Montag, 3. Juni 2013

Jojo

Zamboanga, Süd-Philippinen, Juni 1984
 
  Das "Geisterstarren" ist ein merkwürdiger Zustand, dem vor allem Tiere  aber gelegentlich auch Menschen verfallen können. Dieses „Spökenkieken“ kann auf einer einsamen Waldwiese genau so passieren wie mitten im Menschentrubel. In einer gebündelten aber doch selektiven Wahrnehmung aller Sinne - so, als bliebe die Welt für einen Augenblick stehen - trifft den Betroffenen dabei unverrückbar eine bleibende Erkenntnis, die mit dem realen Geschehen im Hier und Jetzt nichts zu tun haben muss.
  Jojo blieb abrupt in so einem Moment, wie ein Hund, der gefährliches Terrain wittert, vor dieser denkwürdigen Holzbrücke stehen. Das verursachte eine kleine Folge von "Aufgeh-Unfällen". Eine junge Frau, die statuarische Erscheinung in einer Wolke hauchzarter, Gold durchwebter, karmesinroter Schleier verbergend, lief in ihn hinein. Die orientalische Grazie konnte das Tablett mit den kunstvoll zu einer Pyramide geschichteten Mangas, das sie erhaben auf ihrem Kopf balanciert hatte, nur Dank seit Kindesbeinen erworbener Routine vor dem Herunterfallen bewahren. Ein Träger mit dem typischen, tiefen Schatten spendenden, kegelförmigen Basthut auf dem Kopf, der an einer Tragestange längs zur Gehrichtung zwei volle Körbe mit Kohl transportierte, wich ihr aus. Rein nach Reaktion, indem er den vorderen Teil der Stange ruckartig zur Seite bewegte und das Gegenpendeln hinter sich ignorierte. Der hintere Korb schwang daher in einen Mann, der Vögel in einer Vielzahl kleiner Käfige am Körper hängend  transportierte. Besser konnte auch ein Slapstick von Charly Chaplin nicht inszeniert worden sein. Das Gezwitscher und Piepsen übertönte sogar noch das Fluchen der Männer. Dadurch, dass sich der die Treppen hinauf ein paar Stufen voraus geeilte Johannes wegen des Lärms hinter sich mit den Armen in der Hüfte umwandte, kam der Fußgängerstrom komplett zum Erliegen. Es war bereits brütend heiß an diesem Morgen. Seine Bollwerk-Figur sperrte quasi ein Drittel des Übergangs.
 
  Wer in die Pfahlstadt Rio Hondo wollte, musste über diese Brücke. Es sei denn, er zog es vor, anonymer in einem Pump-Boat vom Meer zu kommen. In jedem Fall betrat er diesen eigentümlichen und konspirativ abgeschotteten Mikro-Kosmos selten unerkannt oder gar freiwillig. Wer dort nicht seinen Lebensunterhalt verdiente oder wohnte, betrat diese künstliche Insel nicht. Schon gar nicht, wenn er kein Moslem war.
  Jojo wollte nicht über die Brücke. Das hatte nichts damit zu tun, dass er mit seiner malaiisch-spanisch gemixten Schönheit und dem Goldkreuz um den muskelbepackten Hals auf der anderen Seite der Brücke unschwer als Angehöriger der nordphilippinischen, katholischen Oberschicht auszumachen gewesen wäre und schon gar nichts mit der berufsbedingten, ängstlich gespannten Wachsamkeit. Jojo hatte auch strikte Anweisungen von höchster Stelle bekommen, die ihm anvertraute Person davon abzubringen, diese Brücke zu überschreiten. Nein, ihm war in diesem Moment etwas klar geworden, das sein Leben verändern würde.
    Die etwa zwei Quadratkilometer große Siedlung im Bannkreis der silbernen Moschee-Kuppel auf der anderen Seite war quasi Feindesland gewesen. Rio Hondo betraten Offizielle nur mit Polizei-Eskorte auf vorherige Anmeldung, und selbst dann lag über so einer Mission ein gewisses, bisweilen gar tödliches Risiko. Das Marcos-Regime lag in seinen letzten Zügen, und das hatte die separatistischen Bestrebungen der Moro National Liberation Front (MNLF) für die südlichste der großen Inseln, Mindanao, aufs Neue mobilisiert. Noch war es vielleicht zu früh, von Rio Hondo als dem Vorposten einer islamistischen Herrschaft auf den Inseln mit überwiegend muslimischer Bevölkerung zu sprechen, aber die Pfahlbau-Siedlung war so etwas wie ein Kontakthof zu dieser Schattenmacht.
  Johannes war alles andere als ein investigativer Polit-Journalist, und deshalb hatte er nicht unbedingt eine Ahnung davon, auf was er sich da eingelassen hatte. Ihm war die einmalige Chance  geboten worden, als Experte für das touristisch Spannende und Machbare (auf Einladung der Opposition und natürlich dahinter stehender Investoren - wie sich bald herausstellte) nach seinen Vorstellungen eine Sondierungsreise durch den Archipel zu unternehmen. Den daraus resultierenden Status als eine Art Dunkelmann hatte er - arglos wie immer - selbst frei geschaltet. Er hatte nämlich vor der Abreise auf Vermittlung seines Vaters noch einen von dessen "alten Bekannten" kontaktiert. Einen Mann, der seinen Lebensunterhalt mit dem Sammeln und Verteilen von Nachrichten sowie Vermittlungen im fernöstlichen Bereich verdiente und demzufolge auch über beste Kontakte auf den Philippinen verfügte. Für den Brief und die Adresse, die er nun für seinen "Ausflug" nach Rio Hondo dabei hatte, sollte Johannes als Gegenleistung lediglich nach seiner Rückkehr in Deutschland einen formlosen und gerne auch subjektiven Erfahrungsbericht einreichen.
  Spätestens seit er noch unter Timelag leidend von einem penetranten US-Bürger, der vorgab für den Amexco-Travel-Service tätig zu sein, in eines der Nobelrestaurants von Manila genötigt worden war, wusste Johannes, dass ihm wieder einmal  auch anderweitig geteilte Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Die Methode des Mannes, Fragen zu stellen, war einfach zu offenkundig gewesen.
 
  Das Ministerium hatte darauf bestanden, dem üblicherweise allein reisenden Johannes  eine Art Body-Guard zur Seite zu stellen, damit er einerseits wohl noch mehr auffiele und andererseits nicht so leicht "verloren ginge". Das denkwürdige kennen Lernen im Landhaus des Ministers hatte mitten in den Prozessionen zu den Flores de Mayo in einem Badeort nördlich von Manila stattgefunden. Die Prozessionen - eine Mischung aus religiösem Fanatismus mit blutigen Selbstkasteiungen und Karnevalstrubel samt Palmwein-Besäufnissen - wurden gerne auch zu familiären Partys genützt.
  Es hat im Allgemeinen dabei nichts mit Homoerotik oder Travestie zu tun, wenn Männer und Frauen bei diesen Umzügen in Rollen und Gewänder  des anderen Geschlechtes schlüpften. Sie folgen nur einer alten Flores-de-Mayo-Tradition, die aus einer Zeit stammte, als junge Leute unter dieser Tarnung vor den strengen Augen der katholischen Priester ein wenig näheren Kontakt aufnehmen konnten, als schicklich. - Das war Johannes als Vorwarnung zumindest versichert worden. Und deshalb hatte er es als gelungenen Spaß empfunden,  wie sich das Haus des Ministers nach und nach in einen Ball Paradox verwandelte. Des Ministers Töchterchen hatte sich beispielsweise mit schwarzer Schminke und Afro-Perücke als Aita-Häuptling verkleidet. Allerdings  konnten weder der Original-Palmbastschurz noch der bunt gefiederte Brustpanzer eines Häuptlings der schwarzen philippinischen Ureinwohner, das knackige Hinterteil und die frei schwebenden Brüste der angehenden Medizin-Studentin genug kaschieren...
  Anders war das bei  der ersten Begegnung mit Jojo gewesen. Sein offizieller Reise-Begleiter und designierter Body-Guard war ihm als philippinische Rokoko-Patrizierin ohne Vorwarnung zugeführt worden. Johannes war so hin und weg von der koketten Schönheit  mit dem olivfarbenen Teint und den großen Mandelaugen gewesen, dass er sich zu einer formvollendeten Verbeugung mit galant angedeutetem Kuss auf die behandschuhte Hand hatte hinreißen lassen. Erst als die Lady ihm seinerseits einen gehauchten Kuss auf die Wange gegeben hatte und ihm halb verborgen hinter nervös wedelndem Fächer  heiße Blicke zuwarf, war ihm durch das grölende Gelächter der übrigen Gäste klar geworden, dass er einem perfekten Rollenspiel aufgesessen war.
 
  Jorge José Agrava – genannt Jojo - hatte später ohne Perücke, Reifrock und Rüschen auch auf den zweiten Blick für Laien nicht unbedingt einen Hinweis darauf gegeben, ein geeigneter Personenschützer für den in diesem kleinwüchsigen Umfeld irgendwie monströs wirkenden deutschen Journalisten zu sein. Johannes hatte in seinen beruflich vielschichtigen Siebzigern dem damaligen Karate-Weltmeister in der All-Kategorie, einem Franzosen, beim Verfassen einer Fibel für das Techniktraining geholfen. Er wusste daher, worauf er achten sollte.
  Agrava hatte die Figur eines Nurejev, aber zum sehnigen Muskeltonus eines Baletttänzers passten die unproportionierten knochigen Hände nicht, die Johannes beim nur angedeuteten Handkuss nicht aufgefallen waren... Der Mann hatte Knöchel unter Zeige- und Mittelfingern, die darauf hindeuteten, dass er  seine "Te-Waza" nicht nur auf dem Dojo, sondern an hartem Trainingsgerät  und im realen Leben erprobt hatte. Johannes war sich zudem in seiner Mutmaßung sicher gewesen, dass auch Jojos Füße nicht gerade in Tanzschuhe passten. Absolut beeindruckend bei der Größe von vielleicht 1,70 Meter war jedoch der Hals. Er begann sehnig muskulös bereits hinter den Ohren des exotischen Schönlings und seine Stränge nahmen trapezförmig bis jeweils zu den Ansätzen des Schlüsselbeins das Volumen von Unterarmen an. Jetzt, da er nach dem Party-Trubel wieder in Zivil im Zimmer des Ministers gesessen und die Lockenperücke nichts mehr kaschiert hatte, war Johannes klar: Ein Kopfstoß von diesem Mann konnte tödlich sein.
  Da Johannes in den Tropen nur trank, wenn er "frei" hatte, war er nüchtern auf dieses Sechsaugengespräch vorbereitet gewesen. Sowohl der Minister als auch Jojo waren nun nicht mehr so locker drauf, und eine gewisse Spannung war ihnen anzumerken gewesen. Der Politiker war unmittelbar mit der Tür ins Haus gefallen:
  "Was halten Sie von unserem Präsidenten?"
  "Ich möchte mich dazu nicht äußern. Ich verstehe nichts von Politik und bin auch absolut kein politischer Journalist."
  "Ich meine ja auch Ihre persönliche Meinung aus rein menschlich privater Sicht."
  Johannes erkannte eine Zwickmühle, wenn er in einer steckte, und deshalb versuchte er einen alten Trick - die Verlagerung auf andere Verhältnisse:
  "Sie wissen vielleicht, Exzellenz, dass ich aus einem deutschen Bundesland komme, dessen Ministerpräsident sich einer engen Freundschaft zu Ihrem Präsidenten rühmt. Man sagt, die beiden so unterschiedlich aussehenden Männer seien sich in Ihrer Auslegung der Demokratie sehr ähnlich. Die ist sicher aus meiner Sicht sehr grenzwertig. Ich fand deshalb auch das letzte Geschenk unseres Ministerpräsidenten an Ihren Präsidenten äußerst unpassend. Das mag aber auch daran liegen, dass ich als Pazifist Schusswaffen nur als Sportgerät akzeptiere."
  Der Minister und Jojo versuchten, sich durch Blicke zu verständigen, aber Johannes war noch nicht fertig gewesen:
  "Wenn ich einer Reise-Begleitung durch Ihr Ministerium zustimme, dann bestehe ich darauf, dass er die Waffe, die er heute bei sich trägt, zu Hause lässt. So weit ich das beurteilen kann, verfügt er für sich auch ohne Schießprügel über ausreichende Möglichkeiten der Selbstverteidigung. Was mich betrifft, so habe ich diverse eigene Kenntnisse bis heute nicht anwenden müssen. Ich bin sicher, es bleibt auch dabei."
  Die Entspannung der beiden Männer war spürbar gewesen. Der Minister hatte unverhohlen schmunzeln müssen. Die Geschichte mit dem Pistolen-Geschenk von Franz Josef Strauß an Ferdinand Marcos war  nicht nur in Deutschland sauer aufgestoßen. Aber als der Oppositionspolitiker Benigno Aquino bei seiner Heimkehr aus dem Exil auf dem Flughafen von Manila erschossen worden war, bekam diese besondere Geschmacklosigkeit von FJS auch eine irgendwie zynische Dimension.
 
