Mittwoch, 31. Juli 2024

Bilder-Geschichten 14

 

Aquarell auf Bütten ungezeichnet und ohne Datum


Mondscheinbad mit Tiger

Gerade weil ich nicht mehr weiß,
was mich da geritten hat,
ist dieses Aquarell eines meiner
Lieblingsbilder. Aus irgend einem
Grund hat Deine Mutter es
nach ihrem letzten Besuch - mit
anderen Fehlschlägen - aus dem Verließ
hinter den Cantina-Fenstern
neugierigen Blicken preisgegeben.
Ich denke, es stammt aus meiner
Nirwana-Zeit, in der ich meine
bizarren Träume zur Therapie
täglich aufschreiben sollte.
Es könnte aber auch sein, dass
es eine meiner weiteren Interpretationen
vom "Das Urteil des Paris" aus der
Griechischen Mythologie ist.
Es hat mich immer gewundert,
wieso eine subjektive Wahl von Schönheit
- dem Mythos nach - für den langen
Trojanischen Krieg gesorgt haben soll.
Eine Überzeichnung  schon in
der Antike unberechenbarer
menschlicher Schwächen?
Paris in Wirklichkeit bei mir ein
mörderisches Raubtier in Lauerstellung?

Dienstag, 30. Juli 2024

Bilder-Geschichten 13

 

Ölkreide auf Malkarton 2006


Das große und das kleine Lamento

Dieser Entwurf für ein großes Bild,
das ich nie gemalt habe, entstand
aus einer Szene in einem Regional-Theater
des Fünf-Seen-Landes vor den
Toren Münchens. Wieso es sich in meinen
Gedanken festsetzte, weiß ich nicht mehr.
Aber es brach hier oben in Minutenschnelle
aus mir heraus, weil wieder einmal
im Borgo ein Nachbarschafts-Streit
wegen Nichtigkeiten vom Zaun
gebrochen wurde. Bei den
Janusköpfigen Burg-Geistern hier,
die oft vorne herum freundlich tun,
dich aber hinten herum als Deutschen
verachten, passiert das eher selten.
Inzwischen sind die Beteiligten, die
das Bild bei mir auslösten, verstorben.
Meine Wut war wohl auch bald verflogen,
sonst hätte ich den "Progetto"
für die Nachwelt wohl umgesetzt.

Freitag, 26. Juli 2024

Bilder-Geschichten 12

 

Öl auf Leinwand, Lenggries 1982


Die schlafende Unschuld

Deine Mutter ließ sich als Kind selten aus
der Ruhe bringen. Wenn sie müde war,
konnte sie mitten im Trubel der
bei den Großeltern versammelten
Sippe einfach weg schlafen.
Dieses Schläfchen als sie drei Jahre war,
dauerte so lange, dass ich sie mühelos für das
kleine Ölgemälde, das etwas später
entstand, skizzieren konnte.
Es hängt hier am Treppenaufgang,
und ich hoffe, Du wirst es einst
so behüten, wie Deine Mutter Dich
immer liebevoll umsorgt.
Trotz aller persönlicher Herausforderungen
bleibt sie ein Gutmensch, und macht mich stolz.
Wenn ich sie 
mit ihren bald 45  Jahren 
mal wieder schlafend ertappe, sehe ich sie
immer noch als diese kleine Unschuld.


