wälzte. Aber das ließ Lyn nicht zu, sie legte sich - einem Instinkt folgend - vielleicht um ihn zu wärmen, auf ihn. Was für ein Unsinn! Sie war so klein, dass er das Gefühl hatte, sie würde kaum seinen Brustkorb bedecken und ausserdem stieß sie ja mit den Beinen an seine ärgerlich öffentliche Erregung. Dass er ausgerechnet in diesem Moment an eine Biographie über den Maler Egon Schiele dachte, ließ ihn hoffen, das ganze sei nur eine Fieberphantasie. In dieser Biographie wurde gemutmaßt, dass das 28jährige Genie 1918 - nachdem seine Frau Edith hochschwanger zuvor schon an den Folgen der damals grassierenden spanischen Grippe verstorben war -  die  letzten Tage seiner Erkrankung im Dauer-Geschlechtsakt mit zwei seiner Modelle verbracht habe. Sie hatten ihm gewissermaßen den letzten Lebensaft geraubt. Jetzt würde es ihm vielleicht genau so gehen. Schöne Arztgattin! Noch war ja gar nicht klar, ob er nicht ebenso schrecklich ansteckend wäre…
  Aber der Lebenssaft? Wie konnte man totkrank so fürchterlich geil sein? Da musste sich doch wohl irgendeine Art Ur-Instinkt äußern! Er hatte die unendlich schmalen Hüften der kleinen Frau an seinen Mund gezogen. Wie konnten aus einem derart winzigen Becken zwei solche Prachtkinder kommen? Sie hatte geboren! Johannes war sich in diesem Moment sicher, das er das schmecken konnte. Da war wohl aber auch ein Lebenssaft, den sie jetzt selber schmecken wollte, als sie nur noch halb bekleidet auf  ihn kroch und mit ihrer Zunge seinen fiebrigen Körper entlang glitt bis sie in seinem Mund war...
  Es war ein Segen, dass der Sonntag im Carnival traditionell als ruhige Einstimmung auf den folgenden Dauerwahnsinn relaxed begangen wurde. Johannes hatte den Rest der Nacht in tiefem, erholsamen Schlaf verbracht und hätte sich wie neu geboren fühlen können, wäre er nicht vom schlechten Gewissen geplagt worden. Als er zu Lyn in die Küche kam, waren glücklicher Weise die Kids nicht in der Nähe. Dennoch wusste er nicht, was er sagen sollte und behielt die Augen gesenkt, als er dann doch sprach:
  "Ich habe mich wohl nicht wie ein ordentlicher Gast benommen. Es ist auch keine Entschuldigung, dass ich nicht ganz bei Sinnen war..."
  Die zierliche Lyn, die sich beinahe recken musste, um sein Kinn zu erreichen, hob dieses so an, dass sie von unten einen tiefen Blick in seine Augen versenken konnte:
    "Paid in full", sagte sie zärtlich, dann drehte sie sich um, und braute ihm einen der Karibischen Kaffees, in denen sprichwörtlich der Löffel stecken bleiben konnte. Das Radio lief, und ein Referent forderte die Zuhörer nochmals nachdrücklich auf, in den kommenden närrischen Stunden auf keinen Fall der Sünde freien Lauf zu lassen. Er beschwor geradezu ein Horroszenario von dem, was durch die Promiskuität über die Inseln hereinbrechen könnte. Lyn und Johannes brachen fast gleichzeitig in tränendes Gelächter aus.
  Gegen Mittag holte Ed alle samt zu einer der klassischen Carnival- Brunchparties ab, die seine Schwiegermutter auszurichten pflegte. Zum ersten Mal spürte Johannes wieder so etwas wie echten Hunger und aß mit großem Appetit von den Köstlichkeiten, die die Frauen von Bekannten und Verwandten mit großer Liebe und Sorgfalt zubereitet und mitgebracht hatten. Es gab unter anderem Steinkrabben-Scheren in Kokospanade. Jerk-Chicken, Fruchtsalate und einen sagenhaften Krebsfleisch-Curry. Vom Alkohol ließ er in Erwartung des kommenden Nonstop-Narrenreigens lieber die Finger und trank dafür nur leicht gekühlte aber ansonsten naturbelassene Säfte. Das Leben begann sich wieder schön zu färben.
  Gegen fünf Uhr am Morgen des Rosenmontags läutete der Bürgermeister mit der besonderen Glocke am Rathaus den "Jouvay" ein (Patois für Jour Ouvert), und der Roadmarch brach in einer Heftigkeit los, in der sie der ja leicht vorgewarnte Johannes nicht erwartet hätte:
  Johannes blieb die folgenden 36 Stunden - was Sex, Drugs, Salza  und Alkohol anging -  standhaft, obwohl es, im nüchternen Zustand betrachtet, die größere Qual darstellte. Die psychische aber auch physische Leistung, die von allen Teilnehmern dieses Karnevals verlangt wurde, war vor allem wegen des Nonstop-Wahnsinns permanent im roten Bereich. Pausen von Jump-Ups wurden in kaum versteckten Winkeln oft auch noch zu exzessiven, leidenschaftlichen Geschlechtsakten genutzt. Ein paar Mal hatte sogar der nur vom Rande aus beobachtende Johannes, aggressiv vorgetragene Avancen abzuwehren. Erstaunlich waren seine gemischten Gefühle dabei. Hin und her gerissen zwischen animierter Wolllust und schlechtem Gewissen als Ehemann, tauchte auf einmal auch ein Gefühl der Rücksichtnahme gegenüber Lyn auf. Als fände er es einfach nicht statthaft, ihr "Geschenk des Lebenssaftes" nachträglich zu besudeln oder abzuwerten - durch einen one-hour-stand...

