8. Kapitel
Johannes tauchte aus den Tiefen seiner
Erinnerung auf wie die Markierungsboje eines Schatzsuchers, weil
hinter ihm weibliches Raunen die durch die Fenster gedämpften Geräusche der
langsam zurückweichenden Brandung übertönte. Maurice hatte mit ungekämmten,
noch nassen Locken und barfuß die Bar in einem blütenweißen Lacoste-Hoody
betreten und nahm die Küsschen-Küsschen-Parade ab. Indem er schmachtend
Komplimente an die servierende und kochende Weiblichkeit verteilte, hielt er
beharrlich Kurs auf Johannes’ Tisch. Jeder andere, der in diesem an ihm
zugegebener Maßen sauteuer und elegant aussehenden Kapuzen-Trainingsanzug an
einem Sonntag zu dieser Jahreszeit die Bar des „Cajun“ betreten hätte, wäre gleich
hochkantig wieder hinaus geflogen.
Johannes indes war irgendwie froh, dass ein
wenig dieser Testosteron-Aura auf ihn abstrahlte, als sich der Kerl Schulter
klopfend zu ihm setzte. Andererseits bot dieser Vorgang auch eine komische
Perspektive: Über 200 Kilo Männerstolz an einem Bistro-Tischchen, das gerade
groß genug für den Laptop des Deutschen war. – Das fand wohl auch Jean-Jaques,
der sofort Abhilfe schuf und einen Vierpersonen-Tisch über die neugierig in
diese Richtung ausgerichteten Köpfe durch die nun prall volle Bar balancierte.
„Du warst gestern aber plötzlich verschwunden
Joannäs!“ Jean-Jaques bemühte sich immer den Namen korrekt deutsch
auszusprechen. Heraus kam phonetisch aber immer etwas, das klang wie der Name dieses
hispanischen Schmacht-Sängers.
„Mein Diabetes lässt solche Orgien einfach
nicht mehr zu. Und ich habe noch keine Lust auf ein Ende à la ‚Grande Bouffe“.
„Und jetzt - mein Alter? Kannst du schon wieder?“ Johannes überhörte die doppeldeutige Anspielung auf das, was nach der Phantasie des Wirtes bei der Übernachtung in Jocelines Haus hätte passiert sein können. Er bezog die anzügliche Frage stur auf den Lunch, der für ihn und Maurice traditionell aus einer „Plateau Royale“ bestehen sollte.
„Und jetzt - mein Alter? Kannst du schon wieder?“ Johannes überhörte die doppeldeutige Anspielung auf das, was nach der Phantasie des Wirtes bei der Übernachtung in Jocelines Haus hätte passiert sein können. Er bezog die anzügliche Frage stur auf den Lunch, der für ihn und Maurice traditionell aus einer „Plateau Royale“ bestehen sollte.
„Heute ist Protein-Tag“, grinste Maurice, der
die übliche Menge auf der Meeresfrüchte-Platte bei der augenzwinkernd
kumpelhaften Bestellung durch eine zusätzliche Languste zum obligaten Hummer
ergänzte. Diese Variante wurde zum Gedenken an René „Plateau Royaume“ genannt.
Die Austern waren trotz des Sonntags am
Morgen im Bassin von Arcachon geerntet worden, und die Bigorneaux und Bulots hatten
am Vormittag in Jean-Jaques’ Spezialsud ein
Dampf- und Schaumbad genommen, so dass sie geschmeidig und nicht gestockt aber
von einzigartiger Würze aus ihren Gehäusen kamen. Während sie vorweg - als
kleine Aufmerksamkeit des Hauses - lauwarme, in Dijonbutter mit einem Hauch
Knoblauch warm geküsste Jakobsmuscheln aus ihren Schalen schlürften, trieb
Johannes dann doch die Neugier:
„Wer hat nun Guillaumes Gemälde bekommen?“
Wollte er von Maurice wissen. Doch der ließ sich mit seiner Antwort Zeit. Mit
Nadeln beziehungsweise speziellen Stochern holte er zunächst einmal das Fleisch
aus den verschiedenen Schnecken-Gehäusen, schob es bedächtig zu kleinen
Häufchen zusammen und gab wahlweise Aioli oder handgerührte Mayonnaise dazu,
löffelte das ganze auf ein Stück Baguette und kaute enervierend genussvoll:
„Niemand! Die Jury war einhellig der Meinung, dass sie ohne Beiträge seiner deutschen Freunde und in Abwesenheit von Nathalie und Roseanne keine Entscheidung über diesen speziellen Teil von Renés Legat treffen wollte. Da ich den Nachlass ja regeln muss, war ich sehr damit einverstanden. Denn insgeheim bin ich der Ansicht, dass René speziell von dir, aber auch von Urmel einen besonderen Beitrag erwartet hätte. Er hat jedes eurer Streit-Gedichte liebevoll in ein Album und dazu die Etiketten der Weine geklebt, die ihr währenddessen geschluckt habt. Ich hoffe doch sehr, dass ich mal nicht so albern werde, wenn ich die Fünfzig überschreite. Manchmal liest sich das ja so, als hätten da zwei Weiber um die Gunst eines Kerls gebult. Roseanne ist schier ausgeflippt, als sie die Etiketten gesehen hat. Vermutlich hat sie heimlich nachgerechnet, welche Werte ihr da an einem dieser Abende versoffen habt…“
„Niemand! Die Jury war einhellig der Meinung, dass sie ohne Beiträge seiner deutschen Freunde und in Abwesenheit von Nathalie und Roseanne keine Entscheidung über diesen speziellen Teil von Renés Legat treffen wollte. Da ich den Nachlass ja regeln muss, war ich sehr damit einverstanden. Denn insgeheim bin ich der Ansicht, dass René speziell von dir, aber auch von Urmel einen besonderen Beitrag erwartet hätte. Er hat jedes eurer Streit-Gedichte liebevoll in ein Album und dazu die Etiketten der Weine geklebt, die ihr währenddessen geschluckt habt. Ich hoffe doch sehr, dass ich mal nicht so albern werde, wenn ich die Fünfzig überschreite. Manchmal liest sich das ja so, als hätten da zwei Weiber um die Gunst eines Kerls gebult. Roseanne ist schier ausgeflippt, als sie die Etiketten gesehen hat. Vermutlich hat sie heimlich nachgerechnet, welche Werte ihr da an einem dieser Abende versoffen habt…“
Johannes dachte gerne an diese spezielle
Übergangsphase in ihrer dreier Leben zurück. Diskurse, intellektuelle Plänkeleien
und Stegreif-Sketche waren mit diesem wirklich einzigartigen
Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Männern einhergegangen, das Jerome K.
Jerome in seinen „Drei Mann in einem Boot“ so trefflich skizziert hatte. Nur, dass
die Rolle des Foxels Montmercy bei ihnen ein zugelaufener Kater spielte, der so
riesig dick und behäbig gefräßig war, dass sie ihn spontan Guillaume und nicht wie
nahe liegend nach dem Comic-Kater Garfield getauft hatten.
„Weißt du, Maurice! Ich war mir so sicher,
dass ich euch allen von dieser Rad-Tour 1996 entlang der Dordogne erzählen sollte.
Aber dann hast du das Gemälde von Guillaume enthüllt mit Peggy und René in
unverkennbarer Allegorie. Da war mir klar, dass ich René und mir nicht mit
einer spontan vorgetragenen Schmonzette gerecht würde. Da reicht mein
Französisch heute einfach nicht mehr. Die Augen hat mir aber letztlich der
Ausbruch von Urmel geöffnet. Bei all seiner Sauferei, kann man ihm seinen
messerscharfen, analytischen Verstand ja
wirklich nicht absprechen – auch wenn man ihm mitunter selbst zum Opfer fällt.
Ich hätte vielleicht versucht, aus meiner damaligen Funktion als Ringrichter
heraus, posthum das große Missverständnis zwischen Roseanne und René
auszuräumen… Jetzt bin ich - unabhängig davon, dass ich Guillaumes Bild gerne
hätte - zu dem Ergebnis gekommen, dass ich eine ganz individuelle Novelle
schreiben möchte. Die schicke ich dir per E-mail oder CD-rom, und wenn du sie
für würdig hältst, bitte ich dich, sie zu übersetzen und an unsere Freunde zu
verteilen. Vielleicht ist das auch ein Weg, den Urmel beschreiten sollte.
Allein schon, um unseren Alten Dichter-Diskurs wieder aufzunehmen. Und Roseanne
und Nathalie bliebe auf diese Weise auch das Aufbrechen alter Verletzungen
erspart…“
Und so wurde es vereinbart. Es galt vorher
schon als abgemacht, dass Johannes Maurice am Nachmittag auf der Heimfahrt nach
Italien am Flughafen von Bordeaux absetzen sollte. Der Lobbyist hatte auf dem
europäischen Parkett mehr denn je zu tun, seit das „Zwergen-Trio“ - so nannte
er das Zusammenwirken der präsidialen Selbstdarsteller Sarkozy, Berlusconi und
Putin – die EU in eine Schaubühne verwandelt hatte. Um weder Renés Haus noch
die beiden „Mädchen“ noch einmal sehen zu müssen, las er Maurice am Rondell vor
dem Casino auf. Was bei dem wieder schönen Wetter kein Problem mehr war. Die
tief stehende Herbstsonne verzauberte das Blumenornament zum Abschied in eine
pointilistische Installation über den Lauf der Zeit…
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