  Da Johannes noch nie Zaungast beim Niedergang einer Diktatur gewesen war, saugte seine schwammartige Wahrnehmungsfähigkeit die Erlebnisse der kommenden Wochen ohne tiefere Analyse auf.  Er reiste quasi durch eine Romanhandlung, die von Graham Greene, Eric Ambler oder John LeCarée hätte ersonnen sein können. Hinter dem Alltag der nobel real agierenden Personen lauerte kafkaesk das kaum camouflierte Potenzial von Umsturz samt tödlicher Gewalt. Johannes aber, dessen paranoide Schübe ansonsten bereits therapiert wurden, tappte mit einem gefühlten,  ungläubigen und leicht erstarrten Dauergrinsen wie ein  staunender Leser durch diese realen Romanszenen:
 
  Er hatte die ersten Tage im Grandhotel Manila residiert, das der Marcos-Gattin Imelda gehört hatte. Aus seiner Suite im obersten Stock hatte Johannes wegen des unerhört dichten Smogs die Mauer nur erahnen können, die auf Veranlassung der „heimlichen Präsidentin“ ein paar Jahre zuvor um den nicht mehr beherrschbaren Slum unweit des Zentrums gezogen worden war. Imelda wollte dieses Schandmal ihres Landes nicht mehr sehen, Maßnahmen ergreifen, es zu beseitigen, wollte sie hingegen auch nicht. Als protzig sichtbares Symbol dieser plutokratischen Einstellung zum Volk lag die weiße Staatsyacht mit ihrem gelben Schornstein indessen am Pier in unmittelbarer Nähe ihres Hotels. Diese Jacht hatte die Ausmaße eines kleineren Kreuzfahrtschiffes. - Das waren die typischen Dimensionen der Dritten Welt! 
 
  Wer ins Foyer oder zu seiner Suite wollte, musste schon in jenen Jahren durch drei Sicherheitsschleusen. Für den politischen und funktionellen Grenzgänger Jojo Agrava war das in zweierlei Hinsicht ein Spießrutenlaufen. Einerseits wegen seiner Waffe, die er - so lange sie noch nicht abgereist waren - dienstlich zu tragen hatte und andererseits wegen seines Nachnamens, der in diesen Tagen in aller Munde gewesen war. Die „Agrava-Commission“, die den Mord an Aquino aufzuklären hatte, machte nur viel Wirbel für nichts,  um ein halbes Jahr später andeutungsweise zu der Erkenntnis zu kommen, die die Majorität des Volkes schon am Tag des Anschlags gewonnen hatte: Dass nur Marcos freundlich verbundene Militärs den Hit in der Sicherheitszone des Flughafens hätten durchführen können.
  Da "agravar" im Spanischen und  auch entlehnt im Filipino, dem "Tagalog", vom Belästigen bis Investigieren vielfache Bedeutung haben konnte, gab es natürlich auch eine Menge aktueller Wortspiele und Witze, die sich Jojo wegen seines Nachnamens tagein tagaus anhören durfte. Er kannte sie alle, und als wollte er Spöttern den Wind mit den Sprüchen aus den Segeln nehmen, erzählte er sie auch gerne selbst. Sie endeten alle mit der augenzwinkernden, scheinbar ichbezogenen Aufforderung: Join the Agrava! Im Ministry of Tourism (MOT) war dieser Spruch der Beliebteste: "No money to travel the world? - Join the Agrava!”

  Da Jojo zu Zeiten der sozialliberalen Koalition seinen Magister in politischen Wissenschaften in Hamburg gemacht hatte, sprach er nicht nur perfekt  Deutsch, sondern verstand auch die politische Einstellung von Johannes. Auf den Tagestrips mit den Limousinen des Ministeriums in der ersten Woche, die sich auf die Umgebung von Manila und die Lagune beschränkt hatten, war das sehr  hilfreich gewesen. Zum einen, weil die weiß behandschuhten, livrierten Fahrer nach ausgiebigen Tests nichts verstanden und zum anderen, weil die zwei sich derart gegenseitig abchecken konnten, dass sie im Ernstfall keine bösen Überraschungen erleben würden. Beim rigorosen verschwinden lassen von Oppositionellen - noch dazu im Staatsdienst - war das  keine geringe Gefahr für Jojo gewesen.
  Wer immer ihn nach seinem Studium "dienstlich" ausgebildet hatte, konnte stolz auf die vermittelten Fähigkeiten sein. Es dauerte drei Tagestrips bis sie einander sicher sein konnten. Die gemeinsamen Erlebnisse in diesen Tagen schweißten sie sogar bereits ein wenig zusammen:
  Einmal mitten im Dschungel südöstlich der Hauptstadt bei den heißen Quellen der "Hidden Valley Pools", die damals tatsächlich noch so versteckt waren, dass sie selbst der einheimische Fahrer erst fand, als sie bereits zweimal vorbei gefahren waren, hatten sie erstmals für einen Moment Panik. Sie schienen, in einen Trupp marodierender Widerstandskämpfer geraten zu sein. Dann stellte sich aber mit Erleichterung und Heiterkeit heraus, dass sie in die heimziehende Komparserie eines Hollywood-Films gefahren waren. Sie wurden dann sogar - wegen ihres offiziellen Fahrzeuges mit Stander - auf den Set von "Codename Wildgänse" geleitet,  um mit Lee Van Cleef und Ernest Borgnine Eis-Tee zu trinken. Beide Hollywood-Stars hatten augenscheinlich bereits ein wenig unter Lager-Koller gelitten und waren für die Abwechslung durchaus dankbar gewesen
  Einen Tag später hatte Johannes ein eigenartiges Déjàvu gehabt,  als sie sich mühevoll die Stromschnellen von Pagsanjan hochgekämpft hatten. Echte US-Soldaten vom Stützpunkt nördlich von Manila stellten mit  privaten Video-Kameras Szenen aus "Apokalypse Now" für ihr Heimkino nach. Johannes hatte bis dahin nicht gewusst, dass einige der Dschungelszenen dieses Kolossal-Dramas über den Vietnam-Krieg dort an den oberen Wasserfällen gedreht worden waren.

  Das durch diese Erlebnisse ausgelöste Diskutieren über die US-Außenpolitik, über die innere Unsicherheit der Philippinen, die schier unendlichen Naturwunder der Inselwelt, aber auch die privaten Befindlichkeiten angesichts ihrer beruflichen Einbindung schafften rasch eine Vertrauensplattform, die keine Falltüren mehr aufwies. Und das war gut so!
 
  Erst als er sich vom märchenhaften Luxus des Manila-Hotels verabschiedet und  seinen Schalenkoffer und sperrige Teile seiner Kamera-Ausrüstung dessen Concierge anvertraut hatte, begann das Abenteuer. In die Rolle eines "Islandhopping" betreibenden Rucksack-Touristen geschlüpft, wurde Johannes erst am Flughafen gewahr, was er von Jojo durch den geforderten Waffenverzicht verlangt hatte. Für die kleine viermotorige Turboprop-Maschine nach Kalibo auf der Insel Panay wurde in einem offenen Nebengebäude eingecheckt. Bevor die 28 Passagiere an Bord durften, wurden sie vom Sicherheitspersonal massiv gefilzt und zwei robuste Metallkörbe voll etikettierter Handfeuerwaffen waren in ein nur von außen zugängliches Compartment weggeschlossen worden, ehe das ebenso gründlich untersuchte Gepäck verladen werden konnte. Johannes hatte halblaut Mutmaßungen darüber angestellt, dass Jojo und er wohl die einzigen unbewaffnet Reisenden seien... Doch Jojo grinste nur ein wenig resigniert.
  Nur er wusste  wirklich, wie sehr sie  möglicher Weise allein auf sich gestellt sein würden. Das Vehikel für das Entkommen aus permanenter "staatlicher Fürsorge" hatte  ausgerechnet Philippine Airlines mit seiner jüngsten Marketing-Idee geliefert: ein Monats-Netzwerk-Ticket zum Pauschalpreis für unbegrenzt viele Starts und Landungen im Archipel; das ganze ohne Vorausbuchen – „on request“.
  Die offiziellen Termine waren in weiser Voraussicht so großzügig zeitlich verteilt, dass sie wie weiche Korsettstäbe wirkten: sie gaben vor, die Figur zu bändigen, es blieb jedoch Spielraum für üppige Körperlichkeit. Schon wenn die zwei zu einer Insel flogen, aber von einer anderen weiterreisten, weil sie auf ein Pump-Boat oder eine anonymere Fähre wechselten, waren sie zu Treibholz zwischen den Inseln geworden; quasi verschollen. Johannes war so etwas gewohnt. Jojo, der ja sonst nur seinen Dienstausweis zu zücken brauchte und meist in erwarteter Mission reiste, lernte auf einmal geheimnisvolle Volksnähe - und hatte Spaß daran.
 
  Mit einem hatten allerdings beide nicht gerechnet: Dass man sie für ein schwules Pärchen hielte. Der vorauseilende Sex-Tourismus mit eigenwilligsten Paarungen auf Zeit war bereits für die Einheimischen vor allem auf den "Bade-Inseln" Cebu, Bohol und Negros zu einem geläufigen Bild geworden. Abseits des offiziellen Programms machte sich also Jojo - wohl aus Rache für seinen unbewaffneten Status - daran, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, dieses Bild vom dicken deutschen Schwulen mit seinem philippinischen Lustknaben zu schärfen.
  In Restaurants umturtelte er Johannes fürsorglich, legte ihm Servietten zurecht und fragte ihn im überzogenem Pidgin-Englisch, ob er denn auch alles habe. Auf Märkten hängte er sich gelegentlich auffällig unauffällig bei ihm ein. Und die Tatsache, dass er im Dienst nun schon einmal keinen dunklen Anzug mit Krawatte  tragen musste, führte bei Jojo zu einem sehr fragwürdigen Freizeitlook. Die abgeschnittenen Jeans saßen ein wenig zu prall, die ärmellosen T-Shirts waren ein wenig zu kurz und gaben den Waschbrettbauch und die Schultermuskulatur nur scheinbar zufällig frei. Die Krönung war jedoch, dass er sich eines Morgens Kokos-Patschuli-Öl ins blauschwarze Haar gekämmt hatte und damit auch noch roch wie ein Callboy.
  "Ich hätte gute Lust, dir eins in deine Schwulenfresse zu verpassen, aber ich habe  Angst vor deiner Block-Technik. Und ich nehme an, deine Kopfstöße sind auch nicht ohne..." Johannes hatte Jojo dies halb im Scherz zugeraunt, bekam aber von dem Filipino eine durchaus ernste Antwort:
  "Wäre es dir lieber, die Leute würden sagen: 'Guck mal, da kommt ein deutscher Journalist mit einem Mann vom Ministerium, was die nur hier wollen - so weit weg von Manila?' Besser wir geben ihnen gleich eins über die Rübe, bevor sie uns hier ausspionieren'."
  So Unrecht hatte er damit nicht. Gerade weil sie so einen naiv „schwuchteligen“ Stolper-Status einnahmen, verfestigte sich der Eindruck: Je weiter sie von der Hauptstadt entfernt waren, desto offensichtlicher und freimütiger brach die verbale Wut über das Marcos-Regime bei den temperamentvollen Menschen durch. Johannes hatte schon früher einmal am eigenen Leib erfahren, wie schnell aus diesen stets heiteren, liebevoll hilfsbereiten Menschen mit Schaum vorm Mund agierende Messer schwingende Monster werden konnten. "Meng amok", das blindwütige Töten, in der Urbedeutung des malaiischen Wortstammes bekam in Anbetracht der genetischen Vermengungen bei den Filipinos  durchaus immer wieder blutrünstige Anreize durch die innenpolitischen Verhältnisse in diesem eigentlich unregierbaren Archipel. So fiel es Johannes nach ein paar Tagen gar nicht mehr schwer, die unfreiwillige Tarnung zu akzeptieren. Zumal sich sein Begleiter mehr und mehr auch als Logistik-Genie erwies. Selbst heute mit Satelliten-Telefonen, Internet und Fax würde es vermutlich  keinem gelingen, einen präziseren  und nahtloseren Ablauf ihrer Schattenreise mittels einfachster einheimischer Transportmittel zu organisieren.

  Nachdem sie sich in Kalibo deutlich hatten sehen lassen, waren sie in einem Jeepney zur Nachtfahrt nach Katiklan Wharf aufgebrochen. Es war keiner der üblichen wie Pfingstochsen herausgeputzten und auf historischem Chassis ausgebauten Armeelaster mit zwei gegenüberliegenden Sitzbänken und offenem Heckeinstieg gewesen. Es hatte sich vielmehr um einen kraftstrotzenden modernen Nachbau mit besserer Federung und drei Querbänken mit jeweils seitlichen Zustiegen gehandelt. Aber die Fahrt war dennoch zur Tortur geraten, weil Jojo dem Fahrer und freien Unternehmer im individuellen Regionalverkehr, den er eigentlich exklusiv angeheuert hatte, gestattete, unterwegs eigene Passagiere seines Vertrauens mit zu nehmen. - Auch philippinische Ministerial-Beamte wollten eben am Spesensparen verdienen...
  Es war schon weit nach Mitternacht gewesen, als sie am Rande der schlafenden Ortschaft, die noch keinen elektrischen Strom hatte, allein ausgestiegen waren. Als der Jeepney nur mit funzeligem Standlicht in der Schwärze des Dschungel-Trails verschwunden war, blinkte vom Strand her kurz eine Taschenlampe auf. Jojo hatte Johannes leise bedeutet, seine Hosen und Stiefel auszuziehen und sein Gepäck wie er auf dem Kopf zu balancieren. Dann waren sie gut hundert Meter in das anfangs knietiefe, totenstille Meer hinaus gewatet, wo bei hüfthohem Wasser ein nur als Schatten zu erahnendes Pump-Boat gewartet hatte. Johannes hatte nicht verstehen können, was da offenbar nicht ohne Wut gesprochen wurde, weil die Unterhaltung in Tagalog geführt worden war. Es ging - wie Jojo später erklärt hatte, um die Tatsache, dass der Bootsführer zur Gewinn-Optimierung und gegen die Absprache zwei amerikanische GIs auf Urlaub von der Clark Airbase mit ihren philippinischen Freundinnen zusätzlich an Bord genommen hatte. Als sich die Berufsparanoia bei Tageslicht als gegenstandslos erwiesen hatte, weil die Jungs aus Idaho und Texas mit ihren knapp Zwanzig gewiss keine CIA-Agenten waren, überwog bei Jojo dann die Freude, den "Transfer" für sie beide absolut kostenneutral gestaltet zu haben
  Die leise tuckernde Fahrt hinüber nach Boracay hatte Johannes in eine unglaubliche Euphorie versetzt. Schon beim Waten auf das Boot zu war ihm aufgefallen, dass die Körperteile, die im Wasser waren, durch den Planktonreichtum aufgeleuchtet hatten, als seien sie in bengalisches Licht getaucht gewesen. Auf dem Boot passierte dann ein ähnlicher Effekt. Nur war es da, als wären Funken gestoben. Jedes Mal wenn der Ausleger des primitiv motorisierten Katamarans unter die Wasseroberfläche geriet, war es als gäbe es eine elektrische Entladung. Am unsichtbaren Horizont erhellten Blitze eines fernen Gewitters für Bruchteile einer Sekunde die Kimmung, und über ihnen hatte sich ein Himmel mit bis dahin nicht gekannter Sternendichte gewölbt. Die Milchstraße war ein wahrhaft weißes Band gewesen...
  Und dann waren die nur von Strandfackeln erleuchteten Stelzen-Hütten wie eine Theaterkulisse, die aus dem Dunkel nur mit einem Scheinwerfer beleuchtet wird, im weiß reflektierenden Sand dieser Eskapisten-Insel aufgetaucht. Johannes hatte bei diesem Anblick nur eines traurig gemacht: Dass Joseph Conrads solche Szenen bereits lange vor ihm in so einzigartiger Weise hatte beschreiben können.
 
