Donnerstag, 24. April 2014

Strohfeuer

17. Kapitel
   René war nie anders gerufen worden als bei seinem Vornamen. Selbst seine Enkel sagten niemals Opa zu ihm, und in seiner Zeit als Boss hätte er sich jegliche Spitznamen verbeten. Nun entdeckte er, dass es ihm irgendwie schmeichelte, von Peggy Papù genannt zu werden. Aber wenn man ihm, dem Werbeprofi, schon eine „Marke“ zu seinem Image verpasste, wollte er herausfinden, wie das Bild entstanden sein könnte.
     Im Internet-Versand-Handel hatte er sich noch kurz vor der Abreise eine DVD von dem Film „Gandhi“ mit Sir Ben Kingsley besorgt. An einem Regentag besah er sich das Epos von mehr als drei Stunden Länge dreimal hintereinander. Zunächst im Original auf Englisch. Da entgingen ihm zwar die Feinheiten der Dialoge, aber die Arroganz der britischen Besatzer kam besser rüber. Die französische Synchronisation lieferte ihm zwar das Verständnis für die Fakten, aber eine Ahnung, was Peggy so beeindruckt haben könnte, in ihm, René,  ihren Papù zu entdecken, gab ihm die deutsche Version des Films.
    Er war schon mit hohem Tempo im Tunnel unter dem Ärmelkanal unterwegs, als ihm klar wurde, dass Peggys Identifikation nicht allein ihm, sondern auch ihr selbst galt. Es ging um eine Sichtweise auf mögliche Arten des Miteinanders zwischen Mann und Frau, die über Begierde und Verlangen rangierte, bei der es vielleicht um das Teilen von Aura ging. Sex und Erotik – so schrieb er es jedenfalls in einer Mail an Johannes – spielten dabei eine weitaus kleinere Rolle als die geistige Hingabe im Bewusstsein die Seelen in Gleichklang zu bringen. Indem Peggy ihn Papù nannte, wollte sie nicht auf eine äußerliche Ähnlichkeit Renés anspielen, sondern auf ihre Rolle in dieser amour fou.
   Die von Geraldine James im Film so hervorragend dargestellte Gandhi-Jüngerin Mirabehn wäre demnach so etwas wie Peggys Rollenverständnis in ihrer noch im Anfangsstadium befindlichen Beziehung zu René…
    Nur, dass Peggy nicht wie Mirabehn neunzig Jahre alt geworden ist, sondern nur 26, dachte Johannes grimmig beim Weiterschreiben. Und noch ein Aspekt war in der verschlüsselten Botschaft als Fundament dieses Zusammenseins versteckt, das der Chronist erst nach Abschluss seiner Erzählung vollends begreifen sollte: Askese.
   Sehr erwachsen hatten die beiden Liebenden sich darauf geeinigt, es langsam angehen zu lassen; nicht übereilt danach zu suchen, ob das, was sie in LaGrange zu einander geführt hatte, in welcher Form auch immer, noch vorhanden sei.
    Deshalb war René an einem Freitagnachmittag angereist. Wohl wissend, dass Peggy da schon mit dem Zug von Victoria Station die zwei Stunden zu ihren Eltern nach Hastings unterwegs sein würde. Ihm blieb also das gesamte Wochenende, um sich zu akklimatisieren und den Schock zu verdauen, wie absurd teuer London seit seinem letzten beruflichen Aufenthalt geworden war.
    Eine Idee vom Preisgefüge in der späteren Welthauptstadt der Finanzkrise hatte er ja schon bekommen, als er sein ehemaliges Stammhotel in der Nähe der Fleetstreet im Internet aufgerufen hatte. Selbst in Euro hatte sich dort der Preis für ein Standard-Single mit Kingsize-Bed mehr als verdoppelt. Und er konnte ja auch keine Spesen mehr abrechnen. Schließlich hatte er sich über ein Portal im „Belle Cour“ eingebucht. Nicht, weil der französische Name ihm Vertrauen einflößte. Es lag am Rande des Universitätsviertels und entsprach preislich der neuen Sparsamkeit Renés – gerade unter dem Gesichtspunkt einer längeren Verweildauer.