Mittwoch, 24. Juli 2024

Bilder-Geschichten 11

Acryl auf Mal-Karton zum 11. 10. 2008

Flying Golden Hearts for Ten Eleven

Fast hättest Du Deine Oma
nie kennen gelernt und ich wäre
für immer Schuld gewesen.
Ich war so konzentriert in
unserem Total-Umzug auf die
Burg und den Hausverkauf,
dass ich gar nicht gemerkt habe,
wie Deine Großmutter darunter
gelitten hat: Sie rauchte und 
trank mehr als ihr gut tat,
und ihre Seele machte wohl auch schlapp.
Immerhin bemerkte ich - 
ausgerechnet
an Ferragosto 2008 - die
Anzeichen ihres Infarktes 
sofort.
Ich zögerte nicht und schleppte
sie die Gassen hinunter zum
Auto und raste halsbrecherisch
die Serpentinen hinab zum
Krankenhaus von Imperia.
In der Notaufnahme musste sie
wiederbelebt werden. Zwei Tage
später wurde sie in der modernsten
Cardiologia von Sanremo
mit Stents mikroinversiv gerettet.
Wir feierten ihren 60sten im Oktober 
dann in München auch wie ein
Wunder mit allen Freunden und Verwandten .
Mein Geschenk war nicht nur ein kleiner Goldring
mit einem herzförmigen Rubin, sondern
auch dieses Bild mit den 60 explodierenden Herzen.
Es hängt  seither 
hier über ihrem 
Schreibtisch, und das Herz Deiner Oma
schlägt immer noch: Für Dich - und
dem Schicksal sei gedankt -
auch immer noch voller Fürsorge für mich.

 

Montag, 22. Juli 2024

Bilder-Geschichten 10

Öl auf Leinwand 1984


Brüderchen und Schwesterchen

Mein lieber Enkel - so sahen Deine Mutter
und Dein Onkel vor exakt 40 Jahren aus.
Kurz vor den Ferien war ein
Fotograf in den Kindergarten gekommen
und hat alle völlig überkitscht unterstützt
von Studioleuchten "abgelichtet".
Die Bilder haben mir nie gefallen,
aber der Ausdruck meiner Kinder 
war in diesem Moment so treffend 
festgehalten, dass ich ihn versucht habe,
nicht fotorealistisch abzumalen,
sondern dem ganzen die Süßlichkeit
zu nehmen. Heute hätte ich eine
pastellige und impressionistische
Technik gewählt, weil ich ja weiß,
wie beide sich entwickelt haben;
vor allem in künstlerischer Hinsicht.
Aber der Optimismus, mit dem
Deine Mutter ihren oft eher in sich
gekehrten Bruder bis heute
behüten und beschützen will,
prägt ihr Verhältnis sehr nachhaltig.
Du wirst vermutlich und leider ein
Einzelkind bleiben. Deshalb lege ich
Dir dieses Gemälde besonders ans Herz.
Die Fotos von damals sind längst in irgendeinem
Keller verschwunden. Dieses Gemälde
hängt jedoch hier auf der Burg über dem
Eingang zum Gästezimmer.

Freitag, 19. Juli 2024

Bilder-Geschichten 9

Oil on Canvas ca. 1988


Metro Manila Aid


Immer wieder gibt es diese Augenblicke,
in denen sich der Reporte ärgert,
keine schussbereite Kamera erreichen
zu können. Die Ausrüstung lag
im Kofferraum der Staats-Limousine,
die auch noch mit Standarten
als solche zu erkennen war.
Wir steckten 
inmitten der Rushhour
von Metro Manila im dichten Smog
und der Kakophonie unzähliger Hupen,
Klingeln und Sirenen.
Normalerweise hatte ich ja
die Kamera-Tasche bei mir, aber die
Klima-Anlage des Fahrzeuges
war derart aufgedreht, dass
die Objektive außerhalb des Wagens
sofort nachhaltig beschlagen gewesen wären.
Zwischen den fliegenden Händlern,
den Trikes und den Jeepneys
tauchte plötzlich diese schwer
schleppende Frau auf: 
Adrett in ihrer Kleidung und
beflissen, ließ sie sich weder von den
Auspuffgasen noch von ungeduldigen
und bösen männlichen Kommentaren
 
in ihrer Zielstrebigkeit beirren.
Was die da mache, fragte
ich meinen philippinischen Begleiter:
"Das sind Imeldas Girls von der Manila Aid."
Die Gattin des damaligen, autokratischen Präsidenten,
die Frau mit den 1000 Paar Schuhen
im Schrank und der Ri
esen-Jacht
am Pier vor meinem Hotel.
Die, damit man die Slums unweit
des Machtzentrums nicht mehr
sehen musste, eine Mauer drumherum
errichten ließ. Sie also leistete sich diese
"Privat-Armee" gegen den Müll
und den Dreck im Rest ihrer Hauptstadt;
vermutlich 
in jener Zeit die attraktivste
Müll-Brigade weltweit... 


 

Mittwoch, 17. Juli 2024

Bilder-Geschichten 8

Acryl auf Malkarton, Chiusanico 2007

Sempre mani polite
Immer saubere Hände

Auf dieses bösartigste aller meiner Gemälde
bin ich besonders stolz. Nicht weil es
besonders getroffen ist, sondern weil
zu dem Zeitpunkt da es innerhalb von
einer Stunde entstand, das ganze
Ausmaß des weltweiten Kindesmissbrauchs
durch "Würdenträger" verschiedenster
christlicher Kirchen noch nicht
 so präsent war wie heute.
Das Seherische in den Details stammte
aber aus einem Wutanfall beim Schreiben.
 Ich versuchte da wohl 
 immer wiederkehrende, exemplarische
Auseinandersetzungen mit jenen Jesuiten
zu verarbeiten, die im Laufe meines
Lebens herausfordernd durch
erlernte Provokationen meinen 
Verstand auf die Probe stellen wollten.
Dass auch die "Soldaten Gottes"
ihre Finger nicht von minderjährigen
Schutzbefohlenen oder abhängigen
Erwachsenen lassen konnten,
war Wasser auf meine Agnostiker-Mühle.



 

Dienstag, 16. Juli 2024

Bilder-Geschichten 7

Oil on Canvas: Positano 1984

Vor der Mahlzeit
Dieses Bild ha für mich
eine für mein Leben wichtige Symbolkraft.
Es entstand nur ein paar Tage
nach dem düsteren Gedächtnis-Gemälde
von der "Basilicata"-Reportage.
Ich war vom Einkaufen bei Ernesto - eine
Kurve höher - zurück und legte alles
auf den Küchentisch, denn ich war mit dem
Kochen dran und wollte eigentlich nicht.
Ich plante, mir eines meiner gefürchteten
Knoblauch-Brote zu machen, mit denen
ich mir immer leicht Distanz verschaffte.
Da fiel mir dieses zufällige Arrangement
auf, das unbändig von mir verlangte, es zu malen...
Mir war klar, das wird ein Malen 
gegen die Zeit, denn bei der
Hitze hielte dieses Stillleben draußen maximal
zwei Tage, bis es verdorben gewesen wäre.
Erstmals wählte ich daher die Technik
mit schwimmenden Farben, die nicht
auf der Palette, sondern direkt auf der Leinwand
angemischt werden. Malmittel zum schnelleren
Trocknen brauchte ich ja nicht.
Dass mir das auf Anhieb gelang, war, wie aus
einem Tunnel ans Licht zu gelangen.
Mit jedem Pinselstrich befreite
ich mich durch die Buntheit aus der Depression, die
mich zuvor auf den Spuren von
Carlo Levi so überraschend heftig gepackt hatte.
Von da an half mir das "schnelle" Malen
immer öfter aus seelischer Bedrängnis.
Die Melone konnten wir schon nicht mehr essen.
Aber sie hängt nach 40 Jahren mit ihren Gemüse-Genossen
hier und heute immer noch frisch im Esszimmer



 

Samstag, 13. Juli 2024

Bilder-Geschichten 6

Acryl auf Malkarton



Al Nero di Seppia

Es war ja nur eine Frage von
darstellerisch ausgleichender Gerechtigkeit,
dass ich nicht nur all den Schalentieren,
die ich im Laufe meiner kulinarischen
Entwicklung vertilgt habe, sondern auch den
Mollusken mit meinen bescheidenen Mitteln
ein "Denkmal" widme.
Es hängt hier auf der Burg uber'm Herd.
Zwar habe ich auch eine überbordende
Leidenschaft für Totani, Poplpi und Calamari
(am Spieß gegrillt, in umido oder frittiert),
aber die wahre Leidenschaft
entfachen alle Rezepte, bei denen der Inhalt
von den Tintendrüsen der Sepia für den Sugo
mit geschmort werden.
Also riso nero, spaghetti neri etc.
All die für immer versauten Hemden und Krawatten
bedaure ich nicht. -  Sie waren eine demütige
Opfergabe für diese Knochenlosen,
die der Welt dokumententaugliche
Schrift und den Denkansatz
für den Raketen-Antrieb ermöglichten...
Es ist ja eigentlich nur "Tinte",
und dennoch gibt es von Venedig 
bis Catania kaum glaubliche
Geschmacksvariationen bei ihrer Zubereitung

 





Donnerstag, 11. Juli 2024

Bilder-Geschichten 5

 

Iesu si a fermata a Eboli

Öl auf Leinwand, Positano 1984


Bevor die Fotos zu meiner Reportage auf
den Spuren von Carlo Levis Roman
"Jesus kam nur bis Eboli" 1984
entwickelt waren, malte ich dieses
Bild aus dem Gedächtnis:
Die Basilicata wie sie sich für immer in meine
doch damals sehr zerrütteten
Seele eingebrannt hatte.
Das Bild entstand jedoch in Luxus und "Benessere" auf der
von Weinlaub und Bougainvillea
überschatteten Terrasse eines Hauses in Positano,
wo ich meine Familie samt ihrer Lieblingstante
  während meiner Reise durch das Herrschaftsgebiet
der 'Ndrangheta", der Mafia calabrese, "geparkt" hatte.
Der Roman des von den Faschisten in
die Verbannung geschickten jüdischen Autors
erschien 1945 kurz nach Mussolinis Ende.
Er sollte eine Pflichtlektüre für
alle jungen Italiener sein, die gerade
voller Begeisterung für Girogia Meloni sind.
Oder sie schauen sich die herausragende
Literatur-Verfilmung  von Francesco Rosi aus dem Jahr 1979 an






Montag, 8. Juli 2024

Bilder-Geschichten 4


Die Fischer von Acitrezza

Oil on Canvas 1987

So ist das manchmal. Da geht man auf Reportage,
ohne selbst den Anlass gewählt zu haben:
Der Herausgeber wird vom Verlagschef
angerufen, der irgendeinen Deal mit
einer Luxus-Hotelkette eingefädelt hat.
Vor der Saison auf Sizilien, das eigentlich
immer Saison hat, muss noch eine Story her.
Es wird eine "Chefsache" erwartet.
Eines der wenigen Ostern bei dem der Reporter
nicht bei seiner Familie war.
Der Agnostiker wählt die "Setimana Santa",
die Karwoche, als "Aufhänger", aber bei den
Prozessionen regnet es - alles ist im Nebel grau in grau.
Hinauf auf den Osthang des Ätnas, auf dem
ich einst so einmalige Ski-Erlebnisse hatte.
Es liegt zwar noch Schnee, aber der Lift ist
zerstört und der dazu gehörige Rifugio,
in dem wir so herrliche Salsiccie über dem Feuer
geröstet haben, auch. Verschluckt von einer
Lavazunge, über die ich daheim nichts gelesen hatte. 
Was großformatig nicht geht, muss dann eben
en detail her, und zu dieser Entscheidung
scheint plötzlich die Sonne.
Ich lande mit meinem Leihwagen
in Acitrezza an der Costa Faraglioni.
Diese Fischer sitzen nach letzter Nacht
noch beim Netzflicken. Der Alte vorne links
ließ sich wohl deshalb für 30 000 Lire schnell dazu
überreden, mich zwischen den vor dem Hafen
aus dem Meer ragenden Fels-Riesen
herum zu schippern. Aber sein Tipp
fürs Mittagessen war dann weit mehr wert:
Signora Zavoca: Von ihr stammen
viele Anregungen für meine mit Hummer
gekennzeichneten Rezepte in den Bloggs.
Aber scrollt doch selbst!


Samstag, 6. Juli 2024

Bild-Geschichten 3


Und aus den Wiesen steiget... 

Wachsstift mit Gouache übermalt und dann mit Klinge abgezogen.
Eine Technik, die Claus Deutelmoser schon auf dem Gymnasium 1962
erlernt hat. Diese Grafik entstand aber kurz nach der Jahrtausendwende


Als Axel Hacke noch nicht der Berühmte Kolumnist
war, schrieb er noch für die SZ-Sportredaktion.
Bei den Olympischen Winterspielen von Sarajewo 1984
teilten wir uns ein Appartement im Journalisten-Dorf.
Sein Buch über Verhörtes mit dem Titel :
"Der weiße Neger Wumbaba" erschien 2004.
Da hatten meine Kumpane und ich 1960 im Schullandheim
schon lange eine Woche Küchendienst
hinter uns, weil wir die wunderbaren Verse
von Matthias Claudius bei nächtlicher Feierlichkeit
mit diesem nur scheinbar witzigen Text
verballhornt hatten.
Die Grafik oben entstand nach einer
Cena in Pizza auf der Burg, als auf einmal 
alle  Nachbarn von uns Lieder hören wollten.
Wir - meine beiden erwachsenen Kinder, meine Frau und ich -
können dieses wunderbare  Lied sogar vierstimmig
und hatten damit großen Erfolg.
Natürlich konnte ich alter Trottel mal wieder
den weißen Neger nicht außen vor lassen.
Als die Nachbarn nicht verstanden, weshalb 
meine Familie mich danach so tadelte,
versuchte ich das mit meinem Speisekarten-Italienisch
zu erklären. Das war dann natürlich
noch unverständlicher...
Weil das N-Wort mittlerweile verpönt war,
gab ich dem Bild diesen unverfänglicheren Titel.



                                             "Der Mond ist aufgegangen
die goldnen Sternlein prangen
 am Himmel hell und klar; 
der Wald steht schwarz und schweiget, 
und aus den Wiesen steiget 
der weiße Nebel wunderbar..."

Vertont von Johann Abraham Peter Schulz





 

Donnerstag, 4. Juli 2024

Bild-Geschichten 2

 


Absinthe

Öl auf Leinwand

Der Alkohol ist stets ein guter aber auch
verhängnisvoller Freund beim Schreiben.
Das gilt für Autoren und Autorinnen.
In meinen Anfangsjahren als Schreiberling
hinderte mich eine Gelbsucht daran,
die ich mir beim zivilen Ersatzdienst
eingefangen hatte, ihn zur
Hilfe zu rufen. Aber dann kamen die
großen Storys, die ich vorwiegend nachts
schrieb. Am morgen war dann der
Aschenbecher voll und der Whisky alle.
Verteufelte Autoren-Romantik!
Als Muttersöhnchen war ich immer
der Meinung alkoholisierte Frauen
seien eher die Ausnahme und betrunkene
machten mich eines ums andere Mal hilflos.
Männer saufen sich platt, Frauen entblößen
in so einem Zustand oft ihre Seelen. Weil ich
dann nicht selten eine Art Beichtvater
wurde, war das lange mein Vorurteil. Es wäre mir
daher nie in den Sinn gekommen, eine
derartige Situation auszunützen.
Bei einem Abendessen unter Kollegen
begegnete ich dieser exzellenten 
Autorin, die nur noch schreiben konnte,
wenn sie genug getrunken hatte.
Wieder ein Trigger-Moment:
Danach schrieb ich nur noch ohne
Alkohol. Was aber nicht bedeutete,
dass ich einen gelungenen Text danach
nicht mit einer schönen Flasche Wein belohnte...


P.S. Ich weiß nicht, ob sie noch lebt,
denn ich habe leider ihren Namen vergessen.
Das Bild entstand ein paar Jahre
später. So wie ich mich an das Gesicht  im Kerzenschein erinnerte

Montag, 1. Juli 2024

Bild-Geschichten 1

 Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser! Könnt ihr Euch noch daran erinnern, dass im Deutsch-Unterricht Bildbeschreibungen auf dem Plan für die Hausaufgaben standen oder Thema einer Schulaufgabe waren?

Ich weiß nicht mehr von wem das Bild stammte, das ich bei einem Eignungstest fürs Gymnasium wohl derart bizarr beschrieb, dass man meinen Eltern den Rat gab, mit mir dringend einen Kinder-Psychologen aufzusuchen. Das Bild war monochrom und zeigte ein Mädchen etwa in meinem Alter, das traurig auf ein Saiteninstrument schaute. Den für die Psychologie entlehnten Begriff  "Trigger" kannte ich damals noch nicht. Trigger ist ja normalerweise der Abzug einer Schusswaffe. Im Menschlichen Gehirn verursacht ein Trigger eine nicht vorhersehbare Abfolge von Reaktionen. In sofern hatte der Schul-Psychologe wohl recht: Das "Mädchen mit der Laute" wie ich es einfach - im Mangel an konkreter Erinnerung - nenne, war mein erster "Trigger".

Es konnte ja keiner ahnen, dass ich mal malen, und mein Beruf eine Verbindung von Bild und Sprache sein würde. Bilder zu malen, wurde zu idealen Selbst-Therapie. Vor allem hilft es, zu entschleunigen.

Weil mein Enkel bald in die dritte Klasse kommt, bereits sehr computer-affin ist und wir auch schon ein erstes Bild zusammen gemalt haben, bin ich jetzt auf die Idee gekommen, ihm hier für später einmal kompakt Anlässe und Auslöser für meine Gemälde zu hinterlassen. Sie werden ja wohl nach meinem Tod sowieso 
alle auf dem Sperrmüll landen.
Deshalb beginne ich jetzt - so lange ich mich noch an die Trigger erinnern kann - mit einer speziellen Auswahl, die keine Zurschaustellung sein soll, sondern eventuell Lebenshilfe durch die Tatsache, dass der Mensch kopfgesteuert eben ein sehr vielschichtiges Wesen haben kann


Corrida

Aquarell auf Bütten


Stell Dir einen noch jungen Mann vor,
der bereits mehr in seinem Leben erreicht
und erlebt hat, als andere sich erträumen.
Er denkt, seine Körper--und Schaffenskraft
seien unerschöpflich:
Gerade erst von einer schweren, vierwöchigen
Reise zurück, denkt er, er müsse selbst
zu dem brillanten Text eines Anderen
noch schnell die passenden Fotos für das
kommende Heft machen (dessen Budget bereits wieder einmal
überzogen ist...)
Ausgerechnet Madrid, und ausgerechnet 
zum Auftakt der Corrida San Isidro!

Mit Spaniens Hauptstadt ist er trotz der
oft in ihr erlittenen Hitze nie warm geworden.
Und er hasst die Symbolik des Stierkampfes!
Der Moment, in dem der Rejoneador
mit der Lanze den Stier reizt,
löst bei ihm den Trigger für eine
schwere Depression: Er ist plötzlich der Stier, dem
seine ganze Kraft bald nichts mehr nützen wird.

Er verlässt hastig die Arena, rennt zum Hotel,
duscht kalt, legt sich sofort ins Bett
und hofft so, diesem unheimlichen Würgegriff zu
entrinnen. Es gelingt ihm nicht.
Im Morgengrauen steht er einen Stock höher
am Pool auf dem Dach - bereit, zu springen.
Allerdings nicht ins Wasser.
Doch tief unter ihm haben sich die Disco-Gänger
der madrilenischen "Movida" zu den
letzten ausgelassenen Drinks auf dem Vorplatz versammelt:
So dicht, dass sein Sprung jemanden töten könnte.

Ein erster klarer Gedanke seit Stunden,
und er denkt endlich auch an seine Frau und die Kinder...

Erst sechs Jahre später ist er in der
Lage, den Trigger-Moment in
diesem Aquarell festzuhalten.