Samstag, 11. Januar 2014

Strohfeuer

              Kapitel 2

  Der Wind war für einen Moment unentschlossen gewesen, ob er von ablandig zu auflandig schralen sollte. Das war der richtige Moment für Maurice, die Urne aufzumachen, um Renés Asche mit einer großen Ausholbewegung über sich in die Luft zu schleudern. Die grauweiße Wolke zog für Sekunden genau in Richtung Süden den Strand entlang, um sich nach dreißig, vierzig Metern halb ins Wasser, halb in den Sand zu senken. So blieb ein Teil von René an Land, während der andere sich bei der nächsten Ebbe auf den Weg in den offenen Atlantik machen würde. René hätte das bestimmt gefallen.
  Jean-Jaques war der heiter plappernden, wieder bunt wie zuvor gekleideten Trauergemeinde über den Strand vorausgeeilt, um den zweiten Teil von Renés Anweisungen mit seinen Leuten umzusetzen. Im ersten Stock des „Cajun“ war über die gesamte Breite der Wasserfront im „à la carte“-Bereich eine festliche Tafel eher für „La Grande Bouffe“ eingedeckt  als für einen verspäteten Leichenschmaus.
 Fast drei Jahrzehnte lang hatte René von jeder aussichtsreich bewerteten Kreszenz des Haute Médoc mehrere Kisten gekauft und sie im Sandkeller unter seinem Bungalow liebevoll gelagert und kenntnisreich gepflegt. Als ihm klar geworden war, dass er selbst davon nur noch Bruchteile würde konsumieren können und der Rest – um dem permanenten Bargeldbedarf seiner Sippe zu befriedigen – wohl nach Bordeaux auf Auktionen gehen würde, hatte er handschriftlich eine selektierte Liste der besten seiner Weine  für diese Feier  verfasst. Aus jedem Jahrzehnt standen da nun je fünf Flaschen der fünf wertvollsten Rotweine ordentlich dekantiert und mit Kärtchen versehen auf herbstlich-maritim dekorierten Beistelltischen:  Nur Grand Cru classés  der Chateaux Prieurée Lichine, Beychevelle, Latour, Mouton und Lafite Rothschild, Margaux sowie Yquem. Aber auch ein 76er Montagne St. Emilion als stummer, letzter Gruß an Johannes, der diesen mit einem wehmütigen Schmunzeln zur Kenntnis nahm. Eine tief geeiste, unbezahlbare 83er Trockenbeeren-Auslese  aus Bergerac allerdings sollte zu Jean-Jaques roh marinierter Gänsestopfleber-Terrine als einziger „Weißer“ den Auftakt des siebengängigen Menüs begleiten.
  Da dieses Gelage allein an Warenwert Renés Erbe um mindestens 50 000 Euro schmälerte, war es nicht verwunderlich, dass Roseanne und Nathalie sich nun doch noch einstellten. Sie kamen aufgedonnert und im eigentlich vom Verstorbenen nicht erwünschten Schwarz. – Wohl um damit eine kleine Protestnote abzusetzen.
  Maurice setzte die Gesellschaft nach ein paar Minuten Smalltalk im Stehen eigenhändig. Jeden einzelnen führte er mit charmanten Worten am Ellenbogen fassend an den für ihn bestimmten Platz. Am Ende blieb nur der Stuhl am Kopf der Tafel frei. Das war klar, denn auch bei kleineren Anlässen war das immer Renés Platz gewesen. Maurice hatte sich schließlich den Stuhl am gegenüber liegenden Ende genommen und Johannes und Urmel links und rechts von sich platziert. Seine Beachcomber-Kleidung wollte zwar nicht so recht zu der eleganten Tischdekoration passen, aber sein geschliffener Redestil wischte jegliche Unstimmigkeit augenblicklich beiseite. Vierundzwanzig Menschen, die ihn zum Teil von klein auf kannten, lauschten ihm gebannt, nachdem er seinen Blick, Aufmerksamkeit einfordernd, in den  jedes einzelnen Gastes versenkt hatte.
  „René hätte das am Strand gefallen, meint ihr nicht?“

