5. Kapitel
Zum Hauptgang reichte Jean-Jaques
vermeintlich einen rustikalen Dordogne-Klassiker: Magret von der Gänsebrust mit gebratenen Steinpilzen und „Pommes Trois Jumeaux“. Aber bei dem
Golf-Kumpel, der seine Schläger mittlerweile genauso souverän schwang wie seine
Kochlöffel war das meist überraschende Resultat stets die Quersumme aus
Kreativität, präzisem Handwerk und dem Ehrgeiz, der Beste zu sein. Der kleine
Bretone hatte sich als Späteinsteiger sein Handicap 4 genau so schnell
erarbeitet wie einst seinen Status als Sternekoch in Quimper. Aber er hatte
auch schon bald aus diesen Parallelen gelernt. Wenn all die Konzentration nur
auf Gewinn und Verbesserung ausgerichtet ist, bleibt der Spaß irgendwann auf
der Strecke. So verzichtete er zuerst auf die Sterne und kaufte sich das „Cajun“, das ohne Chichi wesentlich mehr
Gewinn abwarf als sein ruhmreiches „Ti
Breizh“. Bald reichte es ihm, auch lediglich das schönste Golf zu spielen,
das ihm die jeweilige Tagesform ohne konsequentes Training ermöglichte. Er
strebte nicht länger nach der Null, die ihm mit bald 50 eh keine Pro-Karriere
mehr eröffnet hätte.
Beide Gruppen – die Golffreunde und die
Gourmets – fanden, dass er seither erst seine wahre Meisterschaft auf beiden
Gebieten erreicht hätte. Was er an diesem Gang wieder bewies, als die Teller
serviert wurden:
Er hatte die nur leicht gesalzenen Magrets zwei Tage lang in einer Beize
aus Armagnac Pflaumen, Pfeffer und Charlotten eingelegt und sie dann auf einem
Rost über einer Reine im Ofen mit der Fetthaut nach unten bei nur rund siebzig
Grad regelrecht schmelzen lassen ohne sie dabei auszutrocknen. Einen Teil des
derart aromatisierten aber noch nicht gesottenen Schmalzes nahm er, um darin die Drillingskartoffeln und
die dick geschnittenen Steinpilzscheiben zu frittieren. Die Beize wurde unter
Volldampf reduziert, püriert und passiert, während die Magrets auf der Haut in großen Pfannen den Rest vom Fett abgaben,
ohne ihre rosa gefärbte Zartheit zu verlieren. Die eingebrannte Sauce verdankte
ihre Einzigartigkeit dann einer frisch vor dem Servieren hinzugefügten Menge
geriebenen Ingwers und einer fein gehackten Kräutermischung aus Estragon, rotem
Pfeffer sowie grünem Koriander.
Johannes konnte sich ganz ohne Smalltalk vollkommen
dem Genuss hingeben, weil er am unteren Ende der Tafel auf einmal ganz alleine
saß. Kurz nach dem lauten Abgang von Urmel
waren auch Nathalie und Roseanne unter dem Vorwand aufgestanden, sie müssten
sich um den alten Freund in dieser offensichtlich schlechten ‚seelischen’
Verfassung kümmern. Maurice hatte sich dann – um wenigstens eine der Lücken zu
schließen - auf den Platz seiner Schwester gesetzt. Bei Renés langjährigen,
einheimischen Weggefährten sorgte er mit seinem Charme dort bald wieder für
entspannte Atmosphäre.
Johannes war das nur recht. Er konnte einfach
nur genießen, zumal ihm Jean-Jaques signalisiert hatte, er solle sich zur Gans
auf ein spezielles Geschmackerlebnis einstellen. Ein Ober war dann wie in
geheimer Mission an ihn herangetreten, und hatte ihm einen eher hellen,
eisgekühlten Prieurée Lichine aus dem
Jahre 1993 in ein Tulpenglas gegossen. Ein derart gekühlter Haute Médoc hätte bei den Betagten am
anderen Tischende vermutlich zu Herzinfarkten aus Empörung geführt. Aber zu der
immer noch leicht blutsaftigen inneren Konsistenz des Magret passte dieses
önologische Sakrileg wie eine junge Hure zum alten Schwerenöter: Der Geruch war
ordinär und verdiente den Begriff Bouquet nicht, aber schon in der Mundhöhle animierte
die Kreszenz eine kaum mehr für möglich gehaltene Fleischeslust.
Die Assoziation zu Peggy und René kam bei
dieser nur gedachten Formulierung ganz von selbst, und Johannes rief sich zur
Ordnung, weil er im Geiste irgendwie in die Redensarten von Joceline und Urmel geraten war. Er selbst hatte das
Aufeinandertreffen von gegerbter lederner Bräune und transparent unschuldiger
Milchhaut im Fortgang eher als großes poetisches Erlebnis gesehen. Aber Joceline
und Urmel hätten im Walcottschen
Sinne ja auch nicht ihr Spiegelbild herunterpellen können, um sich das Leben
schmecken zu lassen. Sie waren sich selbst nicht genug gewogen, um einfach nur
lieben zu können und deshalb fanden sie bei anderen, die lieben wollten, genug fadenscheinige
Argumente, um dies missbilligen zu können.
Bei Joceline äußerte sich diese Unfähigkeit gerne in einer zotigen Sprache, von der sie glaubte, diese gefiele ihrer meist männlichen Entourage. Als sie Peggy beobachtete, die in den ersten Tagen zu dieser körperlichen Freizügigkeit im Bunker mit ihrem selbst gehäkelten Bikini beim Beaufsichtigen von Nathalies Kindern auf Abstand gegangen war, fiel ihre Geringschätzung deshalb viel frauenverächtlicher aus:
Bei Joceline äußerte sich diese Unfähigkeit gerne in einer zotigen Sprache, von der sie glaubte, diese gefiele ihrer meist männlichen Entourage. Als sie Peggy beobachtete, die in den ersten Tagen zu dieser körperlichen Freizügigkeit im Bunker mit ihrem selbst gehäkelten Bikini beim Beaufsichtigen von Nathalies Kindern auf Abstand gegangen war, fiel ihre Geringschätzung deshalb viel frauenverächtlicher aus:
„Wie kann man, wenn man so blass ist, nur so
ein scheußliches Rosa tragen. Die ist bestimmt noch Jungfrau. Der Kerl, der die
knackt, wird ihr erstmal die Spinnweben von der Möse blasen müssen.“
Ganz so hart war Urmels erster Kommentar nicht gewesen, aber da hatte er ja auch noch keinen Grund zur Eifersucht gehabt:
Ganz so hart war Urmels erster Kommentar nicht gewesen, aber da hatte er ja auch noch keinen Grund zur Eifersucht gehabt:
„Der Buttermilch-Pfannkuchen muss aus der
Sonne, sonst verbrutzelt er!“
Im Gegensatz zu Jocelines Eifersucht, die nur
darauf beruhte, dass René sie als Sexualpartnerin seit mehr als einem Jahrzehnt
außer Betracht zog, hatte die Urmels
existenzielle und versorgungstechnische Gründe gehabt. Urmel war René als einziger immer so nah gewesen, dass er wirklich
ermessen konnte, wie tief René vom beinahe gleichzeitigen verlassen Werden
seiner beiden Frauen im innersten erschüttert gewesen war. Natürlich war Urmel nicht so plump, sofort in dieses
Vakuum an Zuneigung einzudringen, das Nathalie und Roseanne hinterlassen hatten.
Es dauerte noch über ein Jahr, ehe er immer häufiger und nun oft für Monate
einen der Glaswürfel, aus denen Renés Bungalow bestand, okkupierte. Urmel war das genaue Gegenteil von
schwul, in dieser Richtung mussten keine falschen Überlegungen angestellt
werden. Urmel war sogar einer, der
die tollsten Frauen ins Bett bekam. Sie mussten nur einen Hauch eines
Fürsorgesyndroms erkennten lassen, dann wurde der Wurzellose besonders haltlos.
Aber sein beinahe besessen gelebter Alleinanspruch auf René war genau das, was
diese Frauen bei Urmel eben weder
über kurz noch über lang erwarten konnten. Auch Joceline, die nicht müde wurde,
offen seine Fähigkeiten als Liebhaber zu preisen, musste im Laufe der Zeit
einsehen, dass Urmel nur bei ihr
Unterschlupf suchte, wenn im „Royaume“
der Haussegen schief hing oder es anderweitig okkupiert wurde.
Vielleicht wäre es in diesem Zusammenhang
jetzt an der Zeit, auch zu erklären, wieso ein Mann von über sechzig einen so
merkwürdigen Spitznamen hat. Natürlich stammte der auch von René, sonst hätte
Wolfhart Ballhaus ihn nie akzeptiert. Während Renés Jahre in Deutschland war der junge Ballhaus Anfang der 1970er
unter der Leitung seines Mentors einmal grandios mit einer Werbekampagne für
einen Kühlgeräte-Hersteller gescheitert. Die Idee war toll gewesen, eine damals
aus dem Fernsehen populäre Marionette, einen kleinen Drachen namens „Urmel aus
dem Eis“ die Vorzüge jener Kühlschränke vortragen zu lassen. Die Präsentation
lief brillant, die Anzeigenmotive und der TV-Spot waren die Knaller, aber Ballhaus
hatte vergessen, vorher die Lizenzvergabe abzuklären…
„Sie sind mir schon so ein Urmel“, hatte
René ihn väterlich getadelt, aber nicht
sofort - wie sonst üblich in dieser hektischen Branche
- gefeuert. Das war der Anfang einer fruchtbaren Zusammenarbeit und
Freundschaft, die sogar diesen Spitznamen verkraftet hat.
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