Zu den eigenartigen Erlebnissen in den
1980ern, die Johannes Goerz beim Revue passieren Lassen nun ironisch seine
„Nirvana-Jahre“ nannte, gehörten auch denkwürdige Begegnungen mit zwei
charismatischen Aboriginals. Die eine war die mit dem Clan-Chef Tobi Tinker in
den Northern Territories.
Hier diese zweite jedoch dokumentiert, wie
sein Verstand zwischen tadelloser Funktion, seherischen Momenten und
erheblichem verwirrt Sein pendelte.
Art Ramsey, der Hummer-König von
Südaustralien, ein Freund aus einer früheren Begegnung, hatte es nach mehreren
vergeblichen Anläufen tatsächlich geschafft, ihm ein Treffen mit einem von Mythen
umrankten Aboriginal zu vermitteln: Jack „The Blacktracker“, die
Spurenleser-Legende – nicht der Aboriginal-Dichter Jack Davis(1917-2000), der
sich diesen nom de plume durch seine
Poesie als erster mit einem Text über einen Fährtenleser erschrieben hatte!
Er sollte ihn bei seinem aktuellen Auftrag
begleiten dürfen. Johannes kehrte, nachdem ihn ein Telex von Art in einem Motel
auf seiner ursprünglich geplanten Reise-Route erreicht hatte, ohne zu zögern
mit seinem Leihwagen auf dem Weg nach Perth um. Einen Tag später flog die
zweimotorige Maschine von Adelaide hinaus aufs Meer, um ihn nach Kangaroo
Island zu bringen.
Bis zu diesem Zeitpunkt war seine erst Ende
der 1980er veröffentlichtes Erlebnis mit Tobi Tinker noch nicht geschrieben,
und er hatte auch keinem von seiner Traumpfad-Wanderung mit dem Clan-Chef der
Yolngu aus Arnhemland in den Northern Territorries berichtet.
Jack war ein außergewöhnlich hoch gewachsener,
dafür aber sehr feingliedriger Aboriginal, der damals ähnlich aussah wie der
Hollywood-Schauspieler Morgan Freeman heute. Er trug tadellos gebügelte und
gestärkte Kaki-Sachen, was ihm auch ohne militärische Rangabzeichen den Habitus
eines Mannes gab, der gewohnt war, unwidersprochen anzuordnen. Es war schon überraschend, dass Johannes von
dieser Autorität am Airstrip persönlich abgeholt wurde. Die Begrüßung selbst
war jedoch noch denkwürdiger: Der Mann hielt ihn für eine Minute oder länger
schweigend mit geschlossenen Augen an seinen Handgelenken und danach auch ganz
sanft an seinen nackten Unterarmen. Johannes fühlte sich auf einmal
eigentümlich durchströmt – so, als habe ihn der Mann für einen Moment an einen
dieser zweifelhaften Apparate für Magnetfeldtherapien angeschlossen:
"Well, that's you! I've heard from you - right!"
Jack war eine Woche zuvor von den Eltern
eines Teenagers aus Melbourne angeheuert worden. Das Mädchen war zu Beginn des
australischen Sommers verschwunden. Jetzt im Mai 1987 war die Weinlese im
berühmten Barossa Valley schon zum Teil vorbei gewesen. Die Polizei ging von
einem Bade- beziehungsweise Surfunfall aus
- vielleicht einer Hai-Attacke - und hatte nach der üblichen Routine und
Zeit die Suche eingestellt und diese Version zu den Akten genommen.
Die Eltern hatten diese aus mancherlei
Gründen bezweifelt, und der Spurenleser teilte nach einem intensiven Gespräch
ihre Ansicht. Aber nicht etwa, weil er auf das Honorar von zehntausend
australischen Dollars angewiesen war. Jack hatte es sich nämlich selbstsicher zum
Geschäftsprinzip gemacht, nur im Erfolgsfall eine Bezahlung zu verlangen. Sonst
blieb es bei den Spesen, und die waren gleich null. Jack lebte für die Zeit auf
der Insel in einer Hütte der Wilderness-Protection-Unit WPU und versorgte sich
selbst. Von Johannes verlangte er - nachdem das "Beschnuppern"
offenbar zu seiner Zufriedenheit ausgefallen war - dass er es ihm für die
gemeinsamen Tage gleichtat.
Zu jener Zeit vor mehr als 30 Jahren
herrschten auf Kangaroo Island noch
merkwürdige Verhältnisse zwischen Mensch und Natur. Die Insel war ein Zoo in
umgekehrter Betrachtungsweise. Außerhalb vom Hauptort Kingscote und den touristischen Einrichtungen waren es
die Menschen, die Schutzgehege aufsuchten, wenn sie von den souverän
auftretenden wilden Tieren bestaunt oder
vor ihren frechen Überfällen gefeit sein wollten.
Zu so einem fast mannshoch eingezäunten Picknickplatz unweit der Höhlen
von Kelly Hills brachte Jack Johannes, um ihn bei einem australischen
Bush-Lunch aus einer Kühlbox von der Größe eines Kleiderschranks zu briefen.
Johannes war sich der unerhörten Ehre
bewusst, die ihm diese Spurensucher-Legende erwies und wollte sich erst einmal
wortreich bedanken, aber der Mann schnitt ihm ungeduldig das Wort ab. Es käme
zunächst darauf an, in Einklang mit der Natur zu gelangen, wenig zu reden, aber
umso mehr zu hören. Vor allem auf Stimmen, die aus dem eigenen Inneren kämen.
