Dienstag, 11. Juni 2013

Jack

  Zu den eigenartigen Erlebnissen in den 1980ern, die Johannes Goerz beim Revue passieren Lassen nun ironisch seine „Nirvana-Jahre“ nannte, gehörten auch denkwürdige Begegnungen mit zwei charismatischen Aboriginals. Die eine war die mit dem Clan-Chef Tobi Tinker in den Northern Territories.
  Hier diese zweite jedoch dokumentiert, wie sein Verstand zwischen tadelloser Funktion, seherischen Momenten und erheblichem verwirrt Sein pendelte.
   Art Ramsey, der Hummer-König von Südaustralien, ein Freund aus einer früheren Begegnung, hatte es nach mehreren vergeblichen Anläufen tatsächlich geschafft, ihm ein Treffen mit einem von Mythen umrankten Aboriginal zu vermitteln: Jack „The Blacktracker“, die Spurenleser-Legende – nicht der Aboriginal-Dichter Jack Davis(1917-2000), der sich diesen nom de plume durch seine Poesie als erster mit einem Text über einen Fährtenleser erschrieben hatte!
  Er sollte ihn bei seinem aktuellen Auftrag begleiten dürfen. Johannes kehrte, nachdem ihn ein Telex von Art in einem Motel auf seiner ursprünglich geplanten Reise-Route erreicht hatte, ohne zu zögern mit seinem Leihwagen auf dem Weg nach Perth um. Einen Tag später flog die zweimotorige Maschine von Adelaide hinaus aufs Meer, um ihn nach Kangaroo Island zu bringen.
  Bis zu diesem Zeitpunkt war seine erst Ende der 1980er veröffentlichtes Erlebnis mit Tobi Tinker noch nicht geschrieben, und er hatte auch keinem von seiner Traumpfad-Wanderung mit dem Clan-Chef der Yolngu aus Arnhemland in den Northern Territorries berichtet. 
  Jack war ein außergewöhnlich hoch gewachsener, dafür aber sehr feingliedriger Aboriginal, der damals ähnlich aussah wie der Hollywood-Schauspieler Morgan Freeman heute. Er trug tadellos gebügelte und gestärkte Kaki-Sachen, was ihm auch ohne militärische Rangabzeichen den Habitus eines Mannes gab, der gewohnt war, unwidersprochen anzuordnen.  Es war schon überraschend, dass Johannes von dieser Autorität am Airstrip persönlich abgeholt wurde. Die Begrüßung selbst war jedoch noch denkwürdiger: Der Mann hielt ihn für eine Minute oder länger schweigend mit geschlossenen Augen an seinen Handgelenken und danach auch ganz sanft an seinen nackten Unterarmen. Johannes fühlte sich auf einmal eigentümlich durchströmt – so, als habe ihn der Mann für einen Moment an einen dieser zweifelhaften Apparate für Magnetfeldtherapien angeschlossen:
   "Well, that's you! I've heard from you - right!"
    Jack war eine Woche zuvor von den Eltern eines Teenagers aus Melbourne angeheuert worden. Das Mädchen war zu Beginn des australischen Sommers verschwunden. Jetzt im Mai 1987 war die Weinlese im berühmten Barossa Valley schon zum Teil vorbei gewesen. Die Polizei ging von einem Bade- beziehungsweise Surfunfall aus  - vielleicht einer Hai-Attacke - und hatte nach der üblichen Routine und Zeit die Suche eingestellt und diese Version zu den Akten genommen.
  Die Eltern hatten diese aus mancherlei Gründen bezweifelt, und der Spurenleser teilte nach einem intensiven Gespräch ihre Ansicht. Aber nicht etwa, weil er auf das Honorar von zehntausend australischen Dollars angewiesen war. Jack hatte es sich nämlich selbstsicher zum Geschäftsprinzip gemacht, nur im Erfolgsfall eine Bezahlung zu verlangen. Sonst blieb es bei den Spesen, und die waren gleich null. Jack lebte für die Zeit auf der Insel in einer Hütte der Wilderness-Protection-Unit WPU und versorgte sich selbst. Von Johannes verlangte er - nachdem das "Beschnuppern" offenbar zu seiner Zufriedenheit ausgefallen war - dass er es ihm für die gemeinsamen Tage gleichtat.
 
  Zu jener Zeit vor mehr als 30 Jahren herrschten auf  Kangaroo Island noch merkwürdige Verhältnisse zwischen Mensch und Natur. Die Insel war ein Zoo in umgekehrter Betrachtungsweise. Außerhalb vom Hauptort Kingscote  und den touristischen Einrichtungen waren es die Menschen, die Schutzgehege aufsuchten, wenn sie von den souverän auftretenden wilden Tieren bestaunt  oder vor ihren frechen Überfällen gefeit sein wollten.
  Zu so einem fast mannshoch  eingezäunten Picknickplatz unweit der Höhlen von Kelly Hills brachte Jack Johannes, um ihn bei einem australischen Bush-Lunch aus einer Kühlbox von der Größe eines Kleiderschranks zu briefen.
