Donnerstag, 13. Februar 2014

Strohfeuer


7. Kapitel

  Das typische Sauwetter, das die Côte d’Argent immer öfter und heftiger heimsuchte, als dies die Touristiker wahrhaben wollten, überzog das glamouröse LaGrange am nächsten Morgen mit einer grauen Katerstimmung. Johannes hatte sich aus Jocelines Haus geschlichen und aus dem Eingang einen großen Golfschirm stibitzt, der ihm bei einigen der flach daher kommenden Regenböen fast aus der Hand gerissen wurde. Aber es tat ihm gut, dass er derart durchgepustet wurde. Aus seinem Auto hatte er sich seinen Laptop geschnappt und sich sehr exponiert über den Boardwalk zum  „Cajun“ gestemmt. Selbst bei diesen widrigen Bedingungen waren noch Surfer draußen und wirkten in ihren schwarzen Neopren-Anzügen wie aalglatte Kormorane, die auf Beute warteten. Johannes versuchte heraus zu finden, ob Maurice unter ihnen war. Früher war das ganz leicht gewesen, denn selbst ein Laie konnte sehen, dass da einer auf ganz besondere Weise mit seinem Wellenbrett verwachsen war. Aber Strassburg war weit, und der Lobbyist  zu viel in der Weltgeschichte unterwegs, um wohl jemals wieder diesen begnadeten Trainingszustand zu erreichen.
  Nach der Küsschen-Küsschen-Parade mit nahezu dem kompletten Personal einschließlich Küchencrew belegte Johannes seinen kleinen Stammtisch direkt am Panoramafenster in der Südecke der noch völlig leeren Bar. Und nachdem er den Laptop eingestöpselt und betriebsbereit gemacht hatte, starrte er erst einmal eine Zeit lang aufs Meer hinaus. Die Wellen rannten jetzt derart tosend an, dass ihm ein Gemälde in den Sinn kam, auf dem der Künstler die Brandung als Herde schnaubender, weißer Rösser dargestellt hatte. Es wollte ihm jedoch partout nicht gelingen, den Maler zuzuordnen. Doch während er sich noch für das Nachlassen seiner kleinen grauen Zellen schalt, hatte seine Altersweitsichtigkeit dann doch Maurice fokussiert. Er war wie immer am weitesten draußen gewesen und hatte auf seine Welle gewartet. Nun trug sie ihn - unverkennbar in der Körperposition - hoch über den anderen dahin. Wie hatte Johannes anderes erwarten können? Der Kerl hatte ja die Gene seines Vaters. Er würde die wuchtigsten Wellen vermutlich reiten, bis sie ihn ein letztes, vielleicht tödliches Mal abwürfen. Wie viele waren alljährlich während der Herbststürme hier schon querschnittsgelähmt aus der Brandung gezogen worden.
  Und während Maurice die  Welle souverän bis in die flache Gischt ausritt, fand sich Johannes auf einmal wieder fünfzehn Jahre zurück versetzt bei ihrem Offenbarungsgespräch auf der Monsterdüne. War Nathalie wirklich das aggressive Sex-Tier gewesen, als das sie Maurice und manche Männer der Strandbande erlebt hatten? Vieles deutete in den Folgejahren darauf hin, dass dies nur Äußerungen eines falsch verstandenen, fast zwanghaften Rollenverhaltens gewesen waren. Denn als Mutter und Ehefrau nahm sie sofort die Verhaltensmuster dieser Funktionen an. Sie war Louis (Lucky) und Louisa (Isa) eine perfekte Mutter, und die Ehe mit dem Riesenbaby schien alsbald auch in erwarteter, klischeehafter Alltagslangeweile zu erstarren. – Allerdings unter Ausnutzung sämtlicher ihrem Sozial-Status entsprechenden Annehmlichkeiten.
   Lucky und Isa waren erst fünf beziehungsweise drei Jahre alt, da beschloss Nathalie, fortan die fünf besten Monate des Jahres in LaGrange bei René zu residieren. Vor allem um die Lücke zu schließen, die Roseanne als Hausherrin hinterlassen hatte, aber wohl auch um Urmel nicht zu sehr der alleinigen materiellen Gunst ihres Vaters zu überlassen. Urmel zog daraufhin schmollend in das selten genutzte Haus von Joceline und arbeitete die so erzielte Mieteinsparung während ihrer Anwesenheit beflissen zwischen ihren Laken ab. Für Johannes war diese Konstellation bei seinen immer häufigeren, mitunter sogar spontanen Besuchen recht angenehm. Indem er eigentlich vor der pubertären Launenhaftigkeit seiner eigenen Kinder daheim fliehen wollte, geriet er in LaGrange zum Ersatz-Daddy für Lucky und Isa. Er lehrte sie Schwimmen und Radfahren oder nahm sie - mit mehr Geduld als er je bei seiner eigenen Brut aufgebracht hätte - sogar allein zu Strandausflügen mit. Weil Roy Betancour währenddessen unbeeindruckt seinen weltweiten Engagements folgte, wurde Johannes, wenn er Nathalies Kinder vom Kindergarten abholte, schon gern mal wegen der figürlichen Ähnlichkeit für den Vater der beiden gehalten.
  Was ihm zu netten Kontakten mit den Kindergärtnerinnen und allein stehenden Müttern verhalf. Denn eingedenk der Schilderungen von Maurice ignorierte er die versteckten aber irgendwie erregenden Botschaften Nathalies hartnäckig. - Dass er wohl außer der Rolle des Ferien-Daddys noch eine weitere hätte spielen können, kam ihm aber dabei gar nicht erst in den Sinn:    Mal hing der Spitzenhauch eines parfümierten aber getragenen Höschens in seinem separaten Bad, mal stand die Besitzerin selbst dort unter der Dusche, ohne abzuschließen. Die beiden Schwangerschaften hatten sie, ohne Schaden anzurichten, zu einem Vollweib reifen lassen. Das war einfach nicht zu übersehen. Johannes verfügte jedoch über genug Lebenserfahrung, um das männermordende Szenario, das Maurice heraufbeschworen hatte, deutlich zu relativieren. Er war im Lauf der Jahre gewissermaßen auch zu einem Experten in Sachen Nathalie geworden und war sich daher sicher, dass weder dem Teen noch später der jungen Mutter bewusst gewesen war, welche Konsequenzen die sexuell provozierten Reaktionen möglicherweise heraufbeschworen. Weil sie das nämlich gar nicht mehr in ihr Denken  einbezog. Sie sandte ihre Signale, guckte, ob sie ankamen, und das war es dann. Sie wollte beachtet werden, und schon die Frage, ob sie begehrt oder gar geliebt werde, stellte sich nicht mehr, weil sie sich allein in ihrer alle und alles dominierenden Selbstliebe genügte.
  Den beiden Kindern fehlte es an nichts. Sie waren behütet und umsorgt, erfuhren jede erdenkliche Zärtlichkeit und waren bei aller Wildheit – wenn es darauf ankam – auch tadellos erzogen. Dennoch kam es zumindest Johannes so vor, als dienten all diese Anstrengungen nur dazu,  dass die Kinder letztendlich mit ihrem Dasein und ihren Talenten das Gesamtbild von Nathalie auszuschmücken hatten.
  Die beiden frankokanadischen Kids waren jedenfalls auf dem besten Weg in die streng elitär ausgerichtete Bildungsmaschinerie der französischen Haute Volée. Als ihr Vater bei einem seiner seltenen und eher zufälligen Besuche während der Sommermonate feststellen musste, dass seine Sprösslinge kaum noch Englisch sprachen, engagierte er als britischkonservatives Gegengewicht bei einer der ältesten Aupair-Agenturen der Insel eine Nanny für die dreimonatigen Schulferien. Beschäftigt wie er nun einmal war, überließ er seiner Frau und seinem Schwiegervater so nebensächliche Dinge wie Logistik und Unterbringung; vom Eingriff ins geliebte und doch irgendwie geordnete Chaos im „Royaume“ ganz zu schweigen…

  So geriet Peggy O’Neill in dieses kleine „Königreich“ hinter den Atlantik-Dünen und leistete späte und stille Revanche für das Wirken Williams The  Conqueror, indem sie es auf ihre Art eroberte…

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