Er hätte gespürt, dass Johannes davon sehr viele in sich berge, und die würden
nun auch gebraucht, denn er habe vor wenigen Tagen mehr als vier Monate nach
dem Verschwinden des Mädchens so etwas wie einen ersten Impuls, eine Art
Traumpfad des Mädchens, erspürt.
Shawn Ayers, ein Spross der australischen
Pionier-Dynastie war kurz nach Weihnachten zu ausgedehnten Ferien auf die Insel
gekommen, bevor sie in jenem Herbst mit dem Studium hatte beginnen wollen. Auf
den Polaroids, die Jack Johannes vorlegte, sah sie wie das leibhaftige Klischee
eines Beach-Babys aus: dunkelbraun gebrannt mit Sommersprossen, sehnig
athletische Figur und kaum von einem Bikini-Top oder der Schuluniform zu
bändigende Brüsten; ein schelmisch lächelndes ovales Kindergesicht von einem
Dutzend abstehender sonnengebleichter blonder Rattenschwänzchen umkränzt, stand
aber im merkwürdigen Kontrast zu einem festen Blick, den auch die schlechte
Bildqualität nicht abschwächen konnte. Das waren keine aquamarinfarbenen
Schusser, sondern kluge Sensoren, die ihrer Trägerin bestimmt mehr erschlossen,
als manch Macho ihr vermutlich auf den ersten Blick zutrauen wollte.
Sie hätte laut Jack australische Spitze in
gut einem halben Dutzend olympischer Sportarten sein können, hatte sich aber
aus reinem Vergnügen und ohne Ambitionen auf Titel und Ruhm dem
Brandungswindsurfen verschrieben. Dafür gab es in Australien sicher heißere
Spots als Kangaroo Island, aber die Insel bot für Shawn eben auch eine
gefühlsmäßige und hormonelle Attraktion, nämlich Art Ramseys Sohn, Greg. Der
"Sixfeeter" (Zweimetermann) von den „Adelaide Crows“ mit einem
Kampfgewicht von hundert Kilo, war in der vergangenen Saison zum „Most Valuable
Player“ in der ersten Liga des Aussie-Footballs gekürt worden und ein
nationales Teenie-Idol...
Jack leierte die Fakten ohne sonderliche
Betonungen herunter und hielt sich auch
nicht bei Details auf, die für ihn selbst vielleicht wichtig gewesen wären. Er wollte
seinem Gast möglichst unverfälschte Informationen vermitteln, während der sich
aus einer Tupperware-Box ein dreieckig geschnittenes Sandwich mit Huhn, Salat
und Majonäse gefischt hatte. Johannes wollte gerade herzhaft und hungrig
zubeißen, als ihm jemand hart auf die linke Schulter klopfte. Er drehte sich in
die Richtung und musste miterleben, wie ihm von der anderen, der rechten Seite
sein belegtes Brot wegschnappt wurde.
"Darf ich vorstellen? Stan und
Olli!" sagte Jack mit gespielter Förmlichkeit.
Johannes blickte erst in das eine und dann in
das andere listig grinsende Gesicht und konnte trotz des kaum zu beherrschenden
Lachanfalls in dem linken Züge von Doof entdecken. Das rechte rollte mit den
Augen wie Dick, wenn er in den alten Slapsticks verlegen mit seiner zu kurz
gebundenen Krawatte wedelte. Aber der Hals war natürlich viel zu dünn und zu
lang, um eine solche tragen zu können - wie bei allen Emus. Johannes sah ein
wenig futterneidisch zu, wie sein Sandwich als Wanderbeule diesen hinunterrutschte.
Das Straußen-Duo hatte sich für seine
Lunch-Überfälle seit langem mit diesem Trick auf uneingeweihte Inselbesucher
spezialisiert. Und wenn sie ihre Nummer schadlos abgezogen hatten, wackelten
wie auf ein Signal auch Wombats aus dem Unterholz, hüpften Wallabees heran und
selbst die allein auf das Mümmeln von Eukalyptusblättern spezialisierten Koalas
in den Baumkronen über dem Lunch-Port riskierten das ein oder andere Knopfauge.
Wer wollte in so einem possierlichen Umfeld
schon über ein verschwundenes Mädchen reden? Und so vergaßen die beiden Männer,
weshalb sie hier waren, bis die gigantische Kühlbox geplündert war. Johannes
konnte sich später nicht daran erinnern, ob er überhaupt mehr als ein Sandwich oder einen Apfel ergattern
konnte.
Als sie aufbrachen, meinte Jack:
"Ich weiß, du kennst die Insel schon.
Aber heute möchte ich dir erst noch einmal wie einem ganz normalen Touristen
auf einer Sightseeing-Runde ihre Möglichkeiten zeigen. Ich mache das auch für
mich selbst - wo immer ich mit einem Auftrag beginne - genauso. Heute Abend
sind wir übrigens in Kingscote bei Art zum Lobster-Essen eingeladen. Auch da
bitte ich dich, die Antennen auf Empfang zu schalten, damit du morgen
verstehst, wie ich vorgehe."
Dem kaum gesättigten Johannes lief bei dieser
Ankündigung ein wohliger Schauer durch die Leibesmitte. War es doch Art Ramsey,
der jede Diskussion über die richtige Zubereitung von frischem Hummer mit
seinem ureigensten Manifest beendete:
"The only way, I like to eat lobster is - with more lobster!"
Es
war also eine Orgie bis an den Rand des Eiweißschocks zu erwarten. Begleitet
vermutlich von einem Chardonnay der "Gnadenreich Winery", den
Johannes von Malcolm Seppelt, dem Renegaten und feinsinnigen Weinmacher aus der
gleichnamigen Massenwein-Dynastie als "kleines Dankeschön" von
Barossa Valley auf die Insel hatte expedieren lassen.
Jack und er kletterten den ganzen Nachmittag
bis zum Sonnenuntergang an den Remarkable Rocks herum, schlenderten später am
Strand unweit von diesen bizarren Felsformationen mit dem Admiral’s Arch durch
die riesige Seelöwen-Kolonie und hakten dann mit der sinkenden Sonne
nacheinander gegen den Urzeigersinn das gute Dutzend offizieller Strände ab.
Die präsentierten sich jetzt im australischen Spätherbst meist verwaist aber
umso schöner dem Auge des Betrachters. In den tiefen Farbabstufungen aus Weiß,
Türkis, Azur, Smaragd und kontrastiert vom Rot der Cliffs glaubte Johannes aber
auch den Hauch von der Vergänglichkeit des Jahres zu spüren, obwohl sein
Biorhythmus ja auf Frühling programmiert war.
Viel geredet wurde dabei nicht. Jedes Mal
wenn Johannes das Schweigen brechen
wollte, wies ihn Jack mit einer leisen Geste zurück. Er sollte offenbar alles
noch einmal unreflektiert aufnehmen und sehr bald überrascht sein, was er auf
dieser Runde alles unbewusst aufgenommen hatte...
Der Abend in Kingscote erlebte eine
australische Männerrunde – wie sie auch hundertfünfzig Jahre zuvor so
stattgefunden haben mag. Es war schon zu frisch, um noch draußen auf der
Terrasse über dem Hafen zu essen, aber auch hinter den Panoramafenstern von
„Flinder’s Arms“ gelangte noch genug von dieser historisierenden Stimmung in
die Herzen der Zecher. Immerhin war die Insel, die schon von Matthew Flinders
bei der ersten Umrundung der „Terra Australis“ entdeckt wurde, einer der frühen
„safe harbours“ für die Segler aus dem Mutterland gewesen. Und etwa so mussten
die nach Törns, die bis zu zwei Jahren gedauert hatten, auch ihre ersten Gelage
mit festem Boden unter den Füßen durchgezogen haben.
Art hatte eine Pyramide aus pfundschweren
Hummern auf einer Silberplatte auftürmen lassen. Der Tisch war mit historischem
Zinn-Geschirr auf grobem, leicht grauem Leinen eingedeckt. Jeder bekam aus dem
gleichen Material von den Waitresses eine Serviette vom Ausmaß eines
Badehandtuchs umgebunden und nur eine Hummergabel als Esswerkzeug. Wer Bier
trank, hatte einen Zinnhumpen mit Glasboden vor sich, der permanent aus einer
gewaltigen Glaskanne mit einem silbernen Löwenkopf als Deckel nachgeschenkt
wurde. Johannes trank seinen Wein aus einem
fein ziselierten Kelch, der aus einer gefassten Nautilus-Schale bestand,
deren Perlmuttschicht im Kerzenlicht der Kandelaber alle Spektralfarben
versprühte.
Der Gastgeber selbst wusste, wie er sich
seinen Freunden und Bekannten gegenüber in diesem Ambiente selbst einzubringen
hatte. Obwohl eher ein gedrungener Typ, wirkte er in seiner cognacfarbenen,
weit geschnittenen Cordhose, dem pluderärmeligen, weißen Leinenhemd und der
weinroten Wildlederweste darüber wie die Idealbesetzung eines Seebären. Auch
sein breiter südaustralischer Dialekt passte perfekt.
Außer Art, Jack und Johannes komplettierten
noch der Polizeichef der Insel, der Geschäftsführer des örtlichen
Nationalparks, der Chairman des Touristboards und der Obmann der
Hummerfischer-Vereinigung die Tafelrunde. Letzterer bekam übrigens ein großes
Steak mit Folienkartoffeln und langweilig aussehendem Gemüse – denn er mochte
keine Schalentiere. Außer Johannes verzichtete jeder auf einen spöttischen
Kommentar, weil vermutliche alle Witze auf Kosten dieser paradoxen Situation
schon einmal gemacht worden waren.
Die Hummer mit den vor geknackten Scheren
wurden archaisch mit den Händen aufgebrochen und der Inhalt ihrer Schalen in
respektlos großen Stücken je nach Gusto in Majonäse oder „Garlicbatter“
getunkt, ehe sie triefend in den schmatzenden Mäulern der Männer verschwanden.
Da so viele Hummer da waren, verzichteten sie alle darauf, auch den Beinchen
und den Brustpanzern die Referenz zu erweisen.
Johannes hoffte insgeheim, dass er genug „Allopurinol“ und
„Blemaren-Brausetabletten“ geschluckt hatte, um Gichtattacken und der Bildung
von Nierensteinen vorzubeugen. Bedenken, die nach der dritten Nautilus-Schale
mit auch nicht gerade für seine Gicht idealen Gnadenreich-Chardonnay ohnehin
bereits hinweg geschwemmt worden waren.
Ein Journalist war es gewohnt beim Trinken
mit zu halten und dennoch alles unter Kontrolle zu haben. Aber wie stand es um
die angeblich verheerende Wirkung von Alkohol auf australische Ureinwohner? Verstohlen
beobachtete er daher von Zeit zu Zeit Jack, der Bier trank. Aber er konnte
beruhigt sein. Der Spurenleser und er waren die einzigen, die nach dem
Verschwinden der Hummerpyramide nicht erheblich angeheitert wirkten.
Die stilechten Bienenwachskerzen waren schon
fast heruntergebrannt. Die Männer hatten zur Verdauung bereits einen gewohnt lausigen
australischen Kaffee, aber einen umso besseren Single Malt Glen gehabt, als der
bislang überwiegend einsilbige Jack im beiläufigen Plauderton auf einmal den
Touristiker ansprach:
„Scheint, dass sich am Vivonne-Beach eine
richtige Surfer-Kolonie gebildet hat.“
„Ja, das war klar, die Kids wollen nach ihrer
Ankunft immer schneller zu Strand und Wellen. Und in den letzten Jahren ist die
Surf hier offenbar durch den Klimawandel
immer besser geworden.“
„Das waren ja Verhältnisse wie in Surfer’s
Paradise diesen Sommer. Aus der Sicht der Wilderness Protection Area am Hanson
Beach vermutlich eine positive Entwicklung. Jetzt kommen sich Naturliebhaber
und Surfer-Freaks nicht mehr allzu nahe.“
Johannes bemerkte, wie bei der Erwähnung von
Hanson Beach Arts verschwommener Blick plötzlich wieder merklich konzentrierter
wirkte. Aber als Jack dann im Gespräch genau so entspannt zu Spots entlang der
Nordküste wechselte, widmete sich Art wieder dem Gespräch über die seit
neuesten limitierten Fangquoten für Bärenkrebse (Bugs) und Lobster.
Jack und Johannes sollten wegen des
Alkoholkonsums im Beisein der Obrigkeit für eine Nacht in den feinen Betten von
Art’s Guesthouse logieren. Die anderen konnten mehr oder weniger sicher auf den
eigenen Beinen heim marschieren.
Als Jack sich vom Polizeichef verabschiedete,
kündigte er ihr Kommen im Headquarter für den nächsten Morgen an, weil er sich
zusammen mit Johannes die Asservaten von Shawn noch einmal anschauen wollte.
Wieder meinte Johannes eine Erstarrung bei Art zu spüren, der mit dem Rücken zu
ihm stand.
Zwar wurden beide am nächsten Morgen nicht
von einem Kater heimgesucht, aber das Purin im hemmungslosen Hummerfleisch-Konsum
verursachte sowohl bei Jack als auch bei Johannes ähnlich staksige erste
Schritte. Bei Johannes kam hinzu, dass er durch intensives Blinzeln in die
Sonne sein natürliches Navigationssystem im Kopf auf der Südhalbkugel immer
aufs Neue komplett umprogrammieren musste. Er hatte ja normalerweise fast ein
unterbewusstes Orientierungsvermögen wie eine Brieftaube. Dass die Mittagssonne
im Norden steht und nach links über das Firmament zieht, bedurfte daher stets
der besonderen Konzentration. Einmal in der Etoschapfanne hatte er sich beim
Fotografieren von Elefanten nur um Meter von dem Trail entfernt, auf dem sein
Rover stand und im mannshohen Büffelgras die Orientierung verloren, weil er in
Panik der falschen „Programmierung“ gefolgt war. Als ihn ein aufmerksamer
Buschpilot auf einem Baobab-Baum zehn Stunden später eher durch Zufall
erspähte, war er zwar nur fünf Meilen von seinem Fahrzeug entfernt, aber fast
dehydriert und sonnenverbrannt. Dennoch hatte ihm damals die Entscheidung, sein
weißes Hemd auszuziehen und in die Baumkrone zu hängen, vermutlich das Leben
gerettet.
Auf Kangaroo Island – überhaupt auf Inseln –
konnte ihm das nicht so leicht passieren. Die Insel war zwar ein Kontinent im
kleinen – mit einer veritablen Wüste im Inneren, aber auf der
Nord-Süd-Mittelachse war sie durchaus zu Fuß innerhalb von fünf Stunden zu
meistern. Und außerdem hatte er ja den Spurenleser dabei…
Sie besahen sich die unspektakulären
Asservate von Shawn Ayers: ein noch aufgeriggtes custom-made Sinker-Board mit
hochgebundenem Gabelbaum, ein großes
grellbuntes Badetuch mit einem Bob Marley Portrait und ein Wetsuit-Halsbeutel, dessen Inhalt in
separaten Plastikbeuteln der Spurensicherung verpackt worden war. Johannes war
sich sicher, dass Jack darüber schon
umfassende Überlegungen angestellt hatte. Johannes war vor Jahren in der
deutschen Presse auf ihn aufmerksam
geworden, weil er bei der ersten so genannten „Hitchhike“-Mordserie in
Queensland nach Monaten und sogar noch nach der Regenzeit (!) die sterblichen
Überreste einer deutschen Tramperin im Yakaranda-Range aufgespürt hatte. Damals
hatte ihn eine im Fundbüro der historischen Eisenbahn abgegebene sehr teure
Feldflasche eines deutschen Herstellers, die in Australien nicht zu haben war,
auf die Spur gebracht…
Als sie mittags in südwestlicher Richtung
nach Hanson-Beach abgebogen waren, brach Johannes Jacks ostentatives Schweigen:
„Lass mich mal ein bisschen Jack spielen. Als
ich vor zwei Jahren über die offiziellen Kanäle ein Treffen mit dir haben
wollte, warst du nicht interessiert.
Diesmal konntest du gar nicht wissen, dass ich in Australien unterwegs bin. Es
sei denn, du hast es von Art erfahren. Aber wieso sollte eine Anfrage von Art,
die ich zudem gar nicht veranlasst habe, deine Meinung, einen dir unbekannten
deutschen Journalisten zu treffen, auf einmal geändert haben? Und dann dieser
Schamanen-Hokuspokus bei meiner Ankunft. Du wolltest die Honoratioren der Insel
und besonders Art mit mir ein wenig unter Druck setzen, weil du glaubst, sie
hätten bereits vor dir etwas gesehen und verschleiert, was die Version Bade-
oder Surf-Unfall in eine Richtung änderte, die diesem Paradies gewissermaßen
einen Sündenfall bescheren könnte. Und das wiederum glaubst du, weil du
tatsächlich einen für andere vielleicht unscheinbaren Impuls erhalten hast, dem
du aber selbst noch nicht traust.“
„Tell me, Smarty! Was hast du bei unserer
Begrüßung gespürt?“
„Nun, ich glaube, ziemlich genau zu wissen,
was Suggestion ist.“
„Red’ nicht rum, sag’s mir einfach!“
„So etwas wie ein elektrisches Vibrieren.“
„Und kam das von mir oder aus dir?“
„Ich hatte das Gefühl, ich sei an ein
Magnetfeld angeschlossen.“
„Ohne Elektrizität? Wie viele Déjàvus hast du
pro Jahr?“
„Jetzt nicht mehr so viele, aber vor einigen
Monaten noch ungefähr einmal pro Woche. Aber das weiß außer meinem Analytiker
keiner.“
„Was hast du assoziiert, als ich dich
angefasst habe?“
„Beim Griff an die Handgelenke habe ich an
einen anderen sehr beeindruckenden Aboriginal gedacht, den ich 1985 getroffen
habe. Bei den Unterarmen an ein kleines Mädchen namens Gaby, dass mich auf
eigenartige Weise verzaubert hatte, als ich selbst noch ein kleiner Junge war.“
„Ja, Tobi Tinker!“
„Aha, die berühmten Songlines haben dir das
wohl geflüstert. Ich habe bislang nämlich keinem von diesem Erlebnis erzählt!“
„Bullshit. Wir Aboriginals holen auf, was die
Gegenwart betrifft. Er hat mir bei einem Treffen in Canberra von dir erzählt.
Wir hatten in einem Kuratorium über eine politische PR-Strategie nachgedacht
und die internationalen Pressekontakte der Delegierten abgeglichen. Hättest du
ihn nicht so beeindruckt, wärst du nicht hier. Ich wusste aus seiner
Schilderung, dass du offenbar über ganz besondere Sensoren verfügst. I’ve heard
from you…remember? Tobi erzählte uns, wie er dich zu der Totenzeremonie
mitgenommen hatte, und dass du danach unter dem Einfluss des fermentierten
Getränkes wie ein Seher über die Zukunft gesprochen hättest: über
Auseinandersetzungen wegen des Urans, über das Ozonloch, dass auch bei uns zu
Hautkrebs-Erkrankungen führen würde, und dass es bald dreimal so viele Kamele
wie Aboriginals in Australien geben würde, die die traditionellen Wasserstellen
bedrohen könnten.“
„Davon weiß ich nichts. Ich hatte
psychedelische Träume, ja! Aber dass ich geredet hätte, daran kann ich mich
nicht mehr erinnern. Ich hatte noch das Gefühl, in so eine Art Koma zu fallen,
dann erinnere ich mich allerdings an nichts mehr. Aber der Schlaf war dann so
einmalig erquickend gewesen…“
„Da sind Schwingungen in dir, das kann ich
wahrnehmen und das weiß ich seit dem Flughafen. Wir werden bald ein Experiment
machen und feststellen, dass ich mich da nicht täusche. Etwas ist in dir.“
Sie stellten den „LandRover“ an den kleinen
Fluss, den South West River, der in die Hanson-Bay mündet.
„Etwa hier haben Greg und Shawn damals auch
geparkt. Greg ist direkt an den Beach, um seine täglichen Hausaufgaben an
Workout während der spielfreien Tage zu machen. Es gab etwa zwei Dutzend
weiblicher Augenpaare, die dieses Muskeltier zwei Stunden lang noch nicht
einmal für Bruchteile einer Sekunde außer Acht gelassen hätten“, dozierte Jack.
Sie marschierten dann jedoch ostwärts, wo die
markierten Pfade der Kelly Caves Hiking Area
hügelan in den Buschland-Bewuchs führten. An einer kaum zu erkennenden
Weggabelung öffnete sich der Blick auf eine kleine Bucht, die nicht nur aus
Sand bestand, sondern auch von kleinen Riffbändern und Geröllstellen
unterbrochen wurde.
„Da unten lagen die verwaisten Sachen von
Shawn. Das Board trieb in der Bucht und hatte sich mit dem Rigg in einem
Tangbeet verhakt. Greg hatte es geborgen, als er nach Shawn rief und sie nicht
finden konnte.“
Sie waren an einem abgeschliffenen Felsen
angekommen, der über und über mit eingeritzten Namen und Botschaften „verziert“
war, als Jack Johannes nötigte, sich zu setzen und sich einfach einmal Gedanken
zu machen.
„Setz dich und lass deine ganze innere
Spannung in deinen dicken Hintern sacken!“
Als er Anstalten machte, wieder Johannes’
Unterarme anzufassen, wurde der erstmals während ihres Zusammenseins wütend:
„Hör mit diesem Medizinmann-Mist auf! Ich
habe einen der profiliertesten Ganzheitsmediziner der Welt schon Ende der
Siebziger bei seinen Hypnose- und Suggestionsversuchen mit mir in die schiere Verzweiflung getrieben.“
Während er auf dem Fels unbehaglich hin und
her rutschte, musste er an den kleinen ukrainischen Arzt denken, der den Sprinter Valeri Borsov und den Langläufer Nikolai Baruschov angeblich mit seiner
Biorhythmus-Methode zu Olympia-Siegen „gehext“ aber bei Johannes noch nicht
einmal den Anflug eines Trance-Zustandes zu Wege gebracht hatte. Er sei
verschlossener als ein marmorner Sarkophag, hatte der damals gemeint. Was für
eine Metapher angesichts der Terminologie für die Einbetonierung des Reaktors
von Tschernobyl ein Jahrzehnt später… Aber war es nicht so, dass Johannes nun
womöglich viel zugänglicher geworden war, und sich deshalb wehrte?
„Meinetwegen“, seufzte er und hielt dem
Spurenleser seine Arme hin, „machen wir ein wenig Schamanenscheiß!“
Jack löste wieder diesen kaum wahrnehmbaren
Nervenkitzel von Tausenden kleiner Zellen in ihm aus. Er spürte wie die Wärme
des von der Herbstsonne aufgeheizten Steins in seine Pofalte und den Anus
eindrang. Johannes war das irgendwie unbehaglich, und er wollte gerade wieder
verärgert abbrechen, als kurze Filmfetzen – viel geraffter als Zeitraffer - für
Bruchteile von Sekunden an seinem inneren Auge vorbeirasten.
„Hey, hey, hey! Was war los? Du bist vor fünf Minuten von dem
Stein herunter gerutscht und warst nicht mehr ansprechbar!“
Johannes ging gar nicht darauf ein, sondern
schoss eine Reihe von Fragen ab, über die er nicht eigens nachgedacht haben
konnte:
„Ist es möglich, dass Shawn ihr Board gar
nicht selbst vom Wagen genommen hat, weil sie gar nicht die Absicht gehabt
hatte, hier zu surfen? Warum sollte sie hierher zum Surfen kommen, wenn du
gestern Abend selbst gesagt hast, dass diesen Sommer am Vivonne-Beach die Post
abgegangen ist…? Hast du die Kettenpackung mit den bunten Präservativen bei den
Asservaten gesehen? Vielleicht wollten die Naturkinder hier ja nur ein paar
Stündchen Nacktbaden und den Trieben
freien Lauf lassen… Verstehst du etwas vom Brandungswindsurfen? Ich hab’s mit
meinen 120 Kilo noch nicht einmal mit einem Verdränger-Board geschafft,
halbwegs in Fahrt zu kommen. Das Board von Shawn ist ein custommade Sinker mit kostbarem
Airbrush-Design. So ein sündteures Gerät wird von Spezialisten allein durch
Segeldruck aus dem Wasser gestartet. Eine wie Shawn hätte sich in ihren süßen
Po gebissen, wenn sie nur einen leichten Kratzer ins Unterwasserschiff bekommen
hätte. Im Asservatenraum wies das Board mehrere tiefe Rillen auf, die auch
nicht durch Schubbern eines herrenlosen Boards auf dem Kies hätten entstehen
können. Als hätte jemand, der viel schwerer gewesen war, versucht, es zu
segeln. Und der hatte auch vom Aufriggen des Gabelbaums am Mast keine Ahnung.
Eine Spitzensurferin wie Shawn hätte nie so ungeschickte Knoten geknüpft. Wo
war eigentlich der Wetsuit von Shawn?“
„Der war in Gregs Auto“, unterbrach Jack
fassungslos.
„Aus drei Dingen kann ich mir keinen Reim
machen“, fuhr Johannes fort, „kennst du
den Beatles-Song ‚A Day In The Life’ vom Sergeant Pepper’s Album? ‚I heard the news today oh boy. Four
thousand holes in Blackburn, Lancashire . And
though the holes were rather small, they had to count them all.’ Melodie
und Text dröhnten mir in den Ohren, und dann habe ich noch einen Frosch in Erdbeerform
und einen verbrannten Baum im Kopf, der wie ein Mensch mit ausgebreiteten Armen
ausgesehen und ein Kleid aus Flechten und Farnen getragen hat.“
Jack zunächst einmal nicht auf die Fragen
ein, sondern wollte wissen:
„Wieso bist du ohnmächtig geworden?“
„Hyperventilation! Wenn Dinge aus mir
schneller herauswollen, als ich sie aussprechen kann, passiert mir das
gelegentlich. Dann nehme ich durch unkontrollierte Atemfrequenz offenbar soviel
Sauerstoff auf, dass sich das Blut in meinem Gehirn benimmt, wie eine
Sodaflasche, die man vor dem Öffnen schüttelt. Aber du hast meine Fragen nicht
beantwortet. Könnte es nicht sein, dass Shawn gar nicht im Wasser war, gar
nicht hinein wollte, weil sie ohnehin erst am Nachmittag vorgehabt hatte, mit
den anderen Surfern am Vivonne Beach in die Brandung zu gehen? Was, wenn man
längst da oben hätte suchen müssen?“
Johannes unterbrach seine Rede, in dem er mit
dem Kopf in Richtung der Kelly Caves wies.
„Was, wenn jemand, der sich viel besser mit
Surfen auskennt als ich, das schon längst vor mir erkannt hätte. Dann müsste
man denken, dass jemand die Ahnung von einem viel ernsteren Sachverhalt gehabt
hätte.“
Jack griff in die Tasche seiner Kaki-Shorts
und hielt einen kleinen rotweißen Gegenstand vor Johannes’ Augen. Martha, seine
Tochter, hatte auch solche Haarspangen aus gestanztem Blech, die ein wenig an
diese Klackerfrösche erinnern, die es früher in den Wundertüten mit Puffreis
gegeben hatte.
„Ja, daher die Assoziation! Auf dem einen
großen Foto von Shawn, das mit den Rattenschwänzen, da trägt sie die im Haar.
Das Muster sind Erdbeeren. Da bin ich ja froh, dass ich mir über meine“ - er
zeichnete mit Zeige- und Mittelfinger beider Hände Gänsefüßchen in die Luft und
machte eine Kunstpause - „seherischen
Fähigkeiten keine Sorgen machen muss…“
„Nicht so schnell junger Mann. Wieso hier und
wieso jetzt? Woher solltest du ahnen können, dass ich das Ding erst vor vier
Tagen hier fünf Meter von diesem Stein beim Pinkeln entdeckt habe, ohne irgend
etwas anderes zu assoziieren – als dass das tatsächlich eine Spur von ihr sein
könnte?“
Mit gar nicht mehr gichtigen und für sein
Alter äußerst federnden Schritten, eilte Jack in Richtung Rover zurück. Und
überließ Johannes seinen unbequemen Gedanken und dem in seinem Hirn kreisenden,
sehr psychedelischen Beatles Song:
I heard the news today…
Als
Jack wieder auftauchte, hatte der sich ziemlich verändert: Er war jetzt barfuss
und nackt, trug einen dreieckigen Lendenschurz aus Tierhaut und einen Speer mit
Schleuderholz. Er hatte sich in einen traditionellen Aboriginal-Spurensucher
verwandelt.
Johannes reagierte - peinlich berührt von der Verwandlung -
flapsiger als er eigentlich wollte, aber das verriet nur seine innere Spannung.
„Machen wir jetzt wieder ein wenig
Schamanen-Zauber?“
„Du spottest, weil du wieder einmal Angst
davor hast, dass du etwas siehst, was du nicht sehen möchtest. Jetzt habe ich
eine Richtung für die Spur, und ich begebe mich in Einklang mit der Natur, um
Shawn zu finden. Das ist meine Aufgabe – nicht irgendwelche Sachverhalte
aufzuklären.“
„Entschuldige. Weißt du, dass Mädchen mit diesen
Spangen niemals ins Wasser gehen würden, weil die – einmal mit Salzwasser in
Berührung gekommen – ganz unangenehm nach rostigem Blech riechen. Wäre Shawn
ins Wasser gegangen, hätte sie sie vermutlich abgemacht. Bei ihren Asservaten
waren sie aber nicht.“
Jack hatte sich schon – ohne sich umzusehen –
von der Weggabelung aus links auf den Weg bergauf gemacht. Johannes folgte ihm
in einigem Abstand und stellte dabei fest, dass der alte Bursche seinen Körper
extrem gut in Schuss gehalten hatte.
Nach etwa fünf, Johannes aber
unendlich erscheinenden, Minuten, in denen der Spurensucher sich weder
umgewandt noch ein Wort an ihn gerichtet hatte, waren sie an einer Stelle
gelangt, wo kürzlich ein kleinerer Flächenbrand stattgefunden haben musste.
Kein „Bigburn“, wie er sommers in Australien ganze Landstriche in Asche
verwandelt – aber immerhin zwei, drei Fußballfelder war das Areal schon groß,
und es roch in der Mittagssonne immer noch deutlich verkohlt, obwohl sich die
Natur das Terrain bereits mit zunehmend dichter werdendem Grün zurück erobert
hatte.
„Vorher oder nachher?“, fragte Johannes, ohne
sich groß Gedanken zu machen.
„Wie wäre es mit sehr zeitnah danach… Du
kannst es unmöglich wissen, aber hier stehen normalerweise Warnschilder der
WPU, die in der Wanderkarte vermerkt sind. Die waren wohl mit verbrannt: Stay
on Trail! Dangerous holes either side!
Four thousand holes in Blackburn, Lancashire …
Na ja, klar, die Trailmap hatte
er bestimmt schon gesehen. So sind die „Holes“ in die Assoziationskette gelangt,
dachte Johannes, als er Jack dabei beobachtete, wie er unter Missachtung der
Gefahr den Pfad verließ, um etwa zwanzig Meter oberhalb etwas aus der Asche zu
graben.
„Jetzt haben wir zwei“, sagte er
triumphierend als er eine vom Feuer deformierte Haarklemme hochhielt.
„Und jetzt drei“, antwortete Johannes dessen
linker Fuß bei dem Versuch, hinter Jack her zu klettern, in der Asche
weggerutscht war,. An seinem Außenrist blinkte noch so eine Haarklemme auf.
„Sieht ein wenig nach Hänsel und Gretel aus!
Denn zum Pinkeln hätte sie nicht so weit hoch gemusst.“
„Aber gegen Ihren Willen hätte sie lebend
auch keiner hier hoch gebracht.“
„Woran denkst du?“
„An einen großen Mann oder zwei. Sie wurde
über die Schulter gelegt transportiert. Sie war ein großes muskulöses Mädchen
und bereits leblos. Jedes Mal wenn es steiler wurde, musste der Träger die Last
zurechtrücken, dabei haben sich lockere Spangen vermutlich gelöst. Sie wurde
mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit da oben in ein Loch geworfen.
Der ganze Hügel hier ist wie ein Schweizer Käse. Du kennst vermutlich einige
der Legenden, die sich um die Entdeckung der Kelly Caves ranken. Die Höhle ist
nur zu einem Bruchteil erforscht, und unter diesem Areal ist das Betreten wegen
des Gezeitenwechsels absolut lebensgefährlich.“
„Ein Verbrechen also. Und wie lange hast du
Greg schon unter Verdacht?“
„Seit Art jedes Mal zusammenzuckt, wenn ich
etwas über das Surfen in dieser Gegend gefragt habe.“
„Wo soll das Motiv gewesen sein?
Vergewaltigung scheidet schon mal aus. Shawn hatte so viele Präservative dabei,
dass sie dem Mann auf dem Spielfeld für Wochen die Spannkraft hätte rauben können. Nichts deutet auf einen Streit
zwischen den beiden hin. Hätte es ein Eifersuchtsproblem gegeben, wären doch
nicht beide so ihrer üblichen Routine gefolgt. - Und dennoch, wieso hat Art so
spürbar reagiert?“
„Weißt du, was das schöne an meinem Job ist,
ich muss nur finden und keine Verbrechen aufklären. Ich sag jetzt dem Chief,
dass ich eine Ahnung habe, wo sie liegt und dann müssen die sie rausholen.“
„Woher willst du wissen, wo sie liegt?“
„Von dir!“
Jack wies auf einen Baum hin, der mit anderen
in etwa sechzig Metern Entfernung mit schwarzem Stamm aus dem noch schüchternen
Grün ragte. Er war hoch genug gewesen, dass nur ein Teil seiner unteren Äste
angekokelt waren. Als Jack Johannes in eine andere Position und Perspektive
zog, sahen das feuergedörrte Laub und die vom Wind gelösten Flechten aus, als
trüge der Baum einen tarnfarbenen Regenumhang…
„Aber wenn sie da oben läge, hätten Suchhunde
sie dann nicht finden müssen?“
„Ich vermute, deswegen wurde bald darauf das
Feuer gelegt. Damit der scharfe Brandgeruch alle anderen Geruchsspuren
überlagert. Es wurde vermutet, dass es von einem aus der Suchmannschaft durch
eine Zigarette ausgelöst worden war. Übrigens: Weiter unten wurde sie getragen, und auf dem Weg hinunter zur Bucht
muss es für die Hunde viel interessantere Düfte von ihr gegeben haben. Wenn du
verstehst, was ich meine…“
Als Johannes wenige Tage später von Melbourne
aus seinen Heimflug antrat, schnappte er sich vom Wagen der Flugbegleiterin
eine Zeitung mit der Headline:
AFL-Star’s
Girlfriend Found Dead.
Allen
Beteiligten war es offenbar gelungen, für ein paar Tage den Deckel auf der Angelegenheit
zu halten. Denn in der Zeitung stand auch verzögert über den Fall nichts, was
Johannes als Insider nicht schon in Adelaide gehört hatte. Shawn war Opfer
einer bestialischen Vergewaltigung mit Todesfolge geworden. Ihr Leichnam war
durch das besondere Klima in diesem Teil der Höhle wie gepökelt gewesen, so
dass die armen Eltern keine Mühe hatten, die Tote als ihre verschwundene
Tochter zu identifizieren.
Die Redakteure hatten zur Bebilderung das
sexy Halbportrait mit den Rattenschwänzchen von Shawn und eine Actionszene von
Greg ausgewählt, in der er mit dem typischen ärmellosen Trikot hoch über seine
Gegenspieler steigt und sich das
orangefarbene Ei mit seinen muskelbepackten Armen schnappt. Greg war – was Johannes für seinen Vater Art
sehr freute - offenbar sofort durch das
Zeitfenster außer Verdacht gewesen und durch wesentliche Merkmale des
Tathergangs, der Ähnlichkeiten mit zwei weiteren unaufgeklärten Verbrechen
dieser Art in Südaustralien aufwies. Die Yellowpress hatte auch schon einen Namen
für den Täter. Sie nannte ihn den Beach-Ripper.
Eine ganze Spalte in dem Kontext widmete sich jedoch einer neuen forensischen
Methode, über die anhand der DNA Täter
künftig eindeutig überführt werden könnten. 1985 hatte der britische Mediziner
Alec John Jeffreys zusammen mit einer Kollegin ein Verfahren entwickelt, das mittels
Analyse kleinster Hautpartikel, Haaren oder getrockneten Sekretes einen
unzweifelhaft präzisen „genetischen Fingerabdruck“ liefert. Shawns Mörder hatte
nicht nur in ihr, sondern auch an seinen anderen Opfern Spuren hinterlassen,
die ihn im Sommer 1993 bei seinem insgesamt siebten Opfer als Serientäter
identifizierten.
Da war Jack Wanganeen – wie er bürgerlich
hieß - infolge eines auf seiner schwarzen Haut zu spät entdeckten Melanoms
schon ein Jahr tot.
In Johannes lebt er bis heute wegen seines
Vortrags über das Töten weiter, den er ihm in der letzten Nacht unter dem
südlichen Sternenhimmel am Leuchtturm von Cape de Couedec auf Kangaroo Island
gehalten hatte.







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