  Johannes war sich der unerhörten Ehre bewusst, die ihm diese Spurensucher-Legende erwies und wollte sich erst einmal wortreich bedanken, aber der Mann schnitt ihm ungeduldig das Wort ab. Es käme zunächst darauf an, in Einklang mit der Natur zu gelangen, wenig zu reden, aber umso mehr zu hören. Vor allem auf Stimmen, die aus dem eigenen Inneren kämen. Er hätte gespürt, dass Johannes davon sehr viele in sich berge, und die würden nun auch gebraucht, denn er habe vor wenigen Tagen mehr als vier Monate nach dem Verschwinden des Mädchens so etwas wie einen ersten Impuls, eine Art Traumpfad des Mädchens, erspürt.
  Shawn Ayers, ein Spross der australischen Pionier-Dynastie war kurz nach Weihnachten zu ausgedehnten Ferien auf die Insel gekommen, bevor sie in jenem Herbst mit dem Studium hatte beginnen wollen. Auf den Polaroids, die Jack Johannes vorlegte, sah sie wie das leibhaftige Klischee eines Beach-Babys aus: dunkelbraun gebrannt mit Sommersprossen, sehnig athletische Figur und kaum von einem Bikini-Top oder der Schuluniform zu bändigende Brüsten; ein schelmisch lächelndes ovales Kindergesicht von einem Dutzend abstehender sonnengebleichter blonder Rattenschwänzchen umkränzt, stand aber im merkwürdigen Kontrast zu einem festen Blick, den auch die schlechte Bildqualität nicht abschwächen konnte. Das waren keine aquamarinfarbenen Schusser, sondern kluge Sensoren, die ihrer Trägerin bestimmt mehr erschlossen, als manch Macho ihr vermutlich auf den ersten Blick zutrauen wollte.
  Sie hätte laut Jack australische Spitze in gut einem halben Dutzend olympischer Sportarten sein können, hatte sich aber aus reinem Vergnügen und ohne Ambitionen auf Titel und Ruhm dem Brandungswindsurfen verschrieben. Dafür gab es in Australien sicher heißere Spots als Kangaroo Island, aber die Insel bot für Shawn eben auch eine gefühlsmäßige und hormonelle Attraktion, nämlich Art Ramseys Sohn, Greg. Der "Sixfeeter" (Zweimetermann) von den „Adelaide Crows“ mit einem Kampfgewicht von hundert Kilo, war in der vergangenen Saison zum „Most Valuable Player“ in der ersten Liga des Aussie-Footballs gekürt worden und ein nationales Teenie-Idol...
  Jack leierte die Fakten ohne sonderliche Betonungen herunter und hielt sich  auch nicht bei Details auf, die für ihn selbst vielleicht wichtig gewesen wären. Er wollte seinem Gast möglichst unverfälschte Informationen vermitteln, während der sich aus einer Tupperware-Box ein dreieckig geschnittenes Sandwich mit Huhn, Salat und Majonäse gefischt hatte. Johannes wollte gerade herzhaft und hungrig zubeißen, als ihm jemand hart auf die linke Schulter klopfte. Er drehte sich in die Richtung und musste miterleben, wie ihm von der anderen, der rechten Seite sein belegtes Brot wegschnappt wurde.
  "Darf ich vorstellen? Stan und Olli!" sagte Jack mit gespielter Förmlichkeit.
  Johannes blickte erst in das eine und dann in das andere listig grinsende Gesicht und konnte trotz des kaum zu beherrschenden Lachanfalls in dem linken Züge von Doof entdecken. Das rechte rollte mit den Augen wie Dick, wenn er in den alten Slapsticks verlegen mit seiner zu kurz gebundenen Krawatte wedelte. Aber der Hals war natürlich viel zu dünn und zu lang, um eine solche tragen zu können - wie bei allen Emus. Johannes sah ein wenig futterneidisch zu, wie sein Sandwich als Wanderbeule diesen hinunterrutschte.
  Das Straußen-Duo hatte sich für seine Lunch-Überfälle seit langem mit diesem Trick auf uneingeweihte Inselbesucher spezialisiert. Und wenn sie ihre Nummer schadlos abgezogen hatten, wackelten wie auf ein Signal auch Wombats aus dem Unterholz, hüpften Wallabees heran und selbst die allein auf das Mümmeln von Eukalyptusblättern spezialisierten Koalas in den Baumkronen über dem Lunch-Port riskierten das ein oder andere Knopfauge.
  Wer wollte in so einem possierlichen Umfeld schon über ein verschwundenes Mädchen reden? Und so vergaßen die beiden Männer, weshalb sie hier waren, bis die gigantische Kühlbox geplündert war. Johannes konnte sich später nicht daran erinnern, ob er überhaupt mehr als  ein Sandwich oder einen Apfel ergattern konnte.
  Als sie aufbrachen, meinte Jack:
  "Ich weiß, du kennst die Insel schon. Aber heute möchte ich dir erst noch einmal wie einem ganz normalen Touristen auf einer Sightseeing-Runde ihre Möglichkeiten zeigen. Ich mache das auch für mich selbst - wo immer ich mit einem Auftrag beginne - genauso. Heute Abend sind wir übrigens in Kingscote bei Art zum Lobster-Essen eingeladen. Auch da bitte ich dich, die Antennen auf Empfang zu schalten, damit du morgen verstehst, wie ich vorgehe."
  Dem kaum gesättigten Johannes lief bei dieser Ankündigung ein wohliger Schauer durch die Leibesmitte. War es doch Art Ramsey, der jede Diskussion über die richtige Zubereitung von frischem Hummer mit seinem ureigensten Manifest beendete:
  "The only way, I like to eat lobster is - with more lobster!"
