Donnerstag, 17. April 2014

Strohfeuer

           16. Kapitel


    Alle Familien-Mitglieder, die  sich wie gewohnt auf die von René veranstalteten Weihnachtsferien in einem angemieteten Chalet bei Zermatt eingestellt hatten, mussten sich nun für ihre individuelle Gestaltung der Feiertage eigene Gedanken machen und auch eigenes Geld in die Hand nehmen.
   Wirklich traurig darüber war Maurice, und nicht etwa weil er um seinen Geldbeutel besorgt war. Vielmehr hatte er den Vater wegen einer EU-Mission im Baltikum vergangenen Sommer schon nicht die gewohnten acht Wochen in LaGrange gesehen. Nun käme es vielleicht erst wieder im kommenden Sommer zu einer Begegnung mit ihm. Während der ersten Krebsphase waren sich die beiden wieder näher gekommen und hatten zu einem Verhältnis gefunden, wie es zwischen einem Vater und seinem erwachsenen Sohn üblicher  Weise sein sollte. Maurice schmerzte es aufrichtig, dass sie diesen aufgenommen Faden nicht so bald weiterspinnen sollten, aber er verstand, dass sein Vater „etwas auskosten wollte“ – wie jener sich ausgedrückt hatte. Von Peggy wusste Maurice ja nichts, und erfuhr auch die Beweggründe nicht von René.
    Ganz anders Natalie, deren Instinkt sofort, als sie und ihre Sippe ausgeladen wurde, für Alarmbereitschaft und investigative Neugier sorgte. Weil René sich nicht in die Karten blicken lassen wollte, wurden Johannes und Urmel mit wütenden Anrufen aus Übersee zur Unzeit aus dem Bett geklingelt. Während Urmel wegen der Funkstille zwischen ihm und seinem Godfather ja wirklich keine Ahnung hatte, machte sich Johannes ein Vergnügen draus, die eine oder andere Nebelkerze abzufeuern.
    Wäre Natalie im letzten Sommer präsenter gewesen, hätte sie eigentlich von selbst ihre Schlüsse ziehen können, aber so schluckte sie zunächst die Legende, ein Kunde von früher habe René mit einem stattlichen Honorar als Ratgeber für ein verzwicktes Projekt nach London gelockt. Was im Übrigen auch die wage  Andeutung gewesen war, die René gegenüber Papa O’Neill mit schlechtem Gewissen als Begründung für einen möglichen Besuch in England heran gezogen hatte. René log selten und äußerst ungern. Schon deshalb nicht, weil er überhaupt noch nicht wusste, wie das Objekt seiner Begierde auf seine Pläne reagieren würde. An ein derartig bizarres Verhältnis angesichts von Sonne, Sand, Strand und entspanntem Wohlergehen könnte ja eventuell im Studien-Alltag des Londoner Winters doch nicht so leicht angeknüpft werden. Schon nach dem ersten Wiedersehen wäre ja auch eine beiderseitige Ernüchterung angesichts des enormen Altersunterschiedes denkbar. Vielleicht müsste er gleich wieder abreisen. Oder man risse sich zusammen und merkte erst nach zähen, verklemmten Wochen, dass alles ein Irrtum war. Oder aber René stünde ein Winter bevor, der wie ein Sommer vor dem Frühling enden würde…
    Das erste Telefonat war nicht gerade sehr viel versprechend gewesen, weil ja auch Peggy nicht wusste, in welchen Dimensionen sich René so seine Gedanken machte. Das mit dem Projekt in London hatte sie sofort als Notlüge ihrem Vater gegenüber entlarvt, und das war gleichzeitig aber auch Hinweis darauf, dass René ganz andere Absichten verfolgen könnte.
     Sie rief vom Handy aufs Festnetz an und betonte das,  - was ein Hinweis auf nüchterne Kürze wegen ihr entstehender Kosten sein sollte. Die ersten, vorher einstudierten Sätze kamen Peggy deshalb auch komplett emotionslos über die Lippen: Natürlich freute sie sich, wenn René sie auf seiner Geschäftsreise kurz besuchen käme. Aber leider sei sie nicht so unbegrenzt verfügbar. Sie stünde in den letzten beiden unglaublich anspruchsvollen Semestern. Während der Woche wäre ihre Flexibilität zudem durch die strengen Regeln im Boardinghouse eingeschränkt. Da sei es ja sogar unkomplizierter, sich an einem Wochenende in Hastings bei ihren Eltern zu treffen…
   Johannes hatte keine Ahnung wie das verbale Schach zwischen den beiden dann tatsächlich abgelaufen war, weil auch René später in seinen Mails darüber nichts verlauten ließ: Aber der König hatte sich dabei wohl in eine Position gebracht, in der der Dame nichts blieb als das „sweet surrender“.
   „There must have been love“, summte er als er weiter schrieb und sich vorstellte, wie das zweite Telefonat wohl abgelaufen sein könnte:
   René hatte sich Peggys Handynummer samt nüchterner Anweisungen für deren Gebrauch geben lassen. Wegen des Handy-Verbots in den Hörsälen und der strikten Regeln im Boardinghouse, musste er bis zu einem schmalen Zeit-Korridor am nächsten Nachmittag warten. Das ließ ihn einerseits im eigenen Saft schmoren, aber gab ihm andererseits auch Zeit für Analyse und Strategie. Denn eines war ihm – sich selbst ein wenig überraschend -  klar geworden: Es gab für den Rest seines Lebens nichts Wichtigeres als ein Zusammensein mit Peggy. Allein ihre Stimme wieder zu hören, hatte seinen Puls beschleunigt,. als ginge es um sein erstes Date.
   Und dann war sie doch glatt „temporary not avaiable“, weil er  die Stunde Zeitunterschied vergessen hatte. Aber in der ersten Minute der ausgemachten Zeit nach Greenwich war sie gleich dran und klang ganz anders als am Tag zuvor. Doch René wollte keinen Dialog. Er wollte das loswerden, was er sich in der schlaflosen Nacht zurrecht gelegt hatte: Denn es war ihm klar geworden, dass Peggy ja nicht nein gesagt, sondern lediglich Hemmnisse aufgezählt und auf ihre Situation aufmerksam gemacht hatte. Dass sie zudem ihre Eltern erwähnt hatte, signalisierte, dass sie keinesfalls bereit war, was immer da ablaufen sollte, vor ihnen geheim zu halten:
   „Peggy – ich bin derjenige, der sein Leben noch einmal verändern will. Das wird nicht heißen, dass du bei deinem irgendwelche Änderungen hinnehmen musst. Allein schon deine Stimme zu hören,  macht mir klar, dass ich in deiner Nähe sein muss. Ich weiß, was der Altersunterschied von 50 Jahren bedeutet, aber ich spüre ihn nicht, wenn ich nur an dich denke. Und was andere denken ist mir dabei sowieso egal. Egal ist auch, wie viel Zeit uns eventuell nur bleibt. Obwohl Geduld bislang nicht unbedingt meine Stärke war, werde ich dich nicht bedrängen. Ich habe nur das Gefühl, dass wir gemeinsam einer großen Sache auf die Spur kommen könnten, die unser beider Leben bereichert.“
    Peggy gab nur eine kurze Antwort, aber die zog René fast die Beine weg:
   „Na dann komm – geliebter Papù!“





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