Dienstag, 25. Juni 2013

Ronny

Um die nächsten Monate im verwirrten, vom Wege abgekommenen Leben von Johannes Goerz zu verstehen, sollten die Leser etwas über den Beginn dieses "Lebenslaufes" wissen...

Die stete Vergegenwärtigung des zweiten Deutschen Unrecht-Regimes begann für Johannes schon in den 1950ern beim Baden an der Lübecker Bucht oder bei Wanderungen in Lauenburg östlich von Hamburg. Johannes, der nach Westen durch die Reiselust seiner Eltern, schon seit er kaum laufen konnte, ein vielfältiges Europa mit unbeschränkt durchlässigen Grenzen hatte erleben dürfen, begriff Warnschilder und Wachtürme mit Fernglas schwenkenden Stahlhelm-Trägern paradox als "unbegreifliche" Bedrohung. Schlimmer noch prägte sich die Verwahrlosung im Niemandsland zwischen den beiden deutschen Staaten ein. Das aus Mangel an historischem Hintergrundwissen simpel abstrahierende Kinderhirn speicherte also eine permanente Bedrohung oder zumindest ein zunehmendes Unbehagen, das von den "anderen Deutschen" ausging. Wie er kürzlich herausfand, ging es vielen seiner Altersgenossen genau so. Und wenn es in der Folge mit wachsendem Verstand und zusätzlichem Wissen einige Abbuchungen vom Konto dieses Unbehagens gab, so wuchs es doch so an, dass er sich einen Ausgleich nie mehr vorstellen konnte. Natürlich folgte auch er als Schüler den sentimentalen Aufrufen und stellte in der Weihnachtszeit abends Kerzen für "die drüben" ins Fenster. Aber er bekam auch mit, wie das Familien-Leben der Goerzens vom "eisernen Vorhang" tangiert wurde, obwohl die gar keine familiäre Bindungen in die DDR, wohl aber durch Geburt (Walter und Vera) ins geteilte Berlin hatten. Und allein schon die Umstände dort hin zu gelangen, waren prägend.
 
  Was den Status als Geheimnisträger der ersten Kategorie anging, so begegnete Johannes' Vater diesem rückbetrachtet wie Parzival aus Iwein, der deutschen Variante der Artussage - als tumber Tor gewissermaßen. Er ignorierte - was ihn als politische Person anging - die Bedeutung des zu seinen Aufgabenfeldern gehörenden Hamburger Freihafens als Ladestation für das Waffenarsenal der "alliierten Schutzstreitkräfte". Er hatte über seinen Künstler-Club zudem Umgang mit Freidenkern und Kunstschaffenden, die die nach Europa schwappende McCarthy-Hysterie schlicht als kommunistische Agitatoren klassifizierte. Und als 1955 die Bundeswehr kam, gehörten auch deren Liegenschaften auf einmal erschwerend in seinen Verwaltungsbereich.
  Zu dem nachrichtendienstlich "unsicheren Profil" seines Vaters trug aber nun auch - man möchte es heute kaum noch glauben - die unumstößliche Tatsache bei, dass die Vita von Walter Goerz absolut keinen einzigen braunen Flecken aufwies, der des berühmten "Persil-Scheins"  bedurft hätte. Viele höhere Dienstgrade der rund 12.000 Bundeswehrsoldaten der ersten Stunden waren hingegen zum Teil (mitunter schwer) vorbelastete Angehörige der ehemaligen Reichswehr gewesen...
  Mit bloßem Auge (oder war es doch das Fernglas des Zeltnachbarn?) - meinte Johannes sich erinnern zu können - hatten sie im Sommer 1956 von ihrem Strand südlich vom Ostseebad Dahme aus zugesehen, wie die Deutschen und Russen (?) drüben am anderen Ufer der Bucht als Reaktion auf die westdeutsche Wiederaufrüstung ihre Grenztruppen verstärkt und schweres Kriegsgerät in Position gebracht hatten. Zum Kriegsgetrommel kam, dass die Briten vom Schießplatz bei Hohwacht zur Bestätigung ihrer Präsenz - mit Vorliebe während dieser Ferienwochen - auf fliegende Attrappen über der Ostsee schossen.
 
  Zu dem teils bizarren Menschen-Zoo, den sein Vater sein Leben lang ohne Argwohn und aus reinem Interesse an sonderbaren Individuen (im Laufe der Jahre stetig wachsend und unter treuer Pflege per Briefkontakt) angelegt hatte, gehörte ein kleiner, im Prinzip staatenloser, aber dennoch oder gerade deshalb jovialer Mann. Der lebte auf einem Hausboot im Hamburger Freihafen direkt am Pier vor seiner Produktionsstätte. Johannes freute sich jedes Mal, wenn er auf seinen Spaziergängen mit seinem Vater auf dem Boot vorbeischaute, denn es barg für Kinder unerhörte Schätze wie "Buddelschiffe", afrikanische Stammesmasken, historische Waffen, und mit den alten Fotografien, die dicht an dicht die freien Bootswände innen bedeckten, wurden Sehnsüchte nach Freiheit und Abenteuer geweckt.
  Der Vater von Johannes hatte jedoch auch noch einen anderen Grund, den Mann regelmäßig aufzusuchen, und der war nicht nur auf die Tatsache zurückzuführen, dass die gepachtete Fabrikhalle für dessen Produktion zum Bundesvermögen gehörte. Boris Barylli, eine Kombination aus Louis de Funes und Dany DeVito mit Fadenbärtchen, hatte eine geniale Geschäftsidee gehabt. Selbst Vertriebener, Gefangener, Internierter zweier großer und einiger kleiner Kriege hatte er die Bedeutung von Stacheldraht im wahrsten Sinne des Wortes oft genug am eigenen Leib erfahren und folgende Erkenntnis gewonnen: So lange die Menschen nicht in Frieden leben, werden sie Stacheldraht brauchen, um sich oder andere ab- oder auszugrenzen.
  Zu dieser Erkenntnis kam ein schlaues geschäftliches Konzept. Mit dem Rückgang des Bergbaues und der Zunahme von Bergbahnen für das Freizeitvergnügen fielen Drahtseile und Förderkabel als Schrott an. Dieser Schrott wurde zollfrei in den Hamburger Freihafen eingeführt, "enttüdelt" und wie Boris, das kosmopolitische Chamäleon  - es in astreinem Hamburger Singsang, dem "Missingsch", nannte  - als "bangich feinen neuen Stocheldroht"  ebenso zoll- wie steuerfrei in alle Welt exportiert. Der Vater von Johannes wiederum leitete von Informationen über Baryllis Auftragslage für sich privat Tendenzen zur allgemeinen Weltsicherheitslage ab.