  Es war also eine Orgie bis an den Rand des Eiweißschocks zu erwarten. Begleitet vermutlich von einem Chardonnay der "Gnadenreich Winery", den Johannes von Malcolm Seppelt, dem Renegaten und feinsinnigen Weinmacher aus der gleichnamigen Massenwein-Dynastie als "kleines Dankeschön" von Barossa Valley auf die Insel hatte expedieren lassen.
  Jack und er kletterten den ganzen Nachmittag bis zum Sonnenuntergang an den Remarkable Rocks herum, schlenderten später am Strand unweit von diesen bizarren Felsformationen mit dem Admiral’s Arch durch die riesige Seelöwen-Kolonie und hakten dann mit der sinkenden Sonne nacheinander gegen den Urzeigersinn das gute Dutzend offizieller Strände ab. Die präsentierten sich jetzt im australischen Spätherbst meist verwaist aber umso schöner dem Auge des Betrachters. In den tiefen Farbabstufungen aus Weiß, Türkis, Azur, Smaragd und kontrastiert vom Rot der Cliffs glaubte Johannes aber auch den Hauch von der Vergänglichkeit des Jahres zu spüren, obwohl sein Biorhythmus ja auf Frühling programmiert war.
  Viel geredet wurde dabei nicht. Jedes Mal wenn Johannes das Schweigen  brechen wollte, wies ihn Jack mit einer leisen Geste zurück. Er sollte offenbar alles noch einmal unreflektiert aufnehmen und sehr bald überrascht sein, was er auf dieser Runde alles unbewusst aufgenommen hatte...
  Der Abend in Kingscote erlebte eine australische Männerrunde – wie sie auch hundertfünfzig Jahre zuvor so stattgefunden haben mag. Es war schon zu frisch, um noch draußen auf der Terrasse über dem Hafen zu essen, aber auch hinter den Panoramafenstern von „Flinder’s Arms“ gelangte noch genug von dieser historisierenden Stimmung in die Herzen der Zecher. Immerhin war die Insel, die schon von Matthew Flinders bei der ersten Umrundung der „Terra Australis“ entdeckt wurde, einer der frühen „safe harbours“ für die Segler aus dem Mutterland gewesen. Und etwa so mussten die nach Törns, die bis zu zwei Jahren gedauert hatten, auch ihre ersten Gelage mit festem Boden unter den Füßen durchgezogen haben.
  Art hatte eine Pyramide aus pfundschweren Hummern auf einer Silberplatte auftürmen lassen. Der Tisch war mit historischem Zinn-Geschirr auf grobem, leicht grauem Leinen eingedeckt. Jeder bekam aus dem gleichen Material von den Waitresses eine Serviette vom Ausmaß eines Badehandtuchs umgebunden und nur eine Hummergabel als Esswerkzeug. Wer Bier trank, hatte einen Zinnhumpen mit Glasboden vor sich, der permanent aus einer gewaltigen Glaskanne mit einem silbernen Löwenkopf als Deckel nachgeschenkt wurde. Johannes trank seinen Wein aus einem  fein ziselierten Kelch, der aus einer gefassten Nautilus-Schale bestand, deren Perlmuttschicht im Kerzenlicht der Kandelaber alle Spektralfarben versprühte.
  Der Gastgeber selbst wusste, wie er sich seinen Freunden und Bekannten gegenüber in diesem Ambiente selbst einzubringen hatte. Obwohl eher ein gedrungener Typ, wirkte er in seiner cognacfarbenen, weit geschnittenen Cordhose, dem pluderärmeligen, weißen Leinenhemd und der weinroten Wildlederweste darüber wie die Idealbesetzung eines Seebären. Auch sein breiter südaustralischer Dialekt passte perfekt.
  Außer Art, Jack und Johannes komplettierten noch der Polizeichef der Insel, der Geschäftsführer des örtlichen Nationalparks, der Chairman des Touristboards und der Obmann der Hummerfischer-Vereinigung die Tafelrunde. Letzterer bekam übrigens ein großes Steak mit Folienkartoffeln und langweilig aussehendem Gemüse – denn er mochte keine Schalentiere. Außer Johannes verzichtete jeder auf einen spöttischen Kommentar, weil vermutliche alle Witze auf Kosten dieser paradoxen Situation schon einmal gemacht worden waren.
  Die Hummer mit den vor geknackten Scheren wurden archaisch mit den Händen aufgebrochen und der Inhalt ihrer Schalen in respektlos großen Stücken je nach Gusto in Majonäse oder „Garlicbatter“ getunkt, ehe sie triefend in den schmatzenden Mäulern der Männer verschwanden. Da so viele Hummer da waren, verzichteten sie alle darauf, auch den Beinchen und den Brustpanzern die Referenz zu erweisen.  Johannes hoffte insgeheim, dass er genug „Allopurinol“ und „Blemaren-Brausetabletten“ geschluckt hatte, um Gichtattacken und der Bildung von Nierensteinen vorzubeugen. Bedenken, die nach der dritten Nautilus-Schale mit auch nicht gerade für seine Gicht idealen Gnadenreich-Chardonnay ohnehin bereits hinweg geschwemmt worden waren.
  Ein Journalist war es gewohnt beim Trinken mit zu halten und dennoch alles unter Kontrolle zu haben. Aber wie stand es um die angeblich verheerende Wirkung von Alkohol auf australische Ureinwohner? Verstohlen beobachtete er daher von Zeit zu Zeit Jack, der Bier trank. Aber er konnte beruhigt sein. Der Spurenleser und er waren die einzigen, die nach dem Verschwinden der Hummerpyramide nicht erheblich angeheitert wirkten.
