15.
Kapitel
Sieben
Monate sollten sich Johannes, René und Peggy danach nicht sehen. Und dennoch
kam es Johannes nun beim Schreiben so vor, als habe er all das persönlich
miterlebt, als sei er hautnaher Chronist und Zaungast bei jenen Vorgängen
gewesen, die er sich nun eigentlich gar nicht zusammen reimen musste.
Der Grund war, dass René, der chronisch
faule Brief-Schreiber aber exzessive Telefonierer, trotz seiner langjährigen
Computer-Kenntnisse in jenem Spätherbst erst die E-mail für sich entdeckt
hatte. Das führte dazu, dass er beinahe täglich Johannes mit kurzen
Zusammenfassungen seiner Erlebnisse in England auf dem Laufenden hielt.
Kurios: Die Mails waren auf Deutsch
verfasst, weil Peggy einen Laptop mit
deutscher Tastatur von ihren Semestern
in Heidelberg übrig hatte. Den hatte sie René für die Stunden ohne sie
quasi als Beschäftigungstherapie überlassen.
Und René hatte auf einmal offenbar wieder
längerfristige Vorstellungen von seiner Zukunft. Zu seiner generell gelebten
Großzügigkeit schien es, als käme jene Knauserigkeit wieder hervor, die man ihm
während seiner internierten Jugend auf der Kadettenschule von Fontainebleau
eingebläut hatte; Weshalb sollte er telefonieren, wenn er kostenlos mailen
konnte? Und die Roamingkosten seines Handys schraubte er mittels Skypen gegen
Null. Er wurde, dort, wo es etwas brachte, wieder zum Gratisgänger wie einst.
Auf der „École d’application de
l’artillerie et du génie“ galt es in den
ersten Nachkriegsjahren nämlich
als besonders erstrebenswert, sein reiches Elternhaus durch extremen
Verzicht und exzessive Sparsamkeit mittels optimierter Ressourcen-Nutzung zu
kompensieren.
In den letzten beiden Jahren mit dem
Damokles-Schwert der Krebsdiagnose über sich hatte er es wegen der vermeintlichen Endlichkeit ganz
schön krachen lassen. Nun verschaffte ihm diese mögliche amour
fou offenbar die Idee von einer Art neuer Unsterblichkeit, in der sich
ausschließlich die beiden Liebenden gezielt etwas gönnen wollten.
Einem stillen Beobachter wie Johannes
offenbarte sich Einblick in eine schrullige, aber auch liebenswerte
Zwiespältigkeit:
Johannes begann mit einem verschmitzten
Grinsen an seinem Manuskript weiter zu schreiben:
„Dass
René überhaupt auf den Floh hörte, den ihn Johannes mit seinem Vorschlag einer
Reise zu Peggy ins Ohr gesetzt hatte, verdankte er dem Ableben seines fetten
Katers. Niemals hätte er den Kater der Obhut anderer überlassen. Ihn in seinem
Reise-Körbchen ins Vereinigte Königreich mitzuschleppen, verbot sich ja wegen
der Quarantäne und den ungewissen Unterkunftsverhältnissen. Also fiel die
Entscheidung Peggy nach zu reisen oder wegen Guillaume in LaGrange zu bleiben,
klar zu Gunsten des maunzenden Monsters aus.
- Bis zu jenem unglücklichen Tag, an dem René die abgeschnittenen Fächer
seiner für den Winter gestutzten und in Plastikplanen gehüllten
Livingston-Palmen zum Abtransport vor das südliche Gartentor gelegt hatte. Die
dienten einem Fuchs nächtens quasi als Trampolin, um in den Park einzudringen,
in dem der Kater eine normalerweise ungefährdete Regentschaft pflegte. In
jungen Jahren hätte Guillaume bei seiner Größe so ein Füchslein einfach weg
gewatscht. Aber der Verfressene war einfach zu unbeweglich geworden, um
Gefahren rechtzeitig zu erkennen. Der Fuchs erwischte ihn im Licht der
Bewegungsmelder von hinten an der Kehle, konnte sich aber nicht lange an seinem
Blutrausch erfreuen. Das Gekreische des Todeskampfes hatte einen zwar nackten
aber mit Schrotflinte bewehrten René auf die Wallstatt gerufen. Der Fuchs
konnte nicht mehr zurück, weil innen am Zaun ja keine Sprunghilfe lagerte. Er
versuchte den Sprung dennoch, wurde aber bereits beim Abheben von einer
Doppel-Salve Rehposten in rötlich schimmernde Fetzen zerlegt. Wegen der
direkten Treffer aus nächster Distanz klafften aber auch im Zaun zwei runde
Löcher wie für ein Torwandschießen. Die Wut über den Schaden, den er nun
ausbessern musste, milderte bei René ein wenig die Trauer über das Ableben
seines Weggefährten.
Ohne lange über „funerale“ Pietät bei der Bestattung von Tieren nachzudenken,
vergrub René die schlaffe Pelzhülle des Katers gemeinsam mit den Fetzen von
Meister Reineke tief unten im Komposthaufen.
Dann rief er ziemlich zeitnah die Nummer an, die Peggy ihm hinterlassen hatte. Noch während er die Nummer wählte, schoss es ihm durch den Kopf, wie wenig er eigentlich über Peggys Leben in England wusste. Sie waren ganz darauf konzentriert gewesen, sich im Hier und Jetzt näher zu kommen. Peggys Lebensumstände und vor allem die sehr intellektuelle Ausrichtung ihres Studiums hatte René von sich aus nicht thematisiert, um sich gegebenen Falles nicht zu blamieren. Und Peggy – das wohl ahnend – konzentrierte sich auf Themen, über die ihre neue Liebe gerne sprach:
Dann rief er ziemlich zeitnah die Nummer an, die Peggy ihm hinterlassen hatte. Noch während er die Nummer wählte, schoss es ihm durch den Kopf, wie wenig er eigentlich über Peggys Leben in England wusste. Sie waren ganz darauf konzentriert gewesen, sich im Hier und Jetzt näher zu kommen. Peggys Lebensumstände und vor allem die sehr intellektuelle Ausrichtung ihres Studiums hatte René von sich aus nicht thematisiert, um sich gegebenen Falles nicht zu blamieren. Und Peggy – das wohl ahnend – konzentrierte sich auf Themen, über die ihre neue Liebe gerne sprach:
„Hallooo?“, meldete sich eine joviale männliche Stimme, die der Werbeprofi sofort
in einer Rundfunk-Werbung für eine Whisky-Marke hätte hören wollen. Mit
einem Mann am Ende der Leitung hatte René nicht gerechnet, und er war auch
nicht sofort parat, auf das von ihm ungeliebte Englisch umzuschalten:
„Kann ich bitte Peggy sprechen?“
„Wer spricht da?“
„Ein Freund aus Frankreich.“
„Hat man denn in Frankreich keine Namen?“
„Sie haben Ihren ja auch nicht genannt. Ich hatte Peggy am Hörer
erwartet.“
„Ich bin Peggys Vater!“
Blöder hätte das Telefonat nicht laufen können. René konnte sich ja
nicht als liebestrunkener Großvater von Enkeln offenbaren, die die Tochter des
Teilnehmers jenseits des Kanals im vergangenen Sommer betreut hatte. René der
großartige Rhetoriker stammelte herum wie ein Volltrottel, als er seinen Anruf
als harmlose Erkundigung nach dem Wohlergehen des Au Pairs kaschieren wollte.
„Ich bin René LeRoy.“
Die verzögerte Nennung seines Namens löste bei Peggys Vater einen
derartigen Schwall von Herzlichkeit aus, dass René sich bald wieder im Griff
hatte, aber umso mehr der Unvernunft seines Begehrs gewahr wurde…
„Ah, Papú! Wissen Sie? Sie redet stets so von Ihnen, als seien Sie
Gandhi. Sie müssen wohl so eine Art Guru für Sie gewesen sein. Jedenfalls habe
ich meine große, blaustrümpfige Emanze noch nie so von einem männlichen Wesen
schwärmen hören…“
Das Eis – wenn es überhaupt eines gegeben hätte, war da zwischen den
beiden Männern schon gebrochen. René erfuhr in überraschtem Tonfall, dass Peggy
ja nur an Wochenenden bei ihren Eltern wohnte und ansonsten beim Studium in
London sei. Von dem Stolz erfüllten Vortrag des Vaters bekam René nur so viel
mit, dass Peggy ein Stipendium für „advanced Studies“ in der Fakultät „Germanic
and Romance“ an der University of London ergattert hatte und dieses Privileg
kostenloses Wohnen in einem „Young Ladies’ Boarding House“ einschloss. Was
Pappa O’Neill süffisant anhängte, war etwas, dessen Sinn René nicht verstanden
hatte und deshalb in seiner Mail weiterreichte. Johannes hatte es damals wohl
überlesen, aber beim Rekapitulieren war ihm sofort klar, was gemeint war:
„They expect her to tare down this
Kraut-Macho-Philosopher Frederic by his huge moustache…”
Während René damals rätselte, er könne es mit einem deutschen Rivalen zu
tun haben, der den Sinn seiner Reise infrage stellte, war Johannes mit nun
aktuellem Wissensstand klar:
Der schüchterne Twen Peggy – kaum fähig einem Mann in die Augen zu
schauen - hatte sich tatsächlich daran gewagt, das Frauen-Bild von Friedrich
Nietzsche nicht nur entschlüsseln zu
wollen, sondern das Ergebnis ihrer Untersuchung selbstbewusst auch zum
Gegenstand von Examensarbeit und Promotion zu machen…
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