Samstag, 29. März 2014

Strohfeuer

                   13. Kapitel
 
  Wann also hatte René begonnen, sein Haltung gegenüber Peggy zu verändern? Johannes’ Blick löste sich wieder einmal für eine Weile unbewusst  und ohne Fokus vom Bildschirm seines Computers, um Bilder der Vergangenheit abzurufen. Gegen Ende von Peggys erstem, dreimonatigem Engagement war er in jenem Spätsommer noch einmal für ein paar Wochen nach LaGrange gekommen, um mit seinen Kumpels Golf zu spielen. Natalie war mit den Kindern aber ohne deren Nanny wegen des unbeständigen Wetters für ein paar Tage zu Bekannten ans andere Gironde-Ufer gefahren. Die Kinder sollten mit Gleichaltrigen spielen und wieder mehr Französisch sprechen. Schließlich wartete ja die Einschulung auf Lucky, und Isa kam in den Vorschul-Kindergarten. So lautete zumindest Nathalies Begründung. Es darf aber auch angenommen werden, dass ihr die wachsende Vertraulichkeit zwischen ihrem Vater und der Britin zunehmend missfiel. Jedenfalls hatte Johannes aufgrund ihrer Abwesenheit einen der fünf Glaswürfel beziehen können, aus denen Renés Bungalow zusammengesetzt war. Peggy, René, Urmel und er saßen also quasi im Glashaus, und schon allein deshalb war es angeraten, nicht mit Steinen zu schmeißen. Es waren Tage voller Frieden und Harmonie gewesen. Selbst Urmel und Johannes verzichteten auf ihr pseudointellektuelles Geplänkel. Die "Verkehrssprache“ war natürlich Deutsch.
  Peggy hätte nichts dagegen gehabt, sich auch mal ohne weitere Pflichten in ihre Bücher sowie in Derek Walcott zu vertiefen, dessen gesammelte Werke in Renés umfangreicher Bibliothek standen. Doch der alte Hyperaktivist René hatte sich wohl gelangweilt. Vor allem an den regnerischen Vormittagen, weil dann ja alle seine Freunde gerne lange schliefen und schließlich die meisten Kinderlosen der Strandbande wegen des Wetters schon vor dem „rentrée des classes“ heimgereist waren.    Vermutlich war ihm Peggys Unsportlichkeit von Anfang an ein Dorn im Auge gewesen, und so war er bereits als Natalie noch da war aber immer häufiger auf exklusive Dreisamkeit mit ihren Kindern machte, auf die Idee gekommen, dem „langen Reff“ in diversen Sportarten Unterweisungen zu geben. Natürlich war sie zu schüchtern gewesen , um abzulehnen. Schließlich wurde sie ja auch für die Zeit, die sie im „Royaume“ verbrachte, recht gut bezahlt…
  Lag es nun an ihren riesigen Zehen oder waren die im Verhältnis zum Rumpf zu langen und staksigen Beine daran schuld, dass Peggy bei jeglicher sportlicher Aktivität ein derart unglückliches Bild abgab? Wenn sie auf einen Tennisball zulief, hatte man stets Angst, sie würde sich auf die Nase legen. Beim Golf drehte sich entweder der Körper zu früh oder der Schläger hatte schon seinen ganzen Schwung verloren, bevor er den Ball dann sowieso nicht traf. Selbst simples Joggen wurde zu einem spastischen Spektakel, bei dem schon nach zehn Metern der totale körperliche Zusammenbruch des Klappergestells drohte. Eigentlich die Höchststrafe für den ungeduldigen Lehrmeister René.
