Freitag, 21. Februar 2014

Strohfeuer

8. Kapitel

  Johannes tauchte aus den Tiefen seiner Erinnerung auf wie die Markierungsboje eines Schatzsuchers, weil hinter ihm weibliches Raunen die durch die Fenster gedämpften Geräusche der langsam zurückweichenden Brandung übertönte. Maurice hatte mit ungekämmten, noch nassen Locken und barfuß die Bar in einem blütenweißen Lacoste-Hoody betreten und nahm die Küsschen-Küsschen-Parade ab. Indem er schmachtend Komplimente an die servierende und kochende Weiblichkeit verteilte, hielt er beharrlich Kurs auf Johannes’ Tisch. Jeder andere, der in diesem an ihm zugegebener Maßen sauteuer und elegant aussehenden Kapuzen-Trainingsanzug an einem Sonntag zu dieser Jahreszeit die Bar des „Cajun“ betreten hätte, wäre gleich hochkantig wieder hinaus geflogen.
  Johannes indes war irgendwie froh, dass ein wenig dieser Testosteron-Aura auf ihn abstrahlte, als sich der Kerl Schulter klopfend zu ihm setzte. Andererseits bot dieser Vorgang auch eine komische Perspektive: Über 200 Kilo Männerstolz an einem Bistro-Tischchen, das gerade groß genug für den Laptop des Deutschen war. – Das fand wohl auch Jean-Jaques, der sofort Abhilfe schuf und einen Vierpersonen-Tisch über die neugierig in diese Richtung ausgerichteten Köpfe durch die nun prall volle Bar balancierte.
  „Du warst gestern aber plötzlich verschwunden Joannäs!“ Jean-Jaques bemühte sich immer den Namen korrekt deutsch auszusprechen. Heraus kam phonetisch aber immer etwas, das klang wie der Name dieses hispanischen Schmacht-Sängers.
  „Mein Diabetes lässt solche Orgien einfach nicht mehr zu. Und ich habe noch keine Lust auf ein Ende à la ‚Grande Bouffe“.
  „Und jetzt - mein Alter? Kannst du schon wieder?“ Johannes überhörte die doppeldeutige Anspielung auf das, was nach der Phantasie des Wirtes bei der Übernachtung in Jocelines Haus hätte passiert sein können. Er bezog die anzügliche Frage stur auf den Lunch, der für ihn und Maurice traditionell aus einer „Plateau Royale“ bestehen sollte.
  „Heute ist Protein-Tag“, grinste Maurice, der die übliche Menge auf der Meeresfrüchte-Platte bei der augenzwinkernd kumpelhaften Bestellung durch eine zusätzliche Languste zum obligaten Hummer ergänzte. Diese Variante wurde zum Gedenken an René „Plateau Royaume“ genannt.
  Die Austern waren trotz des Sonntags am Morgen im Bassin von Arcachon geerntet worden, und die Bigorneaux und Bulots hatten am Vormittag in Jean-Jaques’ Spezialsud  ein Dampf- und Schaumbad genommen, so dass sie geschmeidig und nicht gestockt aber von einzigartiger Würze aus ihren Gehäusen kamen. Während sie vorweg - als kleine Aufmerksamkeit des Hauses - lauwarme, in Dijonbutter mit einem Hauch Knoblauch warm geküsste Jakobsmuscheln aus ihren Schalen schlürften, trieb Johannes dann doch die Neugier:
 „Wer hat nun Guillaumes Gemälde bekommen?“ Wollte er von Maurice wissen. Doch der ließ sich mit seiner Antwort Zeit. Mit Nadeln beziehungsweise speziellen Stochern holte er zunächst einmal das Fleisch aus den verschiedenen Schnecken-Gehäusen, schob es bedächtig zu kleinen Häufchen zusammen und gab wahlweise Aioli oder handgerührte Mayonnaise dazu, löffelte das ganze auf ein Stück Baguette und kaute enervierend genussvoll:
  „Niemand! Die Jury war einhellig der Meinung, dass sie ohne Beiträge seiner deutschen Freunde und in Abwesenheit von Nathalie und Roseanne keine Entscheidung über diesen speziellen Teil von Renés Legat treffen wollte. Da ich den Nachlass ja regeln muss, war ich sehr damit einverstanden. Denn insgeheim bin ich der Ansicht, dass René speziell von dir, aber auch von Urmel einen besonderen Beitrag erwartet hätte. Er hat jedes eurer Streit-Gedichte liebevoll in ein Album und dazu die Etiketten der Weine geklebt, die ihr währenddessen geschluckt habt. Ich hoffe doch sehr, dass ich mal nicht so albern werde, wenn ich die Fünfzig überschreite. Manchmal liest sich das ja so, als hätten da zwei Weiber um die Gunst eines Kerls gebult. Roseanne ist schier ausgeflippt, als sie die Etiketten gesehen hat. Vermutlich hat sie heimlich nachgerechnet, welche Werte ihr da an einem dieser Abende versoffen habt…“
  Johannes dachte gerne an diese spezielle Übergangsphase in ihrer dreier Leben zurück. Diskurse, intellektuelle Plänkeleien und Stegreif-Sketche waren mit diesem wirklich einzigartigen Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Männern einhergegangen, das Jerome K. Jerome in seinen „Drei Mann in einem Boot“ so trefflich skizziert hatte. Nur, dass die Rolle des Foxels Montmercy bei ihnen ein zugelaufener Kater spielte, der so riesig dick und behäbig gefräßig war, dass sie ihn spontan Guillaume und nicht wie nahe liegend nach dem Comic-Kater Garfield getauft hatten.
  „Weißt du, Maurice! Ich war mir so sicher, dass ich euch allen von dieser Rad-Tour 1996 entlang der Dordogne erzählen sollte. Aber dann hast du das Gemälde von Guillaume enthüllt mit Peggy und René in unverkennbarer Allegorie. Da war mir klar, dass ich René und mir nicht mit einer spontan vorgetragenen Schmonzette gerecht würde. Da reicht mein Französisch heute einfach nicht mehr. Die Augen hat mir aber letztlich der Ausbruch von Urmel geöffnet. Bei all seiner Sauferei, kann man ihm seinen messerscharfen,  analytischen Verstand ja wirklich nicht absprechen – auch wenn man ihm mitunter selbst zum Opfer fällt. Ich hätte vielleicht versucht, aus meiner damaligen Funktion als Ringrichter heraus, posthum das große Missverständnis zwischen Roseanne und René auszuräumen… Jetzt bin ich - unabhängig davon, dass ich Guillaumes Bild gerne hätte - zu dem Ergebnis gekommen, dass ich eine ganz individuelle Novelle schreiben möchte. Die schicke ich dir per E-mail oder CD-rom, und wenn du sie für würdig hältst, bitte ich dich, sie zu übersetzen und an unsere Freunde zu verteilen. Vielleicht ist das auch ein Weg, den Urmel beschreiten sollte. Allein schon, um unseren Alten Dichter-Diskurs wieder aufzunehmen. Und Roseanne und Nathalie bliebe auf diese Weise auch das Aufbrechen alter Verletzungen erspart…“
  Und so wurde es vereinbart. Es galt vorher schon als abgemacht, dass Johannes Maurice am Nachmittag auf der Heimfahrt nach Italien am Flughafen von Bordeaux absetzen sollte. Der Lobbyist hatte auf dem europäischen Parkett mehr denn je zu tun, seit das „Zwergen-Trio“ - so nannte er das Zusammenwirken der präsidialen Selbstdarsteller Sarkozy, Berlusconi und Putin – die EU in eine Schaubühne verwandelt hatte. Um weder Renés Haus noch die beiden „Mädchen“ noch einmal sehen zu müssen, las er Maurice am Rondell vor dem Casino auf. Was bei dem wieder schönen Wetter kein Problem mehr war. Die tief stehende Herbstsonne verzauberte das Blumenornament zum Abschied in eine pointilistische Installation über den Lauf der Zeit…



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