  Drei Tage hatte Johannes einmal mehr die privilegierte Seite seines Berufes erleben dürfen: Klischeehafte, paradiesische Verhältnisse mit der Badehose als wichtigstem Kleidungsstück und dem Stand der Sonne als absolut ausreichende, zeitliche Orientierung. Jojo, der sich mit dem Wohnen in Stelzenhäusern besser auskannte als Johannes, hatte dazu geraten, nicht unmittelbar am Strand zu wohnen, sondern eine der Hütten in einem Palmen-Hain über einer saftigen Wiese zu beziehen. Der Schatten der Bäume verhinderte, dass die Sonne direkt auf das Dach aus Palmwedeln brannte,  und der morgendliche Tau hielt die Kühle deutlich länger. Dazu gab es aber immer noch ausreichend Wind, um für eine angenehme Zirkulation frischer Luft zu sorgen.
    Johannes hatte sich nicht daran erinnern können, wann er das letzte Mal so entspannt geschlafen hatte. Dafür nahm er auch in Kauf, mit dem Hahn aufzustehen, der darauf bestand, seine Hühner im Morgengrauen ausgerechnet im Schatten unter ihrem Haus zu versammeln. Das Hängebauchschwein, dass sie gleich am ersten Tag adoptiert hatte und dachte, es könne sich grunzend und furzend ebenfalls als Untermieter einquartieren, hatte zwar von Jojo einen Karatetritt in die Schinken bekommen, bewies dann aber dennoch die Anhänglichkeit eines Hündchens, das überall mit hin getrabt war. Nur wenn die zwei im ersten Licht die drei Kilometer Strand entlang gejoggt waren, hatte es zum Warten schlauer Weise den feuchten Sand unter dem Rumpf eines der an Land gezogenen Boote vorgezogen.
  Die Mahlzeiten nahmen sie in einer flachen Strandhütte ein, die durch Bastwände variabel mit Durchzug gegen die Moskitos versorgt werden konnte. Unter den groben Tischen und Bänken standen die Füße im feinen Sand des Strandes. Es gab philippinisches Frühstück: gebratenen Knoblauchreis mit Ei und gegrillte Trockensardinen - und für die Potenz rohe, ausgelöste Seeigel. Mittags und abends gab es gegrillte Fische, Schalentiere oder Schweinerippchen dazu jede Menge tropischer Früchte samt ihrer mit Tuba oder Arak gemixten Säfte.  Tag und Nacht lief als einzige Reminiszenz an die Gegenwart der Generator für die Stromversorgung, der von einer Stereo-Anlage mit Tapes der aktuellen Hitparaden noch übertönt wurde.
  So kurz vor der Monsun- und Taifun-Saison waren nur noch wenige Fremde auf der Insel gewesen. Neben den beiden Amis mit ihren Bräuten kam noch ein junger iranischer Erdöl-Ingenieur im Dienste der Kuwaities mit seiner Frau zum Essen. Gläubige Moslems waren wohl beide nicht, weil sie Berge von Rippchen verschlangen. Die junge Perserin nützte offenbar auch gründlich die Gelegenheit, den strengen Auflagen ihrer Arbeitsheimat entronnen zu sein, um eine üppige Körperlichkeit zur Schau zu stellen, die völlig unzureichend nur von wenigen Quadratzentimetern diverser Bikinis gebändigt werden konnte. Jojo war sofort hin und weg von ihr, und sie genoss seine Blicke.
  Die beiden Filipinas im Dienste der US-Streitkräfte hingegen provozierten die Rotnäckigkeit ihrer permanent bierbeduselten "Arbeitgeber", in dem sie Johannes beim Essen mit den Augen verschlangen. Profis, wie sie, fielen auf die Schwulen-Masche offenbar nicht herein... Johannes entfloh daher dieser immer knisternder werdenden Atmosphäre, indem er nach den Mahlzeiten zu der anderen Bar an der Nordspitze wanderte, um seinen Digestiv unbehelligt  zu nehmen. Wohl aber auch  damit Jojo ein paar freie Minuten für sich hatte.
  Dort war allerdings auch nicht viel mehr los: Zwei australische Rucksackpärchen und ein japanisches sowie ein Schweizer mit einer Edelnutte aus Manila, die ihre Landsleute, sich lasziv in einer Hängematte räkelnd, herrisch herum kommandierte. Der Schweizer trug zu den Mahlzeiten einen weißen Leinen-Anzug und gab dem ganzen Ambiente damit etwas Koloniales. Im schleppenden Berner Dytsch hatte er den etwa gleichaltrigen Johannes als Klagemauer für seine Weltsicht auserkoren. Dieser ließ es geschehen, weil der Mann ein ganz lausiger Poker-Spieler war, und somit die meisten Drinks auf ihn gingen. Es kostete ja alles ohnehin nur wenige Pesos, und wenn man in Dollar bezahlte, noch weniger.
  Tuba, der frische Palmwein mit nur 5 Prozent Alkohol und der daraus gebrannte Arak (mit um die vierzig) machen mitunter fürchterliche Kater, und obwohl Johannes ja eigentlich nicht "frei" gehabt hatte, war er auf Boracay manchmal nicht ganz "frei" von Folge-Beschwerden aufgewacht... Jojo hatte indessen offenbar eine andere nächtliche Bleibe gefunden, kam  aber pünktlich nach dem ersten Hahnenschrei zum Joggen. Und sie hatten den einsamen im morgendlichen Schatten liegenden Strand neuerlich auch genutzt, um Karate-Grundtechniken wieder aufzufrischen. - Da merkte Johannes die etwa acht Jahre Altersunterschied!
  Am zweiten Tag rief die Pflicht. Jojo und Johannes waren auf die Korallen-Klippe im Osten der schmalen Insel geklettert, auf dem noch eine Sippe von Aita hauste, die man aus dem Dschungel von Kalibo vertrieben hatte. Es wurde viel Unverständliches palavert, aber durch die Fragen von Johannes, die Jojo mühselig hin und her übersetzte, schien sich wieder einmal die Fähigkeit des Deutschen durchzusetzen, Argwohn abzubauen. Die gut aussehenden, schwarzhäutigen Männer hatten sich dann sogar bereit erklärt, sie mit ihrem Katamaran am nächsten Tag um die Insel zu segeln.
  Johannes hatte nach der Frischwasser-Versorgung gefragt und staunte dann, als er auch erfuhr, dass keiner der Fische, die er verzehrt hatte, auf dem flachen Schelf zwischen den Inseln gefangen werden konnte. Es gab aus heimischer Produktion also nur das Fleisch von den Ziegen, den Schweinen,  sowie aus dem Meer Muscheln und Krabben; dazu die Kokosnüsse, Früchte und Gemüse von den wenigen fruchtbaren Flächen der Insel. Das reichte gerade mal für den Grundbedarf der etwa hundert Einheimischen. Alles andere für die Touristen kam von weit her aus Kalibo und von Plantagen im Südwesten von Panay. Das "echte" kleine Dorf im Zentrum der Insel Boracay lebte da bereits im Wesentlichen von touristischen Dienstleistungen und der Fertigung "einheimischer" Andenken.

  Die Inselumkreisung unter dem primitiven Dreieckssegel mit flexibler Rahstange war, als hätte Paul Gauguin eine seiner gemalten Szenen in die Wirklichkeit entlassen. Die beiden Söhne des Stammesältesten hingen faul aber dekorativ mit buntroten, selbst gewebten Tüchern um die Hüften auf den Auslegern. Der Häuptling selbst steuerte diese Mini-Arche rittlings im Lendenschurz vom Heck des Einbaum-Rumpfes und Jojo und Johannes waren gewissermaßen die badebehosten "Kielschweine". Das Segel war malvenfarben, der Einbaum durch Brandimprägnierung so schwarz wie die Aitas. Das alles schwamm auf türkisem Glas über weißem Sand. Die Mitte des Bildes wurde geteilt durch eine Kimmung bei der makellose Flächen Aquamarin auf Kobaltblau trafen.
  Es gäbe trotz der ökologischen und versorgungstechnischen Grenzen dieses Eilands genügend Touristiker, die skrupellos alle Hindernisse beseitigen würden, um diese Szenerie zahlungskräftigen Kunden zu erschließen, da war sich Johannes sofort sicher. Der Mann, der denen dabei helfen könnte, hatte seine autark versorgte, große steinerne Villa im Leeschatten des Dschungels an der Nordspitze. An seinem Landungssteg machte auch sein Wasserflugzeug fest, das immer öfter, nur mal so kurz über das Wochenende Staatsgäste einflog. Auch Jojo und Johannes hätten ursprünglich so anreisen sollen. Das Paradies war also schon verloren gewesen, bevor eine Deutsche Zeitschrift Johannes - eindeutig identifizierbar aber ohne seinen Namen ausdrücklich zu nennen – später als dessen Totengräber diffamieren sollte.

  In der verblassenden Nacht - einen Morgen zu früh - hatte der Besitzer ihres Pump-Boats Johannes dann ungestüm wach gerüttelt:
  "Taifun coming up! We go! Ten minutes!"
  Wer nicht da war, war Jojo. Aber Johannes hatte so eine Ahnung, wo er ihn finden könnte. Als er auf sein Pfeifen nicht reagiert hatte, kletterte er die Leiter hinauf in die Hütte der Iraner.  Dort fand er seinen Body-Guard (!) in der Mitte dreier eng umschlungener, nackter Körper  - vom Palmwein dahin gestreckt. Für tränenreichen Abschied war allerdings nicht viel Zeit...
  Der Vorteil vom Rucksack-Tourismus ist die spontane Mobilität - selbst wenn man einen Kater hat. Zwar war es dann doch eine Viertelstunde geworden, aber sie legten noch rechtzeitig ab. Der Bootsmann hatte Jojo gefragt, und Jojo wiederum fragte Johannes, ob er etwas dagegen habe, wenn man den Schweizer und seine Freundin mit nähme. Der Bootsmann hätte ohnehin vorgeschlagen, um aus  dem Kurs des Orkans zu gelangen, Tablas mit seinem Jet-Flughafen anzusteuern. Johannes war alles recht, weil er sich bei dieser bis zum Horizont spiegelglatten, windstillen See absolut nicht hatte vorstellen können, aus welcher Richtung der Taifun kommen und wohin er ziehen werde. Er hatte nur noch einen letzten traurigen Blick auf dieses Tropen-Klischee geworfen, hinter dem gerade die Sonne aufging. Im Nu war er unter dem Sonnensegel wieder eingeschlafen.
  Zwölf Jahre später sollte eine der Nichten von Johannes ihre Hochzeitsreise zu dem Eiland machen. Sie kam mit unendlich schwärmerischen Eindrücken zurück und bestand darauf, dass ihr Onkel, der böses ahnte, sich das Video anschaue: Die ehemalige Wasserfront Boracays aus Hütten, Palmen und Strand war quasi zu einem durchgehenden zementierten Hotelkomplex geworden. Da erübrigte sich die Frage von selbst, wo  auf dieser schmalen Insel der Lebensraum für die Aitas geblieben war...

  Als Johannes nach beinahe vollendeter Überfahrt wieder erwacht war, hatte die Szenerie einen bleiernen Überzug bekommen. Sämtliche Farbe war aus der Natur gewichen und die unregelmäßigen Wellenstöße hatten trotz des Auslegers dafür gesorgt, dass sich Jojo und die Konkubine des Schweizers  der Inhalte ihrer vom  Arak  überreizten Mägen entledigten. Der hölzerne Pier ihres Zielhafens war da aber beruhigender Weise schon in Sichtweite. Nur stimmten die Überreste dessen, was der letzte Taifun an Bruchwerk von der einst neuen Kai-Anlage aus bunkerschwerem Stahlbeton übrig gelassen hatte, nicht gerade hoffnungsfroh.
  Johannes war angesichts der olivgrünen Gesichtsfarbe Jojos klar, dass er selbst für eine Zeit lang die Initiative ergreifen musste. Offenbar wollte der überwiegende Teil der Küstenbewohner nämlich auch ins vermeintlich sicherere höher gelegene Innere der Insel. Der Flughafen lag mehr als eine Fahrtstunde landeinwärts. Angesichts der überwiegenden Nachfrage hatte der vor Wochen aber eben für den nächsten Morgen bestellte Jeepney-Fahrer keine Kapazität mehr frei gehabt.
  Also war Johannes kurz entschlossen mal zum Pinkeln gegangen, um aus den versteckten Fächern seines eigens von einem bayerischen Säckler angefertigten Gürtels einen 50-Dollar-Schein zu nesteln. Er hatte sich daraufhin dem ersten freien Trycicle mit sichtbar verlässlicher Technik in den Weg gestellt und  den eigentlich im Nahtransport tätigen Teenager gefragt, ob er mit seinem "Tuc Tuc" auf die Schnelle 50 Dollar verdienen wolle. Als er hörte, er solle über Land zum Flughafen, hatte seine Vernunft kurz mit der Habgier gerungen. Letztere hatte jedoch nach fünf Sekunden gesiegt und nach weiteren zehn war Jojo, den Johannes kurzerhand auf den Armen getragen hatte, halb liegend verstaut und auch das ausladende Hinterteil des Deutschen fand noch halb im Freien hängend Platz. Ehe der Schweizer und seine Gespielin, die vier Jungs mit ihrem Gepäck herum zu kommandieren hatten, reagieren konnten, war das dreirädrige Motorrad schon auf der staubigen Dschungelpiste davon gebraust.
  Wenn Johannes jedoch geglaubt hatte, die Lebensgeister seines Body-Guards  würden durch den direkt einwirkenden Fahrtwind wieder erweckt, sah er sich alsbald getäuscht. Jetzt war zu dem blassen Teint auch noch eine gipsfarbene Staubmaske gekommen. Der Reise-Veteran sah sich also gezwungen, erbarmungslos seine harten Kurmittel zu Anwendung zu bringen. Als der mittlerweile zum "Pale Rider" mutierte Gespannlenker Sprit hatte nachfassen müssen, flößte Johannes Jojo drei eiskalte CocaCola-Flaschen ein. Nachdem er den Inhalt der ersten gleich wieder in den Staub der Piste gespuckt hatte, wollte der sich nur noch ausgelaugt in die Hängematte des Tankwarts legen. Johannes aber hatte nicht locker gelassen und ihm unter Hinweis auf die blaugraue Wand, die sich dort aufgebaut hatte, wo sie hergekommen waren, die nächsten beiden in den Rachen getrichtert. Und siehe da, diesmal waren sie im Magen geblieben und in nicht weniger als fünf Minuten war die Farbe in das Gesicht des schönen Filipinos zurückgekehrt. Was man von der philippinischen Landschaft nicht behaupten konnte. Das saftige Grün war einem fettig wächsernen Grauton gewichen. Die Luft war absolut zum Stillstand gekommen und vermittelte das Gefühl, man könne das Wasser direkt aus ihr zapfen, wenn man nur ein Behältnis schnell genug durch sie hindurch schwänge.
  Sie hatten den Airport gerade erreicht, als die ersten schweren Tropfen senkrecht vom Himmel platzten, aber gerettet waren sie dadurch nicht. Sie erhielten nämlich die Mitteilung, dass die Maschine aus Manila nicht kommen würde, ehe die Taifun-Warnung aufgehoben sei. Vor dem späten Nachmittag war an Starts und Landungen daher nicht zu denken gewesen und deshalb ließen sie sich zu einem massiv aussehenden Hotel mit großer offener Restaurant-Veranda bringen.
  Es gibt kein tropischeres Erlebnis als auf so einer Veranda halbwegs im Trockenen zu sitzen, während der Regen am Rand eines Taifuns in dichten Schleiern herunter rauscht, Straßen in Bäche verwandelt und Leute, die es nicht rechtzeitig geschafft hatten, innerhalb von Sekunden triefend schlotternd wie begossene Pudel dastehen lässt.
  Jojo hatte gerade mit vorsichtigem Genuss die ersten Löffel einer nach Kokosmilch und Zitronengras duftenden Hühner-Suppe zu sich genommen und Johannes an diversen Spießchen mit Tintenfischen, Krabben und Ziegenfleisch geknabbert, als derart begossene Pudel in Gestalt des Schweizers und seiner Begleiterin an ihnen vorbei ins Foyer gehuscht waren. Der weiße Anzug hatte nun angeklatscht grau und von zahlreichen Spritzern verunstaltet, wie ein Symbol für den Niedergang des Kolonialismus gewirkt. Aber noch härter hatte es die Schöne der Nacht getroffen. Ihre Strähnchenfrisur im Vokuhila-Look lag auf dem Schädel ohne ausgeprägten Hinterkopf wie ein nicht ausgewrungener Feudel, und mit dem verwischten Makeup, aber auch der offenbar immer noch nicht überwundenen Seekrankheit wurde nun offenbar, dass sie längst kein Twen mehr gewesen war.
  Jojo und Johannes hatten etwa eine Stunde dem Crescendo des rauschenden Regens gelauscht, als ihnen und den übrigen Gästen klar geworden war, dass sie abgesehen von nur fünf Minuten dauernden heftige Böen im übrigen vom "Großen Wind" verschont bleiben würden.
  Nicht aber vom Sturm der Ortspolizei, die mit Blaulicht und Sirene halb ins Foyer gerast war und mit MP im Anschlag das Hotel gestürmt hatte. Nach fünf Minuten waren der Schweizer und seine Begleiterin mit auf dem Rücken gefesselten Handgelenken herausgeführt worden und einer der Gendarmen hatte sich vor Jojo und Johannes aufgebaut. Er hatte den wie ein Junkie auf Entzug aussehenden Jojo mit sich überschlagener Stimme in Tagalog angeherrscht. Doch da hatte sich der gerade noch so fragile Jojo plötzlich wieder in einen stahlharten, souveränen Profi verwandelt, als er Johannes im entspannten Plauderton auf Deutsch folgendes mitteilte:
  "Der Schweizer hatte in seinem affigen Aktenkoffer mehr als ein Kilo Marihuana. Die beiden waren offenbar derart fertig, dass sie sich so einen Riesen-Joint  gedreht hatten, dass das ganze Hotel danach roch. Jetzt wollen sie auch uns durchsuchen, weil man den Polizisten gesagt hatte, wir hätten die beiden von Boracay mitgebracht."
  Der paranoide Johannes reiste mit einer Tasche, die auch Wahlweise Koffer oder durch ein verborgenes Tragegeschirr Rucksack sein konnte. Jede Funktion war durch robuste Zweiweg-Reißverschlüsse aus Nirosta und obendrein mit unterschiedlichen kleinen Vorhängeschlössern gesichert, deren Schlüssel an einer Kette um Johannes Hals hingen. Sein Gepäck wäre also unerkannt nicht zu "impfen" gewesen.  Aber was war mit Jojos Schultertasche,  möglicher Weise während dessen Seekrankheit passiert,  als Johannes noch geschlafen hatte?
  Während er sich verständnisvoll lächelnd daran machte, den Polizisten seine Tasche zu öffnen, fragte er Jojo, als scherze er:
  "Was, wenn die dir Stoff untergeschoben haben, als du außer Gefecht warst und ich geschlafen habe? Zeig ihnen doch einfach deinen Dienstausweis. Und ich zeig ihnen meinen 'Letter of Intent' und die 'International Presscard'."
  Jojo der nun seinerseits seine Tasche geöffnet hatte, lachte scheißfreundlich zustimmend, als habe ihn Johannes zu seinem Tun gerade eigens ermutigt:
  "Das wollen wir aber schön bleiben lassen. Wir stecken hier mitten in einem abgekarteten Spiel, das tödlich enden könnte. Ich erkläre dir gleich warum. Lass uns die erst einmal wieder loswerden,"
  "Omnia bona mea mecum sunt!" Zitierte Johannes Senecas materialistische Variante des bei Cicero eher philosophisch angesiedelten "Omnia mea mecum porto". Beides war irgendwie zutreffend gewesen, als all ihre Habe auf den Verandatischen vor aller Augen ausgebreitet worden war: 'Alles von Wert ist bei mir', aber auch 'alles Meinige trage ich bei mir', was zu einem beliebten Spruch Rucksack-Reisender mutiert war.
  "What did he say?", wechselte der Polizei-Chef ins Amts-Englisch.
  "He's just talking Latin." Sagte Jojo mit einer resignierten Miene, als unterhielten sie sich über einen Verwirrten
  "Why?", wandte er sich nun erstmals direkt an Johannes.
  Und während auch noch ein Deutscher Schäferhund herangeführt worden war, dem das feuchtschwüle Klima - obwohl gut getrimmt - sichtlich zu schaffen machte, erklärte Johannes den Gendarmen seine Gepäckprinzipien. Der Vierbeiner erledigte dabei treudeutsch seine Pflicht, indem er alles sorgfältig beschnüffelte, ohne jedoch Laut zu geben. Als Johannes aber etwas auf Deutsch zu Jojo sagte, spitzte der Hund auf einmal die Ohren, als habe er Altvertrautes vernommen. Unvermittelt legte er den Kopf an den Oberschenkel von Johannes. Der wusste was zu tun war und vollzog bei seinem "Landshund" knuddeliges Öhrchenknacken.
  Der Einsatzleiter hatte sich angesichts dieses eindeutigen Frontenwechsels seines Vierbeiners mit einer lässig salutierenden Entschuldigung und leise aneinander schlagenden Hacken verabschiedet und war mit seinen beiden Gefangenen im japanischen Geländewagen zum Polizeiposten gerast.
  Jojo, der ihm leicht kopfschüttelnd nachgeschaut hatte, begann erst mit seiner Erklärung, als der Wagen in der Schlammschleppe, die er hinter sich herzog, außer Sichtweite war:
  "Du wirst sehen, die beiden sind beim Abflug unter den Passagieren, als sei nichts gewesen."
  "Aber bei so einer Menge bedeutet das nicht normaler Weise Todesstrafe oder zumindest Lebenslänglich?"
  "Das hätte es bedeutet, wenn wir unsere Ausweise gezeigt hätten. Denn dann hätten die Polizisten ja offizielle Zeugen für Ihren Deal gehabt. Aber auch wir hätten ja auf nimmer Wiedersehen im Dschungel verschwinden können, damit die Geschäftsidee nicht zu Schaden kommt."
  "Ich verstehe nicht!"
  "Manila ist weit. Wer glaubst du hat die Polizei, die sonst nie da ist, wenn man sie braucht, so schnell und im Angesicht eines heraufziehenden Taifuns mobilisiert? In dem Hotel hier würde doch keiner auf die Idee kommen, Kiffer-Touris anzuzeigen. Nein, das Päckchen war gezielt unterwegs und hat den Weg bestimmt schon einige Male zurückgelegt. Vermutlich ist der Dealer ein Geschäftsfreund der Polizisten. Der Bootsmann und der Jeepney-Fahrer bekommen auch eine kleine Erfolgsprämie, indem sie Reiseroute und Ankunft bestimmen oder mitteilen. So können die Verhaftung und die Beschlagnahme des Päckchens ohne großes Fahnden erfolgen. Auf der Polizei-Station werden die armen Opfer erst einmal in eine stinkende Arrest-Zelle weggesperrt, wo sie angesichts einer dramatischen Strafe je nach dem die Stunden bis zum Abflug schmoren. Dann kommt ein Anwalt, der andeutet, er könne eine sofortige Freilassung auf Kaution veranlassen. Gleichzeitig empfiehlt der aber, man solle nach geleisteter Zahlung schauen, dass man so schnell wie möglich außer Landes käme, ehe der Fall nach Manila gereicht würde. Die Summe erscheint den Delinquenten angesichts von Gefängnis oder Todesstrafe vergleichsweise so lächerlich, dass sie über die einmalige Chance, entrinnen zu können, gar nicht erst logisch nachdenken. Die Drahtzieher sind ja nicht gierig. Meist sind es nicht mehr als tausend, zweitausend Dollar in Traveller's Schecks oder, was man auf der ebenfalls mitspielenden Bank an Barem auf die Kreditkarte erhält."
 
  Natürlich war alles so gekommen, wie Jojo es vorhergesagt hatte. Das Kifferpärchen hatte am späten Nachmittag eingecheckt, als sei nichts gewesen. Der Berner hatte einen anderen blütenweißen Anzug angezogen und seine Begleiterin war bereits wieder so arrogant und hochnäsig aufgetreten, als hätte es diesen bedrohlichen Zwischenfall nie gegeben,
  Als sie alle in Manila auf ihr Gepäck gewartet hatten, verwickelte die Filipina Jojo in ein langes Gespräch, während Johannes den Schweizer ostentativ links liegen gelassen hatte. Diese Typen, die sich in der Dritten Welt glaubten, mit ihrem Geld oder ihrer Funktion über Recht und Moral zu erheben, hatte er zuhauf erlebt. Sie würden niemals begreifen wollen, dass sie Katalysatoren für Korruption und Misswirtschaft waren und Dank der skrupellosen Ausschöpfung der Kaufkraftunterschiede zu einem Bild des "goldenen Westens" beitrugen, das falsche Sehnsüchte weckt.
  Auf dem dann gerade noch ergatterten Nachtflug nach Cebu hatte Johannes Jojo dann gefragt, was er so lange mit der Schönen der Nacht zu bereden gehabt hatte.
  "Nun, die war eben ein Profi. Nachdem ihr Schweizer es vorzieht, morgen das Land zu verlassen, wollte sie nun bei dir anheuern. Die Schwulengeschichte hat sie mir natürlich nicht geglaubt. Da habe ich ihr die Wahrheit erzählt, und ihr war auf einmal klar geworden, dass sie um ein Haar als alte Frau aus dem Gefängnis gekommen wäre. Das hat richtig Spaß gemacht! - Übrigens scheinen die Preise drastisch angestiegen zu sein. Für 4000 Franken mussten sie sich freikaufen. Tausend für sie und dreitausend für den Mann im weißen Anzug. Der wird so schnell nicht wieder kommen..."
 
  Das Routen-Muster ihrer Reise während der nächsten vierzehn Tage hätte für  uneingeweihte Betrachter nicht sehr viel Sinn gemacht. Es sah aus, als wäre ein Blitz in die Aufzeichnungen eines Phasenschreibers eingeschlagen, obwohl sie von so dramatischen Vorkommnissen wie auf Tablas im weiteren Verlauf ihres "Inselhüpfens" bis zur Endstation Mindanao verschont bleiben sollten.
 
  Bei den Strand- und Sexrevieren auf Cebu und Bohol bestimmten Australier und Japaner bereits den Tourismus. Mitteleuropäische Tauchtouristen wären für die Inseln am Westrand des Archipels zu interessieren, und die geologisch und ethnologisch interessierten Rundreisenden ließen sich trotz der dort permanent lauernden, seismologischen Gefahren  für die drei Vulkan-Regionen um den Pinatubo und den Mayon auf Louzon,  beziehungsweise den Mount Apo auf der außerhalb Zamboangas nicht sonderlich sicheren Insel Mindanao begeistern.
  Durchziehende Touristen lohnten jedoch kaum Bauvorhaben und Investitionen in Infrastruktur. Abenteurer hatten meist auch nicht genug Geld in den Taschen, um zu konsumieren. Länger verweilende, neue Ferntouristen aus Europa wären also am ehesten aus dem Bereich der Tauch- und Wassersportler zu rekrutieren. Aber der Südwestrand des Archipels  in Richtung Borneo samt Malaiische Halbinsel würde die touristische Libertinage der östlichen Inseln schon allein aus kulturellen Aspekten nicht zulassen - vor allem wenn die islamischen Fundamentalisten weiter an Einfluss gewännen...
  Dass hier jedoch der Nachholbedarf an Strukturverbesserungen am sinnvollsten war, lag auf der Hand. Um sich ein klares Bild für seine Empfehlungen zu verschaffen, musste Johannes mit den Leuten reden, die das verhindern wollten und konnten. - Und deshalb stand Johannes jetzt auf dieser Holzbrücke, die nach Rio Hondo hinüber führte und war gewillt Jojo ernsthaft vor den Kopf zu stoßen (!)...

  "Kommst du nun oder nicht?" Johannes hatte sich wieder gegen den Fußgängerstrom zu Jojo am Fuß der Brücke zurück gekämpft.
  "Kannst du nicht mir zuliebe darauf verzichten, da rüber zu gehen?"
  "Hast du Angst um deinen Job oder was?"
  "Und du? Kannst du dir etwa nicht vorstellen, dass sich jemand einfach nur Sorgen um dich macht?"
  "Du klingst ja jetzt fast schon wie meine Frau!"
  "Das ist ein gutes Stichwort. Was bist du denn überhaupt für ein Ehemann und Vater? Da sind wir jetzt beinahe einen Monat unterwegs, und du hast dich nur ein einziges Mal aus Manila bei deiner Familie gemeldet. Du scheinst  dir absolut keine Gedanken über die Sorgen von Leuten zu machen, die dich lieben."
  "Meinst du allen Ernstes, meine Frau würde sich weniger Sorgen machen, wenn ich sie häufiger anriefe?
'Hallo Schatz, heute sind wir mit einem blauen Auge aus einer Drogengeschichte heraus gekommen. Gestern war ich unter dem Mayon beim Baden im Meer und hatte Gesellschaft von so einer silberschwarz gestreiften Seeschlange mit einem gelben Bauch (Streifenruderschlange, Hydrophis cyanocinctus). Ja. du weißt schon. Die, die bei denen man gerade noch merkt, dass man gebissen worden ist, so giftig sind die.'
 - Meine Frau und ich haben seit langem eine Übereinkunft, dass ich unterwegs bin, wenn ich unterwegs bin. So lange sie nichts von mir hört, ist auch nichts passiert."
  "Dann lass wenigstens die Kamera hier. Du weißt doch wie die hier auf das Fotografieren reagieren."
  Tatsächlich war es so gewesen. Je weiter sie in den mohammedanischen Teil der Inselwelt vorgestoßen waren, desto allergischere Reaktionen hatten die Menschen beim Fotografieren gezeigt, obwohl Johannes höflich, charmant und routiniert wie immer jedes Mal um Erlaubnis gefragt hatte, bevor er den Auslöser betätigte. Während die Filipinos auf den Nordinseln sich mit einem "Hey Joe!"  quasi von selbst in Positur geworfen hatten, wandten sich die Menschen der Südinseln ab, oder verbargen sich unter Hüten oder hinter Schleiern, so bald sie eine Kamera nur zu Gesicht bekamen. Selbst die Kinder drückten sich scheu in den Schatten.
  "Na gut. Nimm sie! Wir treffen uns zum Lunch im Hotel. Und - mach dir keine Sorgen. Das ist mein Job."

  Johannes war dann auf der anderen Seite glücklich, endlich in den Schatten zu kommen. Zwischen den "Bancas" - wie die Stelzenhäuser genannt werden - herrschte zwar auf den Holzstegen reger Betrieb, aber die dichte Menge von der Brücke verlief sich schnell. Wind und Meer unter den abenteuerlichen Schachtel-Konstruktionen wirkten als ganz brauchbare Klima-Anlage. Der gefürchtete Lagunen-Geruch, der bei kurzen Momenten der Windstille in die Nase stach, wurde meist von orientalischen Speise- oder Warendüften überlagert.
  Johannes hatte als Orientierungspunkt die Silberne Kuppel der Moschee, brauchte also vorerst nicht zu fragen. Die erwartete, unterschwellige Animosität gegen den Fremden ohne Begleitung, war ebenfalls nicht zu spüren. Johannes begann, sich langsam zu entspannen. Auch weil er den Kontakt-Punkt - die kleine Koranschule im Schatten der Moschee - auf Anhieb fand. Drinnen auf farbenfrohen Teppichen saßen nur zwei Männer, die in etwa in seinem Alter waren in westlicher Kleidung aber mit den markanten Zottelbärten. Johannes wagte nicht auf die Schwelle zu treten, sondern verbeugte sich höflich und hielt seinen "Letter of Intent" - nicht den vom Ministerium, sondern den vom deutschen Nachrichtenhändler - durch das offene Fenster.
  "Warum sind sie über die Brücke gekommen? Sie hätten mit einem unserer Bootsleute vom Lantaka Hotel hierher fahren können. Sie sind ein sehr auffälliger Mann."
  "Gerade deshalb! Ich möchte auf keinen Fall einen konspirativen Eindruck hinterlassen. Ich bin ein interessierter Besucher, der sich höflich unter Wahrung aller Anstandsregeln informieren möchte. Mehr nicht!"
  "Anstandsregeln? Das mag hier aussehen wie aus längst vergangenen Zeiten, aber das heißt keinesfalls, dass Nachrichten nicht zügig bei uns ankommen. Wir haben Sie erwartet. Was auch heißt, dass jemand mit solchen Kontakten für uns natürlich nicht bloß ein interessierter Besucher ist."
  Ein kleiner Junge war seitlich an Johannes herangetreten und nahm mit kindlicher Vertrauensseligkeit seine Hand.
  "Jassir hier wird Sie jetzt zum Tee mit einer der Stützen unserer Gemeinde bringen. Gut übrigens, dass Sie Ihren katholischen Karate-Mann drüben gelassen haben. Das vermeidet Komplikationen."

   Der Kleine war flink, aber wollte absolut nicht einsehen, dass sein großer Begleiter nun mal gar nichts von dem verstand, was er so vor sich hin plapperte. Johannes begriff nur, dass dies offenbar nicht Tagalog, sondern der Dialekt der Sea-Gypsies, der See-Nomaden war, die mit den bunten Segeln ihrer Wohnboote die historisch belastete Meerenge der Basilan Straße dekorierten.
  Nach wenigen Augenblicken standen sie auf der Plattform von einer Banca, auf deren vorgebauter, nach allen Seiten offener Remise scheinbar wahllose Haufen öliger Motorenteile die Tragkraft der Planken sichtbar strapazierten. Ein Firmenschild, das von seiner Größe her die Breite des Daches einnahm, kündete euphemistisch davon, dass sie auf dem Firmengelände von "THE BROTHERHOOD MOTOR CORP” stünden. Unter deren durchgebogenen Planken lagen im Schatten vertäut diverse Pump-Boats, in denen halb nackte Männer herum schraubten; eine Pump-Boat-Werft also.
  Der kleine Jassir zog Johannes bis zu einem Vorhang zu dem Teil des Stelzenhauses, der auf das offene Wasser hinausragte, rief etwas hinein und verabschiedete sich dann lachend mit einem "Byebye Joe, byebye!"
   Im selben Moment ging der Vorhang zur Seite und ein Mann mit gütigem Gesicht im Gewand und mit dem Bart eines Mullahs hieß ihn freundlich im akzentfreien Englisch willkommen. Da im Vorhangbereich diverse Paare Pantoffel und Sportschuhe standen, musste Johannes nicht eigens gebeten werden, aus seinen Slippern zu schlüpfen.

  Obwohl die Banca des Mullahs im Prinzip eine mit Laubsägearbeiten arabesk verzierte Bretterbude auf Pfählen war, überraschte die sakrale Schönheit des Raumes, den sie betraten. Ausreichend mit sehr schönen Teppichen und dezent dazu passenden Sitzkissen ausgestattet, bezog der Raum seine Wirkung durch die breiten und mit Markisen beschatteten offenen Fenster mit ziselierten Sandelholz-Duftrahmen. Sie öffneten sich wie Bilderrahmen hinaus aufs Meer, in denen die farbig gemusterten Segel der Sea-Gypsies träge hin und her trieben - wie Gegenstände an einem Mobile.
  Anders als die verschiedenen Paar Schuhe vor der Tür hatten vermuten lassen, waren Johannes und der Mullah in diesem Ambiente allein. Aber es gingen noch zwei durch leichte Vorhänge verdeckte Türen in Nebenräume. Mit Sicherheit waren sie also nicht nur zu zweit, und nebenan würde jedes Wort gehört werden.
Vielleicht wollten sie ja Johannes auch auf die Probe stellen, ehe sie entschieden, wie sie sich weiter ihm gegenüber verhalten sollten...
  Der Sitte entsprechend hatte Johannes sich noch einmal respektvoll verbeugt und wartete nun darauf, mit den üblichen Formeln der Gastfreundschaft abermals begrüßt zu werden. Doch das unterblieb. Es wurden ja auch keine Namen genannt.
  "Woran glauben Sie?", begann der Mullah und konnte dabei nicht ahnen, wie oft Johannes in seinem Reporterleben diese Frage gestellt worden war. Jedes Mal mussten die Worte, mit denen er antwortete, besonders auf die Goldwaage gelegt werden. Diesmal sparte er sich die Erklärung des Agnostikers und versuchte es direkt mit Kant:
  "Als Reporter bekommt man auf der ganzen Welt Einiges zu sehen, was einen das Glauben an eine höhere Macht erschwert. Gleichzeitig wird man der Versuchung und der Sünde nach fast allen religiösen Betrachtungsweisen ausgesetzt. Bis ich mir wirklich sicher bin, halte ich mich an einen großen deutschen Philosophen, den Sie vielleicht kennen. Er verlangt von allen Menschen, sie mögen sich stets so verhalten, dass die Maxime ihres Handels gleichzeitig als Grundlage für eine allgemein gültige Gesetzgebung dienen könnte."
  "Ja, der große Immanuel Kant! Ich habe, als ich mit dem erhabenen Khomeini  im französischen Exil war, Philosophie an der Sorbonne studiert."
  "Eh bien! Dann könnten wir wohl auch Französisch miteinander sprechen", hatte Johannes spontan und wohl auch um ein wenig Eindruck zu machen, die Sprache gewechselt.
  Der Mullah schien erfreut und dankbar. Aber die Heiterkeit, mit der er ebenfalls in die Sprache Voltaires hinüberwechselte, passte nicht zu dem, was er sagte. Als schweife er lächelnd in "jeux des mots" ab, gab er Johannes folgendes zu bedenken:
  "Wir Mullahs, werden immer so hingestellt, als beeinflussten wir die Politik. In Wirklichkeit sind es stets die Politiker - und leider nicht die ehrenvollsten - die die Auslegung des Korans übernehmen. Das ist zwischen Malaysia und Mindanao nicht anders. Der "heilige Krieg" wird hier auf den Inseln als Deckmantel für Machenschaften benützt, die mit dem, was unser Prophet im Buch der Bücher fordert, nichts mehr zu tun hat. Als Geistliche müssen wir aber eben auch vor allem die Glaubensbrüder schützen, die das Schwert nicht führen."
  Dann fuhr er wieder ernsthafter und in Englisch fort, damit die Lauscher nicht hellhörig wurden:
  "Wir können nicht verstehen, was der Tourismus an Schamlosigkeit in den katholischen Teilen dieser Inselwelt zugelassen hat. Wir werden einen solchen Verfall der Sitten auf den von unseren Glaubensgenossen besiedelten Inseln nicht zulassen. Promiskuität, Prostitution und gottlose Zurschaustellung von Weiblichkeit an den Stränden werden wir zum Schutz der Jugend zu unterbinden wissen."
  Johannes war ob der plötzlichen Schärfe des Tons überrascht, aber angesichts des Vorausgeschickten nicht übertölpelt:
  "Man hat mich als Kenner touristischer Entwicklungen um meine Meinung und Einschätzung gebeten. Ich bin nicht an Umsetzungen oder gar am Profit von Projekten beteiligt. Ich kann Ihnen aber versichern, dass es beispielsweise in den Vereinigten Emiraten durchaus gelungene Konzepte für einen den islamischen Geboten und Sitten entsprechenden Tourismus gibt, der der Verbesserung und Modernisierung einer Infrastruktur für alle nutzt. Wichtigste Voraussetzung ist eine relative Sicherheit für die Gäste. Die kann es nur in Gottes Namen und dem Segen seiner Glaubenshüter geben. Bessere Krankenversorgung, sicherer Nahverkehr und schnellere Kommunikation dienen jedoch vor allem auch den Menschen hier - einmal abgesehen von den volkswirtschaftlichen Aspekten. Dieses Land steht möglicherweise vor wesentlichen politischen Veränderungen. Es ist notwendig, dass die Einstellung von allen einflussreichen Kräften bekannt ist."
  Der Mullah schaute hinaus aufs Wasser, als hätte eine sanfte Brise die Sätze von Johannes dort hinaus getrieben. Er hob beide Arme zu einem 'InchAllah' und seufzte:
  "Erwarten Sie sich nicht zu viel!"
  Als sei dies ein verabredetes Zeichen gewesen, flogen von beiden Türen die Vorhänge zur Seite und vier Männer mit schwarzen Kapuzen betraten den Raum und bauten sich theatralisch hinter dem Gottesmann auf. Für zwei jedenfalls - bemerkte Johannes - war die Vermummung eher lächerlich, denn sie waren anhand der Kleidung, die sie nicht gewechselt hatten, unschwer als die beiden Männer aus der Koran-Schule zu erkennen. Aber dann schoss es Johannes durch den Kopf, dass diese im Ernstfall ja auch eine für ihn tödliche Erkenntnis sein könnte...
  Einer der beiden nicht Identifizierbaren war nun der Wortführer. Obwohl bestimmt des Englischen mächtig, verzichtete er darauf, das Wort direkt an Johannes zu richten und ließ ihn über den Mullah ausrichten:
  "Nehmen Sie morgen kurz vor Mitternacht an der Beach-Bar von ihrem Lantaka-Hotel noch einen Drink, nachdem Sie sich gegen elf ins Bett verabschiedet haben. Dann geht nämlich Ihr Begleiter stets noch in die Spielbank. Was immer dann passiert: wehren Sie sich nicht, spielen Sie nicht den Helden und sagen keinem, was wirklich los war. Dann fließt auch kein Blut. Sie werden entführt, aber Sie haben mein Wort, dass Sie zum Lunch übermorgen - also zwölf Stunden später am Pink Beach von Santa Cruz abgesetzt werden. Ihr Begleiter erhält entsprechend Nachricht,  nichts zu unternehmen, wenn er Sie dort wohlbehalten abholen möchte."