  Aber dann war es doch noch zu einer sportiven Initial-Zündung gekommen. Stundenlang hatte der schwere Atlantik-Regen Ende August auf das graudunkle LaGrange eingedroschen, als René Peggy erstmals in sein Fitness-Center mitnahm: Diese planmäßige Anzahl von Übungen an einer festgelegten Abfolge von Geräten und Stationen, das sich konzentrieren Können auf gezielte Beanspruchung einzelner Körperzonen kam dem systematischen Denken Peggys – von dem da wohl noch keiner ahnte –  auf wundersame Weise entgegen. Und, was nicht mehr zu erwarten gewesen war: Sie fand zunehmend Spaß daran, sich physisch zu verausgaben, weil sie bei diesem stumpfen Tun entdeckte, dass sich ihr Geist auf erfrischende Weise vom ungeliebten Körper in höhere Sphären verabschieden konnte. Und sie musste ja auch keine Angst haben, über ihre großen Zehen zu stolpern, denn das Laufband ließ sie aus und machte stattdessen Spinning und Rudertraining, bei denen die Füße praktischer Weise auf den  Pedalen oder Rasten festgezurrt wurden…
  Und dann waren Natalie und die Kinder heim gekommen. Natalies Instinkt war das neuerlich veränderte Verhältnis zwischen ihrem Vater und der Nanny natürlich nicht verborgen geblieben. Johannes erinnerte sich jetzt daran, dass er erst durch Natalies Reaktion überhaupt erstmals auf die Idee kam, zwischen René und Peggy könnte sich etwas angebahnt haben. Er schrieb:
  „Was für eine großartige Beobachtungsgabe und ein Feingefühl für den kleinsten Hauch menschlicher Regungen Natalie doch hatte! Ihr Instinkt für kaum wahrnehmbare Veränderungen im Wesen ihrer Mitmenschen hätte zur Rolle einer totalitären Herrscherin gepasst. Ein Blick auf die Körperhaltung Peggys und die für andere noch unsichtbar veränderte Aura ihres Vaters ließen sie erkennen, dass ihre Machtposition im „Royaume“ nicht nur verrückt, sondern auch deutlich geschwächt war. Als hätte es noch eines weiteren Hinweises bedurft, flogen Lucky und Isa in vorauseilender Formation auf Peggys ausgebreitet Arme zu. Sie waren doch nur eine knappe Woche fort gewesen! Natalie konnte sich nicht daran erinnern, dass ihre Kinder nach einer ihrer häufigen und meist viel längeren Abwesenheiten jemals so überschwänglich reagiert hätten.
  Wieder gelandet ergab sich somit eine Gruppierung, in der René, Peggy und die beiden Kinder ein etwas distanziert wirkendes Empfangskomitee für die eigentliche Hausherrin bildeten. Das war nicht nur ungewohnt für Natalie, sondern erschütterte ihr Selbstbewusstsein derart, dass sie in der Folge überreagierte.
  Wie selbstverständlich hatte Peggy zur Begrüßung einen einfachen aber sehr gelungenen „Lancôme“-Champagner auf die Terrasse getragen. Der war im Supermarkt im Angebot gewesen, und Peggy, die unter Renés Anleitung schnell seine Vorlieben und das Genießen adaptiert hatte, wusste dass sie ihm damit eine Freude bereiten würde… Auch der Sonderpreis hatte für Peggys schwindsüchtigen Geldbeutel noch allerhand Gewicht gehabt, aber sie empfand ja da wohl bereits mehr als bloße Dankbarkeit für die Aufmerksamkeiten, die der Vater ihrer Arbeitgeberin ihr widmete.
  Natalie sah den Champagner, die runden Kanapees mit der Leberterrine nebst den goldenen Aspikstückchen und die Selbstverständlichkeit mit der alles aufgetragen wurde:
  „Na, hier scheint man ja in meiner Abwesenheit einen recht luxuriösen Lebensstil zu pflegen. Klar, dass da die Freeloader (sie schaute dabei Urmel und Johannes scharf an) auch nicht weit sind…“
  Urmel und Johannes reagierten nicht sonderlich überrascht. Sie kannten Natalie, wenn ihr eine Reblaus über die Leber gelaufen war. Sie prosteten nur übertrieben prollig. Wohl wissend, dass sie auf den Konten der Gefälligkeitsbank ihrer Freundschaft mit René die äquivalenten Einzahlungen zur genüge geleistet hatten.
