Zamboanga, Süd-Philippinen, Juni 1984
Das "Geisterstarren" ist ein merkwürdiger
Zustand, dem vor allem Tiere aber
gelegentlich auch Menschen verfallen können. Dieses „Spökenkieken“ kann auf
einer einsamen Waldwiese genau so passieren wie mitten im Menschentrubel. In
einer gebündelten aber doch selektiven Wahrnehmung aller Sinne - so, als bliebe
die Welt für einen Augenblick stehen - trifft den Betroffenen dabei
unverrückbar eine bleibende Erkenntnis, die mit dem realen Geschehen im Hier
und Jetzt nichts zu tun haben muss.
Jojo blieb abrupt in so einem Moment, wie ein
Hund, der gefährliches Terrain wittert, vor dieser denkwürdigen Holzbrücke
stehen. Das verursachte eine kleine Folge von "Aufgeh-Unfällen". Eine
junge Frau, die statuarische Erscheinung in einer Wolke hauchzarter, Gold
durchwebter, karmesinroter Schleier verbergend, lief in ihn hinein. Die orientalische
Grazie konnte das Tablett mit den kunstvoll zu einer Pyramide geschichteten
Mangas, das sie erhaben auf ihrem Kopf balanciert hatte, nur Dank seit
Kindesbeinen erworbener Routine vor dem Herunterfallen bewahren. Ein Träger mit
dem typischen, tiefen Schatten spendenden, kegelförmigen Basthut auf dem Kopf,
der an einer Tragestange längs zur Gehrichtung zwei volle Körbe mit Kohl
transportierte, wich ihr aus. Rein nach Reaktion, indem er den vorderen Teil
der Stange ruckartig zur Seite bewegte und das Gegenpendeln hinter sich
ignorierte. Der hintere Korb schwang daher in einen Mann, der Vögel in einer
Vielzahl kleiner Käfige am Körper hängend
transportierte. Besser konnte auch ein Slapstick von Charly Chaplin
nicht inszeniert worden sein. Das Gezwitscher und Piepsen übertönte sogar noch
das Fluchen der Männer. Dadurch, dass sich der die Treppen hinauf ein paar
Stufen voraus geeilte Johannes wegen des Lärms hinter sich mit den Armen in der
Hüfte umwandte, kam der Fußgängerstrom komplett zum Erliegen. Es war bereits brütend
heiß an diesem Morgen. Seine Bollwerk-Figur sperrte quasi ein Drittel des
Übergangs.
Wer in die Pfahlstadt Rio Hondo wollte,
musste über diese Brücke. Es sei denn, er zog es vor, anonymer in einem Pump-Boat
vom Meer zu kommen. In jedem Fall betrat er diesen eigentümlichen und
konspirativ abgeschotteten Mikro-Kosmos selten unerkannt oder gar freiwillig.
Wer dort nicht seinen Lebensunterhalt verdiente oder wohnte, betrat diese künstliche
Insel nicht. Schon gar nicht, wenn er kein Moslem war.
Jojo wollte nicht über die Brücke. Das hatte
nichts damit zu tun, dass er mit seiner malaiisch-spanisch gemixten Schönheit
und dem Goldkreuz um den muskelbepackten Hals auf der anderen Seite der Brücke
unschwer als Angehöriger der nordphilippinischen, katholischen Oberschicht
auszumachen gewesen wäre und schon gar nichts mit der berufsbedingten,
ängstlich gespannten Wachsamkeit. Jojo hatte auch strikte Anweisungen von
höchster Stelle bekommen, die ihm anvertraute Person davon abzubringen, diese
Brücke zu überschreiten. Nein, ihm war in diesem Moment etwas klar geworden,
das sein Leben verändern würde.
Die etwa zwei Quadratkilometer große
Siedlung im Bannkreis der silbernen Moschee-Kuppel auf der anderen Seite war
quasi Feindesland gewesen. Rio Hondo betraten Offizielle nur mit
Polizei-Eskorte auf vorherige Anmeldung, und selbst dann lag über so einer
Mission ein gewisses, bisweilen gar tödliches Risiko. Das Marcos-Regime lag in
seinen letzten Zügen, und das hatte die separatistischen Bestrebungen der Moro
National Liberation Front (MNLF) für die südlichste der großen Inseln,
Mindanao, aufs Neue mobilisiert. Noch war es vielleicht zu früh, von Rio Hondo
als dem Vorposten einer islamistischen Herrschaft auf den Inseln mit
überwiegend muslimischer Bevölkerung zu sprechen, aber die Pfahlbau-Siedlung
war so etwas wie ein Kontakthof zu dieser Schattenmacht.
Johannes war alles andere als ein
investigativer Polit-Journalist, und deshalb hatte er nicht unbedingt eine
Ahnung davon, auf was er sich da eingelassen hatte. Ihm war die einmalige
Chance geboten worden, als Experte für
das touristisch Spannende und Machbare (auf Einladung der Opposition und
natürlich dahinter stehender Investoren - wie sich bald herausstellte) nach
seinen Vorstellungen eine Sondierungsreise durch den Archipel zu unternehmen.
Den daraus resultierenden Status als eine Art Dunkelmann hatte er - arglos wie
immer - selbst frei geschaltet. Er hatte nämlich vor der Abreise auf
Vermittlung seines Vaters noch einen von dessen "alten Bekannten"
kontaktiert. Einen Mann, der seinen Lebensunterhalt mit dem Sammeln und
Verteilen von Nachrichten sowie Vermittlungen im fernöstlichen Bereich
verdiente und demzufolge auch über beste Kontakte auf den Philippinen verfügte.
Für den Brief und die Adresse, die er nun für seinen "Ausflug" nach
Rio Hondo dabei hatte, sollte Johannes als Gegenleistung lediglich nach seiner
Rückkehr in Deutschland einen formlosen und gerne auch subjektiven
Erfahrungsbericht einreichen.
Spätestens seit er noch unter Timelag leidend
von einem penetranten US-Bürger, der vorgab für den Amexco-Travel-Service tätig
zu sein, in eines der Nobelrestaurants von Manila genötigt worden war, wusste
Johannes, dass ihm wieder einmal auch
anderweitig geteilte Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Die Methode des Mannes,
Fragen zu stellen, war einfach zu offenkundig gewesen.
Das Ministerium hatte darauf bestanden, dem
üblicherweise allein reisenden Johannes
eine Art Body-Guard zur Seite zu stellen, damit er einerseits wohl noch
mehr auffiele und andererseits nicht so leicht "verloren ginge". Das
denkwürdige kennen Lernen im Landhaus des Ministers hatte mitten in den
Prozessionen zu den Flores de Mayo in einem Badeort nördlich von Manila
stattgefunden. Die Prozessionen - eine Mischung aus religiösem Fanatismus mit
blutigen Selbstkasteiungen und Karnevalstrubel samt Palmwein-Besäufnissen -
wurden gerne auch zu familiären Partys genützt.
Es hat im Allgemeinen dabei nichts mit
Homoerotik oder Travestie zu tun, wenn Männer und Frauen bei diesen Umzügen in
Rollen und Gewänder des anderen
Geschlechtes schlüpften. Sie folgen nur einer alten Flores-de-Mayo-Tradition,
die aus einer Zeit stammte, als junge Leute unter dieser Tarnung vor den
strengen Augen der katholischen Priester ein wenig näheren Kontakt aufnehmen
konnten, als schicklich. - Das war Johannes als Vorwarnung zumindest versichert
worden. Und deshalb hatte er es als gelungenen Spaß empfunden, wie sich das Haus des Ministers nach und nach
in einen Ball Paradox verwandelte. Des Ministers Töchterchen hatte sich
beispielsweise mit schwarzer Schminke und Afro-Perücke als Aita-Häuptling
verkleidet. Allerdings konnten weder der
Original-Palmbastschurz noch der bunt gefiederte Brustpanzer eines Häuptlings
der schwarzen philippinischen Ureinwohner, das knackige Hinterteil und die frei
schwebenden Brüste der angehenden Medizin-Studentin genug kaschieren...
Anders war das bei der ersten Begegnung mit Jojo gewesen. Sein
offizieller Reise-Begleiter und designierter Body-Guard war ihm als
philippinische Rokoko-Patrizierin ohne Vorwarnung zugeführt worden. Johannes
war so hin und weg von der koketten Schönheit
mit dem olivfarbenen Teint und den großen Mandelaugen gewesen, dass er
sich zu einer formvollendeten Verbeugung mit galant angedeutetem Kuss auf die
behandschuhte Hand hatte hinreißen lassen. Erst als die Lady ihm seinerseits
einen gehauchten Kuss auf die Wange gegeben hatte und ihm halb verborgen hinter
nervös wedelndem Fächer heiße Blicke
zuwarf, war ihm durch das grölende Gelächter der übrigen Gäste klar geworden,
dass er einem perfekten Rollenspiel aufgesessen war.
Jorge José Agrava – genannt Jojo - hatte später
ohne Perücke, Reifrock und Rüschen auch auf den zweiten Blick für Laien nicht
unbedingt einen Hinweis darauf gegeben, ein geeigneter Personenschützer für den
in diesem kleinwüchsigen Umfeld irgendwie monströs wirkenden deutschen
Journalisten zu sein. Johannes hatte in seinen beruflich vielschichtigen
Siebzigern dem damaligen Karate-Weltmeister in der All-Kategorie, einem
Franzosen, beim Verfassen einer Fibel für das Techniktraining geholfen. Er
wusste daher, worauf er achten sollte.
Agrava hatte die Figur eines Nurejev, aber
zum sehnigen Muskeltonus eines Baletttänzers passten die unproportionierten
knochigen Hände nicht, die Johannes beim nur angedeuteten Handkuss nicht
aufgefallen waren... Der Mann hatte Knöchel unter Zeige- und Mittelfingern, die
darauf hindeuteten, dass er seine
"Te-Waza" nicht nur auf dem Dojo, sondern an hartem Trainingsgerät und im realen Leben erprobt hatte. Johannes
war sich zudem in seiner Mutmaßung sicher gewesen, dass auch Jojos Füße nicht
gerade in Tanzschuhe passten. Absolut beeindruckend bei der Größe von
vielleicht 1,70 Meter war jedoch der Hals. Er begann sehnig muskulös bereits
hinter den Ohren des exotischen Schönlings und seine Stränge nahmen
trapezförmig bis jeweils zu den Ansätzen des Schlüsselbeins das Volumen von
Unterarmen an. Jetzt, da er nach dem Party-Trubel wieder in Zivil im Zimmer des
Ministers gesessen und die Lockenperücke nichts mehr kaschiert hatte, war
Johannes klar: Ein Kopfstoß von diesem Mann konnte tödlich sein.
Da Johannes in den Tropen nur trank, wenn er
"frei" hatte, war er nüchtern auf dieses Sechsaugengespräch
vorbereitet gewesen. Sowohl der Minister als auch Jojo waren nun nicht mehr so
locker drauf, und eine gewisse Spannung war ihnen anzumerken gewesen. Der
Politiker war unmittelbar mit der Tür ins Haus gefallen:
"Was halten Sie von unserem
Präsidenten?"
"Ich möchte mich dazu nicht äußern. Ich
verstehe nichts von Politik und bin auch absolut kein politischer
Journalist."
"Ich meine ja auch Ihre persönliche
Meinung aus rein menschlich privater Sicht."
Johannes erkannte eine Zwickmühle, wenn er in
einer steckte, und deshalb versuchte er einen alten Trick - die Verlagerung auf
andere Verhältnisse:
"Sie wissen vielleicht, Exzellenz, dass
ich aus einem deutschen Bundesland komme, dessen Ministerpräsident sich einer
engen Freundschaft zu Ihrem Präsidenten rühmt. Man sagt, die beiden so
unterschiedlich aussehenden Männer seien sich in Ihrer Auslegung der Demokratie
sehr ähnlich. Die ist sicher aus meiner Sicht sehr grenzwertig. Ich fand deshalb
auch das letzte Geschenk unseres Ministerpräsidenten an Ihren Präsidenten
äußerst unpassend. Das mag aber auch daran liegen, dass ich als Pazifist
Schusswaffen nur als Sportgerät akzeptiere."
Der Minister und Jojo versuchten, sich durch
Blicke zu verständigen, aber Johannes war noch nicht fertig gewesen:
"Wenn ich einer Reise-Begleitung durch
Ihr Ministerium zustimme, dann bestehe ich darauf, dass er die Waffe, die er
heute bei sich trägt, zu Hause lässt. So weit ich das beurteilen kann, verfügt er
für sich auch ohne Schießprügel über ausreichende Möglichkeiten der
Selbstverteidigung. Was mich betrifft, so habe ich diverse eigene Kenntnisse
bis heute nicht anwenden müssen. Ich bin sicher, es bleibt auch dabei."
Die Entspannung der beiden Männer war spürbar
gewesen. Der Minister hatte unverhohlen schmunzeln müssen. Die Geschichte mit
dem Pistolen-Geschenk von Franz Josef Strauß an Ferdinand Marcos war nicht nur in Deutschland sauer aufgestoßen.
Aber als der Oppositionspolitiker Benigno Aquino bei seiner Heimkehr aus dem
Exil auf dem Flughafen von Manila erschossen worden war, bekam diese besondere
Geschmacklosigkeit von FJS auch eine irgendwie zynische Dimension.
Da Johannes noch nie Zaungast beim Niedergang
einer Diktatur gewesen war, saugte seine schwammartige Wahrnehmungsfähigkeit
die Erlebnisse der kommenden Wochen ohne tiefere Analyse auf. Er reiste quasi durch eine Romanhandlung, die
von Graham Greene, Eric Ambler oder John LeCarée hätte ersonnen sein können.
