7. Kapitel
Das typische Sauwetter, das die Côte d’Argent
immer öfter und heftiger heimsuchte, als dies die Touristiker wahrhaben wollten,
überzog das glamouröse LaGrange am nächsten Morgen mit einer grauen
Katerstimmung. Johannes hatte sich aus Jocelines Haus geschlichen und aus dem
Eingang einen großen Golfschirm stibitzt, der ihm bei einigen der flach daher
kommenden Regenböen fast aus der Hand gerissen wurde. Aber es tat ihm gut, dass
er derart durchgepustet wurde. Aus seinem Auto hatte er sich seinen Laptop
geschnappt und sich sehr exponiert über den Boardwalk zum „Cajun“ gestemmt. Selbst bei diesen widrigen
Bedingungen waren noch Surfer draußen und wirkten in ihren schwarzen
Neopren-Anzügen wie aalglatte Kormorane, die auf Beute warteten. Johannes
versuchte heraus zu finden, ob Maurice unter ihnen war. Früher war das ganz
leicht gewesen, denn selbst ein Laie konnte sehen, dass da einer auf ganz
besondere Weise mit seinem Wellenbrett verwachsen war. Aber Strassburg war
weit, und der Lobbyist zu viel in der
Weltgeschichte unterwegs, um wohl jemals wieder diesen begnadeten
Trainingszustand zu erreichen.
Nach der Küsschen-Küsschen-Parade mit nahezu
dem kompletten Personal einschließlich Küchencrew belegte Johannes seinen
kleinen Stammtisch direkt am Panoramafenster in der Südecke der noch völlig
leeren Bar. Und nachdem er den Laptop eingestöpselt und betriebsbereit gemacht
hatte, starrte er erst einmal eine Zeit lang aufs Meer hinaus. Die Wellen
rannten jetzt derart tosend an, dass ihm ein Gemälde in den Sinn kam, auf dem
der Künstler die Brandung als Herde schnaubender, weißer Rösser dargestellt
hatte. Es wollte ihm jedoch partout nicht gelingen, den Maler zuzuordnen. Doch
während er sich noch für das Nachlassen seiner kleinen grauen Zellen schalt,
hatte seine Altersweitsichtigkeit dann doch Maurice fokussiert. Er war wie
immer am weitesten draußen gewesen und hatte auf seine Welle gewartet. Nun trug
sie ihn - unverkennbar in der Körperposition - hoch über den anderen dahin. Wie
hatte Johannes anderes erwarten können? Der Kerl hatte ja die Gene seines
Vaters. Er würde die wuchtigsten Wellen vermutlich reiten, bis sie ihn ein
letztes, vielleicht tödliches Mal abwürfen. Wie viele waren alljährlich während
der Herbststürme hier schon querschnittsgelähmt aus der Brandung gezogen
worden.
Und während Maurice die Welle souverän bis in die flache Gischt
ausritt, fand sich Johannes auf einmal wieder fünfzehn Jahre zurück versetzt
bei ihrem Offenbarungsgespräch auf der Monsterdüne. War Nathalie wirklich das
aggressive Sex-Tier gewesen, als das sie Maurice und manche Männer der
Strandbande erlebt hatten? Vieles deutete in den Folgejahren darauf hin, dass
dies nur Äußerungen eines falsch verstandenen, fast zwanghaften Rollenverhaltens
gewesen waren. Denn als Mutter und Ehefrau nahm sie sofort die Verhaltensmuster
dieser Funktionen an. Sie war Louis (Lucky) und Louisa (Isa) eine perfekte
Mutter, und die Ehe mit dem Riesenbaby schien alsbald auch in erwarteter,
klischeehafter Alltagslangeweile zu erstarren. – Allerdings unter Ausnutzung
sämtlicher ihrem Sozial-Status entsprechenden Annehmlichkeiten.
Lucky
und Isa waren erst fünf beziehungsweise drei Jahre alt, da beschloss Nathalie,
fortan die fünf besten Monate des Jahres in LaGrange bei René zu residieren.
Vor allem um die Lücke zu schließen, die Roseanne als Hausherrin hinterlassen
hatte, aber wohl auch um Urmel nicht zu sehr der alleinigen materiellen Gunst
ihres Vaters zu überlassen. Urmel zog daraufhin schmollend in das selten
genutzte Haus von Joceline und arbeitete die so erzielte Mieteinsparung während
ihrer Anwesenheit beflissen zwischen ihren Laken ab. Für Johannes war diese
Konstellation bei seinen immer häufigeren, mitunter sogar spontanen Besuchen
recht angenehm. Indem er eigentlich vor der pubertären Launenhaftigkeit seiner
eigenen Kinder daheim fliehen wollte, geriet er in LaGrange zum Ersatz-Daddy
für Lucky und Isa. Er lehrte sie Schwimmen und Radfahren oder nahm sie - mit
mehr Geduld als er je bei seiner eigenen Brut aufgebracht hätte - sogar allein
zu Strandausflügen mit. Weil Roy Betancour währenddessen unbeeindruckt seinen
weltweiten Engagements folgte, wurde Johannes, wenn er Nathalies Kinder vom
Kindergarten abholte, schon gern mal wegen der figürlichen Ähnlichkeit für den
Vater der beiden gehalten.
Was ihm zu netten Kontakten mit den Kindergärtnerinnen und allein stehenden Müttern verhalf. Denn eingedenk der Schilderungen von Maurice ignorierte er die versteckten aber irgendwie erregenden Botschaften Nathalies hartnäckig. - Dass er wohl außer der Rolle des Ferien-Daddys noch eine weitere hätte spielen können, kam ihm aber dabei gar nicht erst in den Sinn: Mal hing der Spitzenhauch eines parfümierten aber getragenen Höschens in seinem separaten Bad, mal stand die Besitzerin selbst dort unter der Dusche, ohne abzuschließen. Die beiden Schwangerschaften hatten sie, ohne Schaden anzurichten, zu einem Vollweib reifen lassen. Das war einfach nicht zu übersehen. Johannes verfügte jedoch über genug Lebenserfahrung, um das männermordende Szenario, das Maurice heraufbeschworen hatte, deutlich zu relativieren. Er war im Lauf der Jahre gewissermaßen auch zu einem Experten in Sachen Nathalie geworden und war sich daher sicher, dass weder dem Teen noch später der jungen Mutter bewusst gewesen war, welche Konsequenzen die sexuell provozierten Reaktionen möglicherweise heraufbeschworen. Weil sie das nämlich gar nicht mehr in ihr Denken einbezog. Sie sandte ihre Signale, guckte, ob sie ankamen, und das war es dann. Sie wollte beachtet werden, und schon die Frage, ob sie begehrt oder gar geliebt werde, stellte sich nicht mehr, weil sie sich allein in ihrer alle und alles dominierenden Selbstliebe genügte.
Was ihm zu netten Kontakten mit den Kindergärtnerinnen und allein stehenden Müttern verhalf. Denn eingedenk der Schilderungen von Maurice ignorierte er die versteckten aber irgendwie erregenden Botschaften Nathalies hartnäckig. - Dass er wohl außer der Rolle des Ferien-Daddys noch eine weitere hätte spielen können, kam ihm aber dabei gar nicht erst in den Sinn: Mal hing der Spitzenhauch eines parfümierten aber getragenen Höschens in seinem separaten Bad, mal stand die Besitzerin selbst dort unter der Dusche, ohne abzuschließen. Die beiden Schwangerschaften hatten sie, ohne Schaden anzurichten, zu einem Vollweib reifen lassen. Das war einfach nicht zu übersehen. Johannes verfügte jedoch über genug Lebenserfahrung, um das männermordende Szenario, das Maurice heraufbeschworen hatte, deutlich zu relativieren. Er war im Lauf der Jahre gewissermaßen auch zu einem Experten in Sachen Nathalie geworden und war sich daher sicher, dass weder dem Teen noch später der jungen Mutter bewusst gewesen war, welche Konsequenzen die sexuell provozierten Reaktionen möglicherweise heraufbeschworen. Weil sie das nämlich gar nicht mehr in ihr Denken einbezog. Sie sandte ihre Signale, guckte, ob sie ankamen, und das war es dann. Sie wollte beachtet werden, und schon die Frage, ob sie begehrt oder gar geliebt werde, stellte sich nicht mehr, weil sie sich allein in ihrer alle und alles dominierenden Selbstliebe genügte.
Den beiden Kindern fehlte es an nichts. Sie
waren behütet und umsorgt, erfuhren jede erdenkliche Zärtlichkeit und waren bei
aller Wildheit – wenn es darauf ankam – auch tadellos erzogen. Dennoch kam es
zumindest Johannes so vor, als dienten all diese Anstrengungen nur dazu, dass die Kinder letztendlich mit ihrem Dasein
und ihren Talenten das Gesamtbild von Nathalie auszuschmücken hatten.
Die beiden frankokanadischen Kids waren
jedenfalls auf dem besten Weg in die streng elitär ausgerichtete Bildungsmaschinerie
der französischen Haute Volée. Als ihr Vater bei einem seiner seltenen und eher
zufälligen Besuche während der Sommermonate feststellen musste, dass seine
Sprösslinge kaum noch Englisch sprachen, engagierte er als britischkonservatives
Gegengewicht bei einer der ältesten Aupair-Agenturen der Insel eine Nanny für
die dreimonatigen Schulferien. Beschäftigt wie er nun einmal war, überließ er seiner
Frau und seinem Schwiegervater so nebensächliche Dinge wie Logistik und
Unterbringung; vom Eingriff ins geliebte und doch irgendwie geordnete Chaos im
„Royaume“ ganz zu schweigen…
So geriet Peggy O’Neill in dieses kleine
„Königreich“ hinter den Atlantik-Dünen und leistete späte und stille Revanche
für das Wirken Williams The Conqueror,
indem sie es auf ihre Art eroberte…
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