  Die stilechten Bienenwachskerzen waren schon fast heruntergebrannt. Die Männer hatten zur Verdauung bereits einen gewohnt lausigen australischen Kaffee, aber einen umso besseren Single Malt Glen gehabt, als der bislang überwiegend einsilbige Jack im beiläufigen Plauderton auf einmal den Touristiker ansprach:
  „Scheint, dass sich am Vivonne-Beach eine richtige Surfer-Kolonie gebildet hat.“
  „Ja, das war klar, die Kids wollen nach ihrer Ankunft immer schneller zu Strand und Wellen. Und in den letzten Jahren ist die Surf hier offenbar durch den Klimawandel  immer besser geworden.“
  „Das waren ja Verhältnisse wie in Surfer’s Paradise diesen Sommer. Aus der Sicht der Wilderness Protection Area am Hanson Beach vermutlich eine positive Entwicklung. Jetzt kommen sich Naturliebhaber und Surfer-Freaks nicht mehr allzu nahe.“
  Johannes bemerkte, wie bei der Erwähnung von Hanson Beach Arts verschwommener Blick plötzlich wieder merklich konzentrierter wirkte. Aber als Jack dann im Gespräch genau so entspannt zu Spots entlang der Nordküste wechselte, widmete sich Art wieder dem Gespräch über die seit neuesten limitierten Fangquoten für Bärenkrebse (Bugs) und Lobster.
  Jack und Johannes sollten wegen des Alkoholkonsums im Beisein der Obrigkeit für eine Nacht in den feinen Betten von Art’s Guesthouse logieren. Die anderen konnten mehr oder weniger sicher auf den eigenen Beinen heim marschieren.
  Als Jack sich vom Polizeichef verabschiedete, kündigte er ihr Kommen im Headquarter für den nächsten Morgen an, weil er sich zusammen mit Johannes die Asservaten von Shawn noch einmal anschauen wollte. Wieder meinte Johannes eine Erstarrung bei Art zu spüren, der mit dem Rücken zu ihm stand.
  Zwar wurden beide am nächsten Morgen nicht von einem Kater heimgesucht, aber das Purin im hemmungslosen Hummerfleisch-Konsum verursachte sowohl bei Jack als auch bei Johannes ähnlich staksige erste Schritte. Bei Johannes kam hinzu, dass er durch intensives Blinzeln in die Sonne sein natürliches Navigationssystem im Kopf auf der Südhalbkugel immer aufs Neue komplett umprogrammieren musste. Er hatte ja normalerweise fast ein unterbewusstes Orientierungsvermögen wie eine Brieftaube. Dass die Mittagssonne im Norden steht und nach links über das Firmament zieht, bedurfte daher stets der besonderen Konzentration. Einmal in der Etoschapfanne hatte er sich beim Fotografieren von Elefanten nur um Meter von dem Trail entfernt, auf dem sein Rover stand und im mannshohen Büffelgras die Orientierung verloren, weil er in Panik der falschen „Programmierung“ gefolgt war. Als ihn ein aufmerksamer Buschpilot auf einem Baobab-Baum zehn Stunden später eher durch Zufall erspähte, war er zwar nur fünf Meilen von seinem Fahrzeug entfernt, aber fast dehydriert und sonnenverbrannt. Dennoch hatte ihm damals die Entscheidung, sein weißes Hemd auszuziehen und in die Baumkrone zu hängen, vermutlich das Leben gerettet.
  Auf Kangaroo Island – überhaupt auf Inseln – konnte ihm das nicht so leicht passieren. Die Insel war zwar ein Kontinent im kleinen – mit einer veritablen Wüste im Inneren, aber auf der Nord-Süd-Mittelachse war sie durchaus zu Fuß innerhalb von fünf Stunden zu meistern. Und außerdem hatte er ja den Spurenleser dabei…
  Sie besahen sich die unspektakulären Asservate von Shawn Ayers: ein noch aufgeriggtes custom-made Sinker-Board mit hochgebundenem Gabelbaum, ein  großes grellbuntes Badetuch mit einem Bob Marley Portrait  und ein Wetsuit-Halsbeutel, dessen Inhalt in separaten Plastikbeuteln der Spurensicherung verpackt worden war. Johannes war sich sicher, dass Jack  darüber schon umfassende Überlegungen angestellt hatte. Johannes war vor Jahren in der deutschen Presse  auf ihn aufmerksam geworden, weil er bei der ersten so genannten „Hitchhike“-Mordserie in Queensland nach Monaten und sogar noch nach der Regenzeit (!) die sterblichen Überreste einer deutschen Tramperin im Yakaranda-Range aufgespürt hatte. Damals hatte ihn eine im Fundbüro der historischen Eisenbahn abgegebene sehr teure Feldflasche eines deutschen Herstellers, die in Australien nicht zu haben war, auf die Spur gebracht…
  Als sie mittags in südwestlicher Richtung nach Hanson-Beach abgebogen waren, brach Johannes Jacks ostentatives Schweigen:
  „Lass mich mal ein bisschen Jack spielen. Als ich vor zwei Jahren über die offiziellen Kanäle ein Treffen mit dir haben wollte, warst du nicht  interessiert. Diesmal konntest du gar nicht wissen, dass ich in Australien unterwegs bin. Es sei denn, du hast es von Art erfahren. Aber wieso sollte eine Anfrage von Art, die ich zudem gar nicht veranlasst habe, deine Meinung, einen dir unbekannten deutschen Journalisten zu treffen, auf einmal geändert haben? Und dann dieser Schamanen-Hokuspokus bei meiner Ankunft. Du wolltest die Honoratioren der Insel und besonders Art mit mir ein wenig unter Druck setzen, weil du glaubst, sie hätten bereits vor dir etwas gesehen und verschleiert, was die Version Bade- oder Surf-Unfall in eine Richtung änderte, die diesem Paradies gewissermaßen einen Sündenfall bescheren könnte. Und das wiederum glaubst du, weil du tatsächlich einen für andere vielleicht unscheinbaren Impuls erhalten hast, dem du aber selbst noch nicht traust.“
  „Tell me, Smarty! Was hast du bei unserer Begrüßung gespürt?“
  „Nun, ich glaube, ziemlich genau zu wissen, was Suggestion ist.“
  „Red’ nicht rum, sag’s mir einfach!“
  „So etwas wie ein elektrisches Vibrieren.“
  „Und kam das von mir oder aus dir?“
  „Ich hatte das Gefühl, ich sei an ein Magnetfeld angeschlossen.“
  „Ohne Elektrizität? Wie viele Déjàvus hast du pro Jahr?“
  „Jetzt nicht mehr so viele, aber vor einigen Monaten noch ungefähr einmal pro Woche. Aber das weiß außer meinem Analytiker keiner.“
  „Was hast du assoziiert, als ich dich angefasst habe?“
  „Beim Griff an die Handgelenke habe ich an einen anderen sehr beeindruckenden Aboriginal gedacht, den ich 1985 getroffen habe. Bei den Unterarmen an ein kleines Mädchen namens Gaby, dass mich auf eigenartige Weise verzaubert hatte, als ich selbst noch ein kleiner Junge war.“
  „Ja, Tobi Tinker!“
  „Aha, die berühmten Songlines haben dir das wohl geflüstert. Ich habe bislang nämlich keinem von diesem Erlebnis erzählt!“
  „Bullshit. Wir Aboriginals holen auf, was die Gegenwart betrifft. Er hat mir bei einem Treffen in Canberra von dir erzählt. Wir hatten in einem Kuratorium über eine politische PR-Strategie nachgedacht und die internationalen Pressekontakte der Delegierten abgeglichen. Hättest du ihn nicht so beeindruckt, wärst du nicht hier. Ich wusste aus seiner Schilderung, dass du offenbar über ganz besondere Sensoren verfügst. I’ve heard from you…remember? Tobi erzählte uns, wie er dich zu der Totenzeremonie mitgenommen hatte, und dass du danach unter dem Einfluss des fermentierten Getränkes wie ein Seher über die Zukunft gesprochen hättest: über Auseinandersetzungen wegen des Urans, über das Ozonloch, dass auch bei uns zu Hautkrebs-Erkrankungen führen würde, und dass es bald dreimal so viele Kamele wie Aboriginals in Australien geben würde, die die traditionellen Wasserstellen bedrohen könnten.“
  „Davon weiß ich nichts. Ich hatte psychedelische Träume, ja! Aber dass ich geredet hätte, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich hatte noch das Gefühl, in so eine Art Koma zu fallen, dann erinnere ich mich allerdings an nichts mehr. Aber der Schlaf war dann so einmalig erquickend gewesen…“
  „Da sind Schwingungen in dir, das kann ich wahrnehmen und das weiß ich seit dem Flughafen. Wir werden bald ein Experiment machen und feststellen, dass ich mich da nicht täusche. Etwas ist in dir.“
  Sie stellten den „LandRover“ an den kleinen Fluss, den South West River, der in die Hanson-Bay mündet.
  „Etwa hier haben Greg und Shawn damals auch geparkt. Greg ist direkt an den Beach, um seine täglichen Hausaufgaben an Workout während der spielfreien Tage zu machen. Es gab etwa zwei Dutzend weiblicher Augenpaare, die dieses Muskeltier zwei Stunden lang noch nicht einmal für Bruchteile einer Sekunde außer Acht gelassen hätten“, dozierte Jack.
  Sie marschierten dann jedoch ostwärts, wo die markierten Pfade der Kelly Caves Hiking Area  hügelan in den Buschland-Bewuchs führten. An einer kaum zu erkennenden Weggabelung öffnete sich der Blick auf eine kleine Bucht, die nicht nur aus Sand bestand, sondern auch von kleinen Riffbändern und Geröllstellen unterbrochen wurde.
  „Da unten lagen die verwaisten Sachen von Shawn. Das Board trieb in der Bucht und hatte sich mit dem Rigg in einem Tangbeet verhakt. Greg hatte es geborgen, als er nach Shawn rief und sie nicht finden konnte.“
  Sie waren an einem abgeschliffenen Felsen angekommen, der über und über mit eingeritzten Namen und Botschaften „verziert“ war, als Jack Johannes nötigte, sich zu setzen und sich einfach einmal Gedanken zu machen.
