10. Kapitel
Für
eine Weile war Johannes verstummt, da er sich in der Banlieue von Bordeaux auf
eine veränderte Straßenführung bei seinem alten Schleichweg zum Flughafen
konzentrieren musste. Als er wieder die richtige Orientierung hatte, schwang
viel mehr Wehmut in seiner Erzählung mit als noch Augenblicke zuvor.
„Die junge Ärztin hatte gemeint, ich solle schleunigst nach Deutschland zurück, um mich von einem Spezialisten ordentlich einstellen zu lassen. Hier könne sie nach dem stabilisierenden Insulin in der Kürze nicht allzu viel für mich tun. Wenn ich mich aber an ihre Anweisungen hielte, bestünde auch keine akute Gefahr mehr. Statt Medikamenten drückte sie mir – nachdem die Laborwerte vorlagen - zwei Päckchen Haferflocken in die Hand, die sie – wegen des fortgeschrittenen Samstagabends - aus der Krankenhausküche stibitzt hatte. Jede Stunde sollte ich vier Esslöffel davon trocken hinunterwürgen. Keine kalorienhaltigen Getränke, keine anderen Nahrungsmittel für mindestens 48 Stunden. Dann sollten die Azetonwerte nach ihrem Dafürhalten wieder normal sein; kein Stress und vorerst keine weiteren Anstrengungen.
Als wir ins Hotel zurückkamen war die besagte Hochzeitsfeier schon im vollen Gange. Vom Eingang bis in den Festsaal hinein erstreckten sich Tische, auf denen alles stand, was das Perigord an Leckereien zu bieten hatte. Wie sich herausstellte, war der bereits mächtig angetörnte Wirt in Personalunion auch der Brautvater, der seine einzigen Hotel-Gäste an diesem Abend herzlich einlud, sich von den Tischen freimütig zu bedienen. Ich schaute nur gequält auf die beiden Päckchen Haferflocken in meinen Händen und zog mich diskret auf unser Zimmer zurück. Allerdings nachdem ich René aufgemuntert hatte, nur ja auf mich keine Rücksicht zu nehmen. Was er wohl auch nicht wirklich vorhatte, denn er wirbelte bereits mit einer drallen Dame zur Musette über die Tanzfläche und tat so, als gehöre er dazu.
„Die junge Ärztin hatte gemeint, ich solle schleunigst nach Deutschland zurück, um mich von einem Spezialisten ordentlich einstellen zu lassen. Hier könne sie nach dem stabilisierenden Insulin in der Kürze nicht allzu viel für mich tun. Wenn ich mich aber an ihre Anweisungen hielte, bestünde auch keine akute Gefahr mehr. Statt Medikamenten drückte sie mir – nachdem die Laborwerte vorlagen - zwei Päckchen Haferflocken in die Hand, die sie – wegen des fortgeschrittenen Samstagabends - aus der Krankenhausküche stibitzt hatte. Jede Stunde sollte ich vier Esslöffel davon trocken hinunterwürgen. Keine kalorienhaltigen Getränke, keine anderen Nahrungsmittel für mindestens 48 Stunden. Dann sollten die Azetonwerte nach ihrem Dafürhalten wieder normal sein; kein Stress und vorerst keine weiteren Anstrengungen.
Als wir ins Hotel zurückkamen war die besagte Hochzeitsfeier schon im vollen Gange. Vom Eingang bis in den Festsaal hinein erstreckten sich Tische, auf denen alles stand, was das Perigord an Leckereien zu bieten hatte. Wie sich herausstellte, war der bereits mächtig angetörnte Wirt in Personalunion auch der Brautvater, der seine einzigen Hotel-Gäste an diesem Abend herzlich einlud, sich von den Tischen freimütig zu bedienen. Ich schaute nur gequält auf die beiden Päckchen Haferflocken in meinen Händen und zog mich diskret auf unser Zimmer zurück. Allerdings nachdem ich René aufgemuntert hatte, nur ja auf mich keine Rücksicht zu nehmen. Was er wohl auch nicht wirklich vorhatte, denn er wirbelte bereits mit einer drallen Dame zur Musette über die Tanzfläche und tat so, als gehöre er dazu.
An Schlaf war nicht zu denken, zumal der
Balkon von unserem Zimmer über der Hotel-Terrasse lag, auf der ebenfalls ausgelassen
herumgetollt und gelacht wurde. Das letzte Mal hatte ich mich in meinem Leben derart
ausgeschlossen gefühlt, als ich als Knabe bei einer Geburtstagsparty meiner
Schwester Stubenarrest hatte.
Es war schon nach Mitternacht, da hielt ich es im Zimmer nicht mehr aus. Das Mineralwasser und die Haferflocken hatten sich in meinem Bauch zu einer schwerfällig schwappenden Grütze verbunden. Ich schlich mich am angeschlagenen Rest vom Fest vorbei und stieg die breite Treppe zur Dordogne hinunter, wo ich meine Waden in der Strömung kühlte. Es war ein herrliches Gefühl, dass ich nach den Nackenschlägen des vergangenen Tages noch verstärken wollte. Ich zog mich ohne lange zu überlegen nackt aus und ließ mich in den vom Mondlicht silbern gefärbten Fluss gleiten. Die Strömung trug mich davon, noch ehe ich mir bewusst machte, dass ich ja irgendwie zurückkommen musste. Ich sollte mich ja mit dem azetonhaltigen Blut auf keinen Fall noch einmal so anstrengen. Einige fünfzig Meter flussab ragte ein kleiner Steg ins Wasser. Auf den ließ ich mich zutreiben und zog mich hoch. Erst als ich da so in voller Blöße vom Mond beschienen wurde, sah ich, dass auf ihm am Ufer ein älteres Paar beim Angeln saß.
‚Bon Soir! Was für eine herrliche Nacht’,
sagte ich mit einer formvollendeten Verbeugung und wollte mich – als sei nichts
weiter – an ihnen vorbei stehlen…
‚Möchten Sie vielleicht noch einen Aal,
Monsieur?’ fragte der Mann ungerührt und hielt ein ansehnliches Exemplar hoch,
das sich um sein Handgelenk wand.
‚Oh, nein danke’, antwortete ich – ohne seine
Anspielung gleich zu begreifen – ‚ich muss leider Diät halten!’…
Als ich schon auf dem Uferweg war, hörte ich
wie sie zu ihm meinte:
‚Wünschte, wir würden so einen fangen. Der
war ganz schön dick für das kalte Wasser’… Und dann kicherten beide wie zwei
freche Flussgeister.
Irgendwie war meine Trübsal durch diese geistige und körperliche Erfrischung wie fort gewaschen. Deshalb reagierte ich auch so unbekümmert, als ich René in Tränen aufgelöst über meinem Kleiderhaufen stehen sah:
Irgendwie war meine Trübsal durch diese geistige und körperliche Erfrischung wie fort gewaschen. Deshalb reagierte ich auch so unbekümmert, als ich René in Tränen aufgelöst über meinem Kleiderhaufen stehen sah:
‚Was
heulst du denn hier herum wie ein Wolf im Mondlicht?’
Dein Vater hatte ganz schön Schlagseite. Wenn
ich mich recht entsinne, hatte ich ihn noch nie zuvor derart betrunken gesehen.
Als er sich abrupt zu mir umdrehte, wäre er fast rückwärts in die Dordogne
geplumpst.
‚Mein
Gott, da bist du ja! Ich dachte schon, du hättest dich umgebracht. Erst fand
ich das Zimmer leer und dann deine Kleider hier. Was rennst du denn so
splitternackt hier im Mondschein herum?’
‚Aber deshalb musst du doch nicht weinen.
Und, wenn’s so gewesen wäre – was für ein wunderschöner Moment zum Sterben.’
‚Nein, geweint habe ich wegen Roseanne. Als
ich das ausgelassene Brautpaar gesehen habe, das alles noch vor sich hat. Die
guten wie die schlechten Tage. Da wurde mir mein ganzer Verlust auf einmal noch
schmerzlicher bewusst. Ich weiß, in der heutigen Zeit klingt das alles
unwirklich, aber in unserer Generation gab es sie noch - die einzige und wahre
Liebe. Für mich ist das allein Roseanne. Glaubt ihr, ich hätte nicht bemerkt,
wie mich jeder verkuppeln will. Die beiden Winzerinnen. Das Spiel habe ich doch
nur wegen meines Freundes mitgemacht, und weil es lustig war, mal wieder zu
flirten. Aber wieso hat sich Roseanne ausgerechnet diesen welschschweizerischen
Spießer Eduard genommen?’
Weißt du Maurice – ich hätte ihm in diesem
Moment gerne gesagt, dass er so ichbezogen all die Signale übersehen und nicht
gehört hatte, die Roseanne wegen ihrer ungeliebten Rolle stets ausgesandt hatte.
Aber stattdessen habe ich ihm eine vermeintlich tröstliche psychologische
Erklärung aufgetischt. Ich war aber im Gegensatz zu ihm nüchtern, hatte also
keine Entschuldigung für den Unsinn, den ich ihm verzapfte:
Heute
in den Diskussionen um diverse Gesundheitsreformen hätte ich sogar eine offizielle
Rückendeckung für meine These erhalten. Weißt du, dass in Deutschland kaum noch
Massagen auf Krankenkasse verschrieben werden? Mein Hausarzt hat mir neulich
das ganze Gezerre um die Behandlung meiner rechten Schulter so erklärt: Frauen im fortgeschrittenen Alter hätten
ein verstärktes Bedürfnis angefasst oder gar gestreichelt zu werden. Ein Bedürfnis, dass sie zunehmend nicht durch
ihre Partner, sondern wohl unter Missbrauch von verschriebenen Therapien befriedigen
wollen. Seither würden generell alle Verschreibungen doppelt und dreifach in
Frage gestellt. Als ich dem ansonsten sanftmütigen Doktor schon Chauvinismus
unterstellen wollte, zeigte er mir tatsächlich den Exzerp einer aktuellen Studie samt
Anweisungen einer Kasse an ihre Vertragsärzte.
Jedenfalls in jener Nacht wusste ich von
derartigen Erkenntnissen nichts. Ich wollte René nur beruhigen, als ich sagte:
‚Denk dran! Er ist Chiropraktiker. Roseanne
ist zu ihm gegangen, weil sie von der ganzen Hausmeisterarbeit, die du ihr über
Jahre zugemutet hattest, komplett
verspannt und obendrein wegen der Zurücksetzung frustriert war. Er hat sie
angefasst, und sie ist vermutlich dabei ins Reden gekommen. Wann hattest du denn
das zum letzten Mal getan? – Sie gestreichelt und zugehört. Es geht dabei ja
noch nicht einmal um Sex. Es geht darum, den anderen zu spüren. Um Nähe und
Vertrauen. Das hat sie gesucht und gebraucht – denke ich. Das hat dann wohl wie
von selbst bei Eduard und ihr zu mehr geführt.’
Während seiner letzten Worte hatte Johannes
trotz der Konzentration aufs Fahren eine Veränderung bei Maurice wahrgenommen.
Als er ihm kurz den Kopf zuwandte, sah er wie dem Kerl dicke Tränen durch die
Bartstoppeln kullerten, er aber gleichzeitig grinsen musste. Er versuchte gar
nicht dieses offenbare Wechselbad seiner Gefühle zu unterdrücken, sondern sagte
schniefend und glucksend:
„Das war ja dann wohl eine Predigt mit
Langzeitwirkung. Denn in den letzten Wochen bevor gar nichts mehr ging, konnte
er nicht genug davon bekommen, Roseanne zu streicheln. Und sie genoss es wohl
mehr oder weniger. Einmal kam sie in die Küche, nachdem er wieder weggedämmert
war und verschaffte sich bei mir in ihrer üblichen, gespielten Empörung Luft:
„Mein ganzes Leben mit ihm, habe ich darauf
gewartet, dass er mich mal so streichelt, und jetzt da es mit ihm zu Ende geht,
hört er nicht mehr auf damit – der verdammte Scheißkerl!“
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