Montag, 1. Juli 2024

Bild-Geschichten 1

 Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser! Könnt ihr Euch noch daran erinnern, dass im Deutsch-Unterricht Bildbeschreibungen auf dem Plan für die Hausaufgaben standen oder Thema einer Schulaufgabe waren?

Ich weiß nicht mehr von wem das Bild stammte, das ich bei einem Eignungstest fürs Gymnasium wohl derart bizarr beschrieb, dass man meinen Eltern den Rat gab, mit mir dringend einen Kinder-Psychologen aufzusuchen. Das Bild war monochrom und zeigte ein Mädchen etwa in meinem Alter, das traurig auf ein Saiteninstrument schaute. Den für die Psychologie entlehnten Begriff  "Trigger" kannte ich damals noch nicht. Trigger ist ja normalerweise der Abzug einer Schusswaffe. Im Menschlichen Gehirn verursacht ein Trigger eine nicht vorhersehbare Abfolge von Reaktionen. In sofern hatte der Schul-Psychologe wohl recht: Das "Mädchen mit der Laute" wie ich es einfach - im Mangel an konkreter Erinnerung - nenne, war mein erster "Trigger".

Es konnte ja keiner ahnen, dass ich mal malen, und mein Beruf eine Verbindung von Bild und Sprache sein würde. Bilder zu malen, wurde zu idealen Selbst-Therapie. Vor allem hilft es, zu entschleunigen.

Weil mein Enkel bald in die dritte Klasse kommt, bereits sehr computer-affin ist und wir auch schon ein erstes Bild zusammen gemalt haben, bin ich jetzt auf die Idee gekommen, ihm hier für später einmal kompakt Anlässe und Auslöser für meine Gemälde zu hinterlassen. Sie werden ja wohl nach meinem Tod sowieso 
alle auf dem Sperrmüll landen.
Deshalb beginne ich jetzt - so lange ich mich noch an die Trigger erinnern kann - mit einer speziellen Auswahl, die keine Zurschaustellung sein soll, sondern eventuell Lebenshilfe durch die Tatsache, dass der Mensch kopfgesteuert eben ein sehr vielschichtiges Wesen haben kann


Corrida

Aquarell auf Bütten


Stell Dir einen noch jungen Mann vor,
der bereits mehr in seinem Leben erreicht
und erlebt hat, als andere sich erträumen.
Er denkt, seine Körper--und Schaffenskraft
seien unerschöpflich:
Gerade erst von einer schweren, vierwöchigen
Reise zurück, denkt er, er müsse selbst
zu dem brillanten Text eines Anderen
noch schnell die passenden Fotos für das
kommende Heft machen (dessen Budget bereits wieder einmal
überzogen ist...)
Ausgerechnet Madrid, und ausgerechnet 
zum Auftakt der Corrida San Isidro!

Mit Spaniens Hauptstadt ist er trotz der
oft in ihr erlittenen Hitze nie warm geworden.
Und er hasst die Symbolik des Stierkampfes!
Der Moment, in dem der Rejoneador
mit der Lanze den Stier reizt,
löst bei ihm den Trigger für eine
schwere Depression: Er ist plötzlich der Stier, dem
seine ganze Kraft bald nichts mehr nützen wird.

Er verlässt hastig die Arena, rennt zum Hotel,
duscht kalt, legt sich sofort ins Bett
und hofft so, diesem unheimlichen Würgegriff zu
entrinnen. Es gelingt ihm nicht.
Im Morgengrauen steht er einen Stock höher
am Pool auf dem Dach - bereit, zu springen.
Allerdings nicht ins Wasser.
Doch tief unter ihm haben sich die Disco-Gänger
der madrilenischen "Movida" zu den
letzten ausgelassenen Drinks auf dem Vorplatz versammelt:
So dicht, dass sein Sprung jemanden töten könnte.

Ein erster klarer Gedanke seit Stunden,
und er denkt endlich auch an seine Frau und die Kinder...

Erst sechs Jahre später ist er in der
Lage, den Trigger-Moment in
diesem Aquarell festzuhalten.



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