11. Kapitel
Als
Johannes Maurice auf der Kiss-and-Fly-Spur vor dem Abflug-Terminal absetze,
heulten beide Hünen und schämten sich bei der innigen Umarmung zum Abschied
ihrer Tränen nicht. Nachdem er dann – ohne sich noch einmal umzudrehen –
weiterfuhr, kam es Johannes erst zu Bewusstsein, dass diese Art der Umarmung
eigentlich längst mal wieder seinem Sohn hätte zugekommen sollen. Nach viel zu
langer Zeit – wie er sich nun eingestand - verspürte Johannes urplötzlich eine starke
Sehnsucht nach Cornelius. Klar hätte ihm auch ein Prachtkerl wie Maurice als
Sohn gut gestanden, aber seit er selbst in Italien lebte und sein Sohn in
München studierte, war ihm ein ums andere Mal erst klar geworden, wie groß
eigentlich die Liebe zu seinem kleinen unsportlichen Dickerchen war. Cornelius
war zunächst auch Journalist geworden. Aber wohl nur dem Vater zuliebe. Erst
spät, genau an seinem 26. Geburtstag, hatte er sich dazu entschlossen, ein
Studium zu beginnen:
„Hör zu Väterchen! Für das, was ich
eigentlich schreiben möchte, weiß ich nicht genug. Ich gehe ab dem
Wintersemester auf die Uni.“
Wie konnte Johannes, der sein gesamtes
Berufsleben darunter gelitten hatte, unter dem eigentlich angestrebten Niveau
zu schreiben, seinem Sohn dabei die Unterstützung versagen. Am Anfang machte
ihm die zusätzliche finanzielle Belastung schon zu schaffen, gerade weil sein
Vermögen in der Finanzkrise derart geschrumpft schien und neuerdings auch noch
Studiengebühren erhoben wurden. Cornelius hatte sich zudem mit Verve auf das
für einen sorgenfreien Lebensunterhalt wenig zukunftsträchtige Analysieren skurriler
US-Literaten der Postmoderne gestürzt. Nun referierte er bereits über diese mit
einer Leidenschaft, die bisweilen an Besessenheit grenzte. Als absolutes
Kontrastprogramm moderierte er für die Gilden eines weltweit im Netz
betriebenen Computerspiels ein Internet-TV-Format und zog – wenn ihm das Geld
dennoch knapp wurde - mit seinem herrlichen Bassbariton und einer Laute als
mittelalterlicher Bänkelsänger durch die Szenekneipen seines Viertels.
Johannes fuhr bei der nächsten, sich bietenden Gelegenheit rechts ran und kramte sein Handy samt Bluetooth Ohrempfänger aus der Tiefe seiner Computer-Tasche. Seit er sein altes, auf Feuerzeugformat geschrumpftes kaum noch ohne Brille lesen, geschweige denn mit seinen dicken Fingern bedienen konnte, hatte er sich von einem Vermittler ein wieder lesbares Handy empfehlen lassen. Dieses lieferte zudem fast jede Standardeinstellung automatisch per Tastendruck auf ein Display mit Vergrößerungsfunktion. Und wenn man den drahtlosen Knopf im Ohr aktivierte, tat es so als sei es eine beflissene Sekretärin, die Posteingang und Anrufe in Abwesenheit abarbeitete:
Johannes fuhr bei der nächsten, sich bietenden Gelegenheit rechts ran und kramte sein Handy samt Bluetooth Ohrempfänger aus der Tiefe seiner Computer-Tasche. Seit er sein altes, auf Feuerzeugformat geschrumpftes kaum noch ohne Brille lesen, geschweige denn mit seinen dicken Fingern bedienen konnte, hatte er sich von einem Vermittler ein wieder lesbares Handy empfehlen lassen. Dieses lieferte zudem fast jede Standardeinstellung automatisch per Tastendruck auf ein Display mit Vergrößerungsfunktion. Und wenn man den drahtlosen Knopf im Ohr aktivierte, tat es so als sei es eine beflissene Sekretärin, die Posteingang und Anrufe in Abwesenheit abarbeitete:
Er hatte drei neue Nachrichten, seit Maurice
in sein Auto gestiegen war. Alle drei waren innerhalb einer Stunde von
Cornelius abgesetzt worden, was wohl irgendetwas mit Telepathie zu tun haben
musste. Johannes verzichtete darauf, sie sich anzuhören und drückte bevor er
auf die Autobahn zurück lenkte, direkt den Kontakt zu seinem Sohn:
„Väterchen! Wo steckst du denn nur? Ich habe
mir schon Sorgen gemacht. Bist du noch in LaGrange?“
„Du wirst es nicht glauben, aber ich rufe
nicht wegen deiner hinterlassenen Nachrichten an. Ich habe gerade Maurice am
Flughafen abgesetzt und bei der Umarmung mit ihm festgestellt, wie sehr du mir
fehlst. Dass ich dich auch gerne mal wieder so drücken möchte und so…“
„Na diese Anwandlung passt ja nun super zu
den Merkwürdigkeiten der letzten beiden Tage. Da möchte man doch fast wieder an
die Existenz von PSI-Phänomenen glauben“, sandte Cornelius seinen Sarkasmus zum
Selbstschutz durch den Äther. Er mochte es nicht und schätzte es doch insgeheim
sehr, wenn sein Vater so unverhohlen seine Gefühle zu ihm ansprach. Deshalb
wechselte er schnell in den Duktus eines nüchternen Berichterstatters, obwohl
seine Spannung über mehr als tausend Kilometer fast materiell zu spüren war:
„Ich habe am Freitag mit dem Dozenten über
das Thema meiner Semester-Arbeit gesprochen. Ein irres und brillantes Buch von
einem Ami namens Lance Olsen, das den Titel ‚Nietzsche’s Kisses’ trägt. Und als
mein Dozent hilfreiche Sekundär-Literatur ansprach, fiel der Name Dr. Peggy
O’Neill. Er schwärmte von ihr als dem neuen Fixstern der
Nietzsche-Interpretation. Fast alle hätten sich ihrer Entschlüsselung des
Frauenbildes unseres Philosophen mittlerweile angeschlossen, was umso erstaunlicher
wäre, weil sie noch so jung sei und außer ihrer mit magna cum laude bewerteten
Doktorarbeit weiter nichts als Comments auf ihrem Blog zu diesem Thema
veröffentlicht habe. Zuerst hatte ich überhaupt nicht daran gedacht, dass sie
das Aupair-Mädchen sein könnte. Erst im Google stieß ich auf eine neuere
Biographie, in der sie selbst damit zitiert wird, dass sie große Teile ihrer
Dissertation in LaGrange Océan verfasst habe.“
Johannes reagierte zwiespältig auf die
Wortkaskade die sein Sohn in sein unbehaglich zu gestöpseltes Ohr abließ.
Innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde wurde ihm als Autor klar, dass seine
geplante Erzählung dabei war, mit jeder weiteren Erkenntnis quietschend unter
der Last gänzlich anderer Fakten platt gemacht zu werden. Als Mensch fühlte er
jedoch gleichzeitig so etwas wie eine heilige Erleuchtung, als sei er der
Wirkung eines Wunders ausgesetzt gewesen… Sein einziger Zwischenkommentar war
ein Räuspern, mit dem er signalisierte, dass er weiter gespannt zuhörte.
„Wir hatten ja im Sommer 2007 in LaGrange
nicht allzu viel miteinander geredet, weil wir da – obwohl ja gleich alt - noch
auf gänzlich anderen Trips waren, aber am Freitag habe ich mich dann doch
gleich hingesetzt und in ihren Blog geschrieben, dass wir uns mal begegnet sind,
dass du mein Vater bist und gerade in LaGrange wärest, um René die letzte Ehre
zu erweisen…“
„Ach du Himmel!“, entfuhr es Johannes, und er
wäre vor Schreck fast auf die Bremse gestiegen. „Es war doch Renés Wunsch
gewesen, dass sie auf keinen Fall etwas von seinem Tod und schon gar nicht von
seinem merkwürdigen Requiem erführe.“
„Wieso sollte denn das Aupair-Mädchen von
Nathalies Kindern nichts von Renés Tod erfahren dürfen? Das wird ja alles immer
merkwürdiger.“
„Weil René und Peggy für drei Sommer ein Paar
waren. Er hatte – um sie zu schützen - ganz brutal mit ihr Schluss gemacht, als
die Onkologen nach seinen ersten beiden sehr erfolgreichen Krebs-Behandlungen
vorletztes Jahr erneut Metastasen - diesmal in Leber und Bauchspeicheldrüse
gefunden hatten.“
„Dann habe ich sie mit meinem Blog-Eintrag
vielleicht umgebracht“, stockte Cornelius. „Das habe ich doch alles nicht
gewusst. Als ich die Seite heute wieder aufrief, quoll sie nämlich über vor
Beileidsbekundungen und fassungslosen Kommentaren. Sie ist - Freunden zufolge -
gestern Mittag beim Kochen einfach tot umgefallen. Mit 28 Jahren!“
„Du Cornelius, ich rufe dich in ein paar
Tagen aus Italien noch einmal an. Ich muss das erst einmal verdauen und zu
aller erst ganz schnell versuchen, Maurice noch zu erwischen, bevor er in den
Flieger steigt.“
Maurice scherzte, weil er vor dem Annehmen
des Telefonats Johannes als Anrufer auf dem Display identifiziert hatte:
„Na, du kannst ja wohl gar nicht von mir
lassen?“
„Peggy O’Neill ist tot. Wenn ich das mit der
Greenwich-Meantime richtig rechne, starb sie etwa in dem Moment, in dem du
gestern Renés Asche in die Luft geschleudert hast. - Um drei Uhr am Bunker…
Jetzt will ich diese Geschichte erst recht schreiben. Es gibt mehr als nur
einen Grund, auch ihr ein Denkmal zu setzen, aber davon später. Jetzt da beide
tot sind, muss ich keine Personen erfinden. Ich darf also Chronist einer
einzigartigen, vielleicht sogar wahren Liebe sein!...“
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