  In jener Nacht wurde die jährliche Durchschnittstemperatur der Halbinsel Zamboanga um neun Grad überschritten. Die digitale Kombianzeige von Uhrzeit und Temperatur, die wohl als letzter Schrei an einer Säule der Beach-Bar angebracht worden war, zeigte im Wechsel 23 Uhr 55 und 35 Grad an. Johannes lief, obwohl er kochend heiß geduscht und in Erwartung der Dinge seinen Fjällräven "Arbeitsanzug" angezogen hatte, der Schweiß in Kaskaden über Gesicht und Körper. Am Horizont seiner wunden Seele sah er ausgerechnet jetzt das Gewitter einer durch die Hitze ausgelösten Depression auf sich zukommen und hoffte nur, sie ließe sich noch zwölf Stunden Zeit. Jojo abzuhängen, hatte mühelos geklappt. Vermutlich hatte der kleine Zocker eine Glückssträhne, die er nicht abreißen lassen wollte. Johannes hatte kaum seine Zimmertür hinter sich zugemacht, als dessen nebenan schon wieder aufgegangen war.
  Johannes hatte dem Bedarf nach etwas Starkem widerstanden und sich stattdessen seinen Spezial mixen lassen. Ein Drittel Ananas, ein Drittel Mango, ein Drittel Papaya dazu eine kräftige Prise Salz. Das Ganze in den Mixer und mit einem halben Liter Mineralwasser aufgegossen würde zwei vielleicht  zwangsweise ausgefallene Mahlzeiten überbrücken helfen und im Ernstfall das Dehydrieren verhindern.