Hinter dem Alltag der nobel real agierenden Personen lauerte kafkaesk das kaum
camouflierte Potenzial von Umsturz samt tödlicher Gewalt. Johannes aber, dessen
paranoide Schübe ansonsten bereits therapiert wurden, tappte mit einem
gefühlten, ungläubigen und leicht
erstarrten Dauergrinsen wie ein
staunender Leser durch diese realen Romanszenen:
Er hatte die ersten Tage im Grandhotel Manila
residiert, das der Marcos-Gattin Imelda gehört hatte. Aus seiner Suite im
obersten Stock hatte Johannes wegen des unerhört dichten Smogs die Mauer nur
erahnen können, die auf Veranlassung der „heimlichen Präsidentin“ ein paar
Jahre zuvor um den nicht mehr beherrschbaren Slum unweit des Zentrums gezogen
worden war. Imelda wollte dieses Schandmal ihres Landes nicht mehr sehen,
Maßnahmen ergreifen, es zu beseitigen, wollte sie hingegen auch nicht. Als
protzig sichtbares Symbol dieser plutokratischen Einstellung zum Volk lag die
weiße Staatsyacht mit ihrem gelben Schornstein indessen am Pier in
unmittelbarer Nähe ihres Hotels. Diese Jacht hatte die Ausmaße eines kleineren
Kreuzfahrtschiffes. - Das waren die typischen Dimensionen der Dritten
Welt!
Wer ins Foyer oder zu seiner Suite wollte,
musste schon in jenen Jahren durch drei Sicherheitsschleusen. Für den
politischen und funktionellen Grenzgänger Jojo Agrava war das in zweierlei
Hinsicht ein Spießrutenlaufen. Einerseits wegen seiner Waffe, die er - so lange
sie noch nicht abgereist waren - dienstlich zu tragen hatte und andererseits
wegen seines Nachnamens, der in diesen Tagen in aller Munde gewesen war. Die „Agrava-Commission“,
die den Mord an Aquino aufzuklären hatte, machte nur viel Wirbel für
nichts, um ein halbes Jahr später
andeutungsweise zu der Erkenntnis zu kommen, die die Majorität des Volkes schon
am Tag des Anschlags gewonnen hatte: Dass nur Marcos freundlich verbundene
Militärs den Hit in der Sicherheitszone des Flughafens hätten durchführen
können.
Da "agravar" im Spanischen und auch entlehnt im Filipino, dem
"Tagalog", vom Belästigen bis Investigieren vielfache Bedeutung haben
konnte, gab es natürlich auch eine Menge aktueller Wortspiele und Witze, die
sich Jojo wegen seines Nachnamens tagein tagaus anhören durfte. Er kannte sie
alle, und als wollte er Spöttern den Wind mit den Sprüchen aus den Segeln
nehmen, erzählte er sie auch gerne selbst. Sie endeten alle mit der
augenzwinkernden, scheinbar ichbezogenen Aufforderung: Join the Agrava! Im Ministry of Tourism (MOT) war
dieser Spruch der Beliebteste: "No money to travel the world? - Join the
Agrava!”
Da
Jojo zu Zeiten der sozialliberalen Koalition seinen Magister in politischen
Wissenschaften in Hamburg gemacht hatte, sprach er nicht nur perfekt Deutsch, sondern verstand auch die politische
Einstellung von Johannes. Auf den Tagestrips mit den Limousinen des
Ministeriums in der ersten Woche, die sich auf die Umgebung von Manila und die
Lagune beschränkt hatten, war das sehr
hilfreich gewesen. Zum einen, weil die weiß behandschuhten, livrierten Fahrer
nach ausgiebigen Tests nichts verstanden und zum anderen, weil die zwei sich
derart gegenseitig abchecken konnten, dass sie im Ernstfall keine bösen
Überraschungen erleben würden. Beim rigorosen verschwinden lassen von
Oppositionellen - noch dazu im Staatsdienst - war das keine geringe Gefahr für Jojo gewesen.
Wer immer ihn nach seinem Studium
"dienstlich" ausgebildet hatte, konnte stolz auf die vermittelten
Fähigkeiten sein. Es dauerte drei Tagestrips bis sie einander sicher sein
konnten. Die gemeinsamen Erlebnisse in diesen Tagen schweißten sie sogar
bereits ein wenig zusammen:
Einmal mitten im Dschungel südöstlich der
Hauptstadt bei den heißen Quellen der "Hidden Valley Pools", die
damals tatsächlich noch so versteckt waren, dass sie selbst der einheimische
Fahrer erst fand, als sie bereits zweimal vorbei gefahren waren, hatten sie
erstmals für einen Moment Panik. Sie schienen, in einen Trupp marodierender
Widerstandskämpfer geraten zu sein. Dann stellte sich aber mit Erleichterung
und Heiterkeit heraus, dass sie in die heimziehende Komparserie eines
Hollywood-Films gefahren waren. Sie wurden dann sogar - wegen ihres offiziellen
Fahrzeuges mit Stander - auf den Set von "Codename Wildgänse"
geleitet, um mit Lee Van Cleef und
Ernest Borgnine Eis-Tee zu trinken. Beide Hollywood-Stars hatten
augenscheinlich bereits ein wenig unter Lager-Koller gelitten und waren für die
Abwechslung durchaus dankbar gewesen
Einen Tag später hatte Johannes ein
eigenartiges Déjàvu gehabt, als sie sich
mühevoll die Stromschnellen von Pagsanjan hochgekämpft hatten. Echte
US-Soldaten vom Stützpunkt nördlich von Manila stellten mit privaten Video-Kameras Szenen aus
"Apokalypse Now" für ihr Heimkino nach. Johannes hatte bis dahin
nicht gewusst, dass einige der Dschungelszenen dieses Kolossal-Dramas über den
Vietnam-Krieg dort an den oberen Wasserfällen gedreht worden waren.
Das durch diese Erlebnisse ausgelöste
Diskutieren über die US-Außenpolitik, über die innere Unsicherheit der
Philippinen, die schier unendlichen Naturwunder der Inselwelt, aber auch die privaten
Befindlichkeiten angesichts ihrer beruflichen Einbindung schafften rasch eine
Vertrauensplattform, die keine Falltüren mehr aufwies. Und das war gut so!
Erst als er sich vom märchenhaften Luxus des
Manila-Hotels verabschiedet und seinen Schalenkoffer
und sperrige Teile seiner Kamera-Ausrüstung dessen Concierge anvertraut hatte,
begann das Abenteuer. In die Rolle eines "Islandhopping" betreibenden
Rucksack-Touristen geschlüpft, wurde Johannes erst am Flughafen gewahr, was er
von Jojo durch den geforderten Waffenverzicht verlangt hatte. Für die kleine
viermotorige Turboprop-Maschine nach Kalibo auf der Insel Panay wurde in einem
offenen Nebengebäude eingecheckt. Bevor die 28 Passagiere an Bord durften,
wurden sie vom Sicherheitspersonal massiv gefilzt und zwei robuste Metallkörbe
voll etikettierter Handfeuerwaffen waren in ein nur von außen zugängliches
Compartment weggeschlossen worden, ehe das ebenso gründlich untersuchte Gepäck
verladen werden konnte. Johannes hatte halblaut Mutmaßungen darüber angestellt,
dass Jojo und er wohl die einzigen unbewaffnet Reisenden seien... Doch Jojo
grinste nur ein wenig resigniert.
Nur er wusste
wirklich, wie sehr sie möglicher
Weise allein auf sich gestellt sein würden. Das Vehikel für das Entkommen aus
permanenter "staatlicher Fürsorge" hatte ausgerechnet Philippine Airlines mit seiner
jüngsten Marketing-Idee geliefert: ein Monats-Netzwerk-Ticket zum Pauschalpreis
für unbegrenzt viele Starts und Landungen im Archipel; das ganze ohne
Vorausbuchen – „on request“.
Die offiziellen Termine waren in weiser
Voraussicht so großzügig zeitlich verteilt, dass sie wie weiche Korsettstäbe
wirkten: sie gaben vor, die Figur zu bändigen, es blieb jedoch Spielraum für
üppige Körperlichkeit. Schon wenn die zwei zu einer Insel flogen, aber von
einer anderen weiterreisten, weil sie auf ein Pump-Boat oder eine anonymere
Fähre wechselten, waren sie zu Treibholz zwischen den Inseln geworden; quasi verschollen.
Johannes war so etwas gewohnt. Jojo, der ja sonst nur seinen Dienstausweis zu
zücken brauchte und meist in erwarteter Mission reiste, lernte auf einmal
geheimnisvolle Volksnähe - und hatte Spaß daran.
Mit einem hatten allerdings beide nicht
gerechnet: Dass man sie für ein schwules Pärchen hielte. Der vorauseilende Sex-Tourismus
mit eigenwilligsten Paarungen auf Zeit war bereits für die Einheimischen vor
allem auf den "Bade-Inseln" Cebu, Bohol und Negros zu einem
geläufigen Bild geworden. Abseits des offiziellen Programms machte sich also
Jojo - wohl aus Rache für seinen unbewaffneten Status - daran, bei jeder
passenden und unpassenden Gelegenheit, dieses Bild vom dicken deutschen
Schwulen mit seinem philippinischen Lustknaben zu schärfen.
In Restaurants umturtelte er Johannes
fürsorglich, legte ihm Servietten zurecht und fragte ihn im überzogenem
Pidgin-Englisch, ob er denn auch alles habe. Auf Märkten hängte er sich
gelegentlich auffällig unauffällig bei ihm ein. Und die Tatsache, dass er im
Dienst nun schon einmal keinen dunklen Anzug mit Krawatte tragen musste, führte bei Jojo zu einem sehr
fragwürdigen Freizeitlook. Die abgeschnittenen Jeans saßen ein wenig zu prall,
die ärmellosen T-Shirts waren ein wenig zu kurz und gaben den Waschbrettbauch
und die Schultermuskulatur nur scheinbar zufällig frei. Die Krönung war jedoch,
dass er sich eines Morgens Kokos-Patschuli-Öl ins blauschwarze Haar gekämmt
hatte und damit auch noch roch wie ein Callboy.
"Ich hätte gute Lust, dir eins in deine
Schwulenfresse zu verpassen, aber ich habe
Angst vor deiner Block-Technik. Und ich nehme an, deine Kopfstöße sind
auch nicht ohne..." Johannes hatte Jojo dies halb im Scherz zugeraunt,
bekam aber von dem Filipino eine durchaus ernste Antwort:
"Wäre es dir lieber, die Leute würden
sagen: 'Guck mal, da kommt ein deutscher Journalist mit einem Mann vom
Ministerium, was die nur hier wollen - so weit weg von Manila?' Besser wir
geben ihnen gleich eins über die Rübe, bevor sie uns hier ausspionieren'."
So Unrecht hatte er damit nicht. Gerade weil
sie so einen naiv „schwuchteligen“ Stolper-Status einnahmen, verfestigte sich
der Eindruck: Je weiter sie von der Hauptstadt entfernt waren, desto
offensichtlicher und freimütiger brach die verbale Wut über das Marcos-Regime
bei den temperamentvollen Menschen durch. Johannes hatte schon früher einmal am
eigenen Leib erfahren, wie schnell aus diesen stets heiteren, liebevoll
hilfsbereiten Menschen mit Schaum vorm Mund agierende Messer schwingende
Monster werden konnten. "Meng amok", das blindwütige Töten, in der
Urbedeutung des malaiischen Wortstammes bekam in Anbetracht der genetischen
Vermengungen bei den Filipinos durchaus
immer wieder blutrünstige Anreize durch die innenpolitischen Verhältnisse in diesem
eigentlich unregierbaren Archipel. So fiel es Johannes nach ein paar Tagen gar
nicht mehr schwer, die unfreiwillige Tarnung zu akzeptieren. Zumal sich sein
Begleiter mehr und mehr auch als Logistik-Genie erwies. Selbst heute mit
Satelliten-Telefonen, Internet und Fax würde es vermutlich keinem gelingen, einen präziseren und nahtloseren Ablauf ihrer Schattenreise
mittels einfachster einheimischer Transportmittel zu organisieren.
Nachdem sie sich in Kalibo deutlich hatten
sehen lassen, waren sie in einem Jeepney zur Nachtfahrt nach Katiklan Wharf
aufgebrochen. Es war keiner der üblichen wie Pfingstochsen herausgeputzten und
auf historischem Chassis ausgebauten Armeelaster mit zwei gegenüberliegenden
Sitzbänken und offenem Heckeinstieg gewesen. Es hatte sich vielmehr um einen
kraftstrotzenden modernen Nachbau mit besserer Federung und drei Querbänken mit
jeweils seitlichen Zustiegen gehandelt. Aber die Fahrt war dennoch zur Tortur
geraten, weil Jojo dem Fahrer und freien Unternehmer im individuellen
Regionalverkehr, den er eigentlich exklusiv angeheuert hatte, gestattete,
unterwegs eigene Passagiere seines Vertrauens mit zu nehmen. - Auch
philippinische Ministerial-Beamte wollten eben am Spesensparen verdienen...
Es war schon weit nach Mitternacht gewesen,
als sie am Rande der schlafenden Ortschaft, die noch keinen elektrischen Strom
hatte, allein ausgestiegen waren. Als der Jeepney nur mit funzeligem Standlicht
in der Schwärze des Dschungel-Trails verschwunden war, blinkte vom Strand her
kurz eine Taschenlampe auf. Jojo hatte Johannes leise bedeutet, seine Hosen und
Stiefel auszuziehen und sein Gepäck wie er auf dem Kopf zu balancieren. Dann
waren sie gut hundert Meter in das anfangs knietiefe, totenstille Meer hinaus
gewatet, wo bei hüfthohem Wasser ein nur als Schatten zu erahnendes Pump-Boat
gewartet hatte. Johannes hatte nicht verstehen können, was da offenbar nicht
ohne Wut gesprochen wurde, weil die Unterhaltung in Tagalog geführt worden war.
