14.
Kapitel
Johannes
nahm seinen Erzählfaden wieder auf:
Urmel löste Johannes kurzerhand aus
den Eiswürfeln, in die sich das „Royaume“ dank Natalies Talent innerhalb
kürzester Zeit verwandelt hatte, indem er ihm für die beiden letzen Nächte
Unterschlupf in Jocelines behaglichem Heim gewährte. Die Hausherrin war ohnehin
schon dringender Geschäfte wegen nach Paris gereist, ohne die Bleibe winterfest
machen zu müssen. Urmel hatte sich erboten, dort zu überwintern und alles –
einschließlich der Bettlaken – auf Betriebstemperatur zu halten.
Die drei Freunde ließen es sich aber nicht nehmen, Peggy als Eskorte zum
Flieger nach London zu bringen. Natalie schmollte ohnehin und war nicht
mitgekommen. So ersparte sie sich einen weiteren Schock, denn René war mit
Peggy in Bordeaux zuvor noch zum Shopping gegangen. Behutsam, fast ein wenig
schüchtern, führte er sein „Werk“ - als einziges äußeres Zeichen der Zuneigung
- leicht Händchen haltend zum Gate. Und die Freunde Renés, die schon viel
seiner gestalterischen Brillanz hatten erleben dürfen, genossen ein neues
Meisterwerk:
Peggy trug einen dunkelblauen Hosenanzug aus einem fließenden Material,
das sündteuer aussah. Irgendwie hatte sie ihre großen Zehen in schwarze
Ballerinas bugsiert, mit denen sie selbstsicher einher schritt wie ein
Topmodel. Aus einer indigofarbenen Bluse mit Stehkragen schlängelte sich ihr
Hals nicht länger wie beim hässlichen Entlein, sondern er reckte sich stolz mit
einem Hauch von Athletik bis zu dem dadurch nicht mehr so fliehend wirkenden
Kinn. Ein Hair-Designer hatte ihre Natur-Farbe zwar belassen, aber ihrem
Vogelkopf einen nur Streichholz langen Herrenschnitt verpasst. Es war wie bei
einer Vorher-Nachher-Schau. Nur mit dem Unterschied, dass die Passanten auf dem
Flughafen, die sie ja vorher nie gesehen hatten – gleichgültig ob Männlein oder
Weiblein – ihre Blicke nicht von ihr lösen konnten.
Wie Kleider auch auf die Persönlichkeit wirken können – zumal bei dem
assimilierenden Talent von Peggy – verdeutlichte nun ihr dezent zur Schau
gestelltes Selbstbewusstsein. Sie heischte nicht, sie wollte René nicht als
Ergebnis seiner Schöpfung gefallen,
sondern aus erwiderter Liebe. Derart griff sie sich den Mann vor der
Sicherheitskontrolle, legte den einen Arm um seine Schultern, griff mit der
anderen Hand sein Kinn und küsste ihn verlangend und bestimmend auf Augenhöhe wie
ein Mann. So lange und intensiv, dass auch der blauäugigste Beobachter die
Vorstellung verlor, hier brächte ein Vater seine Tochter zum Flieger…
Danach gönnten sie sich keine Sentimentalitäten mehr. Sie drehten sich
von einander fort und schufen mit raschen Schritten Distanz. Ein jeder in die
Richtung, die ihm nun vorgegeben war. Allerdings sah Johannes, dass die
allwissenden Augen Renés in sehr viel Tränenflüssigkeit schwammen.
Urmel, der ja nicht wie Johannes einen tiefen Blick in die ungeschützte
Schönheit von Peggys Seele hatte werfen können, reagierte wieder mal mit seinem
genetisch bedingten Zynismus. Der machte ihn blind für die Emotionen anderer,
und so zerstörte er mit seinem Kommentar den Augenblick:
„Hat da gerade der Frosch den Prinzen geküsst? Was war das denn?“
René reagierte so barsch und unbeherrscht wie damals bei seinem
vermeintlichen Eagle auf dem Golfplatz. Urmels Worte hatten ihm einen
glorreichen Moment genommen, und das bekam der Art-Director jetzt zu spüren:
„Genau da offenbarst du mal wieder deine Defizite an Größe und Gespür.
Ein über die Maßen liebesuntüchtiger Mensch wie du, wird das Mysterium mancher
Augenblicke nie begreifen. Du brauchst ja quasi immer einen, der sie dir
erklärt, weil dein Herz taub und blind ist. Was glaubst du, wäre aus all deinen
Kampagnen geworden, hätte ich denen nicht kurz vor ihrem Erfrierungstod noch
Seele eingehaucht.“
So lange Johannes noch in LaGrange war, sprachen die beiden besten Freunde
kein Wort mehr miteinander. René und Johannes indes gingen nur noch zu zweit zum Golfen und machten noch einmal
mit dem Auto einen Ausflug auf ihrer alten Dordogne-Route, Da René das
Thema Peggy nicht anschnitt, sprach auch
Johannes nicht mehr über sie. Das gab letzterem die schweigende Muße, seinen
bald zwanzig Jahre älteren Freund, unter einem neuen Blickwinkel zu beobachten.
Denn in den mehr als drei Jahrzehnten, die sie sich nun kannten, hatte er René
ja noch nie verliebt gesehen. Und seit der Offenbarung auf der Treppe an der
Dordogne war dem Deutschen ja auch nicht klar gewesen, dass sein französisches
Alterego ein im Rokokostil Liebesleidender war.
In diesen Tagen trank René zwar viel, aber der Gourmet aß kaum von den
Köstlichkeiten, die sie sich bestellten oder selbst zubereiteten. Die Mimik
wechselte zwischen leise lächelnd entseelt und bisweilen geradezu schwermütig.
Schließlich wagte Johannes sich mit einem Rat vor, was ja in ihrer Beziehung
kaum jemals notwendig gewesen war.
„Reise ihr nach und finde heraus, was daraus werden könnte! Ob du im
Regen von LaGrange überwinterst oder durch den Londoner Nebel stapfst, ist doch
egal. Ergründe deine Gefühle und lebe sie aus, dann hast du auf alle Fälle die
Chance auf neuen Sonnenschein in deinem
Herzen.“
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