    Sowohl, dass er viel zu Fuß zu erkunden konnte, als auch die Nähe zur U-Bahn-Station Russel Square bestätigte die Richtigkeit seiner Wahl bereits am ersten Wochenende. Dem Großstadt-Leben war René ja seit mehr als anderthalb Jahrzehnten entwöhnt. Umso mehr überraschte es ihn, dass der Trubel ihn sofort euphorisch mitwirbelte.
    Weil er nur Kingsway Richtung  Themse hinunter zu gehen brauchte, verbrachte er Samstag und Sonntag in verschiedenen Museen, obwohl er eigentlich kulturell bislang nicht zu den derart Wissbegierigen gezählt hatte. Er wurde mit einer sehr persönlichen Entdeckung belohnt:
    In einem vom Tageslicht ausgeschlossenen Raum der Tate waren selten zu sehende Aquarelle von William Turner aus dem immensen Bestand  der Gallery  ausgestellt: Malerische Notizen von schlichter Figuration, die ihn willkürlich an die Poems von Derek Walcott erinnerten. Unter ihnen eine quasi im Sonnenlicht verbrennende Silhouette des Heidelberger Schlosses. Spontan kam ihm die Idee, Peggy an diesem Mysterium teilhaben zu lassen. Er wandte sich umgehend an den Bilderdruck-Service der Tate, um heraus zu finden, ob es von dem Blatt einen Druck in Originalgröße gäbe.
    Schöne digitale Welt. Er erfuhr von der jungen Dame am Schalter, dass er nahezu von jedem Exponat „on demand“ einen Druck in variablen Techniken haben könne. Mit den Angaben von René rief sie im Computer das entsprechende Tableau auf und teilte ihm mit, dass sich für Turner-Aquarelle ein Druckverfahren anböte, dessen Resultat einem erschiene, als sei es das Original – nur mit dem Unterschied, dass so ein Druck nahezu 500 Jahre der UV-Strahlung ausgesetzt werden könne, ohne die Farbintensität zu verlieren. Das Verfahren sei nicht nur das teuerste, sondern er müsse leider auch eine Woche warten…
    Er zahlte den wirklich stolzen Preis, ohne lange zu überlegen und gab das Hotel als Lieferadresse an. Bei dem, was Heidelberg Peggy bedeutete, war dies ein durchaus passendes Geschenk für sie. Vor allen, wenn er ihr beschrieb, wie sich ihm beim Anblick des Aquarells die malerische Assoziation zu Derek Walcott ergeben hätte.
    Sie hatten sich für Montag um 16Uhr30  im Cafe Russel Square zum ersten Rendezvous verabredet. Eine milchig getrübte, tiefe Sonne ließ die letzten Blätter an den Bäumen und das frisch gefallene Laub auf den Wegen noch einmal magisch aufleuchten. Zum draußen Sitzen war es schon zu ungemütlich, deshalb entstand drinnen der Eindruck, als seien alle Tische doppelt besetzt. Das überwiegend junge Publikum konnte gemischter nicht sein:
   Dandys im Threepiece-Suit schäkerten mit mordsmäßig aufgestylten It-Girls, Bärtige und Dreadlocks-Trägerinnen rangen lautstark wie überall auf der Welt in gleichem Habitus und Outfit  mit langen Schals wedelnd um irgendeine politische Meinung. Nur vor einem der Fenster zum Park schien sich an einem Zweier-Tisch deutlich wahrnehmbar eine Aura von Ruhe – um nicht zu sagen eine Art Quarantäne – gebildet zu haben. Und da saß sie, derart konzentriert in ein Buch vertieft, dass sie ihn glücklicher Weise nicht hatte eintreten sehen. Am liebsten hätte René nämlich zackig auf dem Absatz kehrt gemacht. Das dort sitzende Wesen hatte mehr mit dem unseligen Mädchen, dass er vor einem halben Jahr in Bordeaux vom Flieger abgeholt hatte zu tun, als mit der jungen Dame, die er ein Vierteljahr später zum Heimflug geleitet hatte:
    Peggy hatte seither ihre feuerroten Haare nicht nur wachsen lassen, sondern wohl auch ihr unglückseliges Gel wieder entdeckt. Immerhin war das Gekleister nur teilweise zu sehen, denn sie hatte die Kapuze eines neonfarbenen Hoodys halb über den Hinterkopf gezogen. Die Hosenbeine einer orientalischen Pluderhose mit arabeskem Muster, die sie unten herum trug, verschwanden in den Schäften von rosa Gummistiefeln. Aber der stylishe Overkill war eine Art Gasmasken-Zylinder aus Militärbeständen des Ersten Weltkrieges, der ihr offenbar als Bücher- und Handtasche diente…
   Widerwillig drückte ihr René einen Kuss auf die Kapuze als er neben ihr ankam. Sie sprang verschreckt  auf und hätte ihrem betagten Lover dadurch fast einen Kopfstoß verpasst.
   „Papù, du lieber! Dass du mich in diesem Tumult sofort entdeckt hast?“ rief sie mit heller Stimme derart laut, dass der Lärm der anderen für Sekunden zu verstummen schien.
    „Komm, setzt dich! Wie hast du dich arrangiert? Kommst du zurecht?“ Wenn sie seine Irritation wahrgenommen hatte, ließ sie sich das zumindest nicht anmerken.
    Er setzte sich ihr direkt gegenüber, und dann passiert es. Gleichzeitig nahmen sie nichts anderes mehr wahr als sich. Sie schlüpften gegenseitig durch die Pupillen ihrer Augen und glitten hinab in die Seele des jeweils anderen. Dort angelangt gerieten sie in einen Zustand, der keine Zeitmessung mehr kannte. Wie hypnotisiert konnte René nicht länger das Unbehagen verstehen, das ihn kurz zuvor noch befallen hatte. Er ließ es willenlos mit sich geschehen, dass Peggy ihren Po leicht lupfte, um sich mit ihrem elend langen Oberkörper zu ihm hinüber zu beugen. Wie beim Abflug in Bordeaux packte sie ihn am Nacken und verpasste ihm einen leidenschaftlich langen Zungenkuss. Dann glitten ihre Lippen an der glatt rasierten Wange  entlang zu seinem Ohr und sie flüsterte:
    „Prüfung bestanden Papù! Ich wollte nur sehen, ob du mich oder doch nur das Geschöpf deines Geschmacks und deiner Wünsche liebst. Ich bin so glücklich!“
    Dann quatschten sie Händchen haltend mal beide auf einmal, mal in längeren Monologen, mal schwiegen sie und ließen nur ihre Augen sprechen, wobei René sich innerlich gestehen musste, dass der Schock, den Peggys Kleidungsstil ihm verpasst hatte, selbst ohne die beabsichtigte Provokation mit der Zeit verflogen wäre, weil man ihn durchaus expressionistisch nennen konnte. Wären die beiden Liebenden zwei Jahre später noch unter den Lebenden gewesen, hätten sie erlebt, dass ein großer Teil der globalen, goldenen Jugend, sich darin gefiel, Kleidungsstücke miteinander zu kombinieren, die absolut nicht zueinander passen durften.
   Mitten aus dem Zusammenhang gerissen, sagte Peggy auf einmal:
    „Nächsten Sonntag ist Guy Fawkes Day!“
    „Remember, remember the fifth of November!” antwortete René reflexartig. „Was oder wen wollen wir anzünden?”
   “Geburtstagskerzen. Ich habe nämlich am 5. November Geburtstag. Ich werde 24. Ich würde das gerne mit dir und meinen Eltern wie jedes Jahr in Hastings feiern. Da gibt es die tollsten Feuer am Strand. Bist du noch so lange hier?“
   „Habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt? Ich werde so lange bei dir sein, um ein Teil deines Lebens zu werden, bis du mir frank und frei erklärst, dass du mich nicht länger dabei haben willst…“

Es würde genau umgekehrt kommen, dachte Johannes traurig, als er den Computer ausschaltete, um über die Begegnung mit Peggys Eltern nachzudenken, die er anhand von Renés Mails im nächsten Kapitel haarklein beschreiben konnte. 

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