  Johannes hatte es in den 25 Jahren, die er Maurice kannte und in denen er bisweilen dessen einziger Freund gewesen war, nicht einmal erlebt, dass der von seinem Vater anders als mit dem Vornamen gesprochen hätte; kein Papa, kein liebevolles Verniedlichen, kein Kosename! Noch im Vorschulalter – so war es Johannes erzählt worden – habe Maurice  damit angefangen, das „Kindische“ aus der Vater-Sohn-Beziehung heraus zu nehmen.

  „Es war sein sehnlichster Wunsch, dass ihr mit einem gewissen Abstand noch einmal  sehr intensiv an ihn denkt, weil er in den letzten Tagen, da er schon nicht mehr reden konnte, äußerst spirituelle Anstrengungen unternommen hatte, um in euer aller Erinnerung zu bleiben", fuhr Maurice fort und ging dabei auf eine Staffelei zu, die neben Renés Platz stand und von einem weinroten Samttuch verhängt war: „Deshalb hat er sich für den heutigen Abend auch noch etwas ausgedacht, was ihm die gute Nachrede gewissermaßen garantieren sollte und uns nicht zu traurig werden lässt. Er war ja selbstbewusst und egozentrisch, daran muss ich hier wohl keinen erinnern, und  daher auch sicher, dass jeder einzelne von Euch eine spezielle und individuelle Erinnerung an ihn haben würde. Er fordert euch also posthum heute auf, den anderen davon zu berichten. Wohl gemerkt! Er bittet euch nicht, denn er hat sich das ganze als Wettbewerb ausgedacht, bei der ihr Teilnehmer und Jury zugleich sein sollt. Und er hat einen Preis für die schönste Schilderung ausgesetzt. Dieser hier wird nach der Ausstellung von Guillaume im November Einiges Wert sein, falls ihr ihn – aus welchen Gründen auch immer – nicht selbst aufhängen wollt.“
  Als er den Samtstoff von der Staffelei zog, kam ein mannshohes Gemälde im Hochformat zum Vorschein, das augenscheinlich noch überwiegend aus Guillaumes monochromer Schaffensphase stammte. Es zeigte einen in tief rostrotem Teint gehaltenen Faun ein porzellanweißes, weibliches Wesen zu beider Ekstase umschlingend. Quasi als Übergang zu Guillaumes künftiger Farbigkeit wurden das Paar hier jedoch bereits von einem Format füllenden Feuersturm aus Karmesin und Jaune Japonais  verzehrt.
   „Voilá! Le Faune au Feu de Paille.“
  Roseanne und Nathalie stießen fast gleichzeitig einen kleinen spitzen Schrei der Empörung aus, während die meisten Männer nach einer Schrecksekunde ein Auflachen nicht unterdrücken konnten, denn der Faun im Strohfeuer trug nicht nur den kahlen Cäsarenkopf mit dem markanten Kinn Renés, sondern auch der muskulöse Oberkörper bis zum Genitalbereich und den pelzigen Beinen, war der, für den der beim Modellstehen wohl 73jährige während der ersten Chemotherapien noch verbissen weiter trainiert hatte. Die „Porzellanene“ mit den beinahe durchscheinenden Brüsten und dem flaumigen, roten Schamhaar, zu denen ihr martialischer Punkerkopf nicht so recht passen wollte, war ebenso eindeutig Miss Peggy O’Neill.
  Johannes war sofort klar, welche Stinkbombe mit Zeitzünder der hinterhältige Humor seines verstorbenen Freundes hier scharf gemacht hatte.
  „Imbecile“, zischte Roseanne in Richtung Guillaume.
  Der zuckte resigniert mit den runden Schultern und beteuerte:
  „Ich hatte keine Ahnung. Das war eine Auftragsarbeit.“
 „Du hast es aber doch gewusst“, giftete Nathalie in Richtung ihres Bruders. „Wie konntest du dich nur dazu hergeben?“
  „Ich erfülle hier nur Renés letzte Anweisungen. Und ehrlich, er hätte bestimmt nicht gewollt, dass dies eine Sitzung von Trauerklößen mit langweiligen Lobhudeleien auf ihn wird.“
  Jean-Jaques reagierte sofort. Um die explosive Stimmung zu entschärfen, hatte er dem Personal von seinem Platz aus Anweisungen gegeben, den ersten Gang zu servieren. Es war seine roh mit Perigord-Trüffeln und Backpflaumen marinierte Gänsestopfleber, die von in Calvados flambierten Apfelscheiben umkränzt wurde. Der dazu auf ölige Konsistenz geeiste Bergerac ließ zumindest erst einmal nur die Geschmacknerven der Gäste explodieren und gab ihnen  Zeit, über das eigentliche Ansinnen des Verstorbenen nachzudenken. Denn vermutlich ging es jedem in diesen Momenten des schweigsamen Genusses so wie Johannes. Der rief im Schnelldurchlauf die gemeinsamen Erinnerungen mit René ab, was er bislang zur Vermeidung von seelischen Schmerzen weitgehend unterlassen hatte. Hin und wieder drückte er auf die geistige Stopp-Taste und prüfte sein inneres Schmunzeln bei der jeweiligen Episode. Überrascht und erfreut stellte er fest, dass er wohl mit keinem anderen Menschen außer seiner eigenen Frau eine derartige Fülle an einzigartigen, ganz persönlichen und individuellen Erlebnissen gehabt hatte.