  Der "Travel-Guide Eastasia", diese für die Dritte-Welt-Länder so verhängnisvolle Bibel der Lowbudget-Touristen jener Jahre, schwärmte von der direkt am Wasser gelegenen Bar des Lantaka-Hotels als Nachrichten-Treff mit günstigen Drinks, wo man dank der gereichten Chips, Nüsse sowie Reis- und Kokossnacks spielend bei einem Bier seinen Tagesbedarf an Kalorien decken könne. So wunderte es nicht, dass dieses Buch zwei Armlängen entfernt auf dem Tresen bei zwei deutschen Traveler-Pärchen lag, die sich lautstark ihre letzten Schnäppchen vor prahlten. Schon deren Uniformität ging Johannes in seinem überreizten und dann stets intoleranten Zustand auf die Nerven: lange Kraushaarfrisuren, irgendein weißes Knochenstück an speckig ledernen Bändern als Talisman um den Hals, darunter der obligate Brustbeutel hinter dem Latz der Oshkosh-B-Gosh Jeans und die Wander-Ausführung der Birkenstocks an den Füßen.
  "Echt Mann, wir haben drei Monate auf Ceylon bei einer Familie in der Nähe von Trinkomalee direkt am Strand gelebt. Die waren so was von gastfreundlich! Wir haben gar kein eigenes Futter gebraucht. Ständig Fisch, Krabben, Reis, Kokos und Obst vom Feinsten. Wie im Paradies kamen wir uns vor."
  "Wahnsinn, nicht? Diese Gastfreundschaft! Wir haben das gleiche bei Yokyakarta auf Java erlebt. Ein Strand und ein Dorf für uns allein. Die wollten uns gar nicht mehr weglassen."
  Johannes wollte ihnen gerade bescheid stoßen, dass die armen Familien nach dem Fortgang dieser Schmarotzer vermutlich in eine mittlere Versorgungskrise geraten waren, weil sie die ungeschriebenen Gesetze der Gastfreundschaft zu ihrer Großzügigkeit genötigt hatten, als ihm schwarz vor den Augen wurde. Jemand hatte ihm eine Kapuze übergestülpt und vom Barhocker gezerrt. Alles ging in dieser erzwungenen Dunkelheit absolut lautlos von Statten. Außer der Bar-Musik war die eben noch so lebhafte Szene verstummt. Kein hysterisches Aufschreien. Kein Wegrennen. Nur Angststarre. Er stolperte rückwärts gezogen den Weg zum Anleger hinunter. Eine fremde behandschuhte Hand an seiner Kehle. Etwas Hartes an seiner Schläfe. Dann wurde er  - immer noch rückwärts - gestoßen. Für einem Moment im Fall schwerelos, um dann umso schwerer von mehreren Paar Händen aufgefangen zu werden. Fast im gleichen Moment hob ein ungeheuerer Motoren-Lärm an, gefolgt von einem Vibrieren, wie es vielleicht beim Start einer Rakete entstehen mochte. Die Beschleunigung und die Steuermanöver warfen ihn in dem leeren Stauraum, in dem er gelandet war, hin und her. Er riss sich die Kapuze vom Kopf und stellte fest, dass er in einer Art Tank stand. Jedenfalls war er von Aluminiumwänden umgeben, auf denen eine Luke lag, denn es war absolut finster.
  "Konzentrier dich auf die Koordinaten", zwang er sich zur Ruhe.
  Beim Hin und Her glitt er jeweils etwa zwei Meter an den Wänden entlang. Der Deckel war zwei Handbreit über seinem Scheitel. Sein Verließ war vermutlich exakt acht Kubikmeter groß. Die Rückwand, an die er beim Beschleunigen gedrückt wurde, war wärmer als die anderen und vibrierte deutlich stärker. Das hieß, sie grenzte direkt oder nahe an den Maschinen-Raum im Heck. Er befand sich auf einem Boot, das war klar. Aber eines mit nie gekannter Stärke. Der Lärm im Inneren war eigentlich unerträglich, doch es gelang ihm, der physischen Tortur  durch Denkarbeit von ihrer Wirkung zu nehmen:
  Nach dem Ablegen hatten sie einen  Neunzig-Grad-Turn nach backbord gemacht. Das heißt sie waren geradewegs in die Mitte des Fahrwassers nach Santa Cruz Island gefahren. Dann wurde es schon schwieriger, denn der nächste Kurswechsel war nur für jemand zu erkennen, der so viel Zeit auf Booten verbracht hatte, wie Johannes. Eine lang anhaltende Innenneigung in der Steuerbord-Kante des Würfels signalisierte ihm, dass eine großzügige Kurve gesteuert wurde, die sie vermutlich auf oder in die Nähe der eigentlichen Strait of Basilan bringen sollte.  Wäre der angestrebte Kurs die Insel Basilan, dann müsste bald eine entsprechend großzügige Kurve nach Backbord folgen. Und richtig, da kam sie. Das Boot hatte eine für die vermutete Größe kaum berechenbare Geschwindigkeit drauf. Aber Johannes hatte so eine Ahnung. Bislang hatte er der Legendenbildung über die Piraten- und Schmuggler-Schnellboote, die zwischen Malaysia und den Philippinen unterwegs sein sollten, nur zögerlich Glauben geschenkt. Jetzt schien er sich sicher, dass er an Bord eines solchen nautischen Phantoms gelandet war. Jeweils zwei mit Kerosin betankte Turbo-Flugzeugmotoren trieben unabhängig von einander aber wahlweise synchronisiert und stufenlos je eine Schraubenwelle. Es hieß weiter, die Leistung könne bis 1000 PS reichen und die Geschwindigkeiten dieser Donnerkeile gingen bis zu 100 Seemeilen.
  Es war klar, dass einer, der ein solches Geschoss lenkte, wahrlich kein Trottel sein durfte. Das musste nun auch Johannes feststellen. Das Boot hatte merklich die Fahrt gedrosselt und fuhr zur Kursverschleierung einen merkwürdigen Steuertanz. Johannes versuchte sich in seinem Käfig mittig zu stabilisieren und glaubte zu spüren, dass eine Acht gelenkt würde. Aber wo sie aufhörte, fand er nicht mehr heraus. Blieb also das Raum-Zeit-Kontinuum. Bei den legendären Geschwindigkeiten und derart ruhiger See ergaben sich erschreckende Dimensionen. Johannes nahm eher nicht an, dass es in die Sulusee ginge und in die Morosee auch nicht. Denkbar war die Celebes-See, denn der Mullah hatte von der Inselwelt zwischen Zamboanga und Malaysia (also dem malaysischen Teil Borneos) gesprochen, und dabei kommt dem Ortskundigen noch eine besondere Statistik in den Sinn. Von den über 7000 Philippinen-Inseln sind gerade einmal etwas über ein Zehntel offiziell besiedelt... Im Südwesten hinter Basilan gab es in unmittelbarer Reichweite des Bootes also Hunderte davon. Was, wenn Jojo nicht die Nerven behielte und Sicherheitskräfte alarmierte? Hätte er ihm vielleicht doch eine Andeutung machen sollen?
  Johannes hatte gerade das Leuchtdisplay seiner mechanisch-digitalen Travel-Uhr aktiviert, als sein Gefängnis vom Sternen-Himmel erleuchtet und er von mehreren Armen in den erlösenden Fahrtwind gehievt wurde. Es war 2Uhr14, und sie waren unterwegs nach Westen, denn sie hielten in hohem Tempo auf den Mond zu, der diesen Kurs schon fast hinter sich hatte. Obwohl sein Herz bis in die Kehle schlug und dort eine fast unerträgliche Trockenheit verursachte, gab sich Johannes den Anschein größter Gelassenheit. Ohne das Umfeld direkt zu mustern, machte er aus den Augenwinkeln folgende Bestandsaufnahme: Er hatte sechs Begleiter in dunklen Kampfanzügen. Sie trugen leichte, schwarze Strumpfmasken, die Augen, Nase und Mund freigaben. Jeder hatte an einem Spezialgeschirr vor der Brust eine giftig aussehende, kleine automatische Handfeuerwaffe. Sein Verließ war - wie er es vermutet hatte - ziemlich exakt mittschiffs gewesen. Johannes' Füße standen nun auf der Luke. Er selbst saß von zweien der Kämpfer flankiert mit dem Blick in Fahrtrichtung auf einer Bank darüber. Vor ihm saßen zwei Mann im engen Cockpit des See-Boliden. Die restlichen zwei hatten Position auf leicht erhöhten Sitzen entgegen der Fahrtrichtung rechts und links daneben bezogen, um den Horizont hinter dem vermutlich gewaltigen Kielwasser zu kontrollieren. Das Boot war deutlich länger als die 42 Fuß eines Offshore-Powerboats. Johannes schätzte 18 bis 19 Meter. Aber ein Designerpreis würde es wohl nicht bekommen. Die schnorchelartigen Ansaugstutzen, die rechts und links in sein Gesichtsfeld ragten, waren klobig und hatten grobe Schweißnähte. Die Deckwalks wie auch die Luke waren mit einem Gumminoppen-Belag beklebt, wie man ihn in jüngster Zeit auch in den Flughäfen der Welt fand. Alles war reibungsloser Funktion untergeordnet. Auch das Cockpit, das Displays für Radar, Echolot und eine Art AutoNavigator aufwies. Letzterer war zu diesem Zeitpunkt wohl noch weitgehend geheime  US-Militär-Technologie gewesen, aber das waren Mutmaßungen, die Experten erst später anstellten.
  Es wurde kein Wort geredet. Wie auch  - bei dem Lärm? - Und es war weit und breit nicht die Andeutung einer Landmasse zu sehen. Das Meer war spiegelglatt, nicht  der leiseste Wind kräuselte die Oberfläche. Aus der Luft wäre ihr Kielwasser wohl  dank des Mondlichts meilenweit zu sehen gewesen. Dennoch hatte Johannes nicht das Gefühl, dass dies bereits Höchstgeschwindigkeit  war. Das ließ natürlich Spekulationen über die reale Fahrzeit aufkommen. Eines war klar, bei Tageslicht konnte dieses Boot nicht so freimütig operieren, und schließlich wollten sie ihn ja um zwölf zurück gebracht haben.
  Der Mond war gerade zur Gänze verschwunden, als der Bootsführer eine scharfe Kurskorrektur auf Nord vornahm und Vollgas in die langsam schwindende Dunkelheit gab. Jetzt hatte man das Gefühl, das Boot hebe sich komplett aus dem Element. Es musste mehr als 100 Stundenkilometer drauf haben. Nach nicht ganz einer halben Stunde tauchten überall am Horizont Inseln auf, die sich plastisch abhoben, weil der alles erhaltende Feuerball rechter Hand begann, die See in glattes Rotgold zu verwandeln.
  Als Johannes sein mechanisches Zifferblatt wieder lesen konnte, waren sie genau 5 Stunden und 25 Minuten unterwegs gewesen. Das Echolot gab jetzt Töne von sich, ohne dass der Bootsführer die neue leisere Geschwindigkeit sonderlich weiter drosselte. Sie waren nun in eine unüberschaubare Ansammlung von Inseln unterschiedlichster Größen hinein geglitten. Eine halbe Tagesreise nördlich von Manila war Johannes einmal durch eine ähnliche Ansammlung gepaddelt, den Hundred-Islands-District. Während dort die Inseln meist karg bewachsene Sandhügel waren, machten diese Inseln hier alle samt den Eindruck von autarken aber unbewohnten Lebensräumen. Er sah Bäche und Wasserfälle, kleine flache Sandbuchten, See- und Landvögel, Kokospalmen und wilde Mangobäume. Jede dieser Inseln im Dunstkreis von Seattles Puget Sound oder Stockholms Schären, wäre ein Multimillionen-Dollar-Besitz, schoss es Johannes durch den Kopf. Kein Wunder, dass sie solche Begehrlichkeiten bei touristischen Visionären weckten.
  Die ganze Zeit hatte Funkstille geherrscht. Jetzt sprach der Bootsführer zwei kurze Worte in ein Head-Set, dass er sich zuvor übergestülpt hatte. Er hielt dabei unverändert auf einen mit Mangroven überwucherten Uferstreifen zu. Offenbar war Niedrigwasser, denn auf beiden Seiten des Kurses waren die Kronen von Korallenriffen sichtbar, ohne dass diese bei der Mannschaft sonderliche Aufmerksamkeit hervorriefen. Sie schienen wie auf einem Leitstrahl zu fahren, aber Johannes konnte nicht erkennen, wie diese Navigation bewerkstelligt wurde. Als sie schon fast am Ufer zu zerschellen drohten, hob sich auf einmal der  Mangroven-Vorhang vor ihnen. Ganz offenbar hatte man die Pflanzen auf ein starkes Tarnnetz wuchern lassen, das jetzt von unsichtbaren Händen so weit angehoben wurde, dass das Boot mit gedrosselten Motoren darunter hindurch schlüpfen konnte.
  Sie blubberten im Trottle-Gang einen kurzen Brackwasserarm hinauf und bogen dann in ein kleines, offenbar künstlich angelegtes Bassin mit Kaimauern auf der Backbord-Seite ein. Bei dieser Einfahrt wurde Johannes mit Zeitzünder von einem jähen Entsetzen gepackt. 
  Zunächst hatte er an einen Geisterbahn-Scherz gedacht, als er die beiden Masken mit ihren Händen und Füßen links und rechts von der Einfahrt erblickt hatte. Als er aber den süßlichen Geruch und die dichten Fliegenschwärme realisiert hatte, die die beiden "Gespenster" umschwirrten, drehte sich ihm der Magen um. Die einzigen Toten, die der Reporter in seinen 36 Jahren je zu Gesicht bekommen hatte, waren allesamt eines natürlichen Todes gestorben und hatten friedlich in ihren offenen Särgen gelegen. Hier waren zwei Menschen offenbar gekreuzigt worden.
  "Traitors scare traitors away", raunte ihm der Mann zu seiner Linken zu.
  "You see, you forget, you talk, you dead!", hakte der zu seiner Rechten nach.
  Um sich wieder in die Gewalt zu bekommen, legte Johannes seinen Kopf weit in den Nacken und starrte in diese Laubkuppel von der Größe einer Moschee. Überall in den Bäumen hingen diese überwucherten Tarnnetze und ließen das zunehmende Morgenlicht nur äußerst spärlich durchsickern. Im Becken lagen noch weitere fünf Boote ähnlicher Größe und vergleichbarer Bauweise. Keines glich wirklich dem anderen, was deutlich machte, dass sie alle aus Schrottresten regelrecht zusammengeschweißt worden waren. Johannes war sich aber sicher, dass ein jedes im Einsatz von ähnlich bedrohlicher Effizienz sein würde. Zumal zwei auf dem Bug offenbar auch noch ein leichtes Schnellfeuer-Bordgeschütz installiert hatten.
  Sobald er an Land gesprungen war, hatten seine nächtlichen Begleiter offenbar jegliches Interesse an ihm verloren. Kein Gruß, keine Geste - sie verschwanden im Dschungel phantomartig, wie sie aufgetaucht waren. Eine junge - erstaunlicher Weise - unverschleierte Frau im Wickeltuch der Sea-Gypsies und mit einer Hibiskusblühte im Haar verbeugte sich vor ihm und geleitete ihn zu einer schmucken Hütte mit Veranda. Dort war wie in einem ordentlichen Hotel ein Frühstückstisch gedeckt, von dem ein kleiner Mann aufsprang, der freudig so tat, als sei ein lang erwarteter, lieber Gast endlich eingetroffen.
  "Herr Goerz! Wie schön, dass Sie es einrichten konnten. Wie war die Fahrt? Ich bin Kommandant Ibrahim."
  Der völlig ausgezehrt wirkende Mann hatte herzlich die Unterarme von Johannes ergriffen. Er sah eher wie einer der putzigen Borneo-Uran-Utans aus, als ein Filipino. Und doch durfte man sich nicht täuschen lassen. Der Mann war eine Killer-Legende und der mutmaßliche Oberhäuptling aller Insel-Tribes im Süden. Einst - während der Schlacht um die Strait of Basilan im Zweiten Weltkrieg - der wichtigste Verbündete der US-Truppen im Kampf gegen die Japaner, war er letztlich zu einem unbarmherzigen Antiamerikanisten und bekennenden Islamisten geworden. Wenn die Dossiers stimmten, die ihm der deutsche Kontaktmann gegeben hatte, dann war Ibrahim jetzt 68 und auf dem Zenit seiner Macht. Ob er wirklich der MNLF zu zurechnen war, hatten die Quellen jedoch offen gelassen.
  Johannes, der damit gerechnet hatte, dass er höchstens einen seiner Vasallen hätte kontaktieren dürfen, war also ins Zentrum der Macht verbracht worden. - Was wiederum seinen Informanten wohl als absolutes Schwergewicht der Nachrichten-Branche auszeichnete. Worauf hatte er sich nur eingelassen? Jetzt bekamen Nebenperspektiven eine ganz andere Dimension. Zum Beispiel der Zigaretten- und Medikamenten-Schmuggel. Wenn es stimmte, was die Dienste errechnet hatten, dann machte so ein Schnellboot nach Abzug von Sprit und Wareneinkauf allein durch Umgehung des Zolls und infolge des Kaufkraftgefälles 20 000 Dollar Reingewinn pro Woche. Alle sechs Schiffe sicherten also dem "Commandante" und seinen Männern fast eine halbe Million Dollar im Monat. Abzüglich der Monsun-, Taifun- und sonstigen Schlechtwettertage ein steuerfreies Jahreseinkommen von vielleicht vier Millionen für Waffen und sonstige militärische Ausrüstung. Wenn, ja wenn, nicht nur so getan würde, als heilige der Zweck die Mittel. Vielleicht heiligte der heilige Krieg ja auch nur die ganz private profane Mittelbeschaffung - also die übliche Habgier...
  Nach dem Geduldspiel des Smalltalks bei dem wirklich feudalen eurasischen Frühstück überraschte Johannes neben der Kultiviertheit seines Gastgebers nur eines: Sein eigener, mörderischer Appetit angesichts des gerade visuell Verdauten. Er buchte dies als blanken Überlebensdrang ab, vielleicht war dieses ja das Henkersmahl.
  Die freundliche aber eiskalte Sachlichkeit seines "Gastgebers" traf ihn erst im Rauch einer dicken Manila-Zigarre vom Premium-Typ "Don Juan Urquijo". Der Kommandant hatte sie sich danach im Stil eines Che Guevaras mit Gemütlichkeit angesteckt, nicht ohne auch Johannes - der sie höflich ablehnte - eine anzubieten:
  "Der Tourismus in dieser Region wird immer auch eine Frage der individuellen Sicherheit sein. Natürlich hätten wir Sie ganz nett mit einem Pump-Boat wie einen Touristen abholen können. Sie und das Ministerium sollten aber noch einmal nachhaltig daran erinnert werden, das südwestlich von Zamboanga nur einer diese Sicherheit gewähren oder in Frage stellen kann. Ich hoffe nur, Ihr kleiner katholischer Freund hat die Hysterie im "Aftershock" dämmen und vermeiden können, dass daraus eine Journalisten-Entführung mit weltweitem Presserummel wird. Dann müssten wir das hier leider als harte Sache durchziehen."
  Johannes überging diese lächelnd vorgebrachte Todesdrohung und fragte sachlich:
  "Es sieht so aus, als könne sich Präsident Marcos nicht mehr lange halten. Würde eine neue Regierung und tatsächliche demokratische Verhältnisse etwas an der Situation hier unten ändern?"
  Der Kommandant prustete eine Rauchwolke aus, als sei bei einem alten Moped der Zylinder geplatzt:
  "Sie sind wirklich ein Riesen-Baby! Mit der gleichen Naivität, wie Sie in diese Situation hier gestolpert sind, stellen Sie politische Überlegungen zu Verhältnissen an, die vielschichtiger sind als selbst ein spezialisierter Nachrichtenmann wie Ihr Türöffner sie sich vorstellen könnte. Der militante Islamismus will die dritte Weltmacht werden - und er wird sich weder an Konventionen noch moralische Spielregeln halten. Die USA haben viel zu lang in die falsche Richtung geschaut. Wenn das Öl zu Ende geht, wird sich das Zentrum der Bewegung in diese Region verlagern. Allein auf Jolo habe ich 20 000 heute schon zu allem bereite Kämpfer mit  mindestens  einer automatischen Waffe in der Hängematte."
  "Wer immer also hier friedlich in Tourismus investieren will, muss wissen, dass er in ein potenzielles Kriegsgebiet investiert. Ist das die Nachricht, die Sie mir mitgeben wollen."
  Ein Kapuzenmann war auf die Veranda getreten und hatte Ibrahim etwas zu geraunt.
  "Ich will Ihnen gar nichts mitgeben. Ich denke Sie haben sich als Minen-Hund missbrauchen lassen. Sie sind ein Schönwetter-Journalist. Bleiben Sie dabei! Immerhin hatte Ihr Begleiter Verstand genug, die Sache nicht eskalieren zu lassen. Danken Sie Allah für Ihre sichere Heimfahrt."
  "Du sollst den Namen Deines Herrn nicht missbrauchen, heißt es in einem unserer Gebote. InchAllah Kommandant Ibrahim!"
  Sie stülpten ihm wieder eine Kapuze über, verfrachteten ihn aber in ein anderes Boot. Der vermutlich gleich große Stauraum war diesmal mit Kunststoff beschichtet und bot keinen Spielraum, weil er mit kleinen Jutepaketen fast gefüllt war, so dass Johannes genötigt wurde, sich obenauf zu legen. Es roch nach Tee, und das wolle Johannes gerne glauben, obwohl dessen  Dunst ihm Atemträgheit bescherte. Es folgte eine wilde Slalomfahrt, bei der Johannes auch wegen der Bruthitze die Orientierung verlor. Er war weg gedöst und erlangte nur mit Mühe einen wachen Zustand, als er mit erneut drüber gezogener Kapuze offenbar auf ein anderes Boot bugsiert wurde.
  "Wait ten minutes - then lift the hood", raunte ihm eine Stimme zu, dann brüllten die Motoren auf und waren rasch verklungen.
  Natürlich wartete Johannes keine zehn Minuten. Als seine Augen sich an das grelle Sonnenlicht gewöhnt hatten, sah er, dass es auf seiner Uhr bereits kurz vor elf war. Er saß in einem Segelboot der Sea Gypsies in totaler Flaute zwischen zwei kleineren Inseln. Aber außer ihm saß niemand in diesem Boot. Die beinahe senkrecht über ihm stehende Sonne ließ auch keine weitere Orientierung zu. Nur zeitlich war klar, dass die bisherige Bootsfahrt nur etwa zwei Stunden gedauert haben konnte. Er würde zu spät kommen - mit möglichen Konsequenzen.

  "Hey Joe! Catching the wind?", schallte es über die glatte Wasserfläche, als ein Pump-Boat um das Inselchen tuckerte. Wenig später brachten zwei grinsende Teenager ihr Boot längsseits.
 "Where did you come from, where will you go - Cottoneye Joe?"
  "Lunch on the Pink Beach. Is it far away?", fragte Johannes, der einerseits froh war, nicht mehr alleine zu sein, andererseits so unter Strom stand, dass er gar nicht gemerkt hatte, dass das Englisch der Buben Zeilen aus Countrysongs waren.
  "If we tow you - half an hour!" Und so wurde Johannes in munterer Fahrt nach Santa Cruz Island geschleppt, wo er sich um Punkt 11Uhr55 zunächst einmal heftigen Vorwürfen des Bootsverleihers ausgesetzt sah, weil er Johannes bezichtigte, ohne zu zahlen und zu fragen, das Boot genommen zu haben.
  Alles nur Theater für die Umstehenden, das war Johannes klar, als er Jojo mit merkwürdig unsicheren Schritten in voller Montur über den heißen Sand auf sich zu staksen sah. Jojo klammerte sich um seine Schultern und heulte an seiner schweißglitschigen Brust wie ein Schlosshund. Als er sich nach nur Sekunden halbwegs gefangen hatte, sprach er hastig in ein WalkieTalkie, das er an einem Schulterriemen vom Rücken vor den Mund zog. Innerhalb weniger Minuten brausten zwei Kampf-Hubschrauber über den rosafarbenen Korallensand auf die Strait of Basilan hinaus. - Reine Spritverschwendung, das war Johannes nach den letzten zwölf Stunden klar geworden.

