Donnerstag, 6. Februar 2014

Strohfeuer

              6. Kapitel
 
  Nach der Gänsebrust erhob sich Jean-Francois und verblüffte alle mit einer freien Rede, die völlig vergessen ließ, dass er noch vor kurzem so schleppend und nach Begriffen suchend geredet hatte. Er erzählte, wie René – selbst als der schon ein halbes Dutzend Chemos hinter sich hatte – ihn jeden Tag in seinem Rollstuhl den Boardwalk und die Promenade am Meer entlang geschoben und zur Konversation genötigt hatte:
  „Da hatten wir es beide schon längst begriffen. Er der Guru und ich sein Jünger, dass wir zwar den Alterungsprozess aufhalten können, aber nicht den Tod, wenn der eine Verabredung mit uns hat. René hat gegen den Gevatter gekämpft wie in seinen besten Tagen auf dem Tennisplatz. – Und er musste auch für mich mitkämpfen, denn mein Gehirn konnte solche Energien in dieser Zeit noch nicht wieder freisetzen. Je mehr der Krebs ihn auffraß, desto hartnäckiger blieb er dabei, mich ins Leben zurückholen zu wollen. Das schien seine letzte Mission zu sein: Mir, dem zwanzig Jahre Jüngeren, zu einem aufgeschobenen Rendezvous mit dem Tod zu verhelfen. Als er dann selbst nicht mehr sprechen konnte, war ich bei ihm. Und das bewusste mit ihm reden Müssen brachte mein Sprachvermögen nahezu vollständig zurück. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie entspannt der Kerl trotz der furchtbaren Schmerzen immer noch grinsen konnte, wenn unsere Stunde vorbei war oder bevor er wieder wegdämmerte. Maurice war mit den Figuren auf diesem Gemälde drei Tage vor Renés Tod fertig geworden und brachte das da noch monochrome Motiv mit ans Krankenbett, damit René es noch sehen konnte. Denn es war offenkundig, dass es nicht mehr lang mit ihm gehen würde. Ich hatte irgendwie einer Eingebung folgend sein Lieblingsstück „L’Aprèsmidi d’un Faune“ von Claude Debussy in den CD-Player gelegt. In den zehn Minuten kehrte René noch einmal ganz zu uns zurück und gab Guillaume und mir einen  nachhaltigen Impuls.“
  Jean-Francois imitierte die Stimme von René viel verblüffender als kurz zuvor der eine von den beiden Golfern:
  „Famous last words, meine Freunde! Lass die Farben aus dir heraus Guillaume! Das ist eine Auftragsarbeit, und ich will Farbe in meinem Bild. Ich wollte danach immer verbrannt werden, das wisst ihr ja. Aber jetzt weiß ich auch, dass einem das gelebte Leben in dem Moment, da es ans Sterben geht, im Blick zurück bereits als Strohfeuer erscheint. Ich sage euch, brennt so lange ihr könnt, kämpft um jedes Fünkchen Glut! Das Leben ist erst dann Vorbei, wenn ihr keine Liebe und kein Feuer der Farben mehr in anderen erzeugen könnt.“
  Nachdem Jean-Francois geendet hatte, herrschte Schweigen; nur einen Moment lang. Ein Schweigen, das ein wehmütiges Lächeln der Erkenntnis mit sich führte. Jeder an dieser Tafel wusste, was Jean-Francois und Guillaume hatten durchmachen müssen. Dass ausgerechnet sie das Wesen Renés  so symbolträchtig heraufbeschwören konnten, war das wahrhaftige Wunder. Da erübrigte sich eigentlich jedes weitere Wort.
    Johannes hatte ja vorgehabt, die gemeinsame Dordogne-Reise oder Peggy und mit ihr exemplarisch die Chance eines alten Mannes auf eine junge Liebe zu thematisieren, aber beides wäre ihm jetzt wie Leichenfledderei vorgekommen. Und da sich nun auch noch der Bürgermeister höchst selbst ohne Gespür für den Augenblick als Redner einreihte, schlich sich Johannes auf die Toilette, um seine Blutzuckerwerte zu kontrollieren und Insulin nach zu spritzen.
  Nathalie, Roseanne und Urmel, für die Peggy am Ende ja „non grata“ gewesen war, waren zwar erwartungsgemäß nicht zur Gesellschaft zurückgekehrt, aber dennoch hielt es Johannes nun nicht mehr für angemessen über die Engländerin zu sprechen. Und Nachtisch und Käse, sowie weiterer Wein waren laut Display auf dem kleinen Messgerät auch nicht angebracht. In diesem Moment entschied Johannes, die Geschichte – so wie René  sie ihm geschildert hatte - in Form einer Erzählung aufzuschreiben und Maurice davon eine CD-rom zu brennen. Der sollte letztlich entscheiden, wer sie zu lesen bekäme.
  Johannes hatte den Schlüssel von Jocelines Haus in der Tasche. Es war abgemacht gewesen, dass er in ihrem Gästezimmer übernachten würde. Sein Auto stand noch am Surferspot in genau entgegen gesetzter Richtung. Fahrtüchtig wäre er ohnehin nicht mehr gewesen, deshalb entschied er sich, die Promenade und den Rest des Weges entlang am Meer zu gehen. Joceline würde schon eine Zahnbürste für ihn haben.
  Es war ein Samstagabend Mitte Oktober gegen zehn Uhr. Vor ein paar Jahren noch wären die Straßen um diese Zeit bereits ausgestorben gewesen. Jetzt wirkte die Flaniermeile wie ein Tivoli. Es gab Kinderkarusselle und Auto-Scooter, ein Disco-Zelt, und Gasheizer sorgten dafür, dass die Leute sogar noch draußen sitzen - und rauchen konnten, obwohl es doch schon recht frisch war. Früher herrschten die Jahrgänge von René und seinen  Kumpanen über LaGrange. Nun war der Ort deutlich jünger geworden. Es waren kaum weniger hübsche und junge Frauen in sexy Outfits unterwegs als im Sommer. Johannes bereute seinen Spaziergang daher absolut nicht. Wie immer wenn er etwas getrunken hatte, überkam ihn eine spontane Lust auf eine Zigarette, obwohl er sonst nicht mehr rauchte. Er wollte sich aus selbsterzieherischen Gründen nicht extra eine eigene Packung kaufen und fragte zwei junge Frauen, die einen Tisch am Bürgersteig hatten, ob er sich zu ihnen setzen und eine Zigarette schnorren dürfe, dafür würde er die nächste Runde zahlen.
  Die Mädchen schienen besonders erfreut und verwoben ihn alsbald in ein charmantes Gespinst aus Smalltalk, das sie für drei weitere Zigaretten und Drinks einband. Dann machten sie ihm unmissverständlich klar, dass sie für 200 Euro pro „Bijou“ durchaus bereit wären, die Nacht mit ihm zu verbringen. O tempora, o mores! Früher hätte er Profis auf den ersten Blick erkannt, deshalb lachte Johannes etwas lauter auf, als schicklich gewesen wäre. Er sah, wie sich auf den hübsch geschminkten Gesichtern Empörung verletzter Berufsehre  abzeichnete und flüchtete sich in ein vom Alkohol getriebenes  schwungvolles Fabulieren. Er sei psychisch durchaus angesprochen, materiell dazu auch in der Lage, aber physisch einer derartigen  Herausforderung nicht mehr gewachsen, geschweige denn in der nötigen seelischen Verfassung. Gerade sei die Asche seines Freundes Strand und Meer von LaGrange übergeben worden, schloss er lyrisch.

  Endlich in Jocelines Haus angekommen, schalt er sich, mehr aus Angst vor dem Versagen als aus verlogener Pietät, diese Gelegenheit nicht ergriffen zu haben. Als er sich nackt niederlegte, klatschten die ersten dicken Tropfen auf das Atelierdach über ihm und fielen alsbald so dicht, dass das Klopfen in ein einschläferndes Rauschen überging. Gerade hörte er noch Jocelines schweren Wagen auf dem Kies der Einfahrt, da war er auch schon eingeschlafen. Nirgends auf der Welt hatte er jemals so entspannt geschlafen wie hier am Atlantik mit der hinter den Dünen leise rauschenden Brandung, die den Nachtwind mit  Jodsalz-Molekülen schwängert. Dieser selige dezent alkoholisierte Urzustand verhinderte, das das was dann folgte, zu einem Alptraum hätte werden können. Joceline war frisch geduscht und  mit geputzten Zähnen die Tabak- und Alkoholfahne  nur noch sachte wehen ließen, Kopf voran in sein Bett und unter seine Steppdecke getaucht. Hätte er dieser Schnorcheltaucherei Einhalt gebieten sollen? Gedanken an die beiden Mädchen halfen ihm über die anfängliche Schwäche hinweg, und als die Antiquitätenhändlerin Wellen reitend wieder aufgetaucht war, schien sie das Ergebnis ihrer Bemühungen durchaus befriedigend gefunden zu haben. „Madame sans gène“ war dezent genug, nach einer kurzen Verschnaufpause auf  der breit gepolsterten Brust von Johannes, wieder rettende Ufer aufzusuchen. Paare in ihrem vorgerückten Alter mussten ja nicht mehr unbedingt neben einander aufwachen…

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