  Als Barylli die Liegegebühren für sein Hausboot mit dem wachsenden Wirtschaftswunder zu hoch wurden, fragte er eines Tages bei Walter Goerz an, ob etwas dagegen einzuwenden sei, wenn er das Hausboot auf das Dach der Werkshalle hievte. Fortan lebte Boris, der Gestrandete, in einem Hausboot auf dem Dach seiner Fabrik und wurde viel später als wahrer "Drahtzieher" zu einer Art Vordenker des Hamburger Freihafens...
 
  Dass die Goerz-Familie ihre ausgedehnten sommerlichen Ferien-Exkursionen ausgerechnet in der neuerlichen Permafrost-Zeit des kalten Krieges nach Osten verlagern wollte, verbesserte den suspekten Status ihres Oberhauptes vermutlich nicht. Dass sie 1958 alle fünf  - eingequetscht in einen „VW-Käfer“ (mit für mehr Stauraum herausgenommener Lehne der Rückbank) - dennoch durch Tito-Jugoslawien und im Transit-Konvoi durch Bulgarien nach Istanbul reisen durften, war nur vermeintlich ein Sieg der väterlichen Blauäugigkeit. Was war das damals noch für eine Abenteuerreise gewesen: Johannes begriff erst später nach und nach die "edle Einfalt" seines gramgebeugten Erzeugers beim Schaffen und Nutzen eigener Netzwerke. Es kam schon bei der zweiten Reise dieser Art, die sie 1960 bereits von München aus unternahmen, einerseits zu Erleichterungen, andererseits aber auch zu unheimlichen Begegnungen der wundersamen Art. Dieses Mal ging es bis nach Persien - da aber nur noch zu viert ohne die nun arbeitende Ulla und ohne den Transit-Konvoi durch Bulgarien! 
  Um die vermeintlich freien Reisebedingungen zu verstehen, müssen zunächst die neuen Wohnverhältnisse der Goerzens in München beschrieben werden:
 
  Johannes und sein Vater waren die ersten, die zwei von den US-Streitkräften geräumte Reihenhaus-Reihen einer Siedlung mit Dienstwohnungen im feinen Münchner Bogenhausen bezogen. Gemessen an der "Dienst-Behelfswohnung" in Hamburg war dieses Haus ein geräumiger Palast, dessen viele Zimmer zunächst nur zu füllen waren, weil das Möbeldepot des amerikanischen Konsulats mit äußerst repräsentativen Stücken aushalf. Um wenige Wochen versetzt zog dann auch der neue US-Vizekonsul Trevor Tight  gleich in zwei Häuser jenseits des Spielrasens, aber direkt gegenüber. Tight und seine rothaarige, grünäugige und unendlich schöne irische Frau (ja, die Klischees) brauchten beide Häuser mit Durchbruch, weil sie zehn Kinder unterbringen mussten, während Nummer 11  - beim Einzug bereits deutlich sichtbar - unterwegs war. Je drei hatten sie in ihre zweite Ehe (verwitwet, nicht geschieden, da streng katholisch) mitgebracht. Der Rest der Orgelpfeife, die sich jeden Sonntag brav für die Oberföhringer Kirche fein machte, war Gemeinschaftsarbeit. Tight war äußerlich ein wie Walter Goerz früh ergrauter Schönling von sensibler Sanftmut, was prima über die Tatsache hinwegtäuschte, dass er in Wahrheit ein knallharter Nachrichten-Mann war. Sein Nachbar war Josh Millar, ein hawaiianisch aussehender Jude mit einer kleinen quirligen Frau und zwei wie Indianerkinder anmutende Mädchen, die mit ihrem Temperament die ganze Nachbarschaft aufmischten. Millar war einer von drei Topagenten, die, wie DER SPIEGEL ein paar Jahre später aufdeckte, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs dazu ausersehen gewesen waren, mit einem Himmelfahrtskommando die "Alpenfestung" zu knacken, falls Hitler sich samt seiner Entourage aus dem eingekesselten Berlin in das ausgespähte Areal zurückgezogen hätte. Die restlichen drei Häuser der "amerikanischen Reihe" wurden nach Dienstgraden von  "Marines" bezogen, die das US-Konsulat in der Königinstraße zu beschützen hatten.
  Innerhalb eines halben Jahres formierte sich auch die "Deutsche Reihe": Neben die Goerzens zog Oberstleutnant Alzmüller mit Frau und zwei Kindern (ein drittes war unterwegs). Alzmüller war das beim MAD (Militärischer Abschirmdienst), was wiederum sein Nachbar,  Alexander Graf von Nedwitz, für die Bundesvermögensverwaltung war: Abteilungsleiter innere Kommunikation.
  Bundesvermögensverwaltung war einer der - leicht mit der Bundesvermögensstelle zu verwechselnden - Tarnnamen für die vom südlichen Münchner Vorort Pullach  koordinierten "Deutschen Dienste", die Ex-General Reinhard Gehlen schon seit 1945 unter US-Patronat wieder hatte aufbauen dürfen. Der Graf und seine wie eine Zwillingsschwester von Marlene Dietrich aussehende Gemahlin waren kinderlos. Sie machten zudem keinen Hehl daraus, dass sie irgendwelchen verlorenen Herrensitzen im Osten nachtrauerten und sich im Übrigen in der eher spießigen Nachbarschaft deplatziert vorkamen. Zumal Vlad Vermes, der nächste Nachbar ein osteuropäisches Image pflegte, das von seiner exotisch, slawisch schönen Frau degoutant mit knoblauchschweren Kochorgien unterstrichen wurde. Die Vermes hatten zwei heranwachsende Söhne. Der jüngere war im Alter von Johannes und wurde ein Wegbegleiter bis zur Gegenwart.
  Ob diejenigen, die für diese Konstellation verantwortlich waren, all die miteinander spielenden Kinder als Sicherheitsrisiko billigend in Kauf genommen  oder ob sie die vermeintliche Gefahr einer "infantilen Enttarnung" schlichtweg unterschätzt hatten, lässt sich auch im Rückblick nur schwer feststellen. Es ist jedoch eine Tatsache, dass die Kids - die sich bereits in "Denglish" unterhielten, ehe dieser Begriff geprägt wurde - innerhalb der nächsten Jahre alles über alle wussten. Auch über die restlichen beiden Familien in  der "deutschen Reihe" mit  fast erwachsenen Töchtern und Söhnen, zu denen die Rasselbande keinen Kontakt pflegte.
