Dienstag, 13. Mai 2014

Strohfeuer


 20. Kapitel


   Irgendwie hatte sich René den künftigen Harvard-Gastdozenten ganz anders vorgestellt; vor allem viel jünger. Was wohl mit dem Hinweis Peggys auf dessen jüngste Dissertation zusammenhing. Der Selfmade-Werbemann hatte ja keine Ahnung von den Gepflogenheiten der Romanisten, die die thematische Vielfältigkeit ihrer Studien gerne mit der Häufung diverser Doktor-Titel dokumentieren.      Dwights Arbeit über den Einfluss der französischen Sprache auf die englische  seit William The Conquerer hatte zu dem dritten Doktor vor seinem Namen geführt. Die drei Titel prangten jetzt sowohl an dem Klingelschild des Wohnhauses als auch großspurig in Messing graviert an seiner Wohnungstür. Das passte zu dem entlehnten Tudor-Stil der Architektur, obwohl es hier nicht so nobel zuging wie in Oxford oder Cambridge, wo die Concierges bisweilen noch Cutaway und Bowler Hat trugen. Der junge Mann, der ihn den Weg zum Appartement des dreifachen Doktors wies, verrichtete hier als Concierge eher lässig ein studentisches Zubrot.
   Dwight Delany war ein kleiner, penibel gepflegter Mann, den man im Nachhinein gut mit dem Attribut "Edel-Hipster" träfe. Zu gelben Sneakern trug er smaragdgrüne, sehr enge Jeans, die von breiten, roten Hosenträgern mit Edelweiß-Dekor ziemlich schmerzlich am kurzen Oberkörper hoch gezurrt wurden. Zum rotweiß karierten Hemd trug er eine selbst gebunden Fliege, die grünlich glitzerte. Auffallend war das Baby-Gesicht des Dozenten, dass René unwillkürlich an Fotos erinnerte, die er von Truman Capote gesehen hatte. Delany tunte sich aber mit Make-up, Lidschatten und gelackten gelben Haaren auf ein gänzlich undefinierbares Alter. Erst wer ihm so nahe kam, dass er das dezent aufgetragene Edel-Parfüm riechen konnte, ahnte, dass der Mann auf die Sechzig zuging.
  Das Mienenspiel der beiden so unterschiedlichen Männer war bei der Begrüßung nahezu identisch. René schmunzelte unterdrückt, weil ihm gerade in den Sinn kam, an wem sich die "andere Peggy" möglicherweise stilistisch orientierte, und Dwight spiegelte sich in der Erkenntnis, dass René tatsächlich fast so alt war, wie Peggy ihn beschrieben hatte. Obwohl des Romanisten auf männliche Reize orientierte Wahrnehmung die federnde Athletik wohlwollend registrierte.
  Der Abend verlief wie eine Bühnen-Inszenierung von Harold Pinter: Drei äußerste eloquente Menschen schossen sich mit Wortspielen und Anekdoten aufeinander ein, wobei mit äußerstem Bedacht auf sprachliche Duftmarken Wert gelegt wurde. Dwight wollte natürlich sein nahezu perfektes Französisch anbringen, für das er - trotz seines unverkennbaren Akzents -  ein  ums andere Kompliment von René einstrich. Peggy "becharmte" Dwight, weil sie unbedingt wollte, dass sie das Appartement als Liebesnest bekamen, und hin und wieder musste sie sich ja auch auf Deutsch mit René streiten, damit Dwight ihm den Tutor abnahm. Lediglich bei den englischen Wortspielen zog René  am deutlichsten den Kürzeren. Weshalb er sich fest vornahm, die Zeit in England zu nützen, um endlich sein Englisch zu verbessern.
   Es ist ja nicht selten, dass sich homosexuelle Männer einen weiblichen Fixstern suchen, den sie ohne Begierde anbeten können. Was das schauspielernde deutsche Busen-Wunder Barbara Valentin für Queen-Sänger Freddie Mercury war, oder Renés Maler-Freund Guillaume um Joceline für ein Wesens machte, das entdeckte er nun bei Dwights  ungebremster, verbaler Balz mit Peggy. Er verstand, dass jeglicher Hinweis auf das Verhältnis zwischen ihm und Peggy die Harmonie des Abends stören könnte. Deshalb gab er mit Bravour den großväterlichen Freund.
