Dienstag, 6. Mai 2014

Strohfeuer

19. Kapitel



    Dem großen Genießer und gelernten Kavalier René wäre es niemals in den Sinn gekommen, das sexuelle Glück, das Peggy und er sich offenbar gegenseitig bescherten, zu thematisieren. Aber das brauchte er auch gar nicht. Johannes kannte ihn gut genug, um  aus den regelmäßigen Rahmen-Schilderungen seines Freundes den Schluss ziehen zu können, er habe auch im Bett mit Peggy die zweite große Erfüllung seines Lebens gefunden.
  Allein schon wie er das gemeinsame Frühstück mit den Eltern am nächsten Morgen beschrieb, ließ erkennen, dass die Aura der beiden Glücklichen bei Brian und Beth sämtliche Bedenken beseitigt haben musste. So sie denn jemals welche hatten, weil sie ihrer Tochter vertrauten und sie ja rückhaltlos liebten. 
  Peggys Geburtstag verlief in eingeschworener Viersamkeit so ausgelassen und lustig, als hätte diese Konstellation schon ewig bestanden. Sie hatte sich - nicht nur wegen des spontanen Beifalls ihrer Eltern - wirklich über den Turner-Druck gefreut und entschieden, dass er als Ansporn für die entscheidende Phase ihres Studiums über ihrem Schreibtisch im Boardinghouse hängen sollte. 
  Mit dem Einbruch der Dämmerung waren sie dann an einen nahe gelegenen Strand gegangen, auf dem die gesamte Nachbarschaft traditionell ihr Guy-Fawkes-Feuer entzündete. Den Bekannten stellten Beth und Brian René ohne Hemmungen als Peggys Boyfriend vor. Und bei wohl engeren Freunden mit einem Augenzwinkern auf die Historie von Hastings: That's René the conquerer. One frenchy - again! 
  Den schlüpfrigen Part verstand René dabei natürlich nicht, wobei es fraglich war, ob die Liebenden bei der monogamen Ausrichtung ihrer Beziehung und angesichts des Altersunterschiedes überhaupt über die Verwendung eines Kondoms nachgedacht hätten...
  Dass Renés analytischer Geist im Überschwang der Gefühle nicht aussetzte, zeigte die Beschreibung von Peggys Wohnbereich im Hause ihrer Eltern. Ein so klar geschmacklich ausgerichteter Mensch wie René musste einfach über die Zwiespältigkeit im stilistischen Ausdruck seiner Geliebten stolpern. Deshalb versuchte er daraus in einer Mail an Johannes eine Art Psychogramm zu erstellen. Er kam zu einem Ergebnis, das Johannes quasi als Schluss-Akkord wie einen Hagelschauer treffen musste und ihm da erst jäh die Augen über die Dichtung zur Wahrheit öffnen sollte:
  Peggy bewohnte das Dachgeschoss mit den Beiden Gauben. Durch die Fenstertüren und die Ost-West-Ausrichtung war das vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergehen eine äußerst lichtvolle Mansarde. Während die Quer-Räume allein auf Funktion ausgerichtet waren - rechts ein komplett ausgestattetes Bad mit Oberlichtern und einer Ankleide davor, links ein Studier-Zimmer mit Schreibtisch und einer für Peggys Alter äußerst umfangreichen Bibliothek - vermittelte der lange Raum unter First und Gauben eine Art Lebenslinie seiner Bewohnerin:
  Zur Straße hin, schien es, als habe Peggy ihre Kindheit nicht verlassen. Ein buntes Gemisch aus Kleinmädchen-Sachen - quasi auf hellen Schleiflack-Möbeln ausgestellt - flankierten dort ihr Bett, das dafür unverhältnismäßig groß war. René erklärte sich das damit, dass ein so großes Mädchen eben auch eine überdimensioniertes Bett bräuchte. Aber dieser Gedanke befreite ihn wohl nicht von den Hemmungen, die ihn beschlichen, als er erstmals zu Peggy unter die Laken schlüpfte. Die einzige Bemerkung, die er sich von diesem Moment jemals gestattet hatte, war in etwa so formuliert:
   "Es war, als täte ich etwas Verbotenes, aber die nächste Augenblicke belehrten mich eines Besseren."
  Von der infantilen Seite entwickelte sich die Einrichtung jedoch zum Garten hin gemäß des Georgian Styles im übrigen Haus. Sie vermittelte aber deutlich nicht die gestaltende Hand von Beth, sondern Peggys persönlich eingebrachte, eigene Ideen und dies nicht ohne Hinweise auf ihren verzwickten Humor. In einem Sessel am nicht mehr benutzten Kamin wärmte sich virtuell und lebensgroß, in einem Sessel über Menschliches allzu Menschliches nachdenkend, Friedrich Nietzsche - aus Pappmache - gestaltet von Peggy O'Neill...
  "Auf einmal glaubte ich Peggys Beweggründe zu erkennen", schrieb René an Johannes,"sie will weder die Vergangenheit hinter sich lassen, noch den Zukunftsängsten im erwachsen Werden ausgesetzt sein. Klar, dass sie da für die Liebe jemand haben will, von dem sie glaubt, dass der diese nicht mehr zu haben braucht. Was für eine Unschuld! Was für eine Ahnungslosigkeit! Aber dafür liebe ich sie um so mehr."
   Als sie sich am Montag am Bahnhof von Brian und Beth trennten, war schon  so eine Art Road-Map für die kommenden Monate verabschiedet. Es war klar, dass Peggy und René nun nicht mehr jedes Wochenende nach Hastings kommen würden, aber sie waren immer willkommen. Für die Weihnachtsfeiertage waren die vier fest verabredet. Für Silvester hatten die O'Neills eigene Pläne. Und wann immer Peggy dem Studium absoluten Vorrang zu geben hatte und in Ruhe gelassen werden wollte, sei René auch allein willkommen. Zumal Brian - obwohl Single-Handicaper  - darauf drängte, mit dem Lover seiner Tochter die Golfplätze von Battle und Hastings unsicher zu machen.
  Aber wie sich herausstellen sollte, konnten fixe Pläne nicht ohne die Spontaneität der einen oder anderen Peggy gemacht werden:

  Johannes schrieb an seinem Manuskript weiter:

   Was immer die kleine Flamme der Liebe am Guy-Fawkes-Tag zur lodernden Leidenschaft entfacht hatte, Peggys naiv gesteuerter Pragmatismus verlangte, dieses Feuer immer aufs neue zu schüren. So nett die Eltern René nach dem "Outing" aufgenommen hatten, so war es für Peggy doch unvorstellbar, sich womöglich jedes zweite Wochenende in Hastings unter Beobachtung der Liebe hin zu geben. Es kam aber auch gar nicht in Frage, dass sie fürderhin wie eine Maitresse zu René ins Hotel schlich. Das Leben von ihm im Hotel einerseits und ihres mit dem verschärften Studium und dem Wohnen im Boardinghouse andererseits wollten bei ihrem Harmonie-Bedürfnis einfach nicht mehr zusammen passen.
  Also streckte sie ihre Fühler nach einer praktischeren Lösung aus. Dass sie die innerhalb von nur 48 Stunden fand,. dokumentiert noch im nachhinein ihr breit gefächertes Genie. Am Mittwoch erreichte René ihr aufgeregter Anruf:
 "Papù, können wir uns um sechs im Russel Square treffen. Ich möchte unser mögliches Zusammenleben in angemessene Bahnen lenken, ohne dass wir dabei Freiräume aufgeben müssten."
  René ließ sich von ihrer Aufregung anstecken, denn er hatte schnell gelernt, dass es besser sei, sich auf ihre Überraschungen nicht eigens einzustellen. Diesmal war er zuerst im Café und konnte dadurch sehen, dass ihr öffentlicher Auftritt nicht mehr ganz so von ihrer verhuschten Schüchternheit geprägt war. Obwohl ihre offenbar als studentisch empfundene Wahl der Kleider ihm diesmal jenseits von gewöhnungsbedürftig vorkam. Als er jedoch bei all den anderen Menschen im Gastraum keinerlei Reaktion auf ihre Erscheinung wahrnahm, kamen ihm Zweifel an seiner Sichtweise. Vielleicht lag ja nicht nur Schönheit, sondern auch Hässlichkeit im Auge des Betrachters. Peggy trug eine Art Mao-Anzug unter einem Umhang, der wie ein Tarnnetz aussah. Ihre Mode-Boutique für London war ganz offenkundig ein Militaria-Shop, denn an den Füßen hatte sie die Stiefel, die man in vielen Filmen an  britischen Soldaten zu sehen pflegte.
  Sie ging auch gleich zum Angriff über, nachdem sie sich gesetzt hatte:
  "Also, damit das klar ist. Ich will nicht permanent an Wochenenden mit dir in meinem Mädchen-Bett unter Duldung meiner irritierten Eltern Sex haben. Ich habe aber auch keine Lust, wie ein Flittchen zu dir ins Hotel zu schleichen. Ich hätte jetzt bis März eine Lösung, bei der wir so oft wir wollen, zusammen sein können, ohne dass mein Studium darunter leidet oder ich dir auf die Nerven gehe. Noch dazu ist sie von den Kosten her neutral, wenn sie dir nicht gar noch ein zusätzliches Taschengeld einbringt. Vorausgesetzt, du spielst eine kleine Rolle, die dir sogar liegen müsste..."
  René sagte gar nichts. Nicht etwa, weil er da nicht mitspielen wollte, sondern vielmehr, weil er Peggy zum zweiten Mal seit der Offenbarung gegenüber ihren Eltern auf ganz neue Weise erlebte: bestimmt, selbstsicher, aber vor allem mit der unmissverständlichen Forderung nach gleichberechtigter Partnerschaft. Mehr und mehr gefiel ihm das, und er gab seine Zustimmung. Um seine Ernsthaftigkeit zu unterstreichen tat er dies in Englisch:
  "Ich habe dir ja schon versichert, dass ich für dich mein Leben aber nicht deines verändern will!"

  Und dann unterbreitete Peggy ihren Plan: 
  Ein Bekannter der Romanistik-Fakultät habe aufgrund seiner Dissertation ein Angebot erhalten, bis März als gut bezahlter Gastdozent  in Boston Vorträge zu halten. Er habe eines der begehrten Appartements am Campus. Peggy habe ihn gefragt, ob ihr Tutor für die in Deutsch zu verfassenden Texte ihrer Examensarbeit nicht so lange seine Wohnung hüten könne. Er sei Franzose, der lange in Deutschland gelebt habe. Eine Art Privat-Gelehrter, sehr alt, aber sehr kompetent. Außerdem sei er Katzenfreund und könne doch auch den durch die Abwesenheit des Dozenten verwaisten Konversationskurs für Französisch  übernehmen... Peggy und René seien deshalb am Freitag in besagter Wohnung von ihm zum Abendessen eingeladen.
  René murrte, dass mit dem sehr alt, sei ja wohl nicht nötig gewesen, aber Peggy konterte, er werde schon sehen, weshalb sie das so betont habe.
   Derart trat Dwight Delany in seiner kurzen Gastgeber-Rolle in beider Leben und verschaffte so  bei einem ausgedehnten Gegenbesuch im folgenden Frühjahr in LaGrange sogar obendrein  noch dem Maler-Freund Guillaume bunte Impulse durch Tage späten Glücks...
   
    

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