 
  Er hatte mit Ed verabredet - um dem Trubel bei der Abfertigung zum Heimflug zu entgehen - bereits am Dienstag, vor dem March über das Savannah, heim zu fliegen. Als er bereits mittags mit seinem Taxi bei beizender Hitze in Sichtweite an dem Park vorbeikam, stauten sich schon  die Mas-Bands in dicht an dicht gedrängten Leibern. Einerseits kam sich Johannes vor wie ein Fahnenflüchtiger, andererseits  war er froh, dass er es überstanden - ja überlebt hatte.
  Am Aschermittwoch 1982 landete ein Johannes, der in den vergangenen zehn Tagen 15 Kilo abgenommen hatte, bei nasskaltem Winterwetter in München Riem. Für den nächsten Tag hatte der alte Johannes bereits einen Termin mit seinen Verlegern auf einer Messe in Berlin angesetzt. Der neue - vom Wege abgekommene - sagte ihn rigoros ab und begab sich sofort in die Obhut des Tropeninstitutes. Gleichgültig wie wütend die Reaktion seiner Verleger war, er wollte zunächst wissen, wie es mit ihm weiterginge. Und er musste auch das schlechte Gewissen gegenüber seiner Familie loswerden. Er war an der Weggabelung zwischen egoistischem, rücksichtslosen Weiterleben und der Akzeptanz einer allgegenwärtigen Sterblichkeit angelangt. Kurios, dass ihm dabei das Ende eines Liedes aus Schuberts "Winterreise" immer wieder durch den Kopf ging. Eine sehr schwere Partitur, die er mit seinem Bariton so gerne sang
Der Wegweiser:
 ... Und ich wand're sonder Maßen
Ohne Ruh' und suche Ruh'
Einen Weiser seh' ich stehen
Unverrückt vor meinem Blick;
Eine Straße muss ich gehen,
Die noch keiner ging zurück!

  Einige Wochen später lieferte Ed Randolphs seine Fotos persönlich ab, weil er  - seit er Jancker und Trachtenhut von Lodenfrey trug - auch eine Schwäche für das Starkbier vom Nockherberg entwickelt hatte. Es war eine Produktion von heiterer Leichtigkeit geworden, die der Sinnlichkeit, die Johannes nicht erleben durfte, voll gerecht wurde. Johannes fälschte seine Reportage, indem er seine persönlichen Gefühle und Erinnerungen gegen die in den Fotos festgehaltene Stimmung der anderen tauschte... Ed berichtete auch - als habe er persönlich das Wunder vollbracht -, dass Lyn und Tod sich versöhnt hätten.
  Die Männerfreundschaft zwischen Johannes und Ed überdauerte fast die gesamten 1980er Jahre. Eines Tages gegen Ende des Jahrzehnts berichteten Bekannte von Johannes, die wiederum Ed nur flüchtig kannten, von merkwürdigen Missionierungsversuchen seines Fotografen. Irgendwie stellte sich in der Folge heraus, dass Scientology komplett Kontrolle über Ed und Charlene gewonnen hatte. Sie hatten ihnen ein schönes safranfarbenes Haus in Wichita-Falls hingestellt und schickten den berühmten Gentleman-Cop Ed Randolphs als "Fotografen des Bösen" auf Vortragsreisen von Staat zu Staat.


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