  Später sollte Jojo diese Momente vor der Brücke von Rio Hondo und auf dem gleißenden rosa Strand von Santa Cruz als sein "Geisterstarren" erklären. Er scheute sich auch nicht, sie als Stunden seiner speziellen Erkenntnis unter dem Titel "Body-Guard im falschen Körper" bei einem Interview mit einer deutschen Illustrierten so zu beschreiben:
  "Ich war ein 28 Jahre alter Hetero, der bis dahin niemals auch nur die kleinsten homosexuellen Anwandlungen gehabt hatte. Bei dem Job hatte ich im Auftrag meines Ministeriums einen deutschen Journalisten zu begleiten. Kein gut aussehender, aber ein ganz besonderer Mann, der ohne Furcht, Vorurteile und als echter Menschenfreund mit großer sozialer Kompetenz seinen Job machte. Meine Vorgesetzten sprachen zwar hinterher von politischer Naivität und grenzenlosem Leichtsinn, aber ich weiß es besser. Nach drei Wochen engsten aufeinander angewiesen Seins, traf mich innerhalb von Sekunden die Erkenntnis, dass ich mich in diesen Mann verliebt hatte. Ich war immer durchaus zufrieden mit meinem männlichen Körper gewesen, pflegte ihn und setzte ihn auch zu größter Zufriedenheit des anderen Geschlechtes ein, seit ich sechzehn war. Es ging also nicht darum, dass ich von einem auf den anderen Augenblick schwul geworden wäre - oder so. Nein, ich bedauerte nur zutiefst und zunächst absolut ohne sexuelle Komponente, dass ich diesen Fleischberg der eindeutig heterosexuell war, nicht als Frau lieben konnte. Diese Feststellung und die Erkenntnis, dass ich als Liebhaber und beflissener 'Dienstleister'  niemals in den Genuss der richtigen Gefühle gekommen war, waren wohl dieAuslöser für meinen - wie ich es nenne - Spurenwechsel gewesen."



West-Berlin, März 1989

  Hatte sich das Rad der Geschichte in der zweiten Hälfte der 1980er tatsächlich deutlich schneller gedreht oder war es nur Johannes mit seinen instinktiven Sensoren so vorgekommen? Die Internationale Tourismus Börse (ITB) in Berlin zeitigte eine Stimmung wie eine geschüttelte Champagner-Flasche kurz bevor der Korken herausschoss. Dabei war es noch gut ein Dreivierteljahr hin bis zu Schabowskis  historischen Stolpersätzen und dem Fall der Mauer. Auch die "touristische Welt" stand vor einer kompletten Neuordnung.
  Da war die Tatsache, dass die Amerikaner ihren Freund Ferdinand Marcos im letzten Moment noch ausgeflogen und ins Exil auf Hawaii verbracht hatten schon eher zu einer verblassten Marginalie geworden. Und es hatten in der Folge auch keinen mehr die Berichte sonderlich interessiert, die Johannes in akkurater Pflichterfüllung über seine Reise in den Süden verfasst und an die entsprechenden Stellen weiter gereicht hatte. Auch er hatte sie - um ganz ehrlich zu sein - längst in den hinteren Regalen seiner Erinnerung abgelegt.
    Überall waren auf der Welt schon neue Reise-Erleichterungen in Kraft getreten. Das chinesische Riesenreich lockte mit Traumzielen, und der einst Eiserne Vorhang war an den meisten Stellen für Reisende nur noch ein Gaze-Hauch. Auf der ITB herrschte eine Art Goldrausch-Stimmung. Die Zeitschriften, die Johannes redigierte, platzten vor Anzeigen aus allen Nähten, was die euphorisierten Verleger dazu ermuntert hatte, neben dem Medien-Büro im Übergang zum International Congress Center (ICC) auch einen veritablen Messestand gestalten zu lassen. 
  Johannes hasste diese Schaukasten-Präsenz, und noch mehr ging es ihm auf die Nerven, sich in Anzug und Krawatte zwängen zu müssen. So oft es ging, floh er vor dem Messetrubel in das vergleichsweise ruhige Medienbüro, wo eine Miet-Sekretärin die Stellung hielt:
  "Herr Goerz, da hat ein Deutsch-Philippinischer Frauenverein schon ein paar Mal angerufen. Die wollen Sie morgen Abend unbedingt als Teilnehmer für ein Diskussionsforum im ICC. Ich habe denen schon gesagt, dass Sie ohnehin schon so viele sich überschneidende Veranstaltungen haben. Aber dann hat der Botschafter aus Bonn persönlich angerufen und gemeint, Sie kämen doch bestimmt, um der Staatssekretärin Ihre Aufwartung zu machen. Jetzt ist gerade das FAX mit der offiziellen Einladung gekommen."
  Johannes studierte das FAX und verlor die Fassung.
  Der höchst ehrenwerte Botschafter der Philippinen bat den sehr geehrten Chefredakteur darum, die ihm höchst zugetane Staatssekretärin bei diesem Forum mit seiner bekannten Sachkenntnis zu unterstützen.
  Das Thema:

  "Sex, Drogen und die Kinder der Dritten Welt - Tourismus auf Abwegen" - Referentin und Leiterin des Forums:
Die ehrenwerte Staatssekretärin Jojo Agrava M.O.T.
 
  Fünf Minuten später, nachdem er sich ein wenig erholt hatte, versuchte Johannes zu analysieren, wieso er derart geschockt reagiert hatte. War das Bild, was er von sich selbst hatte, nicht das eines absolut aufgeklärten und für alles Verständnis habenden Humanisten? War er wirklich so frei von Vorurteilen, wie er es gerne gehabt hätte? Auf einmal fielen ihm alle Berührungen und Gesten von Jojo wieder ein. Was war ihm jetzt peinlich? Dass er sie zugelassen, dass er nichts "gemerkt" hatte? War es dieser Anfall von absoluter Hilflosigkeit, der ihn auf einmal - vor allem fünf Jahre später - gepackt hatte?
  Im ersten Moment wollte er kneifen. Es war ja sehr leicht, vor zu geben, man hätte ihn nicht erreicht. Aber Hallo! War er nicht einer der Letzten gewesen, der dem jämmerlich an Krebs eingegangenen "Commander Ibrahim" weitgehend furchtlos entgegen getreten war? Und jetzt würde er - eines Weltmannes unwürdig - einer Situation ausweichen, die eigentlich den natürlichsten Umgang überhaupt verlangte? Nein!

  Man muss sagen, Jojo machte es Johannes so leicht, wie er es nicht erwartet hatte. Sie sah einfach so hinreißend aus, dass dem Womenizer Johannes schlicht nichts anderes übrig blieb, als ihr vorbehaltlos zu verfallen:
  Sie trug ein schlichtes rotes Kostüm und eine Bluse die exakt dem Farbton ihrer blauschwarzen Lockenpracht entsprach. Ihr Hals war nicht mehr so muskulös, aber das Kaschieren tat ihm immer noch gut. Die hochhackigen Pumps gaben den unverändert muskulösen Beinen ein wenig streckende Grazie. Den Rest hatten offenbar die bereits abgeschlossenen Hormonbehandlungen abgerundet und ausgebuchtet. Wenn das überhaupt möglich war, sah sie als Staatssekretärin noch hinreißender aus als  einst  bei ihrer ersten Begegnung im Kostüm der Rokoko-Patrizierin. Er küsste sie in vollkommenen Überschwang zunächst auf beide Wangen und dann auf die dicken Handknöchel, die sich natürlich nicht mehr hatten zurückbilden können.
  Zu reden brauchten sie nichts. In ihren Augen schwammen bei beiden ein wenig die Tränen, aber das war keine Larmoyanz, sondern nur pure Freude des Wiedersehens.
  Jojo hielt auf Deutsch einen brillanten Vortrag, der nicht die Sehnsucht nach exotischer Erotik verteufelte, sondern das ausbeuterische und nicht selten strafbare Heischen nach einer Sexualität in der Fremde, die man sich zu Hause nicht zu erfragen traute oder einen auch schlicht hinter Gitter brachte.
Als sie zum Schluss kam, blieb Johanns für einen Moment das Herz stehen:
  "Meine Damen und Herren, ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und bitte Sie, meinen Argumenten vor allem deshalb zu glauben, weil ich sie als eine Art Borderlinerin der Sexualität aus einer besonderen Perspektive gewinnen konnte.
Ich war bis vor wenigen Jahren noch ein Mann mit ganz normalen Trieben. Hier neben mir sitzt ein Journalist, dem ich in dieser Hinsicht nicht nur sehr viel verdanke, sondern der durch seine Kenntnis der touristischen Verhältnisse in der so genannten Dritten Welt mir auch besonders geeignet scheint, die anschließende Diskussion zu moderieren,"

  Abends saßen sie im Restaurant vom Kempinski, weil man da vor Spesenrittern der Branche, die einen hätten beobachten können, wegen der horrenden Preise am ehesten geschützt war. Eine Zeit lang plänkelten sie in ihrer Unterhaltung mit Erinnerungen an die gemeinsame Reise dahin - vor allem indem sie die Kreationen der "Nouvelle cuisine" ins Verhältnis zu Seeigel-Ragout und Mangas mit Krabbenfüßen setzten. Aber dann ganz plötzlich:
  "Ich habe dich überrumpelt - nicht?"
  "Ja, schon ein wenig."
  "War es dir peinlich?"
  "Wie soll ich sagen?"
  "Dafür hast du die Diskussion aber ziemlich souverän geleitet, obwohl sie ja anfangs wegen meines Outings fast auf eine Thema-Verfehlung hinausgelaufen wäre..."
  "Du wirst sehen, dass wir morgen das Yellowpress-Thema der Stadt sein werden. Sie werden vor allem auf dich Jagd machen."
  "Das hatte ich vor. Wenn ich damit das Thema voranbringe..."
  "Was wird dein Minister dazu sagen?"
  "Er hat mich doch zu seiner Staatssekretärin gemacht. Oh, er lässt dich übrigens herzlich grüßen und hofft, dass du bald mal wieder unser Gast sein wirst."
  "Er hat überhaupt keine Probleme mit deiner - hm - Verwandlung gehabt?"
  "Du weißt ja, er ist Pragmatiker und obendrein ein charmanter Zyniker. Als erstes hat ihm gefallen, dass er durch mich als Staatssekretärin in seinem Büro eine Body-Guard-Stelle für ein anderes Budget frei hatte. Denn ich trage in Manila und auf gemeinsamen Reisen immer noch meine Waffe und bin Teil seines Personenschutzes. Zweitens hat er mir sehr einfühlsam dabei geholfen, mit der neu erworbenen Funktion in meinem Unterleib klar zu kommen. Du bist übrigens der Erste, der nicht gleich gefragt hat, was da abgelaufen ist. Bist du gar nicht neugierig? Willst du gar nicht wissen, ob ich tatsächlich wie eine Frau funktioniere?"
  "Nein, das ist mir eigentlich zu intim."
  "Ich finde, du musst es wissen, denn ohne dich hätte ich den Spurenwechsel vielleicht nie vollzogen. Ich war so verzweifelt, wie eine Frau bei einer heimlichen unerwiderten Liebe nur sein konnte. All die Schmerzen! All die Hormonschwankungen obwohl die philippinischen Spezialisten auf diesem Gebiet der Chrirurgie wahrscheinlich die besten der Welt sind. Es ist übrigens komisch, dass die Transsexualität offenbar im Bereich des Äquators besonders häufig vorkommt. Vor zwei Jahren war ich auf einem einschlägigen Kongress in Rio. Es ist verblüffend wie viele verschiedene Operationsvarianten es mittlerweile gibt. Willst du es wirklich nicht ausprobieren, und sag mir nicht nein, weil du verheiratet bist."
  "Würdest du bitte, bitte das Thema wechseln."
  "Du hast Angst, dass ich mich unter der Gürtellinie als Monster entpuppe. Ich habe es meiner Schwester gezeigt, die war absolut neidisch; nicht nur wegen der fehlenden Monatsregel."
  "Würdest du bitte aufhören! Ich kann nicht, weil ich die Sache nicht aus dem Kopf bekäme."
  "Was für eine Sache?"
  "Ich glaube ich würde davon impotent, mit einer Frau zu schlafen, die vielleicht mal einen größeren Penis gehabt hat als ich selbst", versuchte Johannes die verzweifelte Situation mit einem gequälten Scherz zu entkrampfen...

 


   Jojo und Johannes sahen sich nie wieder. Der islamische Fundamentalismus wählte den Weg des Schreckens, bei dem die Geiselnahme gewissermaßen zum "Tagesgeschäft" geriet. Im April 2000 stürmte ein Terrorkommando der Abu Sayyaf eine Tauchbasis auf der malaysischen Insel Sipadan und verschleppte unter anderen auch eine deutsche Familie nach Jolo. Seither sind mehrere Tausend US-Soldaten auf der fast 900 Quadratkilometer großen Insel in der Sulu-See stationiert, um die etwa 300 000 Einwohner im Schach zu halten. Doch trotz ständiger Terrormeldungen aus dem Irak, aus Afghanistan, Pakistan und dem Nahen Osten gelten die Südphilippinen bei einschlägigen Experten noch immer als die am meisten vom täglichen Terror heimgesuchte Region der Welt.
 


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