Teil
2:
DICHTUNG
ZUR WAHRHEIT
12.
Kapitel
„Der vernünftige Autor
schreibt für keine andere Nachwelt als für seine eigene. Das heißt, für sein
Alter, um auch dann noch an sich Freude haben zu können.“
(Nietzsche
„Menschliches-Allzumenschliches“ II,1,167)
Für Johannes in Herzlichkeit Peggy
O’Neill
Johannes
hatte das kindlich gestickte und kalligrafisch verzierte Lesezeichen aus
Pergament, das Peggy ihm zum Abschied geschenkt hatte noch immer. Gleich bei
seiner Heimkehr nach Castellinaria zog
er es aus einer nicht beendeten Lektüre. Diese eher unbeholfene Bastelarbeit,
die er stets als ein schlicht sentimentales Souvenir betrachtet hatte, war
vielleicht schon immer eine Art Botschaft an ihn gewesen. Mit der neuen
Erkenntnis vollzog sie in seinen
zitternden Händen jedenfalls den Wandel zu einem Menetekel.
Er sollte unverzüglich mit dem Schreiben
beginnen. Eigentlich hatte er die Absicht gehabt, auf der Heimreise von
LaGrange noch ein, zwei Tage das einzigartige Herbstlicht der Camargue zu
tanken. Doch dann war er an der Autobahn-Abfahrt nach Saintes-Maries-de-la-Mer
einfach gleich weiter nach Ligurien gefahren. Unter stetig wachsendem, selbst
erzeugten Druck, hatte er sich unterwegs schon Gedanken gemacht, wieso er über
diesen deutlichen Hinweis hinter ihrer irreführenden Fassade nicht schon viel
früher auf die wahre Peggy aufmerksam geworden war: Nietzsche also!
Jetzt holte er das nach, indem er in seiner
Phantasie erst zögerlich, dann immer eiliger die Fragmente aus Renés und Peggys
Schilderungen über ihre erste Begegnung und die spätere Beziehung als textliche
Skizzen in den Entwurf-Ordner seines Computers tippte. Sein Hauptproblem
bestand dabei jedoch darin, dass er schon seit über einem Jahr gar nicht mehr
selber schrieb, sondern das Zusammentragen und Ausformulieren seiner ungeordnet
abgesonderten schriftlichen oder gesprochenen Gedanken gegen Bezahlung seit
einigen Monaten einem ehemaligen Kollegen überließ, den er vor der Gosse
bewahrt zu haben glaubte. Er war auch zum Faktotum und Haushüter geworden,
hatte sich aber aktuell derart stabilisiert, dass er sich zurzeit zwecks wieder
Annäherung bei seiner Familie in Deutschland aufhielt. Längst war Johannes aber
gewissermaßen von sich selbst in die moralische Pflicht genommen worden,
persönlich von René und Peggy zu schreiben. Es war ein mühseliger
handwerklicher Neubeginn, der in dieser schon
recht angewöhnten Weise zunächst nur bruchstückhaft ging:
Eine
Philosophin war das offensichtlich nicht gewesen, die da verloren im Arrivée
der Flughafens von Bordeaux auf Ihre Abholerin wartete: Peggys eigentlich
schönen, kupferroten Haaren war anscheinend
eigenhändig mit einem kreisrunden Kochtopf-Schnitt Gewalt angetan worden. Eher
eine Spachtelmasse denn ein Gel hatte sie dann an ihrem Kinderschädel fest geklatscht. Das
sah nicht nur seltsam aus, sondern betonte unschön ihr zu kurz geratenes Kinn,
das beinahe ansatzlos in einen Gänsehals überging. Sie trug eine Jeansjacke,
die ihr offenkundig mehrere Nummern zu weit war. Darunter sah man erst beim
zweiten Hinsehen ein Fähnchen in einem fleischfarbenen Blumenmuster, das
unsäglich an die Kittelschürzen von Hausmeisterinnen erinnerte. Aber der Gipfel
aller Stillosigkeit waren Plastik-Badesandaletten in Neongrün, aus denen ihre
unproportioniert großen Zehen ragten. Vielleicht wäre das alles weniger
aufgefallen, wenn Peggy O’Neill zu allem Überfluss nicht ihr Umfeld um
durchschnittlich eine Haupteslänge überragt und somit allein schon auf ihre
Erscheinung aufmerksam gemacht hätte. Sie maß beinahe 1,90 und wirkte irgendwie befremdlich…
Ein über siebzigjähriger Krebspatient war das aber auch nicht, der da
mit weit ausholenden, federnden Schritten auf das Aupair-Mädchen zusteuerte.
Natürlich hatte die egozentrische Nathalie irgendeinen viel wichtigeren Termin
gehabt, der sie daran gehindert hatte, die O’Neill pünktlich vom Flughafen
abzuholen. In letzter Minute war dann - wie immer – René eingesprungen und wäre
dennoch pünktlich gewesen, hätte er sich nicht mit seinen alten Kumpels von der
Flugwetter-Warte verquatscht. Seit er selbst nicht mehr flog, war René zu einer
Art Wetterbericht-Junky geworden, der Internet-Lesezeichen zu allen möglichen
Satelliten und Vorhersage-Stationen
gesetzt hatte und in Foren mit Experten über die Einschätzung von globalen
Wetterlagen stritt. Wieso, war keinem klar. Für seinen persönlichen Bedarf
diente die Datensammlerei sicherlich nicht, denn er ging unerschrocken bei
jedem Wetter und Wellengang an den Strand und spielte hartnäckig auch so lange
im peitschenden Regen Golf, bis ihn die Course-Marshalls wegen Unbespielbarkeit
der Fairways vom Platz zerrten…
Als Stil-Ikone war René im Moment ihrer ersten Begegnung natürlich das
krasse Gegenteil von Peggy. Sein faltenlos kahler, dunkelbraun gebrannter
Cäsaren-Schädel saß auf einem centertrainierten Hals-Schulter-Trapez, das von
einem quer gestreiften Tiger-Woods-Twinset in Aubergine und Ocker kontrastiert
wurde. Die edel knitternde Hose aus irischem Leinen ließ erkennen, dass sich
der Rest des Körpers im gleichen Trainingszustand befand. Dieser Opa mit vermeintlichen
achtzig Kilo Kampfgewicht erzeugte trotz seines geschwinden Ganges keinerlei
Geräusch. Was Peggy, die ja eine Frau erwartet hatte, jäh zusammenschrecken
ließ, als sich Renés missbilligender Blick überraschend auf Augenhöhe in sie
bohrte...
Während er einen Augenblick mit dem
Weiterschreiben zögerte, schob sich bei Johannes mit gänzlich neuer Bedeutung,
die Erinnerung an seine erste, eigentliche Begegnung mit Peggy über diese von
ihm nacherzählten Eindrücke. Peggy hatte da bereits einige Wochen ihre Rolle
als Faktotum der Royaumes adaptiert. Joceline hatte zwar schon ihre
spitzzüngige Spinnweben-Assoziation bezüglich Peggys Vulva kundgetan, aber
weiter reichende Gedanken hatte Johannes deshalb in der Folge an dieses
verschrobene Wesen dennoch nicht verschwendet.
Wenn Nathalie sich selbst vor Bekannten mit
den Kindern mal wieder als tolle Mutter inszenieren wollte, wurde die ‚hässliche
Gans’ kurzerhand in die Freizeit geschickt, damit nur nichts die Harmonie dieses
familiären ‚Werbespots’ beeinträchtigen konnte. So das Wetter mitspielte,
verzog sich die Britin dann artig mit ihren Büchern unter den Sonnenschutz auf
die Bar-Terrasse des Cajun, wo sie sich ihre eigens mitgebrachte Tee-Mischung
auf einem Rechaud selbst zubereitete. Dass Jean-Jaques’ Crew da ohne mit den
Wimpern zu zucken mitspielte, war natürlich nur Renés Regie hinter den Kulissen
zu verdanken gewesen.
Eines Nachmittags also beobachte Johannes die
junge Frau, wie sie beim Aufstieg vom Strand mitten auf der langen Freitreppe
wie Lots Weib erstarrte und sich für Minuten nicht mehr bewegte. Ihre Bücher
hielt sie dabei wie ein Tablett voller Devotionalien mit einigem Abstand vor
der Brust. Das sah so unnatürlich und grotesk aus, dass andere Gäste, denen sie
im Weg stand, mit befremdeten Mienen einen großen Bogen um sie herum machten.
Als sie nach gefühlten drei Minuten immer noch so da stand und keine Anstalten unternahm,
sich jemals wieder zu bewegen, war Johannes aufgestanden und die Stufen zu ihr
hinunter geeilt:
„Miss Peggy! Ist Ihnen nicht gut? Was haben
Sie? Kommen Sie bloß mit Ihrem empfindlichen Teint aus der Sonne Heraus! Sie
sind ja schon ganz rot.“ Er hatte sie auf Englisch angesprochen und war sich
nicht ganz sicher, ob sie ihn wahrgenommen hatte oder überhaupt wusste, wer er
eigentlich war. Aber dann entdeckte er etwas Merkwürdiges. Während alles an ihr
erstarrt schien, bewegten sich ihre Augen in einer Art spöttischen Erkenntnis -
wie die Scanner-Augen eines Roboters den Strand und das Meer abtastend - hin
und her. Augenblicklich gelangte Johannes da bereits zu der Auffassung, er habe
niemals schönere, lebhaftere und ausdrucksvollere Augen bei einem Lebewesen
gesehen.
Es vergingen wohl weitere zwei Minuten, ehe
sie sich mit einer mechanischen Drehung an ihn wandte und ohne erkennbaren Zusammenhang
zu ihm sprach, als sei er ein vertrauter Bekannter:
„Hier
saß ich wartend, wartend – doch auf nichts. Jenseits von Gut und Böse, bald des
Lichts. Genießend bald des Schattens – ganz nur Spiel. Ganz See, ganz Mittag,
ganz Zeit ohne Ziel… Ist das nicht verblüffend Johannes? Man liest einen Text,
versucht ihn mühsam zu interpretieren, und dann wird seine Bedeutung durch die
Wahrhaftigkeit des Augenblicks offenkundig.“
Johannes war damals in der Tat verblüfft
gewesen, denn sie hatte das alles in einem absolut makellosem Deutsch zu ihm gesagt.
Erst jetzt mit dem neuen Wissen um Peggy glaubte er, sich auch daran erinnern
zu können, dass sie ihm wohl im weiteren Verlauf des Gespräches einen Zitathinweis
auf diese Stelle im „Zarathustra“ gegeben hatte. Aber da hatten ihn schon
längst weitere Eindrücke fürs erste schwerhörig gemacht. Johannes hatte Mutmaßungen
zur inneren Schönheit eines hässlichen Menschen immer für kitschige
Überhöhungen gehalten. Aber Peggy belehrte ihn im Verlauf ihrer immer
freundschaftlicher werdenden Beziehung eines Besseren. Wenn sie sich für etwas
begeisterte, wurden ihre äußeren Makel überstrahlt. Ihre Gedanken und die
Leidenschaft ihrer Erläuterungen machten sie zu einer Erscheinung. Aber das war nicht als Glanz
einer außergewöhnlichen Eloquenz erkennbar, sondern wirkte eher wie die
strahlende Naivität eines staunend träumenden Kindes. Das musste bei einer oberflächlichen Begegnung zunächst einfach
dazu führen, dass diese ‚arme’ junge Frau jedem den Eindruck vermittelte, sie
sei nicht nur hässlich, sondern obendrein komplett aus der Spur geraten.
Johannes – selbst unter vorschnellen Einschätzungen leidend – hatte sich wie
alle anderen auch erst in diese Sackgasse falscher Wahrnehmung leiten lassen.
Oder war er in sie geflüchtet? Langsam begann er nun zu ahnen, dass dies in
jenem ersten Sommer allein aus unterschwelliger Furcht vor Peggys Genie
geschehen sein könnte. Wäre er bei der
Abholung am Flughafen selbst dabei und nicht in Jocelines Haus einquartiert
gewesen, hätten ihn auch Peggys Deutschkenntnisse nicht derart überrascht. - Kopfschüttelnd
tippte er weiter:
René
und Peggy hatten schon kurz nachdem sie auf dem Flughafen-Parkplatz ins Auto
gestiegen waren, Deutsch als ihre Umgangssprache festgelegt. Denn Nathalie
hatte aus merkwürdigen erzieherischen Grundsätzen nach einem Aupair verlangt,
das noch absolut keine Kenntnisse der französischen Sprache hatte. Die Nanny
sollte ja strikt nur Englisch mit den Kindern sprechen. René indessen hatte
Peggy gleich beim Starten des Wagens klar gemacht, er habe keine Lust, sich mit
ihr weiter auf Englisch abzumühen. Hoffte er doch, damit den Kontakt zu ihr
aufs nötigste zu reduzieren. Das hätte Peggy vielleicht verblüfft, wenn sie von
Renés fliegerischer Vergangenheit und seinem Lieblingsdichter Dennis Walcott
gewusst hätte. Aber so weit waren sie da ja noch nicht. Aufs Geratewohl fragte sie
– nur, um ihn als Franzosen zu provozieren – wie es denn um sein Deutsch stünde…
War dieser unverhoffte, sprachliche Behelfssteg, den sie in der Folge
begingen, vielleicht schon der Anfang zu einem Brückenschlag zwischen ihren
Herzen gewesen? Tatsächlich war René über das anglophone Kauderwelsch, dessen
sich weltweit die Aviatoren bedienten, nie hinausgekommen. Seit er nicht mehr
flog, hatte er Englisch zu sprechen sogar regelrecht vermieden, um nicht
schmerzlich an jene Tage vermeintlich grenzenloser Freiheit über den Wolken
erinnert zu werden. Seinen Walcott bekam er so hinreißend von seinem Sohn übersetzt,
dass er die Originale in einer Sinnlichkeit erfassen konnte, wie sie ihm der
limitierte Fliegerjargon sowieso nie ermöglicht hätte.
Im folgenden Sommer schon sollte es wegen des karibischen Dichters zu
denkwürdigen Aushebelungen der babylonischen Sprachverwirrung kommen, denn
Peggy, René und die deutschen Freunde Urmel und Johannes versuchten im Beisein von
Maurice dessen französische Übersetzung der Originaltexte Walcotts paradoxer
Weise wegen der Britin auf Deutsch zu interpretieren…
Aber bis es so weit war, musste erst eine Art Wandel im Umgang durch
Annäherung an Peggy erfolgen. Zunächst gelang es Peggy, die anfängliche Ablehnung,
die ihr überall entgegen schlug, weil sie nun mal nicht in diese Strandwelt der
schönen, nackten Menschen passen wollte, durch eine natürliche Begabung im
Umgang mit Nathalies Kindern recht zügig in Akzeptanz umzuwandeln. Oder war es
so, dass alles deshalb so gut lief, weil Lucky und Isa mit untrüglichem,
kindlichem Instinkt Peggys Infantilität sofort erkannt und anerkannt hatten? Sie
sahen zwar auch die Aufpasserin in ihr, gleichwohl überwog vermutlich doch ihr
geistesverwandter Status als tolle Spielgefährtin.
Vom ersten Tag im Royaume waren die drei eine unzertrennliche,
verschworene Gemeinschaft und einander bald mehr als herzlich zugetan. Nathalie
war zunächst von neuen Freiräumen in ihrer Mutterschaft derart beglückt, dass
sie für Eifersuchtsanfälle gar keine Zeit gehabt hätte. Zu denen kam es erst,
als sie endlich und viel zu spät begreifen musste, dass sie die Vorherrschaft
im Herzen ihres Vaters nun zumindest mit Peggy zu teilen hatte.
Peggy erfand aus dem Stegreif für die Kinder immer neue, herrlich
skurrile Welten und Spiele. Sie bot sie Lucky und Isa in unterschiedlichen
Stimm- und Lautfärbungen dar und animierte sie dadurch, diese auch durch eigene
sprachliche Phantasien zu bereichern.
Bei dem so immer schneller wieder wachsenden, englischen Wortschatz achtete sie
dabei jedoch beharrlich auf korrekt angewandte Grammatik und gewählte Ausdrucksweise.
So wurden beispielsweise die beiden grellbunten Kinderfahrräder, mit denen zum
Strand geradelt wurde, auf einmal zu edel geschmückten Ritterrössern. Sie
wurden demnach von zwei verzauberten Königskindern bestiegen, die sich beim
Ausreiten nur noch mit adlig untadligem Tonfall ansprachen und dies auch bei
Tisch mit formvollendet zur Schau gestellten höfischen Manieren beibehielten.
Peggy brachte sie auch dazu, ihre Schüchternheit vor Fremden abzulegen. Zum
Nachtisch überraschten sie einmal eine Abendgesellschaft mit Szenen aus
Shakespeares Sommernachtstraum, zu denen sie sich verkleidet mit Kerzen in den
Park geschlichen hatten.
Am Strand mutierten die Kinder zu nackten ‚Fremen’, jenen mystischen
Wüstenwesen aus Frank Herberts ‚Dune Trilogy’. Das Science-Fiction-Märchen war
Peggys Lieblingslektüre als sie noch ein Teenager war. Sie wurde deshalb nicht
müde, den beiden aus saphirblauen Augen staunenden Kids die Welt der ‚Atreides’
näher zu bringen und von den gruseligen Sandwürmern zu fabulieren. Worauf Lucky
und Isa tagelang auf dem Bauch den feinen Sand der Côte d’Argent durchpflügten
und auf Peggys Klopfzeichen hörten.
So herrlich unbefangen Peggy in allen Dingen war, die spöttischen
Bemerkungen der Strandbande und die Scharen nackter Menschen jeglichen Alters
um sie herum, konnten sie immer noch nicht dazu bewegen, sich der unsäglichen
Häkelbikinis zu entledigen…
Aber stattdessen erregte die Britin die Aufmerksamkeit der Männer, indem
sie Skat lernte; das Kartenspiel, das René und Urmel, seit gemeinsamer
Agenturtage, mit ultimativer Leidenschaft spielten. Weil fast immer ein
geeigneter Dritter fehlte (Johannes spielte nämlich mörderisch schlecht, da er
sich einfach die gefallenen Stiche nicht merken wollte oder taktisch schlampig
bediente), befand René eines Abends, nachdem sie die Kinder zu Bett gebracht
hatte, wer so gut Deutsch spräche wie Peggy, müsse auch Skat spielen können.
Weder Urmel noch René waren gut im Verlieren. Urmel akzeptierte dabei
eigentlich nur, seinem großen Idol René gelegentlich Tribut zu zollen. Ansonsten
fragte er sich unbescheiden, wieso er nicht schon längst bei einer Skat-Weltmeisterschaft
teilgenommen hätte. Nun jedoch mussten sich beide daran gewöhnen, dass dieses menschliche
Vogelwesen, das eben noch gar nicht gewusst
hatte, wie man richtig reizt, ihnen immer häufiger nach allen Regeln der
Kartenkunst „die Hosen auszog“. Peggy war wohl deshalb so gut, weil sie keinerlei Leidenschaft für
dieses Kartenspiel empfand. Ihr Erfolg war Mittel zum Zweck. Wollte sie doch nur
endlich akzeptiert und nicht länger von der Erwachsenenwelt ausgeschlossen werden. Sie hatte diese
besondere Begabung, auf einen Blick die Möglichkeiten ihres jeweiligen Blattes
einzuschätzen. Und weil sie auch vier Runden später noch auf spontane Nachfrage
minuziös die Abfolge aller Stiche hätte herunterbeten können, nahm ihr
fotografisches Gedächtnis dazu noch die Eigenheiten der Spielercharaktere zur
Kenntnis. René liebte es, nicht nur jedes Blatt auszureizen, oft trieb ihn sein
Ehrgeiz auch dazu, mit einem vermeintlich schwachen Blatt die Gegner düpieren zu
wollen. Urmel hingegen, war ein über die Länge des Skatabends am Endergebnis
orientierter Taktiker, der Ramschrunden und Risiken provozierte, indem er bei
einem eigenen starken Blatt, die anderen spielen und reinrasseln ließ. Er
konnte nicht begreifen, wieso Peggy so schnell reüssierte. Und weil das so war,
machte er überraschend viele Fehler, die von einer allgemeinen Verunsicherung
herrührten. Bei der Karten spielenden Peggy liefen nicht wie sonst vor lauter
Unsicherheit während Begegnungen mit neuen Menschen Hals und Kinnpartie hektisch
und rotfleckig an, sondern provozierte eine unerschütterliche Gelassenheit. Am
Kartentisch konnte man sie einfach nicht „hochschießen“. Was Urmel ein ums
andere Mal dazu verleitete, sie beim Nachkarten als Hexe zu beschimpfen. Das bereitete
wiederum René eine klammheimliche Freude …
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