Donnerstag, 30. Januar 2014

Strohfeuer


              5. Kapitel

  Zum Hauptgang reichte Jean-Jaques vermeintlich einen rustikalen Dordogne-Klassiker: Magret von der Gänsebrust mit gebratenen Steinpilzen und „Pommes Trois Jumeaux“. Aber bei dem Golf-Kumpel, der seine Schläger mittlerweile genauso souverän schwang wie seine Kochlöffel war das meist überraschende Resultat stets die Quersumme aus Kreativität, präzisem Handwerk und dem Ehrgeiz, der Beste zu sein. Der kleine Bretone hatte sich als Späteinsteiger sein Handicap 4 genau so schnell erarbeitet wie einst seinen Status als Sternekoch in Quimper. Aber er hatte auch schon bald aus diesen Parallelen gelernt. Wenn all die Konzentration nur auf Gewinn und Verbesserung ausgerichtet ist, bleibt der Spaß irgendwann auf der Strecke. So verzichtete er zuerst auf die Sterne und kaufte sich das „Cajun“, das ohne Chichi wesentlich mehr Gewinn abwarf als sein ruhmreiches „Ti Breizh“. Bald reichte es ihm, auch lediglich das schönste Golf zu spielen, das ihm die jeweilige Tagesform ohne konsequentes Training ermöglichte. Er strebte nicht länger nach der Null, die ihm mit bald 50 eh keine Pro-Karriere mehr eröffnet hätte.
  Beide Gruppen – die Golffreunde und die Gourmets – fanden, dass er seither erst seine wahre Meisterschaft auf beiden Gebieten erreicht hätte. Was er an diesem Gang wieder bewies, als die Teller serviert wurden:
  Er hatte die nur leicht gesalzenen Magrets zwei Tage lang in einer Beize aus Armagnac Pflaumen, Pfeffer und Charlotten eingelegt und sie dann auf einem Rost über einer Reine im Ofen mit der Fetthaut nach unten bei nur rund siebzig Grad regelrecht schmelzen lassen ohne sie dabei auszutrocknen. Einen Teil des derart aromatisierten aber noch nicht gesottenen Schmalzes  nahm er, um darin die Drillingskartoffeln und die dick geschnittenen Steinpilzscheiben zu frittieren. Die Beize wurde unter Volldampf reduziert, püriert und passiert, während die Magrets auf der Haut in großen Pfannen den Rest vom Fett abgaben, ohne ihre rosa gefärbte Zartheit zu verlieren. Die eingebrannte Sauce verdankte ihre Einzigartigkeit dann einer frisch vor dem Servieren hinzugefügten Menge geriebenen Ingwers und einer fein gehackten Kräutermischung aus Estragon, rotem Pfeffer sowie grünem Koriander.
  Johannes konnte sich ganz ohne Smalltalk vollkommen dem Genuss hingeben, weil er am unteren Ende der Tafel auf einmal ganz alleine saß. Kurz nach dem lauten Abgang von Urmel waren auch Nathalie und Roseanne unter dem Vorwand aufgestanden, sie müssten sich um den alten Freund in dieser offensichtlich schlechten ‚seelischen’ Verfassung kümmern. Maurice hatte sich dann – um wenigstens eine der Lücken zu schließen - auf den Platz seiner Schwester gesetzt. Bei Renés langjährigen, einheimischen Weggefährten sorgte er mit seinem Charme dort bald wieder für entspannte Atmosphäre.
  Johannes war das nur recht. Er konnte einfach nur genießen, zumal ihm Jean-Jaques signalisiert hatte, er solle sich zur Gans auf ein spezielles Geschmackerlebnis einstellen. Ein Ober war dann wie in geheimer Mission an ihn herangetreten, und hatte ihm einen eher hellen, eisgekühlten Prieurée Lichine aus dem Jahre 1993 in ein Tulpenglas gegossen. Ein derart gekühlter Haute Médoc hätte bei den Betagten am anderen Tischende vermutlich zu Herzinfarkten aus Empörung geführt. Aber zu der immer noch leicht blutsaftigen inneren Konsistenz des Magret passte dieses önologische Sakrileg wie eine junge Hure zum alten Schwerenöter: Der Geruch war ordinär und verdiente den Begriff Bouquet nicht, aber schon in der Mundhöhle animierte die Kreszenz eine kaum mehr für möglich gehaltene Fleischeslust.
  Die Assoziation zu Peggy und René kam bei dieser nur gedachten Formulierung ganz von selbst, und Johannes rief sich zur Ordnung, weil er im Geiste irgendwie in die Redensarten von Joceline und Urmel geraten war. Er selbst hatte das Aufeinandertreffen von gegerbter lederner Bräune und transparent unschuldiger Milchhaut im Fortgang eher als großes poetisches Erlebnis gesehen. Aber Joceline und Urmel hätten im Walcottschen Sinne ja auch nicht ihr Spiegelbild herunterpellen können, um sich das Leben schmecken zu lassen. Sie waren sich selbst nicht genug gewogen, um einfach nur lieben zu können und deshalb fanden sie bei anderen, die lieben wollten, genug fadenscheinige Argumente, um dies missbilligen zu können.
  Bei Joceline äußerte sich diese Unfähigkeit gerne in einer zotigen Sprache, von der sie glaubte, diese gefiele ihrer meist männlichen Entourage. Als sie Peggy beobachtete, die in den ersten Tagen zu dieser körperlichen Freizügigkeit im Bunker mit ihrem selbst gehäkelten Bikini beim Beaufsichtigen von Nathalies Kindern auf Abstand gegangen war, fiel ihre Geringschätzung deshalb viel frauenverächtlicher aus:
  „Wie kann man, wenn man so blass ist, nur so ein scheußliches Rosa tragen. Die ist bestimmt noch Jungfrau. Der Kerl, der die knackt, wird ihr erstmal die Spinnweben von der Möse blasen müssen.“
  Ganz so hart war Urmels erster Kommentar nicht gewesen, aber da hatte er ja auch noch keinen Grund zur Eifersucht gehabt:
  „Der Buttermilch-Pfannkuchen muss aus der Sonne, sonst verbrutzelt er!“
  Im Gegensatz zu Jocelines Eifersucht, die nur darauf beruhte, dass René sie als Sexualpartnerin seit mehr als einem Jahrzehnt außer Betracht zog, hatte die Urmels existenzielle und versorgungstechnische Gründe gehabt. Urmel war René als einziger immer so nah gewesen, dass er wirklich ermessen konnte, wie tief René vom beinahe gleichzeitigen verlassen Werden seiner beiden Frauen im innersten erschüttert gewesen war. Natürlich war Urmel nicht so plump, sofort in dieses Vakuum an Zuneigung einzudringen, das Nathalie und Roseanne hinterlassen hatten. Es dauerte noch über ein Jahr, ehe er immer häufiger und nun oft für Monate einen der Glaswürfel, aus denen Renés Bungalow bestand, okkupierte. Urmel war das genaue Gegenteil von schwul, in dieser Richtung mussten keine falschen Überlegungen angestellt werden. Urmel war sogar einer, der die tollsten Frauen ins Bett bekam. Sie mussten nur einen Hauch eines Fürsorgesyndroms erkennten lassen, dann wurde der Wurzellose besonders haltlos. Aber sein beinahe besessen gelebter Alleinanspruch auf René war genau das, was diese Frauen bei Urmel eben weder über kurz noch über lang erwarten konnten. Auch Joceline, die nicht müde wurde, offen seine Fähigkeiten als Liebhaber zu preisen, musste im Laufe der Zeit einsehen, dass Urmel nur bei ihr Unterschlupf suchte, wenn im „Royaume“ der Haussegen schief hing oder es anderweitig okkupiert wurde.
  Vielleicht wäre es in diesem Zusammenhang jetzt an der Zeit, auch zu erklären, wieso ein Mann von über sechzig einen so merkwürdigen Spitznamen hat. Natürlich stammte der auch von René, sonst hätte Wolfhart Ballhaus ihn nie akzeptiert. Während Renés Jahre in Deutschland  war der junge Ballhaus Anfang der 1970er unter der Leitung seines Mentors einmal grandios mit einer Werbekampagne für einen Kühlgeräte-Hersteller gescheitert. Die Idee war toll gewesen, eine damals aus dem Fernsehen populäre Marionette, einen kleinen Drachen namens „Urmel aus dem Eis“ die Vorzüge jener Kühlschränke vortragen zu lassen. Die Präsentation lief brillant, die Anzeigenmotive und der TV-Spot waren die Knaller, aber Ballhaus hatte vergessen, vorher die Lizenzvergabe abzuklären…

   „Sie sind mir schon so ein Urmel“, hatte René ihn väterlich getadelt, aber nicht  sofort  -  wie sonst üblich in dieser hektischen Branche - gefeuert. Das war der Anfang einer fruchtbaren Zusammenarbeit und Freundschaft, die sogar diesen Spitznamen verkraftet hat.

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