  „Setz dich und lass deine ganze innere Spannung in deinen dicken Hintern sacken!“
  Als er Anstalten machte, wieder Johannes’ Unterarme anzufassen, wurde der erstmals während ihres Zusammenseins wütend:
  „Hör mit diesem Medizinmann-Mist auf! Ich habe einen der profiliertesten Ganzheitsmediziner der Welt schon Ende der Siebziger bei seinen Hypnose- und Suggestionsversuchen mit mir in  die schiere Verzweiflung getrieben.“
  Während er auf dem Fels unbehaglich hin und her rutschte, musste er an den kleinen ukrainischen Arzt denken, der  den Sprinter Valeri Borsov und den Langläufer  Nikolai Baruschov angeblich mit seiner Biorhythmus-Methode zu Olympia-Siegen „gehext“ aber bei Johannes noch nicht einmal den Anflug eines Trance-Zustandes zu Wege gebracht hatte. Er sei verschlossener als ein marmorner Sarkophag, hatte der damals gemeint. Was für eine Metapher angesichts der Terminologie für die Einbetonierung des Reaktors von Tschernobyl ein Jahrzehnt später… Aber war es nicht so, dass Johannes nun womöglich viel zugänglicher geworden war, und sich deshalb wehrte?
  „Meinetwegen“, seufzte er und hielt dem Spurenleser seine Arme hin, „machen wir ein wenig Schamanenscheiß!“
  Jack löste wieder diesen kaum wahrnehmbaren Nervenkitzel von Tausenden kleiner Zellen in ihm aus. Er spürte wie die Wärme des von der Herbstsonne aufgeheizten Steins in seine Pofalte und den Anus eindrang. Johannes war das irgendwie unbehaglich, und er wollte gerade wieder verärgert abbrechen, als kurze Filmfetzen – viel geraffter als Zeitraffer - für Bruchteile von Sekunden an seinem inneren Auge vorbeirasten.
  „Hey, hey, hey! Was war los? Du bist vor fünf Minuten von dem Stein herunter gerutscht und warst nicht mehr ansprechbar!“
  Johannes ging gar nicht darauf ein, sondern schoss eine Reihe von Fragen ab, über die er nicht eigens nachgedacht haben konnte:
  „Ist es möglich, dass Shawn ihr Board gar nicht selbst vom Wagen genommen hat, weil sie gar nicht die Absicht gehabt hatte, hier zu surfen? Warum sollte sie hierher zum Surfen kommen, wenn du gestern Abend selbst gesagt hast, dass diesen Sommer am Vivonne-Beach die Post abgegangen ist…? Hast du die Kettenpackung mit den bunten Präservativen bei den Asservaten gesehen? Vielleicht wollten die Naturkinder hier ja nur ein paar Stündchen  Nacktbaden und den Trieben freien Lauf lassen… Verstehst du etwas vom Brandungswindsurfen? Ich hab’s mit meinen 120 Kilo noch nicht einmal mit einem Verdränger-Board geschafft, halbwegs in Fahrt zu kommen. Das Board von Shawn ist ein  custommade Sinker mit kostbarem Airbrush-Design. So ein sündteures Gerät wird von Spezialisten allein durch Segeldruck aus dem Wasser gestartet. Eine wie Shawn hätte sich in ihren süßen Po gebissen, wenn sie nur einen leichten Kratzer ins Unterwasserschiff bekommen hätte. Im Asservatenraum wies das Board mehrere tiefe Rillen auf, die auch nicht durch Schubbern eines herrenlosen Boards auf dem Kies hätten entstehen können. Als hätte jemand, der viel schwerer gewesen war, versucht, es zu segeln. Und der hatte auch vom Aufriggen des Gabelbaums am Mast keine Ahnung. Eine Spitzensurferin wie Shawn hätte nie so ungeschickte Knoten geknüpft. Wo war eigentlich der Wetsuit von Shawn?“
  „Der war in Gregs Auto“, unterbrach Jack fassungslos.
  „Aus drei Dingen kann ich mir keinen Reim machen“, fuhr Johannes fort, „kennst  du den Beatles-Song ‚A Day In The Life’ vom Sergeant Pepper’s Album? ‚I heard the news today oh boy. Four thousand holes in Blackburn, Lancashire. And though the holes were rather small, they had to count them all.’ Melodie und Text dröhnten mir in den Ohren, und dann habe ich noch einen Frosch in Erdbeerform und einen verbrannten Baum im Kopf, der wie ein Mensch mit ausgebreiteten Armen ausgesehen und ein Kleid aus Flechten und Farnen getragen hat.“
  Jack zunächst einmal nicht auf die Fragen ein, sondern wollte wissen:
  „Wieso bist du ohnmächtig geworden?“
  „Hyperventilation! Wenn Dinge aus mir schneller herauswollen, als ich sie aussprechen kann, passiert mir das gelegentlich. Dann nehme ich durch unkontrollierte Atemfrequenz offenbar soviel Sauerstoff auf, dass sich das Blut in meinem Gehirn benimmt, wie eine Sodaflasche, die man vor dem Öffnen schüttelt. Aber du hast meine Fragen nicht beantwortet. Könnte es nicht sein, dass Shawn gar nicht im Wasser war, gar nicht hinein wollte, weil sie ohnehin erst am Nachmittag vorgehabt hatte, mit den anderen Surfern am Vivonne Beach in die Brandung zu gehen? Was, wenn man längst da oben hätte suchen müssen?“
  Johannes unterbrach seine Rede, in dem er mit dem Kopf in Richtung der Kelly Caves wies.
