Dienstag, 20. Mai 2014

Strohfeuer

   

  21.Kapitel


  In den Teams, mit denen er in der Vergangenheit um die Mega-Etats gekämpft hatte, war  René stets kreativer Vordenker und Impulsgeber gewesen, aber er hatte sie niemals dominiert, sondern eher moderiert. Abgesehen von ein paar Seminaren hatte er nicht wirklich doziert. Trotzdem war er nicht einen Moment nervös, als er die laufenden Kurse von Dwight übernahm. Es ging ja bloß um Konversation, und wenn er es nicht verstand, in seiner Muttersprache zu "parlieren" - wer dann?
   Als Nicht-Akademiker kannte er aber den Universitätsbetrieb lediglich aus den Erzählungen seiner Kinder, und die waren ja nun schon lange erwachsen. Er hatte also keine Ahnung, welchem aktuellen Typ Studenten er alltäglichen sprachlichen Umgang vermitteln sollte. Unter denen, die sich in der romanistischen Fakultät eingeschrieben haben, hätte er sich vielleicht Blaustrümpfe und Nerds vorgestellt, wäre Dwight in seinen Augen nicht schon so ausgeflippt daher gekommen.
  Fünf Doppelstunden, pro Woche täglich von 2 pm bis 4 pm galten als vereinbart. Der zuständige Dekan hatte keinerlei Bedenken erhoben, da ihm Delany den "smarten alten Knaben" in den wärmsten Farben geschildert hatte.
   Als er federnden Schrittes mit Exemplaren von "Le Monde" und Le Canard Enchainé" unterm Arm den Seminar-Raum  betrat, hatte René bei dieser Fürsprache auch nur einen gering erhöhten Puls. Das einzige, was ihn wirklich überraschte, war das multikulturelle Erscheinungsbild seines Auditoriums. Von den 20 Teilnehmern, auf die sein Kurs limitiert war, war auf den ersten Blick nur die Hälfte weiß. Der Rest der jungen Männer und Frauen war indisch-pakistanischer Abstammung, schwarz oder hatte erwartungsfrohe Gesichter asiatischen Einschlages.
  Der Kurs war nicht nur freiwillig, sondern musste anteilig auch von den Seminaristen selbst bezahlt werden. Es bestand also kein Zweifel an der hohen Motivation der Truppe, die am Ende ihren Scheinen lediglich einen Teilnahme-Nachweis darüber hinzufügen würden. Allerdings wirkte der sich - wie René später erzählt wurde - bei Bewerbungen nach dem Studium wohl äußerst positiv aus.
  Kaum hatte sich René mitten unter die im Viereck um einen großen Tisch sitzenden Teilnehmer gesetzt, hatte er auch schon sein ursprüngliches Konzept, über tagesaktuelle Themen aus den Zeitungen zu diskutieren, verworfen. Er verzichtete auch darauf, sich selbst näher vorzustellen.  Er hatte seine  in einfachem Französisch gehaltene Vita ja vom Pedell vorab an die Kursteilnehmer verteilen lassen. Nach einem optimistischen Bonjour, mit dem er auch klar stellte, dass in diesem Kurs fortan kein einziges Wort Englisch mehr gesprochen werde, ließ er sich in der ersten halben Stunde von jedem in einer einminütigen Rede die wichtigsten Informationen zur Person vermitteln. Dabei korrigierte er nur die größten grammatikalischen Sünden, um den möglichen Redefluss nicht zu unterbrechen. Notizen machte er sich hinter jedem Namen nur bezüglich der Aussprache und der Couragiertheit des Vortrages. Dies war ja ein Kurs mit Fortgeschrittenen von denen am nächsten Tag noch einer käme. Die restlichen Tage der Woche hatte er Anfänger. Insgesamt hatte er also 100 Seminaristen kennen zu lernen. Das ging nur mit Eselsbrücken. René hatte da aus Agentur-Tagen noch eine Methode, die ganz gut funktionierte, weil er sich Namen nicht gleich merken konnte. Die durfte aber keinesfalls ruchbar werden, denn für die Betroffenen war sie nicht immer schmeichelhaft:
   So konnte zum Beispiel ein Mädchen mit breitem Mund und runden Kulleraugen als "das Krokodil" in Renés Memory-Speicher rutschen, während ein asiatischer Junge mit Oberlippen-Bart "der Dschingis" sein konnte. Das ganze natürlich nur in Kombination mit den richtigen Namen, die ihm dadurch schneller präsent wurden. Am Ende der Woche hatte er so alle seine sprachlichen Schutzbefohlenen kategorisiert. Unter anderem wäre auch ein "Flamingo-Mädchen" dabei gewesen, hätte er die Dame nicht schon so intensiv kennen gelernt. Denn für ihn überraschend hatte sich Peggy trotz ihrer enormen Belastung im Endstadium ihres Studiums für den Anfängerkurs bei Dwight eingeschrieben,  ihm aber nichts davon gesagt...
  Im ersten Moment überkam ihn bei Peggys Anblick ein Gefühl der Befangenheit, das sich aber schnell verflüchtigte, als sie ihm in ihrem kurzen Vortrag über sich selbst schon signalisierte, dass sie eine Schülerin wie alle anderen auch sein würde...