Es ging - wie Jojo später erklärt hatte, um die Tatsache, dass der Bootsführer
zur Gewinn-Optimierung und gegen die Absprache zwei amerikanische GIs auf
Urlaub von der Clark Airbase mit ihren philippinischen Freundinnen zusätzlich
an Bord genommen hatte. Als sich die Berufsparanoia bei Tageslicht als
gegenstandslos erwiesen hatte, weil die Jungs aus Idaho und Texas mit ihren
knapp Zwanzig gewiss keine CIA-Agenten waren, überwog bei Jojo dann die Freude,
den "Transfer" für sie beide absolut kostenneutral gestaltet zu haben
Die leise tuckernde Fahrt hinüber nach
Boracay hatte Johannes in eine unglaubliche Euphorie versetzt. Schon beim Waten
auf das Boot zu war ihm aufgefallen, dass die Körperteile, die im Wasser waren,
durch den Planktonreichtum aufgeleuchtet hatten, als seien sie in bengalisches
Licht getaucht gewesen. Auf dem Boot passierte dann ein ähnlicher Effekt. Nur
war es da, als wären Funken gestoben. Jedes Mal wenn der Ausleger des primitiv
motorisierten Katamarans unter die Wasseroberfläche geriet, war es als gäbe es
eine elektrische Entladung. Am unsichtbaren Horizont erhellten Blitze eines
fernen Gewitters für Bruchteile einer Sekunde die Kimmung, und über ihnen hatte
sich ein Himmel mit bis dahin nicht gekannter Sternendichte gewölbt. Die
Milchstraße war ein wahrhaft weißes Band gewesen...
Und dann waren die nur von Strandfackeln erleuchteten
Stelzen-Hütten wie eine Theaterkulisse, die aus dem Dunkel nur mit einem
Scheinwerfer beleuchtet wird, im weiß reflektierenden Sand dieser
Eskapisten-Insel aufgetaucht. Johannes hatte bei diesem Anblick nur eines
traurig gemacht: Dass Joseph Conrads solche Szenen bereits lange vor ihm in so
einzigartiger Weise hatte beschreiben können.
Drei Tage hatte Johannes einmal mehr die
privilegierte Seite seines Berufes erleben dürfen: Klischeehafte, paradiesische
Verhältnisse mit der Badehose als wichtigstem Kleidungsstück und dem Stand der
Sonne als absolut ausreichende, zeitliche Orientierung. Jojo, der sich mit dem
Wohnen in Stelzenhäusern besser auskannte als Johannes, hatte dazu geraten,
nicht unmittelbar am Strand zu wohnen, sondern eine der Hütten in einem
Palmen-Hain über einer saftigen Wiese zu beziehen. Der Schatten der Bäume
verhinderte, dass die Sonne direkt auf das Dach aus Palmwedeln brannte, und der morgendliche Tau hielt die Kühle
deutlich länger. Dazu gab es aber immer noch ausreichend Wind, um für eine
angenehme Zirkulation frischer Luft zu sorgen.
Johannes hatte sich nicht daran erinnern
können, wann er das letzte Mal so entspannt geschlafen hatte. Dafür nahm er
auch in Kauf, mit dem Hahn aufzustehen, der darauf bestand, seine Hühner im
Morgengrauen ausgerechnet im Schatten unter ihrem Haus zu versammeln. Das
Hängebauchschwein, dass sie gleich am ersten Tag adoptiert hatte und dachte, es
könne sich grunzend und furzend ebenfalls als Untermieter einquartieren, hatte
zwar von Jojo einen Karatetritt in die Schinken bekommen, bewies dann aber
dennoch die Anhänglichkeit eines Hündchens, das überall mit hin getrabt war.
Nur wenn die zwei im ersten Licht die drei Kilometer Strand entlang gejoggt
waren, hatte es zum Warten schlauer Weise den feuchten Sand unter dem Rumpf
eines der an Land gezogenen Boote vorgezogen.
Die Mahlzeiten nahmen sie in einer flachen
Strandhütte ein, die durch Bastwände variabel mit Durchzug gegen die Moskitos
versorgt werden konnte. Unter den groben Tischen und Bänken standen die Füße im
feinen Sand des Strandes. Es gab philippinisches Frühstück: gebratenen
Knoblauchreis mit Ei und gegrillte Trockensardinen - und für die Potenz rohe,
ausgelöste Seeigel. Mittags und abends gab es gegrillte Fische, Schalentiere
oder Schweinerippchen dazu jede Menge tropischer Früchte samt ihrer mit Tuba
oder Arak gemixten Säfte. Tag und Nacht
lief als einzige Reminiszenz an die Gegenwart der Generator für die
Stromversorgung, der von einer Stereo-Anlage mit Tapes der aktuellen Hitparaden
noch übertönt wurde.
So kurz vor der Monsun- und Taifun-Saison
waren nur noch wenige Fremde auf der Insel gewesen. Neben den beiden Amis mit
ihren Bräuten kam noch ein junger iranischer Erdöl-Ingenieur im Dienste der Kuwaities
mit seiner Frau zum Essen. Gläubige Moslems waren wohl beide nicht, weil sie
Berge von Rippchen verschlangen. Die junge Perserin nützte offenbar auch
gründlich die Gelegenheit, den strengen Auflagen ihrer Arbeitsheimat entronnen
zu sein, um eine üppige Körperlichkeit zur Schau zu stellen, die völlig
unzureichend nur von wenigen Quadratzentimetern diverser Bikinis gebändigt
werden konnte. Jojo war sofort hin und weg von ihr, und sie genoss seine
Blicke.
Die beiden Filipinas im Dienste der
US-Streitkräfte hingegen provozierten die Rotnäckigkeit ihrer permanent
bierbeduselten "Arbeitgeber", in dem sie Johannes beim Essen mit den
Augen verschlangen. Profis, wie sie, fielen auf die Schwulen-Masche offenbar
nicht herein... Johannes entfloh daher dieser immer knisternder werdenden Atmosphäre,
indem er nach den Mahlzeiten zu der anderen Bar an der Nordspitze wanderte, um
seinen Digestiv unbehelligt zu nehmen.
Wohl aber auch damit Jojo ein paar freie
Minuten für sich hatte.
Dort war allerdings auch nicht viel mehr los:
Zwei australische Rucksackpärchen und ein japanisches sowie ein Schweizer mit
einer Edelnutte aus Manila, die ihre Landsleute, sich lasziv in einer
Hängematte räkelnd, herrisch herum kommandierte. Der Schweizer trug zu den
Mahlzeiten einen weißen Leinen-Anzug und gab dem ganzen Ambiente damit etwas
Koloniales. Im schleppenden Berner Dytsch hatte er den etwa gleichaltrigen
Johannes als Klagemauer für seine Weltsicht auserkoren. Dieser ließ es
geschehen, weil der Mann ein ganz lausiger Poker-Spieler war, und somit die meisten
Drinks auf ihn gingen. Es kostete ja alles ohnehin nur wenige Pesos, und wenn
man in Dollar bezahlte, noch weniger.
Tuba, der frische Palmwein mit nur 5 Prozent
Alkohol und der daraus gebrannte Arak (mit um die vierzig) machen mitunter
fürchterliche Kater, und obwohl Johannes ja eigentlich nicht "frei"
gehabt hatte, war er auf Boracay manchmal nicht ganz "frei" von
Folge-Beschwerden aufgewacht... Jojo hatte indessen offenbar eine andere
nächtliche Bleibe gefunden, kam aber
pünktlich nach dem ersten Hahnenschrei zum Joggen. Und sie hatten den einsamen
im morgendlichen Schatten liegenden Strand neuerlich auch genutzt, um
Karate-Grundtechniken wieder aufzufrischen. - Da merkte Johannes die etwa acht
Jahre Altersunterschied!
Am zweiten Tag rief die Pflicht. Jojo und
Johannes waren auf die Korallen-Klippe im Osten der schmalen Insel geklettert,
auf dem noch eine Sippe von Aita hauste, die man aus dem Dschungel von Kalibo
vertrieben hatte. Es wurde viel Unverständliches palavert, aber durch die
Fragen von Johannes, die Jojo mühselig hin und her übersetzte, schien sich
wieder einmal die Fähigkeit des Deutschen durchzusetzen, Argwohn abzubauen. Die
gut aussehenden, schwarzhäutigen Männer hatten sich dann sogar bereit erklärt,
sie mit ihrem Katamaran am nächsten Tag um die Insel zu segeln.
Johannes hatte nach der
Frischwasser-Versorgung gefragt und staunte dann, als er auch erfuhr, dass
keiner der Fische, die er verzehrt hatte, auf dem flachen Schelf zwischen den
Inseln gefangen werden konnte. Es gab aus heimischer Produktion also nur das
Fleisch von den Ziegen, den Schweinen,
sowie aus dem Meer Muscheln und Krabben; dazu die Kokosnüsse, Früchte
und Gemüse von den wenigen fruchtbaren Flächen der Insel. Das reichte gerade
mal für den Grundbedarf der etwa hundert Einheimischen. Alles andere für die
Touristen kam von weit her aus Kalibo und von Plantagen im Südwesten von Panay.
Das "echte" kleine Dorf im Zentrum der Insel Boracay lebte da bereits
im Wesentlichen von touristischen Dienstleistungen und der Fertigung
"einheimischer" Andenken.
Die Inselumkreisung unter dem primitiven
Dreieckssegel mit flexibler Rahstange war, als hätte Paul Gauguin eine seiner
gemalten Szenen in die Wirklichkeit entlassen. Die beiden Söhne des
Stammesältesten hingen faul aber dekorativ mit buntroten, selbst gewebten
Tüchern um die Hüften auf den Auslegern. Der Häuptling selbst steuerte diese
Mini-Arche rittlings im Lendenschurz vom Heck des Einbaum-Rumpfes und Jojo und
Johannes waren gewissermaßen die badebehosten "Kielschweine". Das
Segel war malvenfarben, der Einbaum durch Brandimprägnierung so schwarz wie die
Aitas. Das alles schwamm auf türkisem Glas über weißem Sand. Die Mitte des
Bildes wurde geteilt durch eine Kimmung bei der makellose Flächen Aquamarin auf
Kobaltblau trafen.
Es gäbe trotz der ökologischen und
versorgungstechnischen Grenzen dieses Eilands genügend Touristiker, die
skrupellos alle Hindernisse beseitigen würden, um diese Szenerie
zahlungskräftigen Kunden zu erschließen, da war sich Johannes sofort sicher. Der
Mann, der denen dabei helfen könnte, hatte seine autark versorgte, große
steinerne Villa im Leeschatten des Dschungels an der Nordspitze. An seinem
Landungssteg machte auch sein Wasserflugzeug fest, das immer öfter, nur mal so
kurz über das Wochenende Staatsgäste einflog. Auch Jojo und Johannes hätten
ursprünglich so anreisen sollen. Das Paradies war also schon verloren gewesen,
bevor eine Deutsche Zeitschrift Johannes - eindeutig identifizierbar aber ohne
seinen Namen ausdrücklich zu nennen – später als dessen Totengräber diffamieren
sollte.
In der verblassenden Nacht - einen Morgen zu
früh - hatte der Besitzer ihres Pump-Boats Johannes dann ungestüm wach
gerüttelt:
"Taifun coming up! We go! Ten minutes!"
Wer nicht da war, war Jojo. Aber Johannes hatte
so eine Ahnung, wo er ihn finden könnte. Als er auf sein Pfeifen nicht reagiert
hatte, kletterte er die Leiter hinauf in die Hütte der Iraner. Dort fand er seinen Body-Guard (!) in der
Mitte dreier eng umschlungener, nackter Körper
- vom Palmwein dahin gestreckt. Für tränenreichen Abschied war
allerdings nicht viel Zeit...
Der Vorteil vom Rucksack-Tourismus ist die
spontane Mobilität - selbst wenn man einen Kater hat. Zwar war es dann doch
eine Viertelstunde geworden, aber sie legten noch rechtzeitig ab. Der Bootsmann
hatte Jojo gefragt, und Jojo wiederum fragte Johannes, ob er etwas dagegen
habe, wenn man den Schweizer und seine Freundin mit nähme. Der Bootsmann hätte
ohnehin vorgeschlagen, um aus dem Kurs
des Orkans zu gelangen, Tablas mit seinem Jet-Flughafen anzusteuern. Johannes
war alles recht, weil er sich bei dieser bis zum Horizont spiegelglatten,
windstillen See absolut nicht hatte vorstellen können, aus welcher Richtung der
Taifun kommen und wohin er ziehen werde. Er hatte nur noch einen letzten
traurigen Blick auf dieses Tropen-Klischee geworfen, hinter dem gerade die
Sonne aufging. Im Nu war er unter dem Sonnensegel wieder eingeschlafen.
Zwölf Jahre später sollte eine der Nichten
von Johannes ihre Hochzeitsreise zu dem Eiland machen. Sie kam mit unendlich
schwärmerischen Eindrücken zurück und bestand darauf, dass ihr Onkel, der böses
ahnte, sich das Video anschaue: Die ehemalige Wasserfront Boracays aus Hütten,
Palmen und Strand war quasi zu einem durchgehenden zementierten Hotelkomplex
geworden. Da erübrigte sich die Frage von selbst, wo auf dieser schmalen Insel der Lebensraum für
die Aitas geblieben war...
Als Johannes nach beinahe vollendeter
Überfahrt wieder erwacht war, hatte die Szenerie einen bleiernen Überzug
bekommen. Sämtliche Farbe war aus der Natur gewichen und die unregelmäßigen
Wellenstöße hatten trotz des Auslegers dafür gesorgt, dass sich Jojo und die
Konkubine des Schweizers der Inhalte
ihrer vom Arak überreizten Mägen entledigten. Der hölzerne
Pier ihres Zielhafens war da aber beruhigender Weise schon in Sichtweite. Nur
stimmten die Überreste dessen, was der letzte Taifun an Bruchwerk von der einst
neuen Kai-Anlage aus bunkerschwerem Stahlbeton übrig gelassen hatte, nicht
gerade hoffnungsfroh.
Johannes war angesichts der olivgrünen
Gesichtsfarbe Jojos klar, dass er selbst für eine Zeit lang die Initiative
ergreifen musste. Offenbar wollte der überwiegende Teil der Küstenbewohner
nämlich auch ins vermeintlich sicherere höher gelegene Innere der Insel. Der
Flughafen lag mehr als eine Fahrtstunde landeinwärts. Angesichts der
überwiegenden Nachfrage hatte der vor Wochen aber eben für den nächsten Morgen
bestellte Jeepney-Fahrer keine Kapazität mehr frei gehabt.
