Freitag, 14. März 2014

Strohfeuer

11. Kapitel

   Als Johannes Maurice auf der Kiss-and-Fly-Spur vor dem Abflug-Terminal absetze, heulten beide Hünen und schämten sich bei der innigen Umarmung zum Abschied ihrer Tränen nicht. Nachdem er dann – ohne sich noch einmal umzudrehen – weiterfuhr, kam es Johannes erst zu Bewusstsein, dass diese Art der Umarmung eigentlich längst mal wieder seinem Sohn hätte zugekommen sollen. Nach viel zu langer Zeit – wie er sich nun eingestand -  verspürte Johannes urplötzlich eine starke Sehnsucht nach Cornelius. Klar hätte ihm auch ein Prachtkerl wie Maurice als Sohn gut gestanden, aber seit er selbst in Italien lebte und sein Sohn in München studierte, war ihm ein ums andere Mal erst klar geworden, wie groß eigentlich die Liebe zu seinem kleinen unsportlichen Dickerchen war. Cornelius war zunächst auch Journalist geworden. Aber wohl nur dem Vater zuliebe. Erst spät, genau an seinem 26. Geburtstag, hatte er sich dazu entschlossen, ein Studium zu beginnen:
  „Hör zu Väterchen! Für das, was ich eigentlich schreiben möchte, weiß ich nicht genug. Ich gehe ab dem Wintersemester auf die Uni.“
  Wie konnte Johannes, der sein gesamtes Berufsleben darunter gelitten hatte, unter dem eigentlich angestrebten Niveau zu schreiben, seinem Sohn dabei die Unterstützung versagen. Am Anfang machte ihm die zusätzliche finanzielle Belastung schon zu schaffen, gerade weil sein Vermögen in der Finanzkrise derart geschrumpft schien und neuerdings auch noch Studiengebühren erhoben wurden. Cornelius hatte sich zudem mit Verve auf das für einen sorgenfreien Lebensunterhalt  wenig zukunftsträchtige Analysieren skurriler US-Literaten der Postmoderne gestürzt. Nun referierte er bereits über diese mit einer Leidenschaft, die bisweilen an Besessenheit grenzte. Als absolutes Kontrastprogramm moderierte er für die Gilden eines weltweit im Netz betriebenen Computerspiels ein Internet-TV-Format und zog – wenn ihm das Geld dennoch knapp wurde - mit seinem herrlichen Bassbariton und einer Laute als mittelalterlicher Bänkelsänger durch die Szenekneipen seines Viertels.
  Johannes fuhr bei der nächsten, sich bietenden Gelegenheit rechts ran und kramte sein Handy samt Bluetooth Ohrempfänger aus der Tiefe seiner Computer-Tasche. Seit er sein altes, auf Feuerzeugformat geschrumpftes kaum noch ohne Brille lesen, geschweige denn mit seinen dicken Fingern bedienen konnte, hatte er sich von einem Vermittler ein wieder lesbares Handy empfehlen lassen. Dieses lieferte zudem fast jede Standardeinstellung automatisch per Tastendruck auf ein Display mit Vergrößerungsfunktion. Und wenn man den drahtlosen Knopf im Ohr aktivierte, tat es so als sei es eine beflissene Sekretärin, die Posteingang und Anrufe in Abwesenheit abarbeitete:
  Er hatte drei neue Nachrichten, seit Maurice in sein Auto gestiegen war. Alle drei waren innerhalb einer Stunde von Cornelius abgesetzt worden, was wohl irgendetwas mit Telepathie zu tun haben musste. Johannes verzichtete darauf, sie sich anzuhören und drückte bevor er auf die Autobahn zurück lenkte, direkt den Kontakt zu seinem Sohn:
  „Väterchen! Wo steckst du denn nur? Ich habe mir schon Sorgen gemacht. Bist du noch in LaGrange?“
  „Du wirst es nicht glauben, aber ich rufe nicht wegen deiner hinterlassenen Nachrichten an. Ich habe gerade Maurice am Flughafen abgesetzt und bei der Umarmung mit ihm festgestellt, wie sehr du mir fehlst. Dass ich dich auch gerne mal wieder so drücken möchte und so…“
  „Na diese Anwandlung passt ja nun super zu den Merkwürdigkeiten der letzten beiden Tage. Da möchte man doch fast wieder an die Existenz von PSI-Phänomenen glauben“, sandte Cornelius seinen Sarkasmus zum Selbstschutz durch den Äther. Er mochte es nicht und schätzte es doch insgeheim sehr, wenn sein Vater so unverhohlen seine Gefühle zu ihm ansprach. Deshalb wechselte er schnell in den Duktus eines nüchternen Berichterstatters, obwohl seine Spannung über mehr als tausend Kilometer fast materiell zu spüren war:
  „Ich habe am Freitag mit dem Dozenten über das Thema meiner Semester-Arbeit gesprochen. Ein irres und brillantes Buch von einem Ami namens Lance Olsen, das den Titel ‚Nietzsche’s Kisses’ trägt. Und als mein Dozent hilfreiche Sekundär-Literatur ansprach, fiel der Name Dr. Peggy O’Neill. Er schwärmte von ihr als dem neuen Fixstern der Nietzsche-Interpretation. Fast alle hätten sich ihrer Entschlüsselung des Frauenbildes unseres Philosophen mittlerweile angeschlossen, was umso erstaunlicher wäre, weil sie noch so jung sei und außer ihrer mit magna cum laude bewerteten Doktorarbeit weiter nichts als Comments auf ihrem Blog zu diesem Thema veröffentlicht habe. Zuerst hatte ich überhaupt nicht daran gedacht, dass sie das Aupair-Mädchen sein könnte. Erst im Google stieß ich auf eine neuere Biographie, in der sie selbst damit zitiert wird, dass sie große Teile ihrer Dissertation in LaGrange Océan verfasst habe.“
  Johannes reagierte zwiespältig auf die Wortkaskade die sein Sohn in sein unbehaglich zu gestöpseltes Ohr abließ. Innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde wurde ihm als Autor klar, dass seine geplante Erzählung dabei war, mit jeder weiteren Erkenntnis quietschend unter der Last gänzlich anderer Fakten platt gemacht zu werden. Als Mensch fühlte er jedoch gleichzeitig so etwas wie eine heilige Erleuchtung, als sei er der Wirkung eines Wunders ausgesetzt gewesen… Sein einziger Zwischenkommentar war ein Räuspern, mit dem er signalisierte, dass er weiter gespannt zuhörte.
  „Wir hatten ja im Sommer 2007 in LaGrange nicht allzu viel miteinander geredet, weil wir da – obwohl ja gleich alt - noch auf gänzlich anderen Trips waren, aber am Freitag habe ich mich dann doch gleich hingesetzt und in ihren Blog geschrieben, dass wir uns mal begegnet sind, dass du mein Vater bist und gerade in LaGrange wärest, um René die letzte Ehre zu erweisen…“
  „Ach du Himmel!“, entfuhr es Johannes, und er wäre vor Schreck fast auf die Bremse gestiegen. „Es war doch Renés Wunsch gewesen, dass sie auf keinen Fall etwas von seinem Tod und schon gar nicht von seinem merkwürdigen Requiem erführe.“
  „Wieso sollte denn das Aupair-Mädchen von Nathalies Kindern nichts von Renés Tod erfahren dürfen? Das wird ja alles immer merkwürdiger.“
  „Weil René und Peggy für drei Sommer ein Paar waren. Er hatte – um sie zu schützen - ganz brutal mit ihr Schluss gemacht, als die Onkologen nach seinen ersten beiden sehr erfolgreichen Krebs-Behandlungen vorletztes Jahr erneut Metastasen - diesmal in Leber und Bauchspeicheldrüse gefunden hatten.“
  „Dann habe ich sie mit meinem Blog-Eintrag vielleicht umgebracht“, stockte Cornelius. „Das habe ich doch alles nicht gewusst. Als ich die Seite heute wieder aufrief, quoll sie nämlich über vor Beileidsbekundungen und fassungslosen Kommentaren. Sie ist - Freunden zufolge - gestern Mittag beim Kochen einfach tot umgefallen. Mit 28 Jahren!“
  „Du Cornelius, ich rufe dich in ein paar Tagen aus Italien noch einmal an. Ich muss das erst einmal verdauen und zu aller erst ganz schnell versuchen, Maurice noch zu erwischen, bevor er in den Flieger steigt.“
  Maurice scherzte, weil er vor dem Annehmen des Telefonats Johannes als Anrufer auf dem Display identifiziert hatte:
  „Na, du kannst ja wohl gar nicht von mir lassen?“
  „Peggy O’Neill ist tot. Wenn ich das mit der Greenwich-Meantime richtig rechne, starb sie etwa in dem Moment, in dem du gestern Renés Asche in die Luft geschleudert hast. - Um drei Uhr am Bunker… Jetzt will ich diese Geschichte erst recht schreiben. Es gibt mehr als nur einen Grund, auch ihr ein Denkmal zu setzen, aber davon später. Jetzt da beide tot sind, muss ich keine Personen erfinden. Ich darf also Chronist einer einzigartigen, vielleicht sogar wahren Liebe sein!...“


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