  An jenen intimen  Abenden, die sie in Dwights Wohnung verbrachten, gab sie ihm jedoch ein hilfreiches Feedback und manchen Hinweis, wie er den Unterricht möglicherweise  noch optimieren könne. Aber im Großen und Ganzen war Peggy begeistert von seinen Ideen, die überraschend auch die Methoden von Delany übertrafen. Dabei hatte René nichts anderes gemacht, als Motivation und Zielrichtung in einer Art vorzugeben wie er dies auch beim Briefing auf einen neuen Kunden mit den Mitarbeitern seiner Agentur getan hätte.
  Seine 3R-Methode wurde zur Parole: raconter also erzählen, refléter, mit dem man das Gehörte auf das Gegenüber reflektieren konnte und réager, beides durch überlegtes Reagieren für den Fortgang des Gespräches nutzen. Da er es mit hoch motivierten und überaus intelligenten Menschen zu tun hatte, überraschte es ihn nicht, welche Fortschritte sie mit seiner Anleitung zur Konversation machten. Nur ihm war allerdings klar, dass das nichts mit Pädagogik zu tun hatte, sondern die "Trickserei eines abgehalfterten Werbeprofis", wie er Peggy freimütig gestand.
  Zum Campus-Star mutierte René aber vollends, als er die Seminarräume verließ, um mit seinen Gruppen ins Londoner Leben einzutauchen. Dort sollte anhand von Alltagssituationen trainiert werden, wie die jungen Damen und Herren ohne Wörterbuch in der Tasche durch spontane, verbale Umschreibungen und möglichst ohne zu stocken,  Situationen meistern können.
  Eine wichtige Station war dabei Hydepark Corner und der Gang zu den Speakers. Denn wie eine Gruppe französischer Touristen sollten sich seine Schüler gegenseitig das zum Teil abstruse Zeug, das da geredet wurde (und von dem René wohl am aller wenigsten verstand) sinngemäß übersetzen. Das machten vor allem die Fortgeschrittenen so gut, dass René sogar für sich einen Gewinn daraus zog und nach einigen Wochen  ein wenig Cockney verstand.
   Bis zu den Weihnachtsferien war René auf dem Campus bekannt wie der berühmte bunte Hund. Von allen seiten schallte es: "Bonjour Monsieur LeRoy! Comment allez vous?" oder wenn es vertraute Schüler waren:"Ca va René?"
   Peggy war sehr stolz auf ihn, spielte aber auch ein wenig die Eifersüchtige: "Wenn die karibische Prinzessin mit den dicken Brüsten aus meinem Kurs dich weiter so anschmachtet, werde ich wohl Weihnachten allein zu meinen Eltern fahren müssen." Sie sprachen jetzt immer häufiger Englisch miteinander.
   Aber jealous zu sein war natürlich Unsinn, und das wusste sie auch. Denn die Intensität ihrer Beziehung hatte dadurch, dass René in ihrer heißen Studien-Phase etwas zu tun hatte, eher noch zugenommen; die Aura ihrer Liebe war so stark, dass sie auch für Außenstehende kaum mehr zu übersehen war.
   René schrieb Johannes in einer Mail, dass er sich nicht daran erinnern könne, jemals in seinem Leben so zufrieden und ausgeglichen gewesen zu sein. Dazu kamen für den Ehrgeizigen noch triumphale Siege bei zwei "sportlichen Großereignissen", die er allerdings eher seinen jeweiligen Partnern zu verdanken hatte. 
 Beim alljährlichen Charity-Doppel-Turnier zwischen den Romanisten und den Wirtschaftswissenschaftlern wurde René zur Teilnahme eingeladen, weil Peggy wohl mal wieder an der falschen Stelle von seiner Klasse auf dem Tennis-Court geschwärmt hatte. Die Paarungen wurden so zusammengestellt, dass auf jeder Seite des Netzes eine annähernd gleiche Anzahl Lebensjahre aufschlug. So kam einerseits offiziell heraus, wie alt der Franzose schon war. Andererseits ergab sich aus seinen 73 Jahren das Privileg, als Partner des jüngsten Dozenten zu spielen, einem Oxford-Mann, der bis vor kurzem noch semi-professionell gespielt hatte und sogar kurz in der Weltrangliste aufgetaucht war. Sie gewannen das Turnier ohne Satzverlust, und René spielte dabei wahrlich keine Statisten-Rolle.
   Bei dem "Turkey-Turnier" (Motto: How dare you fly with eagles when you play with turkeys) im Golfclub von Battle am 4. Advent war das allerdings anders. Brian O'Neill hatte sie einfach angemeldet, als er im Computer heraus gefunden hatte, dass René für dieses "Best Ball" mit Zweier-Flights zu ihm vom Handicap her dem Modus gemäß den vorgeschriebenen Mindestabstand für die Paarungen aufwies. Der Truthahn, den sie knapp gewannen, war derart riesig, dass sie ihn auf der Heimfahrt nach Hastings in einem staatlichen Altersheim vorbei brachten. Die O'Neill-Mädels mussten an jenem Abend dann allerdings  noch ziemlich lang auf die Sieger warten, weil die in einem Pub um die Ecke ihren Triumph begossen, bis der Wirt - unter Bedauern, dass es keine closing hours mehr gäbe - regelrecht hinaus warf.
   Genau zu den Vorbereitungen für die O'Neillsche Familien-Weihnacht kam dann auch noch die Einladung des Dekans zur Sylvester-Party in einem der exklusivsten Verbindungshäuser. Peggy hatte sie aus Dwights Wohnung mitgebracht: Gold geprägt auf sündteurem Bütten... 

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