  „Was, wenn jemand, der sich viel besser mit Surfen auskennt als ich, das schon längst vor mir erkannt hätte. Dann müsste man denken, dass jemand die Ahnung von einem viel ernsteren Sachverhalt gehabt hätte.“
  Jack griff in die Tasche seiner Kaki-Shorts und hielt einen kleinen rotweißen Gegenstand vor Johannes’ Augen. Martha, seine Tochter, hatte auch solche Haarspangen aus gestanztem Blech, die ein wenig an diese Klackerfrösche erinnern, die es früher in den Wundertüten mit Puffreis gegeben hatte.
  „Ja, daher die Assoziation! Auf dem einen großen Foto von Shawn, das mit den Rattenschwänzen, da trägt sie die im Haar. Das Muster sind Erdbeeren. Da bin ich ja froh, dass ich mir über meine“ - er zeichnete mit Zeige- und Mittelfinger beider Hände Gänsefüßchen in die Luft und machte eine Kunstpause -  „seherischen Fähigkeiten keine Sorgen machen muss…“
  „Nicht so schnell junger Mann. Wieso hier und wieso jetzt? Woher solltest du ahnen können, dass ich das Ding erst vor vier Tagen hier fünf Meter von diesem Stein beim Pinkeln entdeckt habe, ohne irgend etwas anderes zu assoziieren – als dass das tatsächlich eine Spur von ihr sein könnte?“
  Mit gar nicht mehr gichtigen und für sein Alter äußerst federnden Schritten, eilte Jack in Richtung Rover zurück. Und überließ Johannes seinen unbequemen Gedanken und dem in seinem Hirn kreisenden, sehr psychedelischen Beatles Song:
I  heard  the news today…
  Als Jack wieder auftauchte, hatte der sich ziemlich verändert: Er war jetzt barfuss und nackt, trug einen dreieckigen Lendenschurz aus Tierhaut und einen Speer mit Schleuderholz. Er hatte sich in einen traditionellen Aboriginal-Spurensucher verwandelt.
  Johannes reagierte  - peinlich berührt von der Verwandlung - flapsiger als er eigentlich wollte, aber das verriet nur seine innere Spannung.
  „Machen wir jetzt wieder ein wenig Schamanen-Zauber?“
  „Du spottest, weil du wieder einmal Angst davor hast, dass du etwas siehst, was du nicht sehen möchtest. Jetzt habe ich eine Richtung für die Spur, und ich begebe mich in Einklang mit der Natur, um Shawn zu finden. Das ist meine Aufgabe – nicht irgendwelche Sachverhalte aufzuklären.“
  „Entschuldige. Weißt du, dass Mädchen mit diesen Spangen niemals ins Wasser gehen würden, weil die – einmal mit Salzwasser in Berührung gekommen – ganz unangenehm nach rostigem Blech riechen. Wäre Shawn ins Wasser gegangen, hätte sie sie vermutlich abgemacht. Bei ihren Asservaten waren sie aber nicht.“
  Jack hatte sich schon – ohne sich umzusehen – von der Weggabelung aus links auf den Weg bergauf gemacht. Johannes folgte ihm in einigem Abstand und stellte dabei fest, dass der alte Bursche seinen Körper extrem gut in Schuss gehalten hatte.
Nach etwa fünf, Johannes aber unendlich erscheinenden, Minuten, in denen der Spurensucher sich weder umgewandt noch ein Wort an ihn gerichtet hatte, waren sie an einer Stelle gelangt, wo kürzlich ein kleinerer Flächenbrand stattgefunden haben musste. Kein „Bigburn“, wie er sommers in Australien ganze Landstriche in Asche verwandelt – aber immerhin zwei, drei Fußballfelder war das Areal schon groß, und es roch in der Mittagssonne immer noch deutlich verkohlt, obwohl sich die Natur das Terrain bereits mit zunehmend dichter werdendem Grün zurück erobert hatte.
  „Vorher oder nachher?“, fragte Johannes, ohne sich groß Gedanken zu machen.
  „Wie wäre es mit sehr zeitnah danach… Du kannst es unmöglich wissen, aber hier stehen normalerweise Warnschilder der WPU, die in der Wanderkarte vermerkt sind. Die waren wohl mit verbrannt: Stay on Trail! Dangerous holes either side!
  Four thousand holes in Blackburn, LancashireNa ja,  klar, die Trailmap hatte er bestimmt schon gesehen. So sind die „Holes“ in die Assoziationskette gelangt, dachte Johannes, als er Jack dabei beobachtete, wie er unter Missachtung der Gefahr den Pfad verließ, um etwa zwanzig Meter oberhalb etwas aus der Asche zu graben.
  „Jetzt haben wir zwei“, sagte er triumphierend als er eine vom Feuer deformierte Haarklemme hochhielt.
  „Und jetzt drei“, antwortete Johannes dessen linker Fuß bei dem Versuch, hinter Jack her zu klettern, in der Asche weggerutscht war,. An seinem Außenrist blinkte noch so eine Haarklemme auf.
   „Sieht ein wenig nach Hänsel und Gretel aus! Denn zum Pinkeln hätte sie nicht so weit hoch gemusst.“
  „Aber gegen Ihren Willen hätte sie lebend auch keiner hier hoch gebracht.“
  „Woran denkst du?“
  „An einen großen Mann oder zwei. Sie wurde über die Schulter gelegt transportiert. Sie war ein großes muskulöses Mädchen und bereits leblos. Jedes Mal wenn es steiler wurde, musste der Träger die Last zurechtrücken, dabei haben sich lockere Spangen vermutlich gelöst. Sie wurde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit da oben in ein Loch geworfen. Der ganze Hügel hier ist wie ein Schweizer Käse. Du kennst vermutlich einige der Legenden, die sich um die Entdeckung der Kelly Caves ranken. Die Höhle ist nur zu einem Bruchteil erforscht, und unter diesem Areal ist das Betreten wegen des Gezeitenwechsels absolut lebensgefährlich.“
  „Ein Verbrechen also. Und wie lange hast du Greg schon unter Verdacht?“
  „Seit Art jedes Mal zusammenzuckt, wenn ich etwas über das Surfen in dieser Gegend gefragt habe.“
  „Wo soll das Motiv gewesen sein? Vergewaltigung scheidet schon mal aus. Shawn hatte so viele Präservative dabei, dass sie dem Mann auf dem Spielfeld für Wochen die Spannkraft hätte rauben  können. Nichts deutet auf einen Streit zwischen den beiden hin. Hätte es ein Eifersuchtsproblem gegeben, wären doch nicht beide so ihrer üblichen Routine gefolgt. - Und dennoch, wieso hat Art so spürbar reagiert?“
  „Weißt du, was das schöne an meinem Job ist, ich muss nur finden und keine Verbrechen aufklären. Ich sag jetzt dem Chief, dass ich eine Ahnung habe, wo sie liegt und dann müssen die sie rausholen.“
  „Woher willst du wissen, wo sie liegt?“
  „Von dir!“
  Jack wies auf einen Baum hin, der mit anderen in etwa sechzig Metern Entfernung mit schwarzem Stamm aus dem noch schüchternen Grün ragte. Er war hoch genug gewesen, dass nur ein Teil seiner unteren Äste angekokelt waren. Als Jack Johannes in eine andere Position und Perspektive zog, sahen das feuergedörrte Laub und die vom Wind gelösten Flechten aus, als trüge der Baum einen tarnfarbenen Regenumhang…
  „Aber wenn sie da oben läge, hätten Suchhunde sie dann nicht finden müssen?“
  „Ich vermute, deswegen wurde bald darauf das Feuer gelegt. Damit der scharfe Brandgeruch alle anderen Geruchsspuren überlagert. Es wurde vermutet, dass es von einem aus der Suchmannschaft durch eine Zigarette ausgelöst worden war. Übrigens: Weiter unten wurde sie  getragen, und auf dem Weg hinunter zur Bucht muss es für die Hunde viel interessantere Düfte von ihr gegeben haben. Wenn du verstehst, was ich meine…“

  Als Johannes wenige Tage später von Melbourne aus seinen Heimflug antrat, schnappte er sich vom Wagen der Flugbegleiterin eine Zeitung mit der Headline:
AFL-Star’s Girlfriend Found Dead.
  Allen Beteiligten war es offenbar gelungen, für ein paar Tage den Deckel auf der Angelegenheit zu halten. Denn in der Zeitung stand auch verzögert über den Fall nichts, was Johannes als Insider nicht schon in Adelaide gehört hatte. Shawn war Opfer einer bestialischen Vergewaltigung mit Todesfolge geworden. Ihr Leichnam war durch das besondere Klima in diesem Teil der Höhle wie gepökelt gewesen, so dass die armen Eltern keine Mühe hatten, die Tote als ihre verschwundene Tochter zu identifizieren.
  Die Redakteure hatten zur Bebilderung das sexy Halbportrait mit den Rattenschwänzchen von Shawn und eine Actionszene von Greg ausgewählt, in der er mit dem typischen ärmellosen Trikot hoch über seine Gegenspieler steigt und sich das  orangefarbene Ei mit seinen muskelbepackten Armen schnappt.  Greg war – was Johannes für seinen Vater Art sehr freute - offenbar sofort  durch das Zeitfenster außer Verdacht gewesen und durch wesentliche Merkmale des Tathergangs, der Ähnlichkeiten mit zwei weiteren unaufgeklärten Verbrechen dieser Art in Südaustralien aufwies. Die Yellowpress hatte auch schon einen Namen für den Täter. Sie nannte ihn den Beach-Ripper.
  Eine ganze Spalte in dem Kontext  widmete sich jedoch einer neuen forensischen Methode, über die anhand der  DNA Täter künftig eindeutig überführt werden könnten. 1985 hatte der britische Mediziner Alec John Jeffreys zusammen mit einer Kollegin ein Verfahren entwickelt, das mittels Analyse kleinster Hautpartikel, Haaren oder getrockneten Sekretes einen unzweifelhaft präzisen „genetischen Fingerabdruck“ liefert. Shawns Mörder hatte nicht nur in ihr, sondern auch an seinen anderen Opfern Spuren hinterlassen, die ihn im Sommer 1993 bei seinem insgesamt siebten Opfer als Serientäter identifizierten.
   Da war Jack Wanganeen – wie er bürgerlich hieß - infolge eines auf seiner schwarzen Haut zu spät entdeckten Melanoms schon ein Jahr tot.
  In Johannes lebt er bis heute wegen seines Vortrags über das Töten weiter, den er ihm in der letzten Nacht unter dem südlichen Sternenhimmel am Leuchtturm von Cape de Couedec auf Kangaroo Island gehalten hatte.



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