  Aber diesmal lag der Fall ja sowieso anders. Interessant war daher jedoch Peggys Reaktion. Noch vor ein paar Tagen wäre sie mit hochrot fleckigem Hals Entschuldigungen stammelnd aufgesprungen, hätte die Kinder eingesammelt und sich irgendwo ins Haus oder in den Garten zurück gezogen. Nun ließ sie sich selbstbewusst in dem Sessel neben René nieder, erhob ihr Glas ebenfalls und sprach in die Runde:
  „Nachdem meine Zeit ja hier in ein paar Tagen zu Ende geht, habe ich die Heimkehr von Madame Natalie und den Kindern für eine gute Gelegenheit gehalten, mich mit diesem Imbiss für die tolle Aufnahme hier zu bedanken. Isa und Lucky! Es war so schön mit euch, dass ich mich fast schäme, dass ich für dieses Vergnügen auch noch bezahlt wurde. Monsieur René ich bedanke mich für Ihre Freundlichkeit. Und auch Urmel und Johannes! Dir Urmel danke ich, dass Du mich beim Skat hast gewinnen und. Johannes dafür, dass er mich hat spielen lassen.“
  Es war wohl das erste Mal, dass jemand Natalie mit schamrotem Kopf zu sehen bekam. Sie gab vor, sich am Champagner verschluckt zu haben und flüchtete sich in einen diskreten Hustenanfall. Aber sie sollte bald noch mehr zu schlucken bekommen…
  Bei den drei Freunden drohte der Champagner aus ganz anderen Gründen in die falsche Kehle zu geraten. Peggy hatte nämlich ihre kleine Ansprache in zwar langsamen aber durchaus korrektem Französisch gehalten. Das war durchaus verblüffend, denn niemand hatte sie zuvor beim Büffeln beobachtet.
  Mit seinem neuen Wissen über Peggy O’Neill drängte sich eine Theorie in die Erinnerungen von Johannes. Sie stammte von einem Altphilologen, der seinen Doktor noch im Weimar der DDR gemacht hatte. Jener war durch die Wellen der Wende mit seiner leck geschlagenen Familie an den Strand von Johannes’ Menschenzoo gespült worden und konnte dank dessen Hilfe als einziger etwas von dem verheißungsvollen Gold des Westens erhaschen. Seine Frau, eine verdiente DDR-Soziologin, war mit den neuen Verhältnissen nicht zurechtgekommen und in eine dramatische seelische Erkrankung abgetaucht. Dem gemeinsamen Sohn ging das mit dem Gold nicht schnell genug. Deshalb wählte er die kurze und tödliche Karriere eines Drogen konsumierenden und dealenden Kleinkriminellen. Die da noch minderjährige Tochter war beinahe gleichzeitig nach Ägypten durchgebrannt, von wo sie sich erst wieder meldete, als sie zu einer übergewichtigen, fanatischen muslimischen Ehefrau mit zwei Kindern mutiert war.
  Dieser also vom Schicksal dermaßen abgestrafte Mann entwickelte seine verblüffenden Theorien und Sprachessays aus einem wahrlich nicht nietzscheschem Sinn für das Menschliche Allzumenschliche, sondern aus einer tatsächlich titanisch unerschütterlichen Liebe zu den Menschen. Und diese hatte dem eher misanthropischen Johannes ein ums andere Mal fürchterlich angst gemacht:
  Dr. Albert Brühne ging nämlich davon aus, dass der wahrhaft kreativ schaffende Mensch in den goethischen und schillerschen Typus zu gliedern sei, was auch mit dem jeweiligen Selbstbewusstsein des Schaffenden zu tun habe. Demnach sei der goethische Typus bereits in jungen Jahren von seiner Unsterblichkeit oder zumindest von seinem langen Leben und Wirken überzeugt; könne sich also Zeit lassen und seine gottgegebenen Gaben in voller Breite ausleben. Der schillersche Mensch sei hingegen ab dem Moment seines eigenständigen Denkens vom baldigen Ableben überzeugt und versuche daher, sein überwiegend auf nur ein Talent konzentriertes Schaffen auch noch in großer Eile und ohne Rast und Rücksicht auf Körper und Seele zu Ende zu bringen. Brühne führte zur Untermauerung dieser These nicht nur die beiden deutschen Dichterfürsten selbst auf, sondern verwies unter vielen anderen historischen Beispielen auch auf durchaus konträre zeitgenössische Typen wie den Kritiker Marcel Reich-Ranicki oder den Grunge-Musiker Curt Cobain.
  Johannes rätselte, ob in dieser eigentümlichen Liebesaffäre zwischen René und Peggy vielleicht auch das Goethische auf das Schillersche getroffen sei…






Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen