16. Kapitel
Alle
Familien-Mitglieder, die sich wie
gewohnt auf die von René veranstalteten Weihnachtsferien in einem angemieteten
Chalet bei Zermatt eingestellt hatten, mussten sich nun für ihre individuelle
Gestaltung der Feiertage eigene Gedanken machen und auch eigenes Geld in die
Hand nehmen.
Wirklich traurig darüber war Maurice, und
nicht etwa weil er um seinen Geldbeutel besorgt war. Vielmehr hatte er den
Vater wegen einer EU-Mission im Baltikum vergangenen Sommer schon nicht die
gewohnten acht Wochen in LaGrange gesehen. Nun käme es vielleicht erst wieder
im kommenden Sommer zu einer Begegnung mit ihm. Während der ersten Krebsphase
waren sich die beiden wieder näher gekommen und hatten zu einem Verhältnis
gefunden, wie es zwischen einem Vater und seinem erwachsenen Sohn üblicher Weise sein sollte. Maurice schmerzte es
aufrichtig, dass sie diesen aufgenommen Faden nicht so bald weiterspinnen
sollten, aber er verstand, dass sein Vater „etwas auskosten wollte“ – wie jener
sich ausgedrückt hatte. Von Peggy wusste Maurice ja nichts, und erfuhr auch die
Beweggründe nicht von René.
Ganz
anders Natalie, deren Instinkt sofort, als sie und ihre Sippe ausgeladen
wurde, für Alarmbereitschaft und investigative Neugier sorgte. Weil René sich
nicht in die Karten blicken lassen wollte, wurden Johannes und Urmel mit
wütenden Anrufen aus Übersee zur Unzeit aus dem Bett geklingelt. Während Urmel
wegen der Funkstille zwischen ihm und seinem Godfather ja wirklich keine Ahnung hatte, machte sich Johannes ein
Vergnügen draus, die eine oder andere Nebelkerze abzufeuern.
Wäre Natalie im letzten Sommer präsenter
gewesen, hätte sie eigentlich von selbst ihre Schlüsse ziehen können, aber so
schluckte sie zunächst die Legende, ein Kunde von früher habe René mit einem
stattlichen Honorar als Ratgeber für ein verzwicktes Projekt nach London gelockt.
Was im Übrigen auch die wage Andeutung
gewesen war, die René gegenüber Papa O’Neill mit schlechtem Gewissen als
Begründung für einen möglichen Besuch in England heran gezogen hatte. René log
selten und äußerst ungern. Schon deshalb nicht, weil er überhaupt noch nicht
wusste, wie das Objekt seiner Begierde auf seine Pläne reagieren würde. An ein
derartig bizarres Verhältnis angesichts von Sonne, Sand, Strand und entspanntem
Wohlergehen könnte ja eventuell im Studien-Alltag des Londoner Winters doch nicht
so leicht angeknüpft werden. Schon nach dem ersten Wiedersehen wäre ja auch
eine beiderseitige Ernüchterung angesichts des enormen Altersunterschiedes
denkbar. Vielleicht müsste er gleich wieder abreisen. Oder man risse sich
zusammen und merkte erst nach zähen, verklemmten Wochen, dass alles ein Irrtum
war. Oder aber René stünde ein Winter bevor, der wie ein Sommer vor dem
Frühling enden würde…
Das erste Telefonat war nicht gerade sehr
viel versprechend gewesen, weil ja auch Peggy nicht wusste, in welchen
Dimensionen sich René so seine Gedanken machte. Das mit dem Projekt in London
hatte sie sofort als Notlüge ihrem Vater gegenüber entlarvt, und das war
gleichzeitig aber auch Hinweis darauf, dass René ganz andere Absichten
verfolgen könnte.
Sie rief vom Handy aufs Festnetz an und
betonte das, - was ein Hinweis auf
nüchterne Kürze wegen ihr entstehender Kosten sein sollte. Die ersten, vorher
einstudierten Sätze kamen Peggy deshalb auch komplett emotionslos über die
Lippen: Natürlich freute sie sich, wenn René sie auf seiner Geschäftsreise kurz
besuchen käme. Aber leider sei sie nicht so unbegrenzt verfügbar. Sie stünde in
den letzten beiden unglaublich anspruchsvollen Semestern. Während der Woche
wäre ihre Flexibilität zudem durch die strengen Regeln im Boardinghouse
eingeschränkt. Da sei es ja sogar unkomplizierter, sich an einem Wochenende in
Hastings bei ihren Eltern zu treffen…
Johannes hatte keine Ahnung wie das verbale
Schach zwischen den beiden dann tatsächlich abgelaufen war, weil auch René später
in seinen Mails darüber nichts verlauten ließ: Aber der König hatte sich dabei
wohl in eine Position gebracht, in der der Dame nichts blieb als das „sweet
surrender“.
„There must have been love“, summte er als
er weiter schrieb und sich vorstellte, wie das zweite Telefonat wohl abgelaufen
sein könnte:
René
hatte sich Peggys Handynummer samt nüchterner Anweisungen für deren Gebrauch
geben lassen. Wegen des Handy-Verbots in den Hörsälen und der strikten Regeln
im Boardinghouse, musste er bis zu einem schmalen Zeit-Korridor am nächsten
Nachmittag warten. Das ließ ihn einerseits im eigenen Saft schmoren, aber gab
ihm andererseits auch Zeit für Analyse und Strategie. Denn eines war ihm – sich
selbst ein wenig überraschend - klar
geworden: Es gab für den Rest seines Lebens nichts Wichtigeres als ein
Zusammensein mit Peggy. Allein ihre Stimme wieder zu hören, hatte seinen Puls
beschleunigt,. als ginge es um sein erstes Date.
Und dann war sie doch glatt „temporary not avaiable“, weil er die Stunde Zeitunterschied vergessen hatte.
Aber in der ersten Minute der ausgemachten Zeit nach Greenwich war sie gleich
dran und klang ganz anders als am Tag zuvor. Doch René wollte keinen Dialog. Er
wollte das loswerden, was er sich in der schlaflosen Nacht zurrecht gelegt
hatte: Denn es war ihm klar geworden, dass Peggy ja nicht nein gesagt, sondern
lediglich Hemmnisse aufgezählt und auf ihre Situation aufmerksam gemacht hatte.
Dass sie zudem ihre Eltern erwähnt hatte, signalisierte, dass sie keinesfalls
bereit war, was immer da ablaufen sollte, vor ihnen geheim zu halten:
„Peggy – ich bin derjenige, der sein Leben noch einmal verändern will.
Das wird nicht heißen, dass du bei deinem irgendwelche Änderungen hinnehmen
musst. Allein schon deine Stimme zu hören,
macht mir klar, dass ich in deiner Nähe sein muss. Ich weiß, was der
Altersunterschied von 50 Jahren bedeutet, aber ich spüre ihn nicht, wenn ich
nur an dich denke. Und was andere denken ist mir dabei sowieso egal. Egal ist
auch, wie viel Zeit uns eventuell nur bleibt. Obwohl Geduld bislang nicht
unbedingt meine Stärke war, werde ich dich nicht bedrängen. Ich habe nur das
Gefühl, dass wir gemeinsam einer großen Sache auf die Spur kommen könnten, die
unser beider Leben bereichert.“
Peggy gab nur eine kurze Antwort, aber die zog René fast die Beine weg:
„Na dann komm – geliebter Papù!“
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