6. Kapitel
Nach
der Gänsebrust erhob sich Jean-Francois und verblüffte alle mit einer freien
Rede, die völlig vergessen ließ, dass er noch vor kurzem so schleppend und nach
Begriffen suchend geredet hatte. Er erzählte, wie René – selbst als der schon
ein halbes Dutzend Chemos hinter sich hatte – ihn jeden Tag in seinem Rollstuhl
den Boardwalk und die Promenade am Meer entlang geschoben und zur Konversation
genötigt hatte:
„Da hatten wir es beide schon längst
begriffen. Er der Guru und ich sein Jünger, dass wir zwar den Alterungsprozess
aufhalten können, aber nicht den Tod, wenn der eine Verabredung mit uns hat.
René hat gegen den Gevatter gekämpft wie in seinen besten Tagen auf dem
Tennisplatz. – Und er musste auch für mich mitkämpfen, denn mein Gehirn konnte
solche Energien in dieser Zeit noch nicht wieder freisetzen. Je mehr der Krebs
ihn auffraß, desto hartnäckiger blieb er dabei, mich ins Leben zurückholen zu
wollen. Das schien seine letzte Mission zu sein: Mir, dem zwanzig Jahre
Jüngeren, zu einem aufgeschobenen Rendezvous mit dem Tod zu verhelfen. Als er
dann selbst nicht mehr sprechen konnte, war ich bei ihm. Und das bewusste mit
ihm reden Müssen brachte mein Sprachvermögen nahezu vollständig zurück. Ihr
könnt euch nicht vorstellen, wie entspannt der Kerl trotz der furchtbaren
Schmerzen immer noch grinsen konnte, wenn unsere Stunde vorbei war oder bevor
er wieder wegdämmerte. Maurice war mit den Figuren auf diesem Gemälde drei Tage
vor Renés Tod fertig geworden und brachte das da noch monochrome Motiv mit ans
Krankenbett, damit René es noch sehen konnte. Denn es war offenkundig, dass es
nicht mehr lang mit ihm gehen würde. Ich hatte irgendwie einer Eingebung
folgend sein Lieblingsstück „L’Aprèsmidi
d’un Faune“ von Claude Debussy in den CD-Player gelegt. In den zehn Minuten
kehrte René noch einmal ganz zu uns zurück und gab Guillaume und mir einen nachhaltigen Impuls.“
Jean-Francois imitierte die Stimme von René
viel verblüffender als kurz zuvor der eine von den beiden Golfern:
„Famous last words, meine Freunde! Lass die Farben aus dir heraus
Guillaume! Das ist eine Auftragsarbeit, und ich will Farbe in meinem Bild. Ich
wollte danach immer verbrannt werden, das wisst ihr ja. Aber jetzt weiß ich
auch, dass einem das gelebte Leben in dem Moment, da es ans Sterben geht, im
Blick zurück bereits als Strohfeuer erscheint. Ich sage euch, brennt so lange
ihr könnt, kämpft um jedes Fünkchen Glut! Das Leben ist erst dann Vorbei, wenn
ihr keine Liebe und kein Feuer der Farben mehr in anderen erzeugen könnt.“
Nachdem Jean-Francois geendet hatte,
herrschte Schweigen; nur einen Moment lang. Ein Schweigen, das ein wehmütiges
Lächeln der Erkenntnis mit sich führte. Jeder an dieser Tafel wusste, was
Jean-Francois und Guillaume hatten durchmachen müssen. Dass ausgerechnet sie
das Wesen Renés so symbolträchtig
heraufbeschwören konnten, war das wahrhaftige Wunder. Da erübrigte sich
eigentlich jedes weitere Wort.
Johannes hatte ja vorgehabt, die gemeinsame Dordogne-Reise oder Peggy
und mit ihr exemplarisch die Chance eines alten Mannes auf eine junge Liebe zu
thematisieren, aber beides wäre ihm jetzt wie Leichenfledderei vorgekommen. Und
da sich nun auch noch der Bürgermeister höchst selbst ohne Gespür für den
Augenblick als Redner einreihte, schlich sich Johannes auf die Toilette, um
seine Blutzuckerwerte zu kontrollieren und Insulin nach zu spritzen.
Nathalie, Roseanne und Urmel, für die Peggy am Ende ja „non grata“ gewesen war, waren zwar
erwartungsgemäß nicht zur Gesellschaft zurückgekehrt, aber dennoch hielt es
Johannes nun nicht mehr für angemessen über die Engländerin zu sprechen. Und
Nachtisch und Käse, sowie weiterer Wein waren laut Display auf dem kleinen Messgerät
auch nicht angebracht. In diesem Moment entschied Johannes, die Geschichte – so
wie René sie ihm geschildert hatte - in
Form einer Erzählung aufzuschreiben und Maurice davon eine CD-rom zu brennen. Der
sollte letztlich entscheiden, wer sie zu lesen bekäme.
Johannes hatte den Schlüssel von Jocelines
Haus in der Tasche. Es war abgemacht gewesen, dass er in ihrem Gästezimmer
übernachten würde. Sein Auto stand noch am Surferspot in genau entgegen
gesetzter Richtung. Fahrtüchtig wäre er ohnehin nicht mehr gewesen, deshalb
entschied er sich, die Promenade und den Rest des Weges entlang am Meer zu
gehen. Joceline würde schon eine Zahnbürste für ihn haben.
Es war ein Samstagabend Mitte Oktober gegen
zehn Uhr. Vor ein paar Jahren noch wären die Straßen um diese Zeit bereits
ausgestorben gewesen. Jetzt wirkte die Flaniermeile wie ein Tivoli. Es gab
Kinderkarusselle und Auto-Scooter, ein Disco-Zelt, und Gasheizer sorgten dafür,
dass die Leute sogar noch draußen sitzen - und rauchen konnten, obwohl es doch
schon recht frisch war. Früher herrschten die Jahrgänge von René und seinen Kumpanen über LaGrange. Nun war der Ort deutlich jünger geworden. Es waren kaum
weniger hübsche und junge Frauen in sexy Outfits unterwegs als im Sommer.
Johannes bereute seinen Spaziergang daher absolut nicht. Wie immer wenn er
etwas getrunken hatte, überkam ihn eine spontane Lust auf eine Zigarette,
obwohl er sonst nicht mehr rauchte. Er wollte sich aus selbsterzieherischen
Gründen nicht extra eine eigene Packung kaufen und fragte zwei junge Frauen,
die einen Tisch am Bürgersteig hatten, ob er sich zu ihnen setzen und eine
Zigarette schnorren dürfe, dafür würde er die nächste Runde zahlen.
Die Mädchen schienen besonders erfreut und
verwoben ihn alsbald in ein charmantes Gespinst aus Smalltalk, das sie für drei
weitere Zigaretten und Drinks einband. Dann machten sie ihm unmissverständlich
klar, dass sie für 200 Euro pro „Bijou“ durchaus bereit wären, die Nacht mit
ihm zu verbringen. O tempora, o mores! Früher hätte er Profis auf den ersten
Blick erkannt, deshalb lachte Johannes etwas lauter auf, als schicklich gewesen
wäre. Er sah, wie sich auf den hübsch geschminkten Gesichtern Empörung
verletzter Berufsehre abzeichnete und
flüchtete sich in ein vom Alkohol getriebenes
schwungvolles Fabulieren. Er sei psychisch durchaus angesprochen,
materiell dazu auch in der Lage, aber physisch einer derartigen Herausforderung nicht mehr gewachsen,
geschweige denn in der nötigen seelischen Verfassung. Gerade sei die Asche
seines Freundes Strand und Meer von LaGrange
übergeben worden, schloss er lyrisch.
Endlich in Jocelines Haus angekommen, schalt
er sich, mehr aus Angst vor dem Versagen als aus verlogener Pietät, diese
Gelegenheit nicht ergriffen zu haben. Als er sich nackt niederlegte, klatschten
die ersten dicken Tropfen auf das Atelierdach über ihm und fielen alsbald so
dicht, dass das Klopfen in ein einschläferndes Rauschen überging. Gerade hörte
er noch Jocelines schweren Wagen auf dem Kies der Einfahrt, da war er auch
schon eingeschlafen. Nirgends auf der Welt hatte er jemals so entspannt
geschlafen wie hier am Atlantik mit der hinter den Dünen leise rauschenden
Brandung, die den Nachtwind mit
Jodsalz-Molekülen schwängert. Dieser selige dezent alkoholisierte
Urzustand verhinderte, das das was dann folgte, zu einem Alptraum hätte werden
können. Joceline war frisch geduscht und
mit geputzten Zähnen die Tabak- und Alkoholfahne nur noch sachte wehen ließen, Kopf voran in
sein Bett und unter seine Steppdecke getaucht. Hätte er dieser Schnorcheltaucherei
Einhalt gebieten sollen? Gedanken an die beiden Mädchen halfen ihm über die
anfängliche Schwäche hinweg, und als die Antiquitätenhändlerin Wellen reitend
wieder aufgetaucht war, schien sie das Ergebnis ihrer Bemühungen durchaus
befriedigend gefunden zu haben. „Madame
sans gène“ war dezent genug, nach einer kurzen Verschnaufpause auf der breit gepolsterten Brust von Johannes,
wieder rettende Ufer aufzusuchen. Paare in ihrem vorgerückten Alter mussten ja
nicht mehr unbedingt neben einander aufwachen…
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