Sonntag, 23. März 2014

Strohfeuer

Teil 2:
DICHTUNG ZUR WAHRHEIT

   12. Kapitel

  „Der vernünftige Autor schreibt für keine andere Nachwelt als für seine eigene. Das heißt, für sein Alter, um auch dann noch an sich Freude haben zu können.“
                  (Nietzsche „Menschliches-Allzumenschliches“ II,1,167)
Für Johannes in Herzlichkeit Peggy O’Neill
  Johannes hatte das kindlich gestickte und kalligrafisch verzierte Lesezeichen aus Pergament, das Peggy ihm zum Abschied geschenkt hatte noch immer. Gleich bei seiner Heimkehr nach Castellinaria zog er es aus einer nicht beendeten Lektüre. Diese eher unbeholfene Bastelarbeit, die er stets als ein schlicht sentimentales Souvenir betrachtet hatte, war vielleicht schon immer eine Art Botschaft an ihn gewesen. Mit der neuen Erkenntnis vollzog sie  in seinen zitternden Händen jedenfalls den Wandel zu einem Menetekel.
  Er sollte unverzüglich mit dem Schreiben beginnen. Eigentlich hatte er die Absicht gehabt, auf der Heimreise von LaGrange noch ein, zwei Tage das einzigartige Herbstlicht der Camargue zu tanken. Doch dann war er an der Autobahn-Abfahrt nach Saintes-Maries-de-la-Mer einfach gleich weiter nach Ligurien gefahren. Unter stetig wachsendem, selbst erzeugten Druck, hatte er sich unterwegs schon Gedanken gemacht, wieso er über diesen deutlichen Hinweis hinter ihrer irreführenden Fassade nicht schon viel früher auf die wahre Peggy aufmerksam geworden war: Nietzsche also!
  Jetzt holte er das nach, indem er in seiner Phantasie erst zögerlich, dann immer eiliger die Fragmente aus Renés und Peggys Schilderungen über ihre erste Begegnung und die spätere Beziehung als textliche Skizzen in den Entwurf-Ordner seines Computers tippte. Sein Hauptproblem bestand dabei jedoch darin, dass er schon seit über einem Jahr gar nicht mehr selber schrieb, sondern das Zusammentragen und Ausformulieren seiner ungeordnet abgesonderten schriftlichen oder gesprochenen Gedanken gegen Bezahlung seit einigen Monaten einem ehemaligen Kollegen überließ, den er vor der Gosse bewahrt zu haben glaubte. Er war auch zum Faktotum und Haushüter geworden, hatte sich aber aktuell derart stabilisiert, dass er sich zurzeit zwecks wieder Annäherung bei seiner Familie in Deutschland aufhielt. Längst war Johannes aber gewissermaßen von sich selbst in die moralische Pflicht genommen worden, persönlich von René und Peggy zu schreiben. Es war ein mühseliger handwerklicher Neubeginn, der in dieser schon  recht angewöhnten Weise zunächst nur bruchstückhaft ging:

  Eine Philosophin war das offensichtlich nicht gewesen, die da verloren im Arrivée der Flughafens von Bordeaux auf Ihre Abholerin wartete: Peggys eigentlich schönen,  kupferroten Haaren war anscheinend eigenhändig mit einem kreisrunden Kochtopf-Schnitt Gewalt angetan worden. Eher eine Spachtelmasse denn ein Gel hatte sie dann  an ihrem Kinderschädel fest geklatscht. Das sah nicht nur seltsam aus, sondern betonte unschön ihr zu kurz geratenes Kinn, das beinahe ansatzlos in einen Gänsehals überging. Sie trug eine Jeansjacke, die ihr offenkundig mehrere Nummern zu weit war. Darunter sah man erst beim zweiten Hinsehen ein Fähnchen in einem fleischfarbenen Blumenmuster, das unsäglich an die Kittelschürzen von Hausmeisterinnen erinnerte. Aber der Gipfel aller Stillosigkeit waren Plastik-Badesandaletten in Neongrün, aus denen ihre unproportioniert großen Zehen ragten. Vielleicht wäre das alles weniger aufgefallen, wenn Peggy O’Neill zu allem Überfluss nicht ihr Umfeld um durchschnittlich eine Haupteslänge überragt und somit allein schon auf ihre Erscheinung aufmerksam gemacht hätte. Sie maß beinahe 1,90  und wirkte irgendwie befremdlich…
  Ein über siebzigjähriger Krebspatient war das aber auch nicht, der da mit weit ausholenden, federnden Schritten auf das Aupair-Mädchen zusteuerte. Natürlich hatte die egozentrische Nathalie irgendeinen viel wichtigeren Termin gehabt, der sie daran gehindert hatte, die O’Neill pünktlich vom Flughafen abzuholen. In letzter Minute war dann - wie immer – René eingesprungen und wäre dennoch pünktlich gewesen, hätte er sich nicht mit seinen alten Kumpels von der Flugwetter-Warte verquatscht. Seit er selbst nicht mehr flog, war René zu einer Art Wetterbericht-Junky geworden, der Internet-Lesezeichen zu allen möglichen Satelliten  und Vorhersage-Stationen gesetzt hatte und in Foren mit Experten über die Einschätzung von globalen Wetterlagen stritt. Wieso, war keinem klar. Für seinen persönlichen Bedarf diente die Datensammlerei sicherlich nicht, denn er ging unerschrocken bei jedem Wetter und Wellengang an den Strand und spielte hartnäckig auch so lange im peitschenden Regen Golf, bis ihn die Course-Marshalls wegen Unbespielbarkeit der Fairways vom Platz zerrten…
  Als Stil-Ikone war René im Moment ihrer ersten Begegnung natürlich das krasse Gegenteil von Peggy. Sein faltenlos kahler, dunkelbraun gebrannter Cäsaren-Schädel saß auf einem centertrainierten Hals-Schulter-Trapez, das von einem quer gestreiften Tiger-Woods-Twinset in Aubergine und Ocker kontrastiert wurde. Die edel knitternde Hose aus irischem Leinen ließ erkennen, dass sich der Rest des Körpers im gleichen Trainingszustand befand. Dieser Opa mit vermeintlichen achtzig Kilo Kampfgewicht erzeugte trotz seines geschwinden Ganges keinerlei Geräusch. Was Peggy, die ja eine Frau erwartet hatte, jäh zusammenschrecken ließ, als sich Renés missbilligender Blick überraschend auf Augenhöhe in sie bohrte...
  Während er einen Augenblick mit dem Weiterschreiben zögerte, schob sich bei Johannes mit gänzlich neuer Bedeutung, die Erinnerung an seine erste, eigentliche Begegnung mit Peggy über diese von ihm nacherzählten Eindrücke. Peggy hatte da bereits einige Wochen ihre Rolle als Faktotum der Royaumes adaptiert. Joceline hatte zwar schon ihre spitzzüngige Spinnweben-Assoziation bezüglich Peggys Vulva kundgetan, aber weiter reichende Gedanken hatte Johannes deshalb in der Folge an dieses verschrobene Wesen dennoch nicht verschwendet.
  Wenn Nathalie sich selbst vor Bekannten mit den Kindern mal wieder als tolle Mutter inszenieren wollte, wurde die ‚hässliche Gans’ kurzerhand in die Freizeit geschickt, damit nur nichts die Harmonie dieses familiären ‚Werbespots’ beeinträchtigen konnte. So das Wetter mitspielte, verzog sich die Britin dann artig mit ihren Büchern unter den Sonnenschutz auf die Bar-Terrasse des Cajun, wo sie sich ihre eigens mitgebrachte Tee-Mischung auf einem Rechaud selbst zubereitete. Dass Jean-Jaques’ Crew da ohne mit den Wimpern zu zucken mitspielte, war natürlich nur Renés Regie hinter den Kulissen zu verdanken gewesen.
  Eines Nachmittags also beobachte Johannes die junge Frau, wie sie beim Aufstieg vom Strand mitten auf der langen Freitreppe wie Lots Weib erstarrte und sich für Minuten nicht mehr bewegte. Ihre Bücher hielt sie dabei wie ein Tablett voller Devotionalien mit einigem Abstand vor der Brust. Das sah so unnatürlich und grotesk aus, dass andere Gäste, denen sie im Weg stand, mit befremdeten Mienen einen großen Bogen um sie herum machten. Als sie nach gefühlten drei Minuten immer noch so da stand und keine Anstalten unternahm, sich jemals wieder zu bewegen, war Johannes aufgestanden und die Stufen zu ihr hinunter geeilt:
  „Miss Peggy! Ist Ihnen nicht gut? Was haben Sie? Kommen Sie bloß mit Ihrem empfindlichen Teint aus der Sonne Heraus! Sie sind ja schon ganz rot.“ Er hatte sie auf Englisch angesprochen und war sich nicht ganz sicher, ob sie ihn wahrgenommen hatte oder überhaupt wusste, wer er eigentlich war. Aber dann entdeckte er etwas Merkwürdiges. Während alles an ihr erstarrt schien, bewegten sich ihre Augen in einer Art spöttischen Erkenntnis - wie die Scanner-Augen eines Roboters den Strand und das Meer abtastend - hin und her. Augenblicklich gelangte Johannes da bereits zu der Auffassung, er habe niemals schönere, lebhaftere und ausdrucksvollere Augen bei einem Lebewesen gesehen.
  Es vergingen wohl weitere zwei Minuten, ehe sie sich mit einer mechanischen Drehung an ihn wandte und ohne erkennbaren Zusammenhang zu ihm sprach, als sei er ein vertrauter Bekannter:
„Hier saß ich wartend, wartend – doch auf nichts. Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts. Genießend bald des Schattens – ganz nur Spiel. Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel… Ist das nicht verblüffend Johannes? Man liest einen Text, versucht ihn mühsam zu interpretieren, und dann wird seine Bedeutung durch die Wahrhaftigkeit des Augenblicks offenkundig.“
   Johannes war damals in der Tat verblüfft gewesen, denn sie hatte das alles in einem absolut makellosem Deutsch zu ihm gesagt. Erst jetzt mit dem neuen Wissen um Peggy glaubte er, sich auch daran erinnern zu können, dass sie ihm wohl im weiteren Verlauf des Gespräches einen Zitathinweis auf diese Stelle im „Zarathustra“ gegeben hatte. Aber da hatten ihn schon längst weitere Eindrücke fürs erste schwerhörig gemacht. Johannes hatte Mutmaßungen zur inneren Schönheit eines hässlichen Menschen immer für kitschige Überhöhungen gehalten. Aber Peggy belehrte ihn im Verlauf ihrer immer freundschaftlicher werdenden Beziehung eines Besseren. Wenn sie sich für etwas begeisterte, wurden ihre äußeren Makel überstrahlt. Ihre Gedanken und die Leidenschaft ihrer Erläuterungen machten sie  zu einer Erscheinung. Aber das war nicht als Glanz einer außergewöhnlichen Eloquenz erkennbar, sondern wirkte eher wie die strahlende Naivität eines staunend träumenden Kindes. Das musste bei  einer oberflächlichen Begegnung zunächst einfach dazu führen, dass diese ‚arme’ junge Frau jedem den Eindruck vermittelte, sie sei nicht nur hässlich, sondern obendrein komplett aus der Spur geraten. Johannes – selbst unter vorschnellen Einschätzungen leidend – hatte sich wie alle anderen auch erst in diese Sackgasse falscher Wahrnehmung leiten lassen. Oder war er in sie geflüchtet? Langsam begann er nun zu ahnen, dass dies in jenem ersten Sommer allein aus unterschwelliger Furcht vor Peggys Genie geschehen sein könnte.  Wäre er bei der Abholung am Flughafen selbst dabei und nicht in Jocelines Haus einquartiert gewesen, hätten ihn auch Peggys Deutschkenntnisse  nicht derart überrascht. - Kopfschüttelnd tippte er weiter:
  René und Peggy hatten schon kurz nachdem sie auf dem Flughafen-Parkplatz ins Auto gestiegen waren, Deutsch als ihre Umgangssprache festgelegt. Denn Nathalie hatte aus merkwürdigen erzieherischen Grundsätzen nach einem Aupair verlangt, das noch absolut keine Kenntnisse der französischen Sprache hatte. Die Nanny sollte ja strikt nur Englisch mit den Kindern sprechen. René indessen hatte Peggy gleich beim Starten des Wagens klar gemacht, er habe keine Lust, sich mit ihr weiter auf Englisch abzumühen. Hoffte er doch, damit den Kontakt zu ihr aufs nötigste zu reduzieren. Das hätte Peggy vielleicht verblüfft, wenn sie von Renés fliegerischer Vergangenheit und seinem Lieblingsdichter Dennis Walcott gewusst hätte. Aber so weit waren sie da ja noch nicht. Aufs Geratewohl fragte sie – nur, um ihn als Franzosen zu provozieren – wie es denn um sein Deutsch stünde…
  War dieser unverhoffte, sprachliche Behelfssteg, den sie in der Folge begingen, vielleicht schon der Anfang zu einem Brückenschlag zwischen ihren Herzen gewesen? Tatsächlich war René über das anglophone Kauderwelsch, dessen sich weltweit die Aviatoren bedienten, nie hinausgekommen. Seit er nicht mehr flog, hatte er Englisch zu sprechen sogar regelrecht vermieden, um nicht schmerzlich an jene Tage vermeintlich grenzenloser Freiheit über den Wolken erinnert zu werden. Seinen Walcott bekam er so hinreißend von seinem Sohn übersetzt, dass er die Originale in einer Sinnlichkeit erfassen konnte, wie sie ihm der limitierte Fliegerjargon sowieso nie ermöglicht hätte.
  Im folgenden Sommer schon sollte es wegen des karibischen Dichters zu denkwürdigen Aushebelungen der babylonischen Sprachverwirrung kommen, denn Peggy, René und die deutschen Freunde Urmel und Johannes versuchten im Beisein von Maurice dessen französische Übersetzung der Originaltexte Walcotts paradoxer Weise wegen der Britin auf Deutsch zu interpretieren…
  Aber bis es so weit war, musste erst eine Art Wandel im Umgang durch Annäherung an Peggy erfolgen. Zunächst  gelang es Peggy, die anfängliche Ablehnung, die ihr überall entgegen schlug, weil sie nun mal nicht in diese Strandwelt der schönen, nackten Menschen passen wollte, durch eine natürliche Begabung im Umgang mit Nathalies Kindern recht zügig in Akzeptanz umzuwandeln. Oder war es so, dass alles deshalb so gut lief, weil Lucky und Isa mit untrüglichem, kindlichem Instinkt Peggys Infantilität sofort erkannt und anerkannt hatten? Sie sahen zwar auch die Aufpasserin in ihr, gleichwohl überwog vermutlich doch ihr geistesverwandter Status als tolle Spielgefährtin.
  Vom ersten Tag im Royaume waren die drei eine unzertrennliche, verschworene Gemeinschaft und einander bald mehr als herzlich zugetan. Nathalie war zunächst von neuen Freiräumen in ihrer Mutterschaft derart beglückt, dass sie für Eifersuchtsanfälle gar keine Zeit gehabt hätte. Zu denen kam es erst, als sie endlich und viel zu spät begreifen musste, dass sie die Vorherrschaft im Herzen ihres Vaters nun zumindest mit Peggy zu teilen hatte.
  Peggy erfand aus dem Stegreif für die Kinder immer neue, herrlich skurrile Welten und Spiele. Sie bot sie Lucky und Isa in unterschiedlichen Stimm- und Lautfärbungen dar und animierte sie dadurch, diese auch durch eigene sprachliche Phantasien  zu bereichern. Bei dem so immer schneller wieder wachsenden, englischen Wortschatz achtete sie dabei jedoch beharrlich auf korrekt angewandte Grammatik und gewählte Ausdrucksweise. So wurden beispielsweise die beiden grellbunten Kinderfahrräder, mit denen zum Strand geradelt wurde, auf einmal zu edel geschmückten Ritterrössern. Sie wurden demnach von zwei verzauberten Königskindern bestiegen, die sich beim Ausreiten nur noch mit adlig untadligem Tonfall ansprachen und dies auch bei Tisch mit formvollendet zur Schau gestellten höfischen Manieren beibehielten. Peggy brachte sie auch dazu, ihre Schüchternheit vor Fremden abzulegen. Zum Nachtisch überraschten sie einmal eine Abendgesellschaft mit Szenen aus Shakespeares Sommernachtstraum, zu denen sie sich verkleidet mit Kerzen in den Park geschlichen hatten.
  Am Strand mutierten die Kinder zu nackten ‚Fremen’, jenen mystischen Wüstenwesen aus Frank Herberts ‚Dune Trilogy’. Das Science-Fiction-Märchen war Peggys Lieblingslektüre als sie noch ein Teenager war. Sie wurde deshalb nicht müde, den beiden aus saphirblauen Augen staunenden Kids die Welt der ‚Atreides’ näher zu bringen und von den gruseligen Sandwürmern zu fabulieren. Worauf Lucky und Isa tagelang auf dem Bauch den feinen Sand der Côte d’Argent durchpflügten und auf Peggys Klopfzeichen hörten.
  So herrlich unbefangen Peggy in allen Dingen war, die spöttischen Bemerkungen der Strandbande und die Scharen nackter Menschen jeglichen Alters um sie herum, konnten sie immer noch nicht dazu bewegen, sich der unsäglichen Häkelbikinis zu entledigen…
  Aber stattdessen erregte die Britin die Aufmerksamkeit der Männer, indem sie Skat lernte; das Kartenspiel, das René und Urmel, seit gemeinsamer Agenturtage, mit ultimativer Leidenschaft spielten. Weil fast immer ein geeigneter Dritter fehlte (Johannes spielte nämlich mörderisch schlecht, da er sich einfach die gefallenen Stiche nicht merken wollte oder taktisch schlampig bediente), befand René eines Abends, nachdem sie die Kinder zu Bett gebracht hatte, wer so gut Deutsch spräche wie Peggy, müsse auch Skat spielen können.

  Weder Urmel noch René waren gut im Verlieren. Urmel akzeptierte dabei eigentlich nur, seinem großen Idol René gelegentlich Tribut zu zollen. Ansonsten fragte er sich unbescheiden, wieso er nicht schon längst bei einer Skat-Weltmeisterschaft teilgenommen hätte. Nun jedoch mussten sich beide daran gewöhnen, dass dieses menschliche Vogelwesen, das eben noch gar nicht  gewusst hatte, wie man richtig reizt, ihnen immer häufiger nach allen Regeln der Kartenkunst „die Hosen auszog“. Peggy war wohl deshalb  so gut, weil sie keinerlei Leidenschaft für dieses Kartenspiel empfand. Ihr Erfolg war Mittel zum Zweck. Wollte sie doch nur endlich akzeptiert und nicht länger von der Erwachsenenwelt  ausgeschlossen werden. Sie hatte diese besondere Begabung, auf einen Blick die Möglichkeiten ihres jeweiligen Blattes einzuschätzen. Und weil sie auch vier Runden später noch auf spontane Nachfrage minuziös die Abfolge aller Stiche hätte herunterbeten können, nahm ihr fotografisches Gedächtnis dazu noch die Eigenheiten der Spielercharaktere zur Kenntnis. René liebte es, nicht nur jedes Blatt auszureizen, oft trieb ihn sein Ehrgeiz auch dazu, mit einem vermeintlich schwachen Blatt die Gegner düpieren zu wollen. Urmel hingegen, war ein über die Länge des Skatabends am Endergebnis orientierter Taktiker, der Ramschrunden und Risiken provozierte, indem er bei einem eigenen starken Blatt, die anderen spielen und reinrasseln ließ. Er konnte nicht begreifen, wieso Peggy so schnell reüssierte. Und weil das so war, machte er überraschend viele Fehler, die von einer allgemeinen Verunsicherung herrührten. Bei der Karten spielenden Peggy liefen nicht wie sonst vor lauter Unsicherheit während Begegnungen mit neuen Menschen Hals und Kinnpartie hektisch und rotfleckig an, sondern provozierte eine unerschütterliche Gelassenheit. Am Kartentisch konnte man sie einfach nicht „hochschießen“. Was Urmel ein ums andere Mal dazu verleitete, sie beim Nachkarten als Hexe zu beschimpfen. Das bereitete wiederum René eine klammheimliche Freude …

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