  Vater Offenbacher im vorletzten Haus arbeitete bei Alzmüller in der Abteilung und war eigentlich der Dienstältere gewesen, aber wegen eines leichten Alkohol-Problems bei der Beförderung übergangen worden. Was Teufel Alkohol in der Folge nach und nach die Oberhand gewinnen ließ. Mit dieser "Oberhand" griff er dann gelegentlich den flügge werdenden Nachbarstöchtern an Stellen, deren Berühren ihn heutzutage wegen sexueller Nötigung in den Knast gebracht hätte. Als Johannes' frühreife Schwester Vera - zu jenem Zeitpunkt der Jungfernschaft längst verlustig - behauptete, man müsse sich bei Offenbacher regelrecht "seiner Haut" wehren, löste sie in ihrer Familie indes nur zynisch zotiges Gelächter aus. O tempora! O mores!
  Für die Kinder der spannendste Nachbar war jedoch Major Carl Leonhardt im letzten Haus der Deutschen Reihe. Er konnte in Gurkeneimern aus in den Haushalten gängigen Chemikalien und Putzmitteln zu Silvester herrlich farbig krachende "Feuerwerkskörper" basteln. Die gesamte internationale Nachbarschaft  erstarrte vor Neid und Schreck, bevor sie beim nächsten Jahresende begeistert jubelte und das "Aufrüsten" mit eigenen Raketen und Böllern unterließ.
  In dieser (ge)heimeligen Konstellation hatte der Vater von Johannes eine Schlüsselposition, weil die Behörde, der er vorstand, sowohl für die Liegenschaften in Pullach als auch die der Bundeswehr verwaltungstechnisch zuständig war. Tatsächlich war er auch für die Wohnanlage übergeordnet verantwortlich, in der er nun selbst mit seinen geheimnisvollen Nachbarn wohnte.
  Unter diesen Vorzeichen war die Genehmigung der zweiten Reise nach Osten einerseits ein Wunder und andererseits nun doch wieder nicht. Die Unbedenklichkeit wurde quasi durch "Arrangements" gewährt, die unterwegs für die Goerzens getroffen wurden: Voraussetzung war wohl, dass an den strategisch bedenklichen Orten auf das so lieb gewordene Camping verzichtet wurde. In Belgrad traf man im Putnik-Hotel zufällig Freunde von den Vermes. In Sofia speisten sie beim amerikanischen Konsul, der beim Dinner von Tight als Kampfgenossen im Korea-Krieg schwärmte, und in Istanbul räumte ein hoher türkischer Nato-Offizier einen Teil seiner Wohnung, um die verrückte deutsche Familie, die er gar nicht kannte, "sicher" unterzubringen. - Sein Freund, Major Leonhardt, hatte ihn darum gebeten. In Ankara eilte ihnen ein eifriger Botschaftssekretär entgegen und meinte laut und für alle hörbar, man hätte ja schon sooo auf sie gewartet.  - Nur weil sie zwei Tage später eingetroffen waren als avisiert. 
  Schuld an der Verspätung war der Stadt-Kommandant im persischen Täbris gewesen. Er hatte als einziger Zicken gemacht. Wohl weil in jenem Moment gerade mal kein westlicher Dienst Zugriff auf ihn hatte. Er gehörte der antiamerikanischen Gruppierung des ehemaligen Ministerpräsidenten Mossadegh an, die wenig später erneut versuchen sollte, den Schah  zu entmachten (beseitigen?).
  Zwei Tage wurden die vier Goerzens festgehalten, ehe er sie großspurig vorführen ließ, um der Blut und Angst schwitzenden Familie nach einem langen Loblied auf Adolf Hitler und eine Tirade gegen Israel die konfiszierten Pässe samt sofort zu verwendenden Rückreise-Visen auszuhändigen. Johannes verstand von all dem nichts, aber er begriff sehr wohl schon, was die Hand eines der Sicherheitsoffiziere, mit dem er auf der Rückbank saß,  in seiner Unterhose suchte, als sie in  amerikanischen (!) Straßenkreuzern zum Hotel zurück chauffiert wurden.
   Hatten die politischen Seismographen im Hirn seines Vaters im Vorfeld des Kommenden warnend ausgeschlagen? Man weiß es nicht genau. Statt eines exotischen Ziels wurde 1961 eine ebenso umfassende wie unverfängliche Nordland-Reise für die großen Ferien in Angriff genommen, die die Familie just an jenem Tag wieder sicher (?) auf deutschem Boden sah, als der dritte Weltkrieg drohte.
  Am 13. August hatten die Vopos und Volksarmisten der DDR damit begonnen, in Berlin eine Mauer gegen die permanenten "imperialistischen Übergriffe" des Westens hochzuziehen. Ein Vorgang, der Johannes' Kindheit - wie er heute meint - von einem Tag auf den anderen beendet hatte. Mag sein, dass ihn das in den Leseorgien angeeignete Wissen infolge der gerade überwundenen schweren Erkrankung schon vorher in eine Art Übergangsstadium versetzt hatte. Die Wut über die von Walter Ulbricht in sächselnder Fistelstimme vorgetragenen Absurditäten entsprach bereits einem erwachsenen, politischen Bewusstsein - auch wenn der Kopf noch auf einem braungebrannten nur mit Badehose bekleideten Knabenkörper saß.
  Während die Gleichaltrigen nun bald darüber stritten, ob die Beatles oder die Rolling Stones die tollere Musik machten oder auf schummerigen Knutschpartys getwistet wurde, bis die Körper trieften - es  gelang Johannes schon da nicht, seine erneut wachsenden Urängste zu verdrängen. Und die Zeit war auch nicht angetan dazu.
  In den drei Jahren bis zum Eintritt der USA in den Vietnam-Krieg 1964 passierte so einiges, was den Fortbestand der Erde in Frage stellte und selbst historisch orientierte Erwachsene überforderte. Da feierte die Welt den charismatisch jugendlich wirkenden US-Präsidenten für seine Worte "Ick bin oin Balina" , dann obsiegte er sogar im Atom-Poker der Cuba-Krise und ein Jahr später war er auch schon tot - ermordet unter mehr als mysteriösen Umständen.
  Johannes, der in dieser Zeit regelmäßig wegen der bevorstehenden Konfirmation in die Kirche ging, registrierte, dass die ansonsten eher schütter besuchte evangelische Kirche in Bogenhausen vom September 1962 bis Weihnachten 1963 an ihre räumlichen Kapazitätsgrenzen stieß. In einer aus ansteckender Angst  geborenen Solidarität stürmten die Menschen - ob gläubig oder nicht - die Gotteshäuser. Die Volksrepublik China wandte sich von den Russen ab. Tito hatte sein Vielvölker-Jugoslawien fast unbemerkt auf einen eigenen Kurs gesteuert. Nur die DDR war ehrgeizig genug, russischer zu sein als die Russen selbst. Der tägliche Gräuel an der innerdeutschen Grenze wurde angesichts des drohenden Weltuntergangs für Monate zweitrangig, als folgte alles einer Art Masterplan.
  Es existierten daher in der Folge 870 km Grenzzaun, dazu auf 440 km Selbstschussanlagen SM-70, 230 km Minenfelder Typ 66, 602 km Kfz-Sperrgräben und 434 Beobachtungstürme. Flüchtige wurden als „Republikflüchtlinge“, die "rübergemacht" hatten, diffamiert; ihre zurückgelassenen Familien waren Repressionen bis hin zu langen Zuchthausstrafen ausgesetzt. Über 400 registrierten, vorsätzlichen Tötungen stand eine bis heute ungeklärte Dunkelziffer von tödlichen Schicksalen an Mauer und Todeszaun gegenüber. Johannes wollte dies alles selbst in dem Moment nicht vergessen, da nur noch museale Stücke dieses durchaus mit den KZs zu vergleichenden Horrors übrig geblieben waren. Die in solchem Unrecht meist allein und für sich Gestorbenen hätte die Zahl der Mitgefallenen gewiss nicht interessiert. Scheinheilige Moralisten versuchten trotz dessen eine abwägende Quantifizierung des Leidens unter Nazi- oder DDR-Lebensbedingungen.
 
  Als die Ungarn sich schon 1956 nach Stalins Tod aus der Umklammerung des Russischen Bären lösen wollten, war Johannes noch zu klein, aber da seine Mutter Rita akribisch jede Ausgabe des SPIEGEL von der ersten Nummer an gesammelt hatte, war er in der Lage, die damalige Stimmungslage durch Nachlesen nach zu fühlen, als aus der Tschechoslowakei bereits ab 1964 gegen den eisigen Wind Signale einer ähnlichen Entwicklung zu vernehmen waren.
  Es begann mit touristischen Erleichterungen. Ob der mit Östlichem betraute Nachbar Vlad Vermes den Goerzens die Pfingst-Reise nach Prag 1964 irgendwie als Floh ins Ohr gesetzt hatte, gibt die Erinnerung nicht mehr preis. Aber es war wohl so, dass der entscheidende Impuls für die Fahrt in die Goldene Stadt von Johannes selbst ausging, denn er wünschte sich nichts weiter als diese Reise als "Konfirmationsgeschenk".
  Über die möglichen Schwierigkeiten seines Vaters für die Genehmigung dieser Reise wurde im Familienkreis nicht diskutiert. Als sie erteilt wurde, ging es mit dem Ford 17M los, und es wurde bei all den Reisen, die Johannes noch unternehmen sollte, bis heute eine der eindrucksvollsten und schönsten, da sie aus einem neuen, persönlichen Bewusstsein heraus wahrgenommen und mit der ersten eigenen Kamera festgehalten wurde.
  Gemessen an der renovierten Wirtschaftswunder-Pracht von heute, wirkte das Prag von 1964 nicht golden, sondern eher düster und achtlos dem tristen Verfall  preisgegeben. Aber in dieser morbiden Schönheit schwelgte Johannes, weil er überall auf Lebenslust stieß. Dieses Pfingsten war vom Wetter her  wechselhaft, aber die Einheimischen waren es nicht. Sie genossen den Frühling, der noch nichts von jenem Horror ahnen ließ, der dem "Prager Frühling" folgen sollte. Die Kastanien blühten auf dem Moldau-Ufer der Kleinseite, und auf den Bänken unter ihnen kam es ein ums andere Mal zu unkomplizierten Begegnungen. Die Älteren kramten ihre Deutschkenntnisse mit diesem charmanten Akzent hervor, die Jungen erprobten ihr Englisch. Erstaunlicher Weise wurde wenig gejammert oder Schuld zugewiesen. Es wurde eher philosophiert. Die Einheimischen schienen mit einiger Sicherheit unterscheiden zu können zwischen den privilegierteren DDR-Bürgern, die schon seit einiger Zeit das billigere und reichhaltigere Warenangebot in der tschechoslowakischen Hauptstadt zu Hamsterkäufen nutzten und jenen Westdeutschen, die eher aus kulturellem Interesse auf ihren gewohnten Reisestandard verzichteten. In der Tat führten sich die Deutschen aus der DDR in den Einkaufsmeilen rund um den Wenzelsplatz einerseits oft wie Angehörige einer Besatzungsmacht auf. Das war eine gänzlich andere Klientel, als die, die ein Vierteljahrhundert später den Garten der deutschen Botschaft in Prag zum Bersten bringen sollte...
  Natürlich mischten sich auch die  Agenten der gefürchteten DSP, der geheimen Tschechischen Staatspolizei, in das bunte Treiben. Sie waren unschwer an ihrem meist tadellosen Deutsch und den eine Spur zu dick aufgetragenen "traurigen Legenden" auszumachen. Und dann hatte Johannes ja auch in der Münchner Nachbarschaft genügend von der konzentrischen Befragungstechnik "solcher Leute" mitbekommen, um durch Ausbrechen aus "den Kreisen" mittels unsinniger Gegenfragen zu signalisieren, dass bei ihm nachrichtentechnisch nichts zu holen war. Komischer Weise machten diese Dunkelmänner sich nicht an Walter, Rita und Vera heran.
  Drei Jahre später und achtzehn Monate bevor russische Panzer - logistisch von der Volksarmee unterstützt - von deutschem Boden (!) auf Prag zurollten, um Alexander Dubcek und seinen Reformen den Garaus zu machen, führte Johannes der pure Zufall noch einmal in die Tschechoslowakei. Das geschah vierzehn Tage bevor er ins Berufsleben eintreten sollte.
  Dieser Umstand, dass sein Lebensweg also bald eine neue Richtung nehmen sollte, war die eigentliche Motivation für den Trip und nicht etwa die religiöse Komponente der Reise:
   Johannes hatte  gerade die Schule geschmissen und seit Weihnachten sonst nichts zu tun, als einen Schreibmaschinen-Kurs bei den Salesianern zu besuchen.
   Der junge Pater, der den Kurs leitete und offenbar die Zerrissenheit von Johannes erahnte, nahm ihn eines Abends zur Seite und fragte mit einem Hinweis auf dessen  unübersehbare Athletik, ob er nicht gelegentlich in der Handball-Mannschaft des Salesianums als Rückraum-Spieler aushelfen wolle. Bei den DonBosco-Handballern musste er auch nicht lange auf seinen strikt agnostischen Standpunkt verweisen, denn seit einigen Jahren ging er in dieser Einrichtung, die mit seinem Privatgymnasium kooperiert hatte, ein und aus. Dampf ablassen würde ihm gut tun. Nach noch nicht einmal vierzehn Tagen hatte er so viel Dampf abgelassen, dass ihn der Trainer-Pater nicht länger als Aushilfe im Training betrachtete, sondern konkret mit ihm planen wollte.
  Der  "Prager Frühling" zeigte in jenen Wintertagen 1967 schon so kräftige grüne Triebe, dass die seit dem 15. Jahrhundert historisch politisch und geistlich aktive Gemeinde von Kolin nach Jahrzehnte langer Unterdrückung mit einem "ökumenischen" Handball-Turnier für Gottesdiener ein Zeichen zu setzen wagte. So kam es, dass Johannes am Faschingswochenende mit neun Patres in dieses malerische mittelböhmische Städtchen mit seinem weltberühmten Karlsplatz aufbrach, um im Namen des Herrn am Wurfkreis andere Kirchenmänner auflaufen zu lassen - allerdings mit wenig Erfolg.
  Das Turnier war aber eigentlich auch Nebensache und verblasste gegenüber den anderen Erlebnissen in seiner Erinnerung, weil die DonBosco-Ballermänner von drei Vorrundenspiele nicht eines gewannen. Viel spannender waren die politischen Dimensionen dieser Veranstaltung, die sich abends in unendlichen Diskussionen bei süffigem Bier und Knödeln mit Soße in den Altstadtkneipen erschlossen. Die Gastgeber wussten offenbar, was sie ihren historischen Helden, den  beiden radikalen Priestern Ambroz Hradecky und Jakub Vlk, die hier im 15. Jahrhundert als politische Epigonen des Reformators Jan Hus gewirkt hatten, unter den Kommunisten schuldig geblieben waren.
  Auch die anderen Teams waren mit Nichtklerikern oder aktiven Laien angereist. So  kam es für diese - die angereisten Patres wohnten natürlich in dem, was ihnen vom einstigen Kloster erhalten geblieben war -  zu kuriosen Situationen bei den Unterkünften. Johannes hatte einen Fußmarsch über die Elbbrücke zum Eisstadion zu absolvieren und fand sich dort in einem an eine Kaserne erinnernden Raum mit Stockbetten wieder, wo ihm das einzige Einzelbett zugewiesen wurde. Er bekam die Waschräume gezeigt und einen Universalschlüssel in die Hand gedrückt. Das war es dann auch schon.
  Für das Turnier war auch ein Priester-Team einer katholischen Gemeinde aus Dresden gemeldet. Das wurde von einem jungen Laien verstärkt, der etwas älter war, aber sich dermaßen positiv von den anderen DDR-Bürgern unterschied, die Johannes bislang gesehen hatte, dass sofort Zutrauen und Sympathie zwischen ihnen entstand.
  Ronny Pietsch wollte Journalist werden, Johannes hatte eine Lehre zum Verlagsbuchhändler unmittelbar vor sich, und aus diesem Umstand entspann sich nach den Spielen oft ein literarischer Diskurs mit den tschechischen Priestern. Es fielen Namen wie Ota Sik und Vaclav Havel. Ronny schwärmte von Wolf Biermann, Stefan Heym und dem  aktuellen Literatur-Altstar Wolfgang Joho. Johannes konnte nicht mitreden, aber umso intensiver zuhören. Erstmals verspürte er, dass das Verfassen von Texten möglicher Weise auch eine Perspektive für ihn selbst sein könnte. Er wurde regelrecht von einem heiligen Schauer erfasst, als ihm klar wurde, was die Veröffentlichungen der gebannten Genannten unter schwierigsten Umständen bei seinen Zechgenossen an Ehrfurcht auslösten.
  Das Bier war so süffig gewesen, dass er sich ein wenig beschickert, aber unendlich entspannt im Halbdunkel des notbeleuchteten Eisstadions zu seinem Bett getastet hatte. Beiläufig war ihm noch aufgefallen, dass er in dem Schlafraum nicht mehr alleine war, aber da hatte ihn Morpheus schon fest umarmt.
  Als er am nächsten Morgen etwas verschwiemelt erwachte, fiel sein trüber Blick auf eine buschige weibliche Scham und einen sportlich trainierten Knackpo daneben. Er wollte sich angesichts des netten Traumes schon auf die andere Seite wälzen, als ihm verlegen weibliches Kichern und verhaltene spitze Schreie sowie Tuscheln signalisierten, dass er sich durchaus in der Realität wieder gefunden hatte.
   Als er sich aufsetzte, waren die beiden und all die anderen weiblichen Dekorationsstücke hinter hässlichen, olivfarbenen Armeehandtüchern verschwunden. Hie und da lugten zwar noch vereinzelt in der Überraschung vergessene meistenteils ansehnliche Brüste hervor, aber die übersah Gentleman Johannes natürlich gleich - beim zweiten Hinsehen.
  Weil ihm nichts Besseres einfiel, sagte er nur:
  "Good morning ladies, did you sleep well?"
  Und dann ging das babylonische Geschnatter auch schon los. Völlig ungeniert setzten sich zwei der jungen Frauen an sein Fußende, drei auf das untere Stockbett gegenüber und der Rest gruppierte sich auf der anderen Seite, als handele sich das ganze um ein Levée bei Louis XIV.
  Folgendes stellte sich heraus: Das Team von Damen-Handballerstligist Dukla Iglau war auf dem Weg zu einem Vorbereitungslager auf eine Europa-Pokal-Begegnung mit seinem antiken „Skoda“-Bus am gestrigen Abend in Kolin gestrandet. Ihnen waren von der Stadion-Verwaltung die übrigen Betten zugeteilt worden, und man hatte offenbar vergessen, dass das Einzelbett von einem deutschen Handballer belegt war. Beim Sport nehme man es  aber hier mit der Geschlechter-Trennung auch nicht so genau, meinte eine in radebrechendem Deutsch nachdrücklich nickend, indem ihr Blick gespielt versonnen über Johannes nackten Oberkörper huschte.
  Zwei Tage zog sich die Reparatur des Mannschaftsbusses hin, weil ein Betreuer erst ein Ersatzteil organisieren musste. Da die berühmten Handballerinnen ihre Vorbereitung nicht unterbrechen sollten, war die Turnierleitung mit den Trainern der Teams übereingekommen, dass die ausgeschiedenen Mannschaften in einer anderen Halle als Trainingspartner der Damen dienen könnten. Die jungen Priester waren begeistert, war doch dies wohl eine der wenigen noch verbleibenden Gelegenheiten, bei denen sie mit  straff trainierter weiblicher Anatomie auf Tuchfühlung gehen konnten. Und sie machten notgedrungen reichlich Gebrauch davon, denn die Dukla-Damen spielten alle Teams in Grund und Boden. Sie wären mühelos Turniersieger geworden. Die Palme des Sieges ging jedoch an die Makkabi-Männer. Kolin war nicht nur ein historisches Zentrum des christlichen Glaubens, sondern nach Prag schon in der Renaissance auch die zweitgrößte Jüdische Gemeinde der Tschechoslowakei gewesen. Die, die den Holocaust überlebt hatten und sich vorstellten, es ginge ihnen unter häheren  sozialistischen Bestrebungen nach gleichen Lebensbedingungen für alle besser, waren ja  schon nach dem Krieg und vor der kommunistischen Machtübernahme in ihre Heimatstadt  zurückgekehrt - und wurden wieder Opfer; diesmal von Moskaus schleichend initiiertem Antisemitismus.
  Die jungen Leute jedoch vergaßen während des Turniers die real existierenden Probleme. Die Veranstaltung, die zu keiner Zeit bigott und von kameradschaftlicher Toleranz und politischem Optimismus geprägt wurde, war ein voller Erfolg. Johannes fühlte eine starke Dankbarkeit, dass er - der stets eher reserviert schüchterne Einzelgänger - diese "Sport-Kameradschaft" hatte erleben dürfen. Die Dukla-Damen und er waren im Übrigen übereingekommen, dass er nicht das Quartier wechseln sollte.
  Drei Nächte allein mit einem Dutzend junger Frauen das klang viel versprechend, lief aber tatsächlich auf eine geschlechtsneutrale Sport-Kumpanei hinaus, an deren Ende Bruder-Schwester-Küsse und reichlich Adressen ausgetauscht wurden. Man wollte unbedingt in Briefkontakt bleiben. Und wer wusste es damals denn, vielleicht würde es ja schon bald mehr Reisefreiheit geben? Aber natürlich kam alles anders - auch wenn Ronny Pietsch sich zum Abschied sicher war:
  "Wir sehen uns wieder!"
  Johannes nutzte die neuen Kontakte der ersten Monate im Beruf, um seine literarischen Lücken zu schließen. Dabei fiel ihm folgendes auf: Während er vom Ostberliner Aufbau-Verlag die gewünschten Bücher ohne Probleme zum Kollegen-Rabatt ausgeliefert bekam, musste andererseits jede Bücherkiste seines Verlages, die durch "die Zone" per Spedition an Westberliner Buchhandlungen geschickt wurde, mit einer Werke- und Autorenliste ausgestattet werden. Bücher und Autoren, die der DDR nicht genehm waren, liefen ernsthaft Gefahr, im Transit beschlagnahmt zu werden. Sie wurden deshalb zum Teil nach einer Art Index-Liste gesondert behandelt und im Zweifelsfall per Luftfracht in die geteilte Stadt geschickt. - Auch oder besonders der mittlerweile in der DDR  geächtete Stefan Heym, der einstige Aushänge-Dichter des Arbeiter- und Bauernstaates...
   Trotz dieser Erfahrung "verschlang" Johannes zunächst unvoreingenommen Wolfgang Johos "Klassentreffen", den gerade erschienene Roman über ein deutsch-deutsches Wiedersehen ehemaliger Schulkameraden. Es war brillant geschrieben und romantisierte ganz dezent das auf das intellektuelle Dasein in begrenzten Möglichkeiten reduzierte bürgerliche Leben in der DDR: Der Dichter neben dem Dachdecker in den Kneipen einer malerischen Altstadt als Parabel einer Einklassen-Gesellschaft gewissermaßen. Johannes wäre dem Staatsschreiber auch fast auf den Leim gegangen, hätte ihn - den Reisenden - nicht die jähe Erkenntnis getroffen, dass nichts seine so nachdrücklich geweckte Lust auf Weimar oder andere historische Städte hinter Mauer und Todesstreifen stillen konnte. Wenn Johannes Tübingen, Dinkelsbühel oder Rothenburg ob der Tauber besuchen wollte, konnte er da notfalls auch per Anhalter hin trampen, sollte ihm das Geld fehlen. An die Wirkungsstätten Goethes führte kein Weg... Es gab deshalb in seinen Augen am real existierenden Sozialismus nichts, aber auch gar nichts zu romantisieren.
  Ein um vierzig Jahre intoleranter gewordener Johannes sollte Anfang des neuen Jahrtausends nicht müde werden, unter kaum zu beherrschenden Wutanfällen daran zu erinnern, wenn Kollegen oder Kunden mit Doktor-Titeln aus Leipzig und Jena in seinem Beisein einmal wieder über ihre Studentenzeit in der DDR ins Schwärmen kommen wollten.
  1967 noch war dieses Romantisieren des tatsächlich herrschenden Kommunismus tägliches Kulturgut und Rüstzeug für hitzige Debatten unter den im fast grenzenlosen Wohlstand heranwachsenden  westdeutschen Teens und Twens.
   Johannes war gleich nach der Unterschrift unter den Ausbildungsvertrag sendungsbewusst  in die Gewerkschaft eingetreten. Bücher wie Steinbecks "Stormy Harvest" hatten bei ihm Vorstellungen über die Notwendigkeit einer basispolitischen Tätigkeit geweckt. Und draußen auf den Straßen wurde ja auch manches zu Recht angeprangert. Dass Benno Ohnesorg auf einer Demonstration in Berlin erschossen wurde, löste auch bei ihm einen Anfall von Ohnmacht aus, gegen den  man unbedingt ankämpfen musste:
  Aber sein praxispolitisches Engagement fand bereits nach wenigen Monaten ein jähes Ende. Wegen seiner argumentationsstarken Rhetorik war Johannes alsbald in eine Kommission gewählt worden, die die Situation der Lehrlinge im Buchhandel verbessern sollte. Im Vergleich zu Auszubildenden bei Nahrung und Genuss betrug die Ausbildungsbeihilfe im Buchhandel nur gerade einmal fünfzig Prozent. Bei dieser Bezahlung verweilten aber Lehrlinge viel zu lange bei Tätigkeiten, die mit der eigentlichen Ausbildung zu speziellen kaufmännischen Gehilfen nicht zu tun hatten. Gegen die Ausbeutung mit diesen Hilfsarbeiten wollte Johannes konkret vorgehen und scheiterte an dem verklausulierten Verständnis für Basisdemokratie der 68er. Statt sein Papier mit konkreten Forderungen nach Situationsverbesserungen zu diskutieren und zu verabschieden, musste in den Gremien erst grundsätzlich geklärt werden, von welcher politischen Plattform überhaupt diskutiert werde: Anhänger von Adorno und Habermas stritten sich über "humanistisch tendenziöse" oder "polyhistorische" Einflüsse bei einem Vorgang, der auf einen einfacheren Nenner gebracht, mehr Ausbildung und weniger Überstunden für nicht zum Ziel führende Arbeiten und proportionale Anpassung an andere Branchen erbringen sollte. Als Johannes dies anmerkte, wurde er als Reaktionär ausgebuht.
  Weil er kein Abitur hatte, zog er zunächst den Schwanz ein vor diesen akademischen Dozierern. Möglicherweise fehlte es ihm ja tatsächlich an politischer Bildung. Als er wenig später mit seinem Vater und Vera im Fernsehen eine Diskussion mit und um Rudi Dutschke wegen der Vorkommnisse an der FU Berlin sah, erlebte er einen eifernden, rhetorisch brillanten Mann, den er sinngemäß aber nicht verstehen konnte. Und im Kreis der Familie traute er sich dies auch zuzugeben:
  "Pappi! Der spricht immer von politischer Basis im Volk und von der die Bildung beherrschenden Klasse. Redet der jetzt so, weil er nur die oben erreichen will? Der kann doch wirklich nicht im Ernst glauben, dass seine  viel zitierte proletarische Basis ihn versteht!"
  Zu seiner Überraschung teilten Vater und Schwester erstmals eine Meinung mit ihm. Er empfand diesen ideellen Moment als entscheidenden Wendepunkt,  mehr als viele wirtschaftlich wichtigeren in seinem späteren Leben. 
  Dass die so genannten 68er etwas bewirkt haben im politischen Szenario ist ihnen unbenommen. Doch wie viel mehr hätten sie ausrichten können, wären nicht so viele praxisorientierte Menschen durch deren dozierende Dialektik vor den Kopf gestoßen worden. Das inzestuöse Theoretisieren in immer gleichen Kreisen muss bei einigen zudem zu einem mitunter raschen meist jedoch latenten Verfall der Wahrnehmungsfähigkeit für das "zu befreiende" Umfeld geführt haben. Johannes hatte Ulrike Meinhofs "Bambule" gelesen und Andreas Bader als total neben der Spur agierenden Teenager an seiner Privatschule erlebt. Wie konnte diese Mesalliance zwischen der hoch begabten Autoren-Journalistin und dem unerzogenen, ungezogenen Wirrkopf nur in dieser absurd isolierten Syntax der RAF-Bekennerschreiben enden...?
 
 

 Als Ronny Pietsch und Johannes Goerz sich am  7. September 1972 nach mehr als fünf Jahren auf dem Aufwärm-Trainingsplatz am Münchner Olympia-Stadion durch Zufall (?) wieder trafen, hatten beide infolge verschiedener Lebensumstände diverse Häutungen hinter sich. - Und die bilaterale Weltunsicherheit hatte zur Komponente kalter Krieg zwischen Ost-West quasi über Nacht eine dritte dramatische Dimension hinzu bekommen: Den Terrorismus.
  
  "Hey, was machst du denn hier?"
  "Ich bin Autor für ein Olympia-Buch."
  "Mann, tut das gut  dich zu sehen, aber hätte ich dich nicht bei den Akkreditierungen finden müssen? Ich bin beim NVASportECHO gelandet."
   "Das ist ja dann wohl nicht mehr all zu katholisch, aber - gratuliere! Ich bin nicht akkreditiert. Der Verleger kennt den OK-Chef. Ich mache ja keine Sportberichterstattung, sondern schreibe Porträts oder Geschichten hinter den Geschichten. Wo ich Zugang brauche, bekomme ich spezielle Tickets oder werde gebracht - oder man arrangiert Treffen für mich. Wie heute. Es geht um die Motivation nach den dramatischen Vorkommnissen..."
  Bei dem Wort Motivation entdeckte Johannes seinen avisierten Gesprächspartner inmitten einer Schar Athletinnen mit hängenden Köpfen. Darunter Heide Rosendahl. Es gelang ihm, mit dem Bundes-Trainer Gerd Osenberg kurz Blickkontakt herzustellen, aber der schüttelte nur unmerklich und anscheinend resigniert den Kopf.
  "Hey, Johannes, wir müssen unbedingt einen drauf machen. Das ist schließlich deine Stadt. Du kennst ja bestimmt Plätze, wo man nicht so auf dem Präsentierteller sitzt. Du weißt schon, was ich meine."
  Hinter Johannes Stirn lief kurz ein trauriger Film im Zeitraffer ab. Er trug den Titel "Wie die olympische Idee ihre Unschuld verlor". Er sah diese umwerfend natürliche Siebzehnjährige mit den Beinen, die kurz unter dem Kinn begannen, wie sie am Abend vor dem Drama ein ums andere Mal über die Latte geflopt war, bis sie am Ende als jüngste Hochsprung-Olympiasiegerin aller Zeiten ihre Arme zum nächtlichen Himmel über München empor warf. Er sah den Typen mit dem weißen Tennishütchen am nächsten Tag auf dem Balkon im Olympischen Dorf und die verschwommenen Fernsehbilder mit dem Krachen und dem Mündungsfeuer auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck. Und er hörte den verbiesterten alten Mann, der ein halbes Jahr zuvor den Ski-Helden seiner Jugend, Karl Schranz, wegen verlogen ausgelegter Amateurparagraphen von den Olympischen Spielen ausgeschlossen und gestern jedoch das einzig Wahre zu verkünden hatte:
  "The games must go on!"
  Die einzigen, die das allerdings in diesem Moment beherzigten, waren die Leichtathletinnen der DDR. Er sah auf der anderen Seite der Laufbahn die bullige Renate Stecher mit ihren Kolleginnen Starts und Staffelwechsel in Trainingsanzügen üben. Hätte es für Johannes eines ultimativen Anlasses bedurft, das Wesen der DDR durch etwas Dingliches zu verabscheuen, es wäre das gewesen, was die volkseigenen Sportmode-Produzenten aus seiner Lieblingsfarbe Blau gemacht hatten. Die gesamtdeutschen Olympiateams gehörten bereits der Vergangenheit an, und da musste offenbar der scheußlichste Blauton her, den die Kombinate „Plaste und Elaste“ zur totalen Abgrenzung liefern konnten.
  "Einen drauf machen, ja? Du, irgendwie ist mir nicht danach. Aber wenn du kannst und frei hast. Ich habe seit kurzem eine eigene Bude in der Görresstraße. Da kannst du sogar zu Fuß hingehen. Ich koche uns etwas, und dann können wir uns erzählen, wie es uns in der Zwischenzeit ergangen ist.“
  Drei Tage später tauchte Ronny mit einer Kaviar-Dose, die er den Russen abgeluchst hatte, bei Johannes auf und es begann etwas,  was beide - hätte man sie unabhängig von einander befragt  - wohl als eine den Umständen entsprechende "deutsch-deutsche Männerfreundschaft" bezeichnet hätten.
  Sie warf auch bei der journalisteischen Arbeit Vorteile ab.
  Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 war Johannes neben seiner Autorentätigkeit auch der Ghostwriter für das WM-Buch eines ehemaligen Fußballstars, das bereits am Montag nach dem Endspiel an den Buchhandel ausgeliefert werden sollte. Ronny Pietsch hatte Johannes für die einzige Begegnung zweier Deutscher Nationalmannschaften den Tipp gegeben, dass für DDR-Auswahltrainer Georg Buschner  allein das Spiel gegen die BRD zählen würde, und er solle für seine Analyse die "zwei Jürgen", nämlich Sparwasser und Pommerenke, im Auge behalten. Was der bieder und einfach gestrickte Bundestrainer Helmut Schön offenbar nicht getan hatte. Denn am 22. Juni schoss die Nummer 14, Sparwasser, das geschichtsträchtige Siegtor.
   Die proletarischen Amateure, die keine waren, besiegten den kapitalistischen Klassenfeind exemplarisch durch "Fleiß und Disziplin im Kollektiv". Was wiederum den kapitalistischsten und genialsten aller Fußballstars auf seinen Weg zur Lichtgestalt führte. Beckenbauer, den seine Mitspieler mit Abitur hinter seinem Rücken in verkennender Weise gerne einmal "Dummi" nannten, entmachtete Schön in einer heimlichen und sanften Revolution und führte sein Team als Kapitän zum  zweiten Weltmeister-Titel  - wieder ins  Münchner Olympiastadion.
  In der Folge konnte Pietsch propagandaträchtig eine Story von Johannes unbehelligt fertig schreiben, die Johannes fast vor den Bundespresserat gebracht hätte. Die beiden Freunde waren sich einig, dass hüben wie drüben  breitbandig gedopt wurde, was Muskeln und Sehnen hielten. Bis das Thema wirklich ernsthaft angegangen wurde, gab es ein multilatererales und pharisäerhaftes Glashaus-Steinewerfen, das immer ausging wie das Hornberger Schießen. Johannes war unter der Überschrift "Streit um Evas Bart" einer Mehrkämpferin auf die Schliche gekommen, die statt eines Ovulationshemmers gleich ein halbes Dutzend Anti-Babypillen schluckte, um durch hartes Gewichttraining den Gewichtszunahme-Effekt des Präparates in Muskelwachstum umzuwandeln. Das Spielchen ging so weit, bis die stets  bestreitende Athletin vor laufenden Fernsehkameras einer eidesstattlichen Erklärung zustimmte und sich dann aber hinter ihrem medizinischen Betreuer, einem Freiburger Professor mit Einfluss verschanzte. Dieser war über das Ansinnen, an seiner ärztlichen Schweigepflicht kratzen zu wollen, derart empört, dass er die Pressewächter anrief. Was den Professor zwei Jahrzehnte später allerdings nicht hinderte, die Dienste von Johannes als Ghostwriter in Anspruch zu nehmen...   
  1976 in Innsbruck konnte sich Johannes revanchieren, indem er Ronny einen Exklusivkontakt zur Gold-Rosi vermittelte, was der wiederum in Montreal durch ein exklusives Alexejew-Interview gutmachen wollte. Die Jungs nannten das ihre "Gefälligkeitsbank", für die es keiner Buchhalter bedurfte. Dass das Interview nicht zustande kam, war aber nicht ursächlich schuld, dass von da an vermehrt Schatten auf ihren Treffen lasteten (wie schlüssig dieses Bild war, sollte sich erst sehr viel später erweisen).
  Johannes hatte auf einer Spaghetti-Party, die ein Schuhhersteller zum Auffüllen der Kohlenhydratspeicher "seiner" Athleten in den ehrwürdigen Räumlichkeiten der McGill Unversität gegeben hatte, Frank Shorter, den Marathon-Olympiasieger von München getroffen. Der dort geborene US-Läufer schüttete Johannes sein Herz aus, nachdem er erfahren hatte, dass der aus München kam. Es ging um Waldemar Cierpinski, den DDR-Athleten, der ihm tags zuvor auf den letzten Kilometern das schon sicher geglaubte zweite Double nach Bikila Abebe vermasselt hatte. Shorter beschwerte sich, dass Cierpinski sich vorher "nie gezeigt" hätte und er so für ihn überhaupt nicht einzuschätzen gewesen sei. Johannes wusste, dass es die Kanuten und Ruderer der DDR genau so machten und kam auf die Idee, ohne die Unterstützung von Ronny Pietsch ein Essay über "Die Kehrseiten der Medaillen" vor Ort  - also im DDR-alltäglichen Umfeld der Athleten - recherchieren zu wollen. All diese aus der Versenkung auf- und wieder abtauchenden  Olympia-Sieger, die die DDR in jenen Jahren zu Dutzenden produzierte und die zu unheimlichen Medaillen-Bilanzen beitrugen, wollte er in ein Verhältnis setzen zu den vereinzelten westdeutschen Medaillenträgern, die meist für immer der Anonymität entronnen und dem Wohlstand bestimmt waren.
  Wieder zu Hause, nahm er Kontakt zur Behörde für innerdeutsche Beziehungen auf - und geriet hüben wie drüben in eine alle Ideen beerdigende Bürokratie. Als Cierpinski - im Gegensatz zu Shorter - bei den Boykott-Spielen von Moskau 1980 tatsächlich das zweite Marathon-Double klarmachte, kannte ihn später trotzdem keiner. Aber Johannes war es mittlerweile egal, weil er der Sportberichterstattung mehr oder weniger den Rücken gekehrt hatte. Dass auch Pietsch ihm bei flüchtigen Begegnungen nur noch Kryptisches zuraunte, führte der darauf zurück, dass Johannes nun "non grata" sei, und er Schwierigkeiten bekäme, wenn sie zusammen gesehen würden.
  Dann kamen die Winterspiele von Sarajevo. Alles schien auf einmal, als wäre Johannes' Wahrnehmung nun bereits mehr die eines anderen... Und Ronny, der gute alte Ronny, tat so, als hätte in den letzten vier Jahren kein Schatten auf ihrer Freundschaft gelegen. Ronny ließ sich vom seelischen Verfall seines westdeutschen Kollegen berichten. Beschwichtigte Johannes, empfahl fürsorglich therapeutische Ansätze und zeigte sich allzeit gesprächsbereit. Man konnte ja seit neuestem direkt von einer Redaktion in die andere telefonieren...
 
















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