  Johannes und René Royaume waren sich erstmals Ende der 1970er auf einer Veranstaltung begegnet, die Johannes im Auftrag seines Verlages für Führungskräfte der internationalen Werbewirtschaft moderiert hatte. Johannes war 28 und nachdem, was er von dem gut zwei Jahrzehnte älteren neuen Superstar der Branche gelesen hatte, musste er seine Vorstellungen nach dem persönlichen Kennen lernen, komplett korrigieren:
  „Royaume gründet sein neues Königreich“, hatte das führende deutsche Fachjournal in Anspielung auf dessen Nachnamen über den Franzosen getitelt. René hatte da gerade für die bis dahin international eher im Mittelfeld operierende Agentur, deren CEO er war, den größten Werbe-Etat der Automobil-Geschichte an Land gezogen. Der Bericht war mit einem Foto versehen, das René bei einer Preisverleihung staatsmännisch im Smoking zeigte. Auf der Tagung trat der Mann aber eher unprätentiös in Erscheinung.
Als Pfeife rauchender, hoch gewachsener Louis de Funès in schlabberigen Tweed und Rolli gekleidet, wirkte er eher wie ein unterbezahlter Hochschul-Dozent.
  Bis zu Renés Tod war sich Johannes im Zweifel darüber, ob man den Begriff „der Liebe auf den ersten Blick“ auch auf spontane Männerfreundschaften anwenden könne, ohne dem ganzen eine homophile Note zu verpassen. Aber nichts anderes war es gewesen. Johannes, der da noch so stolz auf sein fließendes Französisch gewesen war, wollte bei der Begrüßung  natürlich Eindruck schinden, indem er ein paar witzige Redewendungen anbrachte. Aber René konterte ihn da schon unter Verweis auf vierzehn Jahre Agenturtätigkeit in Köln und Hamburg mit akzentfreiem Deutsch trocken aus. Da das aber nicht belehrend rüber kam, sondern eher mit kollegialem Respekt, entstand bei Johannes auch gar nicht erst so etwas wie Ehrfurcht oder heischende Beflissenheit. Die weitere Unterhaltung wurde in derart flapsiger  Gelassenheit fortgeführt, dass ein Nachdenken über den Altersunterschied der Freunde in dem folgenden Vierteljahrhundert erst wieder aufkam, als es für René endgültig ans Sterben ging.
  Fünf Jahre später hatte René die Agentur so groß gemacht, dass ihre Eigentümer einer Multimillionen-Dollar-Offerte aus Übersee zwecks Übernahme nicht widerstehen konnten. Der Geschäftsführer jedoch wurde aus Altersgründen nicht übernommen. Man wollte in Wirklichkeit die Konkurrenz weg - und nicht im eigenen Haus haben. Es gab für René eine stattliche Abfindung, aber da die in keinem Verhältnis zu der Wertsteigerung stand, die die Agentur durch sein Wirken erfahren hatte, war er auf einmal der Loser der Branche.
