Donnerstag, 3. April 2014

Strohfeuer

14. Kapitel
 
  Johannes nahm seinen Erzählfaden wieder auf:
Urmel löste Johannes kurzerhand aus den Eiswürfeln, in die sich das „Royaume“ dank Natalies Talent innerhalb kürzester Zeit verwandelt hatte, indem er ihm für die beiden letzen Nächte Unterschlupf in Jocelines behaglichem Heim gewährte. Die Hausherrin war ohnehin schon dringender Geschäfte wegen nach Paris gereist, ohne die Bleibe winterfest machen zu müssen. Urmel hatte sich erboten, dort zu überwintern und alles – einschließlich der Bettlaken – auf Betriebstemperatur zu halten.
  Die drei Freunde ließen es sich aber nicht nehmen, Peggy als Eskorte zum Flieger nach London zu bringen. Natalie schmollte ohnehin und war nicht mitgekommen. So ersparte sie sich einen weiteren Schock, denn René war mit Peggy in Bordeaux zuvor noch zum Shopping gegangen. Behutsam, fast ein wenig schüchtern, führte er sein „Werk“ - als einziges äußeres Zeichen der Zuneigung - leicht Händchen haltend zum Gate. Und die Freunde Renés, die schon viel seiner gestalterischen Brillanz hatten erleben dürfen, genossen ein neues Meisterwerk:
  Peggy trug einen dunkelblauen Hosenanzug aus einem fließenden Material, das sündteuer aussah. Irgendwie hatte sie ihre großen Zehen in schwarze Ballerinas bugsiert, mit denen sie selbstsicher einher schritt wie ein Topmodel. Aus einer indigofarbenen Bluse mit Stehkragen schlängelte sich ihr Hals nicht länger wie beim hässlichen Entlein, sondern er reckte sich stolz mit einem Hauch von Athletik bis zu dem dadurch nicht mehr so fliehend wirkenden Kinn. Ein Hair-Designer hatte ihre Natur-Farbe zwar belassen, aber ihrem Vogelkopf einen nur Streichholz langen Herrenschnitt verpasst. Es war wie bei einer Vorher-Nachher-Schau. Nur mit dem Unterschied, dass die Passanten auf dem Flughafen, die sie ja vorher nie gesehen hatten – gleichgültig ob Männlein oder Weiblein – ihre Blicke nicht von ihr lösen konnten.
   Wie Kleider auch auf die Persönlichkeit wirken können – zumal bei dem assimilierenden Talent von Peggy – verdeutlichte nun ihr dezent zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein. Sie heischte nicht, sie wollte René nicht als Ergebnis seiner Schöpfung  gefallen, sondern aus erwiderter Liebe. Derart griff sie sich den Mann vor der Sicherheitskontrolle, legte den einen Arm um seine Schultern, griff mit der anderen Hand sein Kinn und küsste ihn verlangend und bestimmend auf Augenhöhe wie ein Mann. So lange und intensiv, dass auch der blauäugigste Beobachter die Vorstellung verlor, hier brächte ein Vater seine Tochter zum Flieger…
   Danach gönnten sie sich keine Sentimentalitäten mehr. Sie drehten sich von einander fort und schufen mit raschen Schritten Distanz. Ein jeder in die Richtung, die ihm nun vorgegeben war. Allerdings sah Johannes, dass die allwissenden Augen Renés in sehr viel Tränenflüssigkeit schwammen.
   Urmel, der ja nicht wie Johannes einen tiefen Blick in die ungeschützte Schönheit von Peggys Seele hatte werfen können, reagierte wieder mal mit seinem genetisch bedingten Zynismus. Der machte ihn blind für die Emotionen anderer, und so zerstörte er mit seinem Kommentar den Augenblick:
   „Hat da gerade der Frosch den Prinzen geküsst? Was war das denn?“
   René reagierte so barsch und unbeherrscht wie damals bei seinem vermeintlichen Eagle auf dem Golfplatz. Urmels Worte hatten ihm einen glorreichen Moment genommen, und das bekam der Art-Director jetzt zu spüren:
   „Genau da offenbarst du mal wieder deine Defizite an Größe und Gespür. Ein über die Maßen liebesuntüchtiger Mensch wie du, wird das Mysterium mancher Augenblicke nie begreifen. Du brauchst ja quasi immer einen, der sie dir erklärt, weil dein Herz taub und blind ist. Was glaubst du, wäre aus all deinen Kampagnen geworden, hätte ich denen nicht kurz vor ihrem Erfrierungstod noch Seele eingehaucht.“

   So lange Johannes noch in LaGrange war, sprachen die beiden besten Freunde kein Wort mehr miteinander. René und Johannes indes gingen nur noch  zu zweit zum Golfen und machten noch einmal mit dem Auto einen Ausflug auf ihrer alten Dordogne-Route, Da René das Thema  Peggy nicht anschnitt, sprach auch Johannes nicht mehr über sie. Das gab letzterem die schweigende Muße, seinen bald zwanzig Jahre älteren Freund, unter einem neuen Blickwinkel zu beobachten. Denn in den mehr als drei Jahrzehnten, die sie sich nun kannten, hatte er René ja noch nie verliebt gesehen. Und seit der Offenbarung auf der Treppe an der Dordogne war dem Deutschen ja auch nicht klar gewesen, dass sein französisches Alterego ein im Rokokostil Liebesleidender war.
   In diesen Tagen trank René zwar viel, aber der Gourmet aß kaum von den Köstlichkeiten, die sie sich bestellten oder selbst zubereiteten. Die Mimik wechselte zwischen leise lächelnd entseelt und bisweilen geradezu schwermütig. Schließlich wagte Johannes sich mit einem Rat vor, was ja in ihrer Beziehung kaum jemals notwendig gewesen war.
    „Reise ihr nach und finde heraus, was daraus werden könnte! Ob du im Regen von LaGrange überwinterst oder durch den Londoner Nebel stapfst, ist doch egal. Ergründe deine Gefühle und lebe sie aus, dann hast du auf alle Fälle die Chance auf  neuen Sonnenschein in deinem Herzen.“



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