  Aber es kam dann nach dem rein vegetarischen Abendessen doch noch zu einer Eifersuchtskrise. Dwigth hatte ein Dreigänge-Menü gezaubert, das weder Fleisch noch Fisch vermissen ließ. Auf einem hauchdünn geschnittenen Carpaccio aus marinierter Rote Beete hatte er frittierte Mini-Artischocken zur Vorspeise gereicht. Danach gab es in Olivenöl gebratene Sellerie-Steaks auf einem Pastinaken-Mousse mit Pfefferminz-Sauce. René verabscheute die englische Pfefferminz-Sauce. Diese aber überraschte ihn, weil sie - grüner als die Hose des Gastgebers - mit den Komponenten grüner Knoblauch, rohe Petersilie sowie Schnittlauch durch einen Tropfen Limone-Saft verlängert worden war. Die Krönung waren jedoch die Maronen-Spaghetti zum Nachtisch, die aussahen wie eine italienische Pasta mit einfachem Tomaten-Sugo und einem Klecks Butter obendrauf... Nur, dass der Sugo Erdbeer-Püree war und der Klecks Butter eine sehr helles, selbstgemachtes Marzipan. Dwight hätte als vegetarische Gourmet-Koch im kulinarisch dank Jamie Oliver erwachten London vermutlich mehr Geld machen können als als Professor.
  Aber dann kam mit einem gewaltigen Sprung über ein für sie offen gelassenes, nur angelehntes Fenster Nancy herein und rollte sich ungefragt und laut schnurrend auf Renés Schoss zusammen. Dwights Gesicht verzog sich angewidert und auch empört, als er auf den Fell-Kringel in Renés Genital-Gegend starrte:
   "Dabei habe ich sie doch extra sterilisieren lassen!"
  Das nach einer Kunstpause los prustende Gelächter der Drei nahm die mausgraue "British Shorthair" mit majestätischer Gelassenheit hin. Nun hatte Peggy eine Zeit lang Sendepause, weil René Dwight auf französisch von den beiden Guillaumes und LaGrange erzählte. Der Romanistik-Professor schmolz dahin als er den schwulen, auf Martinique gebürtigen Maler so liebevoll beschrieb, nach dem ja auch sein tragisch bei einer Fuchsjagd ums Leben gekommener Kater benannt worden war.
   Dass René den idealen Hüter des Hauses geben würde, und seine Peggy hier mit ihm ihre "Tutor-Lessons abhalten könne war danach sonnenklar. Er würde ja erst in vier Monaten bei seinem Besuch in LaGrange von deren wahrem Treiben erfahren, aber da konnte er sich ja zum Trost schon auf dem schwarzen Fleischberg zusammen rollen - und ihm die Nancy machen...
  Die Wohnung, die René nach Dwights Abreise bezog, war nicht groß, aber perfekt ausgestattet: etwa 70 Quadratmeter mit Balkon zum begrünten Innenhof, Ein Wohnzimmer mit elektrischem Kamin, ein buntes Schlafzimmer, ein noch bunteres Bad und eine Küche, in der René seine Campus-Berühmtheit mit seinen Kochkünsten noch untermauern konnte. Für seine schnelle Reputation sorgte der Konversationskurs in Französisch, den René zur Begeisterung des Dekans nahtlos übernahm und der dann wegen seiner Beliebtheit in der Frequenz verdoppelt werden musste. Das brachte ihm 500 Pfund die Woche - obendrein wegen der ja befristeten Tätigkeit steuerfrei. Die rund 2500 Euro, die er so verdiente, passten ihm sehr ins Konzept seiner neuen Sparsamkeit, weil er sie ja ohne schlechtes Gewissen und ohne  ans "Eingemachte" gehen zu müssen, mit Peggy auf den Kopf hauen konnte.
   


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