18.
Kapitel
Bei jeder neuen Liebe
gibt es einen Prüfstein: Nämlich die erste Begegnung mit den jeweiligen Eltern
der Partner. René konnte sich stets gut daran erinnern, wie das erste Aufeinandertreffen mit den Eltern von Roseanne vor bald fünfzig Jahren verlaufen war. Es war ein
totales Desaster gewesen. Und das Verhältnis zu den Schwiegerleuten war auch
nach seinem kometenhaften Aufstieg bis zu beider Tod nicht besser geworden. Das
musisch auf altem Vermögen aufgebaute Elternhaus Roseannes wollte nicht recht
zum zackigen Zögling einer erzkonservativen Militär-Akademie passen. Dass sich
hinter dem lauten Temperament und den nassforschen Auftritten die sensible
Seele des Kreativen verbarg, konnte auch Roseanne ihren Eltern nie
vermitteln, obwohl die Ehe ja gehalten hatte, bis die Enkel längst selbständige
Erwachsene geworden waren.
Nun saß René unruhig wie ein junger Bräutigam im Zug nach Hastings und
grübelte, was Peggys Eltern wohl zu ihm sagen würden, wenn sie denn überhaupt
jemals erführen, dass er mit Peggy als Paar
leben wollte. Peggy hatte wenig von ihren Eltern erzählt, weil sie wollte, dass
René ihnen unbeeinflusst gegenüber trat. Es hatte zwar Andeutungen
gegeben, dass Brian O’Neill Lehrer an einer exklusiven Schule und Beth für
die „National Heritage“ als eine Art Kuratorin bei den historischen
Stätten von Battle tätig sei, aber das war eher dazu geeignet, den
kulturell nicht so tief wurzelnden René noch weiter zu verunsichern.
Als sie sich am Zug getroffen hatten, war René allerdings überrascht
gewesen, Peggy in einem Aufzug zu sehen, der ihren äußerst damenhaften Auftritt
nobel unterstrich. Es waren durchwegs Designer-Stücke, die sie trug; nicht
ultra up to date, aber auch nicht old fashioned. Sie wirkte darin älter. War
das ihre Absicht zu diesem Anlass? Unter dem taubenblauen, diagonal geknöpften
Mantel kam im Abteil beim Ausziehen ein indigofarbenes Kashmere-Twinset zum
Vorschein, das wie gemalt zu der fließenden Gabardine-Hose und den farblich
abgestimmten, flachen Wildleder-Stiefeln passte, die an die alten Hush Puppies
erinnerten.
René fand seinen bewährten Dozenten-Look, den er aus Understatement zu
diesem Anlass gewählt hatte, perfekt zu Peggy passend: Unter dem Ulster trug er ein leicht braun gesprenkeltes
Jackett aus Harris Tweed mit Weste zu beigen Kordhosen. Das Buttondown aus
irischem Leinen wurde von einer altmodischen schwarzen Strick-Krawatte am Hals
zusammen gehalten und der kahle Schädel von einer Patchwork-Schiebermütze
getoppt.
Dass Peggy beider Outfits als pure Maskerade enttarnte, machte ihre
leichthin beim Hinsetzen auf Deutsch geflüsterte Bemerkung deutlich:
„In diesem Aufzug hätten wir vielleicht doch besser den Rolls Royce
genommen.“
Ansonsten wurde während der zwei Stunden Bahnfahrt nicht viel geredet,
was wohl auch ein Hinweis auf beider Anspannung war. Selbst der mit außergewöhnlicher Vorstellungskraft begabte René war dann von dem, was ihm am Bahnsteig in Hastings erwartet hatte, aus den Fugen geraten. Obwohl viele Leute im Bahnhof unterwegs waren, erkannte er Peggys Eltern ohne einen Hinweis. Das lag zum einen an der Mutter, die erschien wie eine kaum ältere Schwester Peggys, aber auch an Brian O'Neill, der als Personifizierung seiner am Telefon vernommenen Whisky-Werbestimme neben seiner Frau stand. Peggys Mutter Beth überragte schon alle Menschen um sie herum, und indem sie ihren feuerroten Haarschopf erwartungsfroh auf ihrem Vogelhals mit fliehendem Kinn schwenkte, wirkte sie als eine Art Semaphore für ihre Tochter. Die anderen Passanten indes starrten alle den über zwei Meter hohen Brian mit seinen enormen Schultern an. Manche warfen ihm eine Bemerkung zu, als sei er ein alter Bekannter, andere tuschelten sich respektvoll etwas zu, indem sie mit einer Kopfbewegung auf ihn deuteten. Natürlich hatte die mit Hinweisen so geizende Peggy nicht erwähnt, dass Brian O'Neill bis vor ein paar Jahren ein "Rugby All Star International" war.
Und noch weniger war René darauf gefasst gewesen, dass Peggys Eltern noch so verdammt jung waren; kaum älter als Nathalie und Maurice. Derart jugendlich ungestüm fiel dann auch ihre Begrüßung unter heftigen Umarmungen aus, die Renés alte Knochen beinahe krachen ließen. Die Welle ungezügelter Sympathie schwappte die vier zu einem Landrover Defender 110. Jenem Modell, das Ford nach der Übernahme quasi als Vorreiter der SUV gestaltet hatte. Wenn einer eine Kamera hätte mitlaufen lassen, wäre das ein Super-Spot gewesen. René konnte es einfach nicht lassen, in diese Richtung zu denken. Zumal das Gefährt wenige Minuten später vor einem marineblauen, historischen Reihenhaus hielt, dessen Erker-Fenster und Veranda-Vorbauten im "Georgian Style" mit weißer Gingerbred-Drechselei verziert waren. Die Erker reichten links und Rechts vom Treppenaufgang zum Hochparterre über zwei Stockwerke bis zum Dach, das in der Mitte eine große Giebel-Gaube mit Balkon und Boden tiefen Fenstertüren hatte. René war dermaßen beeindruckt, dass er gar nicht merkte, dass er seine Begeisterung laut in französischen Flüchen der Anerkennung zum Ausdruck brachte.
Die O'Neills wohnten quasi in einem Museum für Architektur und Mobiliar jener Zeit bis etwa 1840, in der die vier Georges nacheinander das Empire regierten. Bis ins kleinste, mitunter äußerst kostspielige Detail war alles, was er in diesem Haus sah, stimmig. Was vielleicht befangen gemacht hätte, wäre der Umgang dieser Riesen mit dem zum Teil so zerbrechlich wirkenden Interieur nicht so total lässig gewesen. Fast kam René sich nun ein wenig schäbig vor, dass er Peggy da am nächsten Tag "nur" mit einem Druck von Turner beschenken wollte. Auch der Prachtband von den Turner-Gemälden in der Tate, dass er den Eltern gerade als Gastgeschenk überreicht hatte, wirkte da ein wenig hilflos. Beth, die er als Impulsgeberin für all das "Stylishe" ausgemacht hatte, wusste vermutlich auch über Turner mehr als die meisten ihrer Mitmenschen. Dessen ungeachtet rangen die O'Neill-Frauen mit ihren vor Begeisterung wie Flamingos bei der Balz schwingenden Hälsen nach Worten: "How for heaven's sake" habe er nur wissen können, dass Turner "the absolute favorite" der O'Neills sei. Erst da fiel dem Gelegenheitskunstinteressierten überhaupt auf, dass Turners Oeuvre gewissermaßen die gesamte georgianische Epoche begleitet hatte. Wenigstens das Timing war passend gewesen...
Nachdem sie in einem der Erker, der zum Livingroom gehörte, Tee mit Scones, Schlagsahne und selbst gemachter Erdbeer-Konfitüre zu sich genommen hatte, steuerte das ganze auf die erste Konfliktsituation zu. Beth nötigte René burschikos, ihr zu folgen, indem sie seinen Ellbogen nahm und ihn in die hintere Haushälfte bugsierte. Das Haus hatte einen gespiegelten Grundriss. Also die gleiche Erker-Architektur wie zur Straße hin fand sich auch zur Garten-Terrasse wieder. Da in der vorderen Hälfte versenkte Schiebetüren, die geöffnet waren, einen kompletten Durchblick gewährten, entdeckte René erst hinten, wie puppenhäusig das Anwesen der O'Neills im Verhältnis zu deren Körpermaßen eigentlich wirklich war.
Nicht ohne einen gewissen Designer-Stolz präsentierte Beth im rechten, hinteren Erker ihr Gästezimmer mit einem winzigen privaten Bad. Dadurch, dass es vom Hochparterre eine Perspektive schräg nach unten bot, wirkte der Garten, der eigentlich von seinen Ausmaßen ein schmales Handtuch war, wie ein Park en miniature von scheinbarer Großzügigkeit. Rechts und links vorne an den Zäunen hatte sich Spalierobst im wahrsten Sinne des Wortes breit gemacht, ein schmaler, geometrischer Zick-Zack-Weg mit rechten Winkeln trennte die verschieden bepflanzten quadratischen Flächen. Obwohl der Herbst ja schon fortgeschritten war, wirkten Herbstblüher in Kombination mit immergrünen, kubisch beschnittenen Büschen gegen die saisonale Tristesse..
René wollte schon seine Reisetasche entgeistert auf einen dafür vorgesehenen Schemel stellen, als Peggy, die mit ihrem Vater hinter sie getreten war, seine Bewegung bremste.
"Mom, Dad! Papù und ich sind nicht nur Freunde. Wie sind ein Paar. Wir lieben uns. Und selbstverständlich wird er bei mir oben in meinem Bett schlafen."
Alle drei wandten sich Peggy aus unterschiedlichen Gründen abrupt zu. René sah in den Augen von Peggys Eltern etwas ablaufen, dass an das Tageswetter erinnerte, das das Fernsehen mitunter im Zeitraffer präsentiert: Heiterer Sonnenschein verblasste hinter immer dunkleren Wolken, bis sich bei beiden ein inneres Gewitter entlud, das gleich wieder einer Art versöhnlichem Abendrot Platz machte. Beide O'Neills waren natürlich viel zu beherrscht, um ihrer Tochter wegen dieses Überfalls eine Szene zu machen.
Aber auch René musste ein einigermaßen dummes Gesicht gemacht haben. Waren doch die Liebenden bislang über Händchenhalten, Streicheln und ein zwei Zungenküsse nicht hinaus gelangt...
Und noch weniger war René darauf gefasst gewesen, dass Peggys Eltern noch so verdammt jung waren; kaum älter als Nathalie und Maurice. Derart jugendlich ungestüm fiel dann auch ihre Begrüßung unter heftigen Umarmungen aus, die Renés alte Knochen beinahe krachen ließen. Die Welle ungezügelter Sympathie schwappte die vier zu einem Landrover Defender 110. Jenem Modell, das Ford nach der Übernahme quasi als Vorreiter der SUV gestaltet hatte. Wenn einer eine Kamera hätte mitlaufen lassen, wäre das ein Super-Spot gewesen. René konnte es einfach nicht lassen, in diese Richtung zu denken. Zumal das Gefährt wenige Minuten später vor einem marineblauen, historischen Reihenhaus hielt, dessen Erker-Fenster und Veranda-Vorbauten im "Georgian Style" mit weißer Gingerbred-Drechselei verziert waren. Die Erker reichten links und Rechts vom Treppenaufgang zum Hochparterre über zwei Stockwerke bis zum Dach, das in der Mitte eine große Giebel-Gaube mit Balkon und Boden tiefen Fenstertüren hatte. René war dermaßen beeindruckt, dass er gar nicht merkte, dass er seine Begeisterung laut in französischen Flüchen der Anerkennung zum Ausdruck brachte.
Die O'Neills wohnten quasi in einem Museum für Architektur und Mobiliar jener Zeit bis etwa 1840, in der die vier Georges nacheinander das Empire regierten. Bis ins kleinste, mitunter äußerst kostspielige Detail war alles, was er in diesem Haus sah, stimmig. Was vielleicht befangen gemacht hätte, wäre der Umgang dieser Riesen mit dem zum Teil so zerbrechlich wirkenden Interieur nicht so total lässig gewesen. Fast kam René sich nun ein wenig schäbig vor, dass er Peggy da am nächsten Tag "nur" mit einem Druck von Turner beschenken wollte. Auch der Prachtband von den Turner-Gemälden in der Tate, dass er den Eltern gerade als Gastgeschenk überreicht hatte, wirkte da ein wenig hilflos. Beth, die er als Impulsgeberin für all das "Stylishe" ausgemacht hatte, wusste vermutlich auch über Turner mehr als die meisten ihrer Mitmenschen. Dessen ungeachtet rangen die O'Neill-Frauen mit ihren vor Begeisterung wie Flamingos bei der Balz schwingenden Hälsen nach Worten: "How for heaven's sake" habe er nur wissen können, dass Turner "the absolute favorite" der O'Neills sei. Erst da fiel dem Gelegenheitskunstinteressierten überhaupt auf, dass Turners Oeuvre gewissermaßen die gesamte georgianische Epoche begleitet hatte. Wenigstens das Timing war passend gewesen...
Nachdem sie in einem der Erker, der zum Livingroom gehörte, Tee mit Scones, Schlagsahne und selbst gemachter Erdbeer-Konfitüre zu sich genommen hatte, steuerte das ganze auf die erste Konfliktsituation zu. Beth nötigte René burschikos, ihr zu folgen, indem sie seinen Ellbogen nahm und ihn in die hintere Haushälfte bugsierte. Das Haus hatte einen gespiegelten Grundriss. Also die gleiche Erker-Architektur wie zur Straße hin fand sich auch zur Garten-Terrasse wieder. Da in der vorderen Hälfte versenkte Schiebetüren, die geöffnet waren, einen kompletten Durchblick gewährten, entdeckte René erst hinten, wie puppenhäusig das Anwesen der O'Neills im Verhältnis zu deren Körpermaßen eigentlich wirklich war.
Nicht ohne einen gewissen Designer-Stolz präsentierte Beth im rechten, hinteren Erker ihr Gästezimmer mit einem winzigen privaten Bad. Dadurch, dass es vom Hochparterre eine Perspektive schräg nach unten bot, wirkte der Garten, der eigentlich von seinen Ausmaßen ein schmales Handtuch war, wie ein Park en miniature von scheinbarer Großzügigkeit. Rechts und links vorne an den Zäunen hatte sich Spalierobst im wahrsten Sinne des Wortes breit gemacht, ein schmaler, geometrischer Zick-Zack-Weg mit rechten Winkeln trennte die verschieden bepflanzten quadratischen Flächen. Obwohl der Herbst ja schon fortgeschritten war, wirkten Herbstblüher in Kombination mit immergrünen, kubisch beschnittenen Büschen gegen die saisonale Tristesse..
René wollte schon seine Reisetasche entgeistert auf einen dafür vorgesehenen Schemel stellen, als Peggy, die mit ihrem Vater hinter sie getreten war, seine Bewegung bremste.
"Mom, Dad! Papù und ich sind nicht nur Freunde. Wie sind ein Paar. Wir lieben uns. Und selbstverständlich wird er bei mir oben in meinem Bett schlafen."
Alle drei wandten sich Peggy aus unterschiedlichen Gründen abrupt zu. René sah in den Augen von Peggys Eltern etwas ablaufen, dass an das Tageswetter erinnerte, das das Fernsehen mitunter im Zeitraffer präsentiert: Heiterer Sonnenschein verblasste hinter immer dunkleren Wolken, bis sich bei beiden ein inneres Gewitter entlud, das gleich wieder einer Art versöhnlichem Abendrot Platz machte. Beide O'Neills waren natürlich viel zu beherrscht, um ihrer Tochter wegen dieses Überfalls eine Szene zu machen.
Aber auch René musste ein einigermaßen dummes Gesicht gemacht haben. Waren doch die Liebenden bislang über Händchenhalten, Streicheln und ein zwei Zungenküsse nicht hinaus gelangt...
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