  „König ohne Reich“, „Vom Herrscher zum Hofnarren“ lauteten nur zwei der wenig schmeichelhaften Überschriften in den Fach-Gazetten, die ihn einst so gepriesen hatten. Ein weltbekannter Karikaturist war sich sogar nicht zu blöde gewesen, René in einem Comic-Strip zunächst mit schief sitzender Krone und dann mit über die Augen gerutschter Narrenkappe darzustellen.
  Hätte es noch eines Beweises bedurft, welch Grandseigneur René war, dann wäre es die Art gewesen, wie er leise aus dieser lärmenden Branche ausgestiegen war. Er verkaufte seine Villa in Clichy, gab sein Lieblingsspielzeug, die zweimotorige Beachcraft Commander auf, nahm seine Abfindung und kaufte sich einen schütter mit Pinien bewachsenen Sandhügel in LaGrange. Innerhalb eines halben Jahres entstanden dort zehn auf Stelzen stehende Chalets aus Holz und Glas mit sehr unterschiedlichen Grundrissen.
  Was in den folgenden Jahren mit René und um ihn herum geschah, war Ergebnis einer beispielhaften, neuen Selbstinszenierung. Nur wenige der großartigen Freunde Renés hielten zunächst noch Kontakt, die die Bezeichnung Freundschaft weiter wirklich verdienten. Nur Johannes lud ihn weiterhin unverdrossen als Referenten zu Veranstaltungen, obwohl seine Bosse bereits mäkelten, er sei ja das Honorar und die Spesen längst nicht mehr wert. Aber es war auch nicht so, dass Johannes’ Beharren auf irgendeiner Wertschöpfung beruhte – es sei denn, die Freundschaft zu einem besonderen Menschen zu festigen. Beide nutzten ihre Freiheiten bei den in aller Welt veranstalteten Meetings, um auf hohem Niveau Tennis zu spielen oder Ski zu fahren und um sich anschließend noch ernsthafter dem Genuss erlesener Speisen und Getränke hinzugeben. Aber am wichtigsten dabei waren die Mini-Vorlesungen in Lebensphilosophie.
  Johannes war auch einer der ersten gewesen, der mit Ehefrau, seinen kleinen Kindern und Schwiegermama Renés neue Funktion als Ferienbetten-Anbieter frequentierte. Nicht, weil der Freund dieser Unterstützung bedurft hätte, sondern um persönliche Studien für eine ähnliche, eigene Situation in hoffentlich noch ferner Zukunft anzustellen. Schon da war nämlich klar, dass René einer großen Sache, einer Lebensformel, auf der Spur war, die Schule machen könnte.
  Als der Feldherrenhügel für die Schlacht gegen den Manager-Wahn fertig gestellt war, feierte René seinen 55. Geburtstag mit dem Vorsatz, von nun an nicht mehr altern zu wollen. Er schrieb all die erschöpften Weggefährten an, die weiter um ihre Positionen kämpfen mussten. Aber auch Bosse, denen die Controller im Nacken saßen, und besonders, die,  die ihn geschasst hatten, bekamen Einladungen. Er ließ sie teilhaben an einer Grunderkenntnis:
  „Ja, es gibt ein Leben vor dem Tod! Und jeder Aufstieg bedarf bereits der Vorbereitung auf den Abstieg!“


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen