Freitag, 11. April 2014

Strohfeuer

15. Kapitel
   Sieben Monate sollten sich Johannes, René und Peggy danach nicht sehen. Und dennoch kam es Johannes nun beim Schreiben so vor, als habe er all das persönlich miterlebt, als sei er hautnaher Chronist und Zaungast bei jenen Vorgängen gewesen, die er sich nun eigentlich gar nicht zusammen reimen musste.
   Der Grund war, dass René, der chronisch faule Brief-Schreiber aber exzessive Telefonierer, trotz seiner langjährigen Computer-Kenntnisse in jenem Spätherbst erst die E-mail für sich entdeckt hatte. Das führte dazu, dass er beinahe täglich Johannes mit kurzen Zusammenfassungen seiner Erlebnisse in England auf dem Laufenden hielt.
   Kurios: Die Mails waren auf Deutsch verfasst, weil Peggy  einen Laptop mit deutscher Tastatur von ihren Semestern  in Heidelberg übrig hatte. Den hatte sie René für die Stunden ohne sie quasi als Beschäftigungstherapie überlassen.
   Und René hatte auf einmal offenbar wieder längerfristige Vorstellungen von seiner Zukunft. Zu seiner generell gelebten Großzügigkeit schien es, als käme jene Knauserigkeit wieder hervor, die man ihm während seiner internierten Jugend auf der Kadettenschule von Fontainebleau eingebläut hatte; Weshalb sollte er telefonieren, wenn er kostenlos mailen konnte? Und die Roamingkosten seines Handys schraubte er mittels Skypen gegen Null. Er wurde, dort, wo es etwas brachte, wieder zum Gratisgänger wie einst. Auf der „École d’application  de l’artillerie et du génie“ galt es in den  ersten Nachkriegsjahren nämlich  als besonders erstrebenswert, sein reiches Elternhaus durch extremen Verzicht und exzessive Sparsamkeit mittels optimierter Ressourcen-Nutzung zu kompensieren.
    In den letzten beiden Jahren mit dem Damokles-Schwert der Krebsdiagnose über sich hatte er es  wegen der vermeintlichen Endlichkeit ganz schön krachen lassen. Nun verschaffte ihm diese mögliche  amour fou offenbar die Idee von einer Art neuer Unsterblichkeit, in der sich ausschließlich die beiden Liebenden gezielt etwas gönnen wollten.
  Einem stillen Beobachter wie Johannes offenbarte sich Einblick in eine schrullige, aber auch liebenswerte Zwiespältigkeit:
    Johannes begann mit einem verschmitzten Grinsen an seinem Manuskript weiter zu schreiben:

   „Dass René überhaupt auf den Floh hörte, den ihn Johannes mit seinem Vorschlag einer Reise zu Peggy ins Ohr gesetzt hatte, verdankte er dem Ableben seines fetten Katers. Niemals hätte er den Kater der Obhut anderer überlassen. Ihn in seinem Reise-Körbchen ins Vereinigte Königreich mitzuschleppen, verbot sich ja wegen der Quarantäne und den ungewissen Unterkunftsverhältnissen. Also fiel die Entscheidung Peggy nach zu reisen oder wegen Guillaume in LaGrange zu bleiben, klar zu Gunsten des maunzenden Monsters aus.
    - Bis zu jenem unglücklichen Tag, an dem René die abgeschnittenen Fächer seiner für den Winter gestutzten und in Plastikplanen gehüllten Livingston-Palmen zum Abtransport vor das südliche Gartentor gelegt hatte. Die dienten einem Fuchs nächtens quasi als Trampolin, um in den Park einzudringen, in dem der Kater eine normalerweise ungefährdete Regentschaft pflegte. In jungen Jahren hätte Guillaume bei seiner Größe so ein Füchslein einfach weg gewatscht. Aber der Verfressene war einfach zu unbeweglich geworden, um Gefahren rechtzeitig zu erkennen. Der Fuchs erwischte ihn im Licht der Bewegungsmelder von hinten an der Kehle, konnte sich aber nicht lange an seinem Blutrausch erfreuen. Das Gekreische des Todeskampfes hatte einen zwar nackten aber mit Schrotflinte bewehrten René auf die Wallstatt gerufen. Der Fuchs konnte nicht mehr zurück, weil innen am Zaun ja keine Sprunghilfe lagerte. Er versuchte den Sprung dennoch, wurde aber bereits beim Abheben von einer Doppel-Salve Rehposten in rötlich schimmernde Fetzen zerlegt. Wegen der direkten Treffer aus nächster Distanz klafften aber auch im Zaun zwei runde Löcher wie für ein Torwandschießen. Die Wut über den Schaden, den er nun ausbessern musste, milderte bei René ein wenig die Trauer über das Ableben seines Weggefährten.
   Ohne lange über „funerale“ Pietät bei der Bestattung von Tieren nachzudenken, vergrub René die schlaffe Pelzhülle des Katers gemeinsam mit den Fetzen von Meister Reineke tief unten im Komposthaufen. 
  Dann rief er ziemlich zeitnah die Nummer an, die Peggy ihm hinterlassen hatte. Noch während er die Nummer wählte, schoss es ihm durch den Kopf, wie wenig er eigentlich über Peggys Leben in England wusste. Sie waren ganz darauf konzentriert gewesen, sich im Hier und Jetzt näher zu kommen. Peggys Lebensumstände und vor allem die sehr intellektuelle Ausrichtung ihres Studiums hatte René von sich aus nicht thematisiert, um sich gegebenen Falles nicht zu blamieren. Und Peggy – das wohl ahnend – konzentrierte sich auf Themen, über die ihre neue Liebe gerne sprach:
    „Hallooo?“, meldete sich eine joviale männliche Stimme, die der Werbeprofi  sofort  in einer Rundfunk-Werbung für eine Whisky-Marke hätte hören wollen. Mit einem Mann am Ende der Leitung hatte René nicht gerechnet, und er war auch nicht sofort parat, auf das von ihm ungeliebte Englisch umzuschalten:
    „Kann ich bitte Peggy sprechen?“
    „Wer spricht da?“
    „Ein Freund aus Frankreich.“
    „Hat man denn in Frankreich keine Namen?“
    „Sie haben Ihren ja auch nicht genannt. Ich hatte Peggy am Hörer erwartet.“
    „Ich bin Peggys Vater!“
    Blöder hätte das Telefonat nicht laufen können. René konnte sich ja nicht als liebestrunkener Großvater von Enkeln offenbaren, die die Tochter des Teilnehmers jenseits des Kanals im vergangenen Sommer betreut hatte. René der großartige Rhetoriker stammelte herum wie ein Volltrottel, als er seinen Anruf als harmlose Erkundigung nach dem Wohlergehen des Au Pairs kaschieren wollte.
    „Ich bin René LeRoy.“
   Die verzögerte Nennung seines Namens löste bei Peggys Vater einen derartigen Schwall von Herzlichkeit aus, dass René sich bald wieder im Griff hatte, aber umso mehr der Unvernunft seines Begehrs gewahr wurde…
   „Ah, Papú! Wissen Sie? Sie redet stets so von Ihnen, als seien Sie Gandhi. Sie müssen wohl so eine Art Guru für Sie gewesen sein. Jedenfalls habe ich meine große, blaustrümpfige Emanze noch nie so von einem männlichen Wesen schwärmen hören…“
   Das Eis – wenn es überhaupt eines gegeben hätte, war da zwischen den beiden Männern schon gebrochen. René erfuhr in überraschtem Tonfall, dass Peggy ja nur an Wochenenden bei ihren Eltern wohnte und ansonsten beim Studium in London sei. Von dem Stolz erfüllten Vortrag des Vaters bekam René nur so viel mit, dass Peggy ein Stipendium für „advanced Studies“ in der Fakultät „Germanic and Romance“ an der University of London ergattert hatte und dieses Privileg kostenloses Wohnen in einem „Young Ladies’ Boarding House“ einschloss. Was Pappa O’Neill süffisant anhängte, war etwas, dessen Sinn René nicht verstanden hatte und deshalb in seiner Mail weiterreichte. Johannes hatte es damals wohl überlesen, aber beim Rekapitulieren war ihm sofort klar, was gemeint war:
   „They expect her to tare down this Kraut-Macho-Philosopher Frederic by his huge moustache…”
   Während René damals rätselte, er könne es mit einem deutschen Rivalen zu tun haben, der den Sinn seiner Reise infrage stellte, war Johannes mit nun aktuellem Wissensstand klar:
   Der schüchterne Twen Peggy – kaum fähig einem Mann in die Augen zu schauen - hatte sich tatsächlich daran gewagt, das Frauen-Bild von Friedrich Nietzsche  nicht nur entschlüsseln zu wollen, sondern das Ergebnis ihrer Untersuchung selbstbewusst auch zum Gegenstand von Examensarbeit und Promotion zu machen…




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