Also war Johannes kurz entschlossen mal zum
Pinkeln gegangen, um aus den versteckten Fächern seines eigens von einem
bayerischen Säckler angefertigten Gürtels einen 50-Dollar-Schein zu nesteln. Er
hatte sich daraufhin dem ersten freien Trycicle mit sichtbar verlässlicher
Technik in den Weg gestellt und den
eigentlich im Nahtransport tätigen Teenager gefragt, ob er mit seinem "Tuc
Tuc" auf die Schnelle 50 Dollar verdienen wolle. Als er hörte, er solle
über Land zum Flughafen, hatte seine Vernunft kurz mit der Habgier gerungen.
Letztere hatte jedoch nach fünf Sekunden gesiegt und nach weiteren zehn war
Jojo, den Johannes kurzerhand auf den Armen getragen hatte, halb liegend
verstaut und auch das ausladende Hinterteil des Deutschen fand noch halb im
Freien hängend Platz. Ehe der Schweizer und seine Gespielin, die vier Jungs mit
ihrem Gepäck herum zu kommandieren hatten, reagieren konnten, war das
dreirädrige Motorrad schon auf der staubigen Dschungelpiste davon gebraust.
Wenn Johannes jedoch geglaubt hatte, die
Lebensgeister seines Body-Guards würden
durch den direkt einwirkenden Fahrtwind wieder erweckt, sah er sich alsbald
getäuscht. Jetzt war zu dem blassen Teint auch noch eine gipsfarbene Staubmaske
gekommen. Der Reise-Veteran sah sich also gezwungen, erbarmungslos seine harten
Kurmittel zu Anwendung zu bringen. Als der mittlerweile zum "Pale
Rider" mutierte Gespannlenker Sprit hatte nachfassen müssen, flößte
Johannes Jojo drei eiskalte CocaCola-Flaschen ein. Nachdem er den Inhalt der
ersten gleich wieder in den Staub der Piste gespuckt hatte, wollte der sich nur
noch ausgelaugt in die Hängematte des Tankwarts legen. Johannes aber hatte
nicht locker gelassen und ihm unter Hinweis auf die blaugraue Wand, die sich
dort aufgebaut hatte, wo sie hergekommen waren, die nächsten beiden in den
Rachen getrichtert. Und siehe da, diesmal waren sie im Magen geblieben und in
nicht weniger als fünf Minuten war die Farbe in das Gesicht des schönen
Filipinos zurückgekehrt. Was man von der philippinischen Landschaft nicht
behaupten konnte. Das saftige Grün war einem fettig wächsernen Grauton
gewichen. Die Luft war absolut zum Stillstand gekommen und vermittelte das
Gefühl, man könne das Wasser direkt aus ihr zapfen, wenn man nur ein Behältnis
schnell genug durch sie hindurch schwänge.
Sie hatten den Airport gerade erreicht, als
die ersten schweren Tropfen senkrecht vom Himmel platzten, aber gerettet waren
sie dadurch nicht. Sie erhielten nämlich die Mitteilung, dass die Maschine aus
Manila nicht kommen würde, ehe die Taifun-Warnung aufgehoben sei. Vor dem
späten Nachmittag war an Starts und Landungen daher nicht zu denken gewesen und
deshalb ließen sie sich zu einem massiv aussehenden Hotel mit großer offener
Restaurant-Veranda bringen.
Es gibt kein tropischeres Erlebnis als auf so
einer Veranda halbwegs im Trockenen zu sitzen, während der Regen am Rand eines
Taifuns in dichten Schleiern herunter rauscht, Straßen in Bäche verwandelt und
Leute, die es nicht rechtzeitig geschafft hatten, innerhalb von Sekunden
triefend schlotternd wie begossene Pudel dastehen lässt.
Jojo hatte gerade mit vorsichtigem Genuss die
ersten Löffel einer nach Kokosmilch und Zitronengras duftenden Hühner-Suppe zu
sich genommen und Johannes an diversen Spießchen mit Tintenfischen, Krabben und
Ziegenfleisch geknabbert, als derart begossene Pudel in Gestalt des Schweizers
und seiner Begleiterin an ihnen vorbei ins Foyer gehuscht waren. Der weiße
Anzug hatte nun angeklatscht grau und von zahlreichen Spritzern verunstaltet,
wie ein Symbol für den Niedergang des Kolonialismus gewirkt. Aber noch härter
hatte es die Schöne der Nacht getroffen. Ihre Strähnchenfrisur im Vokuhila-Look
lag auf dem Schädel ohne ausgeprägten Hinterkopf wie ein nicht ausgewrungener
Feudel, und mit dem verwischten Makeup, aber auch der offenbar immer noch nicht
überwundenen Seekrankheit wurde nun offenbar, dass sie längst kein Twen mehr
gewesen war.
Jojo und Johannes hatten etwa eine Stunde dem
Crescendo des rauschenden Regens gelauscht, als ihnen und den übrigen Gästen
klar geworden war, dass sie abgesehen von nur fünf Minuten dauernden heftige
Böen im übrigen vom "Großen Wind" verschont bleiben würden.
Nicht aber vom Sturm der Ortspolizei, die mit
Blaulicht und Sirene halb ins Foyer gerast war und mit MP im Anschlag das Hotel
gestürmt hatte. Nach fünf Minuten waren der Schweizer und seine Begleiterin mit
auf dem Rücken gefesselten Handgelenken herausgeführt worden und einer der
Gendarmen hatte sich vor Jojo und Johannes aufgebaut. Er hatte den wie ein
Junkie auf Entzug aussehenden Jojo mit sich überschlagener Stimme in Tagalog
angeherrscht. Doch da hatte sich der gerade noch so fragile Jojo plötzlich
wieder in einen stahlharten, souveränen Profi verwandelt, als er Johannes im
entspannten Plauderton auf Deutsch folgendes mitteilte:
"Der Schweizer hatte in seinem affigen
Aktenkoffer mehr als ein Kilo Marihuana. Die beiden waren offenbar derart
fertig, dass sie sich so einen Riesen-Joint
gedreht hatten, dass das ganze Hotel danach roch. Jetzt wollen sie auch
uns durchsuchen, weil man den Polizisten gesagt hatte, wir hätten die beiden
von Boracay mitgebracht."
Der paranoide Johannes reiste mit einer
Tasche, die auch Wahlweise Koffer oder durch ein verborgenes Tragegeschirr
Rucksack sein konnte. Jede Funktion war durch robuste Zweiweg-Reißverschlüsse
aus Nirosta und obendrein mit unterschiedlichen kleinen Vorhängeschlössern
gesichert, deren Schlüssel an einer Kette um Johannes Hals hingen. Sein Gepäck
wäre also unerkannt nicht zu "impfen" gewesen. Aber was war mit Jojos Schultertasche, möglicher Weise während dessen Seekrankheit
passiert, als Johannes noch geschlafen
hatte?
Während er sich verständnisvoll lächelnd
daran machte, den Polizisten seine Tasche zu öffnen, fragte er Jojo, als
scherze er:
"Was, wenn die dir Stoff untergeschoben haben,
als du außer Gefecht warst und ich geschlafen habe? Zeig ihnen doch einfach
deinen Dienstausweis. Und ich zeig ihnen meinen 'Letter of Intent' und die
'International Presscard'."
Jojo der nun seinerseits seine Tasche
geöffnet hatte, lachte scheißfreundlich zustimmend, als habe ihn Johannes zu
seinem Tun gerade eigens ermutigt:
"Das wollen wir aber schön bleiben
lassen. Wir stecken hier mitten in einem abgekarteten Spiel, das tödlich enden
könnte. Ich erkläre dir gleich warum. Lass uns die erst einmal wieder
loswerden,"
"Omnia bona mea mecum sunt!" Zitierte Johannes Senecas
materialistische Variante des bei Cicero eher philosophisch angesiedelten
"Omnia mea mecum porto". Beides war irgendwie zutreffend gewesen, als
all ihre Habe auf den Verandatischen vor aller Augen ausgebreitet worden war:
'Alles von Wert ist bei mir', aber auch 'alles Meinige trage ich bei mir', was
zu einem beliebten Spruch Rucksack-Reisender mutiert war.
"What did he say?", wechselte der
Polizei-Chef ins Amts-Englisch.
"He's just talking Latin." Sagte
Jojo mit einer resignierten Miene, als unterhielten sie sich über einen
Verwirrten
"Why?", wandte er sich nun erstmals
direkt an Johannes.
Und während auch noch ein Deutscher
Schäferhund herangeführt worden war, dem das feuchtschwüle Klima - obwohl gut
getrimmt - sichtlich zu schaffen machte, erklärte Johannes den Gendarmen seine
Gepäckprinzipien. Der Vierbeiner erledigte dabei treudeutsch seine Pflicht,
indem er alles sorgfältig beschnüffelte, ohne jedoch Laut zu geben. Als
Johannes aber etwas auf Deutsch zu Jojo sagte, spitzte der Hund auf einmal die
Ohren, als habe er Altvertrautes vernommen. Unvermittelt legte er den Kopf an
den Oberschenkel von Johannes. Der wusste was zu tun war und vollzog bei seinem
"Landshund" knuddeliges Öhrchenknacken.
Der Einsatzleiter hatte sich angesichts
dieses eindeutigen Frontenwechsels seines Vierbeiners mit einer lässig
salutierenden Entschuldigung und leise aneinander schlagenden Hacken
verabschiedet und war mit seinen beiden Gefangenen im japanischen Geländewagen
zum Polizeiposten gerast.
Jojo, der ihm leicht kopfschüttelnd
nachgeschaut hatte, begann erst mit seiner Erklärung, als der Wagen in der
Schlammschleppe, die er hinter sich herzog, außer Sichtweite war:
"Du wirst sehen, die beiden sind beim
Abflug unter den Passagieren, als sei nichts gewesen."
"Aber bei so einer Menge bedeutet das
nicht normaler Weise Todesstrafe oder zumindest Lebenslänglich?"
"Das hätte es bedeutet, wenn wir unsere
Ausweise gezeigt hätten. Denn dann hätten die Polizisten ja offizielle Zeugen
für Ihren Deal gehabt. Aber auch wir hätten ja auf nimmer Wiedersehen im
Dschungel verschwinden können, damit die Geschäftsidee nicht zu Schaden
kommt."
"Ich verstehe nicht!"
"Manila ist weit. Wer glaubst du hat die
Polizei, die sonst nie da ist, wenn man sie braucht, so schnell und im
Angesicht eines heraufziehenden Taifuns mobilisiert? In dem Hotel hier würde
doch keiner auf die Idee kommen, Kiffer-Touris anzuzeigen. Nein, das Päckchen
war gezielt unterwegs und hat den Weg bestimmt schon einige Male zurückgelegt.
Vermutlich ist der Dealer ein Geschäftsfreund der Polizisten. Der Bootsmann und
der Jeepney-Fahrer bekommen auch eine kleine Erfolgsprämie, indem sie
Reiseroute und Ankunft bestimmen oder mitteilen. So können die Verhaftung und
die Beschlagnahme des Päckchens ohne großes Fahnden erfolgen. Auf der
Polizei-Station werden die armen Opfer erst einmal in eine stinkende
Arrest-Zelle weggesperrt, wo sie angesichts einer dramatischen Strafe je nach
dem die Stunden bis zum Abflug schmoren. Dann kommt ein Anwalt, der andeutet,
er könne eine sofortige Freilassung auf Kaution veranlassen. Gleichzeitig
empfiehlt der aber, man solle nach geleisteter Zahlung schauen, dass man so schnell
wie möglich außer Landes käme, ehe der Fall nach Manila gereicht würde. Die
Summe erscheint den Delinquenten angesichts von Gefängnis oder Todesstrafe
vergleichsweise so lächerlich, dass sie über die einmalige Chance, entrinnen zu
können, gar nicht erst logisch nachdenken. Die Drahtzieher sind ja nicht
gierig. Meist sind es nicht mehr als tausend, zweitausend Dollar in Traveller's
Schecks oder, was man auf der ebenfalls mitspielenden Bank an Barem auf die
Kreditkarte erhält."
Natürlich war alles so gekommen, wie Jojo es
vorhergesagt hatte. Das Kifferpärchen hatte am späten Nachmittag eingecheckt,
als sei nichts gewesen. Der Berner hatte einen anderen blütenweißen Anzug
angezogen und seine Begleiterin war bereits wieder so arrogant und hochnäsig aufgetreten,
als hätte es diesen bedrohlichen Zwischenfall nie gegeben,
Als sie alle in Manila auf ihr Gepäck
gewartet hatten, verwickelte die Filipina Jojo in ein langes Gespräch, während
Johannes den Schweizer ostentativ links liegen gelassen hatte. Diese Typen, die
sich in der Dritten Welt glaubten, mit ihrem Geld oder ihrer Funktion über
Recht und Moral zu erheben, hatte er zuhauf erlebt. Sie würden niemals
begreifen wollen, dass sie Katalysatoren für Korruption und Misswirtschaft
waren und Dank der skrupellosen Ausschöpfung der Kaufkraftunterschiede zu einem
Bild des "goldenen Westens" beitrugen, das falsche Sehnsüchte weckt.
Auf dem dann gerade noch ergatterten
Nachtflug nach Cebu hatte Johannes Jojo dann gefragt, was er so lange mit der
Schönen der Nacht zu bereden gehabt hatte.
"Nun, die war eben ein Profi. Nachdem
ihr Schweizer es vorzieht, morgen das Land zu verlassen, wollte sie nun bei dir
anheuern. Die Schwulengeschichte hat sie mir natürlich nicht geglaubt. Da habe
ich ihr die Wahrheit erzählt, und ihr war auf einmal klar geworden, dass sie um
ein Haar als alte Frau aus dem Gefängnis gekommen wäre. Das hat richtig Spaß
gemacht! - Übrigens scheinen die Preise drastisch angestiegen zu sein. Für 4000
Franken mussten sie sich freikaufen. Tausend für sie und dreitausend für den
Mann im weißen Anzug. Der wird so schnell nicht wieder kommen..."
Das Routen-Muster ihrer Reise während der
nächsten vierzehn Tage hätte für
uneingeweihte Betrachter nicht sehr viel Sinn gemacht. Es sah aus, als
wäre ein Blitz in die Aufzeichnungen eines Phasenschreibers eingeschlagen,
obwohl sie von so dramatischen Vorkommnissen wie auf Tablas im weiteren Verlauf
ihres "Inselhüpfens" bis zur Endstation Mindanao verschont bleiben
sollten.
Bei den Strand- und Sexrevieren auf Cebu und
Bohol bestimmten Australier und Japaner bereits den Tourismus.
Mitteleuropäische Tauchtouristen wären für die Inseln am Westrand des Archipels
zu interessieren, und die geologisch und ethnologisch interessierten
Rundreisenden ließen sich trotz der dort permanent lauernden, seismologischen
Gefahren für die drei Vulkan-Regionen um
den Pinatubo und den Mayon auf Louzon,
beziehungsweise den Mount Apo auf der außerhalb Zamboangas nicht
sonderlich sicheren Insel Mindanao begeistern.
Durchziehende Touristen lohnten jedoch kaum
Bauvorhaben und Investitionen in Infrastruktur. Abenteurer hatten meist auch
nicht genug Geld in den Taschen, um zu konsumieren. Länger verweilende, neue
Ferntouristen aus Europa wären also am ehesten aus dem Bereich der Tauch- und
Wassersportler zu rekrutieren. Aber der Südwestrand des Archipels in Richtung Borneo samt Malaiische Halbinsel
würde die touristische Libertinage der östlichen Inseln schon allein aus
kulturellen Aspekten nicht zulassen - vor allem wenn die islamischen
Fundamentalisten weiter an Einfluss gewännen...
Dass hier jedoch der Nachholbedarf an
Strukturverbesserungen am sinnvollsten war, lag auf der Hand. Um sich ein
klares Bild für seine Empfehlungen zu verschaffen, musste Johannes mit den
Leuten reden, die das verhindern wollten und konnten. - Und deshalb stand
Johannes jetzt auf dieser Holzbrücke, die nach Rio Hondo hinüber führte und war
gewillt Jojo ernsthaft vor den Kopf zu stoßen (!)...
"Kommst du nun oder nicht?"
Johannes hatte sich wieder gegen den Fußgängerstrom zu Jojo am Fuß der Brücke
zurück gekämpft.
"Kannst du nicht mir zuliebe darauf
verzichten, da rüber zu gehen?"
"Hast du Angst um deinen Job oder
was?"
"Und du? Kannst du dir etwa nicht
vorstellen, dass sich jemand einfach nur Sorgen um dich macht?"
"Du klingst ja jetzt fast schon wie
meine Frau!"
"Das ist ein gutes Stichwort. Was bist
du denn überhaupt für ein Ehemann und Vater? Da sind wir jetzt beinahe einen
Monat unterwegs, und du hast dich nur ein einziges Mal aus Manila bei deiner
Familie gemeldet. Du scheinst dir
absolut keine Gedanken über die Sorgen von Leuten zu machen, die dich
lieben."
"Meinst du allen Ernstes, meine Frau
würde sich weniger Sorgen machen, wenn ich sie häufiger anriefe?
'Hallo Schatz, heute sind wir
mit einem blauen Auge aus einer Drogengeschichte heraus gekommen. Gestern war
ich unter dem Mayon beim Baden im Meer und hatte Gesellschaft von so einer
silberschwarz gestreiften Seeschlange mit einem gelben Bauch
(Streifenruderschlange, Hydrophis cyanocinctus). Ja. du weißt schon. Die, die
bei denen man gerade noch merkt, dass man gebissen worden ist, so giftig sind
die.'
- Meine Frau und ich haben seit langem eine
Übereinkunft, dass ich unterwegs bin, wenn ich unterwegs bin. So lange sie
nichts von mir hört, ist auch nichts passiert."
"Dann lass wenigstens die Kamera hier.
Du weißt doch wie die hier auf das Fotografieren reagieren."
Tatsächlich war es so gewesen. Je weiter sie
in den mohammedanischen Teil der Inselwelt vorgestoßen waren, desto
allergischere Reaktionen hatten die Menschen beim Fotografieren gezeigt, obwohl
Johannes höflich, charmant und routiniert wie immer jedes Mal um Erlaubnis
gefragt hatte, bevor er den Auslöser betätigte. Während die Filipinos auf den
Nordinseln sich mit einem "Hey Joe!"
quasi von selbst in Positur geworfen hatten, wandten sich die Menschen
der Südinseln ab, oder verbargen sich unter Hüten oder hinter Schleiern, so
bald sie eine Kamera nur zu Gesicht bekamen. Selbst die Kinder drückten sich
scheu in den Schatten.
"Na gut. Nimm sie! Wir treffen uns zum
Lunch im Hotel. Und - mach dir keine Sorgen. Das ist mein Job."
Johannes war dann auf der anderen Seite
glücklich, endlich in den Schatten zu kommen. Zwischen den "Bancas" -
wie die Stelzenhäuser genannt werden - herrschte zwar auf den Holzstegen reger
Betrieb, aber die dichte Menge von der Brücke verlief sich schnell. Wind und
Meer unter den abenteuerlichen Schachtel-Konstruktionen wirkten als ganz
brauchbare Klima-Anlage. Der gefürchtete Lagunen-Geruch, der bei kurzen
Momenten der Windstille in die Nase stach, wurde meist von orientalischen
Speise- oder Warendüften überlagert.
Johannes hatte als Orientierungspunkt die
Silberne Kuppel der Moschee, brauchte also vorerst nicht zu fragen. Die erwartete,
unterschwellige Animosität gegen den Fremden ohne Begleitung, war ebenfalls
nicht zu spüren. Johannes begann, sich langsam zu entspannen. Auch weil er den
Kontakt-Punkt - die kleine Koranschule im Schatten der Moschee - auf Anhieb
fand. Drinnen auf farbenfrohen Teppichen saßen nur zwei Männer, die in etwa in
seinem Alter waren in westlicher Kleidung aber mit den markanten Zottelbärten.
Johannes wagte nicht auf die Schwelle zu treten, sondern verbeugte sich höflich
und hielt seinen "Letter of Intent" - nicht den vom Ministerium,
sondern den vom deutschen Nachrichtenhändler - durch das offene Fenster.
"Warum sind sie über die Brücke
gekommen? Sie hätten mit einem unserer Bootsleute vom Lantaka Hotel hierher
fahren können. Sie sind ein sehr auffälliger Mann."
"Gerade deshalb! Ich möchte auf keinen
Fall einen konspirativen Eindruck hinterlassen. Ich bin ein interessierter
Besucher, der sich höflich unter Wahrung aller Anstandsregeln informieren
möchte. Mehr nicht!"
"Anstandsregeln? Das mag hier aussehen
wie aus längst vergangenen Zeiten, aber das heißt keinesfalls, dass Nachrichten
nicht zügig bei uns ankommen. Wir haben Sie erwartet. Was auch heißt, dass
jemand mit solchen Kontakten für uns natürlich nicht bloß ein interessierter
Besucher ist."
Ein
kleiner Junge war seitlich an Johannes herangetreten und nahm mit kindlicher
Vertrauensseligkeit seine Hand.
"Jassir hier wird Sie jetzt zum Tee mit
einer der Stützen unserer Gemeinde bringen. Gut übrigens, dass Sie Ihren
katholischen Karate-Mann drüben gelassen haben. Das vermeidet
Komplikationen."
Der Kleine war flink, aber wollte absolut
nicht einsehen, dass sein großer Begleiter nun mal gar nichts von dem verstand,
was er so vor sich hin plapperte. Johannes begriff nur, dass dies offenbar nicht
Tagalog, sondern der Dialekt der Sea-Gypsies, der See-Nomaden war, die mit den
bunten Segeln ihrer Wohnboote die historisch belastete Meerenge der Basilan
Straße dekorierten.
Nach wenigen Augenblicken standen sie auf der
Plattform von einer Banca, auf deren vorgebauter, nach allen Seiten offener
Remise scheinbar wahllose Haufen öliger Motorenteile die Tragkraft der Planken
sichtbar strapazierten. Ein Firmenschild, das von seiner Größe her die Breite
des Daches einnahm, kündete euphemistisch davon, dass sie auf dem Firmengelände
von "THE BROTHERHOOD MOTOR CORP” stünden. Unter deren durchgebogenen
Planken lagen im Schatten vertäut diverse Pump-Boats, in denen halb nackte
Männer herum schraubten; eine Pump-Boat-Werft also.
Der kleine Jassir zog Johannes bis zu einem
Vorhang zu dem Teil des Stelzenhauses, der auf das offene Wasser hinausragte,
rief etwas hinein und verabschiedete sich dann lachend mit einem "Byebye
Joe, byebye!"
Im selben Moment ging der Vorhang zur Seite
und ein Mann mit gütigem Gesicht im Gewand und mit dem Bart eines Mullahs hieß
ihn freundlich im akzentfreien Englisch willkommen. Da im Vorhangbereich
diverse Paare Pantoffel und Sportschuhe standen, musste Johannes nicht eigens
gebeten werden, aus seinen Slippern zu schlüpfen.
Obwohl die Banca des Mullahs im Prinzip eine
mit Laubsägearbeiten arabesk verzierte Bretterbude auf Pfählen war, überraschte
die sakrale Schönheit des Raumes, den sie betraten. Ausreichend mit sehr
schönen Teppichen und dezent dazu passenden Sitzkissen ausgestattet, bezog der
Raum seine Wirkung durch die breiten und mit Markisen beschatteten offenen
Fenster mit ziselierten Sandelholz-Duftrahmen. Sie öffneten sich wie
Bilderrahmen hinaus aufs Meer, in denen die farbig gemusterten Segel der
Sea-Gypsies träge hin und her trieben - wie Gegenstände an einem Mobile.
Anders als die verschiedenen Paar Schuhe vor
der Tür hatten vermuten lassen, waren Johannes und der Mullah in diesem
Ambiente allein. Aber es gingen noch zwei durch leichte Vorhänge verdeckte
Türen in Nebenräume. Mit Sicherheit waren sie also nicht nur zu zweit, und
nebenan würde jedes Wort gehört werden.
Vielleicht wollten sie ja
Johannes auch auf die Probe stellen, ehe sie entschieden, wie sie sich weiter
ihm gegenüber verhalten sollten...
Der Sitte entsprechend hatte Johannes sich
noch einmal respektvoll verbeugt und wartete nun darauf, mit den üblichen
Formeln der Gastfreundschaft abermals begrüßt zu werden. Doch das unterblieb.
Es wurden ja auch keine Namen genannt.
"Woran glauben Sie?", begann der
Mullah und konnte dabei nicht ahnen, wie oft Johannes in seinem Reporterleben
diese Frage gestellt worden war. Jedes Mal mussten die Worte, mit denen er
antwortete, besonders auf die Goldwaage gelegt werden. Diesmal sparte er sich
die Erklärung des Agnostikers und versuchte es direkt mit Kant:
"Als Reporter bekommt man auf der ganzen
Welt Einiges zu sehen, was einen das Glauben an eine höhere Macht erschwert.
Gleichzeitig wird man der Versuchung und der Sünde nach fast allen religiösen
Betrachtungsweisen ausgesetzt. Bis ich mir wirklich sicher bin, halte ich mich
an einen großen deutschen Philosophen, den Sie vielleicht kennen. Er verlangt
von allen Menschen, sie mögen sich stets so verhalten, dass die Maxime ihres
Handels gleichzeitig als Grundlage für eine allgemein gültige Gesetzgebung
dienen könnte."
"Ja, der große Immanuel Kant! Ich habe,
als ich mit dem erhabenen Khomeini im
französischen Exil war, Philosophie an der Sorbonne studiert."
"Eh bien! Dann könnten wir wohl auch Französisch
miteinander sprechen", hatte Johannes spontan und wohl auch um ein wenig
Eindruck zu machen, die Sprache gewechselt.
Der Mullah schien erfreut und dankbar. Aber
die Heiterkeit, mit der er ebenfalls in die Sprache Voltaires hinüberwechselte,
passte nicht zu dem, was er sagte. Als schweife er lächelnd in "jeux des
mots" ab, gab er Johannes folgendes zu bedenken:
"Wir Mullahs, werden immer so
hingestellt, als beeinflussten wir die Politik. In Wirklichkeit sind es stets
die Politiker - und leider nicht die ehrenvollsten - die die Auslegung des
Korans übernehmen. Das ist zwischen Malaysia und Mindanao nicht anders. Der
"heilige Krieg" wird hier auf den Inseln als Deckmantel für
Machenschaften benützt, die mit dem, was unser Prophet im Buch der Bücher
fordert, nichts mehr zu tun hat. Als Geistliche müssen wir aber eben auch vor
allem die Glaubensbrüder schützen, die das Schwert nicht führen."
Dann fuhr er wieder ernsthafter und in
Englisch fort, damit die Lauscher nicht hellhörig wurden:
"Wir können nicht verstehen, was der
Tourismus an Schamlosigkeit in den katholischen Teilen dieser Inselwelt
zugelassen hat. Wir werden einen solchen Verfall der Sitten auf den von unseren
Glaubensgenossen besiedelten Inseln nicht zulassen. Promiskuität, Prostitution
und gottlose Zurschaustellung von Weiblichkeit an den Stränden werden wir zum
Schutz der Jugend zu unterbinden wissen."
Johannes war ob der plötzlichen Schärfe des
Tons überrascht, aber angesichts des Vorausgeschickten nicht übertölpelt:
"Man hat mich als Kenner touristischer
Entwicklungen um meine Meinung und Einschätzung gebeten. Ich bin nicht an
Umsetzungen oder gar am Profit von Projekten beteiligt. Ich kann Ihnen aber
versichern, dass es beispielsweise in den Vereinigten Emiraten durchaus gelungene
Konzepte für einen den islamischen Geboten und Sitten entsprechenden Tourismus
gibt, der der Verbesserung und Modernisierung einer Infrastruktur für alle
nutzt. Wichtigste Voraussetzung ist eine relative Sicherheit für die Gäste. Die
kann es nur in Gottes Namen und dem Segen seiner Glaubenshüter geben. Bessere
Krankenversorgung, sicherer Nahverkehr und schnellere Kommunikation dienen
jedoch vor allem auch den Menschen hier - einmal abgesehen von den
volkswirtschaftlichen Aspekten. Dieses Land steht möglicherweise vor
wesentlichen politischen Veränderungen. Es ist notwendig, dass die Einstellung
von allen einflussreichen Kräften bekannt ist."
Der Mullah schaute hinaus aufs Wasser, als
hätte eine sanfte Brise die Sätze von Johannes dort hinaus getrieben. Er hob
beide Arme zu einem 'InchAllah' und seufzte:
"Erwarten Sie sich nicht zu viel!"
Als sei dies ein verabredetes Zeichen
gewesen, flogen von beiden Türen die Vorhänge zur Seite und vier Männer mit
schwarzen Kapuzen betraten den Raum und bauten sich theatralisch hinter dem
Gottesmann auf. Für zwei jedenfalls - bemerkte Johannes - war die Vermummung
eher lächerlich, denn sie waren anhand der Kleidung, die sie nicht gewechselt
hatten, unschwer als die beiden Männer aus der Koran-Schule zu erkennen. Aber
dann schoss es Johannes durch den Kopf, dass diese im Ernstfall ja auch eine
für ihn tödliche Erkenntnis sein könnte...
Einer der beiden nicht Identifizierbaren war
nun der Wortführer. Obwohl bestimmt des Englischen mächtig, verzichtete er
darauf, das Wort direkt an Johannes zu richten und ließ ihn über den Mullah
ausrichten:
"Nehmen Sie morgen kurz vor Mitternacht
an der Beach-Bar von ihrem Lantaka-Hotel noch einen Drink, nachdem Sie sich
gegen elf ins Bett verabschiedet haben. Dann geht nämlich Ihr Begleiter stets
noch in die Spielbank. Was immer dann passiert: wehren Sie sich nicht, spielen
Sie nicht den Helden und sagen keinem, was wirklich los war. Dann fließt auch
kein Blut. Sie werden entführt, aber Sie haben mein Wort, dass Sie zum Lunch übermorgen
- also zwölf Stunden später am Pink Beach von Santa Cruz abgesetzt werden. Ihr
Begleiter erhält entsprechend Nachricht,
nichts zu unternehmen, wenn er Sie dort wohlbehalten abholen
möchte."
In jener Nacht wurde die jährliche
Durchschnittstemperatur der Halbinsel Zamboanga um neun Grad überschritten. Die
digitale Kombianzeige von Uhrzeit und Temperatur, die wohl als letzter Schrei
an einer Säule der Beach-Bar angebracht worden war, zeigte im Wechsel 23 Uhr 55
und 35 Grad an. Johannes lief, obwohl er kochend heiß geduscht und in Erwartung
der Dinge seinen Fjällräven "Arbeitsanzug" angezogen hatte, der
Schweiß in Kaskaden über Gesicht und Körper. Am Horizont seiner wunden Seele
sah er ausgerechnet jetzt das Gewitter einer durch die Hitze ausgelösten
Depression auf sich zukommen und hoffte nur, sie ließe sich noch zwölf Stunden
Zeit. Jojo abzuhängen, hatte mühelos geklappt. Vermutlich hatte der kleine
Zocker eine Glückssträhne, die er nicht abreißen lassen wollte. Johannes hatte
kaum seine Zimmertür hinter sich zugemacht, als dessen nebenan schon wieder
aufgegangen war.
Johannes hatte dem Bedarf nach etwas Starkem
widerstanden und sich stattdessen seinen Spezial mixen lassen. Ein Drittel
Ananas, ein Drittel Mango, ein Drittel Papaya dazu eine kräftige Prise Salz.
Das Ganze in den Mixer und mit einem halben Liter Mineralwasser aufgegossen
würde zwei vielleicht zwangsweise
ausgefallene Mahlzeiten überbrücken helfen und im Ernstfall das Dehydrieren
verhindern.
Der "Travel-Guide Eastasia", diese
für die Dritte-Welt-Länder so verhängnisvolle Bibel der Lowbudget-Touristen
jener Jahre, schwärmte von der direkt am Wasser gelegenen Bar des
Lantaka-Hotels als Nachrichten-Treff mit günstigen Drinks, wo man dank der
gereichten Chips, Nüsse sowie Reis- und Kokossnacks spielend bei einem Bier
seinen Tagesbedarf an Kalorien decken könne. So wunderte es nicht, dass dieses
Buch zwei Armlängen entfernt auf dem Tresen bei zwei deutschen Traveler-Pärchen
lag, die sich lautstark ihre letzten Schnäppchen vor prahlten. Schon deren
Uniformität ging Johannes in seinem überreizten und dann stets intoleranten
Zustand auf die Nerven: lange Kraushaarfrisuren, irgendein weißes Knochenstück
an speckig ledernen Bändern als Talisman um den Hals, darunter der obligate
Brustbeutel hinter dem Latz der Oshkosh-B-Gosh Jeans und die Wander-Ausführung
der Birkenstocks an den Füßen.
"Echt Mann, wir haben drei Monate auf
Ceylon bei einer Familie in der Nähe von Trinkomalee direkt am Strand gelebt.
Die waren so was von gastfreundlich! Wir haben gar kein eigenes Futter
gebraucht. Ständig Fisch, Krabben, Reis, Kokos und Obst vom Feinsten. Wie im
Paradies kamen wir uns vor."
"Wahnsinn, nicht? Diese
Gastfreundschaft! Wir haben das gleiche bei Yokyakarta auf Java erlebt. Ein
Strand und ein Dorf für uns allein. Die wollten uns gar nicht mehr weglassen."
Johannes wollte ihnen gerade bescheid stoßen,
dass die armen Familien nach dem Fortgang dieser Schmarotzer vermutlich in eine
mittlere Versorgungskrise geraten waren, weil sie die ungeschriebenen Gesetze
der Gastfreundschaft zu ihrer Großzügigkeit genötigt hatten, als ihm schwarz
vor den Augen wurde. Jemand hatte ihm eine Kapuze übergestülpt und vom
Barhocker gezerrt. Alles ging in dieser erzwungenen Dunkelheit absolut lautlos
von Statten. Außer der Bar-Musik war die eben noch so lebhafte Szene verstummt.
Kein hysterisches Aufschreien. Kein Wegrennen. Nur Angststarre. Er stolperte
rückwärts gezogen den Weg zum Anleger hinunter. Eine fremde behandschuhte Hand
an seiner Kehle. Etwas Hartes an seiner Schläfe. Dann wurde er - immer noch rückwärts - gestoßen. Für einem
Moment im Fall schwerelos, um dann umso schwerer von mehreren Paar Händen
aufgefangen zu werden. Fast im gleichen Moment hob ein ungeheuerer Motoren-Lärm
an, gefolgt von einem Vibrieren, wie es vielleicht beim Start einer Rakete
entstehen mochte. Die Beschleunigung und die Steuermanöver warfen ihn in dem
leeren Stauraum, in dem er gelandet war, hin und her. Er riss sich die Kapuze
vom Kopf und stellte fest, dass er in einer Art Tank stand. Jedenfalls war er
von Aluminiumwänden umgeben, auf denen eine Luke lag, denn es war absolut
finster.
"Konzentrier dich auf die
Koordinaten", zwang er sich zur Ruhe.
Beim Hin und Her glitt er jeweils etwa zwei
Meter an den Wänden entlang. Der Deckel war zwei Handbreit über seinem
Scheitel. Sein Verließ war vermutlich exakt acht Kubikmeter groß. Die Rückwand,
an die er beim Beschleunigen gedrückt wurde, war wärmer als die anderen und
vibrierte deutlich stärker. Das hieß, sie grenzte direkt oder nahe an den
Maschinen-Raum im Heck. Er befand sich auf einem Boot, das war klar. Aber eines
mit nie gekannter Stärke. Der Lärm im Inneren war eigentlich unerträglich, doch
es gelang ihm, der physischen Tortur
durch Denkarbeit von ihrer Wirkung zu nehmen:
Nach dem Ablegen hatten sie einen Neunzig-Grad-Turn nach backbord gemacht. Das
heißt sie waren geradewegs in die Mitte des Fahrwassers nach Santa Cruz Island
gefahren. Dann wurde es schon schwieriger, denn der nächste Kurswechsel war nur
für jemand zu erkennen, der so viel Zeit auf Booten verbracht hatte, wie
Johannes. Eine lang anhaltende Innenneigung in der Steuerbord-Kante des Würfels
signalisierte ihm, dass eine großzügige Kurve gesteuert wurde, die sie
vermutlich auf oder in die Nähe der eigentlichen Strait of Basilan bringen
sollte. Wäre der angestrebte Kurs die
Insel Basilan, dann müsste bald eine entsprechend großzügige Kurve nach
Backbord folgen. Und richtig, da kam sie. Das Boot hatte eine für die vermutete
Größe kaum berechenbare Geschwindigkeit drauf. Aber Johannes hatte so eine
Ahnung. Bislang hatte er der Legendenbildung über die Piraten- und
Schmuggler-Schnellboote, die zwischen Malaysia und den Philippinen unterwegs
sein sollten, nur zögerlich Glauben geschenkt. Jetzt schien er sich sicher,
dass er an Bord eines solchen nautischen Phantoms gelandet war. Jeweils zwei
mit Kerosin betankte Turbo-Flugzeugmotoren trieben unabhängig von einander aber
wahlweise synchronisiert und stufenlos je eine Schraubenwelle. Es hieß weiter,
die Leistung könne bis 1000 PS reichen und die Geschwindigkeiten dieser
Donnerkeile gingen bis zu 100 Seemeilen.
Es war klar, dass einer, der ein solches
Geschoss lenkte, wahrlich kein Trottel sein durfte. Das musste nun auch
Johannes feststellen. Das Boot hatte merklich die Fahrt gedrosselt und fuhr zur
Kursverschleierung einen merkwürdigen Steuertanz. Johannes versuchte sich in
seinem Käfig mittig zu stabilisieren und glaubte zu spüren, dass eine Acht
gelenkt würde. Aber wo sie aufhörte, fand er nicht mehr heraus. Blieb also das
Raum-Zeit-Kontinuum. Bei den legendären Geschwindigkeiten und derart ruhiger
See ergaben sich erschreckende Dimensionen. Johannes nahm eher nicht an, dass
es in die Sulusee ginge und in die Morosee auch nicht. Denkbar war die
Celebes-See, denn der Mullah hatte von der Inselwelt zwischen Zamboanga und
Malaysia (also dem malaysischen Teil Borneos) gesprochen, und dabei kommt dem
Ortskundigen noch eine besondere Statistik in den Sinn. Von den über 7000
Philippinen-Inseln sind gerade einmal etwas über ein Zehntel offiziell
besiedelt... Im Südwesten hinter Basilan gab es in unmittelbarer Reichweite des
Bootes also Hunderte davon. Was, wenn Jojo nicht die Nerven behielte und
Sicherheitskräfte alarmierte? Hätte er ihm vielleicht doch eine Andeutung machen
sollen?
Johannes hatte gerade das Leuchtdisplay
seiner mechanisch-digitalen Travel-Uhr aktiviert, als sein Gefängnis vom
Sternen-Himmel erleuchtet und er von mehreren Armen in den erlösenden Fahrtwind
gehievt wurde. Es war 2Uhr14, und sie waren unterwegs nach Westen, denn sie
hielten in hohem Tempo auf den Mond zu, der diesen Kurs schon fast hinter sich
hatte. Obwohl sein Herz bis in die Kehle schlug und dort eine fast
unerträgliche Trockenheit verursachte, gab sich Johannes den Anschein größter
Gelassenheit. Ohne das Umfeld direkt zu mustern, machte er aus den Augenwinkeln
folgende Bestandsaufnahme: Er hatte sechs Begleiter in dunklen Kampfanzügen.
Sie trugen leichte, schwarze Strumpfmasken, die Augen, Nase und Mund freigaben.
Jeder hatte an einem Spezialgeschirr vor der Brust eine giftig aussehende,
kleine automatische Handfeuerwaffe. Sein Verließ war - wie er es vermutet hatte
- ziemlich exakt mittschiffs gewesen. Johannes' Füße standen nun auf der Luke.
Er selbst saß von zweien der Kämpfer flankiert mit dem Blick in Fahrtrichtung
auf einer Bank darüber. Vor ihm saßen zwei Mann im engen Cockpit des
See-Boliden. Die restlichen zwei hatten Position auf leicht erhöhten Sitzen
entgegen der Fahrtrichtung rechts und links daneben bezogen, um den Horizont
hinter dem vermutlich gewaltigen Kielwasser zu kontrollieren. Das Boot war
deutlich länger als die 42 Fuß eines Offshore-Powerboats. Johannes schätzte 18
bis 19 Meter. Aber ein Designerpreis würde es wohl nicht bekommen. Die
schnorchelartigen Ansaugstutzen, die rechts und links in sein Gesichtsfeld
ragten, waren klobig und hatten grobe Schweißnähte. Die Deckwalks wie auch die
Luke waren mit einem Gumminoppen-Belag beklebt, wie man ihn in jüngster Zeit
auch in den Flughäfen der Welt fand. Alles war reibungsloser Funktion
untergeordnet. Auch das Cockpit, das Displays für Radar, Echolot und eine Art
AutoNavigator aufwies. Letzterer war zu diesem Zeitpunkt wohl noch weitgehend
geheime US-Militär-Technologie gewesen,
aber das waren Mutmaßungen, die Experten erst später anstellten.
Es wurde kein Wort geredet. Wie auch - bei dem Lärm? - Und es war weit und breit
nicht die Andeutung einer Landmasse zu sehen. Das Meer war spiegelglatt, nicht der leiseste Wind kräuselte die Oberfläche.
Aus der Luft wäre ihr Kielwasser wohl
dank des Mondlichts meilenweit zu sehen gewesen. Dennoch hatte Johannes
nicht das Gefühl, dass dies bereits Höchstgeschwindigkeit war. Das ließ natürlich Spekulationen über
die reale Fahrzeit aufkommen. Eines war klar, bei Tageslicht konnte dieses Boot
nicht so freimütig operieren, und schließlich wollten sie ihn ja um zwölf
zurück gebracht haben.
Der Mond war gerade zur Gänze verschwunden,
als der Bootsführer eine scharfe Kurskorrektur auf Nord vornahm und Vollgas in
die langsam schwindende Dunkelheit gab. Jetzt hatte man das Gefühl, das Boot
hebe sich komplett aus dem Element. Es musste mehr als 100 Stundenkilometer
drauf haben. Nach nicht ganz einer halben Stunde tauchten überall am Horizont
Inseln auf, die sich plastisch abhoben, weil der alles erhaltende Feuerball
rechter Hand begann, die See in glattes Rotgold zu verwandeln.
Als Johannes sein mechanisches Zifferblatt
wieder lesen konnte, waren sie genau 5 Stunden und 25 Minuten unterwegs
gewesen. Das Echolot gab jetzt Töne von sich, ohne dass der Bootsführer die
neue leisere Geschwindigkeit sonderlich weiter drosselte. Sie waren nun in eine
unüberschaubare Ansammlung von Inseln unterschiedlichster Größen hinein geglitten.
Eine halbe Tagesreise nördlich von Manila war Johannes einmal durch eine ähnliche
Ansammlung gepaddelt, den Hundred-Islands-District. Während dort die Inseln
meist karg bewachsene Sandhügel waren, machten diese Inseln hier alle samt den
Eindruck von autarken aber unbewohnten Lebensräumen. Er sah Bäche und
Wasserfälle, kleine flache Sandbuchten, See- und Landvögel, Kokospalmen und
wilde Mangobäume. Jede dieser Inseln im Dunstkreis von Seattles Puget Sound
oder Stockholms Schären, wäre ein Multimillionen-Dollar-Besitz, schoss es
Johannes durch den Kopf. Kein Wunder, dass sie solche Begehrlichkeiten bei
touristischen Visionären weckten.
Die ganze Zeit hatte Funkstille geherrscht.
Jetzt sprach der Bootsführer zwei kurze Worte in ein Head-Set, dass er sich
zuvor übergestülpt hatte. Er hielt dabei unverändert auf einen mit Mangroven überwucherten
Uferstreifen zu. Offenbar war Niedrigwasser, denn auf beiden Seiten des Kurses
waren die Kronen von Korallenriffen sichtbar, ohne dass diese bei der
Mannschaft sonderliche Aufmerksamkeit hervorriefen. Sie schienen wie auf einem
Leitstrahl zu fahren, aber Johannes konnte nicht erkennen, wie diese Navigation
bewerkstelligt wurde. Als sie schon fast am Ufer zu zerschellen drohten, hob
sich auf einmal der Mangroven-Vorhang
vor ihnen. Ganz offenbar hatte man die Pflanzen auf ein starkes Tarnnetz wuchern
lassen, das jetzt von unsichtbaren Händen so weit angehoben wurde, dass das
Boot mit gedrosselten Motoren darunter hindurch schlüpfen konnte.
Sie blubberten im Trottle-Gang einen kurzen
Brackwasserarm hinauf und bogen dann in ein kleines, offenbar künstlich
angelegtes Bassin mit Kaimauern auf der Backbord-Seite ein. Bei dieser Einfahrt
wurde Johannes mit Zeitzünder von einem jähen Entsetzen gepackt.
Zunächst hatte er an einen Geisterbahn-Scherz
gedacht, als er die beiden Masken mit ihren Händen und Füßen links und rechts
von der Einfahrt erblickt hatte. Als er aber den süßlichen Geruch und die
dichten Fliegenschwärme realisiert hatte, die die beiden "Gespenster"
umschwirrten, drehte sich ihm der Magen um. Die einzigen Toten, die der
Reporter in seinen 36 Jahren je zu Gesicht bekommen hatte, waren allesamt eines
natürlichen Todes gestorben und hatten friedlich in ihren offenen Särgen
gelegen. Hier waren zwei Menschen offenbar gekreuzigt worden.
"Traitors scare traitors away",
raunte ihm der Mann zu seiner Linken zu.
"You see, you forget, you talk, you
dead!", hakte der zu seiner Rechten nach.
Um sich wieder in die Gewalt zu bekommen,
legte Johannes seinen Kopf weit in den Nacken und starrte in diese Laubkuppel
von der Größe einer Moschee. Überall in den Bäumen hingen diese überwucherten
Tarnnetze und ließen das zunehmende Morgenlicht nur äußerst spärlich
durchsickern. Im Becken lagen noch weitere fünf Boote ähnlicher Größe und
vergleichbarer Bauweise. Keines glich wirklich dem anderen, was deutlich
machte, dass sie alle aus Schrottresten regelrecht zusammengeschweißt worden
waren. Johannes war sich aber sicher, dass ein jedes im Einsatz von ähnlich
bedrohlicher Effizienz sein würde. Zumal zwei auf dem Bug offenbar auch noch
ein leichtes Schnellfeuer-Bordgeschütz installiert hatten.
Sobald er an Land gesprungen war, hatten
seine nächtlichen Begleiter offenbar jegliches Interesse an ihm verloren. Kein
Gruß, keine Geste - sie verschwanden im Dschungel phantomartig, wie sie
aufgetaucht waren. Eine junge - erstaunlicher Weise - unverschleierte Frau im
Wickeltuch der Sea-Gypsies und mit einer Hibiskusblühte im Haar verbeugte sich
vor ihm und geleitete ihn zu einer schmucken Hütte mit Veranda. Dort war wie in
einem ordentlichen Hotel ein Frühstückstisch gedeckt, von dem ein kleiner Mann
aufsprang, der freudig so tat, als sei ein lang erwarteter, lieber Gast endlich
eingetroffen.
"Herr Goerz! Wie schön, dass Sie es
einrichten konnten. Wie war die Fahrt? Ich bin Kommandant Ibrahim."
Der völlig ausgezehrt wirkende Mann hatte
herzlich die Unterarme von Johannes ergriffen. Er sah eher wie einer der
putzigen Borneo-Uran-Utans aus, als ein Filipino. Und doch durfte man sich
nicht täuschen lassen. Der Mann war eine Killer-Legende und der mutmaßliche
Oberhäuptling aller Insel-Tribes im Süden. Einst - während der Schlacht um die
Strait of Basilan im Zweiten Weltkrieg - der wichtigste Verbündete der
US-Truppen im Kampf gegen die Japaner, war er letztlich zu einem unbarmherzigen
Antiamerikanisten und bekennenden Islamisten geworden. Wenn die Dossiers
stimmten, die ihm der deutsche Kontaktmann gegeben hatte, dann war Ibrahim
jetzt 68 und auf dem Zenit seiner Macht. Ob er wirklich der MNLF zu zurechnen
war, hatten die Quellen jedoch offen gelassen.
Johannes, der damit gerechnet hatte, dass er
höchstens einen seiner Vasallen hätte kontaktieren dürfen, war also ins Zentrum
der Macht verbracht worden. - Was wiederum seinen Informanten wohl als
absolutes Schwergewicht der Nachrichten-Branche auszeichnete. Worauf hatte er
sich nur eingelassen? Jetzt bekamen Nebenperspektiven eine ganz andere
Dimension. Zum Beispiel der Zigaretten- und Medikamenten-Schmuggel. Wenn es
stimmte, was die Dienste errechnet hatten, dann machte so ein Schnellboot nach
Abzug von Sprit und Wareneinkauf allein durch Umgehung des Zolls und infolge
des Kaufkraftgefälles 20 000 Dollar Reingewinn pro Woche. Alle sechs Schiffe
sicherten also dem "Commandante" und seinen Männern fast eine halbe
Million Dollar im Monat. Abzüglich der Monsun-, Taifun- und sonstigen
Schlechtwettertage ein steuerfreies Jahreseinkommen von vielleicht vier
Millionen für Waffen und sonstige militärische Ausrüstung. Wenn, ja wenn, nicht
nur so getan würde, als heilige der Zweck die Mittel. Vielleicht heiligte der
heilige Krieg ja auch nur die ganz private profane Mittelbeschaffung - also die
übliche Habgier...
Nach dem Geduldspiel des Smalltalks bei dem
wirklich feudalen eurasischen Frühstück überraschte Johannes neben der
Kultiviertheit seines Gastgebers nur eines: Sein eigener, mörderischer Appetit
angesichts des gerade visuell Verdauten. Er buchte dies als blanken
Überlebensdrang ab, vielleicht war dieses ja das Henkersmahl.
Die freundliche aber eiskalte Sachlichkeit
seines "Gastgebers" traf ihn erst im Rauch einer dicken
Manila-Zigarre vom Premium-Typ "Don Juan Urquijo". Der Kommandant
hatte sie sich danach im Stil eines Che Guevaras mit Gemütlichkeit angesteckt,
nicht ohne auch Johannes - der sie höflich ablehnte - eine anzubieten:
"Der Tourismus in dieser Region wird immer
auch eine Frage der individuellen Sicherheit sein. Natürlich hätten wir Sie
ganz nett mit einem Pump-Boat wie einen Touristen abholen können. Sie und das
Ministerium sollten aber noch einmal nachhaltig daran erinnert werden, das
südwestlich von Zamboanga nur einer diese Sicherheit gewähren oder in Frage
stellen kann. Ich hoffe nur, Ihr kleiner katholischer Freund hat die Hysterie
im "Aftershock" dämmen und vermeiden können, dass daraus eine
Journalisten-Entführung mit weltweitem Presserummel wird. Dann müssten wir das
hier leider als harte Sache durchziehen."
Johannes überging diese lächelnd vorgebrachte
Todesdrohung und fragte sachlich:
"Es sieht so aus, als könne sich
Präsident Marcos nicht mehr lange halten. Würde eine neue Regierung und tatsächliche
demokratische Verhältnisse etwas an der Situation hier unten ändern?"
Der Kommandant prustete eine Rauchwolke aus,
als sei bei einem alten Moped der Zylinder geplatzt:
"Sie sind wirklich ein Riesen-Baby! Mit
der gleichen Naivität, wie Sie in diese Situation hier gestolpert sind, stellen
Sie politische Überlegungen zu Verhältnissen an, die vielschichtiger sind als
selbst ein spezialisierter Nachrichtenmann wie Ihr Türöffner sie sich
vorstellen könnte. Der militante Islamismus will die dritte Weltmacht werden -
und er wird sich weder an Konventionen noch moralische Spielregeln halten. Die
USA haben viel zu lang in die falsche Richtung geschaut. Wenn das Öl zu Ende
geht, wird sich das Zentrum der Bewegung in diese Region verlagern. Allein auf
Jolo habe ich 20 000 heute schon zu allem bereite Kämpfer mit mindestens
einer automatischen Waffe in der Hängematte."
"Wer immer also hier friedlich in
Tourismus investieren will, muss wissen, dass er in ein potenzielles
Kriegsgebiet investiert. Ist das die Nachricht, die Sie mir mitgeben
wollen."
Ein Kapuzenmann war auf die Veranda getreten
und hatte Ibrahim etwas zu geraunt.
"Ich will Ihnen gar nichts mitgeben. Ich
denke Sie haben sich als Minen-Hund missbrauchen lassen. Sie sind ein
Schönwetter-Journalist. Bleiben Sie dabei! Immerhin hatte Ihr Begleiter
Verstand genug, die Sache nicht eskalieren zu lassen. Danken Sie Allah für Ihre
sichere Heimfahrt."
"Du sollst den Namen Deines Herrn nicht
missbrauchen, heißt es in einem unserer Gebote. InchAllah Kommandant
Ibrahim!"
Sie stülpten ihm wieder eine Kapuze über,
verfrachteten ihn aber in ein anderes Boot. Der vermutlich gleich große
Stauraum war diesmal mit Kunststoff beschichtet und bot keinen Spielraum, weil
er mit kleinen Jutepaketen fast gefüllt war, so dass Johannes genötigt wurde,
sich obenauf zu legen. Es roch nach Tee, und das wolle Johannes gerne glauben,
obwohl dessen Dunst ihm Atemträgheit
bescherte. Es folgte eine wilde Slalomfahrt, bei der Johannes auch wegen der
Bruthitze die Orientierung verlor. Er war weg gedöst und erlangte nur mit Mühe
einen wachen Zustand, als er mit erneut drüber gezogener Kapuze offenbar auf
ein anderes Boot bugsiert wurde.
"Wait ten minutes - then lift the
hood", raunte ihm eine Stimme zu, dann brüllten die Motoren auf und waren
rasch verklungen.
Natürlich wartete Johannes keine zehn
Minuten. Als seine Augen sich an das grelle Sonnenlicht gewöhnt hatten, sah er,
dass es auf seiner Uhr bereits kurz vor elf war. Er saß in einem Segelboot der
Sea Gypsies in totaler Flaute zwischen zwei kleineren Inseln. Aber außer ihm
saß niemand in diesem Boot. Die beinahe senkrecht über ihm stehende Sonne ließ
auch keine weitere Orientierung zu. Nur zeitlich war klar, dass die bisherige
Bootsfahrt nur etwa zwei Stunden gedauert haben konnte. Er würde zu spät kommen
- mit möglichen Konsequenzen.
"Hey Joe! Catching the wind?",
schallte es über die glatte Wasserfläche, als ein Pump-Boat um das Inselchen
tuckerte. Wenig später brachten zwei grinsende Teenager ihr Boot längsseits.
"Where did you come from, where will you
go - Cottoneye Joe?"
"Lunch on the Pink Beach. Is it far away?", fragte
Johannes, der einerseits froh war, nicht mehr alleine zu sein, andererseits so
unter Strom stand, dass er gar nicht gemerkt hatte, dass das Englisch der Buben
Zeilen aus Countrysongs waren.
"If we tow you - half an hour!" Und so wurde Johannes
in munterer Fahrt nach Santa Cruz Island geschleppt, wo er sich um Punkt
11Uhr55 zunächst einmal heftigen Vorwürfen des Bootsverleihers ausgesetzt sah,
weil er Johannes bezichtigte, ohne zu zahlen und zu fragen, das Boot genommen
zu haben.
Alles nur Theater für die Umstehenden, das
war Johannes klar, als er Jojo mit merkwürdig unsicheren Schritten in voller
Montur über den heißen Sand auf sich zu staksen sah. Jojo klammerte sich um
seine Schultern und heulte an seiner schweißglitschigen Brust wie ein
Schlosshund. Als er sich nach nur Sekunden halbwegs gefangen hatte, sprach er
hastig in ein WalkieTalkie, das er an einem Schulterriemen vom Rücken vor den
Mund zog. Innerhalb weniger Minuten brausten zwei Kampf-Hubschrauber über den
rosafarbenen Korallensand auf die Strait of Basilan hinaus. - Reine
Spritverschwendung, das war Johannes nach den letzten zwölf Stunden klar
geworden.
Später sollte Jojo diese Momente vor der
Brücke von Rio Hondo und auf dem gleißenden rosa Strand von Santa Cruz als sein
"Geisterstarren" erklären. Er scheute sich auch nicht, sie als
Stunden seiner speziellen Erkenntnis unter dem Titel "Body-Guard im
falschen Körper" bei einem Interview mit einer deutschen Illustrierten so
zu beschreiben:
"Ich war ein 28 Jahre alter Hetero,
der bis dahin niemals auch nur die kleinsten homosexuellen Anwandlungen gehabt
hatte. Bei dem Job hatte ich im Auftrag meines Ministeriums einen deutschen
Journalisten zu begleiten. Kein gut aussehender, aber ein ganz besonderer Mann,
der ohne Furcht, Vorurteile und als echter Menschenfreund mit großer sozialer
Kompetenz seinen Job machte. Meine Vorgesetzten sprachen zwar hinterher von
politischer Naivität und grenzenlosem Leichtsinn, aber ich weiß es besser. Nach
drei Wochen engsten aufeinander angewiesen Seins, traf mich innerhalb von
Sekunden die Erkenntnis, dass ich mich in diesen Mann verliebt hatte. Ich war
immer durchaus zufrieden mit meinem männlichen Körper gewesen, pflegte ihn und
setzte ihn auch zu größter Zufriedenheit des anderen Geschlechtes ein, seit ich
sechzehn war. Es ging also nicht darum, dass ich von einem auf den anderen
Augenblick schwul geworden wäre - oder so. Nein, ich bedauerte nur zutiefst und
zunächst absolut ohne sexuelle Komponente, dass ich diesen Fleischberg der
eindeutig heterosexuell war, nicht als Frau lieben konnte. Diese Feststellung
und die Erkenntnis, dass ich als Liebhaber und beflissener 'Dienstleister' niemals in den Genuss der richtigen Gefühle
gekommen war, waren wohl dieAuslöser für meinen - wie ich es nenne -
Spurenwechsel gewesen."
West-Berlin, März 1989
Hatte sich das Rad der Geschichte in der
zweiten Hälfte der 1980er tatsächlich deutlich schneller gedreht oder war es
nur Johannes mit seinen instinktiven Sensoren so vorgekommen? Die
Internationale Tourismus Börse (ITB) in Berlin zeitigte eine Stimmung wie eine
geschüttelte Champagner-Flasche kurz bevor der Korken herausschoss. Dabei war
es noch gut ein Dreivierteljahr hin bis zu Schabowskis historischen Stolpersätzen und dem Fall der
Mauer. Auch die "touristische Welt" stand vor einer kompletten
Neuordnung.
Da war die Tatsache, dass die Amerikaner
ihren Freund Ferdinand Marcos im letzten Moment noch ausgeflogen und ins Exil
auf Hawaii verbracht hatten schon eher zu einer verblassten Marginalie
geworden. Und es hatten in der Folge auch keinen mehr die Berichte sonderlich
interessiert, die Johannes in akkurater Pflichterfüllung über seine Reise in
den Süden verfasst und an die entsprechenden Stellen weiter gereicht hatte.
Auch er hatte sie - um ganz ehrlich zu sein - längst in den hinteren Regalen
seiner Erinnerung abgelegt.
Überall waren auf der Welt schon neue
Reise-Erleichterungen in Kraft getreten. Das chinesische Riesenreich lockte mit
Traumzielen, und der einst Eiserne Vorhang war an den meisten Stellen für
Reisende nur noch ein Gaze-Hauch. Auf der ITB herrschte eine Art
Goldrausch-Stimmung. Die Zeitschriften, die Johannes redigierte, platzten vor
Anzeigen aus allen Nähten, was die euphorisierten Verleger dazu ermuntert
hatte, neben dem Medien-Büro im Übergang zum International Congress Center
(ICC) auch einen veritablen Messestand gestalten zu lassen.
Johannes hasste diese Schaukasten-Präsenz,
und noch mehr ging es ihm auf die Nerven, sich in Anzug und Krawatte zwängen zu
müssen. So oft es ging, floh er vor dem Messetrubel in das vergleichsweise
ruhige Medienbüro, wo eine Miet-Sekretärin die Stellung hielt:
"Herr Goerz, da hat ein
Deutsch-Philippinischer Frauenverein schon ein paar Mal angerufen. Die wollen
Sie morgen Abend unbedingt als Teilnehmer für ein Diskussionsforum im ICC. Ich
habe denen schon gesagt, dass Sie ohnehin schon so viele sich überschneidende
Veranstaltungen haben. Aber dann hat der Botschafter aus Bonn persönlich
angerufen und gemeint, Sie kämen doch bestimmt, um der Staatssekretärin Ihre
Aufwartung zu machen. Jetzt ist gerade das FAX mit der offiziellen Einladung
gekommen."
Johannes studierte das FAX und verlor die
Fassung.
Der höchst ehrenwerte Botschafter der
Philippinen bat den sehr geehrten Chefredakteur darum, die ihm höchst zugetane
Staatssekretärin bei diesem Forum mit seiner bekannten Sachkenntnis zu
unterstützen.
Das Thema:
"Sex, Drogen und die Kinder der Dritten
Welt - Tourismus auf Abwegen" - Referentin und Leiterin des Forums:
Die ehrenwerte
Staatssekretärin Jojo Agrava M.O.T.
Fünf Minuten später, nachdem er sich ein
wenig erholt hatte, versuchte Johannes zu analysieren, wieso er derart
geschockt reagiert hatte. War das Bild, was er von sich selbst hatte, nicht das
eines absolut aufgeklärten und für alles Verständnis habenden Humanisten? War
er wirklich so frei von Vorurteilen, wie er es gerne gehabt hätte? Auf einmal
fielen ihm alle Berührungen und Gesten von Jojo wieder ein. Was war ihm jetzt
peinlich? Dass er sie zugelassen, dass er nichts "gemerkt" hatte? War
es dieser Anfall von absoluter Hilflosigkeit, der ihn auf einmal - vor allem
fünf Jahre später - gepackt hatte?
Im ersten Moment wollte er kneifen. Es war ja
sehr leicht, vor zu geben, man hätte ihn nicht erreicht. Aber Hallo! War er
nicht einer der Letzten gewesen, der dem jämmerlich an Krebs eingegangenen
"Commander Ibrahim" weitgehend furchtlos entgegen getreten war? Und
jetzt würde er - eines Weltmannes unwürdig - einer Situation ausweichen, die
eigentlich den natürlichsten Umgang überhaupt verlangte? Nein!
Man muss sagen, Jojo machte es Johannes so
leicht, wie er es nicht erwartet hatte. Sie sah einfach so hinreißend aus, dass
dem Womenizer Johannes schlicht nichts anderes übrig blieb, als ihr
vorbehaltlos zu verfallen:
Sie trug ein schlichtes rotes Kostüm und eine
Bluse die exakt dem Farbton ihrer blauschwarzen Lockenpracht entsprach. Ihr
Hals war nicht mehr so muskulös, aber das Kaschieren tat ihm immer noch gut.
Die hochhackigen Pumps gaben den unverändert muskulösen Beinen ein wenig
streckende Grazie. Den Rest hatten offenbar die bereits abgeschlossenen
Hormonbehandlungen abgerundet und ausgebuchtet. Wenn das überhaupt möglich war,
sah sie als Staatssekretärin noch hinreißender aus als einst
bei ihrer ersten Begegnung im Kostüm der Rokoko-Patrizierin. Er küsste
sie in vollkommenen Überschwang zunächst auf beide Wangen und dann auf die
dicken Handknöchel, die sich natürlich nicht mehr hatten zurückbilden können.
Zu reden brauchten sie nichts. In ihren Augen
schwammen bei beiden ein wenig die Tränen, aber das war keine Larmoyanz,
sondern nur pure Freude des Wiedersehens.
Jojo hielt auf Deutsch einen brillanten
Vortrag, der nicht die Sehnsucht nach exotischer Erotik verteufelte, sondern
das ausbeuterische und nicht selten strafbare Heischen nach einer Sexualität in
der Fremde, die man sich zu Hause nicht zu erfragen traute oder einen auch
schlicht hinter Gitter brachte.
Als sie zum Schluss kam, blieb
Johanns für einen Moment das Herz stehen:
"Meine Damen und Herren, ich danke für
Ihre Aufmerksamkeit und bitte Sie, meinen Argumenten vor allem deshalb zu
glauben, weil ich sie als eine Art Borderlinerin der Sexualität aus einer
besonderen Perspektive gewinnen konnte.
Ich war bis vor wenigen Jahren
noch ein Mann mit ganz normalen Trieben. Hier neben mir sitzt ein Journalist,
dem ich in dieser Hinsicht nicht nur sehr viel verdanke, sondern der durch
seine Kenntnis der touristischen Verhältnisse in der so genannten Dritten Welt
mir auch besonders geeignet scheint, die anschließende Diskussion zu
moderieren,"
Abends saßen sie im Restaurant vom Kempinski,
weil man da vor Spesenrittern der Branche, die einen hätten beobachten können,
wegen der horrenden Preise am ehesten geschützt war. Eine Zeit lang plänkelten
sie in ihrer Unterhaltung mit Erinnerungen an die gemeinsame Reise dahin - vor
allem indem sie die Kreationen der "Nouvelle cuisine" ins Verhältnis
zu Seeigel-Ragout und Mangas mit Krabbenfüßen setzten. Aber dann ganz
plötzlich:
"Ich habe dich überrumpelt -
nicht?"
"Ja, schon ein wenig."
"War es dir peinlich?"
"Wie soll ich sagen?"
"Dafür hast du die Diskussion aber
ziemlich souverän geleitet, obwohl sie ja anfangs wegen meines Outings fast auf
eine Thema-Verfehlung hinausgelaufen wäre..."
"Du wirst sehen, dass wir morgen das
Yellowpress-Thema der Stadt sein werden. Sie werden vor allem auf dich Jagd
machen."
"Das hatte ich vor. Wenn ich damit das
Thema voranbringe..."
"Was wird dein Minister dazu
sagen?"
"Er hat mich doch zu seiner
Staatssekretärin gemacht. Oh, er lässt dich übrigens herzlich grüßen und hofft,
dass du bald mal wieder unser Gast sein wirst."
"Er hat überhaupt keine Probleme mit
deiner - hm - Verwandlung gehabt?"
"Du weißt ja, er ist Pragmatiker und
obendrein ein charmanter Zyniker. Als erstes hat ihm gefallen, dass er durch
mich als Staatssekretärin in seinem Büro eine Body-Guard-Stelle für ein anderes
Budget frei hatte. Denn ich trage in Manila und auf gemeinsamen Reisen immer
noch meine Waffe und bin Teil seines Personenschutzes. Zweitens hat er mir sehr
einfühlsam dabei geholfen, mit der neu erworbenen Funktion in meinem Unterleib
klar zu kommen. Du bist übrigens der Erste, der nicht gleich gefragt hat, was
da abgelaufen ist. Bist du gar nicht neugierig? Willst du gar nicht wissen, ob
ich tatsächlich wie eine Frau funktioniere?"
"Nein, das ist mir eigentlich zu
intim."
"Ich finde, du musst es wissen, denn
ohne dich hätte ich den Spurenwechsel vielleicht nie vollzogen. Ich war so
verzweifelt, wie eine Frau bei einer heimlichen unerwiderten Liebe nur sein
konnte. All die Schmerzen! All die Hormonschwankungen obwohl die
philippinischen Spezialisten auf diesem Gebiet der Chrirurgie wahrscheinlich
die besten der Welt sind. Es ist übrigens komisch, dass die Transsexualität
offenbar im Bereich des Äquators besonders häufig vorkommt. Vor zwei Jahren war
ich auf einem einschlägigen Kongress in Rio. Es ist verblüffend wie viele
verschiedene Operationsvarianten es mittlerweile gibt. Willst du es wirklich
nicht ausprobieren, und sag mir nicht nein, weil du verheiratet bist."
"Würdest du bitte, bitte das Thema
wechseln."
"Du hast Angst, dass ich mich unter der
Gürtellinie als Monster entpuppe. Ich habe es meiner Schwester gezeigt, die war
absolut neidisch; nicht nur wegen der fehlenden Monatsregel."
"Würdest du bitte aufhören! Ich kann
nicht, weil ich die Sache nicht aus dem Kopf bekäme."
"Was für eine Sache?"
"Ich glaube ich würde davon impotent,
mit einer Frau zu schlafen, die vielleicht mal einen größeren Penis gehabt hat
als ich selbst", versuchte Johannes die verzweifelte Situation mit einem
gequälten Scherz zu entkrampfen...
Jojo und Johannes sahen sich nie wieder.
Der islamische Fundamentalismus wählte den Weg des Schreckens, bei dem die
Geiselnahme gewissermaßen zum "Tagesgeschäft" geriet. Im April 2000
stürmte ein Terrorkommando der Abu Sayyaf eine Tauchbasis auf der malaysischen
Insel Sipadan und verschleppte unter anderen auch eine deutsche Familie nach
Jolo. Seither sind mehrere Tausend US-Soldaten auf der fast 900
Quadratkilometer großen Insel in der Sulu-See stationiert, um die etwa 300 000
Einwohner im Schach zu halten. Doch trotz ständiger Terrormeldungen aus dem
Irak, aus Afghanistan, Pakistan und dem Nahen Osten gelten die Südphilippinen bei
einschlägigen Experten noch immer als die am meisten vom täglichen